All language subtitles for Der gelbe Stern - Ein Film über die Judenverfolgung 1933-1945

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Original subtitles

Ich übergebe alles Undeutsche dem Feuer gegen Klassenkampf und

Materialismus. Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Karl Marx

und Sautzke.

Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Gläser,

Erich Kessner. Ich übergebe dem Feuer die Schriften der Schule Siegmund Freud.

Ich übergebe dem Feuer die Schriftchen des Erich Maria Remarque.

Ich übergebe dem Feuer die Schriftchen von Alfred Kerr. Gegen Frechheit und

Anmarschung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen

Volkskreis, verschlinge Flamme auf die Schriftchen der Tucholsky und

Ostevsky.

10. Mai 1933.

Bücherverbrennung auf dem Opernplatz in Berlin.

Die Flammen sind ein von Goebbels verkündetes Programm.

Meine Kommilitonen, deutsche Männer und Frauen, das

Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende.

Und der Durchbruch der deutschen Revolution...

hat auch dem deutschen Weg wieder die Gasse freigemacht.

Und der kommende deutsche Mensch wird nicht nur ein Mensch des Buches,

sondern auch ein Mensch des Charakters sein.

Und deshalb tu dir gut daran, um diese mitternächtige Stunde

den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen.

Das ist eine starke, große und symbolische Handlung.

Eine Handlung, die vor aller Welt dokumentieren soll.

Ihr singt die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu

Boden.

Aber aus diesen Trümmern wird sich siegreich erheben der König eines neuen

Geistes.

Heinrich Heine hatte 100 Jahre früher gewarnt, Das war ein Vorspiel nur. Dort,

wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

30. Januar 1933

Mit Fackelzügen feiert die SA die Kanzlerschaft Adolf Hitlers, die

sogenannte Machtergreifung.

Und auf einmal drängen sich Tausende von Deutschen zur Aufnahme in Hitlers NSDAP.

In eine Partei, die sich selbst nur in Feindbildern darstellen kann, die gegen

alles ist, gegen die Erste Deutsche Republik, gegen den Parlamentarismus,

gegen Sozialdemokraten und Kommunisten.

Noch waren Juden nicht vor allem und zuerst gemeint, aber von Anfang an

setzte man jüdisch für alles, was gemeint war.

Und gemeint hieß, was vertrieben, beseitigt, ausgeschaltet, vernichtet

werden sollte.

Die Straße frei den braunen Bataillonen.

Die wird ihnen nun offiziell freigemacht. SA und SS werden in den

Rang einer Hilfspolizei erhoben.

Und da stehen sie vor den Büros ihrer politischen Gegner und den eigenen

Trutzburgen. Und sie stehen als leibhaftige Drohung da.

Sie warten darauf, Rache zu nehmen für etwas, das sie sich selbst angetan

haben, als sie diese Uniformen anzogen.

Und der Terror, den sie selbst zu verkörpern lernen?

Dienst dem Aufputscher und Aufpeitscher Goebbels zum demagogischen Stichwort.

Die jüdische Frechheit hat länger gelebt, als sie in Zukunft noch leben

wird. Und wir werden den Herren vom Kalimknechthaus bald Töne beibringen,

die sie noch niemals vernommen haben.

Als am 27.

Februar abends der Reichstag in Brand gesetzt wird, dient das den Nazis als

Vorwand für die angedrohte Abrechnung mit den politischen Gegnern.

Linke Zeitungshäuser werden gestürmt und noch in der Nacht kommt es zu

Massenverhaftungen.

Schutzhaft. Das wird nun zum Synonym für die völlige Ungeschütztheit vor der

neuen Staatsmacht.

Hier ein Gefängnis in Halle.

Seltener dokumentarischer Einblick. Schon bald waren die Gefängnisse zu

klein für die Zahl der Inhaftierten.

Provisorische Konzentrationslager wurden eingerichtet. Und wie es dazu ging, das

taugte nicht mehr für Filmberichte.

Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Gerhard Seger, dem

die Flucht aus Oranienburg gelingt, berichtet von Folterungen und einer

planmäßigen Erziehung zur Körperverletzung.

Am 5.

März 1933,

Hitler ist seit gut einem Monat Kanzler, ist Reichstagswahl.

Der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte Hitler auf dem kurzen

Weg über den Artikel 48 der Weimarer Verfassung zum Kanzler ernannt. Und der

hatte auf rasche Neuwahlen gedrungen, weil er Aufwind für seine Partei

verspürte.

Hindenburg, hier an der Wahlurne, war längst politisch so hilflos, wie er nun

leibhaftig dasteht.

Ein müder alter Herr.

und seiner Schritte und Bewegungen kaum noch mächtig.

Den antisemitischen Maßnahmen des Reichskanzlers Hitler hat er sich

allerdings noch auf seine alten Tage zu widersetzen versucht.

Ganz im Dunkeln über seine wahre Ohnmacht aber war Franz von Papen,

Vizekanzler im ersten Kabinett Hitler.

Und sein Kommentar zur Wahl, die den Nazis fast 44 Prozent der Stimmen

bringt, ist von makabrer Doppeldeutigkeit.

Diese Wahl wird für Deutschland und auch für die Welt von entscheidender

Bedeutung sein.

bei Gott begonnen.

Er wird bis um die Mitternachtsstunde fortgesetzt.

Er vollzieht sich mit einer schlagartigen Wucht,

aber auch mit einer imponierenden Mannesducht und

Disziplin.

Der Boykott endete übrigens nicht um Mitternacht, sondern dauerte als ein vom

neuen Staat inszenierter Krawall drei Tage lang.

Angeblich ein Protest gegen jüdische Gräuelpropaganda im Ausland, sollte er

in Wahrheit mit terroristischen Mitteln die Proteste der Welt zum Schweigen

bringen. Zehn Tage vorher, am 23.

März 1933, hatte sich Hitler durch das Ermächtigungsgesetz, dem nach dem Verbot

der kommunistischen Fraktion nur die Sozialdemokraten widersprachen,

unbeschränkte Gewalt verschafft.

Jetzt konnte er Gesetze auch gegen die Verfassung machen und einen Vorgeschmack

von der Machart gaben die Boykotttage. Am 7. April werden alle jüdischen

Beamten ausgeschaltet. Bald darauf folgen Berufsverbote für jüdische

Künstler, Schriftsteller und Redakteure.

Wenige Wochen später blickt Hitler mit Berserker Mine auf seinen Amoklauf durch

Land und Staat zurück.

Am 30.

Januar sind in Deutschland die Würfel gefallen.

Und ich glaube nicht!

Nein, die Gegner lachen schon lange nicht mehr.

Tausende verlassen in den ersten Wochen das Land.

Der Anhalter Bahnhof, Berlins schönste Reisehalle, wird zum Fluchtpunkt.

Als ich am 21.

Februar abreiste, hätte Gepäck mich nur verraten.

Keine unanständige Eile, den Zug nach Frankfurt zu besteigen.

Es ist nur Frankfurt, meine Fahrkarte reicht nicht weiter.

Wer hat etwas dagegen?

Ich sollte unter den Ersten sein, denen der Pass entzogen wird.

So sieht, will es scheinen, der Rubicon aus.

Hinter dem verhängnisvollen Fluss, den ich wähle, liegt das Exil.

Das schreibt Heinrich Mann, der bis zuletzt das Land vor Hitler zu retten

suchte.

