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(Kurt) Kennst du den, Willi? Gestern war er auch hier.
-Was will der hier jeden Abend? -Unsere Vorstellung kritisieren.
Wie denn? Der kriegt doch den Mund nicht auf.
Ich fühle mich verunsichert, wenn mir der zuguckt.
Ursel hat einen Narren an ihm gefressen.
-Wer ist das überhaupt? -Ein Niemand.
Schauspielschule geschmissen, an der Filmhochschule gescheitert,
zwei Kurzfilme gedreht, die verstauben.
Ich habe gehört, du hast da so ein paar Ideen zu "Leonce und Lena"?
Mhm. Habe ich.
Und sagst du's mir?
Ja. Britta, komm mal.
Rainer?
Geh und kauf ein paar Pfund Tomaten.
Sag mal, spinnst du? Wo soll ich denn jetzt noch Tomaten herkriegen?
Wieso denn Tomaten?
Die verteilen wir an das Publikum.
Dann können die selber entscheiden, ob sie sie werfen oder aufessen.
Ja, aber das ist doch ein Risiko.
Das ganze Leben ist ein Risiko.
Hör auf, ihn zu küssen. Das ist mein Mann.
(laut) Geh die Tomaten holen, Mensch!
Also, wenn du mit meinen Vorschlägen einverstanden bist,
hast du hoffentlich nichts dagegen, wenn ich das Stück inszeniere.
Hm?
Okay, von mir aus.
Tomaten werfen. Na ja, so hat jeder seine eigene künstlerische Vision.
Das hoffe ich.
Das hoffe ich sehr.
Dieses Stück, das wird von jetzt an viel langsamer gespielt,
fast statisch.
Okay?
Du bist eigentlich viel zu alt für die Rolle. Viel zu alt.
Aber ich lasse dich den Part trotzdem weiterspielen.
Stell dich mal da hin.
Und du, ganz rüber an die Wand.
So weit auseinander? An den Bühnenrand? Wozu?
Um den Abstand zwischen euch darzustellen.
Die Leere zwischen euch.
Um zu zeigen, dass eure Träume vom Glück eine Illusion sind.
Hast du das kapiert?
Von jetzt ab bewegt ihr euch in dieser Szene kein einziges Mal.
Also los.
(leise) Keine Ahnung hat der. Er tut bloß so.
So tun kann er allerdings sehr gut.
"Das Land der Griechen, mit der Seele suchend.
Heraus in eure Schatten, edle Wipfel.
Des alten, heiligen..."
Schlaf endlich, Britta.
Aber Rainer. Rainer. Wo gehst du denn hin?
Du wolltest mir doch vorlesen, was du geschrieben hast.
Lies es doch selber. Und komm mir bloß nicht wieder hinterher.
Aber Rainer, wir gehören doch zusammen.
-Das hast du doch gesagt. -Ich gehöre niemandem.
(locker-melancholische Klaviermusik)
Trinken wir ein Bier?
(mit Akzent) Cuba Libre.
Okay.
"Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut und lernet leicht gehorchen,
wenn man ihn der Freiheit ganz beraubt.
Wäre sie in meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen.
Und hätte sie der heilige Grimm verschont.
Sie wäre froh gewesen, sich allein zu retten.
(halb singend) Hätte dankbar ihr Geschick erkannt
und fremdes Blut vor dem Altar vergossen,
hätte Pflicht genannt, was Not war."
(Lachen)
Gut. Probe beendet. Ihr könnt gehen.
Na kommt, geht.
Du bleibst.
Du hast eine Filmfresse.
Ich hoffe, du weißt das.
(zögerlich) Nein.
Dass du schwul bist, macht mir nichts. Ich bin auch schwul.
Ich bin doch nicht schwul. Ich verbitte mir das.
(Lachen)
Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Jetzt weiß ich endlich, mit wem du mich betrügst!
Du dumme Gans.
(lautes Gebrüll und Heulen)
Fick dich doch selber ins Knie!
Du bist so dumm.
(Britta weint leise)
Die klassische Masochistin.
Aber die ist gut.
Die wird auch mal ein Star. Wie du.
Die Hacken habe ich mir abgelaufen für dich als deine Agentin!
Mir reicht das Theater auf Dauer nicht.
Und was willst du machen?
Filme.
Filme über dieses Land. Die Stoffe liegen auf der Straße.
Ich habe drei Filme geschrieben und vier Filme im Kopf.
Überall sind Stoffe, die davon handeln,
wie die Menschen träumen und wie die Träume kaputt gehen.
Das kann das Theater nicht. Das kann nur das Kino.
Und wie? Wann? Von welchem Geld?
(lacht) Ich habe da so meine Methoden.
Ich werde sehr bald meinen ersten Spielfilm drehen.
-Du bist dabei. -Wirklich?
(Mann) Na, wie wär's?
Komm mal her.
Sonntags nie.
(lacht auf)
Bist du nur schwul?
Ich bin alles. Aber vor allem schwul. Und ich stehe auf Gastarbeiter.
Wo ich meiner Mutter meinen ersten Liebhaber vorgestellt habe mit 14,
so 'nen strammen Griechen, war ihre Reaktion:
"Ach, Rainer, hätte es nicht ein Akademiker sein können?"
(lacht laut gackernd)
Soll ich dir den vermitteln?
-(lacht nervös) -Hm?
Nicht nötig. Danke.
-Notstandsgesetze. -Springerhetze.
(alle) Demokratie im Arsch. Revolution bedeutet...
Hey, wo wart ihr schon wieder? Hm, wo wart ihr?
-Einen saufen. Was dagegen? -Hey, Rainer.
Die Bourgeoisie schaukelt sich den Arsch.
Achtung, hier spricht die Polizei!
Bitte verlassen Sie sofort den Saal.
Das ist die letzte Aufforderung. Wasser marsch!
Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei!
Bitte verlassen Sie sofort den Saal.
Rainer, was soll das? Du vertreibst uns doch alle.
Die sollen sich so fühlen wie die Studenten, wenn die Bullen kommen.
(lautes Weinen)
(Ursel, schluchzend) Du hast alles kaputt gemacht.
Die kommen nie wieder.
Natürlich kommen die wieder, Ursel. Die denken, das gehört jetzt dazu.
Das ist ja jetzt auch so.
-Weißt du, was ich bin, Ursel? -Nein.
Ich bin die intensivste Beziehung, die du jemals haben wirst.
-Hallo. -Hallo.
Ich bin der Ulli Lommel. Du willst mich für deinen Film?
Falls du nicht lieber deinen Fernsehscheiß weitermachst.
Was soll ich denn spielen?
Einen Spitzel in einem Gangsterfilm. Kennst du...
"White Heat" von Raoul Walsh mit James Cagney?
-Deutscher Titel "Maschinenpistolen"? -Nee.
Ihr lernt alle das Falsche in der Schule.
Aber...
"Der eiskalte Engel" mit Alain Delon, den kennst du?
-Klar, den kenne ich. -So was in der Art.
Nur in schwarz-weiß. Das ist die schönste Farbe.
Glaubst du, du schaffst es, vollkommen ohne Ausdruck zu spielen?
Wie jetzt? Ich bin Schauspieler.
Schau dir mal Alain Delon an.
Der verzieht keine Miene. Aber präsent ist der.
Hm.
Alain Delon für Arme, aber immerhin.
Danke. Nächste Szene.
War das gut jetzt so?
Wo soll ich die Kamera jetzt hinstellen?
Was fragst du mich? Du bist doch der Kameramann.
Konzentrier dich und denk ein bisschen mit, dann wird's schon.
Du musst wissen, wo du schneiden willst.
Willst du mich verarschen? Mein Film wird nicht geschnitten.
Nur wenn's unbedingt sein muss, ist das klar?
-Okay. -Stell das Ding halt irgendwo hin.
Am besten dahin, wo man mich am besten sieht.
-Okay. -Los, gleich weiter.
Rainer, vielleicht mache ich das ohne Hut und ohne Brille.
-Was willst du? -Ohne Hut...
-Hau ab, Mann. Hau ab. -Dann sieht man mich.
Weiter. Kommt.
-Ton. -(Mann) Ton läuft.
-Kamera. -Läuft.
Und Klappe.
"Kälter als der Tod", 72, die Erste.
Action.
Was ist so lustig?
Nichts.
(sie schreit)
Warum schlägst du mich?
Was soll das?
Weil's dir offenbar zu gut geht.
Danke.
Musstest du so fest zuschlagen?
Das ist Film.
Kein Theater.
Los, nächste Einstellung. Mach die Kamera da rüber.
Rainer, das wäre dann aber ein Achssprung.
Was für 'n Ding?
Der Schauspieler, der rechts im Bild war, ist plötzlich links im Bild.
Kennst du Godard? Der scheißt auf Regeln, der macht, was er will.
Los, ihr werdet nicht fürs Rumstehen bezahlt!
Geld gibt's auch, ja?
Komm mal her.
Was?
Dein Gesicht.
Dein Gesicht gefällt mir.
Eines Tages mache ich dich berühmt.
-Ach ja? -Ja.
Wirst schon sehen, hm?
(Buhrufe)
Der Regisseur des Films "Kälter als der Tod".
