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Original subtitles

1921, The Kid, der erste Spielfilm Charlie Chaplins.

Ein hundert Jahre alter, zeitloser Film.

Wer ist Charlie in dieser Geschichte?

Der Junge oder der Tramp?

Der ganze Chaplin ist da, die Kindheit Charlies,

die Misere im England Ende des 19. Jh.,

in den Armenvierteln Londons.

Chaplins Herz schlägt im Rhythmus seiner Kindheitstraumata,

den Erinnerungen an Demütigung, Entbehrung, Ungerechtigkeit

und tiefem Schmerz.

Diese Szene erschüttert die Welt.

Charlot ist bereits sehr berühmt,

aber dieser Film zwischen Lachen und Tränen

wird ihn in der ganzen Welt berühmt machen.

Das beste Drehbuch Charlie Chaplins ist das seines eigenen Schicksals.

EIN FILM VON FRANCOIS AYME UND YVES JEULAND

CHARLIE CHAPLIN - DAS GENIE DER FREIHEIT

Diese 12 Quadratmeter grosse Mansarde

ist ein Nachbau der Mansarde, die Charlie Chaplin

im Nr. 3 Pownall Terrace, Kennington Road

mit seiner Mutter Hannah und seinem Halbbruder Sydney bewohnte.

Die Familie musste von Hinterzimmern in Bedienstetenzimmer

und immer dunklere Stadtteile ziehen.

Chaplin umgibt sich oft mit dem Dekor seiner Kindheit.

Eine Welt wie bei Charles Dickens, ein reiches Land voller Armer.

"Das war das London meiner Kindheit,

"meiner Träume und Desillusionen.

"Eine unglaubliche Zeit extremen Reichtums und extremer Armut."

POWNALL TERRACE

Diese Welt

trägt zum Erwachen von Chaplins politischen Bewusstsein bei

und ist Quelle seines Werks.

Die elende Kindheit dieses Mannes,

der bald der reichste Schauspieler der Welt werden sollte.

Charles Spencer Chaplin wurde 1889 geboren.

Seine Eltern sind Künstler in Music-Halls, wurden nie gefilmt.

Ihre Liebe ist nicht von Dauer, Charlie ist 1, als sie sich trennen.

Der Vater, Charles Senior, verdient gut.

Den Unterhalt zahlt er aber quasi nie.

Charlie wird von seiner Mutter, Hannah Hill, aufgezogen.

"Mir war kaum bewusst, dass ich einen Vater hatte.

"Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er je mit uns lebte.

"Meine Mutter sagte, er habe Napoleon geähnelt.

"Leider trank er zu viel

"und starb in der Folge im Alter von 37 Jahren."

Charlie und sein Bruder lieben ihre Mutter leidenschaftlich.

Eine Mutter mit blauen Augen, blau-violett,

und langen, hellbraunen Haaren, zierlich und verführerisch.

Die Schauspielerin, Pantomimin,

Sängerin und Tänzerin

tritt unter dem Bühnennahmen Lily Harley auf.

Ihr Name erscheint immer viel klein gedruckter

als der von Charlies Vater.

Dabei ist Hannah talentiert. Aber ihre Stimme ist empfindlich.

Eines Abends bricht ihre Stimme mitten in einem Lied ab.

Charlie ist hinter den Kulissen.

Er ersetzt seine Mutter und erhält Applaus.

Er ist 5 Jahre alt.

Hannah Hill findet ihre Stimme nie wieder.

Sie hat keine Arbeit mehr, nähert sich der Religion an,

verkauft ihr Gut und ihre Juwelen,

leiht eine Nähmaschine und beginnt, kleine Näharbeiten zu machen.

Die Monatszahlungen für die Maschine

erweist sich aber bald als zu hoch.

Hannah und ihre Söhne leben nun ein freudloses Leben.

"Wir lebten von den Almosen der Kirchengemeinde,

"assen bei Suppenküchen und erhielten hier und da Hilfe.

"Wir atmeten Traurigkeit,

"aber meine Mutter blieb immer bei der Sache.

"Sie achtete darauf, wie wir sprachen,

"korrigierte unsere Grammatikfehler

"und vermittelte uns den Eindruck, dass wir vornehm seien."

Eine Vornehmheit, die in der Person Charlots,

dem Tramp, intakt bleibt,

der in seinen Lumpen fast aristokratisch wirkt.

Charlie beobachtete seine ganze Kindheit lang seine Mutter.

Seine Mutter imitierte Passanten, Nachbarn,

erzählte Geschichten.

"Meine Mutter war eine der grössten Pantomime-Künstler,

"die ich je gekannt habe.

"Ich hörte und schaute ihr zu

"und lernte nicht nur, mit Händen und Gesicht

"Emotionen auszudrücken,

"sondern auch, Leute zu beobachten und zu studieren.

"Mama eröffnete mir eine ganze neue Welt.

"Meinen Erfolg, mein Können verdanke ich ihr."

Doch die geliebte Mutter verfällt einer psychischen Krankheit.

"Meine Mutter, die so froh und energisch war,

"wie konnte sie verrückt werden?

"Mir schien, als habe sie uns verlassen."

Sie wird in eine Psychiatrie eingesperrt

und erhält eine Schocktherapie.

Im Alter von 6 Jahren kommt Charlie in ein Waisenhaus.

Sein Bruder kommt in einem anderen Gebäude unter.

6 Jahre alt, das Alter des Kid.

Charlie geht in die Schule.

"Man lehrt mich, meinen Namen zu schreiben, Chaplin.

"Chaplin, dieses Wort faszinierte mich, ich fand, es passte zu mir."

Seine kurze Schulzeit sind für ihn keine Offenbarung.

Charlie erhält keine wirkliche Bildung.

Er erhält eine schlechte Bildung.

Gegen Lebensende gibt er zu:

"Wenn sich jemand etwas um mich bemüht hätte,

"wenn man mir Musik oder Dichtung

"beigebracht hätte, wäre ich Gelehrter geworden."

Die Kindheit Charlie Chaplins ähnelt der Oliver Twists.

Er irrt von Unterkunft zu Unterkunft, von Waisenhaus zu Waisenhaus

und schläft manchmal im Freien,

und zieht dann zu seiner Mutter, die eine Zeit lang

aus der Psychiatrie entlassen wird.

Es ist ein ewiges Hin- und Her,

wie beim Gansspiel.

Zuletzt landet er wieder im Waisenhaus.

Die Misere bringt ein ganzes Bündel an Demütigung mit sich.

Charlie ist sich selbst überlassen und weint, wenn er allein ist.

Er spricht mit niemandem mehr,

will das Essen, das man ihm anbietet, nicht mehr essen,

da er sich schämt.

Aber Charlie weiss sich zu helfen.

Seitdem er die Schule aufgegeben hat, verrichtet er allerlei Jobs,

Jobs, die seine Filmfigur Charlot später im Kino ausführt.

Er wird oft entlassen,

manchmal schon nach einem halben Tag.

Der einzige Beruf, der Charlie aber wirklich anzieht,

ist der der Eltern, Künstler.

Dieser Wille verlässt ihn nie.

Später sagt er seinem ältesten Sohn:

"Selbst im Waisenhaus

"und auf der Strasse, wo ich nach Essen suchte,

"hielt ich mich für den besten Schauspieler der Welt.

"Ich musste mir diesen Übermut bewahren,

"der aus absolutem Selbstvertrauen entspringt.

"Ohne ihn gibt man sich oft zu schnell geschlagen."

Das erste echte Engagement Charlie Chaplins kommt,

als er 10 Jahre alt ist.

Man nimmt ihn in die Truppe der 8 Jungs von Lancashire auf.

Hier lernt er einige Tricks.

Er bildet ein Duo mit seinem besten Freund:

Bristol und Chaplin, die Millionär-Stadtstreicher.

Aus dem Projekt wird nichts,

aber Charlie verfolgt seinen Künstlertraum weiter.

Er tanz, singt, spielt Pantomime,

erfindet Gags, will jonglieren.

Er wechselt die Truppe.

Mit 14 spielt er im Theater einen Zeitungsverkäufer.

Zum ersten Mal erscheint sein Name in der Presse.

Bald spielt er bei einem erfolgreichen Stück mit:

Sherlock Holmes. Er ist 3 Jahre auf Tournee.

Charlie verdient nun gut.

"Meine Existenz in Armut war vorbei, ich lebte einen Traum,

"von dem mir meine Mutter oft erzählt hatte.

"Ich war nicht mehr ein anonymer Junge der Vorstädte.

"Ich gehörte nun zur Theaterwelt. Ich war Schauspieler geworden.

"Ich hätte weinen wollen."

Das Theater und die Pantomime,

Charlie ist von dieser altenglischen Tradition fasziniert,

welche die Clowns in London aufgreifen.

"Ich schaute ihnen zu und hielt meinen Atem an.

"Ich prägte mir jede ihrer Bewegungen ein,

"sozusagen photographisch.

"Zuhause versuchte ich dann, sie nachzuahmen."

So entsteht eines der späteren Markenzeichen von Charlot.

In diesen Jahren des Zirkus und des Music-Hall

perfektioniert er

bei Verfolgungsjagden seine berühmten Wendungen.

Das Unternehmen von Fred Karno ist das berühmteste

unter denen der Music-Halls in England.

Karno, der Chef der Fun Factory,

ist der König der englischen Pantomime.

Nicht weniger als 10 seiner Truppen bereisen ständig das Land.

Sie treten auch auf dem Festland und in Amerika auf.

Als Sydney, der 1906 zur Kompanie stösst,

seinem Vorgesetzten den jüngeren Bruder empfiehlt,

findet Karno ihn zu jung, zu ärmlich, zu mürrisch,

stellt ihn aber trotzdem probeweise ein.

Charlie betritt die Bühne,

mit dem Rücken, elegant,

mit einem Stock, und dreht sich dann um.

Ein sofortiger Erfolg.

Er wird mit 18 Jahren eingestellt

und steigt zu einem der Starschauspieler der Truppe auf.

Die Bekanntschaft mit Karno ist entscheidend.

Seine Persönlichkeit und Anspruch beeindrucken Charlie.

Fred Karno hat ein Gespür für Talente, er kennt das Publikum

und exportiert seine Shows.

Effiziente Arbeit und ein Auge für Talente.

Er hat ein Gefühl für das Geschäft.

Chaplin lernt von seinem Chef.

Zwischen 19 und 25

studiert er, so kann man es sagen, bei Karno.

Er wird sich ein Leben lang daran erinnern.

Im alter von 62

würdigt er seine Jahre bei der Music-Hall,

während derer er in England in kleinen Theatern auftrat.

RAMPENLICHT - 1952

Der grösste Bühnenerfolg Chaplins ist Mumming Birds!

Er spielt einen mondänen Trinker, der ins Theater geht.

1915 spielt er dieselbe Figur

in seinem Film Charlot im Music-Hall.

CHARLIE CHAPLIN - A NIGHT IN THE SHOW

Chaplin spielt zwei Rollen im Film.

Einen alkoholischen Dandy und einen Penner auf dem Stehplatz.

Eine Art Klassenkampf.

Der Arme auf dem Stehplatz ist der Reiche im Parkett.

Durch die Karno-Tournees

kommt Charlie zum ersten Mal ins Ausland.

1908, Paris.

Er träumt schon immer von Frankreich.

Er ist genauso alt wie der Eiffelturm und trägt einen französischen Namen.

Chaplin.

Die Familie seines Vaters kam zur Zeit der Hugenotten nach England.

Die Truppe tritt einen ganzen Monat lang in den Folies Bergère auf.

Charlie ist begeistert. Die Pariser Nächte,

die Lichter der grossen Boulevards. Er ist überglücklich.

"Paris ist genauso, wie ich es mir erhofft hatte.

"Das Paris Monets, Pissarros und Renoirs."

Ein Zuschauer beglückwünscht ihn:

"Sie sind von Ihrem Instinkt her ein Musiker und Tänzer."

Charlie kennt ihn nicht, er heisst Claude Debussy.

Chaplin lässt sich vom mondänen Paris inspirieren,

als er 1923 A Woman of Paris dreht.

A WOMAN OF PARIS

Nach Paris verwirklicht sich bald ein anderer Traum: Amerika.

Charlie lässt sich nicht bitten,

eine Truppe auf Tournee in der Neuen Welt zu begleiten.

Sydney sollte eigentlich gehen,

ihn wollen die Amerikaner haben.

Aber Fred Karno braucht seinen Star in England.

Charlie fährt also, um seinen Bruder zu ersetzen.

Er will seine Kindheit in Kennington Road vergessen,

die Verrücktheit seiner Mutter, die Misere.

"Ich träumte davon, nach Amerika zu reisen,

"nicht nur, weil das abenteuerlich war,

"sondern weil es für mich

"einen Neuanfang in einer neuen Welt bedeutete."

In Amerika ist alles möglich.

Er möchte sich dort niederlassen.

Zudem gibt es in New York keine sozialen Klassen, glaubte er.

Die Arroganz der Hochhäuser in Manhattan erschreckt ihn zunächst.

Nur schwer gewöhnt er sich an den New Yorker Rhythmus.

Paris war einladender, menschlicher.

New York ist eine Geschäftsstadt.

Das verwirrt ihn.

Die Kompanie Karno bereist ganz Amerika,

von der Ostküste bis zum Far West, von Kanada bis New Mexico.

Zwei Tourneen in 22 Wochen,

drei Aufführungen am Tag, teils sieben Tage die Woche.

In der Truppe gibt es einen weiteren, gleich alten britischen Schauspieler,

der Charlie sehr ähnelt.

Er spielt oft Charlies Double.

Er heisst Arthur Stanley Jefferson.

