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* Fernes Rauschen, Vogelrufe *
* Ruhige Orgelmusik *
(Ein Kind singt.) ♪ Bleib bei uns, Herr.
Die Sonne gehet nieder. ♪
Erich Honecker Margot Honecker
♪ In dieser Nacht sei du uns Trost und Licht. ♪
Pastor Uwe Holmer Sigrid Holmer
♪ Bleib bei uns, Herr,
du Hoffnung, Weg und Liebe.
Lass du uns nicht allein.
Herr Jesu Christ. ♪
(Kornelius, off) Die Meteorologen sagen,
dass der Winter '89/90 der wärmste im ganzen Jahrhundert war.
Wir konnten nicht einmal Schlitten fahren,
und an Weihnachten waren es über 15 Grad.
Aber das war nicht das einzige Außergewöhnliche an diesem Winter.
Die Mauer war plötzlich auf,
und die ganze DDR kam total durcheinander.
* Berstendes Rauschen *
* Melodie des Kirchenliedes *
Bei uns in Lobetal merkte man davon nicht viel.
Bis zu dem Tag, als mein Vater sagte, dass wir Besuch bekommen.
* Verkehrslärm *
Erich Honecker und seine Frau Margot würden bei uns einziehen.
Nicht weil sie unsere Freunde wären,
niemand in unserer Familie hatte Grund, die beiden zu mögen,
sondern weil er sehr krank und frisch operiert ist
und sie kein Zuhause mehr haben.
Und weil wir Christen sind und es Jesus nachtun wollen.
♪ Lass du uns nicht allein,
Herr Jesu Christ. ♪
* Ruhige Orgelmusik, Ticken einer Uhr *
* Türglocke *
* Krähenrufe in der Ferne *
* Schritte, Knarren der Tür *
Guten Tag.
Guten Tag.
Guten Tag. - Guten Tag.
Guten Tag.
Dürfen wir reinkommen?
Bitte.
* Beklemmende Musik *
Willkommen in Lobetal.
Vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu unserer Aufnahme.
Wir erfüllen doch gerne unsere Christenpflicht.
(Krähenrufe)
Von meiner Seite, Herr Pastor, meinen tief empfundenen Dank,
dass Sie ...
für uns also ... schwierigen Zeit Unterkunft uns gewähren.
* Ticken der Uhr *
Soll ich Ihnen erst mal Ihre Zimmer zeigen?
Na, das ist doch eine gute Idee. Kommen Sie bitte.
Viel haben Sie ja nicht dabei.
Man hat uns nicht viel Zeit gelassen zum Packen,
nicht mal das Nötigste.
Wie Sie sicher wissen,
hat man uns aus unserem Haus in Wandlitz, also, rausgeworfen.
Uns wurde von ... offizieller Stelle ...
keine andere sichere Unterkunft angeboten.
Wir weisen niemanden ab.
Nochmals: Willkommen - und Gottes Segen.
* Rockmusik aus einem Zimmer *
* Gesang kommt hinzu. *
Darf ich Ihnen erst mal die Räumlichkeiten zeigen?
Also, das ist die Küche.
* Lebhafte Rockmusik *
Mein Bruder Traugott sollte seine beiden Zimmer im Dach räumen
und zu mir ziehen.
Es wäre ja nur für kurze Zeit.
Niemand hätte sich an diesem Tag träumen lassen,
was das für unsere Familie und unser kleines Lobetal bedeuten sollte.
* Rockmusik *
* Klopfen * Nicht so laut!
Also, hier wäre Ihr Schlafzimmer.
Hier nebenan ist noch ein kleines Wohnzimmer.
* Knarren des Fußbodens *
Also, Traugott ist rübergezogen zu Kornelius,
damit Sie hier etwas mehr Platz haben.
Stellen Sie ihn irgendwo ab.
Ach, und da hinten sind Bad und Toilette.
Die müssten Sie sich allerdings mit den Jungs teilen.
Das ist sicher etwas ungewohnt für Sie.
Sie haben zehn Kinder, hab ich gehört, Frau Holmer.
Ja, vier Mädchen und sechs Jungs, acht sind schon aus dem Haus.
* Sie seufzt stolz. *
Ah, richten Sie sich erst mal in Ruhe ein,
um sechs essen wir Abendbrot.
Sie sind herzlich zu den Mahlzeiten eingeladen.
* Laute Rockmusik aus dem Zimmer *
* Nachdrückliches Türschließen *
* Dunkle, beklemmende Musik *
* Musik endet abrupt. *
Dürfen wir eintreten?
* Eiliges Rascheln * Natürlich, kommen Sie rein.
Setzen Sie sich doch, bitte.
Wir haben eigentlich keine festen Plätze.
Kornelius kennen wir ja schon. Dann musst du der Traugott sein?
Müssen tu ich gar nix, aber ja, ich bin's.
Wir pflegen, vor dem Essen zu beten.
Das stört uns nicht.
Lieber Gott, wir danken dir für den Tag, den du uns geschenkt hast,
für die Gäste, die du zu uns geführt hast.
Und wir bitten dich, segne die Zeit,
die wir hier unter einem Dach verbringen werden.
Und segne unsere erste gemeinsame Mahlzeit.
Amen. (die Familie) Amen.
Gesegnete Mahlzeit.
Mahlzeit. - Guten Appetit.
* Besteckgeräusche *
* Lässige rhythmische Percussionmusik *
* Musikende mit kurzem Schlagzeugsolo *
Möchte jemand Tee?
* Fließen von Wasser, leise martialische Musik *
(TV) "So wie auf diesen Bildern
sah sich der ehemals mächtigste Mann der DDR wohl am liebsten."
"Als knallharter, unumschränkter Staatenlenker und Oberbefehlshaber
einer bis an die Zähne bewaffneten Armee."
* Ferne TV-Geräusche aus dem Haus *
Der Arzt sagt, er braucht Ruhe, der darf sich nicht aufregen.
* Ferne Fernsehgeräusche *
Wenn er jetzt einen Schlaganfall bekommt?
* Ferne Marschgeräusche aus dem Fernsehen *
* Laute Marschgeräusche *
"Vor seiner Festnahme ..." * Klopfen *
"Der meistgehasste Mann zu einem gebrechlichen Rentner,
doch der Schein könnte trügen."
Könnt ihr bitte den Fernseher etwas leiser drehen?
Ich hab morgen früh Schule. Ja, natürlich.
* Fernsehton wird leiser. *
Gute Nacht, Herr Honecker. Gute Nacht, Frau Honecker.
Gute Nacht.
* Ferne Marschmusik aus dem Fernseher *
Sigrid?
Wollen wir beten?
Für ihn und für uns?
Ja.
* Durcheinanderbeten *
Hh...
Willst du?
(seufzt) Ach...
* Leise ruhige Musik *
* Nachdrückliches Schließen der Tür *
Herr, gib, dass wir's fertigbringen,
unseren Glauben und was wir verkündigt haben,
so in die Tat umzusetzen ...
* Rumpelgeräusche *
Dass wir diese Menschen, die wir vorher auch schon ... also ...
auf die ich eine Wut hatte...
* Lautes Möbelrücken *
Und jetzt rein - mit Power. - Ja.
* Dumpfe Möbelrückgeräusche von oben *
Dass wir die jetzt so ... empfangen...
* Möbelrücken von oben *
Dass wir die jetzt mit Liebe... * Sie schnaubt. *
Also, sagen wir ...
(ächzt) Ja!
Ja!
Ja!
Dass wir sie als Menschen bejahen.
Und sie nicht sehen als den Staatsratsvorsitzenden
und die Ministerin, die sie mal waren.
* Ruhige Klavierklänge *
(seufzt) Amen. - Amen.
* Glockenläuten *
* Ein Hahn kräht. *
(ruft) Seid ihr aufgestanden, Jungs?
Ich hör kein Wasser rauschen!
Ab ins Bad und Zähneputzen nicht vergessen!
* Fernes Glockenläuten *
* Leise detektivische Musik *
Guten Morgen. Hh!
Frau Honecker. Entschuldigung...
Hätten Sie vielleicht eine Zitrone zum Auspressen?
Ja ... selbstverständlich.
Nee, danke, ich mach das schon selber. Keine Umstände.
Brauchen Sie heißes Wasser zum... Ein Schnapsglas, bitte.
Für meinen Mann.
Jeden Morgen auf nüchternen Magen, er achtet sehr auf seine Gesundheit.
Guten Morgen, Frau Honecker. Guten Morgen, Mami. Morgen!
Morgen, Kornelius.
Morgen, Mutti.
Morgen!
* Klopfen * Kornelius, komm jetzt.
Äh, Traugott, deine Brote.
Wollt ihr euern Tee nicht trinken? Nö, keine Zeit.