(Buhrufe, Pfiffe)
(verärgerte Kommentare aus dem Publikum)
Hat Ihnen der Film gefallen?
(Buhrufe, Pfiffe) (Mann) Scheiße!
(Journalist) Herr Fassbinder, dieser Typ, den Sie da spielen,
identifizieren Sie sich mit dem?
Nee, natürlich nicht.
Identifizieren Sie sich mit dem?
Aber ich verstehe den.
Also, der will seine Arbeitskraft nicht ausbeuten lassen,
und deswegen ist er Gangster.
Mit anderen Worten, der will nicht arbeiten, der ist einfach faul?
Der ist doch nicht faul, weil er Verbrecher ist, ja?
Einer, der Überfälle macht, der ist ja nicht faul, ne?
Auch Zuhälter ist bestimmt ein schwerer Job, oder?
Ja, in gewisser Weise betrachte ich diesen Film
als ein Remake von "White Heat".
(Gelächter)
Bürgerlich eingerichtetes Wohnzimmer. (Schreibmaschine klickt)
Innen. Tag.
Marga sitzt vor dem Spiegel und lackiert sich die Nägel.
Ihre Hände zittern. Sie ist bereits betrunken.
Karl kommt von hinten im weißen Smoking.
Karl: "Lackierst du dir schon wieder die Nägel?
Du hast dir gestern erst die Nägel lackiert.
Hast du nichts Besseres zu tun,
als dir den ganzen Tag die Nägel zu lackieren?"
Ich mache nächstes Jahr sieben Filme.
-Was? -Sieben Filme.
Ist der eine abgedreht, beginnt der nächste.
Ich will, dass mein Name da steht, wo die großen Namen stehen.
Orson Welles, Jean-Luc Godard, Douglas Sirk,
Rainer Werner Fassbinder.
Okay. Ich bin dabei.
Hast du noch eine von den Wachmachern?
-Oder hast du die selber gefressen? -Nee.
Natürlich habe ich noch welche für dich.
Bring mir mal mein Glas Whisky. Ich kann nicht mehr aufstehen.
(bayrisch) Du drehst doch gerade wieder einen Film.
Mhm.
-"Katzelmacher". -Könnte man da noch mitspielen?
Da kommt schon ein Grieche vor.
Den spiele ich aber selber.
Jetzt noch ein Neger wird zu viel.
Und im nächsten Film?
(Flipperautomat klingelt)
Das kommt drauf an.
Worauf denn?
Ich müsste mal deinen Körper sehen.
Nee. Nicht.
Warum nicht?
Ich bin noch nicht so weit, Werner.
Aber darf ich hoffen?
Guten Morgen.
Servus.
Günther werdet ihr jetzt öfter sehen.
Wieso?
-Spielst du auch mit? -Wir sind jetzt ein Paar.
Was ist denn daran so lustig?
Du weißt aber schon, dass der verheiratet ist?
Äh, ja klar weiß ich, dass der verheiratet ist, Mann.
-(Gelächter) -Ihr seid so doof.
Komm, wir gehen in mein Zimmer, Günther.
Warum hast denn du mir das nicht gesagt?
Ich wollte dich nicht verletzen, Werner.
-Das ist nur wegen... -Wegen?
Wegen...
Wegen der Tarnung in der Öffentlichkeit?
Machen ja viele Schauspieler so.
Ich hatte gehofft, du wirst hier Dauergast.
Ach so, ja? Nein danke, Werner.
Ich kann meine kleine Frau nicht allein lassen
in dem netten Häuschen auf dem Land.
Wir sind nämlich Freunde, sie und ich.
Komm, setz dich doch mal zu mir.
Bei dir weiß man nie, was in dir vorgeht.
Wenig.
Das glaube ich dir nicht, Günther.
Jeder will doch was.
Ja mei.
Eine Hauptrolle, das wäre schon schön.
In meinem Leben oder im Film?
Hm?
Weißt du was?
Du zeigst mir einfach mal dein nettes Häuschen
und deine kleine Frau.
Oder hast du Grund, die vor mir zu verstecken?
(gefühlvolle Klaviermusik)
Ist sie das?
Ja.
(Musik läuft weiter)
Oh Mann.
Wie schafft der das, mich...
Mich so auf null zu bringen?
(er stöhnt)
Mann.
Hauptrolle, weißt du.
Ausgenutzt hat er mich.
Der soll im Staub knien und winseln.
Schreib das mal auf.
Vielleicht mache ich da ein Stück draus.
-Wie bitte? Ein Stück? -Ja, ein Stück, du Miststück.
"Die trotzigen Tränen des Rainer von Werner" oder so.
Das ist gut.
(Lommel) Rainer?
Ich hab's Geld zusammen.
Wir können den Film machen.
Welchen Film?
"Die Satansweiber von Tittfield Valley".
Den Western im Stil von Russ Meyer.
-Den habe ich schon ganz vergessen. -Aber ich nicht.
Das ist Berling, mein Co-Produzent.
Anita Ekberg ist an der weiblichen Hauptrolle interessiert.
Dann kannst du wieder Zeit mit Günther verbringen.
Günther?
Du hast doch gesagt, er soll die Hauptrolle spielen.
-Ich drehe nicht mehr mit Günther. -Rainer, es ist alles vorbereitet.
Er wartet auf dich in Italien.
Du wolltest doch schon immer international drehen.
Was soll das heißen?
Wie, der wartet auf mich?
Im Hotelzimmer.
-Der Günther? -Mhm.
Bring mal deinen Müll runter.
Das sind alles unbezahlte Rechnungen.
Weißt du, was man mit unbezahlten Rechnungen macht?
(Willi) Am besten bezahlen.
Lass ihn doch. Soll er doch seine Steuernachzahlungen selber zahlen.
Jetzt sind wir schuldenfrei.
Ich fahre nach Italien,
wo Günther im Hotelzimmer
auf mich wartet.
(Straßenlärm)
Du liegst ja da, vollkommen gleichgültig.
Wie so ein Brett.
Und mir wurde gesagt, du wartest auf mich.
Ich warte ja auch auf dich, Werner.
"Ich warte ja auch auf dich, Werner."
Du bist echt so eine herbe Enttäuschung.
Und ich bin extra wegen dir hergekommen.
Ich bin so doof.
Das hätte ich mir denken können, dass du jetzt einen auf Zicke machst.
-Meine Frau ist schwanger. -Oh, wie langweilig.
Lass dir mal was Neues einfallen.
So, jetzt ficke ich den Lommel.
Falsche Erwartungen wecken, hier. Der kann was erleben.
Ich will mit der nächsten Maschine zurück, ja?
Von wegen, Günther wartet auf mich. Ein Betrüger bist du!
Ich dachte, es geht dir um den Film.
Es geht mir immer um den Film. Dazu brauche ich Profis.
Verstehst du, was das ist?
Du buchst mir sofort die nächste Maschine zurück.
Und das mickrige Hotel, in das du mich hier gesteckt hast.
-Ich will sofort zurück! -Rainer, beruhig dich.
Da kommt Mike, dein neuer Kameramann.
Dieser Fernsehheini?
Hallo. Ulli.
Ein schrecklich bürgerliches Gesicht hat der.
Für mein Gesicht kann ich nichts.
Doch.
Ab der Pubertät ist jeder selber für sein Gesicht verantwortlich.
Ich provoziere ganz gern. Sonst rührt sich nämlich nichts.
Also, pass auf.
Die Bilder, die müssen real wirken.
Fast authentisch, kapierst du?
Ich will das alles in einer Einstellung drehen.
Einer Kamerafahrt, ja?
Die ganze Treppe rauf.
Und dann weiter.
Hier ein Mord, da ein Mord.
Das dauert.
So einen Mord, den begeht man nicht einfach.
Weißt du, warum ich das alles in einer Einstellung drehe?
Weil der Zuschauer etwas kapieren soll davon,
wie das ist, so einen Mord zu begehen.
Wie bestialisch das ist, so einen Mord zu begehen.
Was das für ein blutiges Geschäft ist, so ein Mord.
Ich meine, wir reden hier vom Ku-Klux-Klan immerhin.
Alles in einer.
Das schaue ich mir an.
(spanischer Schlager im Hintergrund)
Mhm...
Ja... Wird schwierig.
Aber schön.
"Blacky", 27-3, die Zweite.
Und Action!
Was ist denn los da oben, Mann?
Warum schaut denn der Depp in die Kamera?
Was machst du, Mann?
Du brauchst gar nicht so rumplärren.
Die Tür kann ja nicht aufgehen, die ist bloß aufgemalt. Selber Depp.
(schreit) Ausstattung!
Wieso hast du dir die Tür da oben nicht angeschaut?
Und der Regieassistent hat natürlich auch nichts gemerkt!
Der Depp! Du Nichtskönner!
Ich spiele, da mache ich keine Ausstattung.
(laut) Mann, ihr müsst erst mal merken, was Film ist!
Ihr müsst das erst mal lernen!
Mann!
Ich hab's ja auch gelernt!
-Ja, gut, und nun? -"Und nun, und nun."
(stöhnt genervt)
Mann.
Jetzt drehen wir das Ganze in der Nacht, innen.
Du wolltest doch noch die Massenszene drehen, oder nicht?
Seit wann gibt es in dem Film eine Massenszene, oder nicht?
