All language subtitles for The Beautiful Days of Aranjuez (2016) DE

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Original subtitles

Und wieder ein Sommer.

Und wieder ein schöner Sommertag.

Ein Garten.

Eine Terrasse.

Eine Frau und ein Mann unter den Bäumen.

In einem

sanften Sommerwind,

wie außerhalb der Zeit.

Ein Gartentisch zwischen

der Frau und dem Mann.

Sie sitzen sich in einigem Abstand gegenüber,

auch sie wie außerhalb der Zeit.

Außerhalb gleich welcher Aktualität

und zudem außerhalb...

gleich welchen historischen Rahmens,

was nicht bedeutet,

dass sie sich außerhalb der Realität befinden.

Vielleicht im Gegenteil.

Wir werden ja sehen.

Zu Beginn lauscht die eine wie der andere

ohne Blick füreinander

dem Rauschen der Blätter im Sommerwind.

Wer macht den Anfang?

Du.

So war es vorgesehen.

Ja, so war es vorgesehen.

Das erste Mal, du mit einem Mann, wie war das?

Schau doch!

Ein Bussard zwischen den Bäumen, wie ein Pfeil.

Oder war das ein Milan? - Es war ein Falke.

Bussarde und Milane kreisen über den Bäumen.

Es sind die Falken, die durch die Wälder schießen wie Pfeile.

Deine erste Nacht mit einem Mann?

Es war keine Nacht.

Und er, das war kein Mann.

Und ich, ich bin keine Frau geworden.

Und doch war's ein Liebesakt.

Ich habe mich ihm hingegeben, und er hat mich genommen.

Es war eine Vereinigung physisch, körperlich.

Es war das Einswerden zweier Körper.

Und was für eines!

Erzähl.

Ich habe oft Lust, von dieser Erfahrung zu erzählen.

Aber sowie jemand drängt: "Erzähl!" ist der Schwung dahin.

Heute ist ein anderer Tag.

Es ist Sommer wie noch nie.

Vielleicht der letzte Sommer überhaupt.

Ja,

es ist Sommer, wie vielleicht zum letzten Mal.

Zum letzten Mal...

Und es war auch ein Sommertag,

nicht meine erste Liebesnacht, mein erster Liebestag.

Ein Obstgarten.

Hühnerdreck, grau, weiß, im frisch gemähten Gras.

Eine hölzerne Leiter in einem Apfelbaum? - Rate ruhig!

Und du warst gerade achtzehn geworden.

Danebengeraten.

Ich war noch ein Kind,

gerade zehn Jahre alt.

Andrerseits: Richtig geraten!

Es war mein Geburtstag.

Oder irre ich mich, und es war bloß ein Sonntag?

Irgendein Sonntag im Sommer?

Sicher ist: Ich war festtäglich gekleidet,

hell, ein langes weißes Kleid,

weiße Socken,

weiße Schuhe, mit flachen Absätzen.

Ich habe diese Geschichte noch niemandem erzählt,

nicht einmal mir selber.

Ist es überhaupt eine Geschichte?

Erzähl. Wir werden ja sehen.

Es war Nachmittag.

Ich auf einer Schaukel,

irgendwo tief in dem Obstgarten.

Ein Apfel-, kein Kirschgarten,

keine roten Flecken auf meinem Kleid, nicht vorher und nicht danach.

Keinerlei Erinnerung an die Leute um mich herum.

Trotzdem die spürbare Anwesenheit der Meinigen,

Mutter, Vater, Bruder, Schwester.

Und ich dort auf der Schaukel, mit einem immer größeren Schwung

und immer freier von der Präsenz der Meinen,

für eine andere Präsenz. - Nicht so schnell. Schau doch.

Die Blütenblätter der Sommerwinde. Wie sie sich im Wind wiegen.

Aber es ging so schnell! Schneller und schneller.

Und dann plötzlich, auf dem Gipfelpunkt,

eine jähe Verlangsamung.

Während die Schaukel mit mir drauf weiterschwang, so schnell wie zuvor,

wachte in meinem Innern etwas auf.

Dank jener plötzlichen Verlangsamung

und dank jenem abrupten Stillstehen

zwischen meinen Schaukelschwüngen,

brach es auf, öffnete sich

und explodierte dann.

Ich wurde "es",

und es wurde ich.

"Es"?

Das Geschlecht? Dein Geschlecht?

Wie du willst.

Aber was da auf der Schaukel anfing, sich zu regen,

das erlebte ich keineswegs als "mein Geschlecht",

sondern als den Ursprung der Welt.

Ist dabei Blut geflossen?

Warum stellst du so eine Frage? - Weil's so vorgesehen war.

Nein.

Kein Blut.

Gar nichts.

Der Blitz, der mich getroffen hatte, ließ mich unverletzt.

Ich habe bloß aus der Nase geblutet.

Und wer hat dich da durchbohrt? Der Blitz?

Ein Gott? Der Gott vom Dienst?

Warum stellst du so eine Frage?

Wie hast du dann weitergemacht?

Bist du auf der Schaukel geblieben? Hast weitergeschaukelt?

Weiß nicht mehr.

Was ich weiß:

Dieser Moment auf der Schaukel,

oben im Blattwerk des Obstgartens,

mit mir als Kind, zur Königin verwandelt,

der dauert noch an.

Er ist bis zum heutigen Tag gültig,

auch wenn ich eine Königin im Exil geblieben bin,

Königin einer anderen Welt als der hier,

von einem anderen Planeten. Ab dem Moment meiner Verwandlung

wurde ich nicht nur der Kindheit beraubt,

sondern auch jeder Rechtmäßigkeit einer normalen Bewohnerin

meines Planeten Erde hier.

Ins Universum katapultiert, als Königin von unbekannter Bestimmung,

bin ich hier unten, mitten unter den Meinigen,

eine Illegale geworden,

eine Gesetzlose.

Zuerst:

süßes Erschrecken.

Erschrecken begleitet von einer Zartheit,

wie sie nicht universeller, nicht königlicher sein könnte.

Und dann: diese königliche Zartheit gefolgt von einem völlig anderen Schreck,

von Grauen, Entsetzen!

Jener Ursprung der Welt, er hieß zugleich:

Aufenthaltsverbot, von diesem Moment an,

auf dieser vertrauten Erde.

Sanfter Schreck,

aus einem Jenseits,

neuer Schreck ohne Sanftheit,

die Erinnerung daran, und so weiter, bis zum heutigen Tag.

