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Original subtitles

(spannungsvolles Surren)

(Keuchen, Ratschen)

(entspannte Kontrabassmusik setzt ein)

(flotte Jazzmusik)

(weiteres Ratschen)

(Jazzmusik verklingt)

(spannungsvolle Musik)

(sie keucht)

(Klopfen)

(aufreibende Jazzmusik)

(Klopfen)

(Polizist) Tür öffnen. Sonst brechen wir sie auf.

(Klopfen)

(Klopfen)

Guten Morgen, Fräulein Münter.

Was wollen Sie?

Jäger, Reichskunstkammer. Landesleitung Bayern.

(Krähe krächzt)

Mir wurde zugetragen, dass Sie entartete Kunst bei sich beherbergen.

Werke, die gegen das gesunde deutsche Volksempfinden verstoßen.

(Münter) Hier sind nur meine Bilder.

Bilder dieses Bolschewiken.

Kandinsky.

Von Kandinsky habe ich seit 20 Jahren nichts mehr gehört.

(entferntes Klirren)

Halten Sie mich nicht zum Narren, Fräulein Münter.

Sie waren doch jahrelang die Geliebte dieses Volksfeindes.

Eine Blutsverräterin.

Nein.

Das stimmt so nicht.

Soll das Ihren Vater darstellen?

(Münter) Meinen älteren Bruder.

Herr Jäger? Kommen Sie bitte mal nach oben?

Mhm.

Mhm.

(er seufzt betont)

Alles reichskonform.

Und wirklich von Ihnen?

(Münter) Sie sind doch der Fachmann.

Gibt es einen Keller?

Und die? Sind auch von Ihnen?

Das ist scheußlich.

1908.

Hat da der Bolschewik mit Ihnen hier schon gehaust? Hm?

"Russenhaus" haben es die Murnauer getauft. Richtig?

Das nehme ich mit, Fräulein Münter.

Sie wissen ja, was der Führer gesagt hat.

Werke, die man nicht versteht

und für die man eine schwulstige Gebrauchsanweisung braucht,

die werden den Weg zum deutschen Volk nicht mehr finden.

(unheimliches Schwelen)

(sie atmet zittrig)

Sie bestätigen die Schenkung des Gemäldes an die Reichskunstkammer.

Heil Hitler.

(Autotüren werden zugeknallt)

(Motor startet)

Irgendwann erwische ich dich, du Russenhure.

(melancholische Klaviermusik setzt ein)

(sie seufzt)

Wassily.

Dass ich schon wieder mein Leben für dich riskiere.

Das hast du nicht verdient.

Nicht im Geringsten.

(Emmy) Mississippi, Arkansas, Texas, New York.

Zwei wundervolle Jahre auf den Spuren von Mutter und Vater.

Was hat Ihnen am besten gefallen, Ella?

Die Freiheit und Selbstbestimmtheit amerikanischer Frauen.

Dass sie anerkannt werden wie ihr Männer.

Dass sie arbeiten gehen dürfen, ohne dass man sie schief ansieht.

Dass sie respektiert werden für das, was sie mit Leidenschaft tun.

Und was ist Ihre Leidenschaft?

Die Kunst.

In Deutschland werden Künstlerinnen leider in zwei Kategorien eingeteilt.

In die, die geheiratet werden möchten, und die,

die kein Talent haben.

(sie schlürft und seufzt erfrischt)

Die Damen. Man sieht sich.

Ach, Ellalein.

So wird das nie was.

Finde einen Mann, der dich respektiert,

und er zahlt dir dein Kunststudium.

Oh, Emmy, wenn du dich ewig von einem Mann abhängig machen willst, bitte.

Du träumst.

Staatliche Schulen sind für uns unzugänglich. Private kosten viel.

Ja, aber wir haben doch Geld.

Die privaten kosten das Fünffache. Auch Vaters Erbe würde nicht reichen.

Das werden wir ja sehen.

(entspannt Jazzmusik)

Ups.

(Münter) Liebe Emmy, lieber Schwager.

Ich bin in München an der privaten Schule des Künstlerinnen-Vereins.

Und um ehrlich zu sein,

es ist rausgeschmissenes Geld.

(Professor) Aha.

Oh.

(leise) So lustlos, wie er stolziert, will er nur weg von der Frauenschule.

Fräulein Münter, gut so.

Sie kommen meiner Technik schon recht nahe.

Sie erfassen die Linie,

Sie charakterisieren das Typische im Umriss, lassen die Kontur wirken

und Sie beleben die Fläche kaum mit Schraffur oder Binnenzeichnung.

Ja.

Ich danke Ihnen, Professor.

Aber ich sehe mich weit von Ihrer Kunst entfernt.

Sie erwecken das Statische,

das klassisch Gebändigte zum Leben, und ich...

Sie bevorzugen das Spontane, das Anekdotische.

Aber hier in diesem Kurs lehren wir eine andere Herangehensweise.

Dafür fehlt mir wahrscheinlich der künstlerische Weitblick.

Das müssen Sie wohl bei einem anderen Professor in Erfahrung bringen.

Ich wechsle schon bald an die Königliche Kunstgewerbeschule.

Ich fokussiere mich aufs Ornamentzeichnen.

(leise) Sagte ich doch.

(Münter) Es ist wie in der Düsseldorfer Zeichenschule.

