All language subtitles for The Witness House - Das Zeugenhaus

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Original subtitles

Follow me, please.

Ist es wahr?

Haben wir sie gefunden?

Die Russen hatten sie in einem Gefängnis bei Prag. Wir haben sie heute Nacht über

die Grenze geholt.

Wann können wir sie sprechen?

Wir sprechen sie jetzt gleich.

Sie wird müde sein.

Wer müde ist, lügt schlecht.

Warum sollte sie lügen?

Alle lügen.

Willkommen in Nürnberg.

Wie spricht man eine Gräfin an?

Wie man jedes Gespräch beginnt, indem man sich vorstellt.

Ich bin Captain Fabian Flynn, Seelsorger der 26th Infantry Regiment.

Mr. Bernstein vom CIC.

Spionageabwehr.

Ihr Name ist Elisabeth Anna Gräfin von Bellabar.

Sie scheinen die letzten Monate gut überstanden zu haben. Darf ich wissen,

warum ich hierher gebracht wurde?

Sie haben im Januar Ihren Familiensitz in Ungarn verlassen.

Zuerst sind sie nach Budapest, dann nach Prag geflohen. Dort wurden sie vor vier

Wochen vom NKWD festgenommen.

Die Russen sagen, sie seien eine Spionin.

Eine gängige Ausrede, um Mitglieder adeliger Familien an den Galgen zu

bringen, ja.

Ihre Eltern waren Deutsche?

Wie Ihre, nehme ich an.

Sie haben einen Mann und drei erwachsene Söhne. Wo sind sie?

Ich weiß es nicht.

Wir wurden auf der Flucht getrennt.

Waren Sie oder Teile Ihrer Familie je Mitglied der NSDAP, der Wehrmacht, der

SS, der Gestapo oder einer anderen Organisation der Nationalsozialistischen

Regierung Deutschlands?

Warum werde ich hier festgehalten und verhörte?

Warum antworten Sie nicht einfach auf meine Fragen?

Weil Ihre Fragen aufdränglich sind.

Wir haben Sie vor der Hinrichtung durch die Russen bewahrt.

Fanden Sie das auch aufdränglich?

Sie werden nicht festgehalten.

Es können jede Zeit gehen.

Aber wohin?

Ihre Heimat ist in russischer Hand.

Ihre Familie wird vermisst.

Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.

Sie sollte sich anhören.

Was denken Sie?

Sie befreien mich bei Nacht und Nebel, weil Sie eine Hausdame für ein Gästehaus

suchen? Dies ist kein gewöhnliches Gästehaus.

Und ich suche erst recht keine Hausdame, sondern einen Spezialisten.

Mehrsprachig, politisch unbelastet, mit einem gewissen, wie sagt man,

Fingerspitzengefühl. Sie kennen mich doch gar nicht.

In ein paar Wochen machen wir den größten lebenden Kriegsverbrecher in der

Welt den Prozess.

Dafür brauchen wir Zeugen.

Von den Zeugen hängt alles ab. Und die Zeugen sollen hier wohnen?

Hier werden einige Menschen wohnen, von denen wir uns Informationen erhoffen.

Über das, was geschehen ist.

Informationen, die wir dringend brauchen. Ohne diese Informationen gibt

es keine Urteile.

Und keine Gerechtigkeit.

Dann schlage ich vor, dass Sie mit Tischen und Stühlen anfangen.

Wir kümmern uns um alles, was Sie brauchen.

Und Sie kümmern sich um Ihre Gäste.

Und was wird aus uns?

Was machen Sie denn noch hier?

Wir waren schon überall. Alle Häuser im Viertel wurden beschlagnahmt. Wo sollen

wir denn hin?

Sind Sie die Hausbesitzerin? Ja. Nein.

Ihr Haus gehört jetzt der amerikanischen Militärregierung.

Ich kann es nicht ändern.

Sie müssen hier weg.

Können Sie kochen?

Ich kann's jedenfalls nicht.

Oder hatten Sie was anderes erwartet?

Wenige Monate nach Kriegsende bereitet sich Nürnberg vor auf den Prozess des

Jahrhunderts. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit werden

russische, amerikanische, französische und englische Richter gemeinsam zu

Gericht sitzen, um das Urteil zu fällen über die Kriegsverbrechen der Nazis.

Hitlers ehemalige Führungselite, darunter Göring, Hess, von Rebentrop...

... sowie 20 weitere Angeklagte erwartet im Gerichtsgefängnis ihren Prozess. Die

Arbeiten im Nürnberger Justizkreis laufen auf Hochtouren.

Journalisten aus aller Welt drängen in die zerstörte Stadt.

Inzwischen sind auch die ersten Zeugen in Nürnberg eingetroffen. ... für die

Anklage wie für die Verteidigung. Denn diese Zeugen werden in den kommenden

Wochen und Monaten erstmals darüber berichten...

Werner? Was habe ich dir über das Rennen im Haus gesagt?

Verzeihung. Und warum ist das Frühstück so spät? Wir haben jetzt Gäste.

Sag den Soldaten, sie sollen in Zukunft früher da sein.

Wir frühstücken um acht.

Papa, du treibst mich in den Wahnsinn.

Wir sind kaum hier und ich finde nichts mehr.

Mach mir keinen Durcheinander, Henni.

Alles hat seine Ordnung.

Uppala.

Mario, besorg dir endlich einen Gürtel.

Herein.

Guten Morgen.

Guten Morgen.

In etwa 20 Minuten gibt es Frühstück. Danke. Frau Gräfin, erklären Sie bitte

meinem Vater, dass er unmöglich mit diesem Strick bei Gericht auflaufen

kann. Wäre es dir vielleicht lieber, dass ich bei Gericht die Hose verliere?

In diesem Fall würde ich ebenfalls den Strick empfehlen. Was sag ich? Die

Gräfin ist eine Dame von Welt.

Sie kennt sich aus.

Guten Morgen, Frau Lemberger. Das haben Sie gesagt.

Sehen Sie dieses Vogelnest auf meinem Kopf.

Es gibt gleich Frühstück. Naja, was der Amerikaner eben so Frühstück nennt,

nicht wahr?

Verzeihen Sie.

Guten Morgen.

Sie sind das. Gibt es Neuigkeiten in meiner Angelegenheit?

Bedauern. Im Moment ist die einzige Neuigkeit die, dass es gleich Frühstück

gibt.

Sie bluten heraus.

Früher hatten wir jeden Sonntag so eine schöne Tafel.

Hier saß immer mein Mann. Das Besteck bitte immer parallel.

Und etwas mehr Abstand zwischen Teller und Tischkante.

Und bitte entfernen Sie das Radiogerät aus dem Haus. Die Amerikaner legen

allergrößten Wert darauf, dass wir unseren Gästen ein ruhiges und

geordnetes Miteinander ermöglichen. Und ich tue es auch.

Da stört so ein Apparat nur.

Jawohl, Frau.

Guten Morgen, Herr Gärtner.

Ich hätte eine Bitte.

Wenn es keine Umstände macht, würde ich meine Mahlzeiten gerne in der Küche

einnehmen und nicht hier.

In der Küche?

Ich danke für Ihr Verständnis.

etwas mehr Abstand zwischen Teller und Tischkante.

Für wen hält die sich?

Wo kommen Sie denn her?

Es war nicht abgeschlossen.

Jetzt schauen Sie, was Sie angerichtet haben!

Gibt es Probleme, Frau Kollmann?

Mein Name ist Lahusen. Ich...

Willst du hier wohnen?

Guten Morgen, Herr Lausche.

Guten Morgen.

Penny, nimmst du mir das Brot mal bitte?

Danke.

Sensationell. Ich kann bis auf den Boden meiner Tasse sehen.

Hätten Sie mal das Essen in dem Lager sehen sollen, in dem ich letzte Woche

noch war.

Da war das Brot schon grün und pelzig.

Papa, bitte.

Genau so ist es. Ich war Herr Lahausen.

Wie bitte?

Das Essen in den Lagern.

Sie tragen die traurigen Reste einer Wehrmachtsuniform. Sie waren interniert,

oder nicht?

Ja. Und später im Gefängnis.

Ich hatte einen Cousin, der kam ins Gefängnis, weil er eines Sonntags ohne

seine Kleidung in der Kirche erschien. Oh, das ging nach einer lustigen

Geschichte. Ja, nach dem eleganten Versuch, das Thema zu wechseln.

Wir sollten Herrn Lausen erstmal ankommen lassen, bevor wir ihn

ausfragen.

Aber wir müssen uns doch kennenlernen.

Wenn ich es recht verstehe, werden wir alle eine Weile zusammenleben.

Ich nicht, ich bin hier völlig verkehrt.