Aber ist doch noch ein bisschen hin, bis der Bus fährt.
Wir fahren aber Fahrrad.
Tschüssi, Mami, tschüssi, Frau Honecker.
Tschüssi.
Was sollte das denn?
"Tschüssi, Frau Honecker" - bist du doof?
Du bist selber doof, was soll das denn?
Du weißt aber schon, wer bei uns wohnt, oder? - Klar.
* Die beiden debattieren im Hinausgehen weiter. *
* Ruhige Harfenmusik *
* Ruhiger Gesang einer klaren Frauenstimme *
* Leises Rasseln *
Weißt du, wie teuer das ist, so einen Kleinbildfilm herzustellen?
Kannst du Emulsion draufschmieren und so weiter.
Tja, ein Bild schafft mehr als 1000 Worte.
* Kameraklicken, ruhiger weiblicher Gesang *
* Motorbrummen *
* Motor wird abgestellt. *
* Rascheln *
* Vogellaute *
Entschuldigung ... Lobetal?
* Vogellaute *
Danke.
* Starten des Motors *
* Ruhiger weiblicher Gesang *
* Lautes Schlürfen *
* Honecker stöhnt leise. *
Ich spreche auch im Namen meiner Frau, wenn ich sage,
dass wir also Grund zur Bewunderung haben ... für Ihren Mut ...
uns hier aufzunehmen.
Es war sicher kein leichter Entschluss.
Zumal wir ja in letzter Zeit die Erfahrung machen mussten ...
dass viele uns nicht mehr so wohlgesonnen sind,
wie sie noch vor wenigen Monaten vorgaben zu sein.
Ich hab es mit den Vorstehern meiner Abteilung besprochen,
also ... ja, ganz so einfach war das nicht.
Kann ich mir vorstellen.
Fällt das nicht für einen Christen unter Nächstenliebe?
Nächstenliebe fällt auch einem Christen nicht einfach in den Schoß.
* Leise Radiomusik *
Aber ich meinte das ja nicht nur politisch.
Die Bedenken gingen auch dahin, dass unsere 500 behinderten Menschen
hier in Lobetal durcheinanderkommen würden.
Man befürchtete Demonstrationen und Schwierigkeiten von außen.
Wir gehen aber davon aus,
dass die Presse diesen besonderen Ort respektiert und verschont.
Hm.
* Lautes Motorengeräusch *
* Neugierige Musik *
Und? Kriegen Sie's hin? - Na klar.
Pastor Holmer? - Ja?
Conny Kessler, Journalist. Ich hab ein, zwei Fragen an Sie.
Das geht jetzt grade nicht, ich hab's eilig.
Ein andermal vielleicht, ja? Danke.
* Fernes Hundebellen *
* Kirchentür fällt ins Schloss. * Bruder Löben.
* Ernste Musik *
Bruder Holmer, ich will nicht lange drumherum reden.
Alle unsere Brüder und Schwestern sind sehr beunruhigt,
dass Sie den Honecker bei sich aufnehmen.
* Leise ernste Musik *
Das hab ich befürchtet.
Wie können Sie eigentlich den Mann, der unsere Kirche seit Jahrzehnten
diskriminiert hat, ausgenutzt, wo es ging, unterdrückt,
Mitarbeiter bespitzeln und inhaftieren lässt,
wie können Sie diesen Menschen bei sich in Lobetal aufnehmen?
Von seiner Frau will ich gar nicht erst reden.
Wo hätten sie denn unterkommen können?
Die waren obdachlos.
Die Regierung versagt ihnen sogar den Personenschutz.
Und deshalb machen Sie sich zum Komplizen?
* Er seufzt. *
Bruder Löben. Unser Leitspruch von Bodelschwingh lautet:
"Dass ihr mir keinen abweist."
Und davon kann es keine Ausnahme geben.
Nun kommen Sie,
der Kelch hätte doch durchaus an Ihnen vorübergehen können.
Es bestand doch überhaupt keine Notwendigkeit für Sie. Oder?
Wenn wir Barmherzigkeit predigen ...
dann müssen wir sie auch leben. Oder, Löben?
Selbst wenn es schwerfällt.
Ich seh schon,
von Ihnen kann die ganze Christenheit noch sehr viel lernen, was?
Ich wünsche Ihnen in Christi Namen Kraft und Mut.
Und noch eine schöne Zeit mit dem Herr Staatsratsvorsitzenden AD.
Ihnen auch noch einen gesegneten Tag, Bruder Löben.
* Starten des Wagens *
* Ernste Musik *
Herr Pastor?
* Klicken *
Geht ganz schnell.
Unterlassen Sie doch die Fotos.
Können wir denn mit Herrn Honecker sprechen?
Ah...
Ich möchte ihn nicht darum bitten.
Ah, geht's ihm so schlecht? * Klicken *
Wissen Sie, ich bin nicht sein Pressesprecher.
Hat er denn zu Gott gefunden mit seiner schweren Krankheit?
Betet er?
Ich kontrolliere doch meine Gäste nicht, ob sie beten.
Ah ja. Also betet er.
Wie gesagt, ich kontrolliere es nicht.
Und Sie unterlassen doch Ihre alberne Fotografiererei.
Kein Mensch will die Fotos jemals sehen.
(Reporter zum Fotografen) Was hab ich dir gesagt?
* Haustür wird geöffnet und geschlossen. *
* Schritte *
* Er seufzt. *
* Ticken der Uhr *
Der Löben hat ja recht, wenn er Bedenken hat.
* Leise bedrückte Musik *
Aber wie er sich äußert...
Ich glaube, wir müssen uns auf einiges gefasst machen.
Ich kann auch widerständig sein.
Das wär mir ja ganz neu.
* Leise sanfte Musik *
Wenn die Pressefritzen merken, dass hier nichts zu holen ist,
sind die heute Abend wieder weg. Ja...
* Ruhige, melancholische Musik *
* Pumpgeräusche *
Das würd mich nicht wundern, wenn das die Springer-Presse ist.
* Pumpgeräusche, Nachrichtensprecher *
Hast du hören können, was der Holmer zu denen gesagt hat? M-m.
Es sieht aus, als hätt er sie abgewimmelt.
* Leises Surren des Blutdruckmessgerätes *
Der wird sich was aus den Fingern saugen, um uns zu verleumden.
Erich, du musst jetzt mal die Gosche halten,
wenn ich dir den Blutdruck messe.
* TV-Sprecher von nebenan * Ja ...
190 zu 120. Du darfst dich nicht so aufregen.
* Nachrichtensprecher *
Laut Professor Altenhus. * Ratschen der Blutdruckbinde *
Äh.
* Spraygeräusche *
(Nachrichten) "Kirche nimmt Honecker auf."
"Die evangelische Kirche in Berlin Brandenburg erklärte,
der ehemals mächtigste Mann der DDR sei praktisch obdachlos."
"Hier in der evangelischen Anstalt Lobetal im Norden Berlins
hat Honecker mit seiner Ehefrau Margot eine Bleibe gefunden."
"Der Leiter, Pfarrer Holmer, hat das Ehepaar privat aufgenommen."
"Die Kirche meint, es sei kein gutes Zeichen, dass die,
die vor einigen Monaten diesem Mann zugejubelt haben,
ihm heute den Lebensraum versagen."
* Dumpfes Geschirrscheppern *
So was haben Sie sicher lang nicht mehr machen müssen?
Mein Vater war im KZ und im Zuchthaus.
Meine Mutter starb, als ich 13 war,
dann musste ich meinen kleinen Bruder versorgen.
Da lernt man Haushalt.
Entschuldigung, da hab ich mich sicher falsch ausgedrückt.
Ich hab Sie schon verstanden, ich wollt es nur richtigstellen.
Warum helfen Ihnen eigentlich
Ihre alten Freunde in der Sowjetunion nicht?
Mh ... die haben leider keinen Einfluss mehr.
Wenn Sie Gorbatschow meinen ...
das ist kein Freund, das ist ein Agent des Westens.
Der hat die Konterrevolution losgetreten.
Und seine Frau ... hören Sie mir auf.
Denen ist nicht zu trauen.
* Leise klassische Radiomusik *
Phu, also, nehmen Sie's mir nicht übel,
aber ich will das eigentlich alles gar nicht so genau wissen.
Wer fragt, kriegt Antworten.
* Klopfen *
Ja, bitte.
Wir würden gerne, also, für unsere Kost und Logis aufkommen.
Meine Konten sind zwar gesperrt,
aber meine Frau verfügt noch über Mittel.
Völlig legal.
Ja, muss man ja heute dazusagen.
Gastfreundschaft ist für uns Christen eine Pflicht,
der wir frohen Herzens nachkommen.
Sehen Sie es als ein Geschenk Christi.
Das ist unser Lohn.
