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.
"Volker, da im Wald ist mal ein Flugzeug abgestürzt."
Das weckte mein Interesse.
Man saß abends in der Dorfkneipe, die es damals noch gab, quatschte,
und da kam Gerede auf:
"Weißt du überhaupt, was hier los war?"
Als ich vor 15 Jahren hier in der Gemeinde ankam,
unternahm ich viele Wanderungen in die nähere Umgebung.
Bei einer Wanderung entdeckte ich einen Stein
mit einer Inschrift.
Beim genaueren Betrachten las ich da etwas
von einem Flugzeug-Absturz einer Passagiermaschine.
20. April 1945.
Da musste ich stutzen.
Wer war zu dieser Zeit mit einer Passagiermaschine unterwegs?
Warum ist die abgestürzt?
Und vor allem: Was passierte mit den Insassen?
Viele der Alten wollten gar nicht darüber reden.
Warum schweigen sie?
Ob ich das erzählen darf?
Manche Dinge wurden mit Schweigen umhüllt, vergessen.
Der 20. April ist der Tag, der Etliches veränderte.
* Ein Hund bellt. *
(Volker Laschke) Ich bin 1953 geboren,
im damaligen Westberlin.
Ich kaufte nach der Wende hier einen Bauernhof.
Den haben wir umgebaut.
Das war mal der größte Hof im Dorf.
Später waren hier viele Leute, die aus dem Osten geflohen sind.
Die wurden hier untergebracht.
Die LPG war untergebracht hier.
Hier drüben ... ist es passiert.
Genannt wird es Fliegerschonung.
Weil es eben eine Schonung war
in der Zeit, als das Flugzeug hier abstürzte.
In einem Waldstück zwischen Glienig und Buckow.
Von den Russen wurde das Flugzeug abgeschossen.
Die sind abgestürzt ungefähr 700-800 m vom Einschuss entfernt.
Im Wald, im Kiefernwald.
Dass das Flugzeug so tief flog, ...
... da war den Leuten wohl bewusst, dass sie in größter Gefahr sind.
Man ist wehrlos, der Situation völlig ausgeliefert.
Eine grausliche Vorstellung.
Man weiß, dass ...
... nach wenigen Sekunden das Leben beendet sein wird.
Als die Russen dann hier waren, die ersten Panzer einrückten, ...
... gaben die Schüsse ab, drüben wurde ein Stall beschossen.
Wir wurden vom Bürgermeister aufgefordert,
das Dorf zu verlassen.
Das Dorf war leer, weil alle Angst hatten.
Dann mussten alle raus in den Wald, verteilt in verschiedene Richtungen.
Wir weinten bitterlich, hielten uns an der Kleidung der Eltern fest.
Da habe ich als Kind 4 Tage lang im Wald geschlafen.
Kanonendonner, immer lauter, man hat es deutlich gehört.
* Detonationen *
Auf einmal hörte man es sausen, dann einen Knall.
Das war dann ... Wir wussten nicht, was das war.
Wir hörten den Knall.
Die älteren Herrschaften sagten, das war keine Bombe.
Das war etwas anderes.
Da traute sich keiner hin.
Das haben wir später erst erfahren, dass da ein Flugzeug abgestürzt ist.
Eine JU52 war das.
(Volker Laschke) Die Geschichte liegt hier im Boden, auch hier.
Die liegt überall in Deutschland im Boden.
Vergraben, man muss eben nur, ...
Man muss darauf zugehen und Fragen stellen.
Und graben, ja.
Na!
Da brauchten wir gar nicht tief gehen.
Ein Stückchen von der Außenhaut.
Ganz leicht.
Das liegt jetzt hier seit fast 80 Jahren.
Damit ist wenig passiert.
Manchmal ist es ein bisschen befremdlich, ...
... wie wenig die Leute mit dem Abstand der Zeit
willens sind, auf die Wahrheit einzugehen.
Wenn man Leute fragt: "Wie war es denn damals?"
Mit dem Flugzeug oder ...
Ja, darüber will man nicht reden,
weil man irgendwie sich schämt für irgendetwas,
etwas mitgenommen hat, was einem nicht gehört vielleicht.
Was blieb übrig?
Wo ist alles geblieben, was übrig war?
Die Glieniger sollen viel gefunden haben.
Das wurde erzählt.
Da sind viele hingepilgert.
Aus allen Richtungen.
Die sind da hin, Kinder aus dem Dorf,
und holten sich da Teile.
Ja, die sollen Schmuck und Geld ...
... noch geklaut haben.
Aber wir von Glienig hier, also ...
Nein, von hier hat keiner etwas geholt.
Da gab es Geld, kofferweise.