Mir würde zum Beispiel interessieren, welchen militärischen Rang Herr Lausen

bekleidet.

Mein Name ist Lahusen.

Entschuldigung, ich bin Generalmajor der deutschen Wehrmacht.

Verstehe.

Das erklärt dann auch, warum das Haus neuerdings bewacht wird.

Ich protestiere. Mein Leben lang war ich Pazifist. Und jetzt muss ich hier gegen

meinen Willen mit potenziellen Kriegsverbrechern unter einem Dach

wohnen.

Haben Sie mich gerade einen Verbrecher genannt?

Nun machen Sie sich mal nicht in die pazifistische Hose.

Sogar ich war interniert.

Ein Fotograf, ein Professor der feinen Künste.

Dabei habe ich nur wirklich alles unternommen, um mich von jeglicher

Politik fernzuhalten. Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag.

Ich würde uns alle bitten, dass wir uns in diesem Haus ganz genauso verhalten.

Die Alliierten halten uns sowieso alle für Verbrecher. Aber sonst sollten sie

uns mit dieser Erdnussschmere bestrafen.

Sie entschuldigen mich.

Der neue Generalmajor.

Du wirst mal erstaunen, wenn er zurückkommt.

Ich bedauere, wenn man Ihnen zu nahe getreten ist.

Das wird nicht wieder vorkommen.

Natürlich wird es das.

Ich trage diese Uniform.

Oder das, was davon übrig ist.

Also bin ich verdächtig. Ich für meinen Teil hege keinerlei Verdacht. Gegen

irgendwen.

Alle hegen Verdacht.

Jeder gegen jeden.

Hoffmann ist zurück.

Es war so schön ruhig hier.

Grüß Gott allerseits.

Und was sagt das Gericht?

Haben Sie sich darüber erkundigt? Ich war nicht bei Gericht. Ich war bei der

Militärregierung. Hier, halten Sie mal.

Ich hatte ein langes Gespräch mit einem Mitarbeiter der Anklage und einem vom

Geheimdienst. Wir alle werden zunächst befragt werden. Gott, was die alles

wissen wollen.

Und gibt es Neuigkeiten in meiner Angelegenheit?

Nein, aber in meiner.

Man hat mich heute zum ständigen Mitarbeiter der Anklage ernannt.

Hier, stellen Sie es doch mal hier hin.

Mein gesamtes Bildarchiv wird zu Beweismaterial erklärt.

Das sind abertausend Fotografien. Die muss ich alle sichten und

katalogisieren. Eine ungeheure Aufgabe.

Das wird Monate dauern. Ich bin glücklich. Ihnen sagt man wenigstens,

warum Sie hier sind.

Und das ist noch nicht alles.

Trommelwirbel, Abrakadabra, Simsalabim.

Sensationell, ein Radio. Immer nicht wahr?

Nachdem das Radio, das wir hatten, auf geheimnisvolle Art und Weise

verschwunden ist.

Captain Flynn bat mich, es zu entfernen. Daran ist nichts geheimnisvoll. Aber da

fühlt man sich ja wie eingekerkert.

Henriette! Henni!

Ich denke, es ist nichts dagegen einzuwenden, bei Gelegenheit das eine

oder andere Konzert zu hören.

Konzert?

Ja, wo leben Sie denn?

Heute war Prozesseröffnung. Wir hören natürlich die Berichterstattung. Und

zwar jetzt gleich.

Henriette! Henry!

Ein Radio!

Endlich! Marion, ich hatte schon Angst, dass wir alles verpassen.

Den ganzen Morgen habe ich versucht, ins Gericht zu gelangen, ohne Erfolg. Da

haben Sie nichts verpasst. Die Sieger sitzen zu Gericht über die Verlierer.

Na, immerhin.

Früher hätte man die Angeklagten einfach an die Wand gestellt.

Hatten wir denn beschlossen, unserer Wohngemeinschaft alles Politische zu

ersparen? Sie hatten das beschlossen.

Aber der Prozess ist ein Weltereignis.

Danke. Ich hatte mal eine Portion Weltereignisse.

Ja, stattdessen schlage ich vor, eine Partie Britsch zu spielen.

Schön. Aber wir werden ja jetzt eine Demokratie und da darf jeder machen, was

er will. Nicht wahr, Herr Lahosen?

Dieses Haus sind heute die Augen der Welt gerichtet.

Hier im Nürnberger Justizpalast hebt sich der Vorhang über den Prozess, der

nach den Worten des Vorsitzenden, Lord Richter Lawrence, einzig in der

Geschichte des Rechts dasteht. Einzig in seiner Bedeutung für die Menschheit.

Zunächst betraten die Angeklagten den Saal.

Darunter Reichsmarschall Göring, Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess,

Außenminister von Ribbentrop,

Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Das hat man sich extra ausgedacht.

Was soll denn das sein?

Bekenne mich im Sinne der Anklage für nicht schuldig.

Rudolf Hirsch.

Nein! Das wird nicht schuldig sein.

Joachim von Ribbentrop.

Bekenne mich im Sinne der Anklage für nicht schuldig.

Albert Speer.

Nicht schuldig.

Ich bekenne mich im Sinne der Anklage als nicht schuldig.

Ich halte das nicht aus.

Henny, ruhig, alles wird gut.

Natürlich, man wird einen wunderbaren Prozess veranstalten und am Ende

trotzdem alle aufhängen.

Halten Sie den Mund! Sie herzloses, altes Schrumpelweib! Henny!

Wie erwartet wirken sich diese Radioübertragungen nicht eben positiv

aus. Etwas dünnhäutig, Ihre Tochter, und nicht sehr präzise in Ihren

Beleidigungen. Ist das ein Wunder?

Ihr Ehemann sitzt auf der Anklagebank.

Wie bitte?

Das ist doch kein Geheimnis.

Henny, Henriette von Schirach.

Waldo von Schirach ist mein Schwiegersohn.

Protestiere.

Die dürfen mir den Ball doch nicht wegnehmen, Papa.

Keine Sorge, Henni.

Bald sind wir wieder oben auf. Das ist das hoffnungsche Naturgesetz.

Ich hatte einen Mann, einen Hund.

Hab mit meinen Kindern in der Wiener Hofburg gelebt.

Und jetzt haus ich mit meinem Vater in diesem, diesem Durcheinander.

Sei froh, dass die Kinder in Sicherheit sind und dass du hier bist.

Und das, obwohl du keine Zeugen bist.

Das hast du mir zu verdanken.

Jetzt weiß ich wieder, woher ich diesen Herrn Gärtner kenne.

Ihr wohnt hier also?

Jawohl, Herr Generalmajor.

Im Keller?

In eurem eigenen Haus.

Richtiges Haus.

Mein Vater ist Ingenieur.

Vor dem Krieg hat er eine Schweißmaschine erfunden, eine ganz

besondere.

Er hat noch eine Fabrik, aber die Bomber haben alles kaputt gemacht.

Was, Offizier?

Er wurde Reserve 43 eingezogen, Ostfront.

Ich hoffe, er kommt bald zurück.

Ganz bestimmt.

Werner, gibt es eine Waffe hier im Haus?

Aber du weißt, wo du eine bekommst.

Ich will eine Pistole.

Vergiss die Munition nicht.

Was wollen Sie mit einer Pistole?

Ich bin Offizier.

Glaubst du nicht, dass ich das Recht habe, eine Waffe zu besitzen?

Sieh an, der stattliche Käpt'n Flynn persönlich.

Ist er jetzt Ihretwegen da oder meinetwegen?

Das ist eine rein theoretische Frage. Käpt'n Flynn ist ein Priester. Das lässt

sich ja ändern. Wir könnten ihn uns teilen. Guten Morgen, Mr. Flynn. Guten

Morgen, Ladies.

Guten Morgen, Käpt'n Flynn.

Seit Wochen versuche ich zu erfahren, warum er mich in dieses Haus verschleppt

hat. Ich habe ein Recht auf Auskunft.

Sie wurden nicht verschleppt. Sie sind wie alle hier ein freiwilliger Zeuge.

Ich bin kein Zeuge und schon gar nicht freiwillig. Ich habe nichts gesehen,

nichts erlebt, nichts zu berichten. Ich sitze hier rum und warte.

Dabei wird sogar Frau Lindberger zu diesen geheimnisvollen Befragungen

abgeholt. Was wissen denn Sie, was ich zu berichten habe? Ich kümmere mich

drum.

Besonders.

Bonjour, guten Tag. Guten Tag.

Bonjour, Madame.

Natürlich, jetzt auch noch Franzose.

Ich hoffe, Sie haben sich die Schuhe abgeputzt.

Ich habe hier einen Brief von der amerikanischen Militäradministration.