Sie brauchen mit uns kein Mitleid zu haben, Herr Holmer.
Es ist kein Mitleid.
Sehen Sie, Herr Honecker,
Mitleid wäre, dass wir mit Ihnen mitleiden.
Das ist aber nicht der Fall.
Wir Christen üben Barmherzigkeit.
Meine Frau und ich wollen weder Mitleid noch Barmherzigkeit,
wir wollen bezahlen, was wir schuldig sind.
Wie die Kapitalisten.
Barmherzigkeit ist nicht käuflich.
Sie ist eine der Haupttugenden im Evangelium.
Einer steht für den anderen ein und fragt nicht nach der Vergütung.
Ah ja, ja, das ist dann ... Solidarität.
In Ihren Kreisen, mag sein.
Aber wer ist da heute noch solidarisch mit Ihnen?
Ihre engsten Genossen, die Sie hierher abgeschoben haben?
* Leise ernste Musik *
Gerade aus dieser erschütternden Erfahrung heraus,
ja, finde ich das nicht mehr als recht und billig,
Ihre Aufwendungen zu bezahlen.
Solange wir das können.
* Leise ernste Musik *
Sie müssen von uns nichts annehmen.
Sie und Ihre Frau können jederzeit gehen.
Wir, wir bewohnen hier zwei Zimmer.
Jetzt lassen Sie uns doch
wenigstens die allgemein üblichen 35 Mark Miete zahlen.
* Leise ernste Musik *
Das Beste, was ich habe, ist doch nicht die Unterkunft.
Sondern die Hoffnung des ewigen Lebens.
Eines sinnerfüllten Lebens, was von Gott kommt.
Wenn Sie unbedingt bezahlen wollen,
dann spenden Sie es an die Gemeinde Lobetal.
* Leise ernste Musik *
* Musik aus dem Nebenzimmer:
"Sonderzug nach Pankow" von Udo Lindenberg *
♪ Nur der kleine Udo, nur der kleine Udo,
der darf das nicht, und das verstehen wir nicht.
Honey, ich glaub du bist doch eigentlich auch ganz locker.
Ich weiß tief in dir drin bist du doch eigentlich auch 'n Rocker.
Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an.
Und schließt dich ein auf'm Klo... * Schließen der Tür *
(TV) "Die sozialistische Fraktion des Europaparlaments in Berlin."
"Der Besuch gilt in erster Linie..."
Und?
Wir zahlen nicht, wir spenden.
* Nachrichten aus dem TV *
Und er redet von Barmherzigkeit.
Unbarmherzig barmherzig.
So kann man Leute auch demütigen, hm?
"... nach einer Vereinigung von Bundesrepublik und DDR."
"Erich Honecker. Zentralfigur einer Viererbande,
die für alles Übel der letzten Jahrzehnte
verantwortlich gemacht wird."
"Gegen Erich Honecker wird weiterhin wegen Hochverrats,
Korruption und Untreue..."
Die wollen das große Tribunal.
Aber ich werde sehr gut vorbereitet in dieses letzte Gefecht gehen ...
und es siegreich beenden.
Erich ... wir haben so viel aushalten müssen.
Wir stehen auch das durch.
Margot.
Ich geh jetzt ...
ins Bad.
Solang es noch frei ist.
* Lässige rhythmische Musik *
(Ruhiger Song) ♪ The calm before the storm... ♪
* Lautsprecher-Test *
♪ Seein' what they see. ♪
* Aufgeregtes Stimmengewirr *
♪ All those desperate... ♪
* Aufgeregtes Stimmengewirr *
Hi, Larry. I'm in Lobetal.
Out of Berlin. And this is the house,
where the former East German communist leader...
* Reporter:innen berichten in verschiedenen Sprachen. *
♪ I told you a secret.
I shared my soul.
I don't think you got it, when the heartache spoke.
When it spoke.
Tell me something desperate.
Like you wanna know.
Every step you take further from the road. ♪
* Bewegte E-Gitarrenklänge *
Hallo...
Na, ihr zwei?
Na?
Ich heiße der Herr Schimke.
Meine Lieblingssache ist am liebsten Rauchen.
Ich rauche immer. Und du?
Ich bin der Conny.
Ich bin der Herr Schimke.
Ich heiß auch so.
Hm.
Kennst du einen Erich Honecker? - Klar.
Sagt dir der Name was? - Ja.
Wer ist denn das? Was ist denn das für ein Mann?
Ja. - Was ist das für ein Mann?
Der ist Präsident. Präsident ist der.
Richtig? - Richtig.
Und wo ist er jetzt?
Na, der ist da. Der ist hier. In Lobetal ist der.
Aber manchmal ist er auch im Fernsehen.
Aber da winkt er immer nur, der ...
der raucht nicht, da hat der keine Freude daran.
Mhm.
Und du?
Hier.
Kannst alle behalten.
Na, nimm!
Da sind Sie ja, Herr Schimke.
Kommen Sie, müssen frühstücken, ja? - Ja...
Die essen alles weg. * Klicken *
Kommen Sie, Herr Schimke.
* Dunkle, rhythmische Musik *
Margot, geh weg vom Fenster. Man sieht dich.
(TV) "North of Berlin."
"And here's the house, where the former East German leader
Erich Honecker ..."
Hey, Tobi. Du glaubst nicht, was hier los ist.
Ja, dann musst du vorbeikommen. - Kornelius?
Würdest du uns ein bissl was einkaufen?
Wir haben hier nur einen ganz kleinen Konsum. Da gibt's nicht viel.
Hier steht alles genau drauf.
* Ticken der Uhr *
Ich meld mich später.
Na dann.
* Instrumentale Westernmusik, Stimmengewirr, Vogelgezwitscher *
(off:) Niemand in unserem Dorf konnte sich erinnern,
jemals so viele Reporter auf einmal gesehen zu haben.
* Westernmusik *
Es war, als wären wir die wichtigsten Leute der Welt.
Mir gefiel das eigentlich ganz gut.
Von mir aus hätte das noch eine Weile so weitergehen können.
Jeder interessierte sich plötzlich für uns.
Im ganzen Ort gab es nur ein Gesprächsthema: die Honeckers.
Eigentlich kann er Ihnen doch leid tun.
Mir tut er nicht leid.
Geschieht ihm recht,
dass er eingesperrt ist und sich nicht nach draußen trauen darf.
Der ist mit seiner Ollen doch schon gestraft genug.
Wenn die rinnkommt, ich verkoof der nicht mal ein Ei.
Und blaue Haarfarbe haben wir nich.
* Beide lachen. *
Ich hab mit Leute aus'm Westen geredet.
Tag, Kornelius. - Tag.
* Gespräch von drinnen *
Und jetzt macht er sich hier 'n Lenz oder was?
Na, jung Freundchen?
Det brauchst du jetzt nicht zu Hause ausplappern?
Wat wir hier quatschen. - Ich hab nicht zugehört.
Kornelius, erzähl mal:
Wie is 'n det, wenn die Bolsche mit am Tisch sitzen?
Macht der immer noch so auf dicke Hose?
Der ist nur noch ein alter kranker Mann, sagt Vater.
Siehste? - Ah, mir kommen gleich die Tränen.
Er führt immer Selbstgespräche.
Dem hat doch früher ooch keener zujehört.
* Lachen *
Dafür hört sie jedes Wort, selbst wenn sie gar nicht im Zimmer ist.
* Räuspern *
Können Sie das lesen?
Ist das von der ollen Margot?
Was ist denn das für eine Sauklaue?
Sag mal, für 'ne Bildungstante: Fünf. Setzen.
Wie bist du denn druff? Hallo?
Wir reden hier über die fünffache Miss Bildung.
* Er lacht. * Was soll denn das heißen?
Einmal Honig - Klammer auf - Langnese. Spinnt die Olle oder wat?
Diesen billigen Ostscheiß haben wir nicht. Hallo?
Wir sind hier der Intershop!
Er bringt seinen eigenen Honig mit zum Frühstück.
Darauf will sie nicht verzichten.
* Leise Musik aus dem Radio *
Na gut, dann nehm ich eben zwei Honigbärchen und das normale Bier.
Noch was?
Ah ja, ich soll noch die Zeitungen mitbringen.
Alles, was noch da ist.
Okay. Wir haben die "Bild", die "Berliner",
das "Neue Deutschland" und die "Junge Welt".
Liest die überhaupt noch einer? - Mehr als früher.
Heimlich sogar. * Er lacht. Sie lacht. *
* Lautes Rasseln *
* Rascheln *
"Honecker, 77, Atheist lernt beten."
"Wandlung vom Saulus zum Paulus".
"Die Augen geschlossen, lauscht er andächtig den Worten des Pastors."
Erbarme dich meiner, das ist die Springer-Presse.
Das ist die Springer-Presse. Dein Blutdruck, Erich.