Ich drehe doch keine Massenszene mit Hühnern!
Weil ich Hühner nämlich nicht ausstehen kann! Kapiert?
Scheißhühner!
(Gackern und Krähen)
Hör mir gefälligst zu.
Was ist das denn? Was willst du, Mann, ich drehe.
Du drehst bald gar nicht mehr.
Der Ulli hat keinen Pfennig mehr.
Kauft groß ein, aber alle Wechsel sind geplatzt.
Ich hab's geahnt. Die leben hier alle auf meine Kosten.
Keiner hat hier eine eigene Idee.
Cuba Libre.
Na, wie haben die Muster dir gefallen?
Dieser Mike ist ein Genie.
Die Einstellungen habe ich vorgegeben.
Was nutzt das, wenn kein Material da ist?
-Rainer? -Was?
-Wir haben dir was zu sagen. -Was?
Wir lassen uns nicht länger von Berling,
diesem fetten Kapitalistenschwein, ausbeuten.
Wir wollen unsere Gagen, ein humanes Arbeitstempo und längere Pausen.
Bitte, immer mit der Ruhe.
Sind wir Beamte? Nein.
Sind wir beim Fernsehen? Nein.
Machen wir Kunst? Ja. Es wird gemacht, was Mutti sagt.
Außerdem bringt es nichts mehr, das Material ist ja alle!
Und du, Lommel, hast uns in die Scheiße geritten.
Anita Ekberg. Dass ich nicht lache.
Du hast von jetzt an Setverbot, außer wir drehen mit dir, du Pfeife.
(flötet) Rainer. Ich bin da.
Das ist nicht zu übersehen.
-Hast du das Geld aus Bonn? -Sage ich nicht.
Ich habe jetzt keinen Bock auf Spielchen, Mensch.
Hast du das verdammte Geld?
Durchsuch mich doch.
Du blöde Sau! Wo ist das Geld?
Und du bist schuld daran, du Pseudoproduzent.
Wollt ihr, dass ich jetzt hier noch eine Frau schlage?
Wo ist das Geld?
Ist das in der Tasche?
So, und ihr kriegt nichts davon. Wisst ihr auch, wieso?
Weil ich eure blöden Visagen nicht mehr sehen kann.
Ich werde nämlich richtige Filme drehen, mit echten Stars.
Und wenn ihr Geld wollt, dann fragt den Lommel.
Der hat euch betrogen.
Gudrun, wir gehen.
Hau ab da.
And this, Mr Palance,
is the famous German film director Rainer Werner Fassbinder.
(langsamer Soul im Hintergrund)
So you're from Germany?
Yeah.
From Bavaria.
Fancy a drink?
(langgezogen) Yeah.
Vodka?
Whisky.
I...
drink Cuba Libre.
What's that?
-Fidel Castro. -Fucking communist.
No.
It's rum and Coke.
-And you drink that shit? -Yeah.
A lot.
If there's not a lot of whisky,
I drink vodka.
A lot.
Yeah.
Can I fuck her?
Yeah.
If you have 10 000 dollars, you can fuck her a lot.
-Günther? -Werner?
Das ist Bärbel, unsere Kampflesbe.
-So, ja? Servus. -Grüß dich.
Das ist 'ne echte Schauspielerin.
Die war in ein paar richtig geilen Trash-Filmen aus den 50ern dabei.
"Die Nackte und der Satan", kennst du den?
-"Ein Toter hängt im Netz"? -Ja, ja. Ja.
Von der kannst du was lernen.
Die wird dich mit dem Motorrad
über den brennend heißen Wüstensand schleifen.
Wir machen das mit einem Stuntman.
Aber Schmerz und Qual will ich auf deinem Gesicht sehen.
Jetzt leg dich mal dahin. Na komm.
Los.
Mike, Großaufnahme.
Hol mal Klappe, komm.
32-3, die Erste.
(Mike) Set.
Und Action.
Aus. Aus. Günther, so geht das nicht.
Wir sind hier nicht bei den Karl-May-Festspielen.
Das sieht ja jeder, dass das nicht echt ist.
Ach so, ja.
Werner, dann machen wir's noch mal.
Es tut mir leid. So viel Material haben wir nicht.
Wir machen das jetzt mit dir anstatt mit dem Stuntman.
-Das sind ja nur 50 Meter. -Was? Nein. Das mache ich nicht.
Da mache ich nicht mit.
Wieso sagt denn da keiner was? Mike?
-Ich habe nichts zu sagen. -Das ist gesetzlich verboten.
Ach so, ist das so, ja?
Du willst als schlechtester Schauspieler der Welt
in die Filmgeschichte eingehen?
Nicht mal zu einem simplen Stunt bist du bereit.
Der Kirk Douglas macht das jeden Morgen nach dem Frühstück, mit links.
Und du?
Du willst also, dass jeder auf der großen Leinwand sieht,
dass du eine hohle Nuss bist?
Ja, lieber bin ich das.
Gut. Harry, besorg mir einen anderen Neger.
Er kann jetzt nach Hause fahren,
zu seiner schwangeren Frau in sein kleines Leben zurück.
Das ist ja wohl das, was er schon immer wollte.
Na gut, dann mach ich's halt!
Der Neger. Der Neger. Neger.
-Legt mir ein Rollbrett drunter. -Ein Rollbrett?
Beim Ku-Klux-Klan?
Wo gibt's denn so was?
(Motorbrummen)
So ein Schwein. So ein Sauhund. Ich habe so eine Angst gehabt, Kurt.
Ja, so ist das, wenn man sich ausgeliefert hat an einen Sadisten.
Weißt du, warum er meinen süßen spanischen Assistenten entlassen hat?
Weil er genau bemerkt hat, wie lieb ich den hatte.
(Günther schreit)
Seit gestern darf ich nicht mit meiner Frau telefonieren.
Wie gemein. Wo sie so kurz vor der Entbindung ist.
Du sollst sofort an den Set zurück.
-Jetzt schon? Ich bin nicht dran. -Das ist mir wurscht.
-Ich gebe nur Marys Befehle weiter. -Wie redest du mit mir, hm?
-Wessen Befehle? -Er nennt sich jetzt Mary.
Alle männlichen Teammitglieder tragen jetzt weibliche Namen.
Ich bin die Ilse, der Mike die Sonja.
-Du bist die Emma-Kartoffel. -Charmant.
-Bist du so weit? -Ja.
Du brauchst mich... Mary?
Schau einfach zu. Es wird dir gefallen.
So, seid ihr so weit?
-Ton. -Ton läuft.
-Kamera. -Läuft.
Klappe.
27-4, die Erste.
Und Action.
Ah, warte, warte. Bärbel?
Mach genauso, wie wir besprochen haben, ja?
Du traust dich was, okay?
Und du hörst erst auf, wenn ich Stopp sage.
Und noch mal Action.
(Schläge, Lommel wimmert)
(langgezogen) Und... Stopp.
(er schluchzt laut)
Aua.
Lass mich, lass mich.
(Bärbel) Idiot.
Das ist die Ehe in ein, zwei Jahren für dich, Günther.
Hast du das jetzt kapiert?
Die Ehe ist verlogen und destruktiv. Wie ihr alle.
Und darüber gehen alle meine Filme.
(lautes Schluchzen)
Und du, Lommel, das hast du jetzt davon.
Für jeden geplatzten Scheck eine Ohrfeige.
Anders kann man mit euch nicht umgehen.
Das wird ein Film über Brutalität, ne?
Also, über Macht und Ausbeutung und so.
Ich meine, über was soll man sonst heute schon Filme machen?
Werner. Werner.
Was?
Ich bin Vater geworden.
Ja, herzlichen Glückwunsch.
Könnte ich am Wochenende mal nach München...
Was, bitte? Ilse, Emma-Kartoffel und Mutti!
(stöhnt genervt)
Ich dachte,
du hättest endlich kapiert, dass ich dich hier bei mir brauche.
Hast du aber nicht, oder?
(brüllt) Mann, wir drehen hier einen Film!
Habt ihr denn immer noch nicht kapiert,
was das heißt?
Ihr Amateure, Mensch!
Rainer, wir müssen weitermachen.
Jede Sekunde kostet mich 2000 Mark.
Der Film ist sowieso so gut wie abgedreht.
Dafür wird's wohl noch reichen.
Der wird sowieso in den Archiven verschwinden,
so leidenschaftslos und unprofessionell, wie ihr alle seid.
Kurt, Cuba Libre.
Ilse?
Du gehst jetzt zu der Schlampe da rüber und gibst ihr Geld,
damit Günther sie ficken kann.
Der Typ daneben schaut aus wie von der Mafia.
Das kannst du selber machen.
Hast du gesagt, ich soll das selber machen?
Hey, Süße.
Der Neger da, der würde dich gern ficken.
(Italienisch)
Ficki-Fick.
(leises Lachen)
Ja, was glotzt ihr so?
Ihr habt alle Angst, euch dreckig zu machen.
Aber einer muss hier das Arschloch sein.
(schrille Clubmusik)
Hast du genug Scheine dabei?
Kenne ich dich?
(Musik dröhnt von drinnen)
Ben Hedi Salem Mustafa.
Rainer.
200 Francs.
You're very beautiful.