Ich bin Marie.

Wer ist der Mann?

Herr Gärtner.

Der ist eigentlich immer draußen.

Wo keiner ist.

Warum?

Roland Hoffmann hat gesagt, dass einer der im Krieg schlimme Sachen verbrochen

hat.

Einfach aus Spaß.

Scher dich runter.

Halten Sie sich von dem Jungen fern.

Und Herr Gärtner ist ein anständiger Mann, der sich noch nützlich zu machen

weiß. Alles andere geht Sie nichts an.

Von hier aus regieren Sie also Deutschland.

Und wo geht's zur Gehirnwäsche?

Keine Sorge, es handelt sich nur um ein Vorgespräch, um zu entscheiden, ob Ihre

Aussage im Justizpalast benötigt wird.

Sie werden erwartet.

Haben Sie Neuigkeiten über Ihre Familie?

Waren Sie beim Roten Kreuz?

Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, als über mein Wohlbefinden zu plaudern.

Ich bewundere die Ruhe, mit der Sie das alles ertragen.

Wie sind Sie ausgerechnet auf mich gekommen?

Ein Ordensbruder ist Ihnen mal begegnet, in Ungarn.

Als er hörte, dass ich eine Gesellschaft dran suche, hat er gesagt, ich kenne

genau die richtige Frau.

Und dann?

Haben Sie bei den Russen angerufen und gefragt, ob die wissen, wo ich bin?

Ja, genau so war es.

Wie geht es Ihren Gästen?

Danke der Nachfrage. Es sind noch alle am Leben.

Gibt es Schwierigkeiten?

Angesichts der Zusammenstellung meiner Gäste scheinen mir gewisse Spannungen

unvermeidbar. Sie werden das unter Kontrolle behalten. Dafür sind Sie

schließlich da.

Was haben Sie noch?

Informationen über Ihre Gäste?

Bedauere.

Im Gegensatz zu Ihnen verbietet mir meine Kinderstube das Eindringen in die

Privatsphäre anderer Menschen.

Wir versuchen den Nazis den Prozess zu machen.

Dann haben Sie wohl die falsche Frau befreit.

Ich bin eine gute Gesellschafterin, aber eine schlechte Spionin.

Sie haben wirklich Mut.

Nach allem, was wir für Sie getan haben.

Und noch immer tun.

Sie sollten dankbarer sein.

Die Russen forderten im Austausch für Ihre Freilassung fünf Kollaborateure der

Vlasov-Armee.

Die Männer dürften inzwischen tot sein. Ein zynischer Wechselkurs.

Und eine drastische Überbewertung meiner Person.

Passen Sie gut auf unsere Zeugen auf.

Herr Rahn?

Darf ich?

Schauen Sie, der Baldur und ich, wir, unsere Liebe, dann der Krieg, jetzt

dieser furchtbare Prozess.

Das alles ist wie das Schicksal über uns gekommen.

Sie als Zeuge, könnten Sie da nicht ein gutes Wort für den Baldur einlegen vor

Gericht?

Ich meine, Reichsjugendführer, Reichsstadthalter von Wien, so was wird

man nicht als böser Mensch.

Das ist doch unlogisch.

Ich habe über ihn nichts zu sagen.

Sie könnten sich etwas ausdenken.

Es soll Ihr Schaden nicht sein.

Haben Sie Neuigkeiten?

Konnten Sie etwas herausfinden?

Allerdings. Unten in der Stadt verhungern die Leute auf der Straße. Es

ist ja Bärbel.

Seien Sie froh, dass Sie hier sind.

Froh? Meine Kunsthandlung in Berlin geht den Bach runter und mein Vater ist

schwer krank. Bonjour.

Bonjour, Madame.

Ich bin Marie.

Französin? Eine französische Zeugin?

Nein, ich bin Übersetzerin.

Ach, umso besser. Bitte, auf Sie wird man hören. Fragen Sie das Gericht, warum

ich hier bin.

Ich war kein Nazi, nie gewesen. Herr Rost, bitte.

Stimmt, eigentlich waren wir alle aktiv im Widerstand.

Nicht alle Deutschen waren Nazis.

Mein Bruder war Nazi.

Aber ich war lebenslang Pazifist. Genau das habe ich Captain Flynn auch erzählt.

Ach, und was hat Flynn gesagt?

Er bittet Sie, eine schriftliche Eingabe zu verfassen. Also, am besten schreiben

Sie alles auf.

Dass ich nicht selbst darauf gekommen bin. Ich brauch Papier.

Er hat Ihnen das tatsächlich abgekauft?

Ich weiß nicht, was Sie meinen. Was für ein Wicht.

Es gibt einfach keine Männer mehr in Deutschland.

Grüß Gott, die Damen.

Lassen Sie sich nicht stören.

Wir reden über Männer, da können Sie eh nicht mitreden.

Das ist meine Zeitung, Sie Giftspritze.

Hoffmann, Professor der feinen Künstler. Marie, bonjour.

Bonjour, Madame.

Hier, das ist ein Mann, Göring. Der letzte richtige Kerl.

Gut schaut er aus.

Abgenommen hat er.

Tja, so ein Morphiumentzug kostet Energie.

Das sind doch nur Gerüchte. Ich habe nie gesehen, wer Morphium genommen hat.

Das heißt, Sie kennen Hermann Göring?

Hermann, das haben Sie aber schön gesagt.

Sie war seine Sekretärin.

Privatsekretärin, bitte.

Ja.

Gut gemacht, Junge.

Woher hast du nur mal all die guten Sachen?

Ein Hoffmann weiß sich zu helfen.

Der ist für den Baldur.

Ich sorge dafür, dass er ihn bekommt.

Bekommt er meine Briefe wirklich?

Oder sagst du das nur, um mir Mut zu machen?

Es ist ganz einfach.

Ich kenne diesen Russen.

Einen Sekretär der Anklage. Der kennt einen deutschen Verteidiger. Und der

wiederum die Frau eines amerikanischen Wachmanns.

Danke, Papa.

Es gibt Abendessen. Kommst du?

Ich bin gleich fertig.

Verzeihen Sie die späte Strömung. Nein, ich verzeih nicht.

Wir haben unsere Gründe.

Es ist Herr Deals.

Bitte sorgen Sie dafür, dass niemand von seiner Anwesenheit in diesem Haus

erfährt. Herr Diaz unterliegt einem strengen Kontaktverbot.

Der Kontakt wird sich kaum vermeiden lassen, sobald er das Zimmer verlässt.

Das wird er nicht.

Das Zimmer hat ein eigenes Bad.

Ich führe ein Gästehaus, kein Gefängnis.

Ich werde ein vorbildlicher Gefangener sein.

Ich würde niemals vor einer schönen Frau davonlaufen.

Höchstens mit einer schönen Frau.

Ich lasse einen weiteren Posten vor das Haus aufstellen.

Wie beruhigend.

Und dann kann ich leider nicht tun.

Auch wenn es in seinem Fall vielleicht angebracht wäre.

Ja, die ist das Gast in diesem Haus.

Das ist alles, was ich wissen muss.

Sie sind blass.

Geht es Ihnen gut?

Gute Nacht, Captain Flynn.

Okay, Jungs, los geht's.

Sie schlafen auch nicht viel, so oft wie Sie hier nachts rumlaufen.

Ich mache mir eine Bettflasche. Es ist kalt geworden.

In Ungarn hatten Sie da ein richtiges Schloss?

Mit großen Hecken und Dienern?

Ja.

Das muss Ihnen sehr fehlen.

Ungarn ist weit weg.

Ihr Mann und Ihre Söhne.

Glauben Sie, sie leben noch?

Wieso fragen Sie?

Mein Mann.

Wenn er noch leben würde, dann müsste ich das doch spüren, oder?

Ich spüre es aber nicht.

Das ist nur ein Gefühl.

Das sollten Sie nicht tun.

Wenn ich schon mit einem Monster unter einem Dach leben muss, will ich das

wenigstens wissen.

Herr Gerda? So heißt er nicht.

Mein Vater sagt, das ist Anton Keindl. Wer ist das?

Ein Mörder.

Einer dieser Sadisten. So ein Lagerkommandant.

Ah. Und warum sollte der ihr sein? Weil die alleirten Zeugen brauchen.

Und weil er natürlich hofft, so seiner Strafe zu entgehen.

Ich wollte schon in sein Zimmer, aber das schließt er ja immer ab.

Ich hab was.

Es gibt neuerdings Zimmerservice.

Und Zimmerarrest.

Eine Flasche Whisky für den, der errät, wer der geheimnisvolle neue Gast ist,

den die Amerikaner heute Nacht angeliefert haben.