Ich geh mal ins Bad. - Jaja.
* Leise heimliche Musik *
* Detektivische Musik *
* Rasseln und Quietschen des Tors *
* Leise angespannte Musik *
* Detektivische Musik *
* Klopfen *
Ja?
Guten Morgen. Ich wollte fragen, ob Sie mit uns frühstücken möchten?
Gern. Danke.
Herr Honecker.
Ah...
* Schlürfen, Schlucken *
Ist alles in Ordnung?
Jaja.
* WC-Spülung *
* Neugierige Musik *
Morgen. Morgen, Mutti.
* Tapsende Musik *
* Neugierige Musik *
* Krähenrufe *
Ick hab mal auf Ihrem Schoß gesessen.
Na, das wüsst ich aber.
Da sind Sie nicht drauf zu erkennen, das könnte jeder sein.
Mit Ihren neuen Fetzen uff'm Kopp hätt ich Sie och nich erkannt.
Hm, Charmebolzen.
Wat hol ma denn hier in Wandlitz?
Möbel passen hier nich rinn.
Halten Sie den Schnabel, wie damals auf meinem Schoß.
Anhalten.
* Vogelgezwitscher *
* Klicken *
Danke.
* Motor heult krächzend auf. *
* Melancholische Musik *
* Vogelrufe *
1905 wurde Lobetal gegründet.
Von Pastor Bodelschwingh.
Für die Obdachlosen der Stadt Berlin.
Darin steckt also eine ... gewisse Ironie.
* Melancholische Musik *
Frau Krause, meine Sekretärin, hat früher immer gesagt:
"Wenn dem Erich" - ja, sie hat Erich gesagt -,
"wenn dem nur mal einer sagen würde,
wie's ums Land und die Menschen wirklich steht,
dann hätte er sofort was geändert."
Ich war bestens informiert.
Wussten Sie auch, wie marod alles war?
Und wie unzufrieden die Menschen?
* Krächzen einer Krähe *
Waren Sie denn nie für unseren Staat, Herr Holmer?
Meine Frau und ich haben doch täglich sehen können,
wie unmenschlich das Staatsystem sein konnte.
Jeder hat es sehen können.
Aber die Verdienstmedaille der DDR haben Sie angenommen.
Wie ich weiß.
Ich habe den Orden dafür genutzt,
kleine Vorteile für meine Gemeinde herauszuschlagen.
Sie haben doch auch mitgemacht in unserer CDU.
Und als Bürgermeister von Lobetal.
Ja.
Weil die Menschen mir vertrauen konnten.
Selbst wenn sie nirgendwo vor der Stasi sicher waren.
(schnieft) Wer nichts zu verbergen hatte,
hatte auch nichts zu befürchten.
Wie viele hat unser Staat zu Spitzeln gemacht?
Wie viele wurden erpresst und gegen ihren Willen gezwungen?
Hm ... wissen Sie ...
meine Frau, die war nie für die Staatssicherheit.
"Ein gut ausgebildeter Sozialist braucht keine Überwachung."
Wenn das stimmt, dann war's ja nicht weit her
mit der Ausbildung Ihrer Sozialisten.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Ist im Kapitalismus nicht anders, nicht?
* Hupkonzert, Rufe, Jubel *
Ich bin Sonja. Ich bin die Tochter von den Honeckers. Das ist Roberto.
Tag. Ich bin Kornelius.
* Quietschen *
Ihre Eltern sind aber grade nicht da.
Ja, wir müssen sowieso gleich weiter, ne, Robby?
Aber sag Deinen Eltern, dass ich ihnen sehr dankbar bin,
dass sie sich so gut kümmern, ja? - Ja.
Ist das dein Rad?
Ja. - Komm, Robby, wir kommen ja bald wieder.
Diamant ist weltbekannt.
Im Ausland wird es Schrott genannt.
* Zuschlagen der Autotüren *
* Starten des Wagens, ruhige Orgelmusik *
Guten Tag, Frau Krause. So viel Post heute?
Guten Abend, Herr Pastor.
Das sind alles Ablehnungen,
was die Aufnahme vom Ehepaar Honecker bei Ihnen betrifft. 41 Stück.
Mehr als die Hälfte davon sind aus unserem Kirchenkreis.
Ja.
Hier sind Zustimmungen.
Na ja, sind doch immerhin ... vier.
Das hier sind Drohungen.
Alle anonym natürlich.
Eine Morddrohung ist dabei.
Die ist direkt an Sie und Ihre Familie gerichtet.
Geben Sie mal her.
"Der Henker wird dich holen." Da.
Ein anderer droht uns allen hier in Lobetal.
Wissen Sie, Frau Krause,
schicken Sie solche Briefe immer sofort zur Volkspolizei.
Wir wollen mit diesem Müll nichts zu tun haben.
Aber ... es werden von Tag zu Tag mehr Ablehnungen, Herr Pastor.
* Leise bedrückende Musik *
Ja...
Sie meinen, ich sollte reagieren?
* Leise bedrückende Musik *
* Kirchenglocken, Stimmen im Hintergrund *
Herr Schimke.
Hallo. Du hast heute ganz viel Besuch.
Ist doch Abendbrotzeit, Ja?
Ich hab heute gar keinen Hunger.
Entschuldigen Sie bitte. Kann ich mal bitte?
Ich müsste hier rein. Danke schön.
* Leises Quietschen *
Gut, dass du denen nicht in die Arme gelaufen bist.
Guck mal.
* Beunruhigende Musik *
* Ferner Lärm, Aufruhr *
* Skandieren von Parolen *
(die Demonstranten) Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
* Unruhige Musik, die Parolen werden von anderen Stimmen übertönt. *
(von draußen) Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
* Bedrückende Musik *
Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
Honecker in den Knast!
(ruft) Hey!
* Skandieren der Parolen vor dem Haus, bedrückende Musik *
* Klirren von Fensterscheiben *
Es reicht jetzt.
* Parolen von draußen *
Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
Das ist zu viel.
(ruft ihm nach) Warte, Uwe!
Ich geh da raus.
Bei einer Frau sind sie vielleicht nicht so aggressiv.
Du kannst da jetzt nicht rausgehen.
Du kannst jetzt nicht...
* Lärm der aufgebrachten Menge *
Bitte!
Bitte! Bitte!
Sie können doch hier nicht so rumschreien!
Hier leben überall Patienten.
Die brauchen Ruhe.
Gehen Sie nach Hause!
Wir wollen, dass der Honecker rauskommt und mit uns redet!
Bitte, gehen Sie nach Hause.
Die Blumen sind für Sie, Frau Pfarrer,
weil Sie so voller Menschenliebe sind - wie der Erich.
Und der, der gehört aufgehangen.
* Jubel der Menge *
* Ferner Lärm von draußen *
Sollen sie mich doch erschießen.
Wie den Ceaușescu.
Mir ist das egal.
Nützen wird ihnen das gar nichts.
(leise) Gar nichts.
* Schreien, Lärm *
Wir wollen, dass er rauskommt und mit uns redet.
Damit er sieht, was er für Scheiße gebaut hat.
* Aggressives Schreien, Rütteln am Zaun *
Der Herr Honecker ist krank.
(höhnisch) Oh!
Wenn wir früher von der Stasi abgeholt wurden,
hat keener gefragt, ob wir krank sind.
* Schreien, Rasseln des Metallzauns *
* Streiten der beiden *
* Lärm von draußen *
Honecker in den Knast! Honecker in den Knast!
* Rasseln *
Das ist hier Kirchengelände!
Solche Demonstrationen sind verboten!
* Hohngelächter *
Jetzt sind überhaupt keine Demos mehr verboten, mein Mädchen.
Gewalt ist immer verboten.
Ich muss die Volkspolizei rufen, wenn Sie nicht nach Hause gehen.
* Die Menge verstummt. *
Du bist ja der Mike, hm?
Hast du keinen Anstand bei mir gelernt?
Der hat mich 40 Jahre lang belogen und betrogen!
* Aufgeregte Zustimmung, ein Hund bellt. *
Mike. Wie alt bist du?
Was hat denn das jetzt damit zu tun?
Denk doch mal drüber nach. - Was willst du jetzt schon wieder?
Lasst sie da vorne...
(einer von hinten aggressiv) Honecker an die Wand!
(alle:) Honecker an die Wand! Honecker an die Wand!
(von draußen) Honecker an die Wand! Honecker an die Wand!
Geh doch da weg vom Fenster!
Wieso? Das sind ja unsere Leute.
Honecker an die Wand! Honecker an die Wand!
* Lautes Dröhnen *
(Chor:) ♪ Wir sind überall auf der Erde.
Erich!
Früher hättest du dich nicht mit einem wie Ceaușescu verglichen.
Margot ... mir ist schlecht.