Thank you.
I must go.
-Now? -Travail.
Commence à six heurs.
-Travail? -Oui.
Qu'est-ce que tu travailles?
-Hm? -Street building.
(imitiert Rattern eines Presslufthammers)
-I must go. -Come with me.
I am filmmaker. From Germany.
Germany very good.
Yes. You come with me. You fly.
And then we film.
No... (imitiert Presslufthammer)
You come with me? You?
I must go.
J'habite ici.
-Travail. Comprends? -Non.
Love.
For you.
Beaucoup money.
Tu no travail.
No money.
Love.
(ruhige, bedrückte Musik)
No photo.
-Family. -Your family?
-Das ist deine Familie? -Family.
Du hast mir nicht gesagt, dass du verheiratet bist.
Oh nee.
Sag, dass das nicht wahr ist.
Qu'est-ce que tu as?
Was ich habe?
Au revoir.
(gefühlvoller Rock 'n' Roll)
Wodka.
Du?
Ich stelle dir jetzt die Liebe meines Lebens vor.
Kapier das, ja?
Immer auf die Zwölf, was?
Sag mal, wie du heißt.
"Je m'appelle..." Du ihm.
Hedi Ben Salem M'Barek Mohammed Mustafa.
Kurt.
Der Salem spricht kein Wort Deutsch.
Das sind ja ideale Voraussetzungen.
Wir haben andere Kommunikationsmöglichkeiten, oder?
-Wo hast du ihn denn aufgegabelt? -Na, da wo du auch warst.
In der Sauna in der Rue Wagram.
Er musste schnelles Geld verdienen für seine Frau und Kinder in Marokko.
Und genau da fahren wir jetzt auch hin.
Flug ist schon gebucht, Mietwagen auch.
Ah ja? Und was machen wir in Marokko?
Wir holen die Kinder, gründen eine Familie.
Logisch. Was frage ich überhaupt.
(dumpfe Schreie)
Sch!
(dumpfe Schreie)
Fahr los, na komm. Fahr.
(Kinder reden arabisch)
Also, Harry bleibt mein Assistent.
Assistenten nenne ich die Leute, die nichts können.
Und Gudrun und Britta,
ihr dürft gelegentlich in meinen Filmen weiter mitspielen.
Bärbel und Martha, ihr dürft sowieso mitspielen.
(laut) Mensch, könnt ihr endlich mal aufhören?
Wir sind doch nicht im antiautoritären Kinderladen!
Salem, sag was.
(Arabisch) Jalla.
Mann.
Wo sollen die schlafen?
Ich dachte, bei Gudrun. Als Kinderersatz.
Wollt ihr euch nicht eigentlich mal vorstellen?
Ich bin Gudrun.
Spinnt der?
Das musst du verstehen, hier gibt man Frauen nicht die Hand.
Ach? Muss ich das?
Britta bekommt den Filmpreis für die beste weibliche Hauptrolle.
Was?
Meine Emma?
Und du hast dich beschwert,
dass du wieder so 'ne Zimtzicke spielen sollst.
Du hast nicht verstanden, was die Alte für eine tragische Größe hat.
So was muss sofort gefeiert werden. Wir gehen gut essen.
Aber nur wohin, wo es was Vegetarisches gibt.
Ich habe gesagt, wir gehen gut essen.
Wenn du heute Fleisch isst, dann schlafe ich heute Nacht mit dir.
(Gudrun) Rainer, sei nicht geschmacklos.
Ist das dein Ernst?
(Gelächter, volkstümliche Musik)
(Würgen)
(Kotzen)
(Applaus in der Kneipe)
Schöner Lüster.
Schade, Britta. Ich habe gesagt, wenn du Fleisch isst.
Nicht, wenn du es auskotzt.
(Schniefen)
Komm, Britta.
(Britta, schluchzend) Danke.
-Weiber. -Weiber?
Ja, Weiber. Salem, sehr gut. Dein Deutsch wird immer besser.
Ein paar Sätze kann er schon.
Was guckst du so doof? Das ist eine ungeheure Leistung.
(Kinder sprechen arabisch)
Kennt ihr den Witz vom weinend-lachenden Kümmeltürken?
(Gudrun) Nein, aber es wird ihn schon geben.
Denn es gibt nichts, was es nicht gibt.
Die Welt ist winzig im Vergleich zum Kopf.
Und die vielen, vielen Gedanken
bringen die Welt aus dem Gleichgewicht.
Vor allem die ungedachten.
Die, die man nicht zu denken wagt,
und die, die man nicht auszusprechen wagt.
Der Witz vom weinend-lachenden Kümmeltürken,
vom lachend-weinenden Kümmeltürken,
nein, nein, den kennt ihr natürlich nicht.
Wollt ihr ihn etwa hören?
Nein. Wir wollen den nicht hören.
Wir wollen deine Witze längst nicht mehr hören.
Na gut, na gut. Dann eben nicht.
Die machen mich wahnsinnig!
Mensch. So kann ich keine Leseprobe machen.
Du hast ihnen selber das Spielchen beigebracht.
Das ist mir egal! Salem, komm!
Kurt, sperr sie raus auf den Balkon.
(brüllt) Jetzt mach schon!
Mach.
Mensch!
Wenn du die Scheibe einschlägst,
binde ich dich hier draußen drei Tage fest, Mann!
-Es regnet in Strömen. -Das ist mir egal.
Liebster, trink nicht so viel.
Sonst schläfst du wieder sofort ein, wenn wir ins Bett gehen.
-Bett? -Ja, Bett.
Hm?
(locker-melancholische Klaviermusik)
(Donnergrollen)
Es tut mir leid.
Pardon, mon amour. Je regrette.
Ich möchte dir danken.
Du hast mich inspiriert zu einer neuen Filmidee.
Verstehst du das?
Ich liebe dich, du.
Um dir das zu beweisen,
habe ich dir eine Hauptrolle geschrieben in meinem neuen Film.
-Hauptrolle? -Ja, Hauptrolle.
Verstehst du das?
Hm?
Das wirst du schon verstehen.
Morgen ist dein großer Tag, Salem.
Erster Drehtag. Du, verstehst du mich?
Ist auch für mich ein großer Tag.
Morgen kommt Brigitte Mira.
Das ist der erste große UFA-Star, mit dem ich arbeiten kann.
Salem, verstehst du?
Du wirst auch bald ein großer Star sein.
Und dann werden wir beide berühmt.
Kannst du deinen Text schon, du?
(bedrückende Musik)
(keuchender Atem)
-(keucht) -Was...
Bin ich bei dir, du keine Angst. Nie.
(lautes Schluchzen)
Sch...
(Salem summt leise)
Ich will immer bei dir bleiben.
Sch.
Und danke.
War das in Ordnung? Du sagst nie was.
Biggi, was soll ich sagen?
Du bist die beste Schauspielerin, mit der ich je gearbeitet habe.
Ich olle Operetten-Hupfdohle.
Danke, Rainer. Du bist ein Gentleman.
Du, aber der Salem, der ist wirklich ein Naturtalent als Schauspieler.
Und so ein lieber Kerl.
Also, dass der noch keine Freundin gefunden hat in Deutschland.
-Rainer, verstehst du das? -Nein, das verstehe ich nicht.
Ich stehe ja nicht mehr zur Verfügung.
Ich habe ja schon einen lieben Mann.
Sie zeigen, wie die israelischen Geiseln erschossen wurden.
Das gucken wir uns an.
(Radio) Palästinensische Terroristen drangen ins Olympische Dorf ein,
erschossen zwei israelische Sportler und nahmen neun gefangen.
Sie forderten die Freilassung palästinensischer Häftlinge
und eine freie Ausreise nach Ägypten.
Wo ist denn die Gudrun?
Ich will, dass das hier alle sehen, ja?
Das hat nämlich Konsequenzen.
Die machen jetzt Razzien auf Araber.
Jetzt können sie die Bürgerrechte einschränken
und die Gesetze so verschärfen, wie ihnen das vorschwebt.
Ich habe gefragt, wo die Gudrun ist.
Was hast du mit der Gudrun? Die kann auch nichts dafür.
Man kann nichts dafür, wenn man sich faul aus allem raushält?
Was heißt faul? Sie schreibt ihre Examensarbeit in Pädagogik.
Pädagogik?
(locker-melancholische Klaviermusik)
Drehschluss, Cuba Libre.
Magst du lieber Wurst oder Schinken?
Käse.
(Poltern)
Was war das?
Was wollen Sie hier?
-Halt! Stopp! -(Mann) Weg.
Lass mich los, du Arschloch.
-(Polizist) Hat der ein Visum? -Ein Visum?
Also nicht. Araber ohne Visum werden abgeschoben.
Lass die Hände oben. Polizei!
-Abführen. Gehen wir. -Rainer!
(Rainer) Spinnt ihr?
Nein! (Arabisch)
(melancholische Klaviermusik)
Hier, das handelt sich hier um einen Irrtum, ne?
Der für Sie weitreichende Konsequenzen haben kann.
Dieser Mann, der hat Papiere und eine Aufenthaltsgenehmigung.
Und außerdem hat er einen Vertrag als Hauptdarsteller in meinem neuen Film,
den ich gerade drehe.
-Und wo sind seine Papiere? -Kurt?
