All language subtitles for 2- Die Geschichte der Steuern

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Original subtitles

(Off): Großbritannien: Die wachsende Arbeitslosigkeit

treibt Anfang der 1980er-Jahre die Werktätigen auf die Straße.

Von Liverpool aus marschieren sie

aus vielen Teilen des Landes nach London.

Alle Zeichen stehen auf Sturm!

Die Klasse der Arbeiter,

die mit der Industriellen Revolution entstand,

will sich nicht unterkriegen lassen.

(Mann): Die Thatcher-Regierung zerstört ganze Branchen.

Ihre Politik macht Menschen und Jobs kaputt!

(Off): Margaret Thatchers Wirtschaftsmodell

stammt aus der Zeit nach der Krise 1929.

Wegen der Verwerfungen der vergangenen zehn Jahre

wird es nun wiederbelebt.

(Christophe): Was ist in den 1970er-Jahren passiert?

Die Aufbruchsstimmung der Wirtschaftswunder-Jahre erlahmt,

gleichzeitig stellen Wirtschaftstheoretiker

wie Milton Friedman und Friedrich August Hayek

eine Gegentheorie auf: Je weniger Staat, desto besser.

Das Aufeinandertreffen von neuen Entwicklungen und Theorien

führt zum Paradigmenwechsel.

(Nemat): Für Friedrich Hayek

bedeutete ein starker Staat eine Bedrohung der Freiheit.

Er stellte Freiheit sogar über Gleichheit.

Das veranlasste ihn wohl zu seiner Theorie,

wie Wirtschaft funktionieren sollte:

Wir bezeichnen das heute als Laisser-faire

oder Washington-Konsens.

Also eine ultraliberale Wirtschaftspolitik,

die die Märkte gewähren lässt

und die Entscheidungen dem Einzelnen überträgt.

Sein bekanntes Buch "Der Weg zur Knechtschaft"

hatte großen Einfluss auf Margaret Thatcher und Ronald Reagan.

(Off): Kaum tritt Thatcher im Mai 1979

ihr Amt als Premierministerin an,

setzt sie Hayeks Prinzipien um: Steuersenkungen, Privatisierung

und Rückkehr zum Minimalstaat wie vor dem Zweiten Weltkrieg.

(Thatcher): Es gibt jetzt einiges zu tun.

(George): Sie ist eine große Gestalt der britischen Geschichte.

Sie sagte als Erste dem Land nach Jahrzehnten des Niedergangs,

dass Großbritannien diesen Niedergang nicht hinnehmen müsse

und das Land wieder auf die Beine kommen könne.

Dafür müssten wir aber ― das sagte sie ganz direkt ―

bittere Pillen schlucken und die Industrie,

die Steuern und die Regierungsausgaben reformieren.

(Off): Und so ist das erste Land,

das den Sozialstaat 50 Jahre zuvor eingeführt hat, auch das Erste,

das versucht, ihn wieder abzuschaffen.

Dafür plant Thatcher zunächst, die Gewerkschaften zu zerschlagen,

die in ihren Augen ein Ausbund des Sozialismus seien.

Als sie die Schließung von 20

als unrentabel geltenden Bergwerken plant,

gehen 80.000 Bergarbeiter in den Streik.

Es ist der längste in der britischen Geschichte,

von 1984 bis '85.

Thatcher lässt ihn mit aller Härte zerschlagen.

Traurige Bilanz: drei Tote, 20.000 Verletzte, 11.300 Verhaftungen.

Eine hundert Jahre alte Arbeiter- und Gewerkschaftskultur

wird erstickt - ohne große Solidarität von der Bevölkerung.

(Geoff): Unter Margaret Thatcher war der Sozialstaat verpönt,

weil er die Menschen nicht zur Arbeit ansporne.

Wer Hilfen erhalte, hätte gar kein Interesse daran zu arbeiten.

Sie hat das alles zerschlagen.

(Joan): Ihr größter Eingriff blieb unbemerkt,

da Menschen nicht sofort erkannten, was da passierte:

Sie privatisierte die großen Staatsunternehmen.

Sie wurden so verkauft, dass nicht der Eindruck entstand,

sie seien verscherbelt worden.

Das machte sie mit dem sozialen Wohnungsbau,

mit dem öffentlichen Dienst, mit British Gas und British Telecom,

und sie schwächte die Kommunen.

(Off): Weniger Staat bedeutet weniger Steuern,

aber auch weniger Geld für den öffentlichen Dienst.

Thatcher geht die verbliebenen Möglichkeiten zur Umverteilung an

und senkt die Steuersätze für die höchsten Einkommen

und Unternehmen drastisch.

Damit nimmt die Ungleichheit automatisch zu.

(Geoff): Wenn wir uns die Zunahme der Ungleichheit

in England in den 1980er Jahren ansehen, stellen wir fest,

dass es sich um eine der weltweit höchsten überhaupt handelte.

Diese Ungleichheit war das Ergebnis ihrer Kahlschlag-Politik.

Am Ende führte Thatcher die "Poll Tax" ein - die Kopfsteuer -,

durch die die Ärmsten für Wohnungen

viel mehr zahlen mussten.

(Off): Die Poll Tax fordert eine Pro-Kopf-Abgabe für Wohnungen.

Sie gilt unabhängig vom Einkommen pro Individuum,

nicht mehr pro Haushalt. Damit ähnelt sie der Kopfsteuer,

die im Mittelalter ihre Hochphase hatte.

(Steve): Armen Geld nehmen, Reichen geben -

das Gegenteil von Robin Hood.

(Joan): Die Leute wussten sofort,

dass hohe Zahlungen auf sie zukamen.

Daher wurde der Protest gegen die "Poll Tax" landesweit größer,

ohne dass sich eine Führungsfigur an seine Spitze setzte.

Die Menschen taten,

was in solchen Situationen in der Geschichte immer passiert:

Sie verweigerten die Zahlung.

Das machten sie auch zu ihrem Slogan:

"Can't pay, won't pay."

(Off): Ähnlich wie bei den französischen "Gilets Jaunes"

erfolgt der Protest gegen die "Poll Tax"

ohne selbsternannten Anführer und parteiübergreifend.

Demonstrationen wie am Trafalgar Square im März 1990

enden im Tumult.

Die Regierung erkannte erst spät,

dass sie zu weit gegangen war und musste zurückrudern.