* Lärm und Rufe, Glas zerbricht. * Honecker an die Wand!
Honecker an die Wand! Honecker an die Wand!
Honecker an die Wand! Honecker an die Wand!
* Die Menge verstummt, ein Hund bellt. *
Wenn ihr den Honecker haben wollt,
müsst ihr mich und meine Frau umbringen.
* Gemurmel * Was? Was soll denn das jetzt?
Ihr schützt einen Verbrecher! * Aufgeregte Zustimmung *
Geht jetzt. Kommt, geht nach Hause, alle.
Wir kommen wieder, Pastor. Wir kommen wieder. Das sag ich dir.
He! Ich bleib hier!
Geht im Frieden des Herrn. - Und Sie auch.
Du auch.
Mike, du gehst jetzt auch.
Wir wollen den Honecker!
Geht im Frieden des Herrn. Du auch, du und du.
Geht. Kommt.
* Rasseln des Gartentors *
(Frau:) Wir kommen wieder, sag ich dir.
Nun, jetzt komm.
Verräter.
* Eine Flasche wird zerbrochen. *
* Schlag gegen das Gartentor, dunkle Musik *
* Blechernes Rollen *
* Beklemmende Musik *
Wir danken Ihnen ... für Ihren Schutz.
* Melancholische Musik *
Meinem Mann geht's nicht gut, ich muss wieder hoch.
* Melancholische Musik *
* Musik verklingt. *
* Sehr leise Orgelklänge, Krähenrufe *
* Langsame, hallende Schritte *
* Orgelmusik schwillt an und wird wieder leise. *
Liebe Freunde.
Viele Menschen haben uns ihre Zustimmung,
andere aber auch ihre Verärgerung
über unser gemeinsames Wohnen mit den Honeckers kundgetan.
Deshalb erlaub ich mir, Ihnen, liebe Freunde, eine Erklärung zuzusenden.
* Melancholische Musik *
Erstens:
Wir sind von der Kirchenleitung um Aufnahme gebeten worden.
Niemandem geht deswegen ein Pflegeplatz verloren.
Und unsere Familie hat diesen Schritt nicht getan
aus Sympathie mit dem alten Regierungssystem.
Zweitens:
Wir greifen damit nicht in das juristische Verfahren
gegen Herrn Honecker ein.
Wir nehmen ihn als Mensch und nicht als Verbrecher auf.
* Tippgeräusche, Klingeln und Schubgeräusch *
Drittens:
Er und seine Frau waren Obdachlose,
als sie die Charité und dann das Krankenhaus Rummelsburg verließen.
Viertens:
In Lobetal steht eine Statue Christi,
der die Menschen einlädt und ihnen zuruft:
"Kommet her zu mir ... alle ... die ihr mühselig und beladen seid."
"Ich will euch erquicken."
Fragt euch, liebe Freunde,
welche Schuld wir auf uns geladen hätten,
hätten wir ihn abgewiesen.
* Melancholische Musik *
* Kirchentür wird geöffnet und geschlossen. *
Hallo ...
Herr Schimke. Das hatten wir doch schon mal geklärt.
Wenn ich dem Mann sage, was mit dem Präsidenten bei euch ist,
dann gibt er mir noch mehr Westzigaretten.
* Er lacht zufrieden. *
* Zuschlagen der Autotür *
Frau Honecker!
We geht's denn Ihrem Vater?
Im September ist er noch braungebrannt
aus dem Urlaub zurückgekommen.
Wusste er damals schon, dass er Krebs hat?
Man soll ihm ja verschwiegen haben, wie krank er wirklich ist.
Stimmt das?
Frau Honecker, man hat ihm wirklich verschwiegen, dass er krank ist?
Was sagen Sie dazu?
Selbst wenn ich wollte, käm ich nicht dazu,
so viel wie Sie plappern.
Wann reisen Sie denn nach Chile aus?
Was sagen Ihre Eltern dazu,
dass Sie Deutschland in dieser familiären Situation verlassen?
Frau Honecker. Hm?
Ich würd mich auch nicht umdrehen,
wenn man mich mit meinem Mädchennamen ruft.
* Die Haustür fällt ins Schloss. *
* Allgemeine herzliche Begrüßungen *
Da bist du wieder.
Lass dich anschauen.
Man erkennt dich ja gar nicht wieder, du hast ja so viel Kraft!
Wie geht's euch denn?
Was habt ihr denn alles eingekauft, Mensch!
In Berlin ist alles so verrückt.
Der ganze Fußball ist ein Chaos, du weißt nicht, für wen du sein sollst.
Von uns wollen jetzt alle in die Bundesliga.
Die stellst du da hin.
Uh! Ein Baumkuchen Erich! Baumkuchen!
Baumkuchen! * Alle lachen. *
Wunderbar!
Aber der BFC Dynamo...
Wir können den Westen platt machen. * Honecker kichert. *
(TV) "Jetzt kommt es darauf an ..."
Die können euch nicht ewig hier behalten.
Wir reden ständig darüber, wie wir hier wegkommen.
Und hoffen jeden Tag, dass uns was anderes zugewiesen wird.
Ronny, guck mal hier.
Ah ...
Wo hast du das denn gefunden? - Ich war noch mal zu Hause.
Danke, Oma. Darf ich raus zu den Jungs Fußball spielen? - Na klar.
Robby, gibt's keinen neuen Witz?
Klar.
Du und Oma gehen spazieren,
und Oma sagt:
"Oh, guck mal, Erich, da ist ein toter Vogel."
Und du: "Was? Wo?"
* Frau Honecker lacht. *
Geh mal Fußball spielen.
Das ist gut.
Das hast du gut geschrieben.
Das kannst du so abschicken.
Ich bin stolz auf dich, Uwe.
Nur die Schalen nicht so dick.
Da bleibt ja nur die Hälfte übrig.
* Sesselrücken *
* Ruhige Klaviermusik *
* Sie seufzt leise. *
Ist ganz schön viel gerade, hm? * Sie seufzt. *
Mir tut alles weh.
Wenn man nur nicht den ganzen Tag so angegafft würde.
Ich liebe dich.
Und dafür muss ich DIR danken.
Nicht du mir.
Aber das darf nur ich sagen. Nicht du.
* Leise Klavierklänge *
Sieh mal zu, dass du mit den Kartoffeln fertig wirst.
Sonst gibt's heute kein Abendbrot.
* Leise Klaviermusik *
Kennt ihr den?
In der DDR ist ein Haus zusammengefallen.
Gerichtsverhandlung.
Der Ziegelstein sagt:
"Ich kann's nicht gewesen sein, ich bin durch und durch rot."
Freispruch.
Der Sand sagt: "Ich kann's auch nicht gewesen sein,
ich wurde dreimal durchgesiebt."
Und dann der Mörtel:
"Ich kann's nicht gewesen sein. Ich war gar nicht dabei."
* Leises Lachen *
Der ist gut.
Den hat mein Opa schon dem Breschnew erzählt.
* Ein Hahn kräht in der Ferne. *
Robby?
Komm, wir müssen los!
* Herr Schimke lacht. *
* Läuten *
* Heitere Orchestermusik, Glockenläuten, Stimmengewirr *
Ich bin stolz auf ihn.
Frau Krause ...
* Glockenläuten endet. *
* Fernes Hundebellen *
Warum kommen Sie und Ihre Frau nicht mal zum Gottesdienst?
Unsere Kirche steht Ihnen offen.
Und Presse ist da drin nicht zugelassen.
Wollen Sie mich missionieren?
Herr Holmer, ein alter Hund lernt keine neuen Tricks.
(lacht) Gott ist kein Trickser, Herr Honecker.
* Tierlaute *
Die Wiedervereinigung Deutschlands ist kein Zufall, wissen Sie das?
Ah ja? Wieso?
Wir sind 1949 in zwei Staaten geteilt worden.
1989 ist die Mauer gefallen. Ja.
Das sind genau 40 Jahre.
Diese Zeitspanne ist in Gottes Heilsgeschichte
eine fest umrissene Periode der Demütigung, der Erniedrigung
und Besinnung.
Denken Sie an die Zeit des Volkes Israel in Ägypten.
Offenbar hat Gott unserem Volk dieses
vor allem auch wegen der Verbrechen im Dritten Reich auferlegt.
Ja, wenn Sie das so sehen...
* Ruhige Orchestermusik, Krähenrufe *
* Platschen *
Frau Honecker.
Bin gleich fertig!
Sie müssen das nicht machen.
Wir benutzen die Treppe, also machen wir sie auch sauber.
Sie kümmern sich rührend um Ihren Mann, das imponiert mir.
Würden Sie doch genauso tun.
Ja, ich schon, aber wir haben doch
zwei sehr unterschiedliche Lebensentscheidungen getroffen.
Hh...