Loslassen.
Diesmal habt ihr noch Glück gehabt. Das nächste Mal seid ihr dran.
Scheiße. Das ging schneller, als ich dachte.
Salem?
Das hätte ich ja nie gedacht, Mary, dass dir mein Film gefällt.
-Ist das deine ehrliche Meinung? -Ja.
Dein Film ist ein kleines Meisterwerk, Wally. Ja, wirklich.
Ich habe das schon einigen Kritikern gesteckt.
-Das freut mich aber. -Ist auch keine Konkurrenz für dich.
-Bist du etwa eifersüchtig? -Aber nein.
Ein Film, in dem eine abgetakelte Kölnerin
sich für Tarzans Jane hält, hat der Welt gerade noch gefehlt.
Lass den reden. Ich finde den Film toll.
Danke, Rainer.
(deutsche Schlagermusik im Hintergrund)
Er dein Mann? Oder ich?
Na komm, stich zu.
(Mann und Frau singen) Die Liebe ist ein Wunder
Ein Wunder, das heut' passiert
Ein Wunder, das heut' passiert
(langsame Schlagermusik)
(Lied: "Capri-Fischer" von Rudi Schuricke)
Wenn bei Capri Die rote Sonne im Meer versinkt
Und vom Himmel Die bleiche Sichel des Mondes blinkt
Ziehen die Fischer Mit ihren Booten aufs Meer hinaus
Und sie legen Im weiten Bogen die Netze aus
Nur die Sterne Sie zeigen ihnen am Firmament
Ihren Weg mit den Bildern Die jeder Fischer kennt
Und von Boot zu Boot Das alte Lied erklingt
Hör von fern
Wie es singt
Bella, bella, bella...
-Wann nächster Dreh? -Nix nächster Dreh.
Film abgedreht, weißt du.
Aus. Vorbei.
Bella, bella, bella, bella Marie Vergiss mich nie
Ich find's nicht gut, dass du dich nicht blicken lässt im Kino.
Der Beifall, die Buhs, ich brauche das nicht.
-Und, wie war's? -Ach, es geht so.
Rainer. Rainerchen.
Siebzehnmal.
Siebzehnmal wurde der Film von Ovationen unterbrochen.
Siebzehnmal.
Und am Ende gab es frenetische Bravorufe.
Eine ganze halbe Stunde lang.
Es war so schön.
Ach Gottchen.
(Schluchzen)
Rainerchen.
Ach du, Gottchen.
Ach du. Ach du.
(schluchzt laut)
Ach du.
-Ach, Biggi. -Ja.
Ich danke dir.
Du hast den Film so mit Leben gefüllt.
Und ich danke dir, Rainerchen.
Ich danke dir. Ich dank dir.
Ich werde jetzt nur noch Filme drehen,
die... die Menschen berühren.
Für internationales Publikum.
(Kurt lacht laut gackernd) Prost, Leute, Prost.
Worüber denkst du nach, Rainer?
Ach, wie es weitergeht.
Ob ich den Intendantenvertrag jetzt überhaupt noch unterschreiben soll.
Ich habe eigentlich gar keinen Bock mehr auf Theater.
Aber ich brauche einen Tapetenwechsel.
Frankfurt ist wahnsinnig hässlich,
aber vielleicht bewegt sich dann wenigstens was.
Wo ist denn Salem, hm?
-Was hat er denn schon wieder? -Er kommt mit seinem Ruhm nicht klar.
Du scheinst ihn besser zu kennen als ich.
-Kümmer dich doch um ihn. -Ich dachte schon, du liebst ihn.
Kann man nicht mal mehr feiern?
Ich liebe ihn ja auch.
Jetzt hör auf damit und komm zurück zum Tisch.
Bitte. Lass das jetzt.
Komm zurück, bitte.
Salem, hm?
Also gut, dann besauf dich halt alleine weiter.
(schimpft auf Französisch)
Ja, ist ja gut. Die Firma zahlt.
Wenden Sie sich an den da. Der zahlt alles.
Darf ich auch einen haben?
Also,
in zwei Tagen kommt ihr anderen nach, ja?
Ich habe noch einiges zu klären in Frankfurt.
Intendantenvertrag unterschreiben und so weiter.
Und noch mal:
kein Wort zu Salem, wo ich bin.
(Tür wird geöffnet)
Wo Rainer?
Wissen wir nicht.
Verstehe. Hat sagen verboten, hm?
Er hat Geld dagelassen für dich. Du kannst nach Paris fahren.
Nix Paris.
Gib Geld.
Rainer schuld, was passiert.
Chatelchen, mach du mal den Abraham.
Der hat als Immobilienmakler im Rotlichtmilieu Geld gemacht.
Die Stadt Frankfurt lässt ihn Häuser abreißen,
damit er neue aufbaut.
Als Jude ist er aber unantastbar, und das weiß er.
Mach mal. Bitte.
"Was soll ich mich mit Arabern
um deren verdammte Äcker und Wiesen herumschlagen.
Dann schon lieber hier, wo ich hingehöre,
mit starken Schritten durch Land und Städte schreiten und zeigen,
hier geht einer, nehmt euch in acht.
Ich habe die jüdische Sonderstellung satt.
Wir Juden sind nicht besser und nicht schlechter.
Wenn wir Geschäfte machen,
gehen wir genauso über Leichen wie jeder andere auch."
Mit dem Text wirst du Schwierigkeiten bekommen, meine Liebe.
Salem hat in einer Disco auf Leute eingestochen.
Zwei sind schwerverletzt. Die Polizei sucht ihn.
-Habt ihr ihn versteckt? -Nee, in ein Flugzeug gesetzt.
-Er ist schon in Paris. -Jetzt weiß ich's, danke. Hau ab.
Mach das mal im Stehen.
Du kannst das ja schon, ich merke das ja.
(brüllt) Ja, mach! Mensch.
(jammernd) Ich will 'ne Limousine.
Ja.
Eine große, schwarze Limousine.
Mit weißen Ledersitzen.
Das ist mir doch egal, was das kostet.
(locker-melancholische Klaviermusik)
(Mann) Hau ab! Hau ab!
Hau ab, du Stück Scheiße!
Holger, ich habe das alles nur für dich getan.
Du hast von mir verlangt, dass ich mich umbauen lasse.
Das war Spaß. Hau ab, du Stück Scheiße!
Aber Holger, ich habe mich nur für dich umbauen lassen.
Hau ab! Lass den Wagen los.
(traurige Klaviermusik)
Hast du dir wehgetan?
Komm, ich helfe dir hoch.
Kann ich dich irgendwo...
hinfahren?
Das ist ganz lieb, danke. Aber ich habe keine Wohnung mehr.
Ist nicht schlimm.
Weißt du, der Holger.
Ich liebe ihn halt immer noch so sehr.
Ich weiß gar nicht, warum er mich so hasst.
Wer ist dieser Holger?
Oh, Holger...
Ich wusste gleich beim ersten Mal, als ich ihn gesehen hatte,
in diesem kleinen Café,
das ist meine Liebe.
Danach wird es keine mehr geben.
-Das gibt's? -Ja.
Wie heißt du?
Carlotta.
Oh.
Das ist aber ein schöner Name. Passt sehr gut zu dir.
Danke.
Ich muss nun gehen und versuchen, ein bisschen Geld zu verdienen.
-Auf Wiedersehen. -Auf Wiedersehen.
-Wie heißt du? -Rainer.
Rainer. Auch ein schöner Name.
Carlotta. Dein Hut.
Danke.
Na?
Der Magistrat verbietet das Stück,
die jüdische Gemeinde sitzt ihm im Nacken.
Wir fahren nach München.
Du richtest uns endlich die Wohnung ein.
Ich habe diese Kommunenscheiße satt. Keinen Tag länger ertrage ich das.
-Zwei Maß. -Ja, kommt.
Der sieht ja aus wie James Dean.
(Kurt) Das ist Armin Meier. Der arbeitet als Metzger.
Nach Feierabend ist er Schankkellner.
Soll ich euch bekannt machen?
(Armin) Na, komm her.
Ich will mich nicht mehr verlieben.
Wer spricht von Liebe?
(Stöhnen)
(bayrischer Akzent) Buale, was ist?
Kann ich dir helfen?
Komm her, Buale.
Ist alles gut. Alles gut.
Hier wird gar nichts verändert.
Wir übernehmen das Mobiliar.
Die Couch auch, die passt so schön zur Wandfarbe.
Was? Diese kackbraune Couch willst du behalten?
Ja, die sieht aus wie eine Wurst und geht um die Ecke.
Wenn du die rausnimmst, musst du Stiefel putzen.
Jawohl, mein Führer.
-Buale? -Hm?
Hier lässt sich's leben, oder?
Hier werden wir beide alt werden, hier werden wir sterben.
-(Kurt) Und wo werde ich wohnen? -Hier.
Was, in diesem Loch?
Dafür kriegst du endlich die verdiente Hauptrolle.
Als was?
Du spielst den Dichter Stefan George.
Wir wollen doch künstlerisch in Bewegung bleiben, oder?
-Wollen wir das? -Ja, das wollen wir.
Endlich seid ihr wieder da.
Es war so langweilig ohne euch in München.