Sein Bruder Thomas erlebt die Machtergreifung im Ausland.

Und kehrt nicht mehr heim.

Auch Bertolt Brecht verlässt in den ersten Februartagen Deutschland.

Ebenso wie Karl Zuckmeier. Die deutsche Bühne verliert ihre wichtigsten jungen

Dramatiker.

Es flieht der Kritiker Alfred Kerr.

Der große Satiriker Kurt Tucholsky war schon Mitte der 20er Jahre nach Paris

gezogen.

Die junge Schauspielerin Elisabeth Bergner ist eine von vielen jüdischen

Künstlern, die Abschied nehmen.

Und Marlene Dietrich kehrt nicht mehr aus Hollywood, wo sie filmt, zurück.

Max Reinhardt, Theaterzauberer der Reichshauptstadt, zieht sich mit seiner

Frau Helene Thiemich nach Salzburg zurück.

Prominentester Immigrant unter den Wissenschaftlern ist Albert Einstein,

der an die internationale Öffentlichkeit appelliert.

Karl von Ossietzki, Leiter der kritischen Zeitschrift Die Weltbühne und

leidenschaftlichster Hitlergegner, wird noch in der Nacht nach dem

Reichstagsbrand verhaftet. Als ein amerikanischer Journalist ihn im KZ

Sonnenburg nach Bücherwünschen fragt, sagt er, senden Sie mir Werke über den

Strafvollzug des Mittelalters.

1936 noch immer Häftling, wird der Pazifist Osjetzki mit dem

Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Wir haben ein deutsches Theater, einen deutschen Film, eine deutsche Presse,

ein deutsches Schrifttum, eine deutsche bildende Kunst, eine deutsche Musik und

einen deutschen Rundfunk.

Der früher oft gegen uns vorgebrachte Einwand Es gäbe keine Möglichkeit, die

Juden aus dem Kunst- und Kulturleben zu beseitigen, weil deren zu viele seien

und wir die leeren Plätze nicht neu besetzen könnten, ist glänzend widerlegt

worden. Ein Land verliert seinen politischen Verstand und seine besten

Geister. Und Goebbels versucht sie dann später mit ein paar Schlenkern abzutun.

Ohne jede Reibung und Stockung wurde dieser Personalsystem und

Richtungswechsel durchgeführt.

Und niemals waren in Deutschland die Künstler so geehrt, die Künstler so

begehrt und geachtet wie heute.

Ja, wenn das keine Kunst ist.

Wie heißt doch der berühmt gewordene Satz des Wiener Polemikers Karl Kraus?

Mir fällt zu Hitler nichts ein.

Als entartete Kunst diffamiert das Regime die abstrakten und

expressionistischen Maler, vor allem die gesellschaftskritischen Bilder der 20er

Jahre.

Besonderes Ziel des Hasses der Nazi-Banausie ist immer wieder der

bissige Otto Dix.

Der entarteten Kunst wird, wie hier in Dresden, die neue Kunst

entgegengehalten.

Solche Werke werden von Führerkult und Maler Unterwürfigkeit gemeinsam

hervorgebracht und in der großen alten ehrwürdigen Kunststadt Dresden auch noch

ausgestellt.

BDM-Mädchen, ein Ritt durchs Gelände und auch die Saalschlachtkämpfer von einst

gibt es nun in Öl.

Nur die Drohgebärde ist nicht zu übersehen.

Berliner Sonntagsidylle in den frühen 30er Jahren.

Aber jenseits all dieser Beschaulichkeit vollzieht sich etwas lautlos Lauerndes.

Der Terror des Papiers, der Judenhass per Gesetz, Verordnung und Erlass.

Fast 500.000 Juden leben 1933 in Deutschland, weniger als ein Prozent der

Bevölkerung.

Immer neue Maßnahmen stoßen sie aus Ämtern, Berufen, Betrieben.

Noch geht auch für sie das Leben weiter.

Aber es wird ein immer engeres, ängstlicheres Leben.

Eine Betroffene hat diese Ängste ausgesprochen.

Früh, wenn du auf dem Weg zur Arbeit die schwarz gehüllten Straßen misst, raunen

die Ecken dir entgegen, vergiss nicht, dass du Jude bist.

Und suchst du, um dein Brot zu schlingen, dir eine Bank an stillem Ort,

so schreit die Bank, steh auf, du Jude!

Du schrickst empor und schleichst dich fort.

Du suchst den Wald, die Bäume rauschen und Jude raunt es ohne Ruh. Das Echo

schwillt, die Berge rufen dir Jude, Jude, Jude zu.

Landarbeit wird zur beruflichen Überbrückung für junge deutsche Juden,

die mit einem Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und

Hochschulen aus ihrer normalen Lebensplanung herausgedrängt werden.

Dieses landwirtschaftliche Praktikum, das später auch in einigen europäischen

Fluchtländern fortgeführt wird, diente vor allem der Vorbereitung für die

Arbeit in Palästina.

Fast 20.000 junge Leute sind in diesen speziellen Ausbildungsstätten geschult

worden, die zugleich eine relativ große Chance für die Auswanderung nach

Palästina boten.

Gegen die Nazidrohungen setzt sich jüdisches Selbstbewusstsein zur Wehr.

So lautet der Appell des Publizisten Robert Welsch an die deutschen Juden.

Und die rücken nun in der Tat zusammen, wie hier 1934 bei einem Vortrag von

Martin Buber, der einmal sagte, Ich bin kein Seher, aber ich glaube,

ein sehender Mensch zu sein.

Buber wird zur Hoffnungsfigur für die deutschen Juden und mit ihm wird es der

Berliner Rabbiner Leo Beck, von dem der Satz stammt,

Es gibt eine Geschichte des Judentums, die eine Anklage gegen die Menschheit

ist. Der Theatermann Kurt Singer gründete unter Becks und Bubers Schutz

ein jüdisches Theater in Berlin.

Hier ein Bühnenbild zu Samson und Dalila von Saint-Saëns.

Das Theater unterstand dem Jüdischen Kulturbund, der bis ins Jahr 1941 trotz

aller Schikanen der Nazi-Behörden eine Fülle von Veranstaltungen geboten hat.

Die Inserate des Nachrichtenheftes aber lassen die Gefahren deutlicher erkennen.

als die immer wieder tapfer angesetzten Vorträge und Konzerte.

Auch ein Palästina-Film gehörte zu den Attraktionen.

Aber an Auswanderung denkt Mitte der 30er Jahre noch immer nur ein kleiner

Teil der deutschen Juden.

Bis 1935 hat nur etwa jeder Siebte das Land verlassen.

ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch

sein Verhalten beweist, dass er gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen

Volk und Reich zu dienen.

Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder

artverwandten Blutes sind verboten.

Nein, diese Bilder haben mit den sogenannten Nürnberger Gesetzen nichts

zu tun.

Außer, dass Göring wieder dabei ist.

Die vielen schunkelnden Menschen.

Haben sie auch alle schon fleißig nach ihrem arischen Stammbaum geforscht?

Die Nürnberger Rassegesetze und die folgenden Verordnungen bringen Tragik in

Zehntausende von Familien.

Den Juden wird das Wahlrecht aberkannt. Alle jüdischen Beamten werden entlassen.

Die gesellschaftliche Deklassierung ist Gesetz geworden.

Die Verhetzung der Jugend, der Mädchen zumal, lässt keine Stupidität aus.