Ein beschränktes Angebot, keine Meisterklassen. Wie kommt man voran?

(Klopfen)

- Niemand da! - (Susala lacht)

- (Susala) Ich bin's, Ella. Mach auf. - Lass mich.

Ich habe Kopfschmerzen und zu nichts Lust auf der Welt.

Ach, komm schon.

Hör auf zu nörgeln.

Wir ziehen heute um die Häuser und machen Schwabing unsicher.

- Ach, grüß Gott. - Grüß Gott.

(Susala) Ella.

Komm, hab mal wieder Spaß am Leben, du elende Trauerweide.

Was hast du gesagt?

Elende Trauerweide?

Dir werde ich es zeigen.

(flotte Jazzmusik)

München, die Stadt der Frauen. Angeblich genauso tolerant wie Paris.

Warum ist das nur in der Kunst noch nicht angekommen?

Ella!

Man duldet Handarbeits-, Zeichenlehrerinnen,

Fotografinnen und Buchbinderinnen.

Aber die freie Künstlerin, die bleibt suspekt.

Das ist so eine Schweinerei.

(bayrisch) Seid's froh, vor 100 Jahr'n habt's so junge Fräuleins

no Nähen und Stricken lerna miss'n.

Des machen jetzt die Maschinen. Und ihr sitzt fein im Biergarten.

Aber ihr woit's wos z'doa und stürzt's eich auf die Kunst.

Ist ja gut.

Selbst du gingst in die angewandte Kunst.

So kann ich an einer staatlichen Kunstschule studieren.

(Gast) 90 Prozent von eich warten doch drauf, dass a Mo auftaucht

und eich vo eiam Joch befreit.

De restlichen zehn Prozent hocken völlig sinnlos umanand.

- Eha. De traut si wos. - Zeit zu gehen.

(sie lachen)

(flotte Jazzmusik läuft weiter)

(Applaus)

Mesdames et Messieurs,

hier kommen "Die Elf Scharfrichter".

(pompöse Musik)

Äh, zwei Bier, bitte.

Erbauet ragt der schwarze Block

Wir richten scharf und herzlich

Blutrotes Herz

Blutroter Rock

All unsere Lust ist schmerzlich

Wer mit dem Tag verfeindet ist...

Der in der Mitte ist Scharfrichter Frigidus Strang.

Er ist Anwalt. Er hat mir den Kontakt mit Ernst Neumann gemacht.

Danke. Wer war das noch mal?

- Ich belegte seinen Holzschnittkurs. - Ah, ja.

(Münter) Der zweite von rechts, Scharfrichter Kaspar Beil.

Er hat das Plakat mitgestaltet.

(Susala) Erinnert an den "Simplicissimus".

Da kamen sie auf die Idee mit dem Kabarett.

- (Susala) Ach so. Prost. - (Münter) Prost.

(Zuschauer 1) Bravo!

(Münter) Bravo!

- Fräulein Münter. - Herr Neumann.

Schön, Sie hier zu sehen.

- Oh. Grüß Gott. Susala. - Grüß Gott.

- Wie kommen Sie mit der Kunst voran? - Schlecht. Ich komme gar nicht voran.

Hereinspaziert in die Menagerie.

Mein letzter Professor hielt mich für begabt,

meckerte aber sofort herum,

wenn ich einen spontanen Moment festgehalten habe.

Boah, immer die alte Leier.

Er fordert die kühle, sterile Nachbildung eines Objekts in Linien.

- Ja. - Haben Sie von der Phalanx gehört?

Was soll das sein? Eine antike Kampfformation mit Volldeppen?

So ein Schmarrn, Fräulein Münter.

Ist eine Vereinigung von Künstlern und Malern.

Und Malerinnen.

Einige Scharfrichter sind dabei.

Unter so vielen Talentfreien falle ich dann vielleicht nicht auf.

Sch. Seid mal ruhig.

Doch will man Großes in der Kunst erreichen...

darf man Verdienst nicht mit dem Lohn vergleichen.

(Gast 1) Genau so ist es.

- (Gästin) Bravo! - (Gast 2) Auf die Künste!

(Gästin) Bravo!

(sie lachen)

Guten Abend.

(entspannte Jazzmusik)

- Guten Morgen, Herr Professor. - Guten Morgen.

(Musik verklingt)

Ich dachte, wir lernen hier Aktzeichnen.

Des is der Modellierkurs.

- Aktzeichnen ist am Abendakt. - Abendakt?

- Bei dem Russen. - Welcher Russe?

- Na, Kandinsky. - Kandinsky. Nie gehört.

- Und Frauen sind da wirklich erlaubt? - Ja, logisch.

Mir san hier do ned in der Spießerakademie.

Hier derfen auch d'Madeln an Blick auf Adams Stangerl werfen.

Die kann's ned dawarten, an Blick auf unsere bayerische Pracht z' werfn.

- (Professor) Meine Damen und Herren. - (Studenten) Grüß Gott.

(Ticken)

(seufzend) Mist.

(mit russischem Akzent) Zu spät. Gehen Sie und schließen Sie die Tür.

Haben Sie mich nicht verstanden oder sind Sie...

Tut mir leid, ich...

Ich bin eingeschlafen.

Ich möchte unbedingt bei Ihnen bleiben.

(Gelächter)

Nun, ob Sie unbedingt gleich bei mir bleiben können, das weiß ich nicht.

Aber am Kurs können Sie gerne teilnehmen. Otto, helfen Sie bitte.

- (Otto) Jawohl. - (Studentin 1) Herr Professor?

Wie kann ich diese Körperkontur hier betonen?

Also gut, lassen Sie mal sehen.

Belassen Sie es nicht einfach bei der Umrandung.

Heben Sie bestimmte Bereiche durch stärkere Linienführung hervor.

Versuchen Sie, das zu erfassen,

was unter der Haut liegt.

Einzelne Muskelpartien, ihre Struktur und...

(verspielte Klaviermusik setzt ein)

(sie seufzt) So ein Mist.

- Darf ich Ihnen helfen? - Nein. Ich komme zurecht.

(schwermütige Jazzmusik)

Guten Morgen.

(Münter) Guten Morgen.

- (Klirren) - Oh.

Guten Morgen, Fräulein Münter.

Danke.

Ja, nicht, dass ich wieder zu spät bin.

Morgen.

(kurzer Pfiff)

Guten Morgen, meine Damen, meine Herren.

Da Sie in den vergangenen Wochen alle

eine hervorragende Arbeit geleistet haben,

möchte ich mit Ihnen einen Ausflug nach Kochel am See unternehmen.

Freuen Sie sich auf einen Sommerkurs "Landschaftsmalerei im Freien".

(verspielte Jazzmusik)

Sich irgendwo hinstellen

und die Landschaft abmalen,

so wird das seit Jahrhunderten gemacht.

Ich sage Ihnen, trennen Sie sich vom Subjekt.

Lasst die Natur, den Himmel,

aber vor allem die Farben auf euch wirken.

Jeder soll seine eigene Welt neu erfinden.

(Pfiff)

Ferdinand, halten Sie mal bitte.

Ich möchte...

dass Sie hier...

und jetzt malen.

So, wie Sie die Natur erleben.

So, wie Sie sie fühlen.

Und denken Sie daran:

keine Grenzen.

Danke.

(Pfiff)

Und wir sehen uns später im Gasthof.

- Die Wolken sehen aus wie Watte. - Ist nicht einfach, finde ich auch.

- Jaja, schon gut. - Aber die Berge hast du dafür.

Und du, Ella, immer noch fleißig?

(sie schreckt auf)

Oh.

(Kandinsky) Weißt du eigentlich, was das für mich bedeutet?

Dass ich jemanden wie dich kennenlernen durfte?

Ja. Ein schmachtendes Weib mehr in deiner Klasse.

Ach, Ella. Kannst du nicht einmal ernst sein?

Auch wenn du ein paar Jahre jünger bist.

Ein paar? Elf, um genau zu sein, Herr Professor.

Nein. Das habe ich dir doch schon gesagt. Nenn mich bitte Wassily.

Gut, Professor Wassily.

Merkst du nicht, dass du viel mehr für mich bist als...

als nur eine gewöhnliche Schülerin?

Hm. Und was genau?

Dein privates Amüsement oder...

die Ergänzung zum tiefen Ernst deiner unergründlich russischen Seele?

Du willst mir also sagen, du spürst nicht

die Seelenverwandtschaft zwischen uns?

- Hm? - Hm...

Schon nach so kurzer Zeit?

Ja. Schon nach so kurzer Zeit.

Nein, wir haben beide komplett unterschiedliche Seelen.

Du bist ein russischer Schwerenöter

und ich eine abenteuerlustige Deutsche.

Und verwandt sind wir auch nicht. Ich glaube, das wäre mir aufgefallen.

Weißt du, Ella, wahre Künstler,

sie kommen mit ihrem eigenen Seelentraum auf die Welt.

Sie bringen ihre innere Welt zum Ausdruck.

Das...

gelingt mir aber nicht, nicht so wie dir.

Ich...

ich male einfach das, was mich für den Moment fasziniert.

Ohne lange über Farben und Komposition nachzudenken.

Ja.

Ja, ich verstehe.

Unendlich viele Sinneseindrücke

spontan...

auf die Leinwand bannen.

Ja.

Komm, lass uns schwimmen gehen. Ganz spontan.

Komm!

(sanfte Musik)

(sie stöhnt)

(unheilvolle Musik)

- (Münter) Es ist wunderbar. - (Wiehern)

Los, komm rein.

Ich, äh...

Ich bin kein Freund von tiefem Wasser.

Ah, ja?

- Ja. - Na dann...

Oh, Ella.

(Münter) Oh.

(dumpfes Rauschen)

(Kinderschreie)

(Wiehern)

(Kandinsky Senior, russisch)

(Mutter Kandinsky, russisch)

(Kandinsky Senior)

(russisch)

(unheilvolle Musik)

(Münter) Was ist los?

Wegen dir...

kann ich jetzt nur noch diffuse Umrisse erkennen.

Oh. Das tut mir aber leid.

Das muss es nicht, du kleines Schwimmfüchslein.

Danke schön.

(ruhige Jazzmusik)

(ruhige Jazzmusik läuft weiter)

Machst du das eigentlich immer so mit deinen Studentinnen?

Nein, Ella.

Aber...

es sollte dennoch unser kleines Geheimnis bleiben, vorerst.

Unser Geheimnis?

Ja.

Meine Frau ist auf dem Weg hierher.

Was? Du...

Du bist verheiratet?

Ja. Seit zehn Jahren.

Aber es ist nicht so, wie du denkst.

Was ist das denn für eine dämliche Aussage?

Mein Ellchen.

Du wirst das jetzt vielleicht nicht verstehen,

aber meine Frau und ich,

wir kennen uns seit der Kindheit.

Und ich respektiere Anja,

aber zwischen uns gibt es keine Leidenschaft.

Und gab es eigentlich noch nie.

Wenn das so ist, trenn dich doch von ihr.

Ja, das ist, ähm...

Das ist nicht so einfach.

Sie hat alles für mich geopfert, was sie liebt, Russland,

ihre Familie, ihre Freunde,

um mit mir ein neues Leben in Deutschland anzufangen.

Und deswegen...

Deswegen möchte ich dich bitten, morgen abzureisen.

Mein Ellchen...

Lass es.

(Emmy) Das war abzusehen. Künstler und dazu noch verheiratet?

Was hast du erwartet?

Emmy, jetzt gieß nicht noch Öl ins Feuer.

Ella ist schon traurig genug.

Ich habe sie immer vor so einem Leben gewarnt.

Weil deines viel besser ist?

Mit einer spießbürgerlichen Familie Karten spielen,

und Kissen sticken, die keiner braucht?

Nein, danke, dann leide ich lieber.

Aber als Zufluchtsort für deine Eskapaden sind wir gerade gut genug?

Nicht wahr, Ella?

Was bildest du dir eigentlich ein?

Entschuldigung.

Ich wollte euch nicht beleidigen.

Ich fahre morgen nach München zurück.

Das Wintersemester beginnt.

(schwermütige Musik)

(Frau Mayr) Hier ist der Schlüssel. Ganz nach vorne und dann rechts.

- Danke, Frau Mayr. - Bitte.

Ach, da kommt ja die Kleine.

- Hallo. Guten Abend, Fräulein Münter. - Guten Abend, Frau Mayr.

Die sind alle von einem hartnäckigen Verehrer.

Jeden Tag kommt Post.

Einmal ein Brief, einmal eine Karte.

- Bitte schön. - Danke sehr.

(Kandinsky) Wenn du nicht da bist, so spreche ich mit dir in Gedanken.

Ich kann und will nicht mehr ohne dich leben.

Es scheint mir, dass du mich viel, viel zu wenig

und vielleicht gar nicht liebst.

Dein K.

Ja, die Mannsbilder.

Die sind so was von kompliziert.

Ja. Und der hier ganz besonders.

Ich könnte Ihnen auch so viel erzählen.

Von meiner Zeit, wo ich noch wild und jung war.

Gute Nacht.

Gute Nacht.

(schwermütige Musik verklingt)

(Bellen)

(Knurren)

(Kandinsky) Ach, Fräulein Münter.

Welch Überraschung. Darf ich Ihnen meine Frau Anja vorstellen?

Und das ist... Das ist Daisy.

Anja, das ist Gabriele Münter,

eine meiner besten Schülerinnen der Phalanx.

Guten Tag, Frau Kandinsky.

Ihr Mann ist ein wunderbarer Lehrer.

Ja. Höre ich nicht zum ersten Mal.

(Daisy knurrt und bellt)

Ja, ich... Ich muss dann jetzt auch weiter.

Ich habe sonst kein gutes Licht mehr zum Malen.

- Sie entschuldigen mich. - Ja.

(Daisy bellt)

(russisch)

(russisch)

Man könnte meinen, dass du diese Situation genießt.

Sprich leise. Der Unterricht beginnt gleich. Man könnte uns hören.

Mir doch egal. Sollen es doch alle hören.

Mir ist dieses Lügen und Heimlichtun so zuwider.

Wenn wir nicht unsere Zuneigung zeigen können,

muss ich eben darauf verzichten.

(Kandinsky) Mein Füchschen.

Ich verspreche dir, es kommt eine goldene Zeit,

wo wir Hand in Hand durchs Leben gehen.

Guten Morgen, Professor.

- Guten Morgen. - Morgen.

- (Kandinsky) Guten Morgen. - (Studentin) Morgen.

(Kandinsky) Der Künstler

muss seine Begabung durch und durch kennen.

Deswegen vergessen Sie nie:

Ihre wichtigste Aufgabe ist es,

die Leinwand singen zu lassen,

eine Komposition zu erschaffen.

(Studentin 1) Wie soll das gehen?

(Kandinsky) Nehmen Sie wenig Schwarz.

Denn Schwarz ist wie ein totes Nichts

nach dem Erlöschen der Sonne.

Wie ein eisiges Schweigen,

ohne Hoffnung und ohne Zukunft.

(flotte Jazzmusik)

(Münter) Herr Professor hinter Martha, bitte.

Und Martha, weiter nach links.

Ja, genau. Die Krawatten schön richten.

Und...

Sehr schön. Danke.

(Studentin) Ich hoffe, ich schlafe neben keinem, der schnarcht.

- So, der Herr Kell? - (Kell) Ja, das bin ich.

Die Nummer 15 für Sie. Das wäre gleich da.

- Für Fräulein Münter Nummer 16. - Ja.

(Wirtin) Und der Herr Professor die Nummer 14.

Oh, falsch.

Entschuldigung.

Danke schön.

- Die Nummer 16 wäre dann gleich da. - Ja.

(Wirtin) Gut, dann haben wir die Nummern

sechs, vier und acht.

Moment, ich schaue kurz.

(schwermütige Musik)

(Kuckuckrufe, Zirpen)

(Fliegen summen)

Versuch es mal...

damit.

- Spachteltechnik? - Natürlich kannst du es.

Ich zeige es dir.

- Was hast du da? - Hm?

Wassily.

- Gefällt dir unser Verlobungsring? - Ja.

Sehr.

(schwermütige Musik läuft weiter)

Und?

Bist du endlich zufrieden, mein kleines Ellchen?

Erst, wenn du gesetzlich geschieden bist,

und ich mich dann ganz offiziell Frau Gabriele Kandinsky nennen darf.

(Kandinsky) Hm.

Ella, wir sind eine Gewissensbindung eingegangen,

die viel beständiger ist als alle Rituale und Dokumente.

Sei doch einfach mal unbeschwert glücklich

und lass uns diesen wunderbaren Moment genießen.

So schön.

Ja.

Weiterhin getrennte Zimmer? Ich muss auf der anderen Straßenseite gehen?

Anja sagt, ich hätte ihr alles genommen

und deswegen kein Recht auf Glück habe.

Wir müssen ihr einfach mehr Zeit geben.

Wie viel Zeit denn noch?

Ich habe das Gefühl,

du hast keine Vorstellung davon, wie schwer das für mich ist.

Ich fühle mich wie in einem Gefängnis.

Warum denkst du eigentlich immer nur an dich?

Was ist denn mit mir?

Aber ich denke doch ständig an dich. (Frauen lachen im Hintergrund)

Und meinem Gefühl nach bist du doch schon längst meine Frau.

- Aber Anja... - (seufzend) Anja.

Anja ist sie hingegen vollkommen.

Eine Scheidung wäre eine seelische Grausamkeit,

zu der ich mich nicht fähig fühle, tut mir leid.

(sie schnaubt)

Sie ist das einzige Bindeglied zu deinem geliebten Vaterland.

Ist es das?

Ella, hör zu.

Unsere Ehe wurde nach orthodoxem russischem Ritus geschlossen.

Aber... (er seufzt)

Wir haben dabei einen eher hindernden Grund verschwiegen.

Wir sind Blutsverwandte.

Cousin und Cousine.

Was?

Auch das noch. Wassily, ich... ich fasse es nicht.

Ich werde mit Anja nach Moskau reisen,

um zu sehen, wie wir aus dieser Situation rauskommen.

(sie seufzt)

"Ich freue mich, wenn du brav und ordentlich das tust,

was ich will, ohne Ermahnung."

Das hast du geschrieben, in einem deiner die Liebe beteuernden Briefe.

Aber so bin ich nicht. Und so werde ich auch nie sein.

Gute Nacht.

(Kandinsky) Es meldeten sich immer weniger Studenten bei der Phalanx an.

Deswegen muss ich Ihnen leider mitteilen, dass wir schließen müssen.

(Student) Das ist nicht wahr.

Das ist eine Katastrophe. Wo werden wir auf so einem Niveau weiterlernen?

Nun, junger Mann, es gibt so viele Kunstakademien in München.

Sie werden ganz bestimmt eine andere finden.

- Keine, die Frauen eine Chance gibt. - Es...

Es tut mir leid.

(unruhiges Stimmengewirr)

Bist du sicher, dass du dir das antun willst?

Was denn antun, Susala?

Grenzenlos frei sein und ziellos die Welt entdecken?

Das ist genau das, was ich will.

Und außerdem...

Außerdem hat Anja Wassily endlich freigegeben.

Warum will er dann unbedingt weg?

Warum baut er sich nicht hier ein Leben mit dir auf?

Er ist enttäuscht von hier.

Die Schließung der Phalanx gab ihm den Rest.

Und außerdem möchte er etwas Neues erleben.

Und zwar mit mir. Mit mir ganz allein.

Du fährst mit einem Mann, der dir das Blaue vom Himmel verspricht,

aber bis heute nichts von alldem gehalten hat.

Das Blau hat er mir nicht nur versprochen, sondern geschenkt.

Himmelblau, Pfauenblau, Ultramarin und Kobaltblau.

Ella, ich meine es ernst.

Ich gebe wenig auf Konventionen, das weißt du.

Aber was er von dir verlangt, ist zu viel.

Dein Ruf steht auf dem Spiel, seiner nicht.

Du klingst schon genauso spießig wie meine Schwester.

Susala, ich liebe ihn.

Mehr als irgendetwas auf dieser Welt.

Vielleicht sogar mehr als die Malerei.

Ich schreibe dir, wann immer ich kann, versprochen.

Hm?

(ausgelassene Musik)

(Pfeifen)

(ausgelassene Musik läuft weiter)

(Münter) Susala, ich will ehrlich zu dir sein.

Es läuft nicht immer alles so harmonisch wie zu Beginn der Reise.

Wir streiten oft, finden aber auch schnell wieder zueinander.

Wassily ist manchmal einfach grundlos unzufrieden und bedrückt.

Aber jetzt freuen wir uns auf Sèvres. Das ist in der Nähe von Paris.

Mach dir bitte keine Sorgen um mich. Deine Ella.

Merci beaucoup.

(Page spricht französisch)

Merci, Madame.

(ausgelassene Musik stoppt)

(Münter) Vielleicht passt es hier.

Du hast Ruhe, kannst arbeiten, fernab von der Welt draußen.

(Kandinsky) Hm.

Was willst du damit sagen?

Wassily, irgendetwas hast du doch immer.

Erst bist du zu Tode betrübt, dann himmelhoch jauchzend.

(sie seufzt) Deine Launen sind manchmal schwer zu ertragen.

Meine Launen.

Dass ich nicht lache.

Du machst mich krank, Ella. Du.

(Münter) Manchmal bist du so gefühllos.

Man könnte fast meinen, du liebst nur dich.

Ella. Mein kleines Ellchen. Du weißt, ich liebe dich über alles.

Aber du kennst mich doch inzwischen.

Manchmal brauche ich ein bisschen Zeit, um mich zu sortieren.

Dieser Kummer, quälende Gedanken...

Bitte. Bitte fang jetzt nicht wieder damit an.

Du willst keine Ordnung in dein Leben bringen.

Dazu bist du viel zu... viel zu janusköpfig.

Hör zu.

Ich... ich verstehe gut, warum du manchmal so böse zu mir bist.

Aber ich habe dir schon oft erklärt,

dass ich jeden, der näher zu mir steht, unglücklich mache.

Es bleibt dabei.

Ich miete mir ein Zimmer in Paris. Ich möchte vorankommen.

Hm.

Ich komme dich dann an den Wochenenden besuchen.

(entspannte Jazzmusik)

"Jetzt möchte ich Paris sehen.

Die Galerien, die Museen, die Prachtboulevards.

Es ist schön in Sèvres, aber ich will auch in meiner Malerei vorankommen.

Daher möchte ich Kurse an der Grande Chaumière besuchen."

Bonjour.

(Studentin) Au revoir, Ella.

Au revoir.

Emmy? Ich bin's.

Ich bin in Paris, und einige meiner Holzschnitte sind in der Zeitung.

- Das ist wunderbar, Ella. - Ja.

Meine Ölstudien kommen in den Salon des Artistes Indépendants.

- Ist das nicht toll? - Herzlichen Glückwunsch.

- Ich freue mich für dich. - Danke.

Und was sagt Kandinsky dazu?

(Kandinsky) Mein Füchschen.

Baronin von Werefkin und Alexej von Jawlensky schrieben mir.

Sie fragen, ob wir den Sommer mit ihnen in Murnau verbringen wollen.

Aber ich will gar nicht weg aus Frankreich.

Ich fühle mich hier gerade wunderbar.

Ella.

Die beiden wollen neue Ideen und ihre Kreativität mit uns teilen.

Sie haben die gleiche expressive Auffassung wie wir.

- Sie planen ihre Künstlervereinigung. - Du hast entschieden?

- Nein... - Wassily, weißt du...

Du kannst an keinem Ort Ruhe finden.

Offensichtlich brauchst du die öffentliche Anerkennung doch...

wie deinen seelischen Rückzug.

(er seufzt)

(Tür wird geschlossen)

(Donner grollt)

(ruhige Musik)

(Werefkin) "Wir gehen davon aus,

dass der Künstler außer den Eindrücken,

die er von der äußeren Welt, der Natur erhält,

fortwährend in einer inneren Welt

Erlebnisse sammelt."

So möchten wir mit dem Rundbrief beginnen.

Wie findet ihr das?

Also ich finde, das hört sich sehr gut an.

Direkt nach Gründung wir wollen ihn verschicken an, ähm...

(er spricht russisch)

- Einflussreiche. - Ah. Einflussreiche Persönlichkeiten.

Und Namen haben wir auch schon:

Neue Künstlervereinigung München.

Seid ihr dabei?

(ruhige Musik läuft weiter)

(friedliche Musik)

(Münter) Wassily, ich habe es geschafft.

Vom impressionistischen Naturabmalen hin zum Fühlen eines Inhalts,

zum Abstrahieren, zum Geben eines Extraktes.

(friedliche Musik verklingt)

- Wundervoll. - Ja.

Ein bezauberndes Städtchen.

Ich gebe zu, wir haben schon darüber nachgedacht, hier ein Haus zu kaufen.

Mit dem Zug ist man so schnell in München.

Und hier rümpft sicher niemand so schnell die Nase

über unsere unstandesgemäße Beziehung.

(Werefkin) Na ja, da wäre ich mir nicht so sicher.

Außerdem, was ist schon standesgemäß?

Für Künstler sollte bürgerliches Denken sowieso irrelevant sein.

- (Jawlensky) Hm. - Nicht wahr?

Alexej und Marianne leben mit ihrer Haushaltshilfe zusammen.

Und die war unverschämt jung, als Alexej sie geschwängert hat.

(Gläser klirren)

Seht ihr? Das Wetter wird besser.

(Werefkin) Schau mal.

(er atmet betont aus)

Ellas Mut für die Farben ist wirklich beeindruckend.

Sie macht keinen Kompromiss.

Allerdings. Ich bin sehr stolz auf sie.

Durch Alexej bemühe ich mich nicht mehr um eine nachrechenbare Form.

Ich male jetzt, was ich fühle.

Vereinfachte Formen, große Flächen.

Ich stelle die Welt dar, wie sie mir wesentlich erscheint, sie mich packt.

Ich bin Alexej wirklich dankbar.

Wenn er sich nur zu Hause so vorbildlich benehmen würde.

Sollen wir vielleicht ein Stückchen gehen?

Ein Kind gezeugt mit meinem Hausmädchen.

Wenn es wenigstens eine Baroness gewesen wäre.

Das Atelier gleicht einem Kindergarten.

Und den ganzen Tag das Geschrei dieses Balgs.

(Münter) Und Maria Marc,

Franz lässt sich erst von der verheirateten Annette Simon aushalten

und schläft dann mit Marie Schnür, Marias Lehrerin und beste Freundin.

Ach, Ella, seien wir doch mal ehrlich.

Du bist doch auch nur Wassilys Mätresse.

- Grüß Gott, die Damen. - (beide) Grüß Gott.

Seit wie vielen Jahren verspricht er dir schon die Ehe?

(verspielte Jazzmusik)

Hoppala.

Ich danke dir so sehr, dass du dieses Haus für uns gekauft hast.

Hier können wir gemeinsam alt werden.

Natürlich passt es dir hier.

Hier interessiert es keinen, ob wir verheiratet sind.

Ach, Ella, du findest auch wirklich überall den Wurm drin.

Es geht um Ruhe, um Frieden.

Die Einfachheit hier draußen.

Einfach ist es in der Tat.

Keine Wasserleitung, kein Bad, kein elektrisches Licht.

Ja, hier draußen haben wir doch alles, was wir brauchen.

Viel Licht zum Malen, das Harmonium, einen eigenen Garten.

Und den Winter verbringen wir dann in München. Mit Elektrizität.

(flüsternd) Ich liebe es hier auch.

- (Jawlensky ) Hallo? - Ah, das ist Alexej.

Guten Tag.

Ausgesprochen schön, meine Liebe.

Ihr könnt euch schätzen glücklich.

Feuilleton, Seite sieben.

(sie seufzt)

"Entweder sind die Mitglieder dieser Vereinigung unheilbar geisteskrank,

oder es ist eine Gruppe von skrupellosen Hochstaplern,

die um die Schwäche unserer Zeitgenossen für Sensation wissen

und versuchen, diese große Nachfrage zu nutzen."

(er seufzt)

Wirst du es zeigen Wassily?

- Aber nicht heute. - Mhm.

Komm, ich zeige dir die obere Etage.

Mhm. Gern.

- Mein Atelier. - Ah.

- Und das hier ist meine Poudreuse. - Oh.

Hat Wassily die nicht schön bemalt?

Ein Reiter, der sich winkend nach der Reiterin umwendet,

die ihm für sie unerreichbar hinterherjagt.

Hm. Unser ganzes Leben auf einem Toilettentischchen.

(er lacht)

Marianne möchte euch einladen.

- Auf ein Konzert, nach München. - Wie schön.

Vorher wir treffen uns in ihrem Salon.

Franz Marc und seine Frau werden auch da sein.

Alexej. Was für wunderbare Neuigkeiten.

(russisch)

Franz ist einer der wenigen, der unsere Ideen teilt.

Wunderbar.

(Münter) Ja, und das ist Wassilys Atelier.

Darf ich?

Auf den schönen Abend.

(Werefkin) Franz, Maria.

Liebes Ehepaar Marc, schön, Sie zu sehen.

(Jawlenksy) Wassily. Danke für dein Rezept.

Endlich konnte ich selbst herstellen und mischen verschiedene Blautöne.

Meine Tubenfarben immer zu schnell eintrocknen.

Das freut mich, lieber Alexej.

Aber heute geht es um weit mehr

als nur um die Rettung von trockenen Farben.

So?

Wir müssen uns gegen das Akademische stemmen.

Aber das machen wir doch.

Genau deshalb haben wir Künstlervereinigung gegründet.

Nun, wir müssen eine spirituelle Ebene in die Kunst bringen.

Unsere Bilder sollen für sich sprechen, nicht ihre Konnotation.

(er lacht) Das sagst ausgerechnet du,

dessen Lieblingsbild Monets Impressionismus-Heuhaufen ist?

Ich hätte nie gewusst, dass es ein Heuhaufen ist,

wenn es nicht im Katalog erklärt worden wäre.

Der Künstler verleiht seinem Bild die Form, die für ihn wahrhaftig ist.

So ist es. Und...

danke für das Stichwort, Franz.

(Franz) Bin gespannt.

Dieses Bild will ich euch heute

als Vision für mein Verständnis von neuer Kunst zeigen.

Das ist ja... Wassily.

Diese Bewegung, diese Farblichkeit...

Das ist revolutionär.

Der Heilige Sankt Georg, den Wassily schon öfter porträtiert hat.

Aber das hier ist das erste Mal, dass ich ihn wahrhaftig gemalt habe.

So wie ich ihn spüre.

Ihn, der für den Sieg des Geistes kämpft.

Man wird uns bei nächster Ausstellung wieder in die Luft zerreißen.

(Kandinsky) Ja, wahrscheinlich.

Ich höre es doch schon.

"Bitte möglichst nur verständliche Werke."

Glaub mir, die Münchner Gesellschaft ist noch nicht reif für so was.

Sie klebt am Gegenständlichen, am Abbild der Natur.

Eben.

Und damit ist jetzt Schluss.

Und...

mit meiner Mitgliedschaft in der Neuen Künstlervereinigung München.

Ja, Wassily und ich, wir...

und Ella natürlich,

wir planen einen Almanach.

In dem sollen nur Künstler zu Wort kommen. Aus dem In- und Ausland.

Unser Aufbruch in die Moderne heißt nicht,

Farbe auf die Leinwand, schön bunt und wild, das war's.

Unsere Farben haben eine Bedeutung.

Zinnoberrot zum Beispiel.

Es zieht an und reizt, wie die Flamme.

Ein grelles Zitronengelb tut dem Auge auf Dauer weh.

Das Auge wird unruhig

und sucht Vertiefung und Ruhe in Blau und in Grün.

Wir besprechen das ein andermal weiter.

Das Konzert von Schönberg beginnt gleich.

(dissonante Klaviermusik)

(unruhiges Geflüster)

(Zuschauer) Das ist ein Skandal.

Also diese Banausen. Furchtbar.

(dissonante Musik läuft weiter)

(dissonante Musik läuft weiter)

(dissonante Musik verklingt)

Du musst dir das so vorstellen: Seine Sinne vermischen sich.

Er hört Farben und kann Klänge sehen.

Dieses schnelle Stück von dem Russen, "Hummelflug"...

- Rimski-Korsakow? - Ja, genau.

Der "Hummelflug" ist für Wassily ein Feuerwerk aus Rot, Orange,

Gelb, Ocker und Braun, nur als Beispiel.

- Er ist ein Synästhet. - Ein was?

Gewisse Gehirnareale bei Kandinsky

sind übermäßig vernetzt.

- Eine Hyperkonnektivität. - Ist noch nicht erforscht.

Dann bin ich ja beruhigt. Prost.

- Prost. - Prost.

(Franz) Diesen Aufbruch braucht es.

Aber vergesst bei diesem Aufbruch die Münchner Kritiker nicht.

Ach, das ist doch ein Schmarrn, was die lamentieren und hinschmieren.

- Oder? - Allesamt Vollidioten.

Aber sie werden schon noch sehen.

Die Wucht der Farbe wird unser Markenzeichen sein.

Die Farben müssen wir genauso unangestrengt beherrschen wie Linien.

Ja, das konntest du ja schon immer, ganz intuitiv.

So wie du mir in ganz vielen Dingen weit voraus bist.

Soweit ich mich erinnere, warst du mein Lehrer, nicht umgekehrt.

Aber, Freunde, genau darum geht es doch.

Keine starren Regeln mehr.

So wie unser Zusammenleben,

müssen sich unsere Motive von der Realität lösen,

(hallend) sich befreien von den Regeln der Schwerkraft, des Raumes.

(hallend) Wir müssen uns allen Kunstrichtungen öffnen.

Denn Kunst, ganz egal ob Musik oder Malerei,

muss einer inneren Notwendigkeit entspringen.

Ich meine, guckt euch Schönberg an.

Er hat eine ganz neue Freiheit in der künstlerischen Gestaltung geschaffen.

Eine Wahrnehmung des inneren Klangs.

Eine Verknüpfung der Kunst,

aller Zeiten und aller Völker.

Eine allumfassende Kultursynthese.

(unheilvoll dissonante Musik)

(Wiehern)

Eine Verknüpfung der Kunst,

aller Zeiten und aller Völker.

Eine allumfassende Kultursynthese.

(Franz) Dann kann Kunst auch die Welt verbessern.

(normal) Ja, deswegen geben wir auch die Publikation, den Almanach heraus,

in dem wir die neuesten Kunstbewegungen

in Frankreich, Deutschland und Russland vorstellen.

Übrigens, Macke kommt übermorgen. Da können wir das mit ihm besprechen.

(hallend) Überlegen wir uns einen Namen.

Etwas Schöneres als Neue Künstlervereinigung München.

(normal) Franz, du liebst Tiere.

- Ja. - Hm...

Du zeichnest dein Lieblingstier in deiner Lieblingsfarbe.

Und du, Wassily, du zeichnest deine Lieblingsfigur.

- Irgendeinen Menschen. - Dich.

(sie lacht)

Die Farbe Blau.

Schon seit der Romantik steht sie für das Spirituelle.

Das Überwinden von Materiellem...

und Altem.

Zugunsten eines geistigen Prinzips.

(sanft dissonante Musik)

(Münter) Mhm.

- Ja. - (Münter) Mhm.

Ein Ritter und ein Pferd.

Und was macht ein Ritter auf einem Pferd?

- Reiten. - Reiten.

Jetzt Moment einmal.

"Der Blaue Reiter". Das ist es.

Wir müssen die seelischen Momente in unserem Werk akzentuieren.

Die Abbildung der Wirklichkeit vermeiden.

Das kann die Fotografie erledigen.

(Franz) Wenn du so willst, die seelischen Momente

verbunden mit einer Vergeistigung der Kunst, bis hin zum Abstrakten.

- So ist es. - Und dazu gründen wir eine Redaktion.

Und geben einen Almanach heraus.

Wir haben auch schon einen Namen.

(es läuft melancholische Harmoniummusik)

Bravo.

(Applaus)

Also, zum Wohl.

- Zum Wohl. - Zum Wohl.

Eure Vision interessiert mich, wirklich.

Aber ich weiß nicht, ob das Gegenständliche verschwinden sollte.

Die Herangehensweise muss eher neu sein,

wie wir die Dinge färben und gestalten.