Das hatte auch Auswirkungen auf Margaret Thatchers Position

in der Konservativen Partei: Ihre Zeit war vorbei.

(Off): Den Protestierenden gegen die Poll Tax gelingt das,

woran die Gewerkschaften gescheitert sind:

Sie bringen die Thatcher-Regierung Ende der 1980er-Jahre zu Fall.

Doch das Vermächtnis des neoliberalen Wandels,

den sie mit Ronald Reagan teilt,

prägt das politische Leben nachhaltig.

Auch in Deutschland verheißt der Neoliberalismus

Aufschwung und Wohlstand.

Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer.

Der Befreiung der Menschen in der DDR

folgt die Wiedervereinigung. Diese wird allseits bejubelt.

(Kohl): In wenigen Stunden wird ein Traum Wirklichkeit.

Nach über 40 bitteren Jahren der Teilung

ist Deutschland, unser Vaterland, wieder vereint.

(Off): Bei aller Euphorie

müssen Ost- und West-Regierung eine gemeinsame Basis finden.

(Wolfgang): Wir machen eine ...

eine Wirtschafts- und Währungsunion.

Das heißt, wir führen die D-Mark auch in der DDR ein.

Wissend, dass die Wirtschaft in der DDR nicht konkurrenzfähig war.

(Off): Die vom Westen ausgehende Währungsunion

geht zu Lasten des Ostens,

der die Gesetze des Marktes noch lernen muss.

(Oskar): Wenn z.B. traditionelle Märkte

der ostdeutschen Wirtschaft

von einem Tag auf den anderen wegbrechen,

und wenn man zulässt, dass westdeutsche Firmen

die kleinen ostdeutschen Firmen alle aufkaufen,

dann ist klar, in Westdeutschland baut sich

ein viel stärkerer Wohlstand auf als in Ostdeutschland.

(Off): Im Wahlkampf verspricht Helmut Kohl den Ostdeutschen

"blühende Landschaften" und Wohlstand durch Marktwirtschaft.

Um die Wiedervereinigung zu finanzieren,

führt er eine neue Steuer ein.

(Wolfgang): Ich, der immer dagegen war,

stimmte dann einem solchen Solidaritätszuschlag zu,

um eben den Haushalt...

mittelfristig wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen.

(Off): Der neue Solidaritätszuschlag, kurz "Soli",

trifft jeden Steuerzahler.

Er wird auf beiden Seiten der Mauer verschieden wahrgenommen.

Westdeutsche empfinden es,

als würden sie die Last der Wiedervereinigung tragen,

und im Osten lernen die Bürger, was es heißt, Steuern zu bezahlen.

(Swen): Es gab keine Kultur des Steuerzahlens in der DDR.

Und es war ein unheimlich schwerer Prozess,

dass man das Finanzamt ernst nimmt.

(Reiner): Über lange Jahre zahlten viele Menschen

einfach gern den Soli, weil sie sahen,

dadurch wächst Deutschland zusammen,

dadurch entsteht in Ostdeutschland was Gutes.

Aber irgendwann merkte man aber doch,

dass der Solidaritätszuschlag eine ganz normale Steuer ist,

dass Einnahmen nicht zweckgebunden sind

und dass damit vieles andere ebenfalls finanziert wird,

nicht nur der Aufbau Ost.

(Off): Die Wiedervereinigung diente nur als Vorwand

für die Einführung einer neuen Steuer.

Viele fühlen sich getäuscht.

Die Ostdeutschen profitieren zwar davon,

verlieren dafür aber ihre Arbeitsplatzgarantie

und den kostenlosen Zugang zu Bildung und Gesundheit.

(Swen): "Blühende Landschaften" war ein Wahlversprechen Kohls,

was er nicht hielt.

Die neuen Bundesländer entwickelten sich gut,

aber das war nicht Kohl, das waren die Menschen,

die hierblieben und sagten:

"Trotz aller Widrigkeiten, wir tun das, was zu tun ist."

Dieses Märchen oder dieses Romantisieren

dieser Wiedervereinigung, das ist doch sehr schnell verschwunden,

weil die Ostdeutschen eine ganz andere Prägung hatten.

Als sie dann in Westdeutschland ankamen,

sahen sie die Kehrseite des kapitalistischen Systems,

die darin bestand, dass viel mehr Menschen arbeitslos wurden.

Und dass die Sicherung der Arbeitslosigkeit zu niedrig war.

Dass gleichzeitig auch der Sozialabbau begann.

Insofern ist also dann sehr schnell

die Euphorie des Einheitsjahres verflogen.

(Off): Mitte der 1980er-Jahre greifen auch in Frankreich

Neoliberalismus und Privatisierung um sich.

Arbeitslosigkeit und Armut explodieren.

Die soziale Kluft wird stärker spürbar.

Menschen hungern, da ist die nationale Solidarität gefragt.

Dieses Mal geht die Initiative nicht von der Regierung aus,

sondern von einem Schauspieler: Coluche.

Er gründet die "Restaurants des Herzens",

die mittels Lebensmittelüberschüssen

kostenlose Mahlzeiten anbieten können.

"Das sind Arbeitslose mit Familie, keine Obdachlosen.

Wir geben lieber Lebensmittel aus statt Essen,

mit der Familie hier zu essen, würde sie beschämen.

Hier holst du Einkäufe und keiner kriegt mit,

dass es eine Spende war."

(Off): 1990 sind die Ausgaben für Sozial-

und Arbeitslosenversicherung so hoch,

dass eingezahlte Beiträge nicht ausreichen.

Die sozialistische Regierung unter Michel Rocard

erhebt eine "allgemeine Sozialabgabe".

Die CSG wurde 1990 eingeführt und ist eine Art Einkommensteuer.

Sie ist proportional und nicht progressiv,

der Steuersatz bleibt gleich, unabhängig von Einkommenshöhe.

Es ist zwar eine Steuer,

aber sie fließt in die Sozialversicherung

und nicht in die Staatskasse.

Es wurde quasi umorganisiert, um einen immer größeren Teil

der Sozialversicherung durch Steuern

und nicht nur durch Sozialabgaben finanzieren zu können.

(Off): Damit verabschiedet sich die Finanzierung

der sozialen Absicherung vom Progressionsmodell,

das seit dem Zweiten Weltkrieg galt.

Fünf Jahre später sieht der Juppé-Plan vor,

diese Änderung noch auszuweiten.

(Juppé): Ja, Frankreich steht an einem Scheideweg!