Aber dass es den Rassefanatikern mit ihren Gesetzen ernst ist, das zeigen die

tagtäglichen Anprangerungen und öffentlichen Gerichtsverfahren.

Ja, so sieht ein ganzer Kerl aus. Der typische Norde. Der nordische Mensch mit

seiner unverkennbar weltumspannenden nordischen Gebärde.

Bilder aus Leni Riefenstahls Olympia-Film. Bilder, die aller

propagandistischen Absicht hohn sprechen.

Denn was Triumph der Schönheit sein soll, wird zu einem makabren Spiel mit

dem Feuer.

Gibt es eine krassere Vorausschau der Menschenverbrennungen, die in wenigen

Jahren folgen werden als diese Bilder?

Und was tut die Welt?

Ich verkünde die Spiele von Berlin zur Feier der 11.

Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet.

Es ist, wie wenn ein ganzes Volk dem Kommando gehorchte.

Hände hoch!

12. März 1938.

Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich.

Es sieht gar nicht wie Feldzug, sondern eher nach Festzug aus.

Die Wiedervereinigung hatte Hitler schon in seinem Buch Mein Kampf vorgeschwebt.

Triumphaler Einzug in Wien und Zehntausende jubeln. Die

österreichischen Juden aber sehen klar, was nun auf sie zukommt. Ein

Wochenschausprecher der Nazis höhnt.

In Wien Juden flüchten.

Österreich ist das erste Zufluchtsland deutscher Emigranten, das selbst zum

Fluchtland wird.

Und wenige Monate später werden Hitlers Panzer über eine andere Grenze rollen.

Und ein Jahr darauf wird der Weg nach Prag hinein nur dicht am Rande des

Krieges vorbeiführen.

Dies aber ist kein Anschluss mehr, das ist Überfall. Zu dem Europa noch einmal

schweigt. Aus welchen Motiven auch immer.

Aber auch hier ziehen nicht nur Panzer, Stahlhelme, Soldaten im Stechschritt

ein. Immer ist im Gefolge dieses Führers auch Judenhass und Rassenfanatismus,

wenn auch die Schergen Himmler und Heydrich sich noch im Hintergrund

halten.

Attentat. Ein 17-Jähriger namens Herschel Grünspahn Er schießt in Paris

seinen jungen deutschen Diplomaten.

Ernst vom Rat, dritter Sekretär an der deutschen Botschaft dort.

Aber die Tat vom 6.

November 1938 wird aufgeputscht zur Nationalschmach.

Tausende grüßten den jungen Diplomaten auf seiner letzten Fahrt in die Heimat.

So ominös sind Züge kaum über Gleise gerollt.

so drohend nicht in Bahnhöfe eingefahren.

Nachzutragen ist, über allen Bombast hinweg, zumindest das Motiv des jungen

Grünspan. Seine Eltern gehörten zu den 17.000 polnischen Juden, die in

Deutschland lebten und im Herbst 1938 brüsk abgeschoben wurden.

Da Polen sie nicht aufnahm, kampierten sie im elendesten Niemandsland.

Der Verzweiflungsakt Grünspans machte ihnen in der Tat, auf internationalen

Druck hin, den Weg nach Polen hinein frei.

nahm an der Trauerfeier teil und erwies seinem treuen Mitkämpfer die letzte

Ehre.

Und von Staatswegen bricht nun ein Pogrom los, nur noch eben gebändigt vom

Hymnenklang.

Das Attentat wird zum Vorwand für das, was den absurden Namen

Reichskristallnacht bekommen hat.

Geschäfte werden geplündert, Wohnungen gestürmt, Synagogen angezündet, Juden

werden verhöhnt und misshandelt und in den Tagen nach dem 9. November, dem

Beginn des Pogroms, werden 26.000 verhaftet.

Der äußeren Zerstörung, die mit der Sprengung der Synagogen fortgesetzt

wird, entspricht seit langem wirtschaftliche Ruinierung.

und gesellschaftliche Entrechtung der deutschen Juden.

Noch am 12. November wird ihnen als Sühneleistung für den Mord an vom Rat

eine Zahlung von einer Milliarde Reichsmark auferlegt.

Mit einer Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen

Wirtschaftsleben wird ihnen die Existenzgrundlage entzogen.

Die 250.000 noch in Deutschland lebenden Juden dürfen auch schon in kein Theater,

Kino, Konzert mehr.

Ihre Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt.

Die Zwangsvornamen Sarah und Israel sind zur Vorform des Judensterns geworden.

Mit dem Turm der ältesten Dresdner Synagoge sind auch die letzten

Illusionen über ein Leben in diesem Land dahin.

Und nun setzt eine Massenflucht der Juden aus Deutschland ein.

Jetzt endlich, viel zu spät, öffnen sich auch die Grenzen der europäischen

Nachbarländer für die Menschen, die nun nicht mehr nur um ihre Habe, die jetzt

auch um ihr Leben bangen müssen.

Brechts politisch gemeinte Verse kennzeichnen jetzt die Situation der

jüdischen Flüchtlinge.

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab, Emigranten. Das heißt doch

Auswanderer. Aber wir wanderten doch nicht aus nach freiem Entschluss,

wählend ein anderes Land.

Wanderten wir doch auch nicht ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für

immer. sondern wir flohen.

Vertriebene sind wir.

Verbannte.

Ach, die Stille der Stunde täuscht uns nicht.

Wir hören die Schreie aus ihren Lagern bis hierher.

Sind wir doch selber fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen über die

Grenzen. Jeder von uns, der mit zerrissenen Schuhen durch die Menge

geht, zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.

Aber keiner von uns wird hier bleiben.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Noch ein halbes Jahr vorher, auf der von Roosevelt im Juli 1938 einberufenen

Flüchtlingskonferenz von Evian, hatten sich die 52 beteiligten Länder

geweigert, Juden aus Deutschland aufzunehmen.

Jetzt, nach den Novemberpogromen, ist das Erschrecken der Welt groß und die

Hilfsbereitschaft gelegentlich auch.

Aber ob in Holland oder in Frankreich, wie hier in Paris, überall gibt es die

weiten bürokratischen Gänge.

Die Suche nach den zuständigen Stellen, dieselben Schalter und Barrieren und die

vielen misstrauischen Fragen.

Dem Terror ist man entronnen, nun ist man dem Papierkrieg ausgeliefert.

In Freiheit, das klingt gut, aber wie klingt Arbeiterzertifikat, Affidavit,

Vorzeigegeld, Freigrenze, Unbedenklichkeitserklärung?

Knappe Erleichterung, wenn man das erst einmal hinter sich hat.

Und hier die gleiche Szene auf Englisch.

Die jüdische Hilfsstelle in London. Fast möchte man sagen Anlaufstation.

Einer der tausenden von Flüchtlingen hat seine Bitterkeit zu diesem Seufzer

zusammengefasst.

Die Reichen in der ganzen Welt, sie haben für uns gespendet und nun geh.

und hol dir ihre Philanthropengaben und stell dich an beim Komitee.

Zum Leben zu wenig, zum Hungern genug.

Du hast keine Forderung hier.

Sei froh, dass man dich drüben nicht ganz erschlug.

Sei dankbar nach Menschengebühr.

Kleinkram, Bürokratie.

Aber in manchem Gesicht steht vor allem die Frage.

Was wird denn nun aus mir?