In ein paar Jahren

macht er unter dem Namen Stan Laurel Karriere.

Stanley erinnert sich an seinen Kameraden von damals.

"Wir teilten dasselbe Zimmer und er faszinierte mich.

"An manchen Tagen trug er einen sehr teuren Hut,

"Schuhe mit zweifarbigen Knöpfen,

"einen schicken Anzug, Handschuhe und einen Stock.

"Er nahm seine Violine überall hin.

"Dann kaufte er ein Cello.

"Die Saiten waren andersherum aufgezogen, er spielte mit links.

"Er las, ständig.

"Eines Tages probierte er es mit Griechisch,

"gab dann aber auf und machte Yoga.

"Wir wussten nie, was als nächstes kam."

Der scheue und einsame Chaplin verwandelt sich vor der Aufführung

in einen fantastischen, extravaganten Dandy,

als wolle er seine Identität abschütteln.

Er ist seltsam, unvorhersehbar.

Und er zeichnet sich aus.

Die Karno-Tournee ist nicht sonderlich erfolgreich,

aber Chaplin ist eine Ausnahme.

Er gefällt Amerika.

"Exzentrisch, diabolisch reserviert", schreibt ein Kritiker.

"Alle Charakteristika eines Genies."

Charlie ist nicht so wie die anderen.

Auf der Durchreise in San Francisco

besucht Chaplin eine Kartenlegerin

und lässt sich seine Handlinien auslegen.

Die Wahrsagerin sieht eine neue Aktivität voraus.

"Neu,

"fast dasselbe, aber anders.

"Ich sehe einen riesigen Erfolg voraus.

"Eine Riesenkarriere steht Ihnen bevor,

"aber ich sehe nicht, was für eine.

"Sie werden ein grosses Vermögen verdienen.

"Ein Dollar, bitte."

Die Wahrsagung bestätigt sich bald.

Ein paar Tage später erhält Karno ein Telegramm

vom Broadway:

"Gibt es in Ihrer Truppe jemanden,

"der Chaffin heisst oder so ähnlich?"

Kessel und Baumann sind Produzenten.

Drei Monate später schreibt Charlie seinem Bruder:

"4. August 1913. Mein lieber Syd,

"ich erhielt ein Angebot von einem Filmunternehmen.

"Es handelt sich um die Keystone.

"Wir haben recht lang verhandelt.

"Letztlich haben wir uns geeinigt.

"Vielleicht kennst du ihre Filme,

"sie sind sehr lustig.

"Sie haben auch ein paar hübsche Mädchen.

"Ich hoffe, du bist wohlauf. Hoffentlich geht es Mama besser.

"Ich würde euch gern hier sehen.

"Dein geliebter Bruder, Charlie."

Chaplin verabschiedet sich

am 28. November 1913 in Kansas City von der Bühne.

Die Karno-Tournee geht ohne ihn weiter.

Bei der letzten Aufführung

erinnert sich Stan Laurel daran,

ihn hinter den Kulissen weinen gesehen zu haben.

Charlie glaubt an seinen Stern und an sein Talent.

Er weiss, dass er diese Chance ergreifen muss. Und genau das tut er.

Er wird Filmschauspieler sein.

Vielleicht erinnert er sich an die Wahrsagerin.

In zwei Jahren wird er der berühmteste Mann der Welt sein.

Willkommen in Hollywood,

Hollywood vor Hollywood.

Ein Paradies der Sonne, voller Orangenhaine,

Weinberge und Palmen.

Charlie Chaplin fängt am 16. Dezember 1913 bei Keystone an.

Er kommt zur rechten Zeit, zur Zeit der Pioniere der 7. Kunst.

Man braucht Leute wie ihn.

Das Kino ist stumm und er ist ein toller Pantomime-Spieler.

Das Kino ist burlesk und er kommt aus dem Zirkus.

Das Kino ist keine 20 Jahre alt, fast genauso alt wie Charlie.

Alles muss erfunden werden. Es ist ein Abenteuer!

Die Keystone Company produziert burleske Komödien

mit Verfolgungsjagden, Schlägereien

und Polizisten.

Man nennt sie die Keystone Cops.

Knüppel, Grimassen, Purzelbäume.

Keystone produziert aber auch, und das gefällt Charlie besonders,

die Bathing Beauties,

Kurzfilme mit hübschen jungen Mädchen

in Schwimmanzügen,

die vor Mack Sennetts Objektiv erscheinen.

Mack Sennett ist Chaplins neuer Chef.

Er weiss sich durchzusetzen und ist Karnos Äquivalent in der Filmwelt.

Seine Korpulenz, seine Augenbrauen, sein Kiefer

beeindrucken Charlie.

Er ist Autodidakt, Produzent, Schauspieler und Regisseur.

Sennett ist brutal, aber schlau.

Er ist sehr effizient und schreckt vor nichts zurück.

Das Kino ist noch stumm, aber er hat alle Hände voll zu tun.

Als Sennett Chaplin, von dem er viel gehört hat, zum ersten Mal sieht,

ist er enttäuscht.

Charlie macht auch hier einen zu jungen Eindruck.

Er muss älter aussehen, das ist er nun gewohnt.

Man schickt ihn zum Schminken.

"Seien Sie lustig."

"Ich wusste nicht, wie ich mich verkleiden sollte.

"Ich dachte mir, ich ziehe eine zu weite Hose an.

"Alles sollte sich widersprechen:

"Eine zu weite Hose, eine zu enge Jacke.

"Ein zu kleiner Hut und zu grosse Schuhe.

"Ich wählte einen Stock aus

"und fügte einen Schnauzer hinzu,

"um etwas älter zu erscheinen.

"Ich hatte keine Ahnung, wen ich spielen würde.

"Aber als ich fertig verkleidet und geschminkt war,

"kamen alle möglichen verrückten Ideen auf.

"Ich drehte meinen Stock,

"mir kamen alle möglichen Gags in den Sinn."

Mack Sennett bricht in Gelächter aus.

Die Schauspieler und Maschinisten kamen herbei

und waren beeindruckt.

Charlie beschloss an jenem Tag, dass er, egal, was passiert,

diese Verkleidung beibehalten würde.

Seine Figur ist geboren.

Der Tramp, der keinen Namen hat.

In Frankreich nennt man ihn Charlot.

Die Lacher im Studio ermuntern ihn.

Hoffentlich lachen die Zuschauer im Kino auch,

denkt Charlie.

Aber bevor er auf der Leinwand erscheint,

testet Chaplin seine Figur schon am kommenden Sonntag

in den Vorstädten von Los Angeles.

Die Producer profitieren von einem Seifenkistenrennen,

um den Tramp auszutesten.

Bis jetzt hat noch niemand Charlot im Kino gesehen.

Die Zuschauer sind fürs Rennen gekommen,

nicht, um einen Tramp zuzuschauen.

Aber in kürzester Zeit

ist Charlie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Eine Offenbarung, eine Revolution.

Charlot entstand in wenigen Stunden,

hat aber eine lange Geschichte.

Das Genie Chaplins entstand nicht spontan.

Charlie ist bereit.

Seine Figur nährt sich aus langjähriger Erfahrung.

Chaplin ist keine 25 Jahre alt, aber schon 15 Jahre im Beruf.

Die Wahl der zu weiten Hose,

der Schuhe in Grösse 49, obwohl er 38 trägt:

Er erinnert sich dabei an den Bettler von London,

den er als Kind bewunderte, den er für seine Mutter imitierte.

Er wird ihn nie vergessen.

"Jeden Tag übte ich seinen Gang,

"es war eine regelrechte Obsession.

"Sein Gang löste überall Lachen aus.

Vielleicht hat dieser Entwurzelte doch Wurzeln.

Denkt Charlie, als er Charlot erfindet,

an seine Mutter, seinen Vater,

seine Grossmutter, eine Zigeunerin, die er nicht kannte?

Seine Figur ist ein Nomade.

Charlot ist ein wenig ein Zigeuner, gehört aber keiner Minderheit an.

Sie hat keine Heimat, keinen Pass, keine Familie, keinen Wohnwagen.

Ein Ausgestossener,

der unter jeder Brücke oder Scheune schläft.

"Meine Figur ist ein Dichter, ein einsamer Träumer,

"ein Tramp und ein Gentleman zugleich."

Ja, Charlot ist ein eleganter Tramp,

als trüge er den Klassenkampf in sich.

Charlot ist nicht die erste burleske Figur des Stummkinos.

Ein Franzose kam vor ihm und inspirierte ihn sogar.

Dieser internationale Star heisst Gabriel Levielle.

Sein Künstlername ist Max Linder.

Der aristokratische Dandy

ist mit seinem Zylinder und Stock leicht wiederzuerkennen.

Chaplin bewundert Linder wie ein Jünger.

Ein Jünger, der schon bald seinen Meister übertrifft.

Sie ahmen sich gegenseitig nach.

Bei Mack Sennett wird ständig gedreht,

zwei Farcen pro Woche, ohne Drehbuch,

for better or for worse.

Es ist eine Mischung aus Vitalität und Pöbelei.

Chaplin gefällt das Improvisieren, aber er hasst die Verfolgungsjagden.

Er verweigert sich der Studiodisziplin.

Für ihn fehlt es Mack Sennetts Rezept an Subtilität.

Die Regisseure sind Metzger, die am Band produzieren.

Alles soll so schnell wie möglich gehen.

Charlie kennt ihre Montagemethoden

und bringt seine Gags direkt wenn er auftritt oder bevor er geht.

So fällt es der Regie schwer, sie wegzuschneiden.

Chaplin gilt schnell als eingebildet und widerwärtig.

Obwohl er gerade erst im Kino anfängt,

kennt er die Publikumsreaktion und beherrscht sein Handwerk perfekt.

Er ist dickköpfig

und verlangt, selbst Regie führen zu dürfen.

Mack Sennett verweigert dies. Er zwingt ihm seine Partnerin auf,

die Starschauspielerin Mabel Normand,

die bei seinem zehnten Film Regie führt.

Mabel am Steuer.

Chaplin muss einen Schauspieler ersetzen

und ein anderes Kostüm tragen.

Es kommt zu einem Eklat.

Mabel lässt keinen seiner Vorschläge gelten.

"Wir haben keine Zeit, tun Sie, was man Ihnen sagt."

Chaplin weigert sich. "Ich tue nicht, was man mir sagt.

"Sie sind nicht kompetent genug,

"um mir zu erklären, was ich tun soll.

"Ich konnte das von einem so schönen Mädchen nicht ertragen."

Die Dreharbeiten werden unterbrochen, Sennett ist rasend.

"Tu, was man dir sagt, oder geh!" Die Türen knallen.

Am nächsten Tag wird Charlie einberufen.

Er rechnet mit einer Entlassung.

Stattdessen wird er nicht nur befördert,

sondern erreicht von der Keystone, selbst drehen zu dürfen,

und das knapp 3 Monate nach seinem Start im Kino.

Er muss nie wieder den Satz hören:

Keine Zeit, Charlie, tun Sie, was man Ihnen sagt.

"Sennetts plötzlicher Wandel hat mich überrascht.

"Erst Monate später erfuhr ich den Grund dafür.

"Sennett hatte vor, mich zu entlassen,

"erhielt aber ein Telegramm aus dem Büro in New York,

"das ihn anwies, weitere Charlot-Filme zu drehen,

"da die Nachfrage gross war."

Chaplin sorgt für viel Zulauf.

Seine Tramp-Farcen sind sehr beliebt,

alle finden Charlie charmant.

Nunmehr ist Chaplin am Steuer.

Der erste Film, bei dem er Regie führt, ist ein grosser Erfolg.

CHARLOT UND DAS SCHLAFWANDELN

Charlot setzt seine Figur, seine Mimik, sein Tempo durch.

Er verlangsamt den Filmrhythmus.

Er setzt seine Marke durch.

Bei Keystone reichte es, gegen etwas zu stossen, um Lachen auszulösen.

Bei Chaplin ist das Lachen komplexer.

Charlie arbeitet an seinem Tramp-Charakter,

seinen Gefühlen.

Lustig ist nicht mehr der Gag selbst,

sondern das, was er auslöst.

Lustig ist nicht mehr der Zwischenfall selbst,

sondern die Reaktion der Figur.

"Ich war anders", schreibt Chaplin.

Aber 1914 ist Charlot noch nicht wirklich Charlot.

Es fehlt ihm noch an Zärtlichkeit.

Er ist schlecht erzogen, hält sich nicht an Regeln,

kann grausam und zynisch sein.

Man lacht auf Kosten anderer, selbst der Schwachen.

Im Kino reagiert man sich ab.

Gute Seelen sind erzürnt, aber das Publikum will mehr.

Chaplin setzt sich in die Kinosäle,

er beobachtet die Reaktion der Zuschauer.

"Freudenschreie, sobald ich auf der Leinwand erschien,

"waren für mich sehr angenehm.

"Eine wundervolle Zeit stand mir bevor.

"Ich war 25 Jahre alt und liebte meine Arbeit."

Charlie widmet der Liebe zu Frauen nur wenig Zeit.

Es ist ihm nicht danach, er will arbeiten.

"Ich war wie Balzac, der glaubte, durch eine Liebesnacht

"gehe eine gute Romanseite verloren.

"Für mich ging dadurch ein guter Studiotag verloren."

Charlie arbeitet bis zur Erschöpfung.

In einem Jahr dreht er ohne Unterlass 36 Kurzfilme,

zur grossen Freude der Zuschauer und der Kinobesitzer.

Chaplin wird immer bekannter.

Er wird zu einer Geldmaschine. Ein Erfolg folgt auf den anderen.