Ja, Frankreich hat heute nur noch die Wahl

zwischen Wandel oder Niedergang.

(Sprechhöre): Die Sozialversicherung!

Wir haben sie uns erkämpft, wir wollen sie behalten!

(Off): Arbeitnehmer wissen, ihre sozialen Rechte werden geschwächt.

Zwei Millionen Menschen gehen auf die Straße,

so viele wie seit Mai '68 nicht mehr.

Der Protest der Gewerkschaften zwingt die Regierung,

den Juppé-Plan aufzugeben,

der für Beamte die Anhebung des Renteneintrittsalters vorsieht.

30 Jahre danach ist die Rente immer noch ein brenzliges Thema.

(Frau): Ich werde nur geschröpft.

Ich kriege 1092 Euro Rente und zahle 550 Euro Miete.

Ich werde verhungern,

dabei habe ich 40 Jahre im Krankenhaus gearbeitet.

(Mann): Ich arbeite, seit ich 15 Jahre alt bin.

Ich werde 62 Jahre alt und habe 47 Jahre lang Beiträge gezahlt.

(Frau): "15 Jahre sind wir in Rente und keinen Cent Erhöhung.

Heute sollen wir eine Sozialabgabe als Ehepaar zahlen?

Findet euch mit unseren Klagen ab, bis wir tot sind."

(Frau 2): "Ich bin Witwe,

streichen Sie nicht das wenige Geld,

für das unsere armen Ehemänner so schufteten."

(Mann): "In 42 Jahren harter Arbeit

lag ich der Allgemeinheit nie auf der Tasche."

(Mann 2): "Ich verdiente mir den Ruhestand,

zerstören Sie das System nicht."

(Off): Mit der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht 1992

wird der Sozialstaat weiter ausgehöhlt.

Im europäischen Raum herrscht nun

freier Waren-, Personen- und Kapitalverkehr.

Thatcher und Reagan haben gewonnen.

(Pascal): Was bedeuten Thatcherismus und Reaganismus?

Sie bedeuten Deregulierung.

Dazu gehört, dass Grenzen aufgeweicht

und staatlicher Protektionismus eingedämmt wird.

Die Märkte sollen es regeln, die Unternehmen sollen wachsen.

Das sorgt für hohe Gewinne,

die einigen Schwellenländern zum Wohlstand verhalfen

und es Entwicklungsländern ermöglichten,

zu Industriestandorten zu werden und zu wachsen.

Aber es hat auch Nachteile, vor allem in Sachen Steuer.

Steuerparadiese spielen heute eine fast dominierende Rolle,

was die Kapitalbesteuerung schwächt.

Es nimmt Ländern jede Möglichkeit,

Steuern einzutreiben, unabhängig vom jeweiligen Sozialmodell.

(Off): Am 1. Januar 2002 wird der Euro eingeführt.

Vorrangig erleichtert

die gemeinsame Währung den Kapitalverkehr.

Mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs geben Mitgliedsstaaten

ihr jahrtausendealtes Vorrecht der Währungskontrolle auf.

Doch innerhalb des Gemeinsamen Marktes ist nichts vorgesehen,

was Steuersysteme der Mitgliedsländer schützen würde.

(Emilie): Der Aufbau der Europäischen Union

müsste auch mit einer Sozial-

und Steuergesetzgebung verknüpft sein.

Das ist nicht passiert.

Es wurde nur an Handelsregulierungen gearbeitet,

um staatliche Monopole zu bekämpfen

und Beschränkungen für den Warenverkehr aufzuheben.

Es wurde überhaupt nicht bedacht,

welche Auswirkungen das auf Konzernstrukturen haben könnte.

Wenn aber ein Unternehmen einen Raum hat,

in dem es sich frei bewegen

und seine Produktion in einem Land ansiedeln kann,

wo Mitarbeiter weniger kosten, es weniger Sozialabgaben

und Lohnnebenkosten gibt,

dann baut es seine Produktionseinheit dort auf.

Wenn in einem anderen Land für geistiges Eigentum

keine Abgaben anfallen, siedelt es eben dort seine Holding an.

Dadurch ließ die EU andere Strukturen für Konzerne entstehen,

auch für international operierende Konzerne aus Frankreich.

(Off): Das wichtigste Credo des europäischen Aufbaus

ist die Liberalisierung des Kapitalverkehrs -

ganz wie zu Zeiten Margaret Thatchers.

Das führt dazu, dass den Bürgern ihre wichtigste souveräne Funktion

entzogen wird, die zur Gründung von Demokratien geführt hat:

ihr Recht, über ihre Steuern zu bestimmen.

Der freie Kapitalverkehr ist ein Parameter,

der die Fähigkeit von Staaten,

die Merkmale ihres Steuersystems selbst zu bestimmen,

erheblich geschwächt hat.

Sobald irgendwo in der Welt ein Steuersystem

mit einem anderen konkurriert, können nicht mehr die Staaten

selbst souverän über die Merkmale ihrer Besteuerung entscheiden,

sondern diejenigen, die in der Lage sind,

ihre Vermögenswerte zu verschieben.

Und wer ist dazu in der Lage?

Wer über Kapital verfügt -

über ein großes Vermögen oder ein Unternehmen -,

kann sehr leicht Geld von einem Land in ein anderes verschieben.

Außerdem die bestqualifizierten Arbeitnehmer, die in London,

New York oder Paris einen Job fanden und in der Lage sind,

die Steuerkonkurrenz zwischen den Ländern für sich auszunutzen.

Es war ja sichtbar,

wie viele Franzosen in den 1990er Jahren nach London gingen,

weil die steuerlichen Bedingungen dort für sie günstiger waren.

(Off): Damit auch Frankreich attraktiv bleibt,

gewähren Regierungen und Parlamente

steuerliche Vorteile je nach Berufsgruppe.

Es entstehen immer mehr Steuerschlupflöcher.

(André): Unsere Politiker werden durch den starken Einfluss

der EU-Gesetzgebung immer machtloser.

Eine der wenigen Wege,

auf die Forderung nach Steuersenkungen zu reagieren,

ist die Gewährung von Steuervorteilen.

Das ist leicht, man muss es nur verabschieden.

So wurde es auch gemacht.

Es ist ein politisches Instrument,

um Steuersenkungs-Interessen zu bedienen.

Das Problem ist leider, dass nur wenige davon profitieren,

und nicht die Allgemeinheit.