Jetzt erinnere ich mich:

Jener Blitz hat mich nicht von oben durchzuckt,

sondern er kam von unten, aus dem Erdboden,

und er verbrannte mir keinen Knochen,

sondern setzte mir eher ein zweites Rückgrat ein, ein stärkeres!

Und, ach ja,

er peitschte mich,

ein Peitschenschlag, der das Gegenteil einer Bestrafung war.

Wie still es hier ist.

Besonders heute,

seit dem Morgen.

Es ist schon Hochsommer.

Bevor wir ins Reden gekommen sind, du und ich,

da habe ich, umgeben von der Stille,

das Gefühl ihrer Ankunft gehabt,

nein, eher von der Herabkunft einer Stille,

nein, eher einer zusätzlichen Ruhe,

als ob sie diese Gegend ergänzen wollte.

Und nicht bloß diese Gegend,

vielmehr die ganze Erde.

Mit dem Herabsinken dieser tiefen Stille

verwandelte sich die Erde ganz sanft,

nicht in eine Scheibe, wie man sich das früher einmal vorgestellt hatte,

nein,

vielmehr in ein Becken.

Dank der tiefen Stille

gewann die Erde an Tiefe.

Seltsamer Ausdruck: "An Tiefe gewinnen".

Süße Illusion. - Das schon, aber wie süß!

Diese Stille hat deine Stimme geleitet, deine erste Frage zu stellen.

Und von ihr umgeben, habe ich Vertrauen gefasst in deine Frage,

nein, eher in deine Stimme,

habe ich das Spiel mitspielen und dir antworten können,

gleichzeitig mit dem Adler, der oben im Himmel seine Kreise zog,

wo er übrigens immer noch kreist.

Was, wenn ein Hubschrauber in die Szene platzen würde?

Ein Jagdflieger? Ein Bomber?

Das wird nicht geschehen. Nicht jetzt.

Und wenn aus diesem "Becken" ein Schrei hochkäme?

Auch das wird nicht geschehen.

Und wenn: Es gibt Schreie,

die mit der Stille einhergehen,

die der Ruhe einen Rhythmus geben.

Zum Beispiel?

Und dann, wie war das?

Du und der erste Mann, in Fleisch...

... und Blut?

Wo?

Wann?

Wer?

Und dann?

Wie war's mit dir und dem ersten Mann in Fleisch und Blut?

Wo? Wann?

Wer?

Keine Erinnerung,

weder an Fleisch noch an Blut,

nicht einmal an einen Mann.

Eine dunkle Nacht?

Ein Unbekannter? Noch so ein Unsichtbarer?

Ein Fremder in der Nacht? Der Mann, der aus dem Regen kam?

Es war wieder mitten am Tag.

Ein anderer Sommertag, viel später.

Oder eher ein Sommertag außerhalb der Zeit,

wie das nur Sommertage sein können.

Ein Sommertag wie heute.

Und zugleich so verschieden!

Klar.

Nicht so, wie du meinst.

Verschieden schon die Szenerie.

Ein Salzwerk

am Ufer des Meeres.

Keine Bäume.

Nichts als ein einzelner Strauch,

ein mediterraner Maulbeerstrauch,

voll von kleinen roten Früchten in der Form von Himbeeren,

nur weniger süß, und noch weicher.

Und unter diesem Strauch da

der einzige Schatten weit und breit.

Normalerweise gibt es doch ein kleines Steinhaus in den Salinen.

Oder eine Hütte oder einen Holzverschlag.

Du hast recht.

Es gab dort eine Holzhütte,

verdeckt von dem Maulbeerstrauch.

Jetzt erinnere ich mich, erst jetzt.

Und das Holz der Hütte war hellgrau, fast weiß,

wie das Salz der Saline,

gebleicht von der salzhaltigen Luft,

wie all die kleinen Holzbuhnen, welche die Salzbeete einrahmten,

über die ganze riesige Saline hinweg.

Die Tür der Hütte

war verriegelt.

Es gab kein Fenster, wir mussten die Tür aufbrechen.

War der stark, der andere?

Wir haben sie aufgebrochen mithilfe einer Eisenbahnschiene,

die früher einmal dem Salztransport gedient hatte.

Die Saline war halb verlassen. Die Schiene war verrostet.

Wir haben die Tür zusammen aufgebrochen, ohne ein Wort,

so wie wir auch die Schiene gepackt hatten,

wortlos, in einer einzigen Bewegung.

Ihr hattet euch in der Saline verabredet.

Nein.

Ich war schon da, saß im Schatten des Maulbeerstrauchs.

Und kaum tauchte der Mann auf, weit weg, bist du auf der Stelle aufgestanden.

Richtig, aber es war nicht so sehr der Mann,

es war seine Silhouette!

Das Versprechen der Silhouette...

Es war nicht so sehr der Mann, der mich aufstehen ließ.

Es war seine Silhouette!

Die Silhouette hat mir aus der Ferne etwas versprochen.

Sie hat eine Verheißung angekündigt.

Silhouette,

das bedeutet für mich bis heute Verheißung.

Sie hat mich beflügelt.

Ihr seid euch vorher begegnet?

Stell mir eine andere Frage.

Ist er schnurstracks auf dich zugekommen?

Bevor er mich sieht,

geht er geradewegs auf den Strauch zu.

Sowie er mich bemerkt, hält er inne.

Bewegt sich dann in die Gegenrichtung, kehrt dann, nach drei Schritten...

Genau drei?

Genau drei.

Nach drei Schritten kehrt er wieder um, wie gegen seinen Willen,

gezwungen von einer höheren Gewalt.

Magnetisiert? Von dir, der Frau?

Von deiner Anwesenheit?

Ja.

Magnetisiert.

Aber anders als bloß von mir und meiner Person.

Magnetisiert auch von dem Ort,

von der Weite des fast verlassenen Salzwerks da.

Magnetisiert, nein, erfüllt,

nein, überfallen von Begehren.

Begehren, hervorgerufen...

nein, verursacht durch diesen mächtigen, leeren, salzfarbenen Raum,

der da vor ihm Salz ausdünstete.

Begehren, sich auf der Stelle mit dieser Leere zu vereinigen,

Geschlecht in Geschlecht,

ganz und gar Fleisch zu werden, im Geschlecht.

Und du?

So wie er.

Kein Unterschied zwischen mir und dem Mann.

Keine Frage, kein Wort,

keinerlei Vorrede, und schon gar kein Vorspiel,

kein Element von Spiel.