Das ist übrigens der Blumenpeter.
Ich habe von Wally gehört, du bist ein ganz schneller Junge, ne?
Ich hab euch was Schönes mitgebracht, zum Einzug in eure neue Wohnung.
-Hier, das turnt dich an. -Ich bleibe lieber beim Bier.
(Blumenpeter) Na?
Ich merke nichts. Das ist nur irgendwie so taub hier.
-Aber pass auf. Zu viel haut dich um. -Vorsichtig ist ein Prokurist.
(Türklingel)
Kurt, mach auf.
Was wollt ihr denn hier? Was macht ihr hier?
Was wollt ihr? Das Intendantenbüro ist geschlossen.
Aber wenn ihr schon mal da seid,
teile ich euch ein in A- und B-Schauspieler.
Damit sich der eine nicht beschwert, wenn der andere zu viel verdient.
So. Du: B.
Sau.
Lommel: B.
Du bist B, und du bist B.
Chatelchen, du bist A, trotz deiner Boshaftigkeit.
Emma,
A plus Ausstattung.
Also, Eins a.
A bis B.
Britta und Martha: A.
Und Margit Carstensen: A.
Und jetzt verpisst euch, das hier ist eine Privatwohnung, ja?
Und keine Kommune mehr.
Wir sehen uns beim nächsten Film. Auf Wiedersehen.
Habt ihr nicht gehört, was der Meister sagt?
(Rainer) Na los, haut ab.
Kurt, du ziehst jetzt.
Ich bin katholisch erzogen.
Wenn du George spielen willst, dann ziehst du jetzt.
Sonst spielt Wally George. Du wolltest ihn schon immer spielen.
-Wer ist George? -Halt die Fresse.
Zieh jetzt. Das macht dich greller, schneller.
Das ist gut für den nächsten Film.
Dann kannst du saufen, ohne blau zu werden.
Dann kannst du Text lernen ohne Ende.
-Ehrlich? -Vertraust du mir nicht?
Doch, Rainer.
-Habe ich dich jemals belogen? -Nein, Rainer.
Meinst du, der Rainer mag mich?
Der redet nie mit mir. Der will immer nur bumsen.
Normalerweise fragt einer doch was, aber da kommt gar nix.
Und wenn ich was frage, kriege ich keine Antwort.
Woher soll ich das wissen?
Da musst du ihn selber fragen.
Scheiße, Scheiße! Wo ist denn mein Scheißvalium?
Wie soll ich schreiben in der Nacht, wenn ich das Scheißvalium nicht habe?
-Jetzt mal ruhig! -Erklär mir das!
Wo ist der verdammte Toilettenbeutel?
In meiner Umhängetasche, Mann. Scheiße!
Wieso stellst du dann alles auf den Kopf da? Meine Güte!
Die Gudrun hat's mir geklaut oder der Blumenpeter oder der Chatelche.
Scheiße, Mann!
Und das Geld?
Sagt mal, wo ist das Geld jetzt? Wo ist das Geld?
Geh los. Hol Rezepte und geh in die Scheißapotheke.
-Wir haben keine Rezepte! -Arschloch!
Rainer. Da sind noch zwei drinnen.
Wieso räumt ihr die Koffer nicht aus? Ihr seid doch keine Zigeuner.
Du kannst die Geschichte der Maria Braun aufschreiben zur Strafe.
Das ist doch keine Strafe, für den Meister arbeiten zu dürfen.
Buale!
(er stöhnt)
Verdammt noch mal.
Komm, ich schmiere dir eine Salbe drauf.
Vergebliches die arme spannen
(überbetonend) Nach dem was nur mehr schein
Dies unbegründete sich sträuben
Dies unabwendbar sein
Beklemmendes gefühl der schwere
Auf müd gewordener pein
Dann dieses dumpfe weh der leere
O dies: mit mir allein!
(Applaus)
Kniet nieder vor mir.
Es ist mir das höchste Glück, mich zu unterwerfen.
Ähm, Moment.
Ähm... Mich deiner Größe zu unterwerfen.
-(Rainer) Und dir ewig als... -Ja.
-Ähm... -Und dir ewig als.
Und dir ewig als Fußabstreifer zu dienen.
Danke, aus. Sehr gut.
Rainer.
-Rainer, das war doch scheiße. -Aber nein.
Dieser Strichjunge, der soll ja sprechen wie ein Dilettant, ne?
Und das hast du ganz toll gemacht.
Und ich? Das ist der letzte Drehtag.
Du hast mir nie gesagt, ob du zufrieden bist mit mir.
Emma, setz dich mal hin.
Und jetzt zieh deinen Schuh aus.
Und jetzt mach mal den Fuß nach vorne.
Jetzt bist du mein Peter Lorre.
Ich danke dir.
Salem soll sich erhängt haben.
Quatsch.
In einem französischen Gefängnis.
Woher hast du das?
Jemand hat's in einer Zeitung gelesen.
-Das muss man dem Rainer sagen. -Nein.
Vielleicht ist es ja bloß ein Gerücht.
(ruhige, tragische Musik)
Was ist, Buale?
Geht's dir nicht gut?
Pass bitte auf dich auf, ja?
Wie meinst du das jetzt?
-Rainer, kann ich ein bisschen haben? -Emma, du kriegst nie genug.
Ich habe nicht mehr viel, und das brauche ich selber.
-Du hast noch ganz viel. -Siehst du nicht, dass ich lese!
-Nur so ein bisschen. -Lass es!
Nimm eine Captagon, die wirkt genauso.
(schwere, traurige Musik)
So, ein Briefchen fehlt. Aus der Sofaritze.
-Wer hat es genommen? -Was geht mich das Zeug an?
Wenn immer so viele Leute hier sind. Die sehen doch, wo du's hintust.
Putz dir lieber die Nase.
Leute, die von mir abhängig sind, gehen mir auf die Nerven.
-Sauf lieber. Dann bist du netter. -Lass doch. Komm.
So, fast hätte ich das vergessen. Komm mal mit.
"Ich bestätige hiermit,
dass ich für die explodierten Kosten der Ausstattung verantwortlich bin.
Ich habe die ungeeigneten Mitarbeiter ausgesucht,
welche den Etat überzogen haben."
Wie sollte ich Ausstattung machen, wenn ich die Hauptrolle spiele?
Das hättest du dir vorher überlegen müssen.
-Das kannst du doch nicht machen! -Ach nein?
Das würde mich finanziell ruinieren. Ich kann dann nie wieder da arbeiten.
Hast du nicht kapiert, dass du die nicht nötig hast?
Doch, aber...
Was ist, unterschreibst du den Brief?
Ja, Rainer.
So ist brav.
Und jetzt bringst du den Brief zur Bavaria.
Okay, Rainer.
Und kriege ich dafür noch ein wenig Koks?
Nein.
Erst wenn du den Brief apportiert hast, Emma.
(Armin) Buale!
-Buale? Buale... -(genervt) Was ist denn los?
Kann man hier nie seine Ruhe haben?
Im Fernseher ist was Schreckliches passiert. Komm.
(Sprecher) Eine Linienmaschine der Lufthansa
ist in der Gewalt von Entführern.
Zur Stunde gibt es noch keine Klarheit über das Motiv.
Es handelt sich um vier Männer aus dem arabischen Raum.
Die Maschine von Typ 737 City Jet
war auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt.
Die Luftpiraten zwangen die Piloten, in Rom zu landen.
An Bord sind 86 Passagiere und die fünfköpfige Besatzung.
Die Entführer forderten die Freilassung
aller politischen Gefangenen in der BRD.
Magst du eine Suppe, Buale?
Lass mich in Ruhe mit diesem ewigen "Buale"!
Ich kann's nicht mehr hören!
Hast du denn keine Augen im Kopf?
Siehst du denn nicht, was da passiert, Mensch?
Ich weiß, dass du nicht schreiben kannst,
aber dass du nicht hören kannst, wusste ich nicht.
Geh in dein Zimmer oder geh auf den Strich,
aber lass ich in Ruhe in Zukunft mit deinem ewigen "Buale"!
-Was ist denn hier los? -Einen Krug habe ich geschmissen.
Weil er gar so ekelhaft war.
-Jetzt reicht's mit seinen Launen. -Es reicht.
-Ich lasse das Ding reparieren. -Das kannst du gerne machen, Emma.
Du kannst aber auch gleich ausziehen.
Das ist mein Ernst.
Ich kann mit deinem Gesicht nichts mehr anfangen.
Du bist ein Klotz am Bein. Ein Geschwür am Arsch.
Du ekelst mich an mit deinem Suff und deinem Gekokse.
Schau dich doch mal selbst im Spiegel an.
Wolltest du noch was sagen?
Morgen lasse ich das Schloss auswechseln.
Ich wollte dir noch Servus sagen.
Mach's gut, Kurti.
Ich wünsche dir viel Glück.
Das ist lieb von dir, Armin.
-Brrt. -(Armin lacht)
(düstere Musik)
Die wollen die Geiseln in Mogadischu
mit einem Spezialkommando aus dem Flugzeug holen.
Sollen sie doch gleich das Scheißflugzeug in die Luft jagen.
Aha, und was ist mit den Passagieren?
Wegen denen können wir nicht den ganzen Staat aufs Spiel setzen.