Endlich einmal ein Lichtblick inmitten der Flüchtlingsmisere. Ein freundlicher,

wenn auch kritisch prüfender Willkommen für hunderte von jüdischen Kindern,

deren Eltern man, wie der Wochenschausprecher erklärte,

abtransportiert, verhaftet hat.

Schicksal ungewiss.

Ungewiss auch, was nun aus diesen Jungen und Mädchen werden soll.

Noch zeigen die Bilder eher etwas von der Lässigkeit eines Schulausflugs.

Die schweren Koffer aber verraten schon eine lange Fremde.

Dies ist eine der bösesten Geschichten jener Monate.

Mit 900 jüdischen Flüchtlingen an Bord hat die St. Louis den Atlantik

überquert. Immer unter der Hakenkreuzfahne.

Aber in Havanna durfte niemand an Land.

Und das Schiff wäre beinahe nach Hamburg zurückgekehrt.

Im letzten Augenblick wurde Holland zum Retter.

In Amsterdam konnten die Menschen endlich von Bord, erschöpft und

resigniert von der langen Irrfahrt und wieder am Anfang ihrer Suche nach einer

Bleibe.

Prophetische Grafik einer amerikanischen Wochenschau. Im Frühjahr 1939 werden

Hitlers Überfälle vorhergesagt mit einem Hinweis auf die Zahl gefährdeter Juden

in Europa.

Woher dieser erst spießige, dann immer grausamer werdende Judenhass Hitlers?

Schlüsselerlebnisse sind die vier Hunger- und Lungerjahre, die der junge

Adolf Hitler von 1909 bis 1913 in Wien verbrachte, wo er seine

Minderwertigkeitsgefühle durch die Lektüre antisemitischer Broschüren

abreagierte.

Mir wurde bei dem Geruch dieser Kaftanträger manchmal übel.

Indem ich den Juden als Führer der Sozialdemokratie erkannte, begann es

mir, wie Schuppen von den Augen zu fallen.

Ein langer innerer Seelenkampf fand damit seinen Abschluss.

Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden.

Aber die Obsession eines Einzelnen wäre lachhaft geblieben.

hätte sie sich nicht mit den Vorurteilen eines ganzen Volkes verbunden, das in

seiner Mehrheit die Niederlage des Ersten Weltkrieges noch immer nicht

akzeptierte. Und der kleinbürgerliche Antisemitismus wird für immer mehr

Deutsche zum Hirngespinst, zur Vorstellung einer Herrenrasse

anzugehören.

Der Augenblick der Eröffnung dieser Ausstellung und der Übergabe an die

Öffentlichkeit bietet die Gelegenheit, darüber nachzudenken, Ein Sprung um

Jahre, aber wieder Wien. Sei es Ingward, Reichsstadthalter für die Ostmark,

eröffnet 1938 die Ausstellung Der ewige Jude.

Antisemitismus ist eine Staatsdoktrin und Hitlers Ängste von einst werden zur

rassistischen Drohung. ...einmal eine grausame und eine grausige Wirklichkeit

war. Wenn wir heute, besonders in der Ostmark, an die Fragen der Adisierung

herangehen,

So soll die ganze Welt sich darüber ins Klare kommen, dass der

Nationalsozialismus nicht vernichtet und nicht zertrümmert.

Der Nationalsozialismus baut auf.

Unserer Generation ist die Aufgabe gestellt, die endgültigen Lebensrechte

und Lebensvoraussetzungen des deutschen Volkes sicherzustellen. Die Vorsehung

hat uns die Gewehr für den Weg gegeben.

Die Vorsehung hat uns den Führer gegeben.

Und in der Hand des Führers zu sein und diesem Weg des deutschen Volkes dem

Führer nachzugehen, das allein bedeutet die sicherste Gewehr, dass wir unser

Ziel erreichen werden.

Und noch etwas später, 1941,

wird eine ähnliche Schau in Paris gezeigt werden.

Antisemitismus als Wanderausstellung.

Im Schatten ihrer Eroberungen plakatieren die Nazis ihren Rassenwahn

auch in anderen europäischen Städten.

Die nach Paris gegangenen jüdischen Immigranten sind weiter geflohen. Und

die Deutschen klären nun die Franzosen darüber auf, was die Juden der

französischen Literatur angetan haben.

Die Pariser, behütet von der Besatzungsmacht und der Gestapo, blicken

zurück auf die Gefahr, die zum Beispiel auch dem französischen Film von den

Juden gedroht hat.

Ob sie auch ahnen, dass so lauernd die Deportationsdrohung sich vorbereitet?

Und auch so wird der Judenhass propagiert.

Alles Lebensschwache geht in der Natur unfehlbar zugrunde. Wir Menschen haben

gegen dieses Gesetz der natürlichen Auslese.

In den letzten Jahrzehnten furchtbar gesündigt. Wir haben das Leben nicht nur

erhalten, wir haben ihm auch Vermehrung gewährt. All dieses Elend wäre zu

verhindern gewesen, wenn man schon früher die Fortpflanzung erblich

Belasteter verhindert hätte. Szenen aus einem Film, der den Rassenwahn

blasphemisch als göttliches Gebot hinstellt. Die Ermordung Kranker,

beschönigend Euthanasie genannt, wird zum Training für den späteren

Massenmord. Wer untraut, verhindert.

fördert das Wertvolle.

Das jüdische Volk stellt einen besonders hohen Prozentsatz an Geisteskranken.

Auch für sie müssen gesunde, deutsche Volksgenossen arbeiten.

Wenn wir heute das große Gesetz von der Auslese mit humanen Mitteln künstlich

wiederherstellen, dann stellen wir damit die Ehrfurcht vor den Gesetzen des

Schöpfers wieder her und beugen uns vor seiner Ordnung.

Szenen aus dem Hetzfilm Der ewige Jude.

Wo Ratten auch auftauchen, tragen sie Vernichtung ins Land, zerstören sie

menschliche Güter und Nahrungsmittel.

Auf diese Weise verbreiten sie Krankheiten, Pest, Lepra, Typus,

Cholera, Ruhe und so weiter.

Der Film entstand aus Rassenhass, aber er ist ein Psychogramm Hitlers.

Sie sind hinterlistig, feige und grausam und treten meist in großen Scharen auf.

Sie stellen unter den Tieren das Element der heimtückischen unterirdischen

Zerstörung dar.

Nicht anders als die Juden unter den Menschen.

In viele Sprachen übersetzt wird dieser Film zur Propagandawaffe werden.

Sieben Monate vor Beginn des Krieges, den er selbst vorbereitet, erklärt

Hitler.

Ich will heute wieder ein Prophet sein.

Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas

gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird

das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des

Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.

Was führt dieser Hitler?

Einen Krieg?

Wir fahren nach Polen, um Juden zu versohlen.

Das ist die ganze schlimme Wahrheit. Ein kleiner Wiener Herumlungerer will der

Welt zeigen, wer er ist.

Er führt einen doppelten Krieg. Gegen Länder und immer gegen die Juden.

Der Feldzug in Polen hat uns Gelegenheit gegeben, das Judentum an seiner

Niststätte kennenzulernen.

Fast vier Millionen Juden leben hier in Polen.

Allerdings wird man sie unter der bäuerlichen Bevölkerung vergeblich

suchen.

Sie haben auch nicht unter dem Wirren des Krieges zu leiden gehabt, wie die

eingeborene polnische Bevölkerung.