Nichts als Ernst. Ernst, ernster, am ernstesten.

Wucht des Ernstes!

Ernst selbst das gemeinsame Lachen danach.

Monumental.

"Verdammt in alle Ewigkeit".

Ja, monumental.

Dank dem Ort.

Dank dem Ort, dem Mann und mir.

Warum keine Frage mehr?

Ohne deine Fragen kann ich nicht weitermachen.

Da werde ich blind und stumm.

Dank deiner Fragen...

... sehe ich erneut,

nein, fange an zu sehen,

zu sehen, was unsichtbar blieb, in dem Moment damals.

Frag mich! So war es doch gedacht.

Was siehst du also drinnen in der Hütte,

in der Hütte der verlassenen Saline?

Das Licht.

Wie? Das Licht sehen?

Normalerweise sieht man doch mit oder durch das Licht, oder ein Licht,

aber nicht "das Licht" als solches.

Zudem war die Hütte doch ohne Fenster und die Tür hinter euch beiden war zu.

Ja, die Tür war zu.

Aber es gab hier und da

Ritzen in den Planken

und an einer Stelle fehlte ein Astloch.

Und durch dieses kleine runde Loch fiel ein Sonnenstrahl.

Da fiel auch der Schatten eines Maulbeerblattes auf die Erde.

Und dann...

... auf seinen Körper, auf unser beider Körper.

Der Boden der Hütte war aus Lehm...

Ich sehe ihn, den Schatten des Blattes.

Das Maulbeerblatt ist gezackt

und zugleich gebogen wie kein anderes Blatt.

Wie ein Schatten,

wie kein anderer,

der wie keine andere Form sonst "Sommer" bedeutet.

Hochsommer.

Das Herz des Sommers.

Das Licht... jenes Licht

strahlte vom Boden der Hütte auf, vom Lehm selbst,

und wurde, je mehr es strahlte, zur Materie,

wurde zu einem Stoff, der ihn und mich bekleidete.

Nackt, wie wir waren, wurden wir eingekleidet,

Strahl um Strahl.

Das Licht stieg vom Boden auf

und hüllte uns beide in ein vollkommen identisches Gewand,

das langsam und sanft eine so vollkommene Kleidung wurde,

wie ich sie nie wieder am Körper getragen habe,

weder vorher noch nachher,

nicht einmal im schönsten und teuersten Kleid der Welt.

Und das geschah alles ganz langsam?

Langsam und sachte?

Das Entkleiden wie in der Folge das Bekleidetwerden?

Kein einziger Moment von Plötzlichkeit, nichts Abruptes?

Nur für einen kurzen Augenblick?

Jetzt erinnere ich mich:

Plötzlich...

... füllte sich der Schatten des Blattes auf dem Boden der Hütte mit Farbe.

Welche Farbe?

Eine unbekannte Farbe, namenlos. Eine dunkle Farbe.

Du hattest die Augen offen?

Ich weiß nicht mehr.

Jedenfalls habe ich sie in diesem Moment geöffnet.

Vorher habe ich nur gehört... - Auf den Atem des anderen?

Unzulässige Frage.

Ich habe die Geräusche draußen gehört, von der Saline und darüber hinaus.

Aus Angst?

Um dich zu zerstreuen? Dich abzulenken?

Idiot!

Außer du willst so nur die Wahrheit provozieren.

Jetzt werden die Frühäpfel reif.

Lange vor den anderen Sorten. Nicht wie der hier.

Die Schale und das Fruchtfleisch der ersten Sommeräpfel

sind von einer reinen Weiße, fast weiß,

aber in der Mitte Kerne von einem Schwarz wie in keiner anderen Frucht.

Diese Äpfel verkörpern für mich den Sommer.

Die ersten Tage ohne Schule, ohne Hausaufgaben, einfach nur frei.

Ohne die Last auf den Schultern, Dinge lernen zu müssen.

Die Hände frei und der Apfel darin:

Wie leicht er war!

Aber die Frühäpfel sind selten geworden oder ganz verschwunden.

Und hier die Wahrheit:

Dank dem Ort, dank der Hütte,

wie auch dank dem Mann und mir

öffneten sich meine Ohren wie noch nie.

Ich wurde ganz Ohr.

Und was ich da hörte, war Teil des Ganzen, nahm Anteil,

wurde dieses Geräusch da, jenes dort, eins nach dem andern, oder gleichzeitig,

ein Instrument dieses Ganzen,

zunehmend sich vergrößernd, sich erweiternd, sich ausdehnend.

Da das Knistern eines trockenen Blattes

im Rauschen des grünen Blattwerks,

da der Ton... - Und danach?

Wir haben bemerkt... - Wir?

Wir, ja.

Wir haben bemerkt,

dass wir auf einem Haufen

von Exkrementen lagen.

Auf Menschenscheiße. Alt und vertrocknet,

aber von der Salzluft

gut in seiner Form erhalten, zweifellos von Menschen,

auch in der Farbe.

Schon hatten unsere Körper sie...

... gestreift, sogar berührt.

Und wir, wir haben bemerkt,

dass zu unseren Füßen,

in einer Pfütze von Regenwasser, das durch das löchrige Hüttendach getropft war,

sich etwas schlängelte wie ein riesiger Regenwurm,

welcher in Wahrheit ein Blutegel war,

so aufgebläht und schwarz wie eine Blutwurst,

denn er hatte sich all die Zeit

in die Wade meines Liebhabers verbissen,

bis er endlich, satt von seinem Blut, abgefallen war.

Und danach...

Wir haben gelacht. Wir, wir, wir haben gelacht.

Zum zweiten Mal.

Ein Lachen wie vorher euer Ernst.

Sí, Señor!

Hatten wir doch den göttlichen Willen erfüllt.

Und seid göttlich geworden? Seid göttlich geblieben?

Eine Zeitlang. Eine gewisse Zeit.

Zumindest über jenen fernen Sommertag hinaus.

Und danach?

Haben wir geheiratet

und sind glücklich geblieben,

wenn auch weniger göttlich,

bis ans Ende unserer Tage.

Das war alles ein Märchen? Ein Traum?

Träumst du oder sprichst du?

All das ist wahr gewesen.

Ist wahr.

Wenn du's unbedingt wissen willst:

Wir sind zusammengeblieben, bis es kein Wir mehr gab,

bis es weder einen Mann mehr gab, noch dessen Silhouette,

nur noch: den Anderen.

Einmal bin ich in Aranjuez gewesen. - Aranjuez?