-Schluss mit dem Terror. -Oh Mann, Armin.
-Ja, was? -(stöhnt angeekelt)
Du sagst, Gesetze interessieren dich nicht, aber du bist ein Demokrat.
Gesetze interessieren mich schon.
Eben sagtest du, sie interessieren dich nicht.
-Aber wenn Leute... -Nein, kein Aber!
Gesetze interessieren dich nicht.
Egal welche Situation, und du bist ein Demokrat?
-Du, aber wenn so Leute so... -Nein!
-Aber die... -Antworte mir bitte!
Die missachten das Gesetz, nicht ich.
Das tut ein ganz normaler Mörder auch.
-Dann sind die Mörder Terroristen. -Ja, meinetwegen.
Aber für Mörder gibt es keine Spezialgesetze.
Ja, sicher. Aber die kannst du fangen, dann hast du sie dingfest.
Dann können sie nicht ein solches Unheil anrichten.
Nein?
Nein?
Ein normaler Mörder hat ja nicht
schlechtere oder gar keine Gründe für seinen Mord.
Ist das Schlimme bei den Terroristen nicht,
dass sie Gründe haben, die du verstehen könntest?
Ja, sicher.
Aber die Mittel sind nicht die richtigen.
Gut, aber du sagst, dass Gesetz ist dir wurscht, wenn es darauf ankommt.
In der Situation war ich so empört...
Aber darf es eine Situation geben, in der es dich nicht interessiert,
wer Gesetze macht und welche?
(TV-Sprecher) Andreas Baader hat sich erschossen.
Jetzt sind alle tot in ihren Zellen in Stammheim gefunden worden.
Jetzt behaupten sie, sie hätten sich umgebracht.
Ensslin, Baader, Raspe.
Jetzt wollen sie eine unabhängige Kommission einschalten.
Gudrun Ensslin, das dritte führende Mitglied, erhängte sich...
Das runterspülen, was soll denn das?
Die Bullen sind das Treppenhaus hochgelaufen.
Wie kommst du darauf? Bist du paranoid?
Und was ist, wenn die die Wohnung stürmen?
Wenn die uns einfach nur umbringen?
Ach ge, das macht unsere Polizei nicht.
Das sind anständige Leute. Und die sie erschossen...
-Du bist ein ganz blöder Idiot! -Au!
-Vollidiot. -Dann bin ich halt ein Idiot.
Du bist irre und hast zu viel Koks genommen.
Ich gehe in die Eiche, da sind sie normal.
-Ja, hau ab. -Ja, ja, ja.
Na los, dann geh doch!
Ach, Buale.
(schluchzt laut)
Ja, Buale. Ja.
Mein Buale.
Die Demokratie ist die menschlichste Staatsform.
-Oder ist sie das nicht? -Ja. Es ist das Kleinste aller Übel.
-Das Kleinste aller Übel? -Ja.
-Im Augenblick ist es ein Übel. -Die Demokratie?
-Ja. -Was wäre denn dann besser?
-Was Autoritäres? -Nein. Hier bei uns im Moment....
Aber was wäre denn dann besser, wenn das das kleinste Übel ist?
Dann muss es ja vielleicht etwas Gutes geben.
Was wäre das denn?
Das Beste wäre so ein...
autoritärer Herrscher.
Der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich.
(lacht gackernd)
Mach die Kamera aus.
(ruhige Musik)
Was willst du mir damit sagen?
Ich versteh's einfach nicht. Ich versteh's nicht.
(Telefon klingelt)
(brüllt) Ich bin nicht da, Mensch! Ich bin nicht da.
Ohne letzte Chance.
-(Klopfen) -Kommt rein.
(Telefon klingelt)
(Telefon klingelt)
(Bärbel) Willst du nicht rangehen?
Wer soll mich hier schon anrufen?
Armin?
Der soll mich in Ruhe lassen!
(Telefon klingelt weiter)
(ruhige, bedrückende Musik)
Schau mal.
Kannst du das für mich abtippen?
Bist du so lieb?
Ausnahmsweise, hm? Weil du heute Geburtstag hast.
(rockige Clubmusik)
Rainer, willst du nicht mitkommen
zum Interview mit den "Cahiers du Cinéma" und der "New York Times"?
Nein.
Geh du allein.
Du bist doch jetzt der Star.
Hm? Weißt du noch?
Das habe ich dir prophezeit.
Ja, das hast du.
Mit meinem Namen haben sie noch Schwierigkeiten:
Martha Witschürek.
-Ich muss los. -Genieß es.
Au.
Harry?
Welcher Tag? Welcher Film?
Kein Film.
Alles ist Film. Alles.
(Klopfen)
(Musik klingt aus, unverständliches Gemurmel)
Wir geben nichts.
-Gudrun... -Ist er da?
-Hallo. -Rainer.
Armin hat sich das Leben genommen.
Mit Schlaftabletten. An deinem Geburtstag.
(leise traurige Musik)
Die "Maria Braun" hat mich weltberühmt gemacht.
Was soll das alles, sag mal.
Ihr habt ja ganz schön gehaust.
Ich lasse es auf die Rechnung setzen.
Mein Buale.
Mein Buale.
(traurige Musik läuft weiter)
-Was hast du hier verloren? -Hi...
Lass mich in Ruhe, ja?
Wie war das mit zusammen alt werden
und bis dass der Tod uns scheidet?
Ihm einen Abschiedsbrief zu schreiben,
mit dem er durch München rennt und jeden fragt,
was Rainer ihm sagen will!
(brüllt) Zu beschränkt war er dir am Ende, politisch zu reaktionär!
Aber das hast du von Anfang an gewusst.
Hast du Armin jemals gefragt, was er erlebt hat?
Wie beschissen seine Jugend war? Hast du nicht?
Dass er in einem Lebensborn-Heim aufgewachsen ist,
ihn ein sadistischer Zahnarzt adoptierte,
dem er als Kind den Arsch hinhalten musste.
Dass er später die Rinder im Schlachthof beneidet hat,
weil mit einem Stromschlag alles vorbei war.
Das hast du alles nicht gewusst. Wolltest es auch nicht wissen.
Es war dir egal, dass du seine große Liebe warst,
seine Hoffnung auf ein besseres Leben.
(brüllt) Durchs Feuer wäre er gegangen für dich!
Aber du hast ihn fallen lassen, als du genug von ihm hattest.
Nur deine Gefühle zählen.
Auf die der anderen scheißt du.
Du hast mich aus Paris einfliegen lassen, falls du dich erinnerst.
Was ich dir damals schon sagen wollte:
Dein Beitrag für "Deutschland im Herbst" war der Beste.
Schonungslos.
Auch dir selbst gegenüber.
Und die Szene mit deiner Mutter. (pfeift)
"In einem Jahr mit 13 Monden".
Was soll das sein?
-Mein neuer Film. -Ein Film über Armin?
Nein. Es geht um eine große Liebe.
Um einen Traum, der nicht gelebt werden kann, weißt du.
Dieser Film ist nur möglich in einer Stadt wie Frankfurt,
in der das Geld regiert und die soziale Kälte.
Die Macht des Geldes.
Und die Scheiße im Hirn.
-Das ist Deutschland. -Ja.
So ist die Welt.
Nichts als Ungeheuer.
Nur Machtverhältnisse, weißt du. Herr und Knecht.
Das Recht des Stärkeren.
Alles Schweine.
-Und du? -Ich?
Das Oberschwein.
Ich wäre gern eine große Blondine mit Pfirsichhaut gewesen.
Ja, ich weiß.
Marilyn.
Mary.
Ich liebe dich.
Ich liebe dich auch.
Obwohl es nicht immer leicht ist.
Ich zahle den Film aus eigener Tasche.
Geld bekommt niemand.
Kamera, Licht, Ausstattung, Drehbuch, Regie mache ich selber.
Die Schauplätze sind die Parks,
die Spielhallen und die Toiletten der Stadt.
Was aus dem Film wird, weiß ich nicht.
Es gibt keinen Verleih
und keine Produktion.
Wer nicht mitmachen will, der darf jetzt gehen.
Also gut, dann fangen wir jetzt an.
(sanfte Streichmusik)
Salem.
Salem?
Salem?
(tragische Musik)
Rainer, ist alles in Ordnung?
(er atmet schwer)
Mary?
-Mary? -Was?
Das Material ist ausgelaufen.
Salem?
Du solltest mehr schlafen und weniger von dem Zeug nehmen.
Los, worauf wartet ihr? Kommt, nächste Szene.
Umbau. Los, los, los.
Ich habe keine Zeit zu verlieren.
Mach!
(bayrischer Akzent) Sie, ein Anruf aus New York.
Das Museum of Modern Art möchte Sie einladen zu einem Gespräch
mit einem gewissen... Andy Warhol.
Ja, was ist? Soll ich's zusagen? Absagen?
(lacht gackernd)
Das ist ja eine weite Reise, das wissen Sie schon.
Nein, nein. Sagen Sie ruhig zu.
Also gut. Momenterl.
(lacht)
Wer ist das denn?
Der gehört zu deiner Reha dazu.
Es kann nicht schaden, dass du normale Menschen um dich hast.
-Ich weiß nicht. -Nachher kommt der Fitnesstrainer.