Wie schneid ich denn bei diesem Vergleich ab, Frau Holmer?
Ich frage mich, wie man als Frau so hoch aufsteigen kann in einem Staat,
wo nur Männer an der Spitze waren?
* Ticken der Uhr *
Kampf.
Ich musste kämpfen. Jeden Tag.
Auch weil ich die Frau vom Generalsekretär war,
da hat man's mit zusätzlichen Vorurteilen zu tun.
Aber es war auch nicht hinderlich. Oder?
Es kommt drauf an, wo Sie hinwollen.
Ich war immer wer selber.
Eine Frau ... kann es sehr weit bringen, weiter als ein Mann.
Aber das hat natürlich seinen Preis.
* Wischgeräusche *
* Schritte *
Traugott?
Ja?
Könntest du für uns in den Konsum gehen, ein paar Sachen holen?
Ich schreib's dir auf.
Nein, Frau Honecker, ich kann grad nicht,
und wenn ich ehrlich bin, will ich auch nicht.
Du magst uns nicht?
Warum nicht?
Wegen Ihnen durfte keines meiner Geschwister Abitur machen.
Kein Einziger. - Warum?
* Ticken der Uhr *
Weil wir keine Jugendweihe wollten, keinen Wehrunterricht
und die "Internationale" in der Schule mitsingen erst recht nicht.
Was stört dich an der Hymne unserer Arbeiterbewegung?
Kein ehrlicher Christ kann diesen Text singen.
"Es rette uns kein höheres Wesen, kein Gott."
Frau Honecker? Der Konsum ist nicht weit.
Die Straße runter und immer gradeaus.
* Tür wird geöffnet und geschlossen. *
* Leises Sirren, beklemmende Musik *
* Ratterndes Geräusch *
* Angespanntes Sirren *
* Dumpfes Geräusch, dann Stille *
* Türklingel *
* Fernes Hundebellen *
* Fernes unheimliches Hallen *
Erich!
Hey, mein Junge!
Schön, dass ihr noch mal da seid. Ja...
Na, Vati?
Na? Ist es so weit?
Mmm...
* Tür wird geschlossen. *
Ja, also: Alles geklärt, die Visa für Chile sind da.
Alles gepackt.
Morgen kommt der Möbelwagen.
Setzt euch!
Soll ich noch einen Kaffee machen? Nee, ist doch viel zu spät.
Ja, lass doch, Mutti. Ich hab was für euch.
Ist es Kuchen? Ja.
Kann man den auch essen? Na klar.
Ronny, komm her.
Hab ich grade noch fertig bekommen. Hier.
Wozu den Schal? - Auch in Chile gibt's Winter.
Mmmh! Ah.
Mmh!
Guck mal hier.
Wir alle zusammen.
Mhm.
Ja.
Hab ich gemacht, das weiß ich noch.
Das waren noch Zeiten.
Opa, stimmt es, dass du immer nackig baden warst?
* Er lacht. *
(lacht) Nur wenn keiner zugeguckt hat.
Auch Oma nicht? - Nee.
Nein, auch Oma nicht.
Die nimmst du aber auch mit. Ja.
Danke.
Schau mal hier.
Der Opa mit dir.
Kann mich nicht erinnern.
Deswegen zeigt sie's dir ja. Er war nicht mal ein Jahr alt.
* Melancholische Musik *
Vati... Wir sehen uns wieder. Ganz bestimmt.
Hoffentlich habt ihr einen guten Flug.
Passt auf euch auf.
Ah!
* Melancholische Musik *
* Tür fällt ins Schloss.*
* Melancholische Musik *
* Starten des Wagens *
* Melancholische Musik *
* Aufheulen des Motors *
* Traurige Musik, Vogelrufe *
So ein Abschied von geliebten Menschen fällt immer schwer.
Chile würde vielleicht meinen Mann und mich auch aufnehmen.
Da wird es gut sein, wenn unsere Tochter schon da ist.
Auch ein Land im Umbruch. Nach langer Diktatur.
Sie können die Diktatur des Proletariats doch nicht vergleichen
mit der Militärdiktatur von Pinochet.
Die DDR war doch wie eine Familie, wer sich an die Regeln gehalten hat,
hat gut gelebt. - Es waren Ihre Regeln.
Das Volk wurde nicht gefragt.
Wo auf der Welt wird denn das Volk wirklich gefragt?
Und wurde in der DDR jemals jemand verschleppt,
ermordet oder gefoltert?
Hat jemand hungern oder betteln müssen
oder auf der Straße geschlafen?
Gibt es denn gar nichts zu bereuen?
Jeder macht Fehler.
Die muss man nicht bereuen, wenn man aus ihnen lernt.
Aber Hunderte Menschen starben allein an den Grenzen.
Die hat keiner gezwungen.
Jeder wusste, dass Republikflucht strafbar ist.
Grenzen werden überall auf der Welt geschützt. Auch mit der Waffe.
Aber doch nicht gegen die eigenen Bürger, Frau Honecker.
Staat ist Staat, auch im Sozialismus.
(seufzt) Jetzt hat es aber doch noch ganz ordentlich abgekühlt.
Finden Sie nicht?
Ist immer 'ne Frage der richtigen Kleidung.
Sonst ist der Winter dies Jahr ... ja eher mild.
Bis auf die Stürme.
* Ferne Vogellaute *
* Quietschen *
* Rascheln *
(TV) "Die Mehrheit des Volkes fühlt sich von der SED betrogen,
will auch Rechenschaft darüber,
ob die Machthaber die Demonstrationen niederknüppeln wollten."
* Fliegensummen * "Aber es stimmt,
dass damals Schützenpanzer um Leipzig standen über 2000...
* Nachrichtensprecher von nebenan *
* Sesselrücken *
* Geräusche vom Gemüseputzen *
Ich wollt Sie gerne was fragen.
Hätten Sie am 9. November schießen lassen,
wenn Sie die Entscheidung gehabt hätten?
Vielleicht hätten wir uns dem Mob auf den Straßen von Leipzig
so entschlossen entgegenstellen sollen
wie Sie und Ihr Mann dem Pöbel vor der Tür?
Hätten Sie schießen lassen?
Was hätten Sie denn getan?
* Nachrichten von nebenan *
* Sesselrücken *
Hier finden Sie die Antwort, Frau Honecker.
* Besteckklirren *
Ich bin Atheistin, Frau Holmer.
Meine Weltanschauung ist der wissenschaftliche Kommunismus.
Wenn jemand stirbt, ist alles vorbei.
Aber ...
wenn eine starke Frau stirbt ...
dann wird sie über den Tod hinaus Dinge bestimmen.
Gott, unser Herr, bestimmt.
Lesen Sie das.
Öffnen Sie Ihr Herz.
Unverbindlich.
* Leise dunkle Musik, Hundebellen *
* Ruhige Musik, Seitenrascheln *
* Käuzchenruf *
Bist du jetzt bekehrt worden?
Soll ich ein Geschenk ablehnen?
Der Holmer hat mich neulich gefragt, ob ich mir wünsche,
dass wir beide uns nach dem Tod wiedersehen.
Und was hast du gesagt?
Dass ich momentan andere Sorgen hab.
Was hättest du denn gesagt?
Dasselbe.
* Tonhöhe bestimmen *
(Kanon) ♪ Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen.
Ein fröhliches Herze das schenke dir Gott.
Viel Glück und viel Segen... ♪
(lacht) Na ja, vorhin klang's schon mal besser beim Üben.
Vielen, vielen Dank. Das habt ihr gut gemacht.
* Applaus * Oh...
Herzlichen Glückwunsch. Zum Geburtstag.
Vielen Dank. Das wär doch nicht nötig gewesen, Frau Honecker.
Es kommt ganz von Herzen.
Auch von meiner Seite meinen herzlichen Glückwunsch, Herr Holmer.
Mögen Ihnen Gesundheit und freundliche Zuwendung
noch recht lange erhalten bleiben.
Und hier noch ein bisschen weltliche Lektüre.
Da danke ich schön. - Bitte.
Schauen wir doch mal, das sieht gut aus.
Ist eine wunderschöne Farbe.
Ja.
* Wohlwollendes Lachen *
Für die kalten Tage um den See.
Der letzte Mohikaner.
Gut.
Frau Holmer.
Ja, das sind Reden.
Ihre Reden? Ja.
Na, das schau ich mir dann doch mal später an.
Trotzdem: Noch mal vielen Dank. Hm.
* Sesselrücken *
Lieber Gott, wir danken dir von ganzem Herzen,
dass du uns durch diese stürmische Zeit leitest
und uns ein weiteres Lebensjahr
voller Liebe zu dir und zueinander geschenkt hast.
Wir danken dir für die Speisen und bitten dich
um deinen Segen für unsere Gäste ...
und für unsere Gemeinschaft.