Das berühmte Aranjuez?

Aranjuez ist eine kleine Stadt,

nicht weit von Madrid, im Süden, vor Toledo.

Zu seiner Zeit war es die Sommerresidenz der spanischen Könige,

fast nichts als ausgedehntes Parkland,

durchquert von ein paar Armen des Tajo,

des größten Flusses, glaube ich, der Iberischen Halbinsel.

Und mitten im Park das königliche Schloss.

Ich bin nicht wegen des Schlosses nach Aranjuez gegangen,

sondern weil in eben jenem Park

eine "Casa del Labrador" stehen sollte, einzigartig in der Welt.

Ein ganz spezielles "Haus des Landarbeiters".

In dieses "Casa del Labrador" wollte ich unbedingt hinein.

Schon der Name allein hat mich auf die Sprünge gebracht.

Ein Haus des Landarbeiters, in einem Königspark!

Aber es war nicht wie erwartet

von Buschwerk versteckt,

abseits der künstlichen Parklandschaft,

Teil der naturgewachsenen spanischen Steppe oder Savanne,

nein, es lag, im Gegenteil, in einer übergrünen Lichtung.

Und der Park da war noch kultivierter als beim Königsschloss.

Das "Haus des Landarbeiters"

war nur ein weiteres Schloss hinter dem eigentlichen,

zwar kleiner, aber dafür noch luxuriöser,

besonders das Interieur.

Keine Spur eines Arbeiters in den Sälen und Räumen aus Marmor,

auch nicht in den Nischen abseits der Besucherströme.

und von der Spur eines Bauern ganz zu schweigen.

Ich erfuhr zu spät, dass der Name des Hauses von den Fresken kam,

mit denen Säle und Zimmer des zweiten Königsschlosses dekoriert waren:

Diese Fresken zeigten eher idyllische Freizeitszenen

aus dem Landleben des siebzehnten Jahrhunderts,

nach der Art von Figuren in einem Kartenspiel.

Jeder Raum in dem Ziegelbau mit dem Namen

"Haus des Landarbeiters"

hatte etwas von einem Spielsalon,

nichts als Spiele: Schach, Tarock, Billard.

Kein Ort ließ auch nur die geringste Spur einer Bewirtung ahnen, ganz zu schweigen...

Was hast du denn von dieser "Casa del Labrador" erwartet?

Erstmal vielleicht einen Holzbau.

Eine Hütte, wie man sie noch nie gesehen hat.

Eine Hütte, groß wie ein Schloss, nein, wie kein Schloss je, größer!

Und ein Licht wie das, von dem du vorhin erzählt hast.

Ein Liebesakt, aber nicht wie zwischen dem Salzmann und dir.

Die Hütte aus der Vergangenheit als Bleibe für eine Zukunft,

wie kein Gebäude der Gegenwart.

Acker- und Erntegeräte wie nirgends sonst, in keinem Museum.

Ein Werkzeug, für mich bestimmt,

das ich gestohlen und mitgenommen hätte für die Zukunft.

Und irgendwo auf dem Lehmboden in dieser Kathedralenhütte

vielleicht, für dich,

ein gigantischer Haufen Scheiße.

Nicht menschlich, eher fledermäuslich, statt erztrocken eher frisch.

Und ohne das: War die Reise nach Aranjuez also unnütz?

Nein, in der Folge hat meine Reise Früchte getragen.

Erzähl.

Und wie ging's mit den Männern weiter?

Bald nur noch in der Mehrzahl, oder?

Mehr und mehr Abenteuer, Liebschaften

für eine Nacht, Zufälligkeiten, oder?

Weniger und weniger Liebe, oder?

Erzähl.

Deine Fick- und Vögeljahre, sommers wie winters?

So, wie mir damals eine Frau erzählt hat:

"Wir haben gegessen, wir haben getanzt, haben gevögelt."

Und eine andere: "Wir fuhren Ski, sind geschwommen, haben gefickt."

Solche Wörter...

... waren hier nicht vorgesehen.

Aber sie sind dir verziehen, dank dem warmen Sommerwind gerade.

Außerdem...

... habe ich nie im Leben gefickt.

Nie? - Nie.

Wahr ist:

Während...

... einer gewissen Zeit

hat sich das Kind der Liebe, welches ich zu Beginn war,

verwandelt in eine Frau dieser Zeit,

oder, wenn du willst,

in eine heutige Frau.

Und diese Periode dauert an?

Nein.

Doch. Wenn ich an jene Jahre zurückdenke:

Nichts als Widersprüche, von einem Tag zum andern,

einer Stunde zur andern, einer Sekunde zur andern.

Begehren,

Ekel vor dem Begehren.

Zärtlichkeit,

gespielte Zärtlichkeit,

Gewalt,

zärtliche Gewalt,

rohe Gewalt.

Und alles kam immer so plötzlich: Plötzlich das Begehren,

plötzlich die Lust, plötzlich die Gewalt.

Epoche, Periode der Plötzlichkeit.

Unterbrich mich!

Bereust du diese Zeit?

Ich würde sie nur zu gerne bereuen,

aber es gelingt mir nicht,

auch wenn ich nicht

der Zeile in dem Lied glaube:

"Non, je ne regrette rien!"

Ich verabscheue diesen Satz geradezu.

Das war eine Zeit,

da wollte ich mich vor allem

mit einem Mann rächen.

Du fragst: Rächen wofür?

Nein. Ich frage nicht.

So frage ich mich eben selber:

Habe ich mich an dem einen Mann da rächen wollen für einen anderen?

Nein.

Ich hatte nie einen Grund, mich an einem Mann zu rächen.

Ich war nie das Opfer eines Mannes, nie.

Wollte ich mich an den Männern im Allgemeinen rächen,

weil mir die ganze Gattung,

das ganze Geschlecht unzumutbar erschien? Nein.

Mein Rachegeist

war nicht gegen einen Mann oder gegen die Männer gerichtet.

Er war gegen

einen bösen, feindseligen Geist gerichtet,

der, so scheint mir, weiterhin über diese Welt herrscht.

Rache an der Verschwörung,

der allgegenwärtigen und despotischen,

der alltäglichen Welt gegen Leib und Seele.

Und für diesen Racheakt brauchtest du einen Mann?

Männer?

Ja, den Körper eines Mannes.

Die Körper der Männer.

Das männliche Geschlecht.

Und was ich wiederum erst jetzt, beim Erzählen, erkenne:

Meine Akte der Rache waren niemals geplant, vorbedacht, vorbereitet.