Diese Hetzstimme der Wochenschau wird zum Tenor des Krieges, den Hitler als

Verfolgungs- und Vernichtungszug gegen das Volk der Juden betreibt.

In den Straßen polnischer Städte tobt sich der Terror in Wüstenpogromen aus.

Hitlers Judenhass hat Tausende...

Zehntausende von Helfern gefunden und Hunderttausende von Opfern.

Als später der Krieg gegen die Sowjetunion geführt wird, hier deutsche

Truppen beim Einmarsch in Riga, als der sogenannte Lebensraum im Osten erobert

wird, den Hitler als Ersatz für Kolonien schon in Mein Kampf beansprucht hatte,

nimmt neben den eigentlichen Kriegshandlungen die Judenverfolgung

immer größere Dimensionen an.

Und die fanatische Stimme der Wochenschau ist immer dabei.

Die faulinsenden Juden werden sofort zu den Aufräumungsarbeiten herangezogen.

Was hier vorexerziert wird, dient dann in den Konzentrationslagern als

Ausrottungsmethode. Vernichtung durch Arbeit.

Und an allen Orten, hier

die kleine Stadt Jonova, dieselben Szenen. Der Krieg ist weitergezogen, die

Menschenjagd beginnt.

Überall im eroberten Gebiet werden Erhängungsgerüste aufgeschlagen.

Sie bleiben nicht leer.

Dokumente des Krieges oder die Fratze des Hasses.

Die Eroberer, die Rassefanatiker in ihrem Gefolge, die Helfershelfer in den

Uniformen von SS und SD und Polizei hatten wohl Anlass auch hier mit

Filmpropaganda die Gräuel zu kaschieren.

Es sollte alles ganz normal aussehen, wie eine Razzia oder gar eine normale

Marktkontrolle in irgendeiner Kleinstadt im Osten.

Bilder aus einem deutschen Polizeilehrfilm.

Aber wie man Menschen abführt, wird auch gelehrt.

Und so sieht die Wirklichkeit aus.

Im Chaos dieser Orte, dieser schockierenden Dokumentationen, vor

allem aber auch vor dem Furor einer so wildernden Menschenjagd noch so etwas

wie eine Geschichte erzählen.

Die Bilder sollen für sich sprechen.

Bilder aus Krakau.

Die Herrlichkeit der schönen alten katholischen Stadt sieht man ihnen nicht

mehr an.

Erst sind die Juden aus den polnischen Dörfern in die Kleinstädte getrieben

worden, dann hat man sie in immer größeren Orten zu konzentrieren versucht

und nun treibt man sie auch dort in die Enge, in die armen Viertel, in die

finstersten und brüchigsten Quartiere.

Juden-Ghettos gab es auch in Polen schon lange nicht mehr, im Sinne strikter

religiöser Selbstumzingelung.

Ghettos, das wird jetzt eine neue Erfindung der Nationalsozialisten.

Aber der Umzug aufs andere Ufer ist nur das Vorspiel zur endgültigen

Deportation.

Einen Augenblick darf es noch nach Frieden aussehen, nach Friedlichkeit und

Lebhaftigkeit, nach einem sonnigen und geschäftigen Alltag in einem Quartier

kleiner Leute.

Das Warschauer Ghetto ist ja, als die Deutschen kommen, kein Ghetto, sondern

es ist das ärmste jüdische Viertel von Warschau.

Hier sind Not und Frömmigkeit traditionell zu Hause.

Der Schriftsteller Isaac Singer, der hier aufgewachsen ist, hat kurz vor dem

Kriege einen Blick auf diese Gegend getan.

In den Straßen des jüdischen Viertels ging es wie immer geschäftig zu.

An jenem Morgen hatte ich das Gefühl, alles dies zum letzten Mal zu sehen.

Ich versuchte mir jedes Gässchen, jedes Gebäude, jeden Laden und jedes Gesicht

ins Gedächtnis einzuprägen.

Ich dachte, so müsse einem Verurteilten zumute sein, der auf seinem Wege zum

Galgen einen letzten Blick auf die Welt wirft.

Ich nahm Abschied von jedem Hausierer, jedem Lastträger und jeder Marktfrau.

Bei jedem von ihnen sah ich einen Ausdruck, der mir früher nicht

aufgefallen war.

In der Gnojena Straße ging ich auf einen Augenblick in das große Lehrhaus in

Nummer 5.

Die Wände waren geschwärzt, die Bücher verfleckt und zerrissen.

Am Lesebult beim Heiligen Schrein priester Kantor Gott.

der versprochen hatte, die Toten auferstehen zu lassen.

Warschau, 15.

November 1940.

Heute wurde das jüdische Ghetto offiziell eingerichtet.

Die Arbeit an den Mauern, die fast drei Meter hoch werden sollen, hat schon

begonnen. Von Nazi-Soldaten bewacht, schichten jüdische Maurer Ziegel auf

Ziegel.

Es ist den Juden verboten, sich außerhalb der Grenzen des Ghettos zu

bewegen, die von bestimmten Straßen gebildet werden.

Es herrscht große Aufregung.

Die Menschen eilen nervös in den Straßen hin und her.

Am Ende der Straßen, die noch nicht völlig für den Verkehr gesperrt sind,

stehen deutsche Wachen.

Deutsche und Polen dürfen das abgesperrte Viertel betreten, aber keine

Pakete bei sich tragen.

Das Gespenst des Hungertodes steht uns allen vor Augen.

Die Wohnungsnot in dem nun wirklich zum Ghetto gewordenen Bezirk wird

katastrophal. Ein Zimmer für 13 Personen, das ist bald die Norm.

Hier lebten bis zum Oktober 1939 rund 350.000 Menschen.

Aber mehr als 100.000 kommen dazu. Von überall her werden sie in die ohnehin

winzigen Räume und alten Häuser hineingedrängt.

Und dabei stirbt jeder fünfte der im Ghetto eingesperrten Juden an Hunger,

Fleckfieber oder anderen Krankheiten.

Die tägliche Ration beträgt 300 Kalorien.

Aber selbst die werden nicht ausgeteilt. Der Hunger ist für die Nazis zur ersten

Ausrottungswaffe geworden.

Die Not schreit zum Himmel. Nein, sie schreit den Nächsten an.

Die Bevölkerung des Ghettos wächst ständig. Der Strom der Flüchtlinge nimmt

nicht ab.

Die Menschen sind zerlumpt und barfuß.

Ihre Augen haben den tragischen Ausdruck von Verhungernden.

Eine der Plagen des Ghettos sind die Bettler, die sich ständig vermehren.

Wenn sie erschöpft sind und ihre geschwollenen Füße sie nicht mehr

weitertragen, setzen sie sich auf den Rand des Bürgsteiges oder an eine Mauer.

Und wenn der Hunger sie noch heftiger quält, beginnen sie zu schreien.

So entsteht der Typ des wütenden Bettlers.

Anfangs betrug die Strafe für Lebensmittelschmuggel ins Ghetto 1000

Zwotte oder drei bis sechs Monate Gefängnis.

Schließlich kam die Anordnung, die auf das Verlassen des Ghettos ohne

Erlaubnisschein die Todesstrafe androhte.

Da die gewöhnliche Art des Schmuggelns periodische Besuche nach der arischen

Seite erforderte, war dies ein schwerer Schlag. Viele wurden wegen

Lebensmittelschmuggels erschossen.