(Patrick): Diese Systeme sind sehr komplex

und führen zu großen Ungerechtigkeiten.

Unsere Steuerausgaben belaufen sich auf 100 Milliarden Euro.

Wie es ein Parlamentarier auf den Punkt brachte:

"Hinter jedem Steuerschlupfloch lauert ein Hund."

(Off): Auch die sogenannte "Gleichmäßigkeit der Besteuerung"

aus der Französischen Revolution fällt dabei unter den Tisch.

Modelle zur Steueroptimierung

eröffnen manch einem neue Perspektiven.

(Jérôme): Die Regeln sind kompliziert,

sie sind gleichzeitig disparat und global.

Daher gibt's viele, die sich das zu Nutze machen.

Das ist legal, es sind keine Steuerhinterzieher.

Steueroptimierung sorgt nur dafür,

dass sie so wenig Steuern wie möglich zahlen.

Sie schöpfen im Grunde nur den erlaubten gesetzlichen Rahmen aus.

(Lionel): Jemand, für den eine Steueroptimierung in Frage kommt,

zahlt schon verhältnismäßig viel, hat also eine hohe Steuerlast.

Vielleicht braucht er deshalb Beratung,

welche Möglichkeiten er hat, seine Steuerlast zu senken.

Wir können ihm Vorschläge unterbreiten,

aber er kann sich auch selbst etwas überlegen.

Dann können wir warnen oder nicht

oder ihm umgekehrt bestätigen, dass es möglich sei.

So läuft das ab.

Dafür muss er die Dienste von Leuten wie mir in Anspruch nehmen,

die die Gesetzeslage etwas besser kennen als er.

Mit solch einer Optimierung können mehrere Ziele verfolgt werden:

ein finanzielles, ein wirtschaftliches,

ein rechtliches oder auch ein steuerliches Ziel.

Verfolgt jemand ausschließlich Letzteres,

begeht er Rechtsmissbrauch und schnell gesetzlichen Betrug.

Aber nur dann!

Der Begriff des ausschließlich steuerlichen Zwecks

wurde jedoch abgeändert,

heute heißt es nur noch "überwiegend steuerlich".

Ab wann ein Vorgang eher als "überwiegend steuerlich",

nicht als "wirtschaftlich" oder "rechtlich" eingeschätzt wird,

da ist die Grenze nur schwer zu ziehen.

(Off): Wenn Privatpersonen ihre Steuerlast senken können,

ist es nur schwer vorstellbar,

dass Unternehmen diesen Trick nicht auch nutzen.

Auf einem großen, deregulierten Markt

bieten sich Möglichkeiten zur Verschleierung von Gewinnen,

die zu Lasten der Bevölkerung gehen.

(Emilie): Das Ganze wirkt wie eine Offshore-Prämie

und veranlasst Unternehmen,

auch ihre Produktionsmodelle auszulagern,

weil dadurch alles günstiger wird.

Auch die Sozialabgaben, denn wenn es nach China

oder in andere asiatische Länder geht,

zahlen die Unternehmen den Arbeitnehmern viel weniger.

Zusätzlich sind die Einnahmen steuerfrei,

da sie bei der Übermittlung optimiert werden.

Auch das ist schlecht für den Arbeitsmarkt.

Die Steueroptimierung ist für mich in jeder Hinsicht sehr schädlich,

da sie den Gesellschaftsvertrag

und das Vertrauen zwischen Bürgern und Regierenden untergräbt.

Sie ist für mich einer der Nährböden für Populismus.

(Off): Steueroptimierung großer Unternehmen

hat direkte Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Alle G8- und G20-Staaten

unterstützen jedoch multinationale Konzerne,

die die Arbeitsmärkte gegeneinander ausspielen -

den globalen Norden gegen den Süden.

Mit dem einzigen Ziel, wettbewerbsfähig zu bleiben.

In Deutschland, wo die Arbeitslosenquote

nach der Wiedervereinigung 12 Prozent betrug,

verabschiedet das rot-grüne Kabinett Schröder

ein Gesetz zur Senkung der Lohnnebenkosten.

Als 2005 "Hartz IV" eingeführt wird, ist der Mittelschicht klar,

dass auch sie von Armut bedroht sein wird.

(Swen): Die eigentliche Bedrohung von Hartz IV

war nicht die für Arbeitslose,

sondern das waren die Folgen für den Arbeitsmarkt.

Infolge von Hartz IV hat sich ein Billiglohnsektor

in Deutschland, vor allem in Sachsen-Anhalt etabliert.

Strategie der damaligen Landesregierung war,

Sachsen-Anhalt als Billiglohnland zu verkaufen,

als verlängerte Bergbank.

Schaut her, hier arbeiten die Leute für das wenigste Geld.

Wir hatten hier Stundenlöhne von 4 Euro, 6 Euro gehabt,

die als völlig normal galten.

Das war die eigentliche Folge von Hartz IV.

(Off): In Sachsen-Anhalt greift die Armut um sich.

Die Senkung der Lohnnebenkosten

zerstört den letzten Rest des ostdeutschen Sozialmodells

und bedroht die sozial Schwächsten.

Nicht nur die deutsche Sozialdemokratie

hat den Sozialabbau als Glaubensbekenntnis übernommen,

das gilt ja auch für die "Partie Socialiste",

also "le Partie Socialiste en France".

Das gilt genauso für die PSOE in Spanien,

sowie für die italienischen Kommunisten.

Wen immer Sie nehmen wollen,

man ist irgendwann dem Irrglauben des Neoliberalismus verfallen

und hat damit das Denken der Sozialdemokraten

und Sozialisten aufgegeben.

(Off): Mit dem Niedergang der Sozialdemokratie

geht auch das Ziel der Umverteilung und des Ausgleichs

sozialer Steuerungerechtigkeiten nach und nach verloren.

2005 sollen die Europäer

über eine gemeinsame europäische Verfassung abstimmen.

Dänemark, die Niederlande und Frankreich - jene drei Länder,

in denen per Referendum über die Annahme des Vertrags

entschieden wird -, stimmen mit Nein.

*Jubel*

(Chirac): Frankreich hat demokratisch entschieden.

(Sprechchöre): Wir haben Nein gesagt!

(Off): Aber was sind Volksabstimmungen wert,

wenn sich der Markt auf den Kapitalverkehr konzentriert?