Es geschah jedes Mal während des Aktes, nein,

danach,

dass mir aufging, dass das, was sich gerade ereignet hatte,

zugleich ein Racheakt gewesen war.

Ich fühlte und wusste es jedes Mal einen Moment danach,

und mein Komplize mit mir.

Was für eine Freude!

Was für eine kindliche Heiterkeit!

Es war, als hätten er und ich gleichzeitig

triumphiert über sämtliche Hindernisse des Lebens und hätten

dem Gefängnis der Welt die lange Nase gezeigt,

ihm einen Streich gespielt.

Vorher:

Die Schwerkraft zu zweit, wie keine andere Schwerkraft.

Danach:

Das Lachen, wie nie zuvor, im Einklang.

Ein befreites, freies, befreiendes Lachen.

Der Mann und ich, wir hatten gerade ein gutes Werk vollbracht,

wir hatten jemanden, etwas, beschützt.

Und statt auf die Uhr haben wir auf den Kalender geschaut:

Das war ein Datum!

Das Fest der Körper!

Kein stilleres Fest.

Wir zwei

hatten's der Welt gezeigt.

Hatten uns an den laufenden Ereignissen gerächt!

Hatten uns an den laufenden Ereignissen gerächt...

Diese Befreiung:

welche Folgen hatte die?

Eine neue Welt?

Eine dauerhaft neue?

Aus welchen Bestandteilen?

Die Schatten der Regentropfen

auf den zwei nackten Körpern.

Der Abdruck einer Sohle aus Schnee auf dem Holzboden.

Ein blühender Fliederbusch

in einer schwarzen Nacht, auf dem Heimweg.

Ein Igel, der uns umkurvt,

wir in den Autoscheinwerferlichtern, und dazu ein begeistertes Hupkonzert.

Die Blutspur als einzige Flüssigkeit

auf den Kieseln des trockenen Flussbetts im Zentrum der Welt.

Norden, Süden, Westen und Osten vereint.

Der Aufwind vom Meer auf dem Plateau,

der Fallwind von den Bergen, ein anderes Mal.

Der silbrige Glimmerstaub,

der sich langsam wieder absenkt

im warmen Wasser des Sees, in dem wir liegen.

Und unmittelbar danach

ging es nicht mehr um irgendeine Rache.

Die Körper bewegten sich darüber hinaus,

waren mehr, wurden alles.

Jenseits aller sogenannten erogenen Zonen.

Jenseits von sonst noch was?

Einfach nur jenseits.

Kein Ich, kein Er,

nichts als die Welt der Körper.

Zwei Körper, ausgestreckt

in der Nacht der Unendlichkeit.

"Zu einem Leib und einer Seele wird die Zeit,

und jedes A und O hechelt

nach der Ewigkeit."

So war es.

So ist es!

Hecheln.

Und nehmen.

Ich habe ungefähr neun Elemente gezählt. Heißt das: Neun Komplizen?

Keine Zahlen! Nicht hier, nicht heute.

Nirgends. Nie.

Was seltsam war,

wieder mal:

Jedes Mal nach solch einem Akt der Rache

hat die Komplizenschaft mit dem Mann ein Ende genommen.

Jedes Mal.

Dabei war ich stolz auf das Vollbrachte

und darüber hinaus begeistert und wollte davon erzählen:

Vom Klopfen der Herzen,

vom Sirren der Haut in der Dünung,

von der schönen Schwere der verschlungenen Haare.

Mit diesem Akt der Rache

hatten wir zwei beigetragen

zur Erhaltung der Welt.

Aber der Mann, der Komplize, kam danach nicht mehr in Frage.

Ohne ihn zu verlassen,

habe ich auf der Stelle aufgehört, für ihn die Frau zu sein.

Ohne ihm Adieu zu sagen,

war es ein Adieu für immer.

Und der Mann,

wie vorher bei der heiteren Rache, hat das dann so wie du empfunden

und war letztlich einverstanden?

Nein.

Es wurde immer zu einem Drama.

Eine Tragödie? - Ein Drama.

Zum Glück ist das hier zwischen uns beiden kein Drama.

Zum Glück. Vielleicht...

Gab es so was wie einen gemeinsamen Zug an all deinen Komplizenmännern?

Ja.

Ein Dialog mit nur einem "Ja" ist gegen die Abmachung.

Erzähl.

Zuallererst hatte mich an ihnen

jeweils etwas angezogen,

ein "Zug", wie du sagst,

der allen fehlte, der einfach nicht vorhanden war.

Keiner hatte jenen Blick, der sagte:

"Ich will dich haben. Ich kann dich haben.

Ich kann alle Frauen haben, dich auch."

Es mangelte ihnen zutiefst der Blick des Jägers.

Und jetzt erinnere ich mich,

indem ich von ihnen rede, sehe ich, was es war,

das da in dem Blick jener Männer existierte:

Ihre Augen sagten...

Nein, sie sagten nichts,

es stand in ihren Augen geschrieben: "Diese Frau ist für mich unerreichbar."

"Diese Frau, ach je! kommt für mich nicht in Betracht.

Dass sie mein würde, undenkbar, unmöglich!"

Es war dieser Blick voller Not,

einer fast unheilbaren Not,

der mich geöffnet hat für den Mann.

Es war Mitleid.

Nein.

Ein Dialog nur mit "nein" ist gegen die Abmachung.

Es war Mitleid.

Ja, vielleicht.

Nein!

Jener hoffnungslose Blick

hat mich jedes Mal gerührt.

Nein,

erschüttert.

Es war Liebe.

Sprich mir nicht von Liebe.

Zu der Zeit

glaubte ich nicht mehr an sie.

Besser: Ich fühlte mich nicht mehr wert zu lieben,

vor allem nicht, geliebt zu werden.

Allein das Wort...

Allein das Wort war mir unaussprechlich!

Und all die Männer sprachen es ständig aus, Tag und Nacht.

Die Männer?

Was?

Du glaubst mir nicht?

Nein.

Doch, vielleicht. Ja.

Ja... nein...

Ja, ich glaube dir...

Und doch war es immer Liebe.

Eine Art von Liebe.

Ein Zimmer,

ein Raum,

der Raum erfüllt von Liebe.

Aber nicht in mir.

Um mich herum.

Kennst du den Song "Love Is All Around"?

Das Gefühl, lebendig zu sein,

die Intensität,

kam von der Zerbrechlichkeit des anderen Geschlechts,

von der fortgesetzten Verzweiflung des Mannes in mir.