Die deutsche Reichsmark.
Die Ersten, die da waren beim Absturz,
haben wohl Geld, Uhren usw. sich angeeignet.
Namen möchte ich nicht erwähnen.
Ein Zettel liegt in Dahme im Museum, wo draufsteht,
dass eine Kassenmitarbeiterin der Sparkasse in Dahme aufschrieb:
"Heute waren viele Leute aus Glienig
in der Währungsunion zum Geldtauschen da,
die hatten alle angebranntes Geld."
Das wird erzählt, aber ob das stimmt?
Es ist immer etwas Wahrheit dabei, das ist klar.
Das hätte wohl auch keiner gesagt.
Wenn jemand etwas davon genommen hat.
Gesehen habe ich Schlittschuhe.
Weiße Damenschlittschuhe.
Und einen Kinderwagen, im Baum.
Später hat noch einer die Taste eines Saxofons gefunden.
Nach der Wende.
Da gingen sie da ja auch noch gucken.
Da war ich auch nicht.
In dem Eimer sammle ich die Teile, wenn ich hier bin.
Meistens sind es Teile der Außenfläche.
Hier, ganz schön: Da sieht man die Struktur von dem Flugzeug,
von der Flugzeug-Oberfläche, das sah aus wie Wellblech.
Das haben wir auch: Umlenkhebel über irgendeine Welle.
Da kippte etwas, da wurden Seilzüge verlängert,
Schiebestangen bewegt.
Das stelle ich mir so vor.
Das ist das gute Stück.
Da ist noch die Luft drin von früher.
Von 1945.
Der wurde nicht einmal aufgepumpt.
Wir haben das Rad geholt, die anderen holten die Flügel usw.
Ich habe Bilder gesehen aus Buckow,
wo Leute sich diese Aluminiumhaut des Flugzeugs geholt haben,
damit die Karnickelställe gedeckt und beschlagen haben.
Das hat gehalten, wahrscheinlich bis heute.
Das Rad hat mein Vater immer genommen am Pflug.
Es gab ja nichts nach dem Krieg.
An den Pflug gemacht, dann wurde der Acker damit bestellt.
Mein Sohn hat die Pistole gefunden, hier.
Eines Tages kam er nach Hause:
"Guck, das habe ich beim Flugzeug gefunden."
Was löst das aus?
Irgendwie ... auch ein Stück Demut.
Mein Vater war Kind im Ersten Weltkrieg,
er wurde mit Hunger groß.
Im Zweiten Weltkrieg konnte er als Sanitäter arbeiten.
Er war in Russland viel, lange in Kiew.
Wenn ich Feldpost lese von ihm heute, ...
... bin ich erschüttert, wenn ich lesen muss:
"Wenn die Russen kommen, Gnade euch Gott.
Wenn die das mit uns tun", bzw. "mit euch tun",
der war ja noch weg von Zuhause,
"was wir mit ihnen getan haben", also es ist ...
* Detonationen *
(Originalton) Mit dem bolschewistischen Ansturm
ist für Volkssturm-Soldaten die Stunde der Bewährung da.
Bekleidungskammern und Waffenarsenale werden geöffnet.
Die Bataillone des Volkssturms sind zum Einsatz bereit.
Ich war 14 Jahre alt.
Ich war 14 Tage zur Wehr-Ertüchtigung.
Da wurden wir ausgebildet.
Wir sollten am 20. April abgeholt werden.
Wir waren 15 junge Leute.
Ich war der Jüngste mit 14, die anderen waren 15-16 Jahre alt.
Wir sollten alle nach Berlin.
Ich bin Heinz Schmidt aus Buckow, geboren am 31.12.1930.
Ein Silvesterscherz. Aber das war keiner. (lacht)
Wir waren eisern darauf getrimmt, dass wir den Endsieg noch erringen.
Gut war mir nicht zumute.
Ich wusste, was kommt, wir wurden ja ausgebildet,
getrimmt darauf, dass wir für Führer und Vaterland zu kämpfen haben.
"Ihr seid die Letzten, die noch etwas bewältigen können."
Ich war angezogen, fertig zum Abholen.
Die Russen kamen an meinen Geburtstag.
20. April '45.
Dass sie in der Nähe waren:
Am Grollen der Kanonendonner hat man es gehört.
Früh wollten sie mir eine Torte backen.
Daraus wurde nichts, wir mussten dann in den Wald.
Es war mein Glück, dass der Russe so dicht dran war.
Sie hatten die Möglichkeit nicht mehr, mich abzuholen.
Und von den 15 Leuten sind 4 übrig geblieben.
(Gerhard Grün) Es wurde nicht viel darüber erzählt.
