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Ein Ort in Chile, fast am Ende der Welt.
* T�rklingeln *
40 Jahre lang lebte hier eine deutsche Sekte.
Colonia Dignidad, Kolonie der W�rde, nannte sie sich.
Hinter der Fassade des deutschen Musterdorfes
verbarg sich ein Reich des Horrors.
* Geschrei *
* Musik *
Sehen wir wie Kriminelle aus? Das ist politische Verfolgung.
Anfang der 60er-Jahre zogen 300 Deutsche nach Chile.
Sie wollten am Fu�e der Anden ein Dorf aufbauen
und hielten alles mit der Kamera fest.
Unter den Chilenen hie� es bald,
wenn Deutsche etwas wollen, dann schaffen sie es.
So erschufen die Siedler auf der anderen Seite der Welt
ein deutsches Paradies.
Ihr Anf�hrer Paul Sch�fer war ein selbsternannter Prediger.
Ich w�re f�r ihn durchs Feuer gegangen.
F�r mich war es klar, der Mann ist eine gott�hnliche Figur.
Ich glaube, jeder Mensch...
Das h�rt sich vielleicht fromm an,
jeder Mensch braucht Gott in seinem Leben.
(Mann) Er war der Teufel.
�ber Jahre.
Jahrzehnte.
* Musik *
Die Siedler lebten abgeschottet von der Au�enwelt,
hatten kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitung.
Weihnachten oder Geburtstage wurden abgeschafft.
Viele wussten nicht einmal, wie alt sie waren.
In der Kolonie stand die Zeit still.
40 Jahre lang.
Zum 1. Mal erz�hlen sie ausf�hrlich ihre Geschichte.
* Musik *
Die Geschichte der Colonia Dignidad
begann in einer orientierungslosen Zeit, Ende des Zweiten Weltkrieges.
1945 hatten Millionen Menschen in Deutschland
zwar den Krieg �berlebt, aber keine Zukunft vor sich.
Auch der damals 18 Jahre alte ehemalige Wehrmachtssoldat
Kurt Schnellenkamp suchte nach Halt und Orientierung.
Er ging in die Kirche.
Dann kriegten wir die Nachricht, es w�re ein Mensch da,
der w�rde das Evangelium gut betreuen.
Dieser arbeite als Jugendpfleger
in der evangelischen Kirchengemeinde von Gartow.
Im Krieg sei er Sanit�ter gewesen, hie� es.
Und er habe ein Glasauge.
Paul Sch�fer war sein Name.
Es war alles so, als wenn ein Wind k�me, alles weggefegt,
und da ist keine Dunkelheit mehr.
Paul Sch�fer konnte begeistern.
(Baak) Die Stimmung war einfach jugendfroh, frisch.
Nicht fromm verkorkst, was ich sowieso nicht leiden konnte.
Wenn man so fromm war und nur betet.
Nein, es war jugendfrische Fr�hlichkeit.
* Musik *
Er predigte, ohne Theologe zu sein.
Damit verstie� er gegen Kirchenrecht.
Gott spreche direkt durch ihn, lie� er die jungen Zuh�rer wissen
und verk�ndete,
dass sie keine Kirche ben�tigten, um zu Gott zu finden.
Was ich in keiner anderen Jugendstunde oder Gemeinschaft
erlebt habe, das war bei ihm.
Da konnte man eine Stecknadel fallen h�ren.
Wenn einer was predigt, das geht manchmal vorbei.
Aber manchmal gehts auch ein.
Bei mir ist es sehr eingegangen.
2 Jahre drehte sich das Leben der Jugendlichen nur um ihn.
Sie suchten seine N�he. Auch abends auf seinem Zimmer.
Dem Pastor gefiel das nicht, er k�ndigte ihm und notierte:
"Paul Sch�fer legt sektenhaftes Verhalten an den Tag."
Nach dem Rauswurf zog der in den Wald.
Dort besuchten ihn die Jugendlichen.
Er erz�hlte ihnen am Lagerfeuer von einer Begegnung mit Gott.
Alles wird in sich durchleuchtet.
Alles, was geschaffen ist, Gott ist Licht, Gott ist Geist.
Gottes allm�chtige Kraft durchdringt alles Geschaffene.
Er erkl�rte, dass Jesus ihn beauftragt habe,
eine christliche Gemeinschaft zu gr�nden,
in der die Menschen alles miteinander teilten.
In der Jugendgruppe war Ida Gatz, sie folgte ihm.
Wenn ich ehrlich sein soll, und das bin ich...
...ich war froh, dass ich mal raus kam.
Es war aufregend, per Anhalter zu fahren.
Paul Sch�fer reiste nun mit seinem Anhang durch Deutschland
und predigte in vielen evangelikalen Gemeinden.
Von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl seiner Anh�nger.
Er arbeitete in 2 Heimen als Jugendpfleger
und wurde beide Male fristlos entlassen.
Da sagte er zu mir:
Ida, ich m�chte einen Ort haben...
...wo mir niemand reinriechen kann.
1956 fand Paul Sch�fer schlie�lich eine Bleibe.
Ein St�ck Brachland mit Baracke
im nordrhein-westf�lischen Heide bei Siegburg.
Dort wollte er sich niederlassen
und eine neue Glaubensgemeinschaft aufbauen.
Unter seinen Anh�ngern verbreitete sich das wie ein Lauffeuer.
(Schnellenkamp) Dann bekam ich eine Nachricht,
sie h�tten da eine Baracke gekauft mit 1/4 ha Land.
Da erlebte ich einen innerlichen Befehl, ich will jetzt da hin...
...ein Jugendheim aufzubauen.
Ein Jugendheim f�r Waisenkinder oder Kinder,
die von der Stra�e waren, die nicht wussten, wohin sie sollten.
Um Geld einzutreiben, gr�ndete Paul Sch�fer den Verein
"Private Sociale Mission".
Seine Anh�nger sollten zum Aufbau des Heims,
als Zeichen der Treue und Ergebenheit, ihr Verm�gen spenden.
Es ging alles Geld, was ich bei der Dynamit AG Nobel in Troisdorf
verdient habe, und das war nicht so wenig.
350, glaube ich, wenn ich mich erinnern kann.
Das haben wir zum Zwecke der Missionsarbeit gegeben.
Auch Kurt Schnellenkamp gab sein Erspartes.
In der aufstrebenden Gemeinschaft fand er Best�tigung
und wurde Bauleiter.
Dann fingen wir an zu bauen, wir hatten nichts.
Paul Sch�fer hatte keine Ahnung.
Wirklich, der hatte keine Ahnung.
Aber er suchte nach f�higen Menschen.
Handwerkern, Technikern, einem Architekten, einer �rztin
und einem Juristen.
Noch w�hrend der Bauzeit zogen die ersten Kinder in die Baracken.
Paul Sch�fer
nahm v.a. den Nachwuchs von armen, gl�ubigen Eltern auf.
Willi Malessa war eines der Kinder,
die ins Jugendheim nach Heide kamen.
Zu Hause waren wir 8 Kinder.
Da war das nicht so �ppig, das Essen, usw.
Meine Mutter, die m�ssen sie wohl �berredet haben
oder gesagt haben, das w�r gut.
Weil Kinderheim usw., das w�r eine Entlastung f�r sie.
Und, und, und.
Bed�rftige Kriegswitwen waren Paul Sch�fer besonders dankbar.
Im Jugendheim lernte jedes Kind ein Instrument.
Paul Sch�fer schien in der Kindererziehung aufzugehen.
Niemand wunderte sich,
dass er mit knapp 40 Jahren nicht verheiratet war.
Er hatte zwar viele Anh�ngerinnen, aber bislang keine Frau.
Auf einmal kam er zu mir und sagte,
da h�tte jemand einen Traum gehabt.
Wir h�tten uns verlobt. Ich sag, so ein Quatsch.
Was glauben Sie, was dann passierte?
Wir haben uns Ringe gekauft.
Ringe, und zwar, die wir nie getragen haben.
Auch nie eine Ber�hrung mit Sch�fer gehabt.
Er hat mir einmal einen Kuss auf die Stirn gegeben.
(Gatz) Da sa�en wir zusammen,
und dann ging es um Brigitte, Verlobung, Heirat.
Da sagte ich: Warum soll er nicht heiraten?
Er ist doch ein normaler Mann.
Das ist er nicht, hat die Mutter von Paul Sch�fer gesagt.
Das ist er nicht. Ich sag: Wieso denn nicht?
Mein Gott seid ihr bl�d.
Im Heim lebten mittlerweile mehrere Dutzend Kinder.
�berwiegend Jungen.
F�r einige von ihnen hatte er sogar das Sorgerecht.
Es schien normal,
dass Onkel Paul jeden Abend einen Jungen zu sich rief.
(Gatz) Ich kam nachts an und bin in das Zimmer gegangen,
und da hatte er einen Knaben im Bett.
Die schliefen beide.
Ich kam unangeklopft rein, leise rein.
Der Junge schlief weiter.
Ich frag noch, Paul, ich bin da.
Da sagte er, geh ins Bett, dann bin ich ins Bett gegangen.
Ich habe nur gedacht,
wie liebevoll, ein Kind schl�ft bei ihm.
Auch Willi Malessa wurde abends zu Paul Sch�fer gebracht.
Nach Monaten vertraute er sich seiner Mutter an.
Meine Mutter hats nicht geglaubt.
Er war ja der Onkel, und ich war der kleene Dotz.
Nach nur 4 Jahren Bauzeit �ffnete das Heim 1960 offiziell.
Zur Einweihungsfeier kamen hochranginge G�ste.
Bankiers, Direktoren und auch eine Vertreterin der Bundesregierung
aus dem nahegelegenen Bonn.
* Musik *
Auch das Fernsehen berichtete.
Doch Paul Sch�fer tauchte auf der Feier nicht auf,
sondern versteckte sich im Abstellraum.
Die Reden �berlie� er anderen.
(Mann) Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Jugend.
Ich habe noch niemals eine Schar junger Menschen
vor mir stehen gehabt, aus deren Gesicht und ganzer Haltung
eine solche Klarheit und Sauberkeit...
...und solche, ich m�chte beinahe sagen, ein solcher Edelsinn sprang.
Eine Jugend wie ihr, die wird die Welt �berwinden.
Ein Gast war besonders von der Arbeit im Heim angetan.
Arturo Maschke, der chilenische Botschafter in Bonn.
Nach den Reden kam er auf Kurt Schnellenkamp zu.
Da war er so fasziniert, dieser Botschafter.
Der hat gesagt, so was brauchen wir in Chile.
Solche Leute.
Erst nach der Feier tauchte Paul Sch�fer wieder auf.
Er lie� T�ren und Fenster verschlie�en.
Dann verriet er Kurt Schnellenkamp,
dass ihn Eltern wegen Unzucht mit Abh�ngigen angezeigt hatten.
Einen Tag sp�ter klopfte er an die Zimmert�r von Brigitte Baak.
Er wollte einen Koffer, und ich hatte zuf�llig einen Lederkoffer.
Sag ich, den kannst du haben, wenn du ihn brauchst.
Denn er sagte, er m�sste verreisen.
Kurz darauf verlie� Paul Sch�fer das Jugendheim.
Mit dem Geld aus der Vereinskasse
reiste er mehrere Monate durch Israel, die T�rkei,
Libyen, Jordanien und �gypten.
Er sei auf einer Studienreise, hie� es in Heide.
In Wahrheit suchte er nach einem neuen Ort
f�r sich und seine Gemeinschaft.
Besuchte Schulen und Internate, Kibbuze und Kl�ster.
(alle reden durcheinander)
Doch im Nahen Osten wurde er nicht f�ndig.
In Deutschland lag mittlerweile ein Haftbefehl gegen ihn vor.
Er floh nach Br�ssel und verkroch sich in einem Hotel.
Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Bis er einen Bericht in der Wochenschau sah.
Chiles s�dliche H�lfte wird Tag f�r Tag
von Vulkanausbr�chen und Erdbeben von verheerendem Ausma� zerst�rt.
Es war das st�rkste Erdbeben, das die Welt je erlebt hatte.
Mehr als 1.500 Menschen starben, und 2 Mio. wurden obdachlos.
Dem Land drohte der Kollaps.
Paul Sch�fer kontaktierte den chilenischen Botschafter in Bonn.
In Chile sah er die L�sung seiner Probleme.
Durch Aturo Maschke
bekam er Kontakt zur politischen Elite von Chile.
Durfte in das Land einreisen
und Politikern sein Angebot unterbreiten.
Er k�me mit seinen Leuten und helfe den Armen.
Die Politiker waren begeistert.
Ohne ihn zu �berpr�fen, erf�llten sie alle seine Bedingungen.
Er bekam 300 Einreisegenehmigungen und durfte Land kaufen.
* Telefonklingeln *
Nun verst�ndigte er seine Leute in Heide
und ordnete an, dass f�r den Aufbau
einige Jungen rasch zu ihm nach Chile gebracht werden sollten.
Die Mutter von Wolfgang Kneese glaubte,
ihr Sohn ginge auf eine Chorfahrt.
Wir sind quasi von einem Tag auf den anderen
aus der Schule rausgeholt worden.
Da wurden irgendwelche Gespr�che mit dem Direktorium gef�hrt.
Dann haben wir Deutschland verlassen.
* Musik und Gesang *
4 minderj�hrige Jungen und 2 Erwachsene
waren an Bord des Flugzeugs.
Das 30 qkm gro�e Grundst�ck, genannt Fundo,
das Paul Sch�fer gekauft hatte,
lag 350 km s�dlich der Hauptstadt Santiago.
Ein verlassener Landstrich, weit und breit nichts.
* Musik und Gesang *
Die Gruppe fing bei Null an.
(Malessa) Was wir dringend brauchten, als Erstes,
war ein Haus.
Oder eine Unterkunft.
Denn es war ja Anfang Winter.
Die Zelte, es war alles nass, wir konnten gar nichts machen.
(Kneese) Da sind wir im Fundo gewesen
und haben erst mal B�ume schlagen m�ssen.
Und s�gen, mit der Axt und mit dem Mercedes-Pkw
an der Kette die B�ume aus dem Wald ziehen.
* Musik *
(Malessa) Dann hatten wir Gemeinschaftsk�che.
Die bestand aus einem Kochkessel, einem Kupferkessel.
Den hat man bei den Zigeunern gekauft.
Der wurde auf offenem Feuer beheizt.
Was wir zu essen hatten, waren in der Hauptsache Kaninchen.
Monatelang arbeiteten sie rund um die Uhr.
Vom Schleppen der Baumst�mme hatten sie Blasen an den H�nden,
R�ckenschmerzen und blutige Schultern.
So hatte sich Wolfgang Kneese Chile nicht vorgestellt,
er f�hlte sich verraten.
Paul Sch�fer hatte ihm versprochen,
in Chile das Abitur machen zu k�nnen.
Wir haben uns gewaschen, im kalten Wasser des Perquilauqu�n.
Aus Pfefferminzgeschmack und aus dem Kies aus dem Fluss
wurde die Zahnpasta gebastelt.
Ich kam mir vor wie 50 Jahre oder vor dem Ersten Weltkrieg.
Da war es in Deutschland besser als das, was wir hatten.
Es war die gr��te Schei�e aller Zeiten f�r mich.
In Deutschland hatte Sch�fers Verein
seinen Sitz nach Siegburg verlagert.
Die Private Sociale Mission betrieb in der Stadt eine Drogerie
und Lebensmittell�den, in denen seine Anh�nger
Geld f�r die Mission in Chile erwirtschafteten.
Ein Laienprediger leitete die Mission in Deutschland.
(Mann) Wir wollten v�llig frei, politisch ungebunden,
konfessionell ungebunden eine soziale Arbeit
auf privater Initiative betreiben.
In der Form, dass jeder das Beste, das Letzte, was er kann,
dazu beisteuert.
Viele Anh�nger wollten nach Chile auswandern.
Doch Paul Sch�fer hatte klare Anforderungen.
Handwerker und Krankenschwestern wurden bevorzugt.
(Mann) Sie sind Verk�uferin und wollen nach Chile gehen?
Was machen Sie in Chile, dann?
Ich habe vor, dort in der Schule mitzuhelfen.
(Mann) Was werden Sie dort machen?
Ich werde dort in der Verwaltung arbeiten.
Und wenn M�glichkeit und Zeit ist, auch in der Kinderarbeit,
weil mich das sehr interessiert.
Dann h�rte ich, dass da Krankenschwestern gebraucht werden.
Insbesondere f�rs OP. Dann habe ich mich daf�r gemeldet.
Und hab meinen Dienst im Bundespostministerium aufgegeben
und hab angefangen, im Krankenhaus zu lernen, im OP.
Weil ich vor hab, nach dr�ben zu gehen.
V.a. Junge und Alleinstehende waren bereit, alles aufzugeben.
Sie hatten, im Gegensatz zu den Familien,
nicht viel zu verlieren.
* Musik *
Bei Nathan Bohnau stand mehr auf dem Spiel.
Das Haus, die Ersparnisse und die Rente.
Paul Sch�fer versprach ihm eine neue Bleibe in Chile.
Doch Nathan Bohnau z�gerte.
Paul Sch�fer �berzeugte seine Anh�nger anders.
Er weckte ihre Ur�ngste, prophezeite das Ende der Welt.
Die Russen w�rden Deutschland besetzen.
Gott habe ihm befohlen, mit der Gemeinde auszuwandern
und in Chile die Ankunft von Christus vorzubereiten.
Die politischen Ereignisse schienen ihn zu best�tigen.
Im Sommer 1961 wurde in Berlin die Mauer gebaut.
Dann wollten meine Eltern weg.
Das hat Sch�fer, glaube ich, ausgenutzt.
Die wollten aus Deutschland weg.
Die wollten nicht einen Dritten Weltkrieg erleben.
Erika Tymm war 2 Jahre alt, als sich ihre Eltern entschlossen,
Paul Sch�fer nach Chile zu folgen.
Was ich hier geh�rt habe von meinen Eltern, vom Papa besonders,
dass er das Haus, was er selber aufgebaut hatte in der Nacht,
die Ziegelsteine sich aus den Ruinen geholt.
Am Ende geschafft hat, dass er es vermieten konnte.
Hat alles verkauft und hat alles abgegeben
Die Auswanderer machten die Mission
um mehrere Millionen D-Mark reicher.
* Musik *
Wochenlang waren die Bohnaus, Tymms und andere Siedler
1962 auf dem Schiff nach Chile unterwegs.
Nach der Ankunft ging es auf Sandpisten weiter zur Kolonie.
15 h dauerte die aufregende Fahrt.
Das Bild vergesse ich nie, da stand ein kleiner Junge,
5, 6 Jahre alt, der hatte nur ein Hemd an, von seinem Vater.
Also, mehr nicht.
Da waren H�tten, die sahen schlimmer aus wie ein H�hnerstall.
Da haben Leute gewohnt.
Wo geht das jetzt hin?
Edeltrauds Mutter sp�rte die Angst ihrer Tochter.
Den Arm um ihre Schulter gelegt, erkl�rte sie ihr,
wir sind gekommen, um diesen Menschen zu helfen.
Das Land in der Gegend geh�rte wenigen Gro�grundbesitzern.
Die Mehrheit der Menschen waren jedoch Landarbeiter,
die sich und ihre Familien kaum ern�hren konnten.
Als wir da ankamen,
hast du in den H�fen kleine Kreuzchen gefunden.
Da wussten wir gar nicht, was das ist.
Meistens stand da ein Blumentopf und ein kleines Kreuzchen.
Das war immer, wenn ihnen ein Baby gestorben ist.
Es war eine gro�e Kindersterblichkeit.
* Musik *
Wir kamen im Fundo an, und dann komm ich da an.
Gabs eine Suppe,
und wir hatten gro�e Bananenstauden mitgebracht aus Panama.
Und die hatten Wassermelonen, und das war lecker.
Dann ging ich runter zum Fluss.
Das war da so sch�n.
Diese Steine, die Felsen, das Moos und die B�sche.
Ich konnte mich nicht sattsehen.
* Musik *
Das Leben der Siedler galt nun dem Aufbau der Kolonie.
Jeden Morgen ging es fr�h um 4 Uhr los.
Auf die �cker und Baustellen.
Wir haben damit abgefunden, ich war damals 26 Jahre.
Wir haben uns damit abgefunden, dass der Anfang schwer sein wird.
Alle arbeiteten mit, auch die Kinder.
Schulunterricht gab es keinen.
Ich hab selber H�user genagelt, und ganz gut,
fast so wie Handwerker, diese Binder genagelt.
In einer Reihe, immer mit 3 N�geln.
Die ganzen Binder f�r die Hallen, f�r die Dachst�hle genagelt.
* Musik *
(Malessa) Ich hab immer zugeguckt, wir sind oft mitgefahren
und haben geguckt, das geht so und so.
Da ist die Kupplung, die Bremse, das Gas.
Einmal hatten wir alles geladen, da war noch einer dabei,
und mit 2 Treckern sind wir dann als Jungs mit 14 Jahren,
ja, wir fahren los, zack.
Aufgestiegen, abgefahren, mit Trecker und H�nger ins Tal.
Die 1. Schicht endete um 11 Uhr morgens.
Da stand Paul Sch�fer gerade auf.
Er hat extra Fr�hst�ck gekriegt.
Einen sch�nen Teller, die Schnitten dekoriert mit Schinken.
Wie so ein...
Wie ein K�nig, der extra bedient wird, Kaffee und alles.
Danach legte sich Sch�fer wieder hin.
Alle anderen arbeiteten weiter.
* Musik *
Tag und Nacht, Tag und Nacht, immer 8 h gearbeitet,
dann zu Fu� im Dunkeln runtergelaufen.
Essen, schlafen, dann wieder hoch, wieder 8 h auf der Raupe gesessen.
Das haben wir 1,5 Jahre lang gemacht.
Jeden Tag nach dem Mittagsschlaf spielte Paul Sch�fer
mit den Jungen, die bereits auf ihn warteten.
* Musik *
"Mensch �rgere dich nicht" war sein Spiel.
Er konnte es nicht haben, dass er auch mal verlieren konnte.
Es gabs sogar, dass...
...dass Kinder geweint haben, wenn sie verloren hatten.
Die durften erst mal paar Wochen nicht mehr spielen.
Er wurde zum Mittelpunkt ihres Lebens.
Er hat immer gesagt, wir leben f�r Gott, nicht f�r die Familie.
Wollte ja nur f�r Gott leben. Und der Sch�fer war mein Papa.
Am Abend, nach der Arbeit, predigte er oft bis Mitternacht.
Was hast du heute f�r Gott getan?
Arbeit ist Gottesdienst!
Sp�t in der Nacht fielen die Kolonisten ersch�pft in die Betten.
Schon kurz nach der Ankunft
hatte Paul Sch�fer ein Haus zum Kinderhaus erkl�rt.
Dort wurden die Kinder von Tanten betreut und erzogen.
Den entsetzten Eltern hatte er erkl�rt,
das sei nur vor�bergehend, bis das Dorf aufgebaut w�re.
* Musik *
Damit wurden die Kinder endg�ltig von ihren Eltern getrennt.
F�r mich war das mehr als grauenvoll.
Ich habe jede Nacht geweint.
Ich kam auch immer ins Kinderbettchen, in die Mitte.
Ich hab mit dem Kopf geschaukelt, gegen die Wand gebollert.
Die Probleme in der Kindererziehung sind nicht die Kinder,
sind immer die Eltern.
Und die Eltern Schuld haben an den S�nden der Kinder.
Das war so grausam,
ich hab immer geweint, Mama, komm wieder.
Jede Nacht, bis ich 13 war, ist das noch gegangen.
Nat�rlich morgens das Problem, dass das Bett immer nass war,
bis 13 Jahre, von oben bis unten.
Weil ich jede Nacht geweint hab auch.
* Musik *
Der Papa hat uns erz�hlt, dass er 3-mal da war und gebeten hat,
ich m�chte meine Kinder wiederhaben,
das sind meine und nicht deine.
Beim 3. Mal hat Sch�fer ihn so vorgenommen und hat gesagt:
Was denkst du dir, was willst du deinen Kindern bieten?
Die haben von allem. Und was willst du ihnen bieten?
Der ist nachher zusammengesackt und hat gesagt:
Hat auch recht, ich hab gar nichts.
Ich hab nicht einen Peso in der Tasche,
ich hab kein Dach �ber dem Kopf.
Am Ende wei� ich nicht mal, wo wir sind. Die verhungern mir.
Viele Kinder wussten schon bald nicht mehr, wer ihre Eltern waren.
F�r Paul Sch�fer wurde es jetzt noch einfacher,
jede Nacht einen Jungen zu sich zu holen.
* Musik *
Er hat sich an denen bedient, die er da hatte.
Und das war ich, in 1. Linie.
Endlich hatte er, was er wollte.
Einen Ort, an dem ihn niemand reinriechen konnte.
Doch obwohl die Leute tagein, tagaus schufteten,
drohte der Gemeinschaft der Bankrott.
Paul Sch�fer hatte das Geld seiner Anh�nger ausgegeben.
Er bat Kurt Schnellenkamp um Hilfe.
Ich habe gesagt, das bringt es nicht alleine.
Das werden wir nicht erwirtschaften, was wir brauchen.
Das ist nix.
Kurt Schnellenkamp reiste nach Deutschland
und versuchte, das Jugendheim in Heide bei Siegburg,
das mittlerweile leer stand, zu verkaufen.
Mit Erfolg, er fand einen Abnehmer, die deutsche Bundeswehr.
Sie zahlte ihm 900.000 D-Mark.
Hab ich dann, war ich wieder in Deutschland.
Dann habe ich ein Steinbrecher gekauft und ein Sieb usw.
Dann habe ich gesagt, jetzt m�ssen wir da irgendwie Geld verdienen.
Schnellenkamp handelte f�r die Maschinen einen g�nstigen Preis aus
und lie� sie nach Chile verschiffen.
Dort hatte die Kolonie bereits einen Steinbruch gekauft.
Die Anlage war ein Segen,
denn Schotter wurde in H�lle und F�lle ben�tigt.
F�r die Reparatur der Erdbebensch�den und den Stra�enbau.
Niemand in Chile stellte so guten Schotter her wie die Kolonie.
Und niemand war so g�nstig.
Denn die Kolonisten bekamen f�r ihre Arbeit keinen Lohn.
Nun war Geld f�r weitere Maschinen und neues Land da.
Das Dorf wuchs.
Es wurden Werkst�tten f�r Tischler, Schuster
und Werkzeugmacher errichtet.
Eine M�hle, eine B�ckerei und ein Schlachtbetrieb.
zur Stromerzeugung.
* Maschinenger�usche *
Nach 6 Jahren harter Arbeit war es endlich so weit.
Die Kolonisten ernteten den 1. Weizen.
Sie hatten sich ihr Paradies geschaffen.
* Gesang *
Nun konnten sie sich voll und ganz ihrer Mission widmen.
Bislang hatten sie in Baracken die Armen versorgt,
nun stand das Krankenhaus.
Auf Pferdekarren und Lastern kamen t�glich Patienten,
v.a. Kinder.
* Musik *
F�r die Patienten war die Behandlung kostenlos,
die Kolonisten arbeiteten immer unentgeltlich.
Ein Kind kam, hatte wohl Durchfall, auch von so weit her.
Dann haben die von dem Eingang schon angerufen,
wir kommen mit einem Kind, das ist fast, lebt nur noch wenig.
Warmes Wasser.
Sonst kommst du in die Venen nicht mehr rein,
wir mussten das Kind aufweichen.
Dann waren wir mit 3 Schwestern, die eine hielt das Kind im Wasser,
der n�chste das �rmchen, die Infusion war schon fertig.
So haben wir Kinder gerettet.
Innerhalb kurzer Zeit
sank die Kindersterblichkeit in der Gegend erheblich.
Mit jedem geretteten Kind stieg das Ansehen von Paul Sch�fer
und der Kolonie in der Region.
Die chilenische Regierung erkl�rte die Kolonie f�r gemeinn�tzig.
Damit musste sie keine Steuern mehr zahlen.
Die Erfolge und der beachtliche Wohlstand
machten die Bewohner stolz und selbstbewusst.
Nathan Bohnau, Edeltrauds Vater, hielt die Zeit f�r gekommen,
Paul Sch�fer an ihre Abmachung zu erinnern.
Er wollte wieder mit seinen Kindern zusammenleben.
Mein Vater hat in der Versammlung verlangt,
dass wir jetzt im Aufbau so weit sind,
dass die einzelnen Familien ihre H�user kriegen.
So, wie es versprochen wurde.
Der wies die Forderung zur�ck und erkl�rte,
Privateigentum verderbe den Charakter.
Er wollte, dass keiner was hatte, und hat gesagt, das ist Quatsch.
Dann haut nachher jeder seine Wohnungst�r zu.
Und, und...
...jeder hat seine Meinung, dann ist das keine Gemeinde mehr.
Da wusste er nicht mehr, was wird da gesprochen,
was ist da los.
Er wollte �berall...
...den Fu� in der T�r haben und genau wissen, was gespielt wird.
Die Familie h�tte alles kaputt gemacht.
* Musik *
Es war Versammlung.
Das waren so 50 Personen.
Und ein Stuhl blieb �ber.
Auf dem lag ein Zettel, "Verr�ter".
Dann kam ihr Vater, der Nathan, rein.
Dann blieb ihm nur noch der Stuhl �ber.
So geht das.
Nathan Bohnau musste von nun an niedere Arbeiten erledigen.
Auch seine Familie wurde bestraft.
(Bohnau) Sch�fer hat mich, wenn er mich gesehen hat, "Sau" gerufen.
Jedes Mal, wenn er auftauchte und mich sah, schrie er: Du Sau.
Dann bin ich auch in mein K�mmerlein gegangen und hab gesagt:
Herr Jesus, hilf mir doch. Was passiert hier?
Alle konnten sehen, wie Paul Sch�fer ein Exempel statuierte.
Und alle nahmen es hin.
* Musik *
Sch�fer f�hlte sich unangreifbar.
* Musik *
Ich muss zwischen 13 und 14 gewesen sein.
Wir sind nachts rausgefahren, Sch�fer, ein paar Jungs, wie immer.
Nachts auf Jagd gefahren.
Mit Lampen und haben versucht, Kaninchen zu schie�en.
Van den Berg war auch dabei, der hat geleuchtet.
Wir hatten einen Sitz konstruiert, hinter dem Fahrersitz.
Und vorne einen St�nder gebaut, wo die Waffen drin waren.
Der Fahrer ist durch einen Kanal gefahren, und es gab einen Ruck.
Da ist das Gewehr rausgeflogen aus dem St�nder.
Und auf einmal ging der Schuss los.
* Schuss *
Paul Sch�fer wurde getroffen.
Die Kugel ging unter der G�rtellinie in den Bauch.
Und blieb stecken hinter dem linken Schulterblatt.
* Motorenger�usche *
Sie brachten ihn ins Dorf.
Wir dachten, dass er es nicht �berleben w�rde.
Denn es waren mehrere Organe getroffen, innerlich.
Das Gest�hne, das Gejammer.
Das wei� ich noch wie heut.
"Jetzt muss ich sterben."
Alle Kolonisten mussten nun f�r ihn beten.
F�r mich war das ein Konflikt, weil ich hatte Angst vor ihm.
Und ich fand ihn auch schrecklich als Person.
Auf der anderen Seite, bete ich nicht f�r ihn,
dann f�hle ich mich nachher schuldig, wenn er stirbt.
Also habe ich gebetet, aber mit einem Widerwillen.
F�r mich sollte er sterben.
* Musik *
Untertitel: WDR mediagroup GmbH im Auftrag von ARTE
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