Bei seinen letzten Dreharbeiten bei Mack Sennett

kleidet sich Charlie in Tierfelle, wie der Mensch der Vorzeit.

CHARLIE CHAPLIN, HIS PREHISTORIC PAST

"Alles fing mit einem Gag zu meinem Szenenauftritt an.

"Ich war in ein Bärenfell gekleidet.

"Ich schaute mir die Landschaft an

"und stopfte meine Pfeife mit Haaren aus dem Fell.

"Diese Idee reichte schon aus,

"um eine Vorzeit-Komödie zu drehen,

"mit Liebe, Rivalität, Kämpfen und Verfolgungsjagden.

"Das war die Arbeitsmethode, die wir alle anwandten.

"Alles war so frei, so einfach.

"Keine Literatur, kein Autor, wir hatten einfach eine Idee

"und die Geschichte entwickelte sich dann mit der Zeit."

Aber das Abenteuer Keystone geht seinem Ende zu.

Charlies künstlerischer und finanzieller Ehrgeiz ist grösser.

Er erklärt seinem Produzenten:

"Die Leute kommen nicht

"deinetwegen in die Kinos, sondern meinetwegen."

Sennett wirft hin

und lässt Chaplin zu einem anderen Studio wechseln.

Die Konkurrenz heisst Essanay.

Charlie wechselt im Januar 1915 zu ihnen.

Er ist nicht mehr allein.

Sein Bruder Sydney ist in Hollywood angekommen.

Ja, Charlie ist nicht mehr allein.

In diesem Jahr trifft er diejenige,

die auf der Leinwand und im Leben seine Partnerin sein wird,

sie heisst Edna, Edna Purviance.

Sie ist Studentin in San Francisco.

Sie ist noch nie im Kino aufgetreten.

Sie ist 20, Charlie 26.

Chaplin führt die ersten Tests vor der Kamera durch.

"Sie war mehr als hübsch, sie war schön,

"still und zurückhaltend, mit schönen grossen Augen,

"schönen Zähnen, einem sensiblen Mund.

"Sie schien so traurig und ernst.

"Ich erfuhr später, dass sie gerade an Liebeskummer litt.

"Ich fragte mich, ob sie für eine Komödie geeignet war.

"Wir stellten sie dennoch ein.

"Sicher war, dass sie meine Komödien schmücken würde."

Charlie steht unter ihrem Charme,

er ist verliebt,

es ist die Geburt eines Filmpaars.

Charlot spielt nunmehr den sentimentalen Verführer.

Edna ist reizend und eine fesselnde Schauspielerin.

Edna und Charlie drehen 35 Filme zusammen

und teilen mehrere Jahre ihres Lebens.

AN EDNA, MIT LIEBE, CHARLIE

Charlie erobert mit Edna die Welt.

Keine zwei Jahre nach seinem Start im Kino

ist er der bekannteste und beliebteste Künstler der Welt.

Sein Erfolg ist durchschlagend.

Dank seiner Farcen wird die Tramp-Figur berühmt.

Die meisten seiner Filme sind weniger als 30 Minuten lang,

also ein oder zwei Spulen.

Das Kino ist die beliebteste

der billigen Zerstreuungen.

Ganze Kinosäle spezialisieren sich auf Charlot-Filme.

Jeden Monat erwartet man seine neuen Abenteuer.

Charlot der Feuerwehrmann, Charlot im Music-Hall,

Charlot bei der Bank, auf dem Strand,

Charlot der Kellner,

Charlot der Boxer,

Charlot flieht.

Das Herz des Publikums schlägt im Rhythmus von Charlot.

Mit über 30 000 Vorstellungen am Tag in aller Welt

erreicht Charlot täglich über 12 Mio. Zuschauer.

Ein Journalist schreibt: "Die Zulus kennen Charlot besser

"als die Einwohner von Arkansas Greta Garbo."

Alle sind verrückt nach Chaplin.

Charlot wird zum Helden von Comics und Zeichentrickfilmen.

Bücher, Kleider, Kerzen, Zigaretten, Zahnpasta,

alle wollen seinen Namen tragen.

Spielzeuge und Puppen werden hergestellt.

Charlot erobert alles.

Schon 1916 schreibt der Kritiker Louis Delluc, ein Franzose:

"Er ist der berühmteste Mann der Welt.

"Er ist berühmter als Jeanne d'Arc,

"Ludwig XIV. und Clémenceau.

"Nur Jesus und Napoleon können es mit ihm aufnehmen."

1916 ist Charlie keine 27 Jahre alt

und hat noch keinen langen Film gedreht.

BARCELONA

In Paris, in Carcassonne, in Nice, in Barcelona,

überall feiert man Chaplin,

tanzt Chaplin, singt Chaplin.

Man ahmt Charlots Gang nach, oh Charlie Chaplin,

alle sind verrückt nach ihm,

Lieder über ihn werden komponiert.

Seitdem Charlie Chaplin so beliebt ist,

ahmen alle seine Exzentrik nach,

seinen Hut, seine Frisur,

seinen perfekten Schnurrbart...

Sein Gang, seine Haltung ist berühmt.

Bei Kostumbällen

sind 9 von 10 Männern als Charlot verkleidet.

Nachahmungswettbewerbe werden ausgeschrieben.

Man sagt, Chaplin sei inkognito bei einem von ihnen aufgetaucht

und sei auf Platz 3 gelandet.

Angesichts des Erfolgs

muss sogar Stan Laurel, Charlies ehemaliger Kamerad,

Charlot nachahmen.

Von New-York bis Hollywood

wird Chaplin kopiert, imitiert.

Wo ist der echte Charlie?

Hier Billy West,

ein russischstämmiger Künstler,

der ein Dutzend Kurzfilme

mit Stock und Hut drehte.

Und hier Billie Ritchie, der,

wie Chaplin, bei Karno in England Betrunkene spielte

und vorgab, Charlots Figur lange vor Charlie

erfunden zu haben.

Nicht zu vergessen, dass ab 1915

ein weibliches Plagiat beliebt wurde.

Angesichts der Plagiate

musste Chaplin letztlich strafrechtlich dagegen vorgehen.

Am Ende seines Lebens gibt Stan Laurel zu:

"Der Unterschied zwischen Chaplin und uns anderen,

"mit der Ausnahme Buster Keatons,

"war, dass Charlie ein Perfektionist war."

Charlie sorgt sich um jeden seiner Filme,

lehnt Drehbücher seiner Produzenten ab

und inspiriert sich von der Realität.

"Komödien müssen das Leben darstellen", sagt Chaplin.

"Komödien müssen realistischer als Dramen sein.

"Das Verdrehen einer normalen Lage macht den Witz aus,

"eine kleine unerwartete Geste löst das Lachen aus.

"Aber die Geste muss natürlich erscheinen,

"etwas sein, das die Figur auch wirklich tun könnte."

Chaplin hat nicht vergessen, woher er kommt.

Seine oft satirischen Komödien

sind von einer sozialen und politischen Kritik belebt.

Er macht sich über die Mächtigen, die Vertreter der Ordnung lustig,

egal ob religiös, polizeilich oder bourgeois.

Er macht sich über sie lustig, wie man es auf dem Jahrmarkt tut.

Charlie Chaplin richtet sich an ein ordinäres Publikum.

"Ich gehöre zu ihnen,

"meine Arbeit gilt vor allem ihnen.

"Ich will keine Filme für Kinos drehen,

"wo der Eintritt mehr als 5 ct kostet."

Das Volk erkennt sich in Charlot wieder.

Sein Kino ist menschlich, universal.

Chaplin hat sich für die Arbeiter, nicht die Arbeitgeber entschieden.

Er ist auf der Seite

der Ausgebeuteten, nicht der Ausbeuter.

CHARLOT ALS LEHRLING

Selbst in verzweifelten Lagen

kämpft der Trump gegen die Fatalität.

Der Humor und die Kampfeslust sind seine Waffen.

Chaplin entwickelt daraus sein Markenzeichen.

"Das grosse Thema des Lebens ist der Kampf und das Leiden.

"Alle meine Gags basieren darauf."

Die Handlung ist einfach,

sie besteht darin, die Figuren in Probleme zu stecken,

die sie lösen müssen.

Charlot ist arm geblieben, aber Charlie wird immer reicher

und immer mehr umworben. Ganz Hollywood will Chaplin haben.

Die Produzenten überbieten sich gegenseitig.

Zwischen 1914 und 1917

wechselt Chaplin jedes Jahr das Unternehmen.

Und verzehnfacht jedes Jahr seinen Umsatz.

7 800 für 12 Monate bei Keystone 1914.

75 000 bei Essanay 1915.

Mutual bietet ihm 1916 670 000.

1917 zahlt First National ihm über 1 Mio. Dollar aus.

Das entspräche heute monatlich 1,8 Mio. Dollar.

Der Vertrag mit Mutual kommt ganz gross in die Presse.

"Die sich eröffnenden Perspektiven waren unglaublich.

"Das Geld floss in Riesenmengen.

"Das alles ist verrückt, erschreckend, aber auch wunderbar."

Das Gehalt von Chaplin wird zum öffentlichen Argument.

In New York ist beim Times Square zu lesen:

"Chaplin unterschreibt mit Mutual einen Vertrag über 670 000 Dollar."

Die Summe ist unglaublich, astronomisch.

Niemand in der Welt hat bis jetzt so viel Geld verdient.

Charlie sieht seinen Namen auf dem Times-Building.

"Ich las das und fragte mich, ob jemand anderes gemeint war.

"Die Welt war verrückt geworden.

"Wenn ein paar burleske Komödien

"solchen Enthusiasmus auslösen konnten,

"war dann nicht etwas mit dieser Berühmtheit daneben?

"Ich träumte immer davon, berühmt zu sein.

"Jetzt, wo ich es war, das war das Paradox,

"fühlte ich mich vereinsamt.

"Ich war jung, reich und berühmt,

"aber allein. Alle kannten mich,

"aber ich hatte das Gefühl, dass ich niemanden kannte."

Charlie Chaplin verdient Geld, viel Geld.

Sein Bruder Sydney, der seine Schauspielkarriere aufgegeben hat,

verwaltet nun die Verträge und das Vermögen.

Ein Vermögen, mit dem er sorgfältig umgeht.

Charlie verschwendet seine Dollar nie,

ein Reflex aus der ärmlichen Kindheit.

"Mir war klar, wie kurzlebig

"Beliebtheit sein konnte.

"Vielleicht würden mir in einem Jahr die Ideen ausgehen.

"Ich musste also das Heu einholen, solange die Sonne schien."

Aber das Märchen ist noch lange nicht vorbei.

Denn je erfolgreicher Chaplin ist,

desto mehr Mittel stehen zur Verfügung.

Und je kreativer er wird, desto erfolgreicher ist er.

Das Geld im Dienst der Freiheit.

CHARLOT KEHRT SPÄT HEIM

Charlie dreht und dreht,

er experimentiert,

entwickelt Filmrollen ohne Ende, um zu sehen,

ob er gut genug spielt,

ob er es noch besser kann.

Ein verrückter Luxus, hunderte von Takes.

Er zögert nicht, geduldig konstruierte Gags

minutiös aufzunehmen.

Alles wird geübt, auf den Millimeter genau einstudiert.

Ein echtes Labor.

"Es geht nicht um Inspiration, sondern um Fleiss und Arbeit."

Der Boxamateur und Tennisspieler Chaplin

übt sich in der Akrobatik.

Doch ohne Anmut wäre der Sport uninteressant.

Der Choreograph und Startänzer Vaslav Nijinski,

zu Besuch von den Ballets Russes

bei den Dreharbeiten Charlot Policeman, merkt das sofort.

"Ihre Komödie ist wie ein Ballett, Charlie. Sie sind Tänzer."

Ein Federgewicht.

Wie in den Kindermärchen braucht Charlie seinen Wüterich.

Eric Campbell spielt den Bösen.

Der fast 2 m grosse Riese ähnelt einer furchterregenden Bestie.

Er wiegt dreimal so viel wie Charlot. Er ist eine brutale Erscheinung.

Angesichts Campbells und Henry Bergmans

macht sich Charlie seine 1,64 m, seine kleine Grösse,

seine Leichtigkeit zu nutze.

Seine Verletzlichkeit ist seine Kraft, die Kraft des Schwachen.

"Der unwiderstehliche Charme des kleinen Mannes vom Volk",

schreibt Hannah Arendt.

DU BIST DRAN!

CHARLOT MACHT EINE KUR

Charlot spielt die Fliege.

Seine Stummfilme sprechen alle an,

oder fast alle.

Ein Teil der gehobenen Gesellschaft wehrt sich gegen seine Komödien,

die trivial sind, die sich an die Arbeiterklasse wenden,

mit einem vulgären, indezenten Protagonisten.

An der Universität von Yale hat man Befürchtungen.

Chaplin ist moralisch unzumutbar,

er lenkt die Studenten ab.

Als Charlot sich als Frau verkleidet, sind die Schützer der Moral

empört und alarmiert.

"Das ist obszön, unpassend."

"Kein Wunder, er hat einen französischen Namen."

Chaplin sorgt in den USA weiter für Wirbel.

Als er sich als Ordnungshüter einkleidet,

verteidigt er eine soziale Ordnung der anderen Art.

Ein Polizist für die Armen.

CHARLOT DER POLIZIST

Mit Der Einwanderer

drückt sich Chaplin aber erstmals am deutlichsten

auch politisch aus.

Er geht den Mythos New York und Amerika als Paradies an.

Die USA, das Land der Freiheit,

ein Land der Illusionen und Desillusionen.

Charlie hat nicht vergessen, dass er 6 Jahre zuvor

gemeinsam mit Millionen Migranten herkam.

Er wird sich sein Leben lang daran erinnern.