Die Verluste in diesem Kampf ums Essen waren groß, besonders unter den Kindern.

Und jeden Tag nahm die Arrestanstalt hunderte neuer Gefangener, nein, Opfer

auf.

Im Jahre 1941, als Hunger und Typhus die schreckliche Ghettobühne beherrschten,

als die Opfer 6000, 7000 und mehr im Monat zählten, konnte man an jedem

Morgen die Gassen mit Leichnamen angefüllt finden, die Gesichter mit

schmutzigen Zeitungen zugedeckt. Die Angehörigen hatten weder die materiellen

Mittel noch die seelische Kraft für ihre Toten ein Begräbnis zu richten.

Tote, Tote und noch mehr Tote säumten die Straßen.

Und doch war das Ghetto noch überfüllt mit lebenden Menschen.

Die Leute bahnten sich den Weg durch das laute Gedränge, bedacht darauf, einander

nicht zu berühren, denn Berührung konnte Typhusansteckung bedeuten. Und immerzu

waren die toten Karren unterwegs.

Vielen Dank.

So still die Szenen des Todes sind, so tumultartig sind die der Deportation.

Anfangs hatte man die Menschen doch mit Versprechungen, manchmal nur mit einem

Leib Brot zu locken versucht.

Später wurde das Ghetto regelrecht leer gepeitscht.

In der Zeit vom 22.

Juli bis zum 3. Oktober 1942 wurden 310.000 Menschen nach Treblinka in den

Tod getrieben.

Und weitere Deportationen folgten.

Ein Aufruf der Untergrundzeitung Sturm schrie den Menschen zu.

Judenmann täuscht euch.

Glaubt nicht, dass ihr zur Arbeit deportiert werdet. Ihr werdet in den Tod

geschickt. Leistet Widerstand.

Begebt euch nicht auf den Umschlagplatz.

Kämpft um euer Leben.

Und es kommt zum Aufstand, als am 19. April SS-Einheiten unter dem

Brigadeführer Strob eingesetzt werden, um die Deportation der letzten 40.000

Warschauer Juden zu erzwingen. Die aber wehren sich.

In Würde sterben lautete eine Losung.

Strob und seine Mannen setzen Häuser in Brand, um den Widerstand der Ghetto

-Kämpfer zu brechen.

Die Großaktion der SS wird zur großen Passion.

Sie wird zum Anlass für die verzweifelste und leidenschaftlichste

Auflehnung in diesem Jahrhundert.

Der Aufstand dauert vier Wochen und die SS führt Krieg wie gegen eine

Elitearmee.

Und so sehen diese Kämpfer aus, diese Menschen, die seit über drei Jahren im

Ghetto zusammengepfercht gewesen sind.

Frauen und Kinder ins Versteck hatte eine Losung geheißen.

Aber am 16.

Mai 1943 gibt es keine Verstecke mehr.

Und mit einem der trübseligsten Sätze deutscher Sprache überschreibt stolz der

SS-Führer Strob seinen Bericht.

Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.

Nein, das ist keine Chimäre. Das ist, für wenige, Anfang der 40er Jahre noch

einmal ein panischer Fluchtversuch. Ein letztes Entkommen.

Nicht mehr Holland ist jetzt Zuflucht, sondern etwa Shanghai.

Und die Entlegenheit der Rettungsorte verrät, wie weit man fliehen muss, um

Hitler zu entgehen.

Und selbst das gibt es.

Australien als das gelobte Land.

Der Hafen von Sydney bietet Asyl für einige wenige Privilegierte. Aber zu

vergessen ist ja nicht, es gibt ja noch die Welt.

Die Auswanderung nach Palästina dagegen ist von Großbritannien, das dort die

Mandatsherrschaft hat, auf ein trauriges Minimum reduziert.

Und die Bilder von der Erreichung des sicheren Hafens zeugen noch einmal von

der Unsicherheit, ihn zu erreichen.

Und das Papier mit dem richtigen Stempel wird nun auch hier gebot.

Schönste, teuerste, exklusivste Berliner Gegend. Das, was man eine erste Adresse

nennt. Zufahrt zur Villa am großen Wannsee 56 bis 58. Ein Haus für

Auffahrten und Geselligkeit und Festlichkeit.

Heute übrigens ist es das Landschulheim des eher mit Mietskasernen zugebauten

Berliner Bezirks Neukölln.

Damals trafen sich hier 14 Herren unter Vorsitz des SD-Chefs Heydrich. Damals,

das war der 20. Januar 1942.

In diesem Raum...

setzten sich Partei- und SS-Führer, Polizeikommandeure, aber auch die

Staatssekretäre von Justiz, Innen- und Außenministerium zusammen, um auf

Anordnung Görings die Entlösung der Judenfrage organisatorisch zu

koordinieren.

Entlösung, das hieß Ausrottung. Die Zahl der Opfer, 11 Millionen.

Vom Wasser aus gefilmt.

Sieht diese Villa nicht nach der Hölle aus, die darin geplant worden ist,

sondern ganz und gar friedlich, wenn auch etwas protzig.

Aber auch dem damaligen Protokoll hört man nur mit genauen Ohren das Höllische

an.

Im Zug der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt.

Im Zuge dieser Endlösung sollen die Juden im Osten zum Arbeitseinsatz

kommen.

Sie werden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein

Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird.

Der allfällig verbleibende Restbestand wird entsprechend behandelt werden

müssen, da dieser bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus

anzusprechen ist.

Welches war der schwerste Tag der Juden in den zwölf Höllenjahren?

Nie habe ich eine andere Antwort erhalten als diese.

Der 19.

September 1941.

Von da an war der Judenstern zu tragen, der sechszackige Davidsstern.

Jetzt tat es nichts mehr zur Sache, ob die Judenhäuser zerstreut lagen, denn

jeder Sternjude trug sein Ghetto mit sich, wie eine Schnecke ihr Haus.

Das schreibt Viktor Klemperer in seinem Erlebnisbericht über das Dritte Reich.

Und solche Szenen spielten nicht irgendwo, sondern mitten unter uns.

Wir waren Zeugen, wenn wir nicht Täter waren.

Dieser Propagandafilm aus Stuttgart sollte wem eigentlich noch einmal

vorlügen, es ginge den Juden doch gut.

Dabei signalisierte der Stern doch nur, dass sie nun nichts mehr hatten, dass

sie nichts mehr haben durften.

Haustiere nicht und nicht Radios.

Fahrräder nicht und keine elektrischen Geräte.

Und öffentliche Verkehrsmittel waren ihnen nun auch verwehrt.

Denn der Stern gab sie preis.

Die hier Anstehen von Nazi-Kameras, zu welchen Zwecken auch immer beobachtet,

nein, herbeikommandiert, wie viele Tage bleiben ihnen noch bis zur Deportation.

Denn dieser andere Film, die Szene ist wiederum Stuttgart, stammt fast aus der

gleichen Zeit.

Transport.

Aus der Anweisung einer jüdischen Kultusvereinigung.

Diese Anordnung gilt für Sie und Ihre Ehefrau. Das mitzunehmende Gepäck setzt

sich zusammen aus Reise- und Handgepäck. Als Reisegepäck darf lediglich ein Coupé

-Koffer und ein Rucksack mitgenommen werden. Das Handgepäck darf nur aus

einem Stück bestehen, enthalten Nachtzeug, eine Decke, Essgefäß, Löffel,

Trinkbecher und Lebensmittel.