Sie finden doch sicher was Besseres, um sich die Zeit zu vertreiben.

Ross, Ihr Vorschlag?

Ach, Ross, seit Sie Ihre Memoiren schreiben, sind Sie wirklich zu gar

nichts mehr zu gebrauchen.

Aber einen schönen Füller haben Sie da.

Der muss ein kleines Vermögen wert sein.

Ein Erbstück. Dürfte ich wieder? Ja.

Respekt? Was genau ist das für eine Kunsthandlung, die Sie da führen? Was

interessiert Sie das?

Sie sind womöglich reich. Könnte Ihre Attraktivität unterschätzt haben.

Sie werden sich erkälten, Herr Diels.

Gisela Limberger.

Und Hoffmann, richtig?

Foto-Hoffmann.

Aber wer ist dieser Russ?

Ich hoffe, der Kaffee ist noch heiß.

Sie mögen keine Fragen.

Alle Untiefen werden großräumig umschiffen. Eines der ruhigen Überfahrt

dient.

Aber Sie wissen schon, wer Heinrich Hoffmann ist.

Wir sollten dieses Gespräch besser beenden.

Captain Flynn war sehr klar in seinen Ansagen. Flynn hat hier ohnehin überall

Mikrofone versteckt.

So hätte ich es jedenfalls gemacht als Amerikaner.

Sagen Sie bloß, der Gedanke wäre nie gekommen.

Was glauben Sie denn, warum es dieses Haus gibt?

Es gehört nicht zu meinen Aufgaben, mir darüber Gedanken zu machen. Ich denke,

Sie überschätzen die Möglichkeiten der Amerikaner.

Dieses Pflichtgefühl, wunderbar.

Mit dem alten Adel wird nun leider auch das zu Ende gehen.

Wie trinken Sie Ihren Kaffee?

Herr Lawson?

Ja, mein Name ist Erwin Lawson.

Danke, Captain.

Die Befragung wird auf Deutsch stattfinden.

Ich habe bis zu meiner Emigration in Hamburg gelebt.

Kann ich Ihnen helfen?

Deine Mutter hat mich um Backpulver gebeten.

Das hat mir Riss, das Bild. Die Amerikaner haben es aus dem Fenster

geworfen.

Als sie uns das Haus weggenommen haben.

So geht man neuerdings um mit meinen Bildern.

Glaubst du vielleicht, die hätten mein Archiv beschlagnahmt, wenn ich jahrelang

nur Blümchen fotografiert hätte?

Wenn der Verschluss meiner Kamera klickt, kommt es eigentlich gar nicht

auf mich an, was sich gerade vor der Linse befindet.

Die Fotos hat alle Herr Hoffmann gemacht.

Hitler, wie ihn keiner kennt, das hatten wir auch.

Naja, war ja auch kein besonders literarischer Geheimtipp. Er kannte den

Führer persönlich.

Mein erstes Atelier in Schwabing lag über der Parteizentrale von Herrn

Hitler. Und die Eva hier, die braune Eva, war meine Angestellte und die habe

ich ihm vorgestellt.

Ein nettes Mädel, aber ein bisschen, naja, ich sag mal schlicht.

Aber fotografiert hat sie gern.

Und wenn ich einmal nicht auf dem Obersalzberg sein konnte, dann hat die

Eva für mich fotografiert, den Herrn Hitler und was er so macht auf seinem

Berg. Sie waren auf dem Obersalzberg?

Freilich, wir durften kommen, wann immer wir wollten.

Hoffmann, hat der Hitler mal zu mir gesagt, Hoffmann, Sie sind der einzige

Mensch, der mich nicht beschwert.

Möchte jemand eine Wolldecke für heute Abend? Ja, bitte.

Das finde ich sehr interessant, was...

Hatte ihn denn so beschwert? Ja.

Glauben Sie, es ist leicht, so ein Reich zu regieren? So ganz allein?

Das sollte in der Tat sehr schwer sein.

Hitler war auch nur ein Mensch.

Und wenn es ihm schlecht ging, dann kam er zu mir.

Und ich habe ihm dann die ganze Nacht Geschichten erzählt.

Der arme Mann.

Und diese Freundschaft ist Ihnen heute nicht unangenehm?

Was Herr Hitler getan oder gelassen hat, das wird noch zu klären sein, nicht

wahr?

Neuerdings darf ja jeder alles auf Herrn Hitler schieben. Er ist tot und kann

sich nicht mehr wehren.

Nun, daran ist er ja nicht ganz unschuldig.

Für eine französische Tipse sind Sie aber ganz schön forsch.

Haben Sie nichts zu übersetzen oder so?

Wissen Sie was?

Sie hätten ihn gemocht.

Schade, dass Sie es nicht mehr erlebt haben, wie galant er im Umgang mit Damen

sein konnte.

Ach, hier.

Schauen Sie, das hat er gemalt.

Und?

Sehen Sie das?

Ich sehe nur Bäume.

Ja.

Das ist ganz eindeutig Sanftheit.

Eine ganz verletzliche Melancholie.

Niemand, der wahrhaft böse ist, kann so etwas malen.

Das hier, das ist der wahre Herr Hitler.

Das finden Sie wohl komisch? Nein.

Aber ich habe jetzt begriffen, woher Sie all die Sachen in Ihrem Zimmer haben.

Diese ganzen Hitler-Bilder, die klauen Sie aus Ihrem Archiv bei Gericht und

verkaufen Sie dann auf dem Schwarzmarkt.

Ich benutze nur Zweitabzüge.

Ich bin fertig.

Ich habe alles aufgeschrieben.

Davon bin ich überzeugt.

Diese Bilder wurden heute Morgen im Justizpalast gezeigt.

Das ist Buchenwald.

Meine Frau und meine beiden Kinder starben in Buchenwald.

Ja, ich habe mir so etwas gedacht.

Ich zähle auf Ihre Aussage.

Die filmischen Dokumente belegen die skrupellose Ermordung tausender und

abertausender unschuldiger Menschen.

Die Angeklagten, allen voran Göring, nahmen die Filmvorführung ungerührt zur

Kenntnis. Wir schalten jetzt von Nürnberg auf die einzelnen

angeschlossenen... Propaganda.

Genau wie diese Plakate, die die Amerikaner unten in der Stadt überall

aufgehängt haben.

Alles Propaganda.

Wenn man sich die Bilder genauer anguckt, sieht man sofort, dass sie gar

nicht echt sind.

Werner?

Geh zu Herrn Gärtner und sag ihm, dass es in einer halben Stunde Essen gibt.

Jawohl, Herr Frau.

Dass die Hoffmanns da drüben wohnen, weiß ich inzwischen.

Aber wer ist mein Nachbar hier, auf dieser Seite?

Eben hat er gemeint.

Guten Appetit, Herr Dietz.

Bleiben Sie, bitte.

Oder fürchten Sie, Ihr Herz an mich zu verlieren, wenn Sie sich auf ein

Gespräch einlassen?

Sie wissen, was am 20. Juli 1944 passiert ist?

Das Attentat auf Hitler in der Wolfschanze.

Noch in derselben Woche hat man mich in Gestapo aufgenommen. Wegen meiner

Verbindung zu den Attentätern.

Ich wurde erst Ende des Krieges von den Alliierten befreit. Fragen Sie Flynn.

Dass ich jetzt hier bin, bei Ihnen, ist reine Schutzmaßnahme.

Man hat Angst um mich.

Warum erzählen Sie mir das?

Was eine reine Ungerechtigkeit ist.

Was jemand...

Wie Hoffmann frei herumläuft und ich nicht einmal einen Brief an meine

Freunde schreiben darf.

Darüber reden wir also.

Sie müssen ihn nur für mich aufgeben.

Das ist eine hübsche Bastelarbeit und ich kann ihn gerne Captain Flynn

weitergeben. Der würde den Inhalt womöglich falsch verstehen.

Dann muss ich Sie enttäuschen.

Sie haben mit mir geredet, mein Tag ist gerettet.

Ja, Captain Flynn, bitte.

Sagen Sie ihm, es geht um Generalmajor Lahusen.

Hast du nichts zu tun?

Was war denn vorhin vor dem Radio los?

In Zukunft hältst du den Mund.

Niemand will hören, was du zu sagen hast.

Du sagst ja nichts mehr.

Noch jawohl, Gnäffrau.

Danke, Gnäffrau.

Da draußen ist Winter. Wenn wir das Haus verlieren, werden wir verhungern. Ist

dir das lieber?

Mein Vater, wie er da ist, wird er dich verachten.

Hier ist der Süddeutsche Rundfunk mit Radio München, Nürnberg, Stuttgart und

Frankfurt.

Ferner der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlin.