Man wird es ihm sein Leben lang in Erinnerung rufen.

Der Einwanderer bleibt sein beliebtester Kurzfilm.

"Meine Zeit bei Mutual

"war der glücklichste Moment meines Lebens.

"Ich war 27 Jahre alt, ich fühlte mich frei und leicht."

Am 6. April 1917

greifen die USA in den Ersten Weltkrieg ein.

"Eine Lawine verrückter Zerstörung und erbarmungsloser Gräuel",

schreibt Chaplin, der sich düster fühlt.

Seine Liebe zu Edna Purviance ist abgekühlt.

Nun spielen sie nur noch auf der Leinwand das Liebespaar.

Der Grosse Krieg ist das, was Charlie am meisten Sorgen macht.

Chaplin ist britischer Staatsbürger, die Presse stellt Fragen.

Während seine Kameraden im Krieg fallen,

zu hundert Tausenden in den Gräben,

ist es da moralisch vertretbar, dass Charlot weiterhin

unter der Sonne Kaliforniens Farcen dreht?

Ein grosser englischer Pressechef,

Lord Northcliffe, schreibt:

"Chaplin mag zerbrechlich sein, ist aber beweglich,

"wie seine akrobatischen Stücke auf der Leinwand beweisen.

"Es ist seine Pflicht, das Rekrutierungsbüro aufzusuchen

"und stolz darauf zu sein, Brite zu sein."

"Charlie in Uniform

"wäre in der Armee sehr beliebt."

"Wir siegen auch ohne Charlot, würden aber lieber mit ihm siegen."

Die Pressekampagne ist brutal.

Chaplin wird als Milliardärs-Deserteur präsentiert.

Charlie lässt sofort eine Stellungnahme publizieren.

"Ich halte mich bereit, dem Ruf meines Landes zu folgen,

"ich bin bereit, auf jedem Posten zu dienen.

"Aber wie andere Briten

"erwarte ich eine Nachricht der Botschaft.

"Ich habe mich auf der Liste eingetragen

"und um keine Ausnahmeregelung gebeten."

Die britische Botschaft kommt ihm zu Hilfe:

"Es ist für England von grösserem Nutzen,

"dass Mr. Chaplin viel Geld verdient

"und dies in den Kriegsdienst stellt,

"statt in Schützengräben zu dienen."

Aber die Angriffe und Beleidigungen gehen weiter.

Charlie erhält anonyme Briefe. Er ist erschüttert.

Er beschliesst, ein Rekrutierungsbüro aufzusuchen.

FRANCIS MAUD - UNTERSUCHENDER ARZT

Er wird nicht angenommen.

Die Waage zeigt ein zu niedriges Körpergewicht an.

Chaplins Gewicht misst sich in Dollars und in seiner Beliebtheit.

Charlie stellt beide in den Dienst des Krieges.

Am 6. April 1918

ergreift er bei einer Riesenparade in Washington

an der Seite des Kinostaarpaars

Mary Pickford und Douglas Fairbanks

das Wort.

Hört mir zu. Ich habe noch nie eine Rede gehalten.

Wir brauchen Geld.

Geld, um der Armee von Uncle Sam zu helfen.

Die Deutschen stehen vor den Toren. Wir müssen sie stoppen!

Kauft Liberty-Bonds, so werden wir sie stoppen!

Zwei Tage später, in New York,

erwarten 35 000 Menschen Charlie bei der Wall Street.

Douglas Fairbanks trägt Freund Charlie auf den Schultern,

der Untersekretär des Staates Maine,

Franklin Delano Roosevelt, beglückwünscht ihn.

Während Douglas und Mary im Norden Kampagne machen,

leitet Charlie die Kampagne in den Südstaaten.

Von Virginia bis Texas, über Carlonina,

Kentucky, Tennessee, Mississippi

und Louisiana: Die Spenden kommen von überall.

Chaplin dirigiert und treibt mehrere Millionen ein.

Er ist beruhigt.

Seine Beliebtheit ist sowohl in Amerika als auch Europa intakt.

Charlot ist international.

Er dient den englischen Soldaten als motivierende Kraft,

wie man es auf diesem Foto

von einem Schlachtfeld in Nordfrankreich sieht,

in einer Inszenierung, die sehr makaber ist.

In den Lazaretten

werden Chaplin-Filme auf die Decke projiziert,

die die Verwundeten schauen können.

Mehrere Soldaten bestätigen:

Das Erscheinen Chaplins entfaltet heilende Wirkung.

Nach seiner karitativen Tournee kehrt Charlie zurück ins Studio.

Er dreht einen Propagandafilm,

in dem Sydney den deutschen Kaiser, Wilhelm II., spielt,

und treibt seine Spendenkampagne weiter voran.

Der Film wird der Regierung gespendet

und in allen Kinos in den USA gezeigt.

LIBERTY BONDS

Entgegen den Empfehlungen aller seiner Freunde

dreht Charlie eine ehrgeizige Komödie,

die von phänomenalem Erfolg gekrönt ist.

Shoulder Arms, Charlot als Soldat.

Es ist eine Komödie über den Krieg, gedreht in Zeiten des Kriegs.

Der Film ist gewagt. Charlie hat Angst vor nichts.

Ein Journalist des Crapouillot schreibt:

"Chaplin zeigt uns den ersten echten Film über den Krieg,

"ohne da gewesen zu sein.

"Eine Chronik der Hölle der Gräben,

"in denen sich die Soldaten wieder erkennen werden."

Der Tramp verewigt den Soldaten.

Charlot stellt sich erneut auf die Seite derer, die leiden.

Alles ist da, die Angst, das Heimweh,

die Erde, die Überschwemmungen.

Aber die Tragödie ist auch burlesk.

Das Lachen ist ein Heilmittel für die Verzweiflung,

stützt die Moral der Truppen.

SPRECHEN SIE FRANZÖSISCH?

Der Film ist zwar antimilitaristisch, aber dennoch patriotisch.

Als Charlot einer jungen und schönen Französin hilft,

gespielt von Edna Purviance,

zögert Chaplin nicht, vor aller Welt zu sagen:

"Ich bin ein amerikanischer Soldat."

Charlot als Soldat wurde im Sommer 1918 gedreht,

beim Sunset Boulevard, einem der nobelsten Viertel Hollywoods.

1416 North La Brea Avenue.

Dies ist nunmehr die Adresse von Chaplins neuen Studios.

Hier wird er in den kommenden 34 Jahren arbeiten.

Das Studio, das in 3 Monaten entsteht,

auf einem 2 Hektar grossen Terrain voller Zitrusbäume,

dieses Studio wurde von Charlie konzipiert.

Kleine Häuschen erinnern an alte englische Cottages,

Garten, Schwimmbad, Labor, Schneideraum,

es fehlt an nichts. Das ideale Studio.

Neben dem japanischen Chauffeur

hat Charlie einen Sekretär und Diener, der ihn immer begleitet.

Eine Art Hof bildet sich rund um den Chef.

Ein Angestellter erzählt:

"Alle hörten auf zu tun, was sie taten, als er morgens ankam.

"Schauspieler, Maschinisten, Elektriker,

"alle standen in Reih und Glied.

"Charlie war natürlich nicht dumm.

"Er wusste, dass das als Scherz gemeint war.

"Aber er liebte es."

Charles Spencer Chaplin hasst es dennoch,

mit "Sir" angesprochen zu werden.

Bei der Arbeit müssen ihn alle "Charlie" nennen.

Chaplin ist 30 Jahre alt. Er hat sein Studio,

aber das reicht ihm nicht.

Er möchte sein eigener Produzent und Vermarkter werden.

"Ich will nicht mehr Farcen spielen.

"Ich will, dass meine Filme

"nicht Banken,

"sondern mir Millionen einbringen."

Am 5. Februar 1919

gehen Chaplin, der Star Douglas Fairbanks

sowie seine Partnerin, Schauspielerin Mary Pickford,

gemeinsam mit D. W. Griffith,

dem Meister des Kinos und Autoren von Geburt einer Nation,

eine Partnerschaft ein.

Gemeinsam gründen sie das Unternehmen United Artists,

die Vereinten Künstler.

Sie sichern sich so finanzielle und künstlerische Freiheit.

Es ist ein Paukenschlag in Hollywood.

Die Künstler offenbaren sich als Strategen

und hintergehen die Grossen der Kinowelt.

Es ist ein einzigartiges Ereignis in der Kinogeschichte.

Die Brüder Warner und Paramount müssen umdenken.

Charlot, plus Fairbanks, plus Mary Pickford, plus Griffith

vereinen zusammen Millionen Zuschauer und Millionen Dollar.

Zu viert sind sie unschlagbar.

Von nun an sind sie selbstständig tätig.

Wie bei der Spendensammlung in New York

hebt Douglas Chaplin in die Höhe.

Seit ihrem ersten Treffen 1917,

sind die zwei Stars, das zeigen diese Aufnahmen, unzertrennlich.

Eine maskuline, unerschütterliche Freundschaft,

die Mary Pickford neidisch macht.

In seinen Memoiren

spricht Chaplin von Dougs Anziehungskraft,

seinem ehrlichen, kindischen Enthusiasmus.

Douglas war der einzige Mann, dem es gelang,

mich auf ein Pferd zu bekommen, obwohl ich Pferde hasste.

Charlie löst Lachen aus, Douglas lässt einen träumen.

Zorro und Charlot, die Beschützer der Unterdrückten.

Zwei Helden, zwei absolute Idole der Zwanziger.

Gegen Ende seines Lebens sagte Chaplin, Fairbanks sei

sein einziger echter Freund gewesen.

Die Zeit der Kurzfilme ist vorbei.

Charlie kann dank United Artists nunmehr drehen, was er will,

wie er will, wann er will. Er ist frei.

Als er 1914 bei der Keystone anfing,

drehte er einen Kurzfilm pro Woche.

Von jetzt an dreht er alle drei Jahre,

dann alle fünf Jahre einen Film.

Alle diese Filme sind Meisterwerke,

die die Filmgeschichte für immer prägen.

Lichter der Grossstadt, Moderne Zeiten, Der Diktator,

alles grosse Filme.

1924

startet Charlie seine erste Hollywood-Superproduktion.

Ein Epos,

170 Tage Dreharbeiten, verteilt über 15 Monate,

die auf 3 000 Höhenmeter führen,

in die verschneiten Berge der Sierra Nevada.

Ein grandioser Film, Der Goldrausch.

Für die Eröffnungsszene

wird ein 700 m langer Weg geschaffen, 600 Personen nehmen teil.

Vier Kameras filmen Charlot parallel.

Aber das Wetter ist furchtbar und das Team kehrt nach LA zurück,

um im Studio weiterzudrehen.

Chaplin lässt riesige Filmdekors errichten.

500 Arbeiter sind tätig, das Budget ist riesig.

Alaska wird unter der Sonne in Hollywood nachgebaut.

Chaplin ist es wichtig, wahrheitsgetreu zu filmen,

weil er burlesk mit real, Komödie mit Verzweiflung einen will.

Ein Zeitungsbericht diente ihm als Inspiration.

Die Expedition Donner, welche in einen Schneesturm geriet,

irrte dann monatelang in den Bergen umher.

Die Mitglieder assen ihre Kühe, Hunde,

das Leder ihrer Schuhe und am Ende kam es zu Kannibalismus.

Chaplin verstösst ein weiteres Mal gegen die Konventionen.

Die Kälte, der Hunger, der Kannibalismus:

Sie werden zur Komödie.

ERNTEDANK FESTESSEN

Für diese Szene wurde ein Konditor beauftragt.

Der Schuh besteht aus Lakritze.

20 Paar Schuhe waren angesichts der vielen Takes nötig.

Die abführende Wirkung von Lakritze

geht nicht folgenlos an den Schauspielern vorbei.

Chaplin filmt Ausgrenzung,

der Tramp ist allein, der Arme ist unsichtbar.

Als die Dreharbeiten fertig sind, sagt Chaplin seinem Team:

"Für diesen Film will ich in Erinnerung bleiben."

Sich erinnern, an Der Goldrausch.

Sich erinnern an Der Goldrausch, aber Lita vergessen,

Lita Grey, die Jugendliche, die er beim Drehen von Kid kennenlernt.

Lita war damals 12 Jahre alt.

Sie erscheint kurz bevor sie 16 ist,

sie bewirbt sich für die Hauptrolle in Der Goldrausch

und fällt Charlie ins Auge.

Ein Zeuge erinnert sich:

"Sie ist es!", rief Chaplin.

"Mehrere von uns glaubten, sie sei die schlechteste."

Lita unterschreibt den Vertrag.

Bei den Dreharbeiten muss die Mutter dabei sein.

Lita geht vom Zimmer ihrer Mutter

zum Zimmer Charlies und wird schwanger.

Die Dreharbeiten werden unterbrochen, die Schwangerschaft

wird verdeckt, Lita wird ersetzt.

In Kalifornien sind sexuelle Beziehungen zu Minderjährigen

mit 30 Jahren Haft strafbar.

Chaplin bietet Geld, eine Abtreibung an.

Litas Grossvater droht:

"Entweder er heiratet dich, oder ich bringe ihn um."

Er heiratet sie heimlich um 5:00 Uhr morgens in Mexiko.

Es ist ein Albtraum.

1925 wird ein Kind geboren,

Charles Spencer Chaplin Junior,

und zehn Monate später ein zweites, Sydney Junior.

Lita wirft Charlie vor, sie zu betrügen und auszuspionieren.

1927 kommt es zur Scheidung.

Es ist Charlies zweite Scheidung.

1919 gab es bereits eine ähnliche Episode

mit der Schauspielerin Mildred Harris.

