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(Krähenkrächzen)
(Ernste Musik)
(Klingel)
(Ernste Musik)
(Vogelzwitschern)
(Knarren)
"Sein Rückzug aus der Welt der Körper verlief langsam,
aber unaufhaltsam."
"Schon der Gedanke,
mit einer anderen Person im selben Zimmer übernachten zu müssen,
konnte ihm den Schlaf rauben."
"Die leihweise Überlassung eines fremden Körpers
schien ihm akzeptabel."
"Er verzichtete auf begleitende Dienste und kam gleich zur Sache."
"Selten war er unberührbarer als im Moment der Vereinigung."
Kommen Sie doch rein, junger Mann.
Hm? Kommen Sie!
Nein?
Er will nicht.
Ich bin eine große Verehrerin von Ihnen, aber Ihre letzten Bücher,
die sind mir irgendwie zu ironisch ... zu kalt.
Dann nehmen Sie es als meinen Beitrag gegen die Erderwärmung.
Wiedersehen. - Auf Wiedersehen.
So, und Sie? Wie heißen Sie? - Teresa.
Aha, Teresa.
Mit "h" oder ohne? - Ohne.
(Stimmengewirr)
Wissen Sie, wo man in der Stadt noch was zu essen bekommt?
Um die Zeit?
Im Theatercafé vielleicht. - Ach ja?
Haben Sie Lust, mich zu begleiten?
Ich lade Sie ein. - Ich weiß nicht.
Sie haben schon was Besseres vor. (leise:) Oh!
Nein, aber ...
Frau Laudenklos wäre sicher gern mit Ihnen essen gegangen.
Wer ist Frau Laudenklos? - Ihre Buchhändlerin. Tschüss!
In Zukunft werde ich meine Bücher wohl im Internet bestellen müssen.
Oh Gott, was hab ich angerichtet?
Tut mir leid, wir schließen.
(Er seufzt leise.)
So, jetzt? - Da lang.
Können Sie uns wenigstens eine Flasche Rotwein verkaufen. - Ja.
Wollen Sie nicht doch ein Schlückchen?
Nein, danke, ich vertrag keinen Alkohol.
Ich muss davon niesen, ist komisch, ich weiß.
Einen kleinen Schluck, so einen ganz kleinen?
Was macht eine Frau wie Sie in einer Stadt wie dieser?
Eine Frau wie ich?
Ich bin Lehrerin an einer Grundschule.
Mhm. - Ziemlich langweilig, oder?
Meine erste Liebe war eine Grundschulliebe.
Mhm. Ein kleines Mädchen mit Sommersprossen und Zöpfen?
Mm ... Meine Lehrerin.
Fräulein Himmelheber, sehen Sie, ich weiß sogar noch ihren Namen.
So was muss Ihnen doch ständig passieren.
Ach, na ja ... Ich weiß nicht.
Doch.
Kann Ihre Frau Sie nicht auf diesen schrecklichen Lesereisen begleiten?
Ach, Sie wollen wissen, ob ich verheiratet bin?
Ich war verheiratet.
Aber das ist lange her.
Ich bin nicht masochistisch genug für die Ehe.
Aber in Ihren Büchern schreiben Sie lauter Paargeschichten.
Sie wissen doch, den Teufel treibt man mit dem Beelzebub aus.
Ich kenne all Ihre Bücher.
Oh! Sie machen mir Angst!
Wie trösten Sie sich denn,
wenn Sie nach des Tages Müh und Not in Ihrem Bettchen liegen?
Da oben wohne ich, da, wo das Licht brennt.
Ich lass immer das Licht brennen. Gute Nacht.
Was denn? Sie wollen mich doch jetzt nicht etwa alleine lassen
in dieser komatösen Stadt?
Wir nehmen noch einen Drink in meiner Hotelbar.
Bei mir klingelt um Viertel nach sechs der Wecker.
Ich schreibe Ihnen einen Entschuldigungszettel. - Nein.
Bleiben Sie, bitte!
Kommen Sie! Wann haben Sie schon mal Gelegenheit,
einem Schriftsteller beim Trinken zuzusehen?
Es wartet doch niemand auf Sie. Kommen Sie.
Lassen Sie mich los!
(Sie geht die Treppe hoch.)
(Miauen)
(Mailbox:) "Hier ist die Mailbox von Hannah Komarek."
(Glas klirrt.)
Warum erreiche ich wieder nur deine elende Sprachbox?
Verdammt noch mal!
Diese Lesereise ist eine Tortur, Hannah!
All diese schönen Seelen.
Die geistige Luft der Malerei,
die miesen Hotels, das schlechte Essen und ...
Ich muss mir das nicht mehr antun! Hörst du?
Ich brech ab!
Ich danke für deine Aufmerksamkeit.
(Langsame Musik)
(Langsame Musik)
(Er ächzt.)
Fährst du nach Berlin?
Komm, nimm mich mit!
Ich dachte, ich muss hier überwintern.
Sag mal, bist du Schriftsteller? - Ja.
Ich hab dich in der Buchhandlung gesehen.
Hat man schon mal was von dir gelesen?
Du bestimmt nicht. - Sicher!
Worum geht's denn bei dir?
Es geht um Leben.
Und es geht um Tod.
Also schreibst du Krimis?
Also ich steh eher so auf Science Fiction.
Weißt du, was der Sinn des Lebens ist?
Na ja, hab ich grad erst gelesen.
Deep Thought, das ist der Name von einem Supercomputer.
Der hat siebeneinhalb Millionen Jahre nachgedacht,
und die Antwort ist: forty-two.
Machst du das mit all deinen Büchern?
Exakt! Wenn ich sie gelesen hab, sind sie verschwunden.
(Quietschende Reifen) Oh Mann!
Cool!
(Handyklingeln)
Meine Freundin, sie hat schon wieder Sehnsucht nach mir.
Sie wohnt in Zürich. Warst du schon mal da?
Geile Stadt! Teuer, aber geil.