Zwei Jahre später wird der Vertrag von Lissabon unterzeichnet,

quasi eine Kopie des abgelehnten Vertrags.

Dieser demokratische Taschenspielertrick hat Folgen:

Einige Jahre später, 2019, konstatieren die Gelbwesten,

dass es mit der repräsentativen Demokratie nicht zum Besten stehe.

(Frau): "Abstimmung über einen neuen EU-Vertrag,

der alle einbezieht

und das Abstimmungsergebnis nicht verfälscht."

(Frau 2) "Eine neue Verfassung, die Volksabstimmungen zulässt."

(Frau 3): "Sichtbare Abgeordnete mit Direktkontakt zu Bürgern."

(Frau 4): "Nur eine Amtszeit."

(Frau 5): "Konstitutionelle Monarchie weg!"

(Off): In Versammlungen beleben Gelbwesten

die politische Debatte.

Mit jeder Krise wird die Verquickung

zwischen Steuersystem und Politik deutlicher.

Die Finanzkrise von 2008 hat verdeutlicht,

dass eine Globalisierung ohne Regulierung stattfindet.

Oder: Es gibt eine Globalisierung dank Deregulierung.

(Off): Die Deregulierung entfesselt die Märkte,

angefangen beim Immobilienmarkt.

In den 2000er-Jahren treiben Banken mit Billigung

der Regierungen Bürger in die Verschuldung für Wohneigentum

mit Hypotheken zu variablen Zinssätzen.

(Mann): Runter auf 10.000.

(Off): Als die Zahl der Kredite explodiert, steigen die Zinsen,

was Banken, Märkten zugutekommt, aber Schuldnern schadet,

die ihre Kredite nicht mehr bedienen können.

2008 häufen sich Zahlungsausfälle

und lösen die globale "Subprime-Krise" aus.

Das gesamte Finanzsystem steht kurz vor dem Bankrott.

Die Staaten retten die Banken mit öffentlichen Geldern.

Dafür werden die Reste des Sozialstaats geopfert.

Vor allem Großbritannien tut alles,

um seine weltweit operierenden Banken vorm Bankrott zu bewahren.

Vor dem britischen Schatzamt

skandieren sie "Baut den Sozialstaat nicht ab",

entgegen George Osbornes Sparprogramm.

(George): Es war ein großer Moment,

mein erster Haushalt, und ich war etwas nervös.

Ich wusste, dass ich dem Land

viele einschneidende Maßnahmen ankündigen musste,

z.B. die Erhöhung des Rentenalters,

keine Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst

für Krankenschwestern und Lehrer

oder Steuererhöhungen für die Wohlhabendsten.

Solche Dinge sind nicht leicht durchzusetzen,

und die Leute erwarteten wohl,

dass ich das schrittweise über mehrere Jahre hinweg tun würde.

Aber ich machte alles auf einmal.

(Off): Beim Schuldenabbau gibt es kein Pardon:

In Deutschland verfolgt Finanzminister Wolfgang Schäuble

den gleichen Kurs wie George Osborne.

Der Neoliberalismus saniert sich auf Kosten der sozial Schwächsten.

(Wolfgang): Und dann hat die Bundesregierung

mit großen wirtschaftlichen Leistungen,

mit dem Instrument der Kurzarbeit,

mit vielen Investitionshilfen,

auch mit vielen Investitionsprogrammen,

aber auch mit Investitionen oder Hilfen

für Konsum und soziale Absicherung die Krise gut gemeistert.

(Off): Mit Wolfgang Schäuble als Finanzminister wird alles

der "schwarzen Null" untergeordnet.

Mit ihm wird die Schuldenbremse,

Mechanismus für einen strikt ausgeglichenen Haushalt,

für zehn Jahre in der deutschen Verfassung verankert.

Veranschaulicht in Form der "Schuldenuhr".

(Reiner): Die Schuldenuhr ist Symbol dafür,

dass man die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit,

die Steuerbelastung der Bürger,

und das Anspruchsverhalten

der Gesellschaft in Einklang bringt.

Und die Schuldenuhr fußt auf einer Idee,

dass man eben sich nicht übermäßig verschulden darf.

Dass man immer schauen muss, dass man Schulden, die man aufnimmt,

sie auch bedienen kann.

Diese roten Zahlen symbolisieren eben,

wie politisches Handeln in der Finanzpolitik umgesetzt wird.

(Off): Diese Uhr symbolisiert vor allem

Deutschlands Credo des letzten Jahrzehnts:

Senkung der Ausgaben um jeden Preis.

In Frankreich hat Nicolas Sarkozys Regierung

Schulden zwar nicht reduziert,

sich aber ebenfalls entschieden, Banken und Reiche zu retten.

Der Finanzminister führt eine Reform

zur Begrenzung der reichsten Steuerzahler ein:

Insgesamt soll die zu zahlende Steuer

bei 50 Prozent des Einkommens gedeckelt werden.

(Eric): Die systematische Steuererhöhung

ist eine schlechte Lösung.

Ein Finanzminister muss andere Wege finden.

Dafür muss er genügend politische Kraft aus sich selbst schöpfen,

um ein Übermaß an öffentlichen Abgaben zu vermeiden

und es dem Land zu ermöglichen, andere Schlüsse zu ziehen.

Eine Demokratie muss effizient mit dem Geld der Bürger umgehen.

Wenn Unternehmen oder Haushalte zu viele Steuern zahlen,

fließt zu viel Geld nicht in die Privatwirtschaft.

Es kommt nicht der Wirtschaft zu Gute,

ermöglicht nicht Vermögensaufbau, die Weitergabe an seine Kinder.

Der Einzelne kann nicht mehr

frei über das Geld verfügen, das er verdient hat.

(Off): Diese Höchstgrenze für Steuern

geht mit der Kürzung von Sozialausgaben einher,

die von einer durchgesetzten EU-Sparpolitik propagiert wird.

Ein wachsender Teil der Bevölkerung

rutscht in die Armut ab.

(Geoff): Die Arbeitnehmer waren die Leidtragenden der Sparpolitik,

sie mussten Lohnkürzungen

und den Abbau öffentlicher Dienste hinnehmen,

während die Finanzbranche massive Unterstützung erfuhr.

Das Ergebnis war eine verkehrte, ungerechte Welt,

in der die Arbeiter bestraft und die Finanzwelt belohnt wurde,

obwohl sie die Krise verschuldet hatte.