Das Kind, das er mit Mildred hatte, lebte aber nur 3 Tage.

Charlie hatte sofort nach dem kleinen Jungen gesucht,

der The Kid spielen sollte.

Die Wahl fiel auf Jackie Coogan.

Die Affäre um die Scheidung von Lita Grey

führt zu einer der grössten Transaktionen der Art in Amerika.

Chaplin muss Lita Grey über 1 Mio. Dollar auszahlen,

behält aber das Recht bei, seine Kinder zu sehen.

Das Intimleben des Paars wird öffentlich gemacht.

Illegale Kopien von Litas Klage sind in jedem Buchladen erhältlich.

Chaplin wird zum idealen Opfer

des puritanischen Amerikas, das Hollywood so hasst.

Er leidet unter Depression.

Man glaubt, seine Karriere sei vorbei.

Aber Charlie arbeitet weiter und kehrt zu seiner ersten Liebe zurück,

den Zirkus.

Die Dreharbeiten zum Film verlaufen nur sehr schwierig.

Am 12. Februar 1926

gibt es ein Problem im Labor.

Alles, was einen Monat lang gefilmt wurde, geht verloren.

Man fängt von Neuem an.

Am 28. September

werden die Dekorbauten, die von einem Sturm

zerstört worden waren,

in einem Brand eingeäschert.

8 Monate Pause.

Am 12. Januar 1927

kommen von Litas Anwälten beauftragte Gerichtsvollzieher,

um die Filmrollen von Zirkus zu beschlagnahmen.

Charlie hat sie jedoch versteckt.

Sein gesamter Besitz ist eingefroren,

Privatdetektive überwachen sein Haus und Studio.

Rund um die Uhr.

DER ZIRKUS - 1928

Beim Urteil zur Scheidung von Lita Grey

erscheint Charlie vor den Journalisten.

Seine Haare sind weiss, er hat Augenringe, hat abgenommen.

Sein ganzes Leben lang versucht Chaplin,

die Jahre von 1925 bis 1927 zu vergessen.

In seiner Autobiographie widmet er ihnen nur wenige Sätze.

"Wir blieben 2 Jahre verheiratet

"und alles endete mit viel Bitterkeit.

"Da wir 2 grosse Söhne haben, die ich sehr liebe,

"werde ich die Details nicht ansprechen."

Chaplin erwähnt das Drehen des Films überhaupt nicht.

Der Zirkus gehört trotzdem zu einem seiner schönsten längeren Filme.

Am 27. Januar 1928

kommt die Menge zur Vorpremiere von Zirkus.

Feministische Ligen haben zum Boykott aufgerufen, vergebens.

Chaplin wird vom Publikum gerettet und sagt:

"Ich bin froh, auf meine Art

"zur Freude beitragen zu können.

"Das Kino ist die Demokratie der Kunst."

Meine Damen und Herren,

ich bin aus Hollywood gekommen,

der Stadt des Films,

so wie Chicago die Stadt der Wurst ist.

In Hollywood stellt man keine Konserven, sondern Stars her.

Ich hatte das Vergnügen,

dort Hr. Charlie Chaplin zu treffen,

der mir sagte: "Es lebe die Stille!"

"Es lebe die Stille", sagt Chaplin.

Aber Ende der Zwanziger Jahre beginnt das Kino, zu sprechen,

in Hollywood werden Talkies gedreht.

Der Jazzsänger ist der erste singende, sprechende Film

der Filmgeschichte.

Es ist ein Triumph.

Die Journalisten fragen sich:

Wird Chaplin auch beginnen, Tonfilme zu produzieren?

Er antwortet ihnen:

"Ich kann Tonfilme nicht ausstehen.

"Die mechanische Atmosphäre des Tonstudios widert mich an,

"schon beim Anblick eines Mikrophons wird mir schlecht.

"Ich muss frei sein, Emotion auf meine Art auszudrücken,

"und zwar durch reine Pantomime."

Wie hätte Charlot reden sollen?

In welcher Sprache? Mit welcher Stimme, welchem Akzent?

Charlot braucht nicht zu reden, um sich zu verständigen.

Er spricht nicht und ist gerade deshalb universell.

Charlot zum Reden bringen würde heissen, seinen Charme zerstören.

"Das Kino besteht aus Bildern, Illusionen", erklärt Chaplin.

"Machen wir nicht etwas anderes daraus.

"Tonfilme zerstören die Kunst des Films.

"Sie zerstören die grosse Schönheit der Stille.

"Ich werde in meinem nächsten Film nicht sprechen.

"Ich werde es nie tun."

Al Jolson, der Interpret von Jazzsänger,

reagiert auf Chaplins Aussage:

"Charlie hat Unrecht zu sagen, er hasse Tonfilme,

"er wird gezwungen sein, sich dem zu fügen.

"Sonst werden seine Bewunderer ihn verlassen

"und er wird nichts mehr drehen."

"Das Publikum will keine Stummfilme mehr.

"Harold Lloyd wird Tonfilme machen.

"Sagen Sie nicht nein, Charlie, ich weiss, dass Sie es tun.

"Wenn Sie es noch nicht getan haben, dann deshalb,

"weil Sie Angst haben, es werde kein Erfolg."

Aber Chaplin sieht das anders.

Die Stille wird für ihn immer sprechender, poetischer sein.

Ein angedeutetes Heben der Augenbrauen

sagt manchmal mehr als Tausend Worte.

Charlot ist stumm und bleibt es,

bleibt dabei.

Charlie sagt,

die Talkies würden keine 3 Jahre überleben,

weiss aber natürlich und eigentlich,

dass die Talkies eine Revolution sind.

Eine Revolution, die ihm gefährlich werden kann,

wie im Fall seines Kollegen Buster Keaton

und vielen anderen Künstlern.

Keaton, hier zu sehen im Jahr 1928,

in einem seiner letzten Meisterwerke,

beginnt zwei Jahre später

unter dem Druck seines Producers, Metro Goldwyn Mayer, zu sprechen.

Es ist eine schmerzhafte Erfahrung.

Er wird Alkoholiker, leidet unter Depression.

Die Zeit der Stummfilme ist vorbei.

Charlie macht sich Sorgen. Sein nächster Film ist wie ein Test.

"Nur ein Star bleibt stumm",

schreibt die Presse in Hollywood.

Alle erwarten den nächsten Film Chaplins,

der als einziger auf dem sinkenden Schiff

der Stummfilme verharrt.

LICHTER DER GROSSSTADT

Der neue Chaplin-Film ist ein Tonfilm,

in dem aber nicht gesprochen wird.

Es ist eine Abrechnung mit dem Tonfilm,

der anfangs noch recht unbeholfen wirkt.

"Tonfilme machen Schnarrgeräusche", sagt Charlie.

Chaplin gelingt mit seinem Film ein doppelter Coup:

Er macht sich nicht nur

über Tonfilme, sondern auch die gute US-Gesellschaft lustig.

Chaplin übersieht die Vertonung des Films

und komponiert auch die Filmmusik.

Er verfügt nunmehr über totale Kontrolle.

Die künstlerische Leitung umfasst alles,

Schauspieler, Autor, Regisseur, Produzent;

Charlie ist aber auch Komponist und Choreograph.

Mit Lichter der Grossstadt liefert Chaplin ein Meisterwerk.

Er kümmert sich um die kleinsten Details.

Er spielt alle Rollen, alle Figuren.

Die SchauspielerInnen setzen seine Wünsche um.

Sie schauen zu und spielen nach.

Sie haben keine Freiheit.

Für die Szene, wo die junge, blinde Floristin den Tramp trifft,

sucht er nach dem idealen Tempo, der perfekten Pantomime.

Das Ganze ähnelt fast einer Neurose.

Die Szene wird 450 Mal gedreht, unermüdlich. Er zögert nicht,

die Dreharbeiten zu unterbrechen,

ganze Filmspulen zu verbrauchen

und Wochen an Arbeitsstunden zu verbrauchen,

bis er mit der Szene zufrieden ist,

in der die Floristin glaubt,

dass der ärmliche Tramp reich sei.

"WARTEN SIE, IHR WECHSELGELD, SIR."

Chaplins Laune ist wechselhaft.

Bei einem Wutanfall entlässt er drei seiner Hauptmitarbeiter,

will dann die Schauspielerin auswechseln.

Um die Laune des Chefs abzulesen,

rufen die Studioangestellten morgens bei Chaplins Diener an.

Was hat Chaplin heute angezogen?

Wenn er sich grün gekleidet hat, wird es ein stürmischer Tag.

Wenn er grau gekleidet ist, ist seine Laune unklar.

Blau mit Streifen lässt auf einen kreativen Tag hoffen.

Die Vorpremiere von Lichter der Grossstadt

findet am 30. Januar 1931 in Los Angeles statt.

Die Dreharbeiten haben fast 2 Jahre gedauert.

Ganz Hollywood fiebert.

Charlie Chaplin erscheint neben seinen Freunden,

Professor Albert Einstein und seiner Frau.

Chaplin beginnt plötzlich zu zweifeln. Er fühlt sich zu verwöhnt,

Er hat zu viel Weissbrot gegessen, ist nicht mehr kreativ.

2 500 Zuschauer. Sein Herz pocht wie rasend.

City Lights, eine romantische, pantomimische Komödie,

im Jahr 1931 ein Anachronismus.

Wie wird das Publikum reagieren?

Ganz besonders erwartet er die letzte Szene.

Die Szene, die, und das ist ungewöhnlich,

noch vor dem Drehbuch entstanden ist.

Charlie ist sie besonders wichtig,

für ihn stellt sie den Höhepunkt des Films dar.

Es ist das Wiedersehen mit der Floristin.

Als Charlot

aus dem Gefängnis kommt,

erkennt er in einem teuren Laden die Floristin,

die zuvor arm war

und die dank der vom Tramp gezahlten Operation sehen kann.

Der zu Unrecht inhaftierte Wohltäter,

der Liebhaber, dessen Gesicht sie nicht kennt,

der, wie sie glaubte, vermögend war, aber eigentlich ein Tramp war.

"ICH HABE EINEN VEREHRER!"

"DU?"

"DU KANNST JETZT SEHEN?"

"JA, ICH KANN JETZT SEHEN."

In seinen Memoiren schreibt Chaplin:

"Ich sah, wie sich Einstein bei der Szene die Tränen wegwischte.

"Das beweist, dass Gelehrte unheilbar sentimental sind."

Als die Lichter im Kinosaal wieder angehen, wird stehend geklatscht.

"Ein harter Schlag für Tonfilme", schreibt ein Kritiker in Hollywood.

Charlie kann wieder aufatmen.

"Pantomime ist mein Gebiet.

"Ich bin in dieser Domäne, das kann man sagen, ein Meister.

"Dieser Stummfilm hat mir mehr Geld als die vorherigen eingebracht.

"Warum soll ich dann anfangen, zu reden?"

Bei der Vorbereitung von Lichter der Grossstadt

erfährt Charlie vom Tod Hannah Hills, seiner Mutter.

Die heiss geliebte Mutter war keine 63 Jahre alt.

Charlie und Sydney hatten sie 7 Jahre zuvor

nach Los Angeles gebracht.

Hannahs Krankheit war abgeklungen,

sie musste aber gepflegt werden.

Ein Haus in der Nähe des Meers, mit einer Pflegerin im Haus.

Als sie ihren Sohn Chaplin im Studio sah,

der als Tramp verkleidet war,

rief sie:

"Charlie, du brauchst einen neuen Anzug,

"zudem siehst du krank aus.

"Du musst an die Sonne."

Chaplin besuchte sie selten, die Erinnerungen schmerzten ihn.

In seiner Autobiographie schrieb er:

"Es war seltsam, dass ihr Leben hier endete,

"in der Umgebung von Hollywood mit all seinen absurden Werten.

"Eine Menge Erinnerungen kamen in mir hoch.

"Ich erinnerte mich an den langen Kampf ihres Lebens,

"an ihr Leiden, ihren Mut,

"ihr tragisches, verlorenes Leben."

Seit seiner Ankunft in Amerika vor 20 Jahren

ist Charlie nur ein einziges Mal nach Europa zurückgekehrt, 1921,

ein Besuch, der 5 Wochen dauerte.

Er hörte nie auf zu arbeiten.

Nach Lichter der Grossstadt träumt er von grossen Reisen.

Er vertraut der Presse an:

"Ich weiss nicht mehr, was in der Welt geschieht.

"Ich möchte reisen und Ideen für meinen nächsten Film finden.

"Ich lebe, wie alle Egozentriker, rund um mich selbst.

"Ich will wieder lachen wie in meiner Jugend. Eine Zeitreise.

Am 13. Februar 1931

schifft sich Charlie auf dem Schiff Mauretania ein.

Er will Amerika für einige Zeit verlassen.

Seine Ferien dauern 16 Monate, eine Reise um die Welt.

Charlie verlässt während der Überfahrt,

die 6 Tage dauert, selten die Kabine.

Die jahrelange Arbeit am Film hat ihn ermüdet.

In England wird er von einer grossen Menge empfangen.

Dasselbe in Berlin, Wien, Venedig.

Paris empfängt ihn triumphal:

"Wir brauchen Charlot, das Idol der Mengen."

"Ich werde von allen Seiten bedrängt.

"Ich liebe es."

Dem Publikum in Wien und den Österreicher Nachrichten

erweist Chaplin einen besonderen Gefallen.

Zum ersten Mal wird seine Stimme ausgestrahlt.

Guten Tag!

Die Rede ist nicht lang, ist aber etwas Neues.

Thank you very much.

Die intellektuelle, politische Elite in Europa will Charlot kennenlernen.

Charlie lässt sich nicht bitten.

Er bekommt lauter Einladungen und fühlt sich geehrt.

Ein Fest der Mondanität.

Das grosse Leben.

In Berlin trinkt er mit Marlene Dietrich Tee.

An der Côte d'Azur spielt er mit Maurice Chevalier Petanque.

Er geniesst den Strand in Juan les Pins und in Biarritz.

In der Schweiz fährt er mit André Citroën und Douglas Fairbanks Ski,

diniert mit dem Prinz von Wales und empfängt den König Belgiens

sowie George Bernard Shaw.

"Es fühlte sich an

"wie im Museum Tussaud,

"nur dass die Leute nicht aus Wachs, sondern echt waren."

Der kleine Strassenjunge hätte sich wohl nie erträumt,

dass er sich mit Winston Churchill befreunden würde,

in Paris mit der Ehrenlegion ausgezeichnet werden würde

und im Quai d'Orsay

mit Aristide Briand frühstücken würde.

Er wird wie ein Staatsoberhaupt empfangen.

Chaplin interessiert sich immer mehr

für Politik, Wirtschaft, für den Gang der Welt.

Die soziale Lage beschäftigt ihn.

Der Clown befreit sich, nimmt sich Zeit zum Lesen

und bildet seine eigene Meinung.

Man schlägt ihm vor, Mahatma Gandhi zu treffen.

Der Unabhängigkeitsführer Indiens ist in London auf der Durchreise.

Zahlreiche Engländer wünschen sich Gandhi hinter Gittern.

Das Treffen zwischen den zwei Stars ist etwas komisch,

die beiden suchen verzweifelt nach einem Gesprächsthema.

Gandhi ist einer der wenigen Menschen auf der Welt,

der nie einen Film Charlots gesehen hat.

Charlie findet zurück in seine Kindheit,

zurück zu schmerzvollen Erinnerungen.

Er möchte das Waisenhaus von Hanwell besuchen.

"Alles ist so wie zuvor.

"Ich habe im Speisesaal

"meinen Platz wiedergefunden, 3. Stuhl am 4. Tisch.

"Wer sitzt nun hier?

"Warum berührt mich das London der Arbeiter so sehr?

"Die Zuneigung dieser Leute tut mir auf wundersame Weise weh.

"Ich bin einer von ihnen."

Er war einer der ihren. Er lebt nun in einer anderen Welt.

Das London der Kepis hat wenig mit Hollywoods Hüten zu tun.

Dennoch gehört Charles Spencer Chaplin

nie wirklich der guten Gesellschaft an.

Er konstruiert sich, versucht, alles nachzuholen,

erlernt aber nie wirklich gute Manieren und Grammatik.

Er verbirgt seine Lücken hinter exzentrischem Verhalten.

Charlie liebt es, zu gefallen, er gibt sich als Faxenmacher.

Der guten Gesellschaft gefällt das.

Charlie scheint nicht vorzuhaben, nach Hollywood zurückzukehren.

Nach Europa reist er weiter in den Nahen Osten.

Chaplin hat sein halbes Leben hinter sich.

Er sucht nach neuen Inspirationsquellen.

Bali ist eine Offenbarung für ihn.

"Ich bin erst wenige Stunden auf dieser Insel,

"fühle mich aber so, als hätte ich schon immer hier gelebt.

"Menschen sollten in ihrem natürlichen Zustand leben.

"Ich fühle mich weit weg vom Rest der Welt."

Charlie stellt sich Fragen zu seiner Zukunft.

Er will einen Film auf Bali drehen,

eine antikolonialistische Satire.

Letztlich greift er die Wurzel des Kolonialismus an,

den Kapitalismus, der zerstörerisch, entfremdend wirkt.

Als Charlie im Juni 1932 in die USA zurückkehrt,

steckt das Land in der Krise.

Amerika ruft keine Träume mehr wach. Charlie ist desillusioniert.

Seine Freunde Fairbanks und Pickford haben sich geschieden.

Die Stummfilmindustrie ist tot.

Der Krach von 1929 zerstört die Wirtschaft.

Die Fabriken schliessen,

ein Viertel der Bevölkerung ist arbeitslos.

Überall Armut.

Die Grosse Depression ist eine Wirtschaftsapokalypse.

Als die 30er nahen,

ist Charlie Chaplin bereits eine Kinolegende.

Er kann jetzt nicht aufhören.

"Der Erfolg verlieh meiner Meinung

"ein gewisses Gewicht."

Der Tramp will nun in die Weltgeschichte,

die Moderne eingehen.

MODERNE ZEITEN - 1936

Sein sechster langer Film ist ganz klar politisch.

Charlie zeigt die Schattenseiten Amerikas:

Die Armut, die Obdachlosen, die Streiks,

die Demonstrationen, die Polizeigewalt.

Einige Jahre zuvor

hat Chaplin die Fabrik Fords besucht, ein Muster der Automatisierung.

Er wird diese Arbeiter nie vergessen, die man wie Versuchsratten behandelt

und die durch ihre Arbeit ihre Menschlichkeit verlieren.

Seine Meinung steht fest.

Der Mensch hat nicht Sklave der Maschine zu sein.

Die Maschine hat dem Menschen zu dienen.

Fortschritt ist nicht eine Frage der Rentabilität.

Chaplin entscheidet sich bei seinem neuen Film

für eine Firmencheffigur, die Henry Ford sehr ähnelt:

Ein Antikommunist und Antisemit,

der Gewerkschaften in seinem Unternehmen verbietet

und die Arbeiter zur Arbeit treibt.

Chaplin zeigt sich dem Kapitalismus gegenüber immer kritischer.

Seit seiner Reise um die Welt verteidigt er,

unter dem Einfluss der britischen Labor,

Arbeitslosengeld,

die Verstaatlichung der Banken,

die Einführung eines Mindestlohns und weitere Forderungen dieser Art.

Er schreibt:

"Die Vorstellung, dass das Geld der Reichen

"auch das Volk reicher macht, ist desaströs."

Das ist die Politik Hoovers,

der 1932 die Wahl verliert. Franklin Roosevelt,

ein Demokrat, wird zum Präsidenten gewählt

und führt den New Deal ein.

Chaplin dreht zu dieser Zeit gerade Moderne Zeiten.

Charlie ist ein Unterstützer von Roosevelts Planpolitik.

"Die inspirierteste Ära der USA", schreibt er.

Roosevelt wird, wie Chaplin, beschuldigt,

gefährliche progressive Ideen zu verbreiten.

"Kommunistische Propaganda",

erklären Nazi-Deutschland und das faschistische Italien.

Moderne Zeiten erscheint 1936

und bleibt in Erinnerung.

Wenn es um Fliessbandarbeit geht,

denkt man nun immer an Chaplins Film.

In dieser Automatenwelt

sind nur zwei rebellische Geister noch lebendig.

Sie finden einander und lieben einander.

Der Tramp, die Trampin,

die Partnerin in Moderne Zeiten.

"Ich malte mir das Treffen Charlots und des Mädchens

"in einem vollen Polizeiwagen vor,

"der Tramp bietet ihr höflich seinen Platz an.

"Ausgehend davon konnte ich

"eine Intrige mit zahlreichen Gags konstruieren."

Sie heisst Paulette Goddard.

Charlie lernt sie nach seiner Reise im Juli 1932 kennen.

Sie ist 22 Jahre alt. Es ist eine grosse Liebe,

eine der glücklichsten Beziehungen Charlie Chaplins.

Sie wird seine dritte Frau,

seine Muse, seine Inspiration, wenn ihm die Ideen ausgehen.

"Für sie und mich

"war es wie Robinson Crusoe, der Freitag entdeckt."

Wie bei Lichter der Grossstadt

bleibt Chaplin beim Stummfilm.

Zum ersten Mal

hört man nun aber Chaplins Stimme in einem Film.

Er spricht aber nicht,

sondern singt,

in einer erfundenen, universellen Sprache.

Se montya si la moora

La sontya so gravora

La zontya comme sora

Je la poose a ti la tua

Je notre so la mina Je notre so cosina

Je le se tro savita

Je la tuss a vi la tua

Aber diese Form der Unterdrückung lehnen wir ab!

Und die Entbehrung, das machen wir nicht!

Adenoid Hynkel hat gesagt:

"Gestern lag Tomania am Boden, heute steht sie wieder auf."

Chaplin, Hitler, 1889.

Die beiden Männer wurden im selben Jahr, ja Monat geboren.

Aber Chaplin war schon vor Hitler berühmt.

"Als ich zum ersten Mal Hitlers Schnurrbart sah",

sagt Charlie,

"sagte ich mir, dass er mich kopierte, meinen Erfolg missbrauchte.

"Das zeigt, wie egozentrisch ich bin."

Chaplin hat seine Reise in Europa nicht vergessen.

Als er 1931 nach Berlin reist,

ist die Partei der Nazis bereits mächtig.

"Der Patriotismus ist überall,

"das Ergebnis wird ein neuer Krieg sein", schreibt er damals.

9 Jahre später, im Jahr 1940,

bedient sich das Dritte Reich in einem Propagandafilm,

Der Ewige Jude,

Aufnahmen, die bei seinem Besuch gedreht wurden.

EIN FILMBEITRAG ZUM PROBLEM DES WELTJUDENTUMS

Der Jude Chaplin wurde beim Besuch in Berlin begeistert empfangen.

Es lässt sich nicht leugnen, ein Teil des deutschen Volkes

applaudierte damals ahnungslos den zugewanderten Juden,

den Todfeinden seiner Rasse.

Wie war das möglich?

MODERNE ZEITEN WIRD IN DEUTSCHLAND VERBOTEN

Im Februar 1936

Goebbels verbietet den Vertrieb des Films in Deutschland.

Die Nazi-Presse

macht sich über den widerwärtigen jüdischen Akrobaten lustig.

Chaplin ist aber kein Jude.

Viele sehen ihn so.

Inmitten dieser Attacken

leugnet Charlie nicht, das hiesse nämlich das Spiel der Nazis spielen.

Er antwortet denen, die fragen:

"Jude? Nein, diese Ehre gebührt mir nicht.

"Ich wäre stolz gewesen, es zu sein.

In Los Angeles ist Chaplin mit vielen jüdischen Künstlern befreundet.

Er interessiert sich sehr fürs jiddische Theater.

Er ist oft mit Intellektuellen, die aus Nazideutschland flohen

und die ihm über die Judenverfolgung berichten.

Sehr früh

ist ihm die Gefahr, die von Hitler ausgeht, bewusst.

Chaplin kann nicht mehr schweigen.

Er muss das Wort ergreifen. Er macht sich an die Arbeit.

Es ist eines der längsten Skripte in der Geschichte Hollywoods.

Zwei Jahre dauert das Verfassen und füllt 300 Seiten.

Sein Erster Film mit Dialogen: Der Grosse Diktator.

Ein Film, den Chaplin entgegen allem drehen wird.

Ein Rennen gegen die Zeit. Am 10. November 1938

ist das Drehbuch fertig,

dem Tag nach der Reichskristallnacht,

einem von der SA organisierten Riesenpogrom in ganz Deutschland.

Juden werden umgebracht, festgenommen,

Synagogen werden verbrannt, Tausende Läden geplündert.

ÜBERGRIFFE IN DEN GHETTOS

DER GROSSE DIKTATOR

JÜDISCHER BESITZ BESCHLAGNAHMT

"Die Geschichte spielt zwischen den zwei Weltkriegen,

"in einer verrückten Zeit,

"in der die Menschheit grausam aufgerüttelt wurde."

Das sind die ersten Worte im Film.

Charlie baut das jüdische Ghetto im Studio in Hollywood nach,

davon zeugen diese aussergewöhnlichen Aufnahmen,

die sein Bruder in Farbe aufnahm.

Im Hintergrund sieht man Autos, die auf dem Sunset Boulevard fahren.

Es ist der 9. September 1939,

Hitler ist in Polen einmarschiert.

Die Dreharbeiten für den Film haben begonnen,

6 Tage zuvor wurde in Europa ein neuer grosser Krieg erklärt.

Charlie weiss es: Sein Film geht in die Geschichte ein.

Das Szenario ist düster. Die Geschichte ist dunkel.

Es geht um einen kleinen Fisch in einem Ozean voller Haie.

Charlie spielt zwei Rollen, den Hai und den kleinen Fisch.

Der kleine Fisch ist der jüdische Friseur.

Jede Ähnlichkeit zwischen Hynkel und dem jüdischen Friseur

"ist nur ein Zufall", warnt Chaplin zu Beginn des Films.

Der Diktator ist der Friseur,

aber vor allem, Hitler und Chaplin.

Sie beziehen sich aufeinander.

Ein Duell zwischen den zwei bekanntesten Menschen der Welt.

Der Mann, der für Humor steht, der Mann, der Angst einjagt.

"Ich wollte wie jeder Schauspieler Napoleon spielen.

"Aber ich habe mir das erspart,

"indem ich die Figur Napoleons, Hitlers und des russischen Zars

"in einer Person vereinte.

"So konnte ich alle meine Wünsche in dieser Hinsicht stillen."

Chaplin ist von Despoten fasziniert.

Bei der Vorbereitung von Der Diktator

schaut er die Nachrichten

und die Filme der Regisseurin Leni Riefenstahl,

die den Führer inszeniert.

Er ist fasziniert von seiner Wirkung auf die Massen.

Und ich glaube nicht,

dass die Gegner, die damals noch gelacht haben,

heute auch noch lachen!

"Dieser Hurensohn ist einer der besten Schauspieler, die ich kenne",

ruft Charlie aus. Er ist überwältigt.

"Plötzlich kam mir die Inspiration. Natürlich,

"in der Rolle Hitlers

"konnte ich in einer erfundenen Sprache die Massen anrufen."

Seine Exzellenz hat sich zum jüdischen Volk geäussert.

"Der Film soll zeigen, wie verrückt die Menschen handeln können,

"wenn eine Person erscheint, die laut redet,

"die verrückte Ideen vertritt

"und diese mit Faustschlägen auf den Tisch unterstreicht."

Was machen Sie da?

Keine Ahnung.

Rühren Sie das nicht an.

Hier.

Los, streich!

"Wie kann man über Hitler und die Judenverfolgung lachen?"

"Die SA von Chaplin ähnelt den Keystone Cops",

ärgern sich manche.

"Die einzige Möglichkeit, das zu überleben,

"ist, darüber zu lachen", antwortet Charlie.

Später, im Jahr 1964,

schreibt Charlie in seiner Autobiographie:

"Hätte ich gewusst, wie die Lage in den KZ der Deutschen war,

"hätte ich den Film nicht drehen können.

"Ich hätte mich nicht über den Mord der Nazis

"lustig machen können."

Einige Szenen im Film

besitzen fast dokumentarische Qualitäten

und einige Dialoge wirken prophetisch.

Komisch, die Streikführer haben alle braune Haare. Kein Blonder.

Die Braunhaarigen sind schlimmer als die Juden.

Exterminiert sie.

Nicht so schnell. Erst die Juden, dann die Braunhaarigen.

Wir werden keinen Frieden haben, bis die arische Rasse rein ist.

Wie wundervoll! Eine Nation von Blonden mit blauen Augen.

Ein blondes Europa, ein blondes Asien, ein blondes Amerika!

- Eine blonde Welt. - Und ein braunhaariger Diktator!

Diktator der Welt!

Chaplins Kühnheit verstört.

Sein fanatischer Enthusiasmus gibt dem englischen Konsulat

Anlass zu einem Bericht ans Foreign Office

über seine sozialen und rassischen Tendenzen

sowie die Figuren, über die er sich lustig mache.

Roosevelt unterstützt ihn,

aber viele wollen ihn von seinem Vorhaben abhalten.

Das Amerika der Antisemiten, natürlich,

aber auch das Amerika derer,

das in der Mehrheit

keine Kriegsbeteiligung will und das Reich ruhig halten will.

Nur kein Aufsehen erregen.

In Hollywood

versuchen jüdische Produzenten, ihm sein Projekt auszureden.

Sie wollen Nazi-Deutschland und Italien nicht vor den Kopf stossen.

"Du wirst den unseren dort das Leben unmöglich machen.

"Hitler wird rasend sein."

Aber Chaplin lässt sich nicht abbringen.

"Soll er doch wütend sein, schlimmer als jetzt wird es nicht."

Er hört nicht auf die Drohungen zu Zensur oder Boykott

in den USA und im Ausland.

"Ich werde den Film selbst vertreiben, wenn es sein muss."

"Ich bin bereit, mit dem Film Geld zu verlieren.

"Ich bin 50.

"Wozu habe ich mein Leben lang geschuftet und gearbeitet,

"wenn ich nicht drehen kann, was ich drehen will."

Charlie ist von einem Pflichtgefühl erfüllt.

Er weigert sich, seine Botschaft abzumildern.

Er nennt die Juden beim Namen und geht den Führer frontal an.

Caesar oder nichts!

Kaiser der Welt!

Die Welt für mich...

Die Szene mit dem Globustanz ist sicher die Reminiszenz

an eine Nummer, die Charlie in den Zwanzigern gern privat spielte.

Er hat die Pantomime nicht vergessen,

aber der Humor wird nun auch durch Dialoge getragen,

wie bei Groucho Marx.

Ich dachte immer, du seist Arier.

Ich bin Vegetarier.

Am 15. November 1939

besucht ein Freund Charlie,

es ist Douglas Fairbanks, sein geliebter Doug.

"Ich fand, dass er recht alt aussah, er schien besorgt.

"Aber er war genauso warhmherzig."

Charlie möchte ihm den fertigen Film zeigen.

Aber Douglas Fairbanks wird den Film nie sehen.

Er stirbt 4 Wochen später infolge eines Herzinfarkts.

Chaplin wird nie wieder eine solche Freundschaft wiederfinden.

Die Dreharbeiten für den Film gehen weiter, der Krieg auch.

Frankreich hat kapituliert. England kämpft, ist bedrängt.

Die Stimmung im Studio ist immer düsterer.

Niemand will mehr lachen.

"Dreht den Film fertig, alle erwarten ihn",

telegraphiert das Büro von United Artists in New York.

Angesichts des Vormarsches von Hitler

erscheint auch Chaplin immer ernster,

sein Ton ist schwer.

Die aktuellen Nachrichten machen ihm zu schaffen.

Die Botschaft seines Films bedrückt ihn,

die letzte Szene im Film ist für ihn eine Obsession.

Er schreibt die Rede immer wieder um.

Sie müssen reden!

Ich kann nicht.

Das ist unsere einzige Hoffnung.

Hoffnung...

Die Szene wird am 24. Juni 1940 aufgenommen.

Am Vortag ist Hitler in Paris einmarschiert.

Aber diesmal betritt

weder der jüdische Friseur, noch Hynkel die Bühne.

Chaplin ergreift das Wort.

Es tut mir leid, ich kann nicht Kaiser sein.

Das ist nicht meine Aufgabe.

Ich will weder herrschen, noch erobern.

Ich will nur allen helfen.

Juden, Christen, Schwarzen, Weissen.

Wir alle wollen einander helfen.

Es lebe das Glück, nicht das Unglück der anderen.

Wir wollen euch weder hassen, noch verachten.

In dieser Welt gibt es Platz für alle.

Die Erde ist reich und kann alle ernähren.

Das Leben kann frei und schön sein,

aber wir haben uns verirrt.

Die Gier hat die menschliche Seele vergiftet.

Sie hat Zäune des Hasses errichtet,

sie hat uns zur Misere und zu Massakern geführt.

Wir beherrschen die Geschwindigkeit, schliessen uns aber ein.

Die Maschine, die Überfluss schafft, hat uns arm gemacht.

Unsere Wissenschaft hat uns zynisch,

unsere Intelligenz grausam und gnadenlos gemacht.

Wir denken zu viel nach und fühlen nicht genug.

Wir brauchen Menschlichkeit eher als Maschinen.

Mehr als Intelligenz brauchen wir guten Willen.

Ohne diese Dinge wird das Leben nur Gewalt sein.

Alles wird verloren gehen.

Der Clown wird zum Propheten.

Der Gang der Welt hat Chaplin zu einem Statement gezwungen.

Der Diktator ist mein erster Film,

wo die Geschichte grösser ist, als der kleine Tramp.

Charlie opfert seine Figur. Charlot ist gestorben.

Er lässt die Maske fallen. Ein anderes Gesicht erscheint,

das Charles Spencer Chaplins.

Am Ende des Films wendet er sich an Hannah.

Hannah ist der Vorname der Figur, die Paulette Goddard spielt.

Hannah ist der Vorname von Charlies Mutter.

Hannah...

Hörst du mich?

Wo immer du bist, hebe die Augen!

Die Wolken verschwinden! Die Sonne scheint!

Wir verlassen die Dunkelheit und machen uns auf zum Licht!

Es ist der Beginn einer neuen Welt,

einer besseren Welt...

"Ich habe diesen Film für die Juden aller Welt gedreht",

sagt Chaplin.

Es ist der erste grosse Antinazi-Film der Filmgeschichte.

Der Grosse Diktator ist ein weltweites Ereignis,

eine politische Satire, sein grösster Erfolg.

Am 15. Oktober 1940

findet die Vorpremiere in New York statt.

Der Film kommt zwei Monate später in London heraus.

Mitten im Blitzkrieg hebt Chaplin die Moral seiner Landsleute.

Die Franzosen

entdecken den Film erst 5 Jahre später,

als der Krieg zu Ende geht, im April 1945.

Chaplin, der einsame Visionär, dickköpfig und mutig,

verteidigte in einem Schlüsselmoment

der Geschichte Demokratie und Freiheit.

"Mein Film ist per Definition antimilitaristisch."

Seine einzige Waffe ist das Lachen.

Das Lachen, aber auch seine immense Beliebtheit

und sein Vermögen, das er in den Dienst seines Ideals gestellt hat.

"Charlie Chaplin half den Menschen zu leben",

schreibt François Truffaut 1957.

Der Grosse Diktator war zwar ein Kinoerfolg,

das Plädoyer am Ende des Films

stört aber die amerikanische Presse,

die es als deplatziert und zu sentimental befindet.

Andere finden es marxistisch.

Der einzige Marx, den Charlie kennt, ist Groucho.

Hallo, Charlie!

Möge der Beste gewinnen!

Ich würde gern auf die anderen drei verzichten.

Chaplin ist in Hollywood, nicht mehr allseits beliebt.

Charlie erinnert sich: Eine Art Feindschaft kam auf.

"Die Stimmung änderte sich,

"zuerst waren es Sticheleien,

"Sarkasmus, Anekdoten über meinen Geiz,

"dann unangenehme Gerüchte über Paulette und mich."

Er trennt sich nach 8 Jahren des gemeinsam verbrachten Lebens

von Paulette Goddard.

Charlies Himmel wird düsterer.

Am 18. Mai 1942

ergreift er bei einer Versammlung zur Hilfe Russlands im Krieg das Wort.

Er ruft Amerika dazu auf, die Sowjetunion

stärker zu unterstützen.

Das Schicksal der Alliierten

liegt in den Händen der Kommunisten.

Die Russen brauchen verzweifelt Hilfe.

10 000 Menschen sind zur Versammlung gekommen.

"Kameraden, die Kommunisten sind dieselben wie wir.

"Wenn sie einen Arm oder ein Bein verlieren,

"leiden sie wie wir alle und sterben wie wir alle.

"Sie sind unsere Verbündeten."

Was erwarten Sie, wenn die Lage in Russland so verzweifelt ist?

Gebt uns eine zweite Front, sofort!

Die Freiheit, die Kühnheit Chaplins hatte sich immer ausgezahlt.

Von nun an muss er für sie aufkommen.

Seit 1922

interessiert sich die US-Regierung für den Fall Chaplin

und seine Bekanntschaft mit Kommunisten.

Der FBI überwacht ihn, hört ihn ab,

überwacht seine politischen und sexuellen Beziehungen.

Chaplin beichtet:

"Während der Arbeit interessierten mich Frauen nicht.

"Aber wenn ich zwischen zwei Filmen nichts zu tun hatte,

"war ich gefährdet."

Seine Entourage fürchtet eine neue Affäre

wie die mit Mildred Harris oder Lita Grey,

seinen ersten zwei Frauen.

Das ist gerechtfertigt.

Diesmal heisst sie Joan Barry.

Sie ist 22 Jahre alt und folgt Chaplin überall hin.

"Eine grosse, schöne, junge Frau, gut gebaut,

"mit einem ausgeprägten Oberkörper,

"insbesondere den Brüsten,

"was mich besonders reizte."

Charlie öffnet ihr die Tore von Hollywood und seines Schlafzimmers.

Aber Joan ist unberechenbar und wird ihm bald gefährlich.

Trunkenheit, Demenzzustände, Belästigung über das Telefon,

Einbruch, zerstörte Fenster, Bedrohung mit einer Waffe,

Gelderpressungen.

Sie sagt, sie sei schwanger von Chaplin.

Vaterschaftsprozess.

"Die Barry-Affäre ist ein Vorwand, um mich öffentlich zu diskreditieren,

"mich daran zu hindern, zu drehen

"und mich aus einem Land zu jagen,

"für das meine zwei Söhne

"gerade kämpfen. Dies ist politische Verfolgung.

Seine Fingerabdrücke werden vor den Kameras genommen.

Chaplin ist wütend und gedemütigt.

Er erinnert sich 12 Jahre später daran,

als er mit Amerika abrechnet,

in Ein König in New York, 1957.

Ihre rechte Hand, bitte.

Ihre Majestät, ein paar Worte für das amerikanische Volk?

Mich bewegt Ihre warme Gastfreundschaft.

Diese grossherzige Nation hat seinen Freimut bewiesen

und schützt die, die vor der Tyrannei fliehen. Danke.

Der Film bleibt in den USA bis 1973 verboten.

Das Kind von Joan Barry, das im Oktober 1943 geboren wird,

wird als Beweismittel dem Gericht präsentiert.

Das Sexualleben Charlies wird öffentlich thematisiert.

Man wirft ihm Zuhälterei vor,

23 Jahre Haft drohen ihm.

Der FBI ernennt den Richter

und bezahlt heimlich Joan Barrys Anwalt,

der Chaplin als Trinker, Schwein,

Luder, schlüpfrigen Hund und verdorben,

als grossen Kasper beschimpft.

Doch die Bluttests zeigen klar:

Chaplin ist nicht der Vater des Mädchens.

Er wird freigesprochen.

Durch eine seltsame rechtliche Wendung

und einem zweiten Prozess

wird er jedoch verpflichtet, dem Kind bis zum 21. Jahr Unterhalt zu zahlen.

Charlie erkennt das Amerika, das er liebte, nicht mehr wieder.

Ein Star wärmt ihm sein Herz.

Sie wird bis ans Ende seines Lebens leuchten.

Es ist eine junge Schauspielerin.

Sie ist die Tochter des Dramaturgen Eugene O'Neill.

Oona O'Neill wird Oona Chaplin,

am 16. Juni 1943.

Sie ist 18 Jahre alt, er ist 54.

Gemeinsam haben sie 8 Kinder.

Oona gibt ihre Schauspielerkarriere auf

und tritt nicht im nächsten Film von Chaplin auf,

der 1947 erscheint.