-Brauche ich nicht. -Er sieht sehr gut aus.
(lacht)
Glaubst du, ich falle auf so einen plumpen Bauerntrick rein?
(Journalisten rufen) Mr Warhol, here.
Do you do any gymnastics, or?
-What? -Gymnastics. Gymnastics?
-(lacht) Gymnastics? -Yeah.
No.
I watch football. Soccer, you know.
-FC Bayern. -What is that?
Bayern München.
When they play, I stop shooting
and go to Olympiastadion.
Why is that?
Because you have to go where it hurts.
I always go where it hurts, you know.
In life and in film.
Ah.
Why? Why would you go where it hurts?
It makes it more real, you know.
Oh, can I take your photograph?
-Yeah. -Oh yeah. Oh yeah.
(rockige Clubmusik)
(lustvolles Stöhnen)
May I have an autograph, Mr Fassbinder?
(Husten)
Also,
was wollen Sie wissen, junger Mann?
Sie sollen finanzielle Probleme haben.
Haben Sie keine interessanteren Fragen?
Sie sind ein Mythos. Eine Legende.
Wenn ich sonst nichts bin...
Sie sind eine sehr schöne Frau.
Sie waren...
Sie sind...
eine begnadete Schauspielerin.
(leise) Dafür lebe ich.
Ich hatte immer nur vor der Kamera das Gefühl, wirklich zu leben.
Ich wäre zu allem bereit gewesen, ob über oder unter Wasser.
Ich folge ihm überall hin.
Dem großen Zauberer. Dem Rattenfänger.
Film.
Es gibt Gerüchte über Suchtprobleme.
(lacht) Ja, ja, ja, diese künstlichen Paradiese.
Ich habe sie nicht mehr nötig.
Glauben Sie mir?
Schon lange nicht mehr.
Danke.
(lockere Klaviermusik)
Monsieur Fassbinder,
wie nah ist Ihnen die Veronika Voss wirklich?
Die ist mir sehr nah.
Ich habe eine große Zärtlichkeit für sie.
Ne?
Ich verstehe sie in allem, was sie falsch gemacht hat.
Sie hat sich zerstören lassen.
Sie sind jetzt weltberühmt.
Niemand hätte das damals gedacht, als Sie Ihren Erstling zeigten.
Sie nicht, ich schon.
Sie haben jetzt den goldenen Bären. Wie gehen Sie mit dem Ruhm um?
Der Ruhm, was interessiert mich der Ruhm?
Ich will Cuba Libre, das ist Cola mit Rum.
So danke, das war's. Das Interview ist beendet.
Er wird sich auf einen Dreh vorbereiten, er hat kaum geschlafen.
Das machen wir ganz unkompliziert.
Das Gespräch musste unterbrochen werden, er muss zum Drehort.
Der Regisseur von "Die Ehe der Maria Braun"
bereitet hier in Berlin seinen nächsten Kinofilm "Querelle"
mit Brad Davis in der Hauptrolle vor.
(Lied: "Kosmetik" von Joachim Witt)
(lockere Synthie-Popmusik)
Grüß dich, Werner.
Hallo.
Ähm...
-Günther. -Günther.
Wie geht's denn deiner neuen kleinen Frau?
Wie heißt die?
Dings, hier. Marie?
-Martine. -Martine.
Ja, wir lieben uns. Ja.
Ich mache jetzt "Querelle".
Ne? Du bist doch hier, weil du eine Rolle willst, oder?
Du bist besetzt und du darfst...
Django vögeln.
Was für ein Django? Vom Franco Nero?
Ja. Und ich hoffe sehr, du kriegst einen dicken Schwanz vor der Kamera.
(Lied) An der Umgehungsstraße Kurz vor den Mauern unserer Stadt
("Goldener Reiter" von Joachim Witt, flotter Synthiepop)
Steht eine Nervenklinik
Wie sie noch keiner gesehen hat
Sie hat das Fassungsvermögen
Sämtlicher Einkaufszentren der Stadt
Gehen dir die Nerven durch
Wirst du noch verrückter gemacht
Hey, hey, hey Ich war der goldene Reiter
Hey, hey, hey Ich bin ein Kind dieser Stadt
Hey, hey, hey Ich war so hoch auf der Leiter
Doch dann fiel ich ab
Ja, dann fiel ich ab
(lustvolles Stöhnen)
Du bist so schön. Und machst mich so geil.
Willst du nicht auch kommen?
Nein. Ich bin so oft gekommen im Leben.
-Schläfst du eigentlich nie? -Mein Tag hat 26 Stunden.
Ich muss auch langsam los.
Lass mich bitte nicht alleine, ja?
Aber meine Schicht fängt gleich an.
Wie spät ist es denn?
Hä?
High Noon.
High Noon.
Mir doch egal.
-(Keuchen) -Rainer!
Rainer!
Was ist los? Scheiße. Ich rufe einen Notarzt.
-Nein. Nein. -Rainer...
Life is so precious.
Even right now.
Es ist wieder gut.
Was ist los hier? Mittagspause, oder was?
Sag mal? Spinnst du jetzt oder was? Mittagspause.
Wir reißen uns den Arsch auf für dich,
wir richten alles ein, der Set ist fertig ausgeleuchtet.
Die Schauspieler, seit Stunden im Kostüm.
Der Schidor dreht durch, weil das alles ein Vermögen kostet.
Und wer lässt sich nicht blicken? Ruft nicht mal an? Depp, echt.
Wo ist dieser sogenannte Produzent. Schidor, die miese Tucke?
Wo sind meine 10 000?
Hier sind deine 10 000, du Arschloch.
Leg endlich los! Was denkst du, was mich der Scheiß kostet?
(lacht)
Willst du hier Wurzeln schlagen, oder was?
(brüllt) Tempo, Tempo, Tempo! Trommele alle zusammen!
Günther!
-Welche Szene? -Deine Lieblingsszene.
Immerhin. Dann muss ich mich wenigstens nicht zu Tode langweilen.
-Ton. -Läuft.
-Kamera. -Läuft.
Schlussklappe.
Ja, Günther, sei, was du bist, ne?
'ne echte Sau.
Und Action.
(Lied: "Ich bin der deutsche Neger" von Joachim Witt)
Ich bin der deutsche Neger Ah, uh
Ich bin der deutsche Neger Ah, uh
Ich bin der deutsche Neger Ah, uh
(lockerer Synthiepop)
Gib mir den Stoß Den ich zum Leben brauche
Lass mich verliebt Dir meine Liebe hauchen
Ich brauch den Ruck-Zuck Um meinen Trieb zu lenken
Das Huhn macht Tuck-Tuck Um uns ein Ei zu schenken
(Musik läuft weiter)
Ich bin der deutsche Neger Ah, uh
Ich bin der deutsche Neger Ah, uh
Und danke.
Tja. Wenn man euch Zunder gibt, dann seid ihr plötzlich richtig gut.
("Goldener Reiter") Auf meiner Fahrt in die Klinik
Sah ich noch einmal Die Lichter der Stadt
Sie brannten Wie Feuer in meinen Augen
Ich fühlte mich einsam Und unendlich schlapp
"Der goldene Reiter" wird mein nächster Film.
Wenn du brav bist, darfst du mitmachen.
Ich bin doch immer brav.
Komm, wir schauen uns "Kamikaze" vom Gremm an.
-Oh nee, nicht schon wieder. -Doch.
Ich gefalle mir in der Hauptrolle.
Aber nur, weil du diesen Leoparden-Anzug anhast.
Nein, nicht nur.
So kaputt gefalle ich mir.
Wenn man nichts mehr zu verlieren hat, weißt du.
Wo hast denn du die VHS-Kassette?
Habe ich versteckt.
(langsame Gitarrenklänge)
(Lied: "Amara Terra Mia" von Domenico Modugno)
(gefühlvolle italienische Ballade)
(er seufzt)
Vielleicht sollte ich doch etwas älter werden, als ich vorhatte.
Gute Idee. Und vielleicht einen Entzug machen.
Ja, und gesünder leben und ein bisschen Sport treiben.
Vielleicht noch ein Meisterwerk schaffen.
Ach Rainer, du hast doch schon so viele gute Filme gedreht.
Aber kein Meisterwerk.
Ein Meisterwerk machst du nicht so hoppla-hopp, weißt du.
Weißt du, was Kamikaze heißt?
Nee.
Götterwind.
(leise, tragische Streichmusik)
(Musik läuft weiter)
(stöhnt leise)
(atmet fiepend)
(unheilvolle Musik)
(ruhige Gitarrenmusik)
(TV-Sprecher) Regisseur, Produzent, Autor und Schauspieler:
Rainer Werner Fassbinder, der vergangene Nacht gestorben ist,
war einer der eigenwilligsten und produktivsten deutschen Filmemacher.
In seiner Münchner Wohnung wurde der 36-Jährige heute Morgen tot gefunden.
Über die Todesursache wird eine Obduktion Aufschluss geben.
Fassbinder begründete seinen Fleiß mit einem, wie er sagte,
merkwürdigen Arbeitsbedürfnis.
Er suchte seine Themen in der Welt der Arbeiter,
der Kleinbürger und der Außenseiter.
No Limits Media 2020 Untertitel: M. Koller u.a.
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