(Off): Um ein Gegengewicht zu dieser Politik

für die Reichsten zu schaffen und vorzuspiegeln,

auch sie würden zur Kasse gebeten, schließen sich die EU-Länder

dem von der OECD eingeleiteten Prozess an,

den Steueroasen das Leben schwerer zu machen.

Dass es 2009 gelungen ist, das Bankgeheimnis in der Schweiz,

Luxemburg, Singapur, Hongkong, den Kaimaninseln, Bermuda -

ich könnte noch 50 weitere Länder aufzählen - aufzuheben,

war durch eine starke politische Dynamik bedingt,

die der Schock der Banken-Krise ausgelöst hatte.

Alle Länder, ob von Rechten oder Linken regiert, sagten:

"Wir können nicht Tausende Milliarden Euro

zur Banken-Rettung bereitstellen und gleichzeitig zusehen,

wie diese Banken Leuten durch das Bankgeheimnis dabei helfen,

Steuern nicht zu zahlen."

Also sollten die G20 eine Liste erstellen,

welche Länder mit Bankgeheimnis seit den ersten Bemühungen

in den 90er-Jahren Fortschritte gemacht hatten und welche nicht.

(Xavier): Für die Schweiz war Freitag, der 13. März 2009

ein im Nachhinein sehr wichtiges Datum.

Da gab unsere Regierung, der Schweizer Bundesrat,

eine Pressekonferenz und kündigte an,

dass die Schweiz von nun an den OECD-Standard einhalten würde,

den berühmten Artikel 26 des Musterabkommens

zur Vermeidung der Doppelbesteuerung.

Dieser Artikel besagt, dass Staaten in steuerlichen Belangen

Informationen austauschen müssen

und nicht das Bankgeheimnis geltend machen können,

um den Austausch zu umgehen.

Bereits im Mai 2015 - also sehr bald danach -

ging die Schweiz sogar so weit zu sagen:

"Wir akzeptieren nun auch den Standard

eines automatischen Informationsaustauschs."

"Das Ende des Bankgeheimnisses" ist nicht nur ein Wort.

Es ist ein juristischer Vorgang,

er erfordert eine Gesetzesänderung und bringt Geld.

Bis heute haben die Länder durch die Umstellung

auf den automatischen Informationsaustausch

bereits 107 Milliarden Euro eingenommen.

Menschen, die Bankkonten in der Schweiz oder anderswo hatten,

haben diese Konten nun im Land ihres Wohnsitzes angemeldet

und Steuern in Höhe von 107 Milliarden Euro gezahlt.

Und das hatte Auswirkungen:

Offshore-Einlagen auf Auslandskonten

gingen um 24 Prozent zurück.

(Off): Doch die OECD-Maßnahmen scheinen nicht auszureichen,

um Steuerparadiese auszurotten.

(Bernard): Es gibt weiterhin weltweit Firmenkonstrukte,

die in Wirklichkeit nur Briefkastenfirmen sind.

Bis heute können sich Leute -

weniger als früher, aber immer noch - hinter so etwas verstecken.

Sei es, um Geld zu waschen

oder um Steuerhinterziehung zu ermöglichen.

Die Ermittlungen in Zusammenhang

mit den Panama Papers haben gezeigt,

dass regelrechte Netzwerke solcher Tarnfirmen existieren.

Ob sie nun auf den Seychellen,

auf den Kaimaninseln oder in Panama sitzen.

Das ist eines der großen, noch ungelösten Probleme.

(Off): Warum in die Ferne schweifen,

wenn man auch anders ein Steuerparadies schaffen kann?

Luxemburg lockt Unternehmen mit Steuervorteilen.

(Emilie): Es ist nicht normal, dass Kleinstaaten in Europa

Milliarden Euro Steuereinnahmen von anderen Staaten abzweigen,

die ihrerseits das Humankapital

und die Kompetenz für Europa bereitstellen.

Die die Menschen ausbilden,

die in diesen Steuerparadiesen arbeiten.

Diese Kleinstaaten zweigen nicht nur Steuereinnahmen ab,

sondern leisten auf EU-Ebene auch keine Entschädigung

für die Werte, die sie da entwendeten.

(Off): Der Steuerwettbewerb auf EU-Ebene

führt zu Spannungen und Ungleichgewicht.

Aus der Krise von 2008 gehen die Banken gestärkt hervor,

die Reichen wurden noch reicher.

Viele fühlen sich getäuscht und reagieren.

Populismus gewinnt wieder an Zulauf.

Dann ein harter Schlag für die EU: der Brexit.

2016 lässt die britische Regierung

das Volk über die EU-Mitgliedschaft abstimmen.

"Remain or Leave"? - Das ist hier die Frage.

Die Brexit-Kampagne suggeriert den Wählern,

die EU sei für den Sozialabbau verantwortlich,

obwohl er auf britische Regierungen

seit Margaret Thatcher zurückgeht.

Die Brexit-Befürworter argumentierten u.a. damit,

dass 350 Millionen Pfund wöchentlich für den NHS,

den National Health Service, ausgegeben werden könnten,

statt nach Brüssel zu fließen.

Die Zahl war gefälscht,

denn tatsächlich ging ein Großteil des Geldes,

das wir an Brüssel zahlten,

durch den europäischen Strukturfond an uns zurück.

(Off): Beim Referendum am 23. Juni 2016

stimmt eine Mehrheit für den Brexit.

Der Nordosten Englands, eine frühere Labour-Hochburg,

ist das Zünglein an der Waage.

(David): Wir wollten uns selbst regieren,

Schluss machen mit den EU-Regeln der letzten zehn Jahre wie:

Ihr müsst so und so viele Flüchtlinge aufnehmen,

so und so viele Migranten, das war verrückt!

Ich fühlte mich abgehängt,

von allen Regierungen im Stich gelassen,

nicht nur der letzten.

Das Volk verdient Geld durch harte Arbeit,

und die Reichen behalten es.

Sie verteilen es nicht dahin, wo es hingehört.

Das System in unserem Land ist extrem ungerecht.

(Off): Mit dem Brexit

tritt die nationale Spaltung in England deutlich zutage:

Der Norden will aus der EU austreten, der Süden nicht.

London, der Südosten und der Osten Englands

sind wohlhabender als der Rest des Landes.

Je weiter es in den Norden geht,

durch die Midlands und immer weiter,

umso mehr Not begegnet einem.