Zu lieben

heißt ergriffen zu sein von diesen zerbrechlichen Männern,

von ihnen allen.

Nie danach ein Abscheu?

Nie.

Doch!

Ein einziges Mal.

Jetzt erinnere ich mich.

Nur jetzt, beim Reden.

Und jetzt, im Augenblick, sehe ich das Bild meines Abscheus.

Und?

Das Bild?

Der Umriss des Mannes im Laken,

nachdem er das Haus verlassen hatte.

Ein monströser Umriss?

Nein.

Nichts als der Umriss.

Und es war nicht allein ein Abscheu.

Es war die Verachtung.

Nie wieder diesen Mann sehen!

"Berührst du mich noch einmal:

Dann krepier!"

Keine Gewalt hier und heute.

Schon recht.

Ich bin jenem Umriss sogar dankbar.

Die Zeit meines Leichtsinns

hat mich vielleicht gerettet.

Gerettet wovor?

Vor dem Sterben.

Vor dem Vertrocknen.

Vor dem Austrocknen meiner Seele.

"Hab ich's auch gegen die Natur gemacht,

so hat's mir dann und wann ein Licht gebracht."

Aber wie hat mir doch die Liebe gefehlt, zu der Zeit damals!

Sprich auch du nicht von Liebe.

Das war weder vorgesehen noch vereinbart.

Nur ein wenig Melancholie im November, mehr nicht.

Da, schau:

Ein Rotkehlchen ist gerade im Gras gelandet,

vollkommen lautlos.

Die Rotkehlchen

sind von allen Vögeln die,

die am meisten etwas von einem Baumblatt haben, das still zu Boden fällt.

Findest du nicht? - Doch.

Ich fand mich nicht mehr liebenswert, mich, die Frau.

Der Liebe nicht wert, ich, als Frau.

Das war ein Mangel,

und mir erschienen damals fast alle Menschen als nicht liebenswert,

und besonders die Frauen.

Nicht liebenswert! Schlimmer!

Hassenswert.

Schau doch:

Das Gelbe Trikot radelt in der Ferne auf der Straße vorbei.

Allein, ganz allein.

Siehst du ihn?

Ich hasste mein Geschlecht,

die Frauen,

das sogenannte schöne Geschlecht.

Denn seine Schönheit, sie war nicht mehr wahr.

Es war eine imitierte

und plakative Schönheit.

Schönheit als Ware, eine käufliche Schönheit.

Letzte Nacht habe ich von den Plejaden geträumt,

von dem Siebengestirn in Form eines Diadems.

Und die Plejaden

glitzerten nicht oben im Himmel, sondern hier unten, nah dem Erdboden,

vor einem dunklen Bergrücken,

einen Spatzenflug hoch, über der Ebene!

Ein Glitzern

wie noch keines je zuvor im Himmel.

Es war eine Schönheit, die forderte,

die Bedingungen stellte.

Die an sich raffte, statt zu geben.

Und nur die Schönheit, die gibt, ist Schönheit.

Es war eine verschlossene Schönheit,

statt einer offenen.

Eine Schönheit, die den anderen verschloss, statt ihn zu öffnen.

Und nur

eine Schönheit,

die offen ist und die öffnet, ist Schönheit,

nicht wahr?

Es war eine Zeit, in der die Lust und die Wollust meines Geschlechts

den Mann, den anderen, die Männer, in Schweine verwandeln wollte,

nur um sie dafür zu verachten und sich zu entrüsten,

dass sie nun Schweine wären.

Kein finsterer Hass als damals

der Frauenhass auf den Mann, die Männer,

nichts Kälteres auf Erden.

Vergessen, was es hieß, sich miteinander auszuruhen.

Ah, kein tieferes Ausruhen!

Kein schöneres Fest, hoch in den Baumwipfeln,

als zusammen Kirschen zu essen.

Seit langem

habe ich keine Frau mehr gesehen,

eine, die schaut,

die sich umsieht, um sich schaut und die sich anschauen lässt.

Und dabei scheint mir, dass wir, Frauen wie Männer,

unter der schnittigen Oberfläche,

dabei sind, völlig verzagt zu werden, im Kopf wie im Körper,

von Grund auf verschüchtert,

ratlos, hilflos, voller Kummer.

Kummer, ja, Kummer.

Einmal

bin ich dagesessen,

einen ganzen Tag lang am offenen Fenster,

und über den ganzen Tag hat mir der Vorhang ins Gesicht geweht.

Und das sollte heißen:

"Wo ist meine Liebe?

Wo ist mein anderer? Warum kommt er nicht?

Warum erscheint er nicht?

Warum findet er mich nicht?"

Und dieser Vorhang hat nicht aufgehört, mir ins Gesicht zu wehen.

Derart meinen anderen an mich ziehen,

nein, ihn ergreifen!

Es tut weh, heutzutage, das wahre Gesicht einer Frau zu sehen.

Warum weh?

Weil es verdammt ist zum Alleinsein,

zum Alleinbleiben. - Noch heutzutage?

Vielleicht seit jeher.

Aber heute vielleicht wie noch nie.

Ja,

es ist schrecklich schmerzhaft,

zugleich lebendig und allein zu sein.

Erinnere dich an die Kindheit! Da gab es eine Art Gedankenverbindung

zwischen dem Sommer und jener Pflanze, die Springkraut heißt:

Sommer: Springkraut.

Das Springkraut hieß auch:

"Noli me tangere", also: Rühr mich nicht an!

Der Name kam von den länglichen Fruchtkapseln,

die im Lauf des Sommers immer runder wurden.

Und wenn ich trotz oder vielleicht gerade wegen des Namens

eine der Kapseln berührt oder auch bloß gestreift habe,

ist sie geplatzt, mit einem trockenen, kaum hörbaren Geräusch.

Trotzdem, oder vielleicht gerade weil es so leise war,

war es in der sommerlichen Stille des Waldes besonders deutlich,

fast wie eine seltsame Musik.

Sie ist geplatzt und hat sich gleichzeitig eingerollt,

wobei von der Kapsel Samenkörner in alle Richtungen davonspritzten.

Diese Explosionen der "Noli me tangere" und diese wegstiebenden Samen

beim Streifen einer der Kapseln nach der andern,

bedeuteten für mich nicht nur den Sommer,

sondern seine Mitte, seinen Gipfelpunkt,

den Mittsommer von heute.