Amen. (die Familie) Amen.
Danke.
* Heitere Barockmusik, leise Tischgespräche *
Sahne! Ja, danke. Wunderbar.
Mmh!
Na, Margot. Gut?
* Barockmusik endet. *
* Feierliche Musik *
(Kanon) ♪ Vom Aufgang der Sonne
(beide) bis zu ihrem Niedergang
sei gelobet der Name des Herrn.
Sei gelobet der Name des Herrn.
Sei gelobet der Name des Herrn.
Vom Aufgang der Sonne
bis zu ihrem Niedergang. ♪
* Schlussakkorde des Harmoniums *
Kennen Sie:
(mit zaghafter Stimme) ♪ Wir sind überall auf der Erde.
Auf der Erde leuchtet ein Stern. * Frau Honecker summt mit. *
Leuchtet ein Stern.
(hoch) Leuchtet ein Stern.
Auf jedem Hut, in jedes Herz, jedes Haus.
Leucht', roter Stern und gib mir Mut.
Ke... Ke... Ke... Kennt ihr das?
Nee ... nee, das kenn ich nicht, nein. Kennen wir nicht.
* Ticken der Uhr *
* Klicken des Diaprojektors *
Trabi. * Lachen *
Unser erster Trabi. Ist das in Rumänien?
Nein, das ist in Lobetal.
Ach, Gott o Gott... Ah!
Da kommen die Orgelpfeifen.
Da läuft sie grade, ganz hinten.
Die Schnecken, die die alle haben. Sieben, acht, neun.
Du, die hatte ich auch.
Oh! Da ist einer auf dem Kopf.
Mh...
Ist das Kornelius?
Ich glaube ja.
Das ist bei Traugotts Konfirmation vor unserer Kirche.
Wie die sich alle ähnlich sehen. (lacht) Ja.
Aber jedes hat seinen eigenen Kopf,
das können Sie mir glauben, Herr Honecker.
Inzwischen sind wir schon 23-mal Großeltern.
23! Das glaub ich nicht.
Na ja, wir haben zwei Enkelkinder. Roberto kennen Sie ja,
und die kleine Viviana, die ist noch nicht mitgekommen.
Ja...
Ein Enkelkind ist uns ... gestorben. Mm...
Ja, das war ... Mariana.
Ist nicht mal drei Jahre alt geworden.
* Leise beschwingte Hintergrundmusik *
Erichs Sonnenschein.
Es war ... ein Infekt und...
Als sie im Krankenhaus ankam, war's schon zu spät.
Gott...
Wir wussten das gar nicht.
* Leise beschwingte Jazzmusik im Hintergrund *
Das war auch nicht für die Öffentlichkeit.
Wann soll der Mensch Schwäche zeigen?
Wenn nicht im Moment des größten Verlustes.
Der Roberto ist ein guter Junge.
Unsere Jungs mögen ihn sehr.
Er fehlt mir jetzt schon.
Ich erhebe noch mal mein Glas
auf das Geburtstagkind.
Wünschen Ihnen alles erdenklich Gute. Danke.
Für den weiteren Lebensweg.
Mh ... ich muss morgen sehr früh raus.
Aber ich bitte Sie, Familie Honecker,
genießen Sie noch den Abend mit meiner großartigen Frau.
Alles Gute für die Reise, nicht?
Lassen Sie sich nicht von denen aufs Glatteis führen.
Diese westliche Journaille.
Also ... die ist mit allen Wassern gewaschen.
* Belebte Musik *
* Applaus *
(Moderator) "Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."
Mit dem Feind unter einem Dach.
Unser heutiger Gast: Pastor Uwe Holmer.
"Er und seine Familie beherbergen Deutschlands meist gehasstes Ehepaar:
Den gestürzten ..." - Schau!
"Partei- und Staatschef der DDR, Erich Honecker."
"Und seine Frau, die Ex-Bildungs- ministerin Margot Honecker."
* Applaus verebbt. *
Herr Holmer, die Kirche hatte vor der Wende in der DDR
auch eine Katalysatorwirkung.
Ist die Kirche jetzt so etwas wie das gute
oder das schlechte Gewissen der DDR,
weil sie sich auch um alte Machthaber der DDR kümmert?
Wir tun's ja nicht um der Wirkung willen,
sondern um der Menschen willen.
Wir glauben, dass es nicht gut ist, wenn eine ganze Gruppe Stasi-
und andere Staatsfunktionäre
jetzt einfach in die Ecke der Verachtung gestellt wird.
Und sie werden zum Teil in einer unmäßigen Weise verachtet.
Wir glauben, wir müssen zu einer Vergebung kommen,
sonst tragen wir zu viel Hypothek mit in die Zukunft.
* Applaus *
* Eine Frau im Publikum summt. *
* Jemand kichert. *
Schsch!
Was? Hab ich wieder gestört? 'Tschuldigung. Tut mir leid.
* Schritte *
Junge Frau! Bleiben Sie doch, bitte.
Haben Sie uns etwas zu sagen?
Ich hab's auch mal probiert mit Ihrem Gott. Hat nicht geklappt.
Der kam uns nie besuchen in der Hölle.
Wie ist Ihr Name, damit wir wissen, wer Sie sind?
Ich kann Ihnen meine Nummer sagen.
In Torgau waren wir alle nur Nummern. - Torgau?
Könnten Sie vielleicht unseren Zuschauern sagen, was Torgau ist?
Geschlossener Jugendwerkhof Torgau.
Die Erfindung von Ihrer Margot Honecker.
Wissen Sie, was dort passiert ist jahrelang?
Auf Befehl Ihrer netten Gäste?
So weit mir bewusst ist,
ging es um die zwangsweise Umerziehung Jugendlicher.
Herstellung der Bereitschaft zur Erziehung.
Junge Menschen brechen.
Ihnen die Würde nehmen.
Jedes Wort 'ne Glasscherbe, die dich im Gesicht trifft.
Alles immer im Laufschritt.
Nackt ausziehen, Haare abrasieren, sich selbst desinfizieren,
als wär man 'ne Ratte. Sprechverbot.
Tagelang im Fuchsbau - zwei mal zwei Meter, ein Meter hoch,
kein Fenster, kein Licht.
Strafsport.
Im Entengang die Treppen hoch und runter, bis eine kotzt.
Es war überhaupt alles Strafe. Auch das Schlafen war Strafe.
Wenn eine was gemacht hat, wurden alle dafür bestraft.
Nur um sicherzugehen, dass sich nachher alle an der einen rächen.
Soll ich auch noch über das Sexuelle reden?
* Ticken der Uhr, leises beklemmendes Dröhnen *
Warum ... hat man Sie da hingebracht?
Das ...
Das sagen dir die nicht.
Drei Tage Zeit zum Grübeln alleine.
In der Dunkelzelle.
Es kann sein das Schuleschwänzen.
Ich hab mal Skiwachs geklaut.
Ich hab gar keine Skier, ich kann nicht mal fahren.
Das Bettnässen?
Wahrscheinlich war's das Bettnässen.
Oder einfach ... weil ich geatmet hab. Im Weg war.
Ich ...
Ich wollt lieber tot sein als so leben.
Und das hat auch nicht geklappt.
* Sie schnieft. *
Zwei andere Mädchen haben mich runtergeschnitten.
Nicht die Erzieher von Ihrer ... von Ihrer Frau Honecker.
* Bedrückendes sehr leises Dröhnen *
Sie haben kein Recht, denen zu verzeihen.
Auch wenn Sie ein Pastor sind.
Das Recht, das haben Sie nicht.
* Dröhnen wird lauter. *
Es fällt mir schwer, bei dem, was Sie erlebt haben, zu sagen,
Sie müssen vergeben.
Ich bete aber für Sie, dass Sie einen Weg finden mögen,
denn sonst frisst die Bitterkeit in Ihrem Herzen Sie auf.
Und dann hätten die am Ende doch erreicht,
was sie damals nicht geschafft haben.
* Beklemmendes Dröhnen *
* Dröhnen wird lauter. *
* Melancholische Klaviertöne *
* Motorgeräusch *
* Anziehen der Handbremse, Abstellen des Motors *
* Starten des Motors und Abfahren *
* Leise Besteckgeräusche, Schlürfen *
"Den Kindern gehört die ganze Liebe unseres Volkes
und die besondere Fürsorge der Regierung."
So haben wir es ins Gesetz geschrieben.
Und daran haben wir uns immer gehalten.
In Torgau saß keiner, der es nicht verdient hätte.
Niemand ist dort unschuldig hingekommen.
Und viele von denen waren dankbar, dass sie dort ...
wieder ihre Linie gefunden hatten.