CHARLES CHAPLIN IN MONSIEUR VERDOUX

In der neuen Komödie geht es um Mord.

Bevor er den Titel Monsieur Verdoux erhielt,

hiess der Film The Lady Killer, Landru, dann Blaubart.

Ich frage mich, wie lang der noch brennen wird?

Das geht jetzt schon 3 Tage so.

Ja, ich habe deshalb meine Wäsche nicht aufhängen können.

"Verdoux ist ein Paradox der Tugenden und Laster", so Chaplin.

"Ein Mann der, während er seine Rosen schneidet,

"nur keine Raupe zertritt,

"während in seinem Garten

"die Leiche eines seiner Opfer in einem Ofen kremiert wird."

Zum ersten Mal trägt Chaplin einen echten Schnurrbart.

Er hat seinen Charlot-Aufzug definitiv aufgegeben.

Er tauscht das Burleske gegen einen schwarzen, britischen Humor.

Eine neue Figur, ein neuer Ton, ein neuer Diskurs zur Moral:

Monsieur Verdoux ist die Antithese Charlots.

Er ist elegant, verführerisch, kann gut reden,

zugleich aber manipulativ, polygam und kriminell.

Chaplin scheint von einer Misanthropie

und Misogynie animiert.

Der Kritiker André Bazin sagt, mit Monsieur Verdoux,

räche Chaplin sich an den Unterhaltszahlungen,

die er zahlen musste.

"Verdoux ist eine diabolische Satire und Gesellschaftskritik",

schreibt Chaplin, "die sich über das konforme Leben

"der Bourgeoisie lustig macht."

Ein lustiges, gefährliches Spiel.

Der Film wurde ein Jahr nach dem Bombardement

von Hiroshima und Nagasaki gedreht.

Während der Prozessszene, ergreift Chaplin - Verdoux das Wort.

Was den Massenmord betrifft:

Die Welt ermutigt uns doch dazu,

indem es Waffen der Massenvernichtung schafft.

Sie haben Frauen und Kinder zerstückelt,

auf wissenschaftlich präzise Weise.

Ich als Massenmörder bin ein Amateur.

Aber ich werde meine Fassung nicht verlieren,

denn bald werde ich meinen Kopf verlieren.

Bevor Verdoux aufs Schafott steigt, präsentiert er seine Moral.

"Ein Mord macht den Mörder,

"Millionen Morde den Helden. Die Zahl macht heilig."

Monsieur Verdoux

ist ein Erfolg in Europa, aber ein Misserfolg in den USA,

wo zahlreiche Bundesstaaten den Film auf Druck der katholischen

und der American Legion boykottieren,

welche diese neue Provokation stört.

Bei der Vorpremiere am Broadway am 11. April 1947

hört Chaplin einige Buh-Rufe vom Publikum.

"Die Pfiffe

"haben mir weher getan

"als alle negativen Kritiken, die ich gelesen habe."

Auch die Journalisten halten nicht zurück.

Im Pressesaal war noch nie ein solcher Andrang zu sehen.

Chaplin eröffnet wie folgt:

Meine Damen und Herren der Presse, verlieren Sie nicht Ihre Zeit.

Beginnen wir mit dem Massaker!

Beantworten Sie diese Frage:

- Sind Sie Kommunist? - Nein.

Sympathisant?

Was meinen Sie damit?

Während des Kriegs habe ich mit Russland sympathisiert,

weil ich glaube, dass Russland die Front hielt.

Ich habe ein Gedächtnis und glaube,

dass ich Russland zu Dank verpflichtet bin.

In diesem Sinne bin ich ein Sympathisant, ja.

Die Journalisten stellen weiter Fragen:

"Kennen Sie Hanns Eisler?"

"Ja, er ist ein guter Freund und grosser Musiker", sagt Charlie.

Eisler wird von der Kommission

anti-amerikanischer Aktivitäten befragt.

Er ist deutscher Jude und Marxist.

Hanns Eisler floh 1933 vor Nazi-Deutschland.

Die Kommission ermittelt zur Präsenz kommunistischer Elemente,

die die Gesellschaft, vor allem Hollywood unterwandert haben sollen.

Der Komponist wird zum Karl Marx der Musik abgestempelt.

Die rote Gefahr, schwarze Listen, der Kalte Krieg beginnt.

Amerika beginnt mit einer Hexenjagd.

Schauspieler und Cineasten spielen die Denunzianten.

Chaplins Hilfe bringt nichts.

Eisler wird der Spionage bezichtigt und 1948 aus den USA ausgewiesen.

Charlie ist erschüttert.

Nun ist auch er im Visier von J. Edgar Hoover.

Destabilisierung, Diffamierung,

der Chef des FBI lässt nicht mehr locker.

Er will Chaplin loswerden, der zu unabhängig, zu beliebt ist.

Es ist ein Stellungskrieg.

Der FBI, die Justiz, die Presse,

Amerika will die Haut Charles Spencer Chaplins.

Am 13. Juni 1947

verlangt ein Mitglied des Kongress offiziell seine Ausweisung.

"Seine hasswürdigen Filme sollten der Jugend nicht gezeigt werden."

Chaplin ist bereit,

Fragen der Kommission zu beantworten,

warnt aber: Er wird im Charlot-Kostüm kommen.

Der FBI zieht es vor, ihn diskreter zu verhören,

in seinem Haus in Beverly Hills, 4 Stunden lang.

"Sind Sie Kommunist? Sind Sie Jude?

"Waren Sie schon einmal untreu?"

"Warum haben Sie keine US-Staatsbürgerschaft beantragt?"

"Ich bin ein Bürger der Welt.

"Ich hasse es, wenn im Namen des Patriotismus getötet

"oder gestorben werden soll."

Das Haus Chaplins scheint nunmehr wie verlassen.

Es gibt nur selten Einladungen und Gäste.

Sein Sohn Charlie Junior erinnert sich:

"Die grüne Wiese und das Tennishaus,

"das Sonntag nachmittags so viele Gäste anzog, waren leer.

"Mein Vater war damals der einsamste Mensch in Hollywood.

"Die, die ihn früher verehrten, kehrten sich von ihm ab."

Charlie lebt umgeben von der Liebe von Oona und der der Kinder.

Er hat einen neuen Film vollendet, Limelight, Rampenlicht.

Chaplin besteht darauf,

diesmal findet die Premiere in England statt.

Es ist die Gelegenheit, seiner Familie

das London seiner Kindheit zu zeigen.

Wissen Charlie und Oona schon,

dass sie Hollywood für immer verlassen?

Beim Zwischenstopp in Cherbourg

lächelt Chaplin auf dem Liner,

der ihn und seine Familie

in seine Heimat, England, zurückführt,

als er von der Entscheidung

des Attorney General der USA erfährt,

der ihm mit einer Ermittlung wegen Kommunismus droht.

Charlot ist zuversichtlich, denn er kann nichts ernst nehmen.

Während der Überfahrt

erfährt Chaplin, dass sein Rückkehrvisum gestrichen wurde.

Nach 40 Jahren Arbeit in den USA

wird der Immigrant nach Hause geschickt.

Charlie Chaplin beginnt in London einen echten Honeymoon

mit seiner Frau Oona.

Charlot ist 20 Jahre lang nicht mehr in London gewesen,

doch seine Geburtsstadt scheint ihm nicht böse zu sein.

Vom Dach aus zeigte er ihr die Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Manche waren neu,

aber die meisten kennt er noch aus der Vergangenheit.

Für seine Frau dürfte es faszinierend sein.

Willkommen in Grossbritannien, Hr. und Fr. Charles Chaplin!

Bei der Vorpremiere von Rampenlicht erwartet ganz London Chaplin.

Limelight ist die Geschichte eines einst berühmten Clowns,

den das Publikum vergisst.

Charlies Obsession ist es, dass ihm die Inspiration ausgehen,

dass man ihn vergessen werde,

ihn abweisen werde.

"Ich hatte mir den Hass eines Landes zugezogen,

"meine Karriere als Cineast war zu Ende."

Charlie weiss: Nichts kann ihn je vom Verdacht reinwaschen.

Die Prozesse und Skandale haben seinem Image geschadet.

Aber Grossbritannien ist nicht Amerika.

Hier fühle ich mich zuhause.

Ich dachte, Sie hassen das Theater?

Ja. Ich kann auch kein Blut sehen, aber es fliesst in meinen Venen.

Herein!

Hr. Calvero, auf die Bühne, bitte!

Charlie Chaplin tritt gemeinsam

mit Buster Keaton auf.

Limelight ist nicht der letzte Chaplin-Film,

aber er fühlt sich wie ein Testament an.

Ich bin wirklich beeindruckt, bewegt.

Diese freundschaftliche Aufnahme bewegt mich sehr,

die Liebe der Leute hier...

Diese warme Aufnahme ist wirklich etwas Besonderes,

ich bin wirklich dankbar.

Chaplin beschliesst, in Europa zu bleiben.

"Ich will nicht in die USA zurückkehren,

"selbst wenn Christus selbst dort Präsident wird.

"Ich wurde 15 Jahre lang bedrängt, man nannte mich einen Kommunisten.

"Man verfolgte mich wie einen Kriminellen.

"Ich wäre wegen Zuhälterei fast zu 25 Jahren Haft verurteilt worden.

"Ich werde den Vertrieb meiner Filme in Amerika nie wieder erlauben.

"Ja, ich bin verbittert. Es ist ein düsteres Land.

"Man lehrt die Kinder dort den Hass und die Denunziation

"in einer Atmosphäre religiöser Hypokrisie."

Die Familie Chaplin beschliesst,

in die Schweiz zu ziehen,

in ein Haus am Genfer See,

ein paar Kilometer von Lausanne.

Ein kleines - fiskales - Paradies auf Erden.

Chaplin verbringt hier seine letzten 25 Lebensjahre.

Hier verfasst er seine letzten 2 Drehbücher

und komponiert Musik.

Für das Wiedererscheinen von Zirkus

nimmt er im Alter von 80 Jahren ein Lied auf.

Die ersten 4 Kinder Oonas und Charlies wurden in Kalifornien,

die letzten 4 in der Schweiz geboren.

Géraldine ist die Älteste.

Schreibt er Drehbücher?

Ja, zurzeit, ja.

Er schreibt nun seit 7 Jahren an seinen Memoiren, sie erscheinen bald.

Ich weiss nicht, was er danach machen wird.

Ich glaube, er wird noch einen Film drehen,

weil er arbeiten muss.

"Ich werde nie in Rente gehen", sagt Chaplin oft.

Nach Ein König in New York und seinen Memoiren

dreht er seinen ersten Breitwand- und Farbfilm, ein Format,

das er stets kritisierte.

Es ist sein letzter Film.

DIE GRÄFIN VON HONG KONG

Marlon Brando, wie Sie ihn noch nie gesehen haben,

begleitet von der schönsten Frau der Welt, Sophie Loren.

Sydney Chaplin.

Charles Chaplin's.

Der brillante Komiker, der grosse Dramaturg.

Charlie bleibt hinter der Kamera.

Er ist 77 Jahre alt.

Der Film wird von der Kritik nicht sehr positiv aufgenommen.

Die romantische Komödie ist zwar charmant,

kann aber im Vergleich zu Filmen wie

The Graduate, Bonnie and Clyde

und einem Film von Polanski aus dem Jahr 1967,

Der Ball der Vampire, nicht bestehen.

Chaplin, der gestern progressiv war, ist heute konservativ.

"Armer Chaplin, du gehörst nicht mehr

"zur Moderne",

schreibt eine Londoner Zeitschrift.

"Arbeiten heisst leben, und ich liebe das Leben", antwortet Charlie.

Das Alter führt zu zahlreichen Ehren,

ein Regen an Dekorationen und Auszeichnungen,

Festival von Cannes, Mostra in Venedig,

2 Jahre vor seinem Tod wird Charles gar zum Ritter geschlagen.

Erst 1972

erinnern sich die USA an ihn.

20 Jahre nach seiner Verbannung wird Chaplin in die USA eingeladen.

Er soll einen Oscar erhalten.

Es ist eine späte Wende, er ist bereits 83 Jahre alt.

Er erhält ein Visum, um die USA zu besuchen,

das aber nur 10 Tage gültig ist.

"Gut so", freut sich Charlie, "sie fürchten mich immer noch."

2 Tage vor der Zeremonie findet ein Essen zu seinen Ehren statt.

Der Mann, der jahrzehntelang Hollywoods Publikumsliebling war,

trifft auf seinen alten Kameraden Groucho Marx.

Chaplin wird in seinen Studios am Sunset Boulevard erwartet,

ein Empfang wurde organisiert.

Die Limousine fährt auf der La Brea Avenue.

Aber Chaplin hat nicht den Mut, aus dem Auto auszusteigen.

Zu viele Erinnerungen.

"Wenn Junge und Alte nur gleich alt sein könnten", schreibt er.

Am Abend der Oscarzeremonie ist Chaplin unsicher,

wie man ihn empfangen wird.

Bravo!

Bravo! Bravo!

In der Menge, die applaudiert,

teilte ein Mann die Leinwand vor über 50 Jahren mit Chaplin.

Der erste grosse Erfolg Charlots,

the Kid, Jackie Coogan.

Worte scheinen so schwach, so belanglos...

Ich kann mich nur bedanken, dass Sie mir die Ehre erwiesen haben,

mich hierher einzuladen.

Sie sind wunderbare, liebe Menschen.

Danke.

GENAUSO UNABWENDBAR WIE DER TOD IST DAS LEBEN.

DAS LEBEN IST ETWAS WUNDERBARES, SELBST FÜR EINE QUALLE.

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