Es sind ja im Wesentlichen Alte, die es erlebten oder mitkriegten.
Die trauen sich nicht, darüber zu reden.
Mein Name ist Gerhard Grün.
Ich lebe als Orts-Chronist in Glienig.
Geboren bin ich in Berlin 1940, mitten im Krieg.
Mein Vater war im Krieg gefallen.
Früher hatte das Dorf eine Kneipe.
Da wurde nach dem 11. Bier oder so durchaus mal gequatscht.
"Da wurde ein Flugzeug abgeschossen, das letzte,
was als Linienflugzeug aus Berlin-Tempelhof gestartet war."
Wer war an Bord? Wer schafft es in einer brennenden Stadt,
die schon am Untergehen ist, das letzte Flugzeug zu ergattern?
Wer kommt da rein?
Ich hätte wohl kein Ticket bekommen in einer solchen Situation.
Die Leute an Bord waren privilegiert.
Auf jeden Fall war Prominenz dabei,
die aus Berlin rauswollte, aus welchen Gründen auch immer.
20. April war auch der Geburtstag Hitlers.
Ob der gefeiert wurde?
Wenn, dann sicherlich sehr gespenstisch an dem Tag.
(Originalton) Das Geschenk des deutschen Volkes
zum Geburtstag Adolf Hitlers war ein einziges Bekenntnis
der Treue zum Führer, des festen Willens zum Kampf
und unbeugsamen Widerstands bis zum Sieg.
Irgendjemand erzählte,
dass direkt von der Geburtstagsfeier wohl welche nach Tempelhof sind.
Ich behaupte immer noch,
und da haben sie mir oft einen Vogel gezeigt,
ich sage immer wieder: "Vielleicht war Adolf mit drin."
Das Flugzeug ist abgestürzt.
Da starben auch welche, die mussten beerdigt werden.
Das war im Wald, die haben sie nur da verscharrt regelrecht.
Ich glaube, das war der Bürgermeister damals.
Der kam zu meinem Vater: "Gerhard, kannst du mal?
Die liegen da und müssen auf dem Friedhof richtig beerdigt werden."
Ich bin Katrin Missal, wohne in Glienig.
Ich kann es bloß erzählen, wie ich es von meinem Vater weiß.
Mein Vater kam gerade aus dem Krieg, er war in Russland.
Nach dem Krieg musste er auch gleich ran.
Mein Vater hatte eine Kutsche und Pferde.
Die Pferde wollten nicht, sie mussten den Ochsen anspannen,
weil das gestunken hat.
Die lagen ja schon länger da.
Die hatten Uniform an.
Und das waren feine Frauen, fein gekleidet.
Da waren angeblich auch Frauen und Kinder dabei,
die ausgeflogen wurden.
Frauen waren dabei, das hat er erzählt.
Doch, zwei.
Mein Vater fuhr hin und lud sie auf, die Leichen, die Toten.
Ich war dann hier auf dem Friedhof.
Dann weiß ich noch, ...
... wie sie die Toten geholt haben
und hier auf dem Friedhof beigesetzt haben.
Da war kein Kriegsgrab, kein Kreuz, nichts.
Ich dachte: Das kannst du nicht so lassen.
Mein Name ist Wolfgang Luplow.
Ich wohne seit Geburt im Nachbarort von Glienig
und war von 1990 bis 2019
ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde.
Meine Mutter ist Flüchtling, aus Lettland.
Sie machte den ganzen Treck zu Fuß mit Eltern und Geschwistern durch.
Sie hat auch viele schlimme Sachen gesehen.
Ihr Bruder ist vermisst, in der Kesselschlacht von Tscherkassy.
An verschiedenen Sonntagen kochte Mutter eine Portion mehr.
Falls der Walter kommt, ihr Bruder.
Sie ging nach dem Essen dann in Richtung Garten.
Von da aus konnte man den Weg sehen.
Sie verwand das nie.
Darum war es mir wichtig, dass wir diese Tafel hinstellen.
Ich wünschte mir, dass jedes Jahr ein neuer Name dazu kommt,
wo Angehörige Gewissheit haben:
"In dem Flug am 20.4.1945 war mein Angehöriger drin,
ich weiß jetzt, wo er liegt."
Eines Tages stand ein älterer Herr bei mir im Büro.
Er sagte, sein Name ist Kurt Runge.
1998 oder 1999 kam plötzlich jemand ...
... ins Dorf und sagte, er sei ein Überlebender des Flugzeug-Absturzes.
Da sagten alle:
"Wie? Da oben war keiner, die liegen alle in Glienig."
Untertitel: rbb 2022 Petra Winkler
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