* Scheppern des Geschirrs, abruptes Stuhlrücken *
* Dröhnen *
* Leise beklemmende Musik, Schlürfen *
* Vogelrufe *
* Ernste Musik *
* Krähenrufe *
* Orgelklänge *
* Telefonklingeln *
* Dröhnende Orgelmusik *
* Glockenläuten kommt hinzu. *
(panisch) Gehen Sie weg, so schnell Sie können!
Gehen Sie weg!
* Zuschlagen einer Tür *
Los, Mutter, komm! Bombenalarm! Mach hin! Ja, ja, komm!
* Dramatische Orgelmusik *
* Fernsehsprecherin *
* Poltern auf der Treppe *
Na?
* Fernsehsprecherin *
(atemlos) Wir haben eine Bombe im Haus.
Die soll um zwölf hochgehen. Die Polizei ist unterwegs.
Was ist denn los?
Margot.
Jemand hat 'ne Bombe gelegt.
* Choral und Orgelmusik *
(Lautsprecher) "Räumen Sie jetzt die Straße!"
Räumen Sie jetzt sofort die Straße! Und auch Sie!
Räumen Sie unverzüglich die Straße!
Mein Mann und die Honeckers sind noch im Haus.
Frau Holmer, machen Sie sich keine Sorgen,
bringen Sie sich jetzt in Sicherheit. Wir haben alles im Griff.
* Dramatische Orgelmusik *
(leise) Scheiße.
* Dramatische Orgelmusik *
* Dramatischer Choralgesang *
* Kurze Befehle *
Nein, nein, nein! Was machen Sie da?
Wir haben doch gar keine Zeit. Kommen Sie, lassen Sie das!
Kommen Sie!
* Orgelmusik *
Sie und Sie - mitkommen!
Wir gehen rein.
* Hochdramatischer Choralgesang *
* Gesang endet. *
Sie können hier nicht sitzen bleiben.
Kommen Sie mit mir raus.
Wir haben nur noch ein paar Minuten Zeit.
Ich bleibe.
Wir bleiben.
* Befehle vor dem Haus *
Sie können mir nicht auch noch dafür die Verantwortung aufbürden.
Hallo!
Herr Holmer!
(schreit) Verlassen Sie jetzt das Haus sofort!
Herr Holmer!
Herr Pastor.
Sie sind nicht verantwortlich.
Es ist unser freier Wille.
Wir bleiben.
Wollen Sie's schriftlich?
Wollen Sie wirklich in einem feigen Hinterhalt enden?
* Ausatmen *
* Treppentrampeln *
* Stille *
Das Ehepaar Honecker will bleiben. Es ist nichts als pure Sturheit.
Gehen Sie raus.
Tun Sie draußen Ihre Pflicht!
(leise) Dann gehen Sie raus, Herr Pastor. Los, jetzt raus.
Nein. Nein, nein, ich bleib hier.
Ich lasse niemand hier zurück.
* Bedächtige Schritte *
Nehmen Sie die Erklärung dieser Personen später zu Protokoll.
Und jetzt runter! Alle runter!
* Befehle von draußen *
Wir sind jetzt alle in Gottes Hand.
Schnell! Alle Mann raus! Schnell!
* Nachdrückliches Schließen der Tür *
* Ticken der Uhr *
* Dunkles leises Dröhnen, lautes Ticken der Uhr *
* Hallende Flüstergeräusche *
* Lautes Vorrücken des Minutenzeigers und Einrasten *
* Fernes hallendes Rauschen *
* Vogelgezwitscher *
* Schritte *
"Entwarnung."
* Vogelgezwitscher *
* Anhaltender hoher Ton *
* Vogellaute *
* Flirrende Flötentöne *
* Hoffnungsvolle Klänge *
* Öffnen des Kirchentors *
* Schließen des Tors *
* Neugierige Klänge *
Dürfen wir stören?
(lakonisch) Sie hatten uns ja eingeladen.
Aber jetzt ist kein Gottesdienst.
(leise) Ja...
Wir müssen hier weg.
Wir können und wollen Ihnen das nicht weiter zumuten.
Wir wollten noch sagen,
dass wir Ihre Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehmen müssen.
Morgen werden wir abgeholt. Wir kommen nach Lindow
in ein Gästehaus der Regierung.
Bald wird hier also die gewohnte Ruhe wieder einziehen.
* Ruhige Orgelmusik *
* Orgelmusik wird dringlicher. *
Was denkst du?
Ich denke, wir haben das Richtige getan.
Ich dank dir.
Von ganzem Herzen.
* Orgelmusik *
Und trotzdem mach ich drei Kreuze, wenn's jetzt endlich vollbracht ist.
Das kann dir keiner übel anrechnen.
(beide) Gute Nacht.
* Er lacht leise. *
* Orgelmusik verklingt. *
(die Familie) ♪ Möge die Straße uns zusammenführen
und der Wind in deinem Rücken sein.
Sanft falle Regen auf deine Felder
und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand. ♪
* Türklingel *
Ja, vielen Dank für alles. Es war uns eine Freude.
Alles Gute.
Passen Sie gut auf sich auf.
Ja, werden Sie recht bald wieder gesund.
Es war sehr schön, Sie kennenzulernen.
Das werden wir Ihnen nie vergessen. Gott segne Sie
und nehme Sie in Seine Obhut.
* Kussgeräusch *
* Rhythmische Percussionmusik *
* Starten der Wagen *
* Instrumentale Countrymusik mit Gitarre und Mundharmonika *
* Gurgeln *
Herr Pastor!
Nichts für ungut, ja? Wir machen nur unsere Arbeit.
Grüßen Sie Ihre Frau. Jaja, Gottes Segen für Sie.
Gleichfalls.
* Heiter-gemächliche Countrymusik *
* Scheppern *
* Nachrichtensprecher nebenan *
"Nach einem Besuch vom noch amtie- renden Ministerpräsidenten Modrow
zog das Ehepaar um in ein Gästehaus der Regierung
in Lindow, Mark Brandenburg."
"Der Umzug sollte in aller Stille erfolgen,
aber die Einwohner von Lindow erfuhren ... von der Ankunft."
Mutti!
"Des ... Parteivorsitzenden ..." - Vati!
"Ihr Protest und ihre Empörung zeigten Wirkung."
"Der soll heute noch abgeholt werden."
"Wir warten so lange, bis er hier weg ist. "
"Schon nach 20 Stunden ging es wieder zurück
von Lindow in Richtung Lobetal."
"Das Ehepaar Honecker in Begleitung von Herrn Gysi."
"Alle um die Erkenntnis reicher, dass die Bevölkerung wohl noch lange nicht
Gnade vor Zorn setzt."
"Und Hans Modrow muss sich fragen lassen,
Wie er die Stimmung der Leute und den Grad der Geheimhaltung
so falsch einschätzen konnte." * Türklingel *
"Zum Wetter: Im Nordwesten regnet es zeitweise..."
* Knarren der Tür *
* Ruhige Musik, Krähenrufe *
Ich bin wieder ... zu Hause.
* Melancholische Musik *
(Kornelius, off) Erich und Margot Honecker
blieben noch zwei Wochen bei uns.
Bis sie in ein sowjetisches Militärhospital in Beelitz zogen.
Als aber ein Jahr später der Gerichtsprozess gegen ihn begann,
war seine Frau schon in Chile.
Bei Roberto.
Erich Honecker wurde aber nie verurteilt,
denn er war schon viel zu krank.
Und so ließ man ihn zu seiner Familie nach Chile fahren,
wo er ein Jahr später starb.
* Melancholische Musik *
(erwachsener Kornelius) Heute bin ich 45 Jahre alt
und selber Pfarrer einer kleinen Gemeinde.
Meine Frau und ich haben vier Kinder,
denen ich manchmal von dieser verrückten Zeit in Lobetal erzähle.
Dann denke ich an einen Satz meiner Mutter,
der mich bis heute beschäftigt.
"Mich erschüttert, wie weit wir Menschen gesunken sind."
"Dass einer dem anderen nicht mehr glauben, nicht mehr trauen kann."
"Dieses Misstrauen vergiftet alles."
"Davon müssen wir wegkommen."
"Wenn wir das Vertrauen nicht wiederfinden, dann ...
gehen wir alle zugrunde."
* Vogelrufe *
* Rockmusik: "Schweigen und Parolen" von Sandow *
♪ Graue Häuser verschlucken dich,
deine Träume bespucken dich.
Du hast sie nie dorthin gebracht,
zu denen du sie einst gemacht.
Du bist nervös und wartest
nervös und hungrig.
Ich küss dich wach, du bleibst gezähmt.
Deine Zunge hängt animalisch.
Du meidest Krach und bist bequem.
Und das Schweigen, das Schweigen wird lauter. ♪
* Hardrockmusik *
* Musik endet mit einem Schlagzeugsolo. *
Untertitel im Auftrag des ZDF, 2022
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