Kannst du einfach mal die Klappe halten?
Also, die meisten Leute wollen unterhalten werden,
wenn sie einen mitnehmen. - Ich unterhalte mich selber.
42.
Nachdem er siebeneinhalb Millionen Jahre gerechnet hat.
Lass das! Ich will das nicht!
(Pieptöne)
Für den Fall, dass du wenigstens berühmt bist.
Nimm das Ding weg! - Hey! Don't panic! Alter!
Mach das Ding weg! - Fuck!
Scheiße, Mann, Alter! - Raus mit dir, komm!
Scheiße! Bist du besoffen? - Steig aus!
Ich hab schon dauernd gedacht, dass du 'ne Fahne hast! - Raus!
Nicht anfassen! - Verschwinde!
Wichser! Halt, mein Rucksack!
(Dumpfer Knall)
(Er atmet laut.)
(leise:) Komm, komm!
Komm, komm! Komm, steh auf!
Komm, steh auf!
Ich helf dir.
Na, komm schon, langsam.
Langsam, komm.
Alles nur halb so schlimm.
(Ächzen)
(leise:) Komm her.
(Ächzen)
Setz dich.
Wie heißt du? - (wimmernd:) Daniel.
In der Stadt ist ein Krankenhaus, Daniel,
da bring ich dich hin.
Ich muss kotzen.
(Husten, Erbrechen)
(Husten, Würgelaute)
Mach nicht schlapp! Komm!
Mach jetzt nicht schlapp, Daniel!
Daniel!
Atme, atme, atme!
Atme! Atme!
Daniel! A ...
(Er schluchzt.)
Du ...
(Lautes Atmen)
(Angestrengtes Ächzen)
(Er hustet.)
(Er stöhnt.)
(Lautes Atmen)
(Ächzen, Motor wird gestartet)
(Angespannte Musik aus dem TV, Lachen)
Die Eins.
(Höhnisches Lachen aus dem TV)
82,80.
(Kecke Musik, Schrei aus dem TV)
(Düstere Musik)
(Düstere Musik)
(Raubvogelschrei)
Daniel? Daniel?
Daniel!
(Langsame Musik)
(Handyklingeln)
(Mailbox:) "Paul Bacher, Nachrichten nach dem Piep."
(Piepton)
"Hannah hier. Wir müssen dringend reden, Paul. Ruf mich an, ja?"
(Piepton, Seufzer)
(Autotür wird geöffnet)
Entschuldigung, wo wollen Sie hin?
Frau Komarek erwartet mich. - Und wie ist Ihr Name?
Bacher! Paul Bacher.
Hier ist ein Herr Bacher.
Man weiß nicht mehr, wer ich bin, in meinem eigenen Verlag.
Hallo, Paul! Alvara ist neu.
Sie kann noch nicht alle unsere Autoren kennen.
Nicht nur, dass meine Romane nach und nach
von der Backlist verschwinden,
jetzt kann man sich nicht mal mehr an den verdammten Autor erinnern.
Sei nicht albern! - Bacher ...
Who the fuck is Paul Bacher.
Hab ich doch richtig gehört. Paul!
Welch seltener Besucher.
Ich dachte, du bist auf Lesereise.
Was macht dein Roman? Kommst du voran?
Ich ziehe die Frage zurück.
Für die Meisterwerke ist ohnehin meine Frau zuständig.
Ich hoffe, du kommst zu unserer kleinen Verlagsparty. - Sicher nicht!
Ich weiß, du gehörst zu den schreibenden Schriftstellern.
Nicht zu den darstellenden.
So soll es ja auch sein.
Du, Wolf, ich muss jetzt los. - Ihr entschuldigt mich.
(Er flüstert.)
Wer ist denn das? - Katja Kummerow.
Sagt mir nichts.
"Die Wolkentreppe"? Platz 17 der Bestsellerliste.
Mhm.
Wie korrupt muss man sein, um auf dieser Liste zu erscheinen?
Ich meine jetzt künstlerisch korrupt.
Wolf will ein Buch mit ihr machen. - Ja, sicher. Nur zu.
(Er stöhnt.)
Wir haben deine Lesungen in Tuttlingen und Ditzingen abgesagt.
Ja, wahre Horte der Literatur.
Offiziell bist du erkrankt.
Ich bin krank!
Diese Lesungen gefährden meine geistige Gesundheit.
Ich komm mir vor wie ein Verkäufer auf 'ner Butterfahrt.
Statt Wärmedecken versuche ich, Senioren meinen Roman anzudrehen.
Aber die quengeln nur rum, finden, dass er nicht genug wärmt.
Du auch?
Nein, danke.
Gerade mal ein Dutzend Besucher. (Telefonklingen)
Nicht mehr lange, dann bin ich mein einziger Leser.
Ich wundere mich, dass du überhaupt noch gebucht wirst.
Seit vier Jahren kein neuer Roman.
Auch ein Paul Bacher unterliegt den Gesetzen des Marktes.
Ich habe nicht die Absicht,
mit den Schmökerhoffnungen deines Mannes zu konkurrieren.
Ich bin keiner von denen,
die jedes Jahr ein neues Buch auf den Markt werfen. - Was ist?
Eine Teresa Flößer hat angerufen.
Sie bittet um Rückruf.
Muss ich mir den Namen merken? - Sicher nicht.
(Langsame Musik, Türe quietscht)
(Daniel:) "Hallo? Wer ist denn da?"
"Kannst du bitte lauter reden?"
"Ich hab dich immer noch nicht verstanden!"
"Was wahrscheinlich daran liegt, dass ich nicht zu Hause bin."
"Du kannst mir aber auf meine Voicebox sprechen,
nach dem ... Piiieeep!"
(Türklingeln, klassische Musik von drinnen)
(Klickendes Geräusch)
Gehst du jetzt zum Schreiben in die Garage? Wie alle wahren Genies?
Du überschlägst dich ja geradezu vor Begeisterung, mich zu sehen.
Entschuldige. - Ich dachte, Autoren- pflege könnte nicht schaden.