Werden Sie schon wieder befragt?

Denken Sie noch an das, worüber wir gesprochen haben. Hier ist Nürnberg.

Wir bringen Dokumente und Tatsachen vom Nürnberger Prozess.

Die ersten Prozesswochen sind vorüber und die internationale Presse ist sich

einig, dass die Anklage noch keinen sehr starken Eindruck macht.

Auch die Angeklagten rund um Göring wirken noch zuversichtlich. Doch die

Anklage kündigte für die folgenden Tage und Wochen.

einige brisante Zeugenaussagen an.

Mir wurde kein neuer Gast angekündigt. Hier steht ja auch gar kein Name.

Emilia. Ja, Emilia. Und wie weiter?

Das hat alles seine Richtigkeit.

Die junge Dame ist die Nichte von Händler Huse.

Wenn Sie es sagen.

Es muss niemand wissen, warum Sie wirklich hier sind.

Schauspielern kostet extra.

Ich habe Ihnen etwas zum Waschen hingestellt und ein bisschen Obst.

Herr Lahusen wird gegen Mittag wieder zurück sein.

Wie ist er denn so?

Bedrückt.

Darum sind Sie hier.

Er weiß übrigens nicht, dass Sie hier sind.

Vielleicht freut er sich ja.

Was ist für Sie?

Ein Kurier vom Gericht.

Man hat mir geantwortet.

Was machen Sie noch?

Er ist auf Englisch.

Habe ich das recht verstanden? Man hält sie für ihren Bruder?

Das ist vollkommen absurd.

Sie müssen sich verlesen haben.

Hier steht, man habe ihre Eingabe zur Kenntnis genommen, sei aber der Meinung,

dass sie nicht Heinrich, sondern Wilhelm Ross sind.

Das ist ihr Nazi-Bruder, nicht wahr?

Man erwartet eine Zeugenaussage von Ihnen.

Hier ist die Rede von Kriegsverbrechen der SS in Weißrussland.

Ich werde hier festgehalten, man hat mir meine Papiere abgenommen und das alles

nur, weil das Gericht mich für Wilhelm hält.

Dieser Prozess ist ein einziges Tollhaus.

Wilhelm und ich, wir sind uns überhaupt nicht ähnlich.

Ich bin zu den Kommunisten, Wilhelm zu den Braunhemden. Er war es, der zur SS

ging.

Sie müssen Ihren Bruder herbetten. Er muss das aufklären.

Aber wie?

Er ist verschwunden, verschollen, untergetaucht, tot. Keiner weiß das

genau. Aber hier steht doch etwas von einer Anhörung.

Ich bin sicher, Sie können diese Verwechslung aufklären.

Die bringen mich an den Geigen.

Grüß Gott, Herr Nachbar.

Was soll das?

Sehen Sie den Besuch der jungen Dame als Angebot.

Eine freundliche Geste der amerikanischen Regierung.

Entschuldigung.

Entschuldigung, stehen Sie auf, bitte.

Was? Ich möchte Sie bitten, mein Zimmer zu verlassen.

Vielleicht täte Ihnen etwas Gesellschaft ganz gut. Nein, ich will keine

Gesellschaft, ich will meine Ruhe.

Würden Sie uns kurz alleine lassen? Auf keinen Fall.

Das ist eine vollkommen unangemessene Situation. Nehmen Sie Ihre Sachen.

Bitte.

Sagen Sie mal, wofür halten Sie mich?

Ich bin nicht zu meinem Vergnügen hier.

Haben Sie mal aus dem Fenster geguckt?

Es ist Winter und ich wohne in einem feuchten Kellerloch mit vier anderen

Frauen. An der Decke gefriert das Wasser.

Sie wollen mich rausschmeißen?

Ja, das ist alles sehr bedauerlich, aber ich... Ich gehe hier nicht weg.

Die Amerikaner zahlen gut und jeder Tag hier bringt mich und meinen kleinen

Jungen zwei Wochen länger durch den Winter.

Wenn Sie mich aus diesem Haus hier vertreiben wollen, müssen Sie mich schon

höchstpersönlich auf die Straße werfen. Und zwar mit Gewalt.

Hier, das heitert Sie auf.

Was ist denn das für ein Schmuddelkram?

Meine Aktzeichnungen gehen sogar noch ein bisschen besser als meine

Fotografien von Herrn Hitler.

Emilia, gell?

Sind Sie eigentlich die Tochter von Herrn Lahusens Bruder oder seiner

Schwester?

Schwester.

Genau.

Und wo sagten Sie noch einmal, kommen Sie her?

Das sagte ich gar nicht.

Salzburg. Meine Schwester lebt in Salzburg.

Mei, das hört man Ihnen ja gar nicht an.

Ist es der Cognac, Frau von Schirach, oder liegt dieser Wissensdurst bei Ihnen

in der Familie?

Wir Hoffmanns interessieren uns eben für unsere Mitmenschen.

Unter Interesse verstehe ich etwas anderes.

Ja, wenn es nach Ihnen geht, plaudern wir den lieben langen Tag über das

Wetter, damit nun ja niemand auf die Idee kommt, sich zu fragen, wer Herr

Gärtner wirklich ist.

Oder warum in aller Welt über unseren Köpfen Rudolf Diels wohnt.

Hoppla.

Rudolf Diels?

Das ist unmöglich.

Rudolf Diels ist tot. Im Gegenteil, er erfreut sich bester Gesundheit.

Nicht wahr, Herr Diels?

Und wer ist Rudolf Diels?

Der würde Ihnen gefallen.

Ein sehr stattlicher Herr.

Stimmt. Und der Gründer der Gestapo.

Sind Sie jetzt enttäuscht von mir?

Sie verbringen entschieden zu viel Zeit auf dem Fußboden.

Hoffmann hat recht.

Ich war Beamter im preußischen Innenministerium.

Und ich habe auch die geheime Staatspolizei ins Leben gerufen. Auf

Befehl von Göring.

Wenn man sich für Politik interessiert, mag man sowas interessant finden.

Aber ich habe nicht die Mördergrube aus der Gestapo gemacht, die Sie später

wurden.

Zwar Himmler.

Sie müssen sich nicht vor mir verteidigen.

Ich will es aber.

Die Zeugen von heute sind die Angeklagten von morgen. Man muss sich

verteidigen. Aber nicht vor mir.

Aber vor mir.

Da draußen gibt es genug Nazis, die mich lieber tot als lebendig sehen wollen.

Und daran misst man heutzutage Schuld und Unschuld?

Die Unschuld, die hatten wir alle schnell verloren in diesen Jahren.

Ungarischen Märchenschloss. Die haben sich halt ausgesessen, den ganzen Krieg

über.

Es gibt keine Unschuld mehr.

Erzählst mir was von früher.

Einmal in einer Sommernacht fuhren wir im offenen Wagen durch die Berge.

Herr Hitler saß vorne neben dem Fahrer.

Über uns waren die Sterne.

Auf einer Wiese sahen wir ein Lagerfeuer.

Herr Hitler ließ den Wagen anhalten.

Wir setzten uns zu den jungen Burschen ans Feuer.

Und als sie Herrn Hitler erkannten, da haben sie vor Glück geweint.

Frau Limberger.

Guten Abend, Herr Diels.

Oder besser, guten Morgen.

Wie sind Sie reingekommen?

Früher war ich es, die die Schlüssel versteckt hat.

Ich gebe zu, ich war erfreut zu hören, dass Sie noch leben.

Ich falle immer auf die Füße.

Schön für Sie, ich falle immer auf die Schnauze.

Wir leben ja noch.

Leben. Dass Sie es warten, Zeit totschlagen.

Bei Görings, das war Leben.

Die Feiern, die Kleider und all die Bilder.

Mein Gott, das vermisse ich am meisten, diese große Kunst überall.

Alles war Kunst, man lebte in Kunst.

Und jetzt leben wir die Kunst des Überlebens.

Hat der Frieden sie debil gemacht?

Sie klingen wie ein Poesiealbum.

Wir sind ein gefürchtetes, verfluchtes Volk. Unter uns allen wird sich der

Boden auftun.

Die Prozesse werden weitergehen. Nach der ersten Garde sind die Ärzte dran,

dann die Richter und dann die fleißigen Spitzenbeamten. Also Sie.

Nicht zu vergessen die Privatsekretärin. Ja, ja.

Höchste Zeit, das Haus zu verlassen.

Ich bin gespannt.

Wollen Sie sich wie ein Sträfling aus dem Fenster abseilen?

Ich dachte, wir plaudern ein bisschen.

Und jetzt soll ich für Sie den Postboten spielen?

Sie sind ein Windhund, Herr Diels.

Ein treuer Windhund.