Damals

war ich "die Frau eines konstanten Kummers".

Die Gegenwart eines Mannes von Zeit zu Zeit, ja,

aber die Gegenwart eines Mannes war nie eine Lösung.

Und ja, der Körper eines Mannes,

vor allem sein Geschlecht, war immer eine Überraschung,

aber keine gute.

Ein Gleichgewicht

und so viel mehr als bloß ein Ausgleich,

ein Gegengewicht zur bösen Überraschung

hätte sich nur durch die Liebe eingestellt.

Ich habe damals zwar sporadisch eine Liebe gespürt: für ein Kind

oder für jemand Alten, Uralten,

nie aber Liebe für einen Erwachsenen,

weder Mann noch Frau.

Aber was gibt es Warmherzigeres als die weibliche Form?

Was besänftigt mehr! Was stärkt mehr!

Nur wehe, wenn sie herrschen will!

Der Stolz, der anders herrscherliche,

mit dem eine Frau, nachdem sie mit ihrem Liebsten gewesen ist,

in die Runde blickt, auch wenn niemand in der Runde ist,

das hat damit nichts zu tun!

So anders herrscherlich

kann nur eine Frau blicken,

eine Frau, die liebt.

Da gibt es noch ein anderes Zeichen des Mittsommers,

des Hochsommers wie heute:

Jene kleinen Mulden oder Schälchen,

jene runden Vertiefungen in einem sandigen Platz,

im Sand eines Bahnsteiges, oder eines Niemandslandes.

Diese winzigen Grübchen wurden von den Spatzen geschaffen.

Unzählige dieser Vögel nahmen während der Trockenperiode des Sommers

ihr Bad im Sand,

vielleicht weniger, um sich zu putzen, als um die Insekten

oder sonst was unter den Flügeln, im Federkleid, loszuwerden.

Oft mehrere Spatzen auf einmal

kreiselten da und dort, rasend schnell, den Bauch in die Erde gedrückt,

wie ohne Beine, mit ausgestreckten Flügeln,

kreiselten wie ein Propeller.

Und die nachfolgenden Spatzen badeten in ähnlicher Weise,

frenetisch und ekstatisch.

Und so vertiefen im Lauf des Sommers unzählige Spatzen diese Rundungen,

die man als gleichmäßiges und vor allem rhythmisches Muster erkennen kann,

über die ganze Sandfläche hinweg.

Und am Tag, bevor der Regen kommt, wenn die Schälchen am tiefsten sind,

jedes neue Teil des Musters auf derselben Höhe unterhalb der Bodenfläche,

diese gleichförmigen Löchlein:

Das sind die Bilder, die den Hochsommer symbolisieren!

Erinnere dich an das letzte Landen der Spatzen an solch einem Tag:

Jedes Loch, jeder Trichter oder Krater, von einem Vögelchen besetzt,

und sie alle kreiseln, frenetischer und ekstatischer denn je zuvor.

Erinnere dich!

Wie der weite Raum praktisch unsichtbar wird unter den Wolken,

in diesen Mini-Sandstürmen an jenem Tag.

Noch eine Stunde nach dem Abflug des Spatzengeschwaders in die Gebüsche,

kurz vor dem Regen,

rieseln die Sandkörner da und dort hinab in die Böden der Krater,

als ob die Ekstase der Badenden in der Leere weiterginge,

in der Abwesenheit.

Diese Epoche nannte ich

die Zeit der Ergebnislosigkeit,

oder, wenn du willst,

die Epoche der Momente ohne Folge.

Und danach?

Die Zeit der Ratlosigkeit.

Es war die Zeit des "Was kann ich tun?"

"Ich weiß nicht, was tun,

ich weiß nicht mehr, was tun, was kann ich nur tun?"

Und diese Zeit dauert an.

Sie dauert immer noch an!

Sie wird noch spürbarer, noch handfester im Sommer.

Wo ist es verborgen,

mein Liebenswertes,

das liebenswerte Ich, mein Kind,

mein Eigenstes.

Zeig mir den Ort, wo du verborgen bist.

Für mich, Frau, heute,

ist ein jeder Fremde, ohne Ausnahme,

auf den ersten Blick ein möglicher Feind

und schon lang keine Silhouette mehr, eine mögliche.

Wo ist die Frau, die sich nicht bloß deklariert als Frau eines Mannes,

sondern die auch lebt als Frau eines Mannes,

wie einst in den Western.

Das war vielleicht nur eine Fiktion,

aber eine Fiktion ist doch naturgemäß nicht bloß Fiktion.

Fiktion?

Vorstellungskraft!

Diese fiktiven Frauen in den Western

und in den mittelalterlichen Epen

waren und sind in keiner Weise dem Mann unterworfene Wesen,

schon gar keine Sklavinnen.

Kein nobleres Verlangen als das von jenen Frauen erträumte.

Es lebe das andere Königreich,

die Monarchie der Frau eines Mannes!

Unvererbliche Monarchie, ohne Verfassung,

flüchtige, machtlose Monarchie, vertretungslos,

einfach nur eingebildet, wenn auch von einer Materie ausgehend,

der Materie des Verlangens.

Himmel und Erde werden vergehen,

aber mein Verlangen wird nie vergehen.

Um das zu sein,

um eine solche Königin zu verkörpern:

Dafür würde ich alles opfern!

Königin Fensterputzerin.

Königin Fußabstreiferin.

Königin Haar- und Bartschneiderin.

Königin Haarlöserin.

Königin Bettwärmerin.

Königin Pferdebürsterin.

Königin Hundeentfloherin.

Königin Armeausbreiterin.

Königin Obstdiebin.

Königin Kartoffelschälerin.

Königin Tassenhenkelkleberin.

Königin Vorleserin mit lauter Stimme, durchs ganze Haus.

Königin...

Aranjuez!

... einer Gegengeschichte!

Seit langem residiert in Aranjuez weder ein König noch...

... eine Königin.

Aber an jenem Tag begegneten mir auf Schritt und Tritt, quer durch die Stadt

und insbesondere außerhalb dann,

Zeichen und Insignien eines ehemaligen Königreiches.

Es waren lebende Zeichen und Anzeichen,

keine unbelebten, lebende und belebende.

Es war ein schöner Mittsommertag wie heute,

und am Ende das Schloss,

der Park, das Zentrum, die Vororte von Aranjuez hinter mir,

weit zurück,

endlich die letzten Häuser, Hütten, Schuppen, Tankstellen, Hundezwinger.