Das gesamte mitzunehmende Gepäck darf nicht mehr als 50 Kilogramm wiegen. Wer

sich nicht an diese Bestimmungen hält, muss mit dem Verlust seines Gepäcks

rechnen. Für die Verpflegung in der Sammelunterkunft wird durch uns gesorgt

werden. In der Sammelunterkunft stehen Krankenbehandler und Pflegepersonal zur

Verfügung. In der Anlage ist ein Merkblatt beigefügt, das alle zu

beachtenden Anweisungen enthält.

Unsere von der Abwanderung betroffenen Mitglieder müssen sich bewusst sein,

dass sie durch ihr persönliches Verhalten entscheidend zur reibungslosen

Abwicklung des Transportes beitragen können.

Nicht alle betroffenen Juden erschienen in den Sammellagern. Die Zahl der

Selbstmorde nach Erhalt einer solchen Anweisung war groß.

Und einige Tausend fanden noch Quartier und Versteck bei tapferen Freunden.

Denn es gab nicht nur teilnahmslose Zeugen, nicht nur Täter.

Es gab auch Nachbarn, Helfer, Retter.

Im Oktober 1941 wurde der erste Berliner Transport zusammengestellt.

In der Folge fuhren laufend Transporte zu je 1000 bis 1500 Mann in Abständen

von drei bis sechs Wochen.

Es war ein schreckliches und erschütterndes Bild, an Sammeltagen die

Judenfamilienweise vom Vater bis zum Jüngsten, begleitet von den weinenden

Freunden, zum Sammelplatz gehen zu sehen.

Der Winter 1942-43 war die schrecklichste Zeit, die ich je erlebt

habe. Einmal wurden alle Juden aus acht Lagern auf einem Nebenbahnhof Berlins in

die bereitstehenden Viehwaggons verladen und deportiert.

Eine spätere Zählung ergab, dass mit diesem Transport am 3. März 1943 12.000

Juden Berlin verlassen haben.

Zwölf Waggons waren es und wir waren 650.

Mein Waggon fasste nur 45, aber er war klein.

Jetzt hatten wir also vor Augen und unter unseren Füßen einen jener

berüchtigten deutschen Transportzüge, die nicht wiederkehren und von denen wir

erschaudernd und immer etwas ungläubig schon so oft gehört hatten.

Es stimmt bis in alle Einzelheiten. Von außen verriegelte Güterwagen und drinnen

Männer, Frauen und Kinder.

Erbarmungslos zusammengedrängt, auf der Fahrt ins Nichts.

Drinnen sind diesmal wir.

Der Zug fuhr langsam und mit langen, zermürbenden Aufenthalten. Aber gerade

die Entbehrungen, die Kälte und der Durst haben uns während der Fahrt und

auch nachher vor der Leere einer abgrundlosen Verzweiflung bewahrt.

Neben mir und wie ich selbst zwischen Leib und Leib gedrängt, war während der

ganzen Fahrt eine Frau gewesen.

Wir wussten nur wenig voneinander.

Damals, in der Stunde der Entscheidung, sagten wir uns Dinge, die man unter

Lebenden nicht sagt.

Jeder verabschiedete sich im Andern vom Leben.

Wir hatten keine Furcht mehr.

Szenen aus dem nie aufgeführten Propagandafilm mit dem Titel Der Führer

schenkt den Juden eine Stadt.

Von einer Stadt aber kann nicht die Rede sein. Es handelt sich um das Ghetto

-Lager Theresienstadt, etwa 80 Kilometer nördlich von Prag.

Die Häftlinge und nur solche, die noch nicht zum Skelett abgemagert waren,

wurden zu den Dreharbeiten vorübergehend freigegeben, eingekleidet, geschminkt

und unter schärfster Bewachung eingesetzt.

Aber die Gesichter der Menschen, ihre Blicke spielten nicht mit.

Und selbst die Barackengemütlichkeit ist nur Kulisse.

Das eigentliche Lager war eine alte, kalte Festung aus mehreren Komplexen.

Feierabendidylle oder Todesscharaden.

in Theresienstadt zum Fußballwettspiel.

Um die Zuschauermenge fassen zu können, findet das Wettspiel immer auf dem Hof

einer früheren Kaserne statt.

Wegen des etwas beschränkten Spielraumes sind die beiden Mannschaften nur je

sieben Mann stark.

Trotzdem wird von Anfang bis zum Ende den begeistert mitgehenden Zuschauern

ein hartes Spiel geliefert.

Muss man da noch Einspruch erheben und sagen, dass alles Lüge ist?

Das Spiel, der Kampfgeist, Freizeit, die Sportbegeisterung.

Ist das Entsetzen nicht körperlich zu spüren über dieses grausige Spiel, das

da im Sommer 1944 für die Kamera arrangiert wird?

Da sind in Theresienstadt schon etwa 30.000 Menschen an Hunger und Krankheit

gestorben und mehr als doppelt so viel in die Vernichtungslager getrieben

worden.

Theresienstadt ist Durchgangslager, Transit zwischen dem einen Tod oder dem

anderen.

Alle Mitwirkenden an diesem Film werden nach Abschluss der Dreharbeiten in die

Todeslager deportiert.

Heinrich Himmler, Reichsführer SS, besucht ein Lager sowjetischer

Kriegsgefangener in Minsk. Sie sind neben den Juden die am härtesten

betroffenen Opfer.

3,7 Millionen sterben in deutschen Lagern.

In Posen wird Himmler 1943 eine Rede halten.

Das jüdische Volk wird ausgerottet, sagt ein jeder Parteigenosse. Ganz klar,

steht in unserem Programm, machen wir.

Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen.

Keiner hat es durchgestanden.

Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen

liegen, wenn 500 da liegen oder wenn 1000 da liegen.

Dies durchgestanden zu haben.

Und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.

Himmler spricht von den sogenannten Einsatzkommandos.

Sie schießen seit dem Sommer 1941 die eroberten Gebiete in der Sowjetunion

judenfrei. Vier dieser Kommandos sind jahrelang am Werk.

Etwa eine Million Juden sterben in den Erschießungsgruben.

Auch nachdem Gaskammern und Verbrennungsöfen den Hauptteil am

Völkermord übernommen haben, gehen die Erschießungen weiter.

Ich lebe noch immer.

Angestellt stehen die Opfer und warten, bis sie dran sind.

Sie machen es so.

Vor dem Grabe wird man ganz nackt entkleidet.

Die ganze Prozedur dauert nicht lange.

Warum können wir nicht schreien?

Warum können wir uns nicht wehren?

Glaubt ihr, wir wollen so enden? So sterben?

Nein, wir wollen nicht.

So hatte es im Protokoll der Wannsee-Konferenz geheißen.

Im Zug der Praxis der Entlösung wird Europa von Westen nach Osten

durchgekämmt. Die evakuierten Juden werden zunächst in sogenannte Durchgangs

-Ghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu

werden.

Überall wurde nun Europa von der SS und dem SD von Westen nach Osten

durchgekämmt.

Durchgangsstation für alle Juden in Holland ist das Sammellager Westerbork,

das einen eigenen Gleisanschluss hat.

Dies ist das einzige bekannte Filmdokument über die Deportationen.

Nicht zu beschreiben der Kontrast von Bahnsteig und Vorhölle, von

Abreisestimmung und Todeszug.