Diese Regionen sind deutlich ärmer,

und die Menschen weniger wohlhabend.

(Off): Auch Deutschland ist immer noch zweigeteilt.

Die Trennlinie folgt dem früheren Grenzverlauf

zwischen der DDR und der Bundesrepublik.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung

gibt es immer noch "Ossis" und "Wessis".

Der AfD, der rechtspopulistischen "Alternative für Deutschland",

spielt das in die Hände.

Wir haben in Deutschland die AfD

und die AfD ist in Ostdeutschland stärker

aber nicht weil in Ostdeutschland Leute anfälliger wären

für die AfD, sondern weil die Ursache

ist, wenn die Leute das Gefühl haben,

dass sie sozial ausgegrenzt sind,

dass ihre Löhne zu niedrig sind,

dass ihre Renten nicht gut sind,

dass insgesamt ihre Lebensbedingungen nicht gut sind,

dann wählen sie Protest.

Das heißt, die soziale Differenz

ist die Ursache für die Differenz in der Zustimmung zur AfD.

(Sprechchöre): AfD! AfD!

(Off): Diese Protestwahl, von der besonders die AfD profitiert,

ähnelt dem Muster der Brexit-Abstimmung in England.

Überfremdungsangst gepaart mit Steuerverdrossenheit -

vor allem bei der Bevölkerung in benachteiligten Gebieten.

In Frankreich war es die 2018

beschlossene Erhöhung der CO2-Steuer,

die die Spaltung des Landes verdeutlicht.

Wer weit weg von den Städten lebt

und auf das Auto angewiesen ist, protestiert.

Dies ist der Ausgangspunkt der Gelbwesten-Bewegung,

die im Laufe der Zeit noch mehr Kritikpunkte anspricht.

Die Gelbwesten sind auch eine Art Steuerrevolte.

Ein Anstieg der Steuerlast,

der von einer Bevölkerungsgruppe als ungerecht empfunden wird,

ruft deren Reaktion hervor.

In einem Umfeld mit sehr hoher Steuerlast

und geringer Zufriedenheit mit dem Staat

kommt es zu solchen überhitzten Reaktionen,

wie wir sie von den Gelbwesten kennen.

(Blanche): Eine Steuer,

die noch auf die Steuer der Steuer obendrauf kommt ―

das hat das Fass wohl zum Überlaufen gebracht.

Rumort hat es schon vorher.

Ich ging nicht wegen der CO2-Steuer auf die Straße,

sondern wegen der Gelbwesten.

Aber ich glaube, dass viele zu Hause vor dem Computer

verärgert darauf warteten.

Ich schimpfe schon ewig und denke mir: Wann kommt der große Knall?

(Frau): Wir haben die Schnauze voll!

(Frau): Verzweiflung mobilisiert das Volk und ist gefährlich.

(Mann): Für mehr Steuergerechtigkeit

müssen wir Kapitalismus zerstören oder moralischer machen.

(Frau 2): Schluss mit Steuersenkungen!

(Frau 3): Grundeinkommen für junge Leute von 16 bis 25!

(Mann 2): Stärkung des öffentlichen Dienstes.

(Frau 4): Steuerschlupflöcher schließen, Privileg für Reiche.

(Medhi): Wir arbeiteten gut vor, machten uns die Mühe,

in einer Bürgerversammlung zu diskutieren,

wo jeder kommen und reden konnte, und wo alle Beschwerden,

auch widersprüchliche - denn die gab es! -

notiert und weitergegeben wurden.

Aber bei der Versammlung im Senat und in den Gemeinden

haben sich die Leute sehr geärgert,

denn die einzigen Antworten, die sie bekamen, waren:

"Nein, es gab keine Polizeigewalt, kein Tränengas,

es wurde niemand verprügelt", oder "Das war gerechtfertigt."

Oder "Was Sie da fordern, da können wir leider nichts tun,

wir geben so schon zu viel aus."

Daraus folgt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen

und mehr Kontrolle über die Politik zu bekommen.

Letztlich fordern Menschen mehr Demokratie.

(Off): Da sie überzeugt sind, nicht gehört zu werden,

machen die Gelben Westen fast ein Jahr lang mobil.

Wütende Aktionen

und widersprüchliche Forderungen vermischen sich.

Ihre Hauptforderung ist,

wieder die Kontrolle über Steuern zu erlangen

und in Beschwerden ernstgenommen zu werden.

Aber können Staaten, die Besteuerung

immer weniger selbst kontrollieren, das leisten?

Die Steuer ist der Dreh- und Angelpunkt der Souveränität.

Das haben wir bereits gezeigt.

Es gibt keine Souveränität

ohne die Befugnis, Steuern zu erheben.

Das galt vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.

Aber jetzt erleben wir die Globalisierung.

Hinzu kommen die neuen Merkmale der Ökonomien,

einer Art Digitalisierung der Wirtschaft.

Sie entsprechen nicht mehr

den Merkmalen althergebrachter ökonomischer Aktivitäten.

Wo genau heute multinationale Unternehmen ihren Sitz haben,

ist schwer zu sagen.

Und da der nicht genau bekannt ist,

ist auch nicht bekannt, wo sie zu besteuern sind.

Darin liegt heute die ganze Schwierigkeit

bei der Besteuerung von Unternehmen:

ihren Wertschöpfungsprozess lokalisieren zu können.

(Off): Nach der Industriellen Revolution

kommt mit der Digitalen Revolution eine neue Art der Erfassung

von Vermögenswerten auf.

Amerikanische Tech-Giganten kassieren satte Gewinne

und beherrschen unangefochten den digitalen Markt des Westens.

(Benjamin): Wenn Sie Google nutzen

und was in die Suchmaschine eingeben, zahlen Sie nichts.

Das ist kostenlos.

Aber das heißt natürlich nicht, dass die Firma kein Geld verdient.

Denn das tut sie, indem sie Daten verkauft.

Daten sind aber per Definition immateriell.

Eine der großen Herausforderungen bei der heutigen Besteuerung ist,

Werte zu erfassen,

die traditionell nicht erfasst werden können.

(Jérôme): Die Herausforderung ist gigantisch,

es geht um Souveränität.

Wenn wir das nicht tun, werden Staaten wie Frankreich

mit hohem Steueraufkommen große Probleme kriegen.

Es besteht das Risiko, dass dieses Steueraufkommen

ihrem Hoheitsgebiet entgleitet, bei Einnahmen fehlt

und öffentlicher Dienst und das Wirtschaftsmodell

schwer finanzierbar sind.