Wo du dich doch so vernachlässigt fühlst.
Ja, ich war ein bisschen überrascht.
Warum hast du nicht angerufen?
Das sollte es sein: eine Überraschung!
Ich hab zwei Stunden Zeit.
Wolf ist in Frankfurt.
Er ist nicht vor acht zurück
Was ist? Willst du nicht mitspielen?
Es ist ein Spiel für zwei Personen.
Paul?
Hannah, ich ...
Ich hab seit Monaten keine Zeile geschrieben.
Verstehe.
Das sensible Zusammenspiel deiner Potenzen.
Ich erwarte, dass du mich ernst nimmst.
Aber ich nehme dich ernst.
Du weißt doch, ich bin eine berühmte Pegasusflüsterin.
Ich bin nur ein wenig enttäuscht.
Ich biete dir diese phänomenale Mischung
von Esprit und Sinnlichkeit,
und du lässt mich hier im Schlüppi stehen.
Bekomm ich wenigstens was zu trinken?
Erzähl mir jetzt nichts von Writer's Block.
Wenn es hart auf hart kam, hast du darüber geschrieben,
dass du nicht schreiben kannst.
Ja, ja.
Mein Interesse an mir selbst ... hat sich erschöpft.
Und was interessiert dich?
Gibt es eine andere Frau?
Mehr fällt dir dazu nicht ein?
Du bist der Kreative, ich denke an das Naheliegende.
Hier.
Du siehst furchtbar aus. - Hm.
Trinkst du wieder?
Hm, ich hab nie aufgehört.
Paul ... Ich mache mir Sorgen um dich.
(leise:) Ja.
Ja, ich weiß das zu schätzen.
Nein, quatsch, das ist nicht das richtige Wort.
Nein, es rührt mich!
Es rührt mich wirklich sehr.
(Er schnieft.)
Ohne deine ... deine Sorge, da...
Du willst nicht darüber reden?
(Er atmet laut aus.)
Ein andermal vielleicht.
(leise:) Vielleicht.
(Surren)
(Langsame Musik, Rufe im Hintergrund)
(Klirren der Schlüssel)
Hallo?
(Rufe von Kindern, Straßenlärm)
(Surren der Türklingel)
(Klopfen) (Tatjana) Mach auf!
Bist du da?
Ich weiß, dass du da bist.
Mach auf, bitte! Daniel!
Daniel! (Klopfen)
Ich weiß, dass du da bist.
(flüsternd:) Ich liebe dich.
(Langsame Klaviermusik)
Mach auf! Bitte! Daniel ...
(Langsame Klaviermusik)
Ich dachte ... Ist Daniel nicht da?
Wissen Sie, wo er ist? Er wollte doch schon längst zurück sein!
Im Riemann's haben sie auch schon nach ihm gefragt.
Wenn er heute Abend nicht zurückkommt,
dann braucht er gar nicht mehr zu kommen.
Wer sind Sie? Sind Sie sein Vater?
Ist was passiert?
(Handyklingeln)
(Er ächzt.)
(Er ächzt.)
(Lautes Atmen)
(Ernste Musik)
(Stimmengewirr)
(Schreie)
(Knurrende Laute)
(Höhnisches Lachen)
(Stimmengewirr, Rufe, Lachen)
Sie können hier nicht stehenbleiben.
Fahren Sie bitte rechts ran, und schalten Sie den Motor ab.
Sagen Sie, haben Sie Alkohol getrunken?
Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte.
(Laute Technomusik)
(Piepton)
(Handyklingeln)
(Langsame Musik)
Seien Sie froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.
Hatten Sie 'ne Lesung? - Ja.
Neulich abends ...
Ich hab ein bisschen übertrieben reagiert.
Hatte nichts mit Ihnen zu tun.
Wollte ich Ihnen nur sagen,
deshalb hab ich bei Ihrem Verlag angerufen.
Ich hab mich wie ein Idiot benommen.
Finde ich nicht.
Sie sollten es dabei belassen, Schriftsteller zu lesen.
Persönliche Begegnungen sind in der Regel enttäuschend.
Gegen Enttäuschungen bin ich ziemlich immun.
(Musik von drinnen)
La ... Lassen Sie das.
Lassen Sie das! Den Schlüssel bitte!
Entschuldigung.
Na, haben Sie kein Gepäck?
Ja. Nein. Mache ich später. (Räuspern)
Sehen Sie, jetzt habe ich es doch geschafft, Sie zu enttäuschen...
Na ja. Geht schon.
Aber danke für die Rettung.
Dass Sie mich gerettet haben.
Wie kommen Sie nach Hause?
Morgen ist Samstag. - Ja?
Keine Schule.
Wollen Sie mich nicht fragen, ob ich mit Ihnen noch was trinken gehe?
Möchten Sie das denn?
Sie sind ja lustig.
Ziemlich ruhig hier für Halloween.
Am Wochenende ist nie was los, wir sind ein Vertreterhotel.
Lassen Sie die Flasche bitte gleich hier.
(Räuspern)
Auf unser Wiedersehen!
Ganz ohne Niesen.
(Klaviermusik)
Jetzt wird's romantisch.
Ach, wenn ich nur wüsste, wie ich Sie ein bisschen aufmuntern kann.
Erzählen Sie von sich. - Ach.
Da gibt's nicht viel zu erzählen.
Was hat Sie hier in dieses Nest verschlagen?
Sie sind doch nicht von hier.
Eine gescheiterte Ehe. Schlimm gescheitert.
Meinem Ex-Mann wurde richterlich untersagt,
sich meiner Wohnung weniger als 500 Meter zu nähern.
Er hat sich nicht daran gehalten.
Am Ende war es für mich das Beste, zu gehen.
Und jetzt bin ich hier.
Es ist nicht so einfach.
Es gibt hier so wenig Anregungen.
Keine Menschen, mit denen man reden kann.
Kollegen haben alle Familie.
Es gibt nicht mal ein Kino.
Ab und zu 'ne Lesung in der Bücherstube.
Ja gut, ich lese viel,
Aber Bücher sind doch kein Ersatz für das wirkliche Leben, oder?
Hm, einen Schriftsteller dürfen Sie das nicht fragen.
Manchmal wach ich nachts auf
und weiß nicht, wo das alles hinführen soll.
Was will ich eigentlich?
Nicht sehr aufmunternd, oder?
Sie sind doch noch jung.
In drei Jahren werde ich 40.
Ich werde Ihnen nicht sagen, wie alt ich bin.
Das steht doch in jedem Klappentext.
Das werden wir ändern beim nächsten Buch.
Ah, Sie schreiben also ein neues Buch. Hab ich mir doch gedacht.
Das ist das letzte, worüber ich jetzt reden möchte.
Entschuldigung.
Sie müssen sich nicht immer entschuldigen.
Tut mir leid, ich ... - Da, schon wieder!
Na, wenigstens lachen Sie wieder.
Bis vor kurzem habe ich nicht mal gewusst,
ob ich überhaupt nochmal irgendetwas schreiben werde.
Und jetzt?
Ich habe einen Titel, nichts weiter.
Manchmal habe ich nur den Titel:
"Licht am Anfang des Tunnels".
Das Licht ... ist am Anfang?
Ja.
Man muss sich umdrehen, um es zu sehen.
(Langsame Musik im Hintergrund)
Trinken Sie deshalb so viel?
(Er weint leise.)
Ich möcht jetzt Schluss machen.
Bringen Sie uns noch eine Flasche?
Oh, Sie sind ganz schön schwer.
(lallend:) Jawoll!
Ein literarisches Schwergewicht.
Wirklich.
(Er hustet.)
Das ist ...
Moment.
Moment!
(Er stöhnt.) Was machen Sie denn da?
Nicht hier, nicht hier!
Kommen Sie, nicht hier!
Gehen Sie in Ihr Zimmer.
Habe ich hier ein Zimmer?
Ja.
Okay. Okay?
Okay.
(Stöhnen aus einem Zimmer) (beide:) Psch!
Entschuldigung, wie heißen Sie?
Teresa.
Die heilige Teresa.
(Schnarchen)
(Ruhige Musik)
(Er ächzt.)
(Lachen)
(Angespannte Musik)
(Die Frauen sprechen polnisch.)
(Angestrengtes Ächzen)
(Er weint.)
(Angestrengtes Ächzen)
(Möwenkreischen)
(Ernste Musik)
(Ernste Musik)
(Ernste Musik)
(Handyklingeln)
(leise:) Ja. - Hallo, hier ist Teresa.
Teresa Flößer, Ihre Retterin.
Was wollen Sie?
Ich hab im Hotel nach Ihnen gefragt, aber Sie waren nicht mehr da.
Sie sind hoffentlich nicht ohne Führerschein gefahren.
"Störe ich? Sie sind nicht gerade gesprächig."
Ich schreibe.
"Sollen wir lieber Schluss machen?"
"Hallo? Sind Sie noch da?"
Ich bin ... mitten in einem Satz.
(Winselnde Laute des Hundes)
(Bellen)
Sie können mich ja mal zurückrufen, wenn Sie einen Punkt gemacht haben.
Muss aber auch nicht sein.
(Schnattern einer Ente, Prusten)
(Der Hund winselt, bellt.)
(Leises winseln)
(Freizeichen)
(Mailbox:) "Teresa Flößer, Nachrichten nach dem Piep."
Hier ist Paul Bacher.
(Türklingel)
(Surren)
Hallo?
Hab ich Sie wieder beim Schreiben unterbrochen?
Nein, ich hatte schon einen Punkt gemacht.
Ich habe immer Angst, zu spät zu kommen,
dabei bin ich meistens zu früh. - Mhm.
Was ist?
Das ist nur ein Verlagsempfang, keine Nobelpreisfeier.
Finden Sie, ich bin overdressed? - Overdressed?
Nein, Sie sehen unglaublich ... unglaublich großartig aus.
Schön haben Sie es hier.
So viel Natur mitten in der Stadt.
Entschuldigung. Manchmal muss man sich die Natur vom Leibe halten.
Möchten Sie irgendwas trinken?
Also, Wasser oder einen Kaffee vielleicht?
Danke, nein. - Wir haben noch Zeit.
Ich glaube, ich habe neulich den Mund zu voll genommen.
Ich hab doch nicht alle Ihre Bücher gelesen.
Komisch, irgendwie hatte ich Sie mir immer
an einer Schreibmaschine vorgestellt.
Das muss an meinem Alter liegen. - Das ist nur ein Klischee:
Der Schriftsteller und seine Schreibmaschine.
Ich gebe zu, der Sexappeal eines Notebooks
ist nicht mit dem einer Mercedes oder Olympia zu vergleichen.
Meine letzte analoge Affäre war eine Gabriele.
Hemingway hat sogar ein Gedicht über seine Schreibmaschine geschrieben.
Sie mögen Hemingway?
Der alte Mann und das Meer?
Darf man das? - Entschuldigung.
Na ja, natürlich, Sie dürfen alles.
Er hat auch getrunken.
Hemingway. - Mhm.
Sie schaffen es noch, dass ich mir darauf was einbilde.
War ich sehr betrunken, ja? Neulich abends ...
Sie sind ganz schön abgestürzt.
Und hab ich versucht, Sie zu küssen?
Nein, keine Sorge. - Ach so.
(Lockere Musik)
(Stimmengewirr)
Für uns, für die Verlage, ist das E-Book eine Katastrophe.
Für den Verlag und für den stationären Buchhandel vielleicht.
Aber nicht für die Autoren und nicht für die Leser.
Was sagen Sie dazu ... als Leserin?
Ich mag richtige Bücher, ich muss sie anfassen können.
Ich mag, wie sie riechen, wenn sie frisch gedruckt sind.
Dafür liebe ich sie.
Ich kann riechen, aus welchem Verlag ein Buch kommt.
Ich könnte im Fernsehen damit auftreten. - Cheers!
Paul! Hast du dich doch noch unter die Sterblichen begeben.
Mhm.
Und Sie sind? - Äh, das ist Teresa Flößer.
Freut mich. - Hannah Komarek.
Hallo! - Sie ist meine Lektorin.
Teresa unterrichtet eine aussterbende Kulturtechnik.
Mhm. - Nämlich: Sie bringt Kindern das Lesen bei.
Ja, ich bemühe mich zumindest, dass sie nicht nur Emojis verstehen.
Sehr löblich.
Entschuldigt. Wir sehen uns noch.
Herr Bacher, Navin Flagel.
Es ist mir eine Ehre, mit Ihnen im selben Verlag zu sein.
Verbünden Sie sich nicht mit dem Falschen.
Ich bin ein leidiges Erbe, das Wolf versäumt hat, auszuschlagen,
als er den Verlag übernommen hat.
Schön, dass du wieder zum Zynismus gefunden hast.
Glauben Sie ihm kein Wort. - Natürlich nicht.
Navin hat gerade den Gunter-Haslob-Preis bekommen. - Aha.
Für einen Erstling nicht schlecht. - Tja, keine Ahnung warum.
Da kann ich Sie beruhigen.
In diesem Land ist es fast unmöglich, keinen Preis zu bekommen.
So, wenden wir uns mal dem Buffet zu?
Schließlich wird auch meine Provision verwurstet.
Ja, ich hab wirklich ein bisschen Hunger.
Ich hoffe, Sie langweilen sich nicht.
Im Gegenteil. Sind das alles Kolleginnen und Kollegen von Ihnen?
Ich fürchte ja.
Wir sind ein Volk von Autoren.
Alle schreiben, keiner hat mehr Zeit zu lesen.
Lassen Sie das! Herrgott noch mal, gehen Sie!
Entschuldigung, aber ich mag das nicht.
Sie rauben einem die Seele.
Da denke ich wie ein Indianer.
Ha!
(Lockere Musik)
Krise überwunden? Du wirkst so entspannt.
Jedenfalls entspannter als bei unserer letzten Begegnung.
Kommen Sie!
Schreibst du wieder? - Ja, ich schreibe.
Ist doch gut!
Und was ist mit deinen Groupies?
Immer noch der alte Schwerenöter, was?
Ja, immer noch fliegen die BHs auf meinen Lesungen.
Was soll ich machen?
Das Leben ist so ungerecht.
Als halbwegs bekannter Schriftsteller kannst du aussehen wie ein Axolotl.
Die Weiber rennen dir trotzdem hinterher.
Ich dagegen muss mich ans Personal halten.
Alvara Hollerbach verstärkt seit Anfang des Monats unser Team.
Das ist der berühmte Paul Bacher.
Ja, wir sind uns schon begegnet.
Frau Komarek hat mich zum Nachsitzen verdonnert.
Ich soll jetzt Ihre Bücher lesen. - Das ist ja bedauernswert.
Im Gegenteil! "Das Wellenspiel" ist ein wunderbares Buch.
Ich kann dich beruhigen, es wird einen neuen Roman geben.
Kein Roman, eine Erzählung.
Ich muss mal gucken, wie die Konkurrenz tanzt.
(Lässige Musik)
Wie lange kennen Sie sich schon?
Paul und ich? Seit sieben Romanen.
Wie lange ist das in Jahre umgerechnet?
Wollen Sie einen Rat hören?
Versuchen Sie es gar nicht erst. - Was meinen Sie damit?
Wissen Sie, Frauen wie Ihnen begegne ich bei jeder Lesung.
Bücher sind das Wichtigste in Ihrem Leben.
Und ein Schriftsteller kommt für Sie gleich nach dem lieben Gott.
Sie werfen sich jedem an den Hals,
der weiß, wie man Wörter in eine schöne Reihenfolge bringt.
Herr Bacher hat mich gefragt, ob ich ihn begleiten möchte.
Hm, ja.
Vielleicht können Sie Herrn Bacher, ja sogar eine Zeit lang inspirieren.
Aber irgendwann ... wird er Sie in Ihre kleine Welt zurückschicken.
Und Sie werden ihm das furchtbar übel nehmen.
Weil Sie nie begreifen, warum er das tun musste.
Warum er nicht anders konnte.
Weil er schreibt, wie Sie atmen.
Hallo!
Danke! (Lockere Musik)
Hüten Sie sich vor den sogenannten Schriftstellern.
Vor der sogenannten literarischen Welt.
Sie werden nie dazugehören.
Auch wenn Sie hier noch so beherzt Ihr Stimmchen erheben.
Gehen Sie, solange es noch nicht weh tut.
(Lockere Musik)
Mensch, wir wurden uns ja auch noch gar nicht vorgestellt.
Sind Sie auch eine Verlagskollegin? - Nein.
Nein?
Netter Abend, nicht wahr? - Mhm.
Kann ich meinen Autor für einen Augenblick entführen?
Aber bitte wiederbringen.
Vögelst du sie? - Alvara?
Das besorgt mein Mann bereits.
Einfache Frage, einfache Antwort.
Natürlich nicht, nein.
Warum schleppst du sie dann an?
Willst du sie beeindrucken? Ist das eine Art Paarungsouvertüre?
Ich war ihr einen Gefallen schuldig.
Du bist ja nicht bei Trost!
Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.
Hannah, bitte.
Ich biete dir eine Beziehung ohne romantisches Gedöns.
Ohne den Mief und die Kränkungen einer Ehe.
Ich biete dir nur Sternstunden.
Das reicht dir offensichtlich nicht.
Sag, dass du sie vögelst, dann bist du mich los.
Ach, deine Eifersucht ist absurd.
Ich bin nicht eifersüchtig, du Idiot! Ich bin empört!
(Lockere Musik)
Herr Bacher. - Ja?
Suchen Sie Ihre Begleitung? - Ja.
Äh, die ist eben gegangen.
Ach! - Ja!
Teresa!
Warten Sie!
(Motor wird gestartet.)
Nee, nee, nee, nee, nee! Teresa!
Wo ... wo wollen ...
Bitte!
Mo ... Moment!
Wo wollen Sie hin?
Was ist denn passiert?
Warten Sie! Teresa, bitte!
Wa ...
Ich hasse sie! - Warum?
Ich hasse dieses böse Weib!
Sie hält mich für irgendeine blöde Kuh vom Lande,
die sich jedem Schriftsteller an den Hals wirft.
Sie hat wenig Menschenkenntnis.
Jetzt machen Sie sich auch noch über mich lustig? - Nein!
Wissen Sie was?
Es ist wirklich besser, ich fahre zurück in meine kleine Welt.
Wie kann ich Sie aufhalten? - Gar nicht!
Äh ... Soll ich Ihnen meine Vorzüge aufzählen?
Haben Sie welche?
Vielleicht sollte ich Sie eher warnen.
Vor Hannah habe ich keine Angst. - Ich bin eine Zumutung.
Ach ja?
Ja. Der einzige Umgang, den ich auf Dauer ertrage,
sind meine Romanfiguren.
Das ist wirklich tragisch. - Ja.
Ich bin aber keine Figur aus deinem Roman.
Hier, dein Schuh.
(Donnergrollen)
(Langsame, gefühlvolle Musik)
(Langsame, gefühlvolle Musik)
(Langsame, gefühlvolle Musik)
Paul!
Irgendwann wirst du ganz in deinem Buch verschwunden sein!
Du wirst mich schon rechtzeitig zurückholen!
Bist du da so sicher?
Woran denkst du?
An diesen uralten Mann in deinem Bett.
Was willst du von ihm?
Alles, sein ganzes Leben.
Findest du ihn sexy? - Ja.
Ich meine, erregt er dich, macht er dich scharf?
Ich ziehe die Frage zurück.
Ich mag sein Lächeln,
wenn er mal lächelt, er lächelt ja nicht sehr oft.
Und wie er mich manchmal ansieht.
Wie sieht er dich an?
Als würde ich ihm was bedeuten.
Und was ist mit seinen unglaublichen Morgenlatten?
Du bist so blöd!
Du schreibst so kluge Sachen,
aber im wirklichen Leben bist du unglaublich dämlich.
(Langsame Musik)
Also.
Tschüss!
(leise:) Tschüss!
(Langsame Musik)
(Kind:) Hab dich!
Hab dich!
(Rufe der Kinder)
Paul!
(Langsame Musik)
Macht es Ihnen Spaß, ein Buch zu schreiben?
Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.
Fußball spielen? - Nicht mal Fußball spielen.
Wie lange dauert es, bis ein Buch fertig ist?
Das kommt darauf an, wie dick es ist.
Ein dickes! - Da könnte ich schon mal drei Jahre brauchen.
(Entsetzte Rufe)
Waren Sie ein guter Schüler?
Nächste Frage, bitte.
Haben Sie Harry Potter geschrieben?
Leider nein, ich schreibe keine Kinderbücher.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schriftsteller zu werden?
Ja, es war eigentlich keine Idee, das war so aus der Not heraus.
Ich hab nämlich gestottert als Kind.
(stotternd:) Er hat gestottert.
Und weil ich nicht wollte, dass die anderen Kinder über mich lachen,
hab ich alles, was ich sagen wollte, auf kleine Zettel geschrieben.
Und dann hat keiner mehr gelacht.
Aber jetzt stottern Sie nicht mehr. - Jetzt stottere ich nicht mehr.
Nee.
Jetzt kann ich aber trotzdem nicht aufhören zu schreiben.
Warum schreiben Sie kein Kinderbuch? - Tja.
Vielleicht werde ich das noch tun.
(alle:) Ja! (Applaus)
Die Kinder mögen dich.
Ich hatte schon befürchtet, du würdest Ihnen Angst machen.
Vielleicht habe ich eine Zukunft als Märchenonkel.
(Kinderrufe)
Du wärst sicher ein guter Vater.
Sie müssen Paul Bacher sein. - Wohl oder übel.
Björn Hamacher. Teresa hat mir viel von Ihnen erzählt.
Aha, hat sie das?
Ja, ich muss dann weiter.
Eine Kollegin hat mich gebeten, es dir zum Signieren zu geben.
Für Ingrid Simon.
Ich mag diesen Kerl nicht. - Wen?
Diesen Björn.
Sportlehrer, die ...
die lösen bei mir immer ein Minderwertigkeitsgefühl aus.
Ich war eine Null im Sport.
Ich konnte nicht mal einen Purzelbaum schlagen,
geschweige einen Handstand machen.
Immer wenn die Füße über dem Kopf waren, hab ich kläglich versagt.
Björn ist ganz in Ordnung.
Ja, wie er dich ansieht, finde ich nicht in Ordnung.
Mhm. Wie sieht er mich denn an?
Als besäße er Anteile an dir.
Genussscheine.
Björn ist verheiratet, hat zwei kleine Kinder,
und er würde seine Frau nie verlassen.
Darüber habt ihr geredet? - Das weiß ich.
Hey! Du bist doch nicht etwa eifersüchtig! - Doch.
Ich bin eifersüchtig, ich bin sogar sehr eifersüchtig.
Ich bin ein eifersüchtiger, alter Narr. - Psch!
Eigentlich müsste ich eifersüchtig sein auf Fräulein Himmelheber!
Glaubst du, ich kann sie dir je ersetzen?
Nein.
Paul?
(Hupe)
Ich hab dich überhaupt noch nicht erwartet.
Es war kaum Verkehr.
Du siehst großartig aus!
So spendabel heute?
Ich hab zwei Stunden Zeit.
Zwei Sternstunden?
Guck nicht so verängstigt.
Wirke ich so? Verängstigt?
Ich hab uns einen Tisch reserviert.
Ach, ist sie da? - Sie kommt am Wochenende.
(Langsame Musik)
Tag! - Tag!
(Möwenkreischen)
Willst du wirklich nichts essen?
Nein, danke.
Was ist mit dem Manuskript?
Wolf ist begeistert.
Er hält es für das Beste, was du in den letzten Jahren geschrieben hast.
Ist ja auch das einzige.
Hat er dich noch nicht angerufen?
Das wäre ganz neu.
Aber du ... Was denkst du?
Ich ...
Ich bin fassungslos.
Es ist ein Desaster.
Wenigstens ist es schnell vorbei, 200 Seiten, Großdruck.
Für Leseschwache.
Ich hab was Neues versucht.
Aber was?
Warum soll ich das lesen? Was ist mein Erkenntnisgewinn?
Hm? Das ich jetzt weiß, wie man eine Leiche beseitigt?
Wer hat schon eine Leiche im Kofferraum? Ich nicht.
Und deine Leser, über deren Vergreisung du dich immer beklagst,
sicher auch nicht.
Und dann die Sprache - der Text ist ein einziges Klischee.
Irgendwann hab ich aufgehört, Korrekturvorschläge zu machen.
Das ist alles oberflächlich.
Es gibt kein Zögern, kein Verwischen von Spuren.
Nicht den Hauch von Ironie.
Ich hab immer deinen Stil bewundert.
Alle bewundern deinen Stil.
Diesen besonderen Bacher-Sound,
deine Leser, die Kritiker.
Naaa ...
Ich hatte keine Wahl.
Ach Gott!
Darf man hier rauchen?
Rauch doch.
Natürlich nicht.
Hannah,
kann es nicht eher sein, dass es ... weniger der Text ist,
der dich enttäuscht ... als sein Autor?
Die Frage ist hoffentlich nicht ernst gemeint.
(Murren)
Ich hab hier noch ein paar Entwürfe für das Cover mitgebracht.
Wir sollten wenigstens noch mal über den Titel nachdenken.
Das ist mein letztes Buch.
Teresa hat sich einen erfolgreichen Schriftsteller geangelt.
Was fängt sie mit einem Rentner an? - Teresa ist schwanger.
Und du bist die erste, die es erfährt.
Ich kapituliere vor so viel Glück.
Eine neue Liebe, ein neues Buch und jetzt auch noch ein Kind.
Das sensible Zusammenspiel meiner Potenzen.
In deinem Alter ein Kind in die Welt zu setzen,
zeugt allerdings nicht von großer Reife.
Was schert sich das Leben um deine Prinzipien?
Ich rede nicht von Prinzipien,
sondern von Autismus und Down-Syndrom.
Wir haben einen Test machen lassen.
Ich bin mir der Verantwortung durchaus bewusst.
Du hast doch noch nie Verantwortung übernommen,
außer für deine Korrekturfahnen.
Ja, dann wird's Zeit, dass ich damit anfange.
Wie viel Zukunft gibst du euch denn, dir und deinem Kind?
Ach, halt's Maul, verdammt noch mal!
(Möwenkreischen)
Hast du mal 'ne Zigarette für mich?
Du rauchst wieder? - Nein!
(Räuspern)
Du nimmst dir 'ne Junge und das Altwerden überlässt du mir.
Ich dachte,
wir würden noch ein paar Jahre gemeinsam der Schwerkraft trotzen.
Ich will dich nicht verlieren.
Na, ich glaub nicht, dass ich das kann.
Ist ein bisschen viel verlangt.
(Langsame Musik)
Neun Stunden.
Ich muss verrückt sein. Jetzt hab ich Zeit.
Ich hab dich vermisst.
Die Woche ist einfach zu lang.
Hattest du auch Sehnsucht nach mir? - Mhm.
Mhm? Ist das alles?
Ich weiß, die schönen Sätze sparst du dir für deine Bücher auf.
Ach, hör auf! - Ich hab deinen Führerschein abgeholt.
Ah! Danke!
Wenn du nicht betrunken gefahren wärst,
hätten wir uns vielleicht nie kennengelernt.
Das war wahrscheinlich nur betrunken möglich. - Du Schuft!
Eine Flasche, die muss für die nächste Woche reichen.
Ganz schön kugelig.
Meine Mutter hat schon angefangen, Babyschuhe zu häkeln.
In Blau.
Will sie mich eigentlich nicht kennenlernen?
Sie ist noch nicht soweit.
Du hast mich übrigens belogen.
Welche Lüge meinst du?
Warum hast du mir nichts von deinem Sohn erzählt?
Wenn du mir nichts sagst,
muss ich eben lesen, was andere über dich schreiben.
Konstantin ist bei seiner Mutter aufgewachsen,
wir hatten kaum Kontakt.
Siehst du ihn ab und zu?
Nein. - Nein?
Warum nicht?
Er will mich nicht sehen.
Ich weiß gar nicht genau, wo er lebt. Irgendwo in Kanada.
Hat wohl auch schon Kinder.
Was ist passiert?
Ein halbes Leben ist passiert.
Tut dir das nicht leid?
Ich hab ein Buch draus gemacht.
Was nicht zum Leben taugt, taugt fürs Schreiben.
Wie mein Verleger zu sagen pflegt.
Das hört sich schlimm an.
Es hat mich gerettet.
Wie heißt das Buch?
Du wirst dort nicht finden, was du suchst.
Ich hab alle Spuren ... verwischt.
Schau mal! Sind die nicht hübsch?
Am schönsten finde ich die, mit den farbigen Ringen.
Na ja, aber die Welt im Kleinen interessiert dich ja nicht.
Glaubst du?
Weißt du, wie die Muscheln heißen? - Mm, nein.
Was siehst du, wenn du sie von der Seite betrachtest?
Ein Herz.
Und wie heißen die Muscheln?
Herzmuscheln.
Richtig, mein Einserschüler!
Ich treffe mich übrigens nächste Woche mit einer Kollegin,
die sich nach Baden-Württemberg versetzen lassen will.
Wenn alles klappt, kann ich schon im neuen Schuljahr in Berlin anfangen.
Paul?
Hörst du mir überhaupt zu? - Ja.
(Langsame Musik)
Was ist das?
Ich weiß nicht.
(Möwenkreischen)
Paul?
Was ist denn mit dir? Ist doch nur ein toter Fisch!
Paul!
(Unruhige Musik)
(Sie sprechen polnisch.)
(Langsame Musik)
(Langsame Musik)
Ich will nicht mit einem schlechten Buch abtreten!
Diese Zweifel hast du jedes Mal, eine postpartale Depression.
Im Übrigen glaub ich nicht, dass du so schnell abtreten wirst.
Du warst doch selbst der Meinung, dass die Erzählung missglückt ist!
Es ist zu spät, Paul, das hättest du dir früher überlegen müssen.
Das Buch ist in der Druckerei, es gibt einen Erscheinungstermin.
Hier, heute ist ein Artikel im Tageblatt.
Das Interview ist doch über ein Jahr alt. Das bringen die jetzt?
Warum wohl? Weil sie ein neues Buch von dir ankündigen können.
Wolf war über den Zeitpunkt sehr glücklich.
Wolf, Wolf, Wolf!
Du weißt, dass ich nur deinetwegen noch in dem Verlag bin.
Deine Meinung ist wichtig.
Nicht das, was dein Mann sagt.
Das Buch wird erscheinen, Punkt!
Wenn du jetzt glaubst, du musst den Verlag wechseln, bitte.
Hm.
Das wird nicht mehr nötig sein.
Paul?
(Jubel)
Er bettet den Toten auf den Asphalt ... und geht davon.
Geht die Straße hinunter.
Der dichte Wald zu beiden Seiten.
Als er zurückkommt, im Licht der Autoscheinwerfer,
ist sein Gesicht wie Asche.
Das Blut an seinen Händen.
(Jemand hustet, leises Murmeln)
Das Geräusch eines Autos, das hupt und schnell vorbeifährt.
Als es verhallt ist, steht der Mann immer noch da.
Vor ihm nur Finsternis.
Etwas war entschieden, bevor er sich fragen konnte.
Bravo!
(Jubelrufe)
(Pfiffe)
Es gibt sogar schon eine Anfrage wegen der Fernsehrechte.
Das hältst du für ein gutes Omen? - Etwa nicht?
Wenn eines von Pauls Büchern mal wieder Rendite abwirft ...
Ich wusste, dass du auch schlichter kannst.
Schlichter? - Ja, lesbarer.
Weniger wortlastig.
Oh! Du weißt genau, was ich meine.
Wir haben jetzt schon mehr Vorbestellungen,
als bei deinen letzten drei Büchern zusammen.
Es gibt sogar eine erste Kritik, Alvara.
Ich lese keine Kritiken. - Zeig doch mal die Tunnelkritik.
Wirklich, es ist ein großes, kleines Buch.
Ich habe mich vorher mit Alvara darüber unterhalten, und ich meine,
dass es das erste Mal ist,
dass Paul Bacher eine seiner Romanfiguren umbringt.
Tja, und gerade noch rechtzeitig.
Wir sollten wirklich mal neue Fotos machen.
Zeig mal.
Ich finde, Paul hat sich kaum verändert.
In Wirklichkeit sieht er zehn Jahre jünger aus, oder?
(lachend:) Ich danke dir.
"Ein überraschend juveniles Spätwerk."
Aber das eigentliche Spätwerk ist doch wohl mein dicker Bauch, oder?
Süß.
Freunde, Mitbürger, Römer!
(Klatschen)
Hört mich an.
Wir haben einen Tisch im "Pasta e Passione" reserviert
und sollten langsam aufbrechen, bevor der Ofen aus ist und der Koch sauer.
Also, auf geht's!
Im wievielten Monat ist Teresa denn?
Weiß ich nicht.
Ist doch bestimmt schon im achten Monat.
Wann habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
(Lockere Klaviermusik im Hintergrund)
Ist das wirklich wichtig?
Nein, ich glaub nicht.
Tja, Frau Hollerbach hat die jüngere deutsche Literatur für sich entdeckt.
Ja, du musst mich nicht bedauern.
Wie heißt es in dem jüdischen Witz?
Bin ich doch lieber zu 50 Prozent beteiligt an einem guten Geschäft
als zu 100 an einem schlechten.
Ja? - Ich hab Ihr Buch gelesen.
Ja, schön, hat es Ihnen gefallen?
So, ihr fahrt mit uns. - Du hast doch getrunken.
Keinen Tropfen, ist Fastenzeit.
Zum Glück ist bald Ostern.
Ich warte sehnsüchtig auf die Auferstehung deiner guten Laune.
Meine Laune ist bestens.
Erinnern Sie sich nicht an mich?
Nein, tut mir leid.
Der Junge in Ihrem Buch, das ist doch Daniel.
Daniel Becker. - Ich verstehe nicht.
Sie haben alles genau beschrieben,
nur die Orte stimmen nicht und die Namen.
Sie dürfen die Literatur nicht mit dem Leben verwechseln.
Aber Sie waren in seiner Wohnung!
Wie heißen Sie? - Tatjana.
So, und jetzt entschuldigen Sie mich.
Wer war denn das?
Eine Leserin, sie wollte, dass ich ihr mein Buch signiere.
Du siehst, deine Fans werden auch immer jünger.
Steig ein, Paul, ist kalt.
Fahrt mal schon, ich komm nach.
Alles in Ordnung mit dir, Paul? - Ja, alles in Ordnung.
Lass uns nicht hängen, du bist die Hauptperson.
Für dich veranstalten wir den ganzen Zirkus. - Paul!
Ja.
(Auto wird gestartet.)
(Langsame Musik)
(Ernste Musik aus dem Autoradio)
(Ernste Musik aus dem Autoradio)
(Verzerrte Töne)
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