Eine Augenzeugin, selbst Insassin des Lagers Westerbork, die dort als

Krankenschwester arbeitete, hat die Vorgänge beschrieben. Fast möchte man

sagen, als könne sie das Nichtzufassende wirklich nicht fassen.

Um 11 Uhr wird der Zug abfahren.

Man beginnt mit dem Einladen von Menschen und Rucksäcken. Schon seit

gestern steht der Zug in unserem Lager.

Vorne eine trostlose Reihe farbloser Güterwaggons, hinten ein Personenwagen

für das Begleitpersonal.

Es entsteht immer mehr Bewegung auf dem Asphaltweg entlang des Zuges.

Männer der fliegenden Kolonne fahren Gepäck auf Schubwagen.

Immer mehr Menschen füllen die Güterwagen.

Die Waggons sind jetzt schon voll.

Lieber Himmel, wollen die alle auch noch hinein?

Dies erleben wir hier nun schon länger als ein Jahr.

Woche um Woche.

Schon hunderttausend unserer Schicksalsgenossen plagen sich unter

fremdem Himmel oder vor Modern in fremder Erde.

Wir wissen nichts von ihrem Los.

Vielleicht werden wir es bald wissen. Jeder zu seiner Zeit.

Durch die schmalen Öffnungen sieht man Köpfe und Hände, die später, als der Zug

abfährt, winken.

Mein Himmel, gehen diese Türen wirklich alle zu?

Ja, sie gehen zu. Die Türen werden über die aufeinandergepressten,

zurückgedrängten Menschenmassen in den Güterwagen geschlossen.

Hier enden die Gleise.

Hier endet die Fahrt.

Hier beginnt der Tod.

Auschwitz, Ankunft in Auschwitz-Birkenau.

Aber das ist mir ein Herausfallen und Heraustaumeln und Herauswürgen derer,

die nach tagelanger Fahrt in den Waggons überlebt haben.

Der berüchtigte Bahnsteig, die Selektionsrampe.

Auschwitz ist das größte von sechs Vernichtungslagern in Polen.

Aber es dient zugleich auch als Arbeitslager für die deutsche Industrie,

die sich dort angesiedelt hat.

Und so werden noch auf der Rampe die Menschen getrennt.

Brillenträger, Invaliden, alte Menschen, Frauen mit Kindern werden sofort

selektiert und in die Gaskammern geschickt.

Eine halbe Stunde später werden sie tot sein.

Eine Stunde darauf nur noch Asche.

So sehen sie fast alle aus, diese Lager, diese KZs, diese sogenannten

Konzentrationslager. Doppelter Drahtverhau, der Innere mit Hochspannung

elektrisch geladen, Flucht unmöglich.

Konzentrationslager.

Und so, als geometrische Strukturen, sahen sie die Amerikaner, die 1944

geheime Luftaufnahmen von Auschwitz machten, aber wohl mehr wegen der

Industrieanlagen, die dazu gehörten.

Barackenlager. Nicht schön, aber auch nicht ungeheuerlich. Nicht menschlich,

aber auch nicht tödlich. So erscheinen die Lager von oben.

Dies sind schon Luftaufnahmen, die nach dem Krieg entstanden sind, denn so nah

hätte keine Kamera diesen Objekten kommen dürfen.

So gibt es auch aus der Zeit der KZ-Herren selbst keine Filme über die

Zustände dort.

Und so sind auch dies schon Bilder aus den Tagen, da das Elend aufgehört hätte,

wenn es noch hätte aufhören können.

Der Tod, so lange geplant und organisiert, war nicht von einem Tag auf

den anderen zu bannen.

Und so haben auch diese Szenen Authentizität.

Das Lager ist der Hunger. Wir selber sind der Hunger. Der lebende Hunger.

Wer könnte sich vorstellen, einmal keinen Hunger zu haben?

Nun kratzen auch wir nach beendetem Essen den Napf sorgsam aus.

und halten ihn unters Kinn.

Nun ist auch uns klar geworden, dass es nicht dasselbe ist, ob man seine

Schöpfkelle mit Suppe von oben oder von unten aus dem Kübel bekommt.

14 Tage nach meiner Einlieferung habe ich schon den regelrechten Hunger, den

chronischen Hunger, den die freien Menschen nicht kennen, der nachts Träume

hervorruft und der in allen Gliedern unseres Körpers wohnt.

Wir haben alle eine animalische Eile, uns die Bäuche mit dem heißen Geschlamp

vollzuschlagen, Doch keiner will der Erste sein, weil die erste Ration die

dünnste ist.

Vom Lagerleben selbst Dass ein Lager sterben ist, gibt es nur Fotos wie diese

von Frauen, die zum Arbeitseinsatz abkommandiert sind.

Viele der in Auschwitz Inhaftierten arbeiten in den Wunerwerken der IG

Farben.

Noch sind sie arbeitsfähig, diese Männer, für arbeitsfähig erklärt.

Aber die Arbeit, die sie leisten, ist Tortur und Auszehrung zugleich.

Arbeit macht frei, hieß der Spruch über dem Tor von Auschwitz.

Diese Arbeit macht...

Meist innerhalb von drei Monaten, nur frei von allerletzter Kraft,

allerletztem Lebenswillen. Sie machte frei zur sogenannten Nachselektion, zum

Tod.

Musik als Irrwitz.

Diese Kapelle spielt zu einer Hinrichtung auf.

Andere musizierten täglich beim Auszug der Arbeitskolonnen.

Und immer wieder Appelle und sich nackt ausziehen.

Hieß das schon die Gaskammer?

Ich, Rudolf Höss, erkläre wie folgt.

Ich befehligte Auschwitz bis zum 1. Dezember 1943 und schätze, dass

mindestens 2.500.000 Opfer dort durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet

und ausgerottet wurden.

Eine Verbesserung gegenüber Treblinka war, dass wir Gaskammern bauten, die 2

.000 Menschen auf einmal fassen konnten.

Noch eine Verbesserung war, dass wir in Auschwitz uns bemühten, die Opfer zum

Narren zu halten, indem sie glaubten, ein Entlausungsverfahren durchzumachen.

Als ich das Vernichtungsgebäude in Auschwitz errichtete, gebrauchte ich

Zyklon B, eine kristallisierte Blausäure, die wir in die Todeskammern

durch eine kleine Öffnung einwarfen.

Es dauerte drei bis 15 Minuten, um die Menschen in den Todeskammern zu töten.

Wir wussten, dass die Menschen tot waren, weil ihr Kreischen aufhörte.

Später nahmen unsere Sonderkommandos den Leichen die Ringe ab und zogen das Gold

aus den Zähnen.

Sechs Millionen Juden, sechs Millionen Menschen, gemordet in Ghettos,

Erschießungsgruben und in den Lagern.

Bergen-Belsen, Dachau, Neuengamme, Theresienstadt,

Buchenwald, Papenburg, Ravensbrück, Sachsenhausen, Flossenbürg,

Großrosen,

Mauthausen, Stutthof,

Chelmner.

Sobibor, Belsitz, Treblinka, Majdanek, Auschwitz.

Orte irgendwo?

Nicht Orte in der Nachbarschaft unserer Städte?

Jetzt müssen sie Orte bleiben mitten in unserem Bewusstsein, mitten in unserem

Gewissen.

Die Stimme der Vernunft, wenn sie zu lange unterdrückt wird,

verschafft sich zuletzt nur noch in Trauergesängen Gehör.

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