Quer durch die Savanne

das Gras abwechselnd mit dem nackten Granit der Mancha und den Wäldern,

Eichen, Edelkastanien, Buchen

wie in den königlichen Parks und zugleich ganz und gar nicht:

Das waren wilde Bäume, ineinander verwoben,

einer mit dem andern im Überlebenskampf,

und alle die Wälder kaum gepflegt, fast schon Urwälder.

Vor meiner Ankunft in Aranjuez

hatte ich gehört von Gemüsegärten rund um die ehemalige Königsresidenz,

von den "Küchengärten des Königs",

einst wunderbar reich an Früchten und Gemüsen aller Art,

die heute verschwunden sind.

Diese Früchte und Gemüse fand ich dann in den wilden Wäldern

und auf meinem Rückweg in der Savanne.

Sobald ich gewöhnt war an das Halbdunkel zwischen den Bäumen,

sah ich im Strauchwerk zu deren Füßen,

dank des horizontalen Lichteinfalls,

ein rubinrotes Glitzern, allgegenwärtig, konstant,

mal an Ort und Stelle, wie unbewegt,

mal in den Momenten, wenn der Wind sich bewegte,

wie pendelnd, oszillierend.

Rate, was das war.

Das ist kein Tag zum Rätselraten.

Es waren Johannisbeeren,

die in den alten Zeiten kultiviert worden waren als Hecken rundherum

um die Gemüsegärten des Königs,

und die mit dem Verschwinden der Gärten

ausgewandert waren zu den wilden Wäldern in der Steppe.

Sie hatten die Stadt hinter sich gelassen, den Río Tajo überquert,

waren hinaufgewandert in die Meseta

und hatten sich während dieser Reise durch Zeit und Raum verwandelt,

auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte.

Sie sind einerseits deutlich kleiner geworden,

und die Früchte waren weit weniger zahlreich

als bei kultivierten Johannisbeeren.

Und andererseits war das Rubinrot tausendmal intensiver geworden,

jede der Fruchtperlen sandte einen Glanz aus,

als ob ihn die wilde Beere selber erzeugt hätte, die im Übrigen weit wilder wirkte

als alle die Walderdbeeren, Himbeeren und Brombeeren rundherum,

das Rubinrot so stark...

nicht bloß wegen des Kleinerwerdens während der langen Auswanderung,

sondern auch

dank der Konzentration des Inhalts all dieser kleinen Flüchtlinge!

Ich habe dann eine jener wilden Johannisbeeren gekostet, eine einzige:

Eine Explosion von Säure

und gleichzeitig Süße in meinem Mund,

die gleichzeitig meinen ganzen Körper durchschoss

und einen Geschmack hinterließ, so dauerhaft

wie keine domestizierte Königsfrucht.

Einen Geschmack, den ich immer noch spüre

und der in mir bleiben wird,

bis an mein Ende.

Und auf meinem Rückweg nach Aranjuez

begegneten mir, in der Savanne,

weitere Flüchtlinge aus den einstigen königlichen Küchengärten, noch und noch.

Noch und noch Bohnen, weiße und schwarze,

Erbsen, Tomaten, Gurken,

die sich alle hier und dort durch das hohe Gras der Savanne emporrankten,

und insbesondere Kürbisse, gelbe,

manchmal rot und schwarz gestreift,

in allen Größen, wie nirgends in einem Garten.

Und diese Erdfrüchte, ausgewandert aus der Zivilisation und der Aufzucht

hinaus in die Meseta, diese Wildwüchslinge,

wuchsen ohne Ausnahme in Kreisen,

in Kreisen, die von den alten Botanikern "Hexenkreise" genannt wurden.

Kreise, die sich überschnitten und stellenweise einander berührten,

ein Kürbiskreis überschnitten von einem Kreis Kohlrabi,

ein leuchtend schwarzer Auberginenkreis verflochten mit dem von Paprikafrüchten,

sehr zugespitzte, von einem fast schreienden Rot.

Und beim Gehen an jenem Sommertag

habe ich Hunderte und Aberhunderte von Hexenkreisen nachgezogen.

Was für eine Art zu gehen das war!

Ah, es gibt auch gute Hexen! Oder es hat sie mal gegeben.

Und immer wieder sind aus diesen Kreisen die Spatzen aufgeflogen,

jedes Mal ganze Völkerschaften.

Man sollte auf Erden viel mehr so unterwegs sein!

He, eine Aktion!

War denn nicht vereinbart:

Keine Handlung - nichts als Dialog!?

Eine kleine Aktion darf trotzdem sein und ist sogar notwendig!

Dass man sich trennen muss vom Rauschen der Bäume im Sommerwind! Jetzt,

heute oder irgendeinen Tag,

oder schon bald für immer!

Getrennt zu werden

von diesem Sausen, das einen an den Haaren packt und wegträgt

und einen zugleich an Ort und Stelle lässt, wie kein anderes Geräusch. Aktualität!

Zeitgeschehen, lass uns in Ruhe!

iFlores!

iFlores para los muertos!

Blumen für die Toten!

Und jetzt für den Bruchteil einer Sekunde der Schatten eines Riesenvogels.

Oder war das ein Flugzeug?

Als ob die Sonne gezwinkert hätte.

Für Momente

der Jammerschrei eines Kindes, ohne Unterlass.

Ein Wimmern wie vor dem Todesschrei.

Ein Todesschrei. Für Momente das Gezeter zweier Katzen.

Jedes Wesen

sucht seinen Anderen.

Und dort oben fliegen schon die Wildgänse des Herbstes nach Süden.

Man hat, was man liebt,

schon von Anfang an verloren,

und für alle Zeit,

auch wenn man es nicht verloren hat.

Nein!

Im Mittelalter war das Wort für Liebe...

... weiblich: "La amors".

Es gibt keine glückliche Liebe.

No hay amor feliz.

"Die Erde ist nackt.

Und die Seele heult am fahlen Horizont wie eine hungrige Wölfin."

La loba famélica.

Nichts als die hungrige Wölfin.

Du mit deinen ewigen Sommermärchen!

Fernando,

schau, hier,

die andere

Ewigkeit.

Eine Silhouette?

Noch eine?

"Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.

Wir sind vergebens hier gewesen."

Ich bin nicht gesättigt.

Oh, wer weiß, was in der Zeiten Hintergrund schlummert?

Ich habe Hunger, Soledad.

Und ich habe Durst.

Es ist so seltsam, nackt zu sein,

sogar allein.

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