(Off): Darum drängt die OECD, die 40 der reichsten Länder vertritt,

auf eine Regulierung der Volkswirtschaften

und arbeitet an der Einführung einer globalen Steuer.

Die OECD arbeitet daran,

diese Herausforderungen für die Wirtschaft zu bewältigen.

Neue Regeln sollen es den Staaten ermöglichen,

zwar weiter ihre eigenen Steuern zu erheben,

aber eine globale Sichtweise hinzuzufügen.

Dabei geht es um eine Menge Geld.

Was die Steuerflucht multinationaler Konzerne angeht,

geht es jährlich um ca. 300 bis 400 Milliarden Euro - weltweit.

Würden wir ganz schnell die globale Mindeststeuer einführen,

könnten wir mindestens 150 Milliarden Euro zusätzlich

zu den derzeitigen Steuereinnahmen einnehmen.

(Nemat): Ich finde es fantastisch,

dass wir dieses Umdenken miterleben

und dass es der OECD gelungen ist, ein neues Modell

der Unternehmensbesteuerung zu entwickeln.

Der Ansatzpunkt ist, dass Unternehmen

eine Verpflichtung gegenüber Gemeinschaften haben,

und dass sie dort Steuern zahlen müssen, wo sie operieren.

Deshalb muss eine globale Mindeststeuer festgelegt werden,

damit die Länder nicht miteinander konkurrieren,

indem sie Steuersätze drücken.

(Benjamin): Wird die Vereinbarung, wie wir sie uns wünschen,

verabschiedet, haben wir erstmals ein Instrument,

mit dem wir schädliche Praktiken

der Steuerparadiese beenden können.

Einfach ausgedrückt: Kein Staat muss seinen Steuersatz erhöhen,

aber die Vereinbarung gibt anderen das Recht,

ihn sehr hoch zu besteuern, wenn er es nicht tut.

Wir haben hier also ein sehr mächtiges Instrument,

um eine der schädlichsten Praktiken

der letzten zwei Jahrzehnte zu beenden.

Und wir sind fast soweit.

Das ist wahrscheinlich die größte Steuerreform seit 100 Jahren.

BETRUG AN MEHRWERTSTEUER

(Off): Amazon, Google & Co.

schlüpfen weiter durch Schlupflöcher.

Das Jahr 2020 beschert ihnen Rekordgewinne.

In der Pandemie profitieren diese Tech-Giganten von den Lockdowns,

ohne Rücksicht auf Klima, Steuergerechtigkeit

und das Überleben kleiner Händler.

Die Krise im Gesundheitswesen drängt die Gelbwesten-Proteste

in den Hintergrund, zeigt aber auch auf,

welche Löcher der Neoliberalismus

und der fortgeschrittene Verfall des Sozialstaats gerissen haben.

Niemand kann leugnen,

dass das jahrzehntelang kaputtgesparte Gesundheitssystem

der Flut von Kranken nicht gewachsen ist.

Das geht so weit, dass die Welt zum Stillstand kommt

und die Staaten zu hohen Ausgaben gezwungen sind,

um die Volkswirtschaften über Wasser zu halten.

Die EU muss hohe Kredite aufnehmen

und in ihre Mitgliedsstaaten pumpen.

(Natacha): Die Corona-Krise ist äußerst interessant,

da sie erneut zu einem enormen Anstieg der Ausgaben geführt hat,

was in den Industrieländern zu einem Verhältnis zwischen Schulden

und Bruttoinlandsprodukt von fast 120 Prozent geführt hat.

Wir erreichten noch nicht

die 150 Prozent des Ersten Weltkriegs,

ganz zu schweigen von den 250 Prozent der Napoleonischen Kriege

oder des Zweiten Weltkriegs.

Aber der Verschuldungsfaktor ist sehr hoch.

Und ich denke, dass sich viele im Moment fragen,

ob sich das wiederholen wird,

was nach der Krise von 2008 passiert ist.

(Off): Wo Schulden sind, gibt es zwangsläufig Steuern.

Politische Entscheidungen der Staaten nach der Pandemie

werden ausschlaggebend sein,

nachdem 50 Jahre Neoliberalismus der Steuer

ihre Umverteilungsinstrumente genommen haben.

Nun wollen wir mal sehen, ob es gelingt, nach der Pandemie

diese Ungleichheit wieder stärker abzubauen.

Da bin ich noch nicht sicher,

weil die Konzentration zugenommen hat

und die Wirtschaftsmacht sich immer stärker

bei weniger Großunternehmen konzentriert hat,

die natürlich alle nicht wollen,

dass Steuern anders werden und Sozialstaaten besser werden.

Wir sind sicher an einem Wendepunkt angelangt.

Wir können das pessimistisch sehen und sagen,

dass es in den letzten 30, 40 Jahren

eher schlechter geworden sei.

Wir könnten aber auch sagen, dass die beiden letzten Krisen -

die Finanzkrise von 2008 und die Pandemie seit 2020 -

einen echten Wandel herbeigeführt und die Prioritäten der Staaten

und ihre Ansichten in Steuerfragen umwarfen.

(Joan): Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg

gab es große Veränderungen, und ich glaube nicht,

dass es nach der Pandemie anders sein wird.

Es ist nur noch nicht sichtbar.

(Off): Auf welche Steuern

wird sich die Bevölkerung in Zukunft einigen können?

Wird es im 21. Jahrhundert

eine Steuer auf den digitalen Datenverkehr geben?

Müssen wir die Arbeit von Robotern besteuern?

Diese Fragen werden

früher oder später alle Protestbewegungen einholen.

Dabei stehen zwei simple Fragen im Zentrum,

die seit dem Mittelalter gleich blieben:

Was passiert mit unseren Steuern?

Und: Welches Gesellschaftsmodell kann damit aufgebaut werden?

Erzählerin: Monika Müller-Heusch

Sprechende: Michael Kamp, Hildegard Meier,

Gerhard Mohr, Sabine Murza, Udo Rau, Timo Tank

Übersetzung: Nicole Stange

Adaption & Sprachregie: Hildegard Wollbold & Esther Yakub

Mischung: Philipp Weiß

Deutsche Bearbeitung: MD Productions GmbH

Redaktion: Peter Gottschalk.

UNTERTITELUNG: Globe tv GmbH, Saarbrücken, 2022

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