Wenn ich durch Ihre Hilfe herauskomme, nehme ich Sie natürlich mit.

Bieten Sie mir gerade an, mit Ihnen durchzubrennen?

Die Welt dreht sich weiter. Schauen Sie nach vorn.

Wer jetzt nicht schwimmt, bekommt keinen Platz mehr im Rettungsboot.

Was war das denn?

Kurz nach drei.

Zeit für die Albträume meines Nachbarn.

Wo sind die Patronen? Wachen Sie auf! Wo sind die Patronen?

Was für Patronen? Sie wissen genau, welche Patronen ich meine. Sie haben

meine Waffe entladen. Die Gräfin ist eine kluge Frau. Sie hat schon gewusst,

warum sie mich holt. Was haben Sie mit der Munition gemacht?

Das werde ich Ihnen nicht sagen.

Sie sind doch keiner, der Frauen schlägt.

Ich möchte Sie bitten, sich der Dame gegenüber wie ein Offizier zu verhalten.

Waffe nicht geladen ist.

Ich weiß, dass ich was sagen muss.

Aber manchmal setzt mein Herz sekundenlang aus und dann denke ich

jedes Mal, endlich ist Ruhe.

Alle sind tot.

Stauffenberg, Beck, Oster, Fontanani, Canaris.

Mein Vorgesetzter, mein Freund.

Das ist Erwin LaHouse.

Sie haben ihn umgebracht nach dem 20.

Juli.

Sie haben alle umgebracht, die Hitler töten wollten, alle außer mich.

Sie wollten Hitler töten?

Das war zum Wahnsinnigwerden.

Bomben, die nicht gezündet haben, die zu früh gezündet haben oder zu spät, die

die Falschen getötet haben.

Wir haben alles riskiert, aber wir haben es nicht geschafft.

Wollen Sie noch ein paar Geheimnisse wissen?

Die Wahrheit ist, ich lag in einem Lazarett an der Ostfront.

Canaris haben sie umgebracht und dann haben sie ihn wiederbelebt, damit sie

ihn nochmal umbringen können. Und mich haben sie einfach übersehen.

Und mich sogar noch befördert und mir das Eiserne Kreuz verliehen.

Ich kann nicht mehr schlafen.

Ich warte immer noch darauf, dass einer kommt und mich erschießt, wie die

anderen alle.

Wie viele Menschen haben Sie eigentlich auf dem Gewissen?

Wir wissen, wer Sie wirklich sind.

Sie wollen sich vor Gericht freikaufen, indem Sie andere belasten.

Das ist schäbig.

Der Baum soll die jetzt halten.

Vielen Dank, Herr Gärtner.

Es war ein Fehler, die Juden umzubringen. Das habe ich dem Herrn

Hitler auch gesagt.

Es hätte völlig gereicht, sie aus dem Land zu jagen.

Aber nein, wegen Leuten wie Ihnen sitzt mein Baldur im Gefängnis.

Grausame Menschen wie Sie haben mein Leben zerstört.

Schämen Sie sich.

Was sag ich, Verbrecher?

Sie haben mit...

Hitler hat über die Juden gesprochen?

Ja, ja.

In Holland habe ich mal gesehen, wie es Frauen und Kinder zusammengetrieben

haben. Das war richtig brutal.

Das habe ich ihm erzählt und gesagt, dass das nicht richtig sein kann.

Und wie hat er reagiert?

Er hat gesagt, es ist Krieg.

Ich glaube, er war sehr böse.

Er hat mich dann auch nicht mehr eingeladen auf die Luba Salzberg.

Aber das war dann auch schon wurscht.

Der Krieg war ja fast vorbei und es war eh alles im Eimer, gell?

Ja, ich habe verstanden.

Ja, ich werde es ausrichten.

Wiederhören.

Sie sollten den Alkohol verschwinden lassen.

Vor allem den aus Hoffmanns Zimmer.

Das war Käpt'n Flynn.

Generalmajor Lahusen soll aussagen. Morgen.

Welche Kleidergröße hat der Mann?

Er macht mich doch lächerlich.

Die Hose muss ich natürlich noch kürzen. Ja, das ändert doch auch nichts.

Halten Sie mal still, sonst haben Sie gleich eine Nadel im Arm.

Sterben an Blutvergiftung, das ist dann lächerlich.

Parteiausweis Ihres Mannes.

Ach, da ist er.

Sicher vom letzten Reichsparteitag.

Da ist er einmal mit dem Werner hin.

Haben Sie Rasierklingen? Der Generalmajor muss rasiert werden.

Aber ja, kommen Sie nur.

Die Rasierklingen sind oben auf dem Schrank.

Ich glaube, da müssen Sie aufs Bett steigen.

Was Sie alles haben.

Kaffee, Seife, Schokolade.

Kognak.

Suchen Sie sich etwas aus.

Und als Gegenleistung machen Sie etwas von dem, was Sie mit unserem Herrn

Generalmajor machen, mit mir.

Niemand hier glaubt, dass Sie seine Nichte sind.

Sie kommen mit leeren Händen.

Heute gar kein Frühstück. Ihr Zimmerarrest wurde aufgehoben.

Sie dürfen das Gästehaus verlassen.

Offenbar hat sich eine bessere Unterkunft für Sie gefunden.

Wir müssen voneinander scheiden.

Ich bin untröstlich.

Die Kontaktsperre wurde auch aufgehoben.

Wenn es noch von Wichtigkeit ist, ich könnte Ihren Brief jetzt aufgeben.

Leider kommt Ihr Angebot zu spät.

Ich suche ihn seit Tagen.

Ich fürchte, ich habe ihn irgendwo auf geheimnisvolle Art und Weise verlebt.

Sie sollten jetzt packen. Sie fahren im selben Wagen wie Herr Lauschen.

Gut.

Sehr gut sehen Sie aus.

Nett, dass Sie mir die Wahrheit ersparen. Aber es ist wahr. In diesem

Aufzug wird Ihnen das Gericht alles glauben, egal was es ist.

Hör da, Hosen!

Als Briefträger verkleidet.

Deals, Sie leben also wirklich?

So eine Wiedersehensfreude.

Sie kennen sich?

Vom Hörensagen.

Eher vom Hören. Die Wände oben sind sehr dünn. Möchte ich nur sagen.

Und, geht's Ihnen wieder besser?

So eine Aussage vor Gericht ist ja eine ungeheure Belastung, nicht?

Eine Belastung, der Hellerhusen ohne jeden Zweifel gewachsen ist.

Das meine ich ja.

Aber nicht leicht für einen Mann, der seinen Offizierseid gebrochen hat.

Sind da Leute schon für weniger gehängt worden?

Sie reisen ab?

Frau Limberger.

Haben Sie nicht etwas vergessen, was Sie mitnehmen wollten?

Nein.

Aber ich wollte selbstverständlich wiederkommen, wenn Sie das meinen.

Ein Gestapo-Mann sind Sie ja ein erbärmlicher Lügner.

Zuletzt war ich kein Gestapo-Mann, sondern in Gestapo-Haft. Das ist ein

feiner Unterschied.

Ich warte dann besser draußen.

Bleiben Sie ruhig.

Der Wagen ist noch nicht da. Ja, bleiben Sie. Es ist noch braunes Wasser da.

Vielleicht plaudern wir ein bisschen über die gute alte Zeit im Hause Göring?

Über die wissen Sie mehr als ich.

Sie waren ein oft und gern gesehener Gast.

So oft und gern, dass man Sie schon Görings Lakai nannte.

Ah ja?

Man wird viel genannt in solchen Positionen, weil man Erfolg hat. Und den

hatten Sie.

Nachdem Sie für Göring die Gestapo erfunden hatten, machte er Sie zum

Regierungspräsidenten von Köln und dann wurden Sie, oh Wunder, Präsident der

Göring-Werke.

Aber seine Kunstsammlung hat er dann doch lieber Ihnen anvertraut. Und die

Verwaltung seiner Privatkunden nicht?

Möglich.

Allerdings war ich nicht mit einer Cousine von Reichsmarschall Göring

verheiratet. Ich auch nicht. Lang.

Eine Ehe, die Göring annullieren ließ, wegen meiner Rolle im Widerstand.

Widerstand? Göring wusste, dass Sie nicht dem Widerstand angehörten.

Ich weiß noch, er sagte, Rudolf Diels ist viel zu schlau, irgendetwas zu tun,

was Ihnen am Ende den Kopf kosten könnte.

Tarnung, Frau der Limberger.

Ja, und Sie finden sicher einen Blöden, der diese Behauptung für Sie bezeugen

wird. So wie Sie immer einen Blöden finden.

Ich glaube, das ist jetzt mein Wagen.

Nein, es ist meiner.

Sie haben Herrn Diels Brief abgeschickt.

Dabei habe ich nicht mehr geglaubt, dass er mich wirklich mitnimmt.

Aber gehofft habe ich es trotzdem ein bisschen.

Ein paar schmeichelnde Worte von einem starken Mann und vor lauter Verzweiflung

verwandle ich mich in eine dumme, hörige Gans.

Herr Diels stand unter Kontaktverbot. Ich fürchte, ich muss das Captain Flynn

melden.

Machen Sie mir keine Scherereien.

Sonst müsste ich ja melden, dass Sie regelmäßig Morphium nehmen.

Ich habe auch ein gutes Auge, wie Sie.

Und viele Jahre für einen Morphinisten gearbeitet.

Sie täuschen sich.

Nehmen Sie es zum Schlafen oder um über den Tag zu kommen?

Und wissen Sie schon, was Sie tun werden, wenn es alle ist?

Mit der heutigen Aussage von Generalmajor Erwin Lahusen haben die

Nürnberger Prozesse eine erste dramatische Wendung erfahren.

Lahusen, der regelmäßig Admiral Canaris in Hitlers Führungskreis vertrat,

berichtete von schweren Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Polen und der

Sowjetunion und konnte belegen, dass die Heeresführung von Kriegsbeginn an

eingeweiht war in Hitlers verbrecherische Pläne.

Für diese Methoden wird einmal die Welt, auch die Wehrmacht, unter deren Augen

diese Dinge stattfinden, verantwortlich machen.

Der damalige Chef UKW erwiderte darauf, dass diese Dinge bereits vom Führer

entschieden seien. Dellehusen wollte doch... Papa, was redet der denn da?

Ich rede später, Liebchen.

Er wollte doch etwas ganz anderes sagen.

Sie...

Sie waren es.

Was haben Sie mit ihm gemacht?

Sagen Sie schon.

Ich weiß nicht, was Sie meinen.

Natürlich wissen Sie.

Sie sind ein kleines Flötchen.

Eine billige Hure.

Sie haben ihn umgedreht. Sie und Ihre Vagina.

Um Gottes Willen!

Oh.

Tut's noch sehr weh?

Krollmann hat mir gerade davon erzählt.

Ich heule nur, weil Sie ausgesagt haben.

Wann reisen Sie ab?

Morgen?

Ihr Junge, wie heißt der?

Richard. Er ist zwei.

Wie passt ihr jetzt auf ihn auf?

Und meine Mutter.

Seitdem ich hier bin, muss ich mir um meine Familie keine Sorgen mehr machen.

Wissen Sie, ich hab dem Gericht zu verstehen gegeben, dass ich noch sehr

viel Zeit brauchen werde, um mich zu erinnern.

Kann Tage dauern.

Oder Wochen.

Ich wollte mich bedanken.

Ohne Sie und Emilia hätte ich das alles nicht geschafft.

Sie sind ein mutiger Mann.

Nein.

Nach meiner Flucht aus Ungarn habe ich oft gedacht, wie viel leichter alles

wäre, wenn ich nur in der Lage wäre, mein Leben einfach zu beenden.

Aber es ist erstaunlich schwierig.

Du nimmst es dir vor, aber dann machst du einfach weiter, einen Tag nach dem

anderen.

Sie sind früh auf.

Sie auch.

Ich bin immer früh auf. Sie nicht?

Ich muss auf die Arbeit.

Sie sind keine Dolmetscherin. Hoffmann hat Sie noch nie gesehen bei Gericht.

Sie gehen jeden Morgen aus dem Haus, aber Sie laufen durch die Stadt.

Aber heute sind Sie noch früher auf.

Heute ist alles anders.

Warum sollte ich mit Ihnen darüber reden?

Mit wem denn sonst?

Excuse me, Mr. Ross?

Ja, Heinrich Ross.

Danke, dass Sie Herrn Ross zu seiner Anhörung begleiten.

Ich hatte Sorge, dass er sich verläuft.

Ein kurioser Fall. Finden Sie nicht?

Versuchen Sie schon wieder, mich auszuhorchen?

Das mit der Hosen haben Sie gut hinbekommen. Sie haben was gut bei mir.

Dafür verzeihe ich Ihnen auch, dass Sie mich belogen haben.

Ich habe mich in Ungarn erkundigt über Sie und Ihre Familie.

Ihre Söhne, Ihren Mann.

Flynn weiß nichts davon, er muss es auch nicht wissen.

Er hat ein gutes Händchen mit Ihnen.

Sie wissen, wie man ein Geheimnis wahrt.

Ich respektiere das.

Hat man sie doch nicht aufgehängt?

Wie ist es gelaufen?

In drei Stunden geht mein Zug.

Herr Ross?

Ich hab noch was für Sie.

Proviant für die Heimreise.

Ist das Ihr Ernst?

Obwohl ich Ihnen so auf die Nerven gefallen bin?

Schwamm drüber. Es ging um Leben und Tod.

Nicht auszudenken.

Und hier noch ein kleines Souvenir.

Ich weiß schon, wie da eine von Ihren Nackedeis.

Das ist Heidrich.

Das ist Himmler.

Und dazwischen, da sind Sie.

Der Wackerer SS-Obersturmbannführer Wilhelm Ross.

Man hat Sie gar nicht verwechselt.

Sie sind der Nazi-Bruder.

Wo haben Sie das her?

Zufall.

Lag neulich im Bildarchiv des Gerichts.

Und Sie haben nichts gesagt?

Warum soll ich mir den Spaß verderben, wie Sie den Justizirrtum gegeben haben?

Fabelhaft!

Und überhaupt, diese ganze Beschulderei, Verurteilerei, es ist so ermüdend.

Wo soll das hinführen?

Was soll das für ein Deutschland werden?

Und?

Sie werden mich nicht verraten?

Ja, also dann will ich mal zum Bahnhof.

Darf ich Sie noch bitten, in unser Gästebuch zu schreiben?

Ja, warum nicht?

Hat jemand einen Stift?

Nehmen Sie meinen.

Aber nicht wieder Romane schreiben, hören Sie?

Schöner Füller.

Der muss ja ein kleines Vermögen wert sein.

Ich danke für die schöne Zeit, am Ende für Gerechtigkeit.

Heinrich Ross.

Naja, kein großer Dichter.

Probieren Sie es als Schauspieler.

Da geht er hin.

Vielleicht war er doch keine so schlechte Partie.

Na, ich weiß nicht.

Mir wäre der zu nervös.

Herr Gärtner.

Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?

Wir haben heute die französische Anklage den Prozess.

In den Zeugenstand trat eine junge Frau, ein ehemaliges Mitglied der Résistance

und berichtete ausführlich von ihrer mehrjährigen Gefangenschaft im

Konzentrationslager Auschwitz.

Wir wurden in eine Baracke geführt,

dann zur Desinfektion.

Dort rasierte man uns den Kopf.

und tätowierte uns auf dem Unterarm die Eintragungsnummer.

Morgens um halb vier weckte uns das Geschrei der Aufseher.

Während der Arbeit schlugen uns die Männer und Frauen der SS mit Knüppeln

oder ließen ihre Hunde auf uns los.

Einmal sah ich, wie eine Frau zerfleischt und getötet wurde.

Als der SS-Mann Tauber seinen Hund auf sie hetzte und

bei dem Schauspiel grinste, als

alle zurück im Lager waren,

Natürlich ist er das.

Wir haben alle gelitten, auch wir Deutschen.

Kommen Sie doch rein.

Setzen Sie sich.

Also, dass Sie keine Dolmetscherin sind, habe ich ja schon geahnt.

Wie ist denn nun Ihr wirklicher Name?

Marie-Claude Vaillant Couturier.

Du liebe Güte, das kann sich ja niemand merken.

Darf ich Sie weiterhin Marie nennen?

Ich habe auch noch eine Nummer auf dem Arm. Vielleicht können Sie sich eine

Nummer besser merken.

Fabelhaft. Eine hervorragende Idee.

Zahlen konnte ich mir immer schon gut merken.

Aber sagen Sie, Ihre Aussage, diese schrecklichen Dinge, die Sie da erlebt

haben wollen, da haben Sie das eine oder andere ein bisschen ausgeschmückt, nicht

wahr?

Ich meine Menschenversuche, Gaskammern, das sind ja völlig absurde Geschichten.

Ja, ich habe in der Tat nicht die ganze Wahrheit gesagt.

Das verstehe ich gut. Ich wollte noch von der Nacht erzählen, als das Gas leer

gegangen war.

Da haben Sie die Menschenleben verbrannt.

Aber ich war zu müde.

Wenn Sie hier fertig sind, bin ich schlank.

Aber wenn Sie das alles erlebt haben wollen, wie kann es sein, dass Sie so

gesund und munter wirken?

Oh, ich habe ein Jahr Zeit gehabt, mich zu erholen.

Und wie erklären Sie sich bitte, dass Herr Hitler von all dem keine Kenntnis

hatte? Natürlich hatte er Kenntnis.

Er war zu jedem Zeitpunkt genauestens informiert.

Das ist ausgeschlossen.

Herr Hitler hätte das sofort unterbunden.

Grausamkeit entsprach gar nicht seiner Natur.

Er konnte ja nicht einmal Blut sehen.

Wussten Sie, dass er Vegetarier war?

Er liebte Tiere und Kinder. Fragen Sie Henni.

Einen lieberen Onkel als Herrn Hitler kann sich kein Kind wünschen.

Nein, er hat es nicht gewusst.

Und das heißt für mich, dass es vielleicht gar nicht passiert ist.

Und wenn doch, dann...

war es vielleicht gar nicht so schlimm in diesen angeblichen

Konzentrationslagern.

Wenn es sie denn überhaupt gab.

Sie waren auch da.

Ich war wo?

In Mauthausen.

Gemeinsam mit Himmler.

Sie haben das Lager besichtigt.

Sie sind an den Zäunen und Baracken vorbeigegangen.

Ich?

In einem Konzentrationslager?

Es war Winter, sie trugen einen hellen Mantel.

Die Schäferhunde der SS-Wachmannschaft hatten Welpen und die haben sie

fotografiert.

Eine ganze Stunde lang. Die Welpen und wie Himmler im Schnee mit ihnen spielt.

Die jüdischen Häftlinge standen hinterm Zaun im Appell, hatten Befehl uns nicht

zu rühren.

Zwei von uns fielen in der Kälte um, die ließ man einfach liegen.

Wenn Sie Ihre Kamera in die andere Richtung gedreht hätten, hätten Sie

jetzt auch ein Foto von mir.

Entschuldigen Sie mich bitte.

Wait here.

Hallo?

Herr Hoffmann!

Gar nicht so einfach.

Sie kauft ihm ein paar Bücher.

Was wollten Sie damit?

Auf Wiedersehen.

Frau. Sie hier.

Genau wie Sie. Was für ein Zufall.

Wie ich sehe, haben Sie schnell neue Freunde gefunden.

Das ist Gräfin von Faber-Castell. Sie war so freundlich, mich auf ihr

Jagdschloss einzuladen.

Dann war sie es wohl, die Ihren Brief erhalten hatte.

Brief? Welchen Brief?

Dass ich Ihnen nicht geholfen habe. Das haben Sie mir übel genommen.

Was haben Sie den Amerikanern über mich erzählt?

Ach, die Amerikaner.

Sie wissen nicht die einfachsten Dinge über Deutschland.

Ich werde praktisch ohne Unterlass befragt. Was soll ich Ihnen sagen?

Und indem Sie Ihr Wissen teilen, präsentieren Sie sich als loyaler

Freund.

Captain Flynn und ich haben in der Tat über Sie gesprochen.

Frau Limberger hatte einige schlimme Gerüchte verbreitet, auch über Sie.

Sie hält Sie für eine Morphinistin.

Und das erwähnten Sie vor Captain Flynn?

Ich habe zu verstehen gegeben.

dass ich nichts davon glaube. Damit kann ich Ihnen unmöglich geschadet haben.

Ich danke Ihnen, dass Sie sich für mich eingesetzt haben.

Sie und ich, wir wären unschlagbar gewesen.

Sie werden erwartet.

Der Junge ist nicht hier.

Ich wollte mich verabschieden. Ich fahre noch heute Nacht.

Sie wussten, dass ich in einem Lager war?

Ich habe viele gesehen, die überlebt haben.

Wie haben Sie überlebt?

Ich hatte Arbeit.

Auf dem Krankenstation.

Es war warm und trocken.

Ja.

Man überlebt, indem man lernt, andere zu überleben.

Iss dein Brot und wenn möglich das deines Nächsten.

Nimm dir den leichten Stein, soll ein anderer mit dem schweren stürzen.

Greif dir den guten Schuh, soll sich ein anderer blutige Füße holen.

Nimm dir die dicke Suppe unten im Topf, such dir die Arbeit im Warmen.

Jeder ist das andere Wolf.

Ja.

Du treibst dir alles Menschliche aus, weil du überleben willst.

Mit aller Kraft.

Und am Ende überlebst du tatsächlich.

Drei Jahre Mauthausen.

Und schämst dich dafür, vor Gott und den Menschen.

Es ist beschämend, am Leben geblieben zu sein.

Wen willst du erschießen?

Weiß nicht.

Komm ins Haus, hm?

Es ist kalt.

Guten Abend zusammen.

Was gibt es so Wichtiges? Das haben wir im Haus gefunden.

Morphium.

Das gehört ihr.

Und wer hat Sie darüber informiert? Herr Deals?

Ich hätte seine Anschuldigung gerne ignoriert.

Und Sie denken, wir haben die falsche Frau aus dem Gefängnis geholt?

Sie?

Was denken Sie? Nach meiner Einschätzung ist das Zeugenhaus in besten Händen.

Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit.

Danke.

Das Morphium stammt aus unseren Beständen.

Ja, wir verfügen über einen wohl sortierten Vorrat im Keller.

Das kommt also von Ihnen.

Eine Abmachung zwischen mir und der Gräfin. Wir führen einen Prozess. Dies

ist nicht die Zeit für moralische Bedenken.

Darf ich erfahren, warum Sie das nehmen?

Ich möchte nicht darüber reden.

Es war voriges Jahr, im Januar.

Sie und Ihre Familie beschlossen, den Familiensitz in Ungarn zu verlassen.

Der Kutscher hat Sie mit dem Pferdewagen ins Dorf gefahren, um letzte Besorgungen

zu machen.

Als Sie zurückkamen, war es schon dunkel und in der großen Eingangshalle fanden

sie ihren Mann und ihre drei Söhne.

Man hatte sie erst halbtot geschlagen und dann zum Sterben an den Füßen

aufgehängt.

Einen neben dem anderen.

Sie und ihr Kutscher haben sie begraben.

Ende der Geschichte.

Wer hat das getan?

Wer hat Ihre Familie umgebracht?

Die Deutschen oder die Russen.

Oder Banditen.

Vielleicht Bauern.

Es macht keinen Unterschied.

Sie sind gestorben, weil wir zu lange gewartet haben.

Ich dachte, es geht vorüber.

Ich dachte, unsere Welt würde verschont.

Aber das war ein Irrtum.

Das ist furchtbar.

Nur wenn man darüber nachdenkt.

Kann man das denn?

Nicht darüber nachdenken?

Jeder schützt sich, wie er kann.

Gute Nacht, Captain Flynn.

Nach 218 Verhandlungstagen hat der Nürnberger Prozess gegen die

Hauptkriegsverbrecher sein Ende gefunden.

Im Saal 600 des Justizpalastes wurden heute die Urteile gesprochen.

Gemäß den Punkten der Anklageschrift, unter denen Sie verschuldet befunden

wurden,

beurteilt Sie das internationale Militärgericht zum Tode durch den

Strafen.

Sie

hängen

Sie auf. Sie hängen Sie alle auf.

Warte ab, Herr Lieber, warte ab.

Captain Flynn,

kommen

Sie, es gibt etwas zu feiern. Ich muss Sie bitten, mitzukommen.

Ja, aber jetzt doch noch nicht. Unser Zug geht doch erst heute Abend.

Ihre Tochter wird ohne Sie fahren müssen.

Die Herren sind von der Bayerischen Kriminalpolizei.

Ja, dann... Dann muss ich wohl... Ich muss noch meinen Koffer packen.

Darum kümmern sich die Herren.

Ist sicher alles nur Routine. Mach dir keine Sorgen, Henni Butzi.

Und grüß mir den Baldur lieb, ja?

Bussi, Henny. Bussi.

Was werden Sie jetzt tun?

Der Prozess ist vorbei.

Sie können gehen, wohin Sie wollen.

Ja, ich weiß.

Sie können auch hierbleiben.

Es wird weitere Prozesse geben. Es werden neue Zeugen kommen.

Ich muss nächsten Monat zurück.

Lincoln.

Nebraska.

Wenn Sie mögen.

Sie bekommen ein Visum.

Ein Orden würde Ihnen helfen, Arbeit zu finden.

Danke für das Angebot.

... ...

...

... ...

... zu 20 Jahren im Gefängnis.

Defendant Karl Dönitz, der Tribunal beurteilt Sie zu 10 Jahren im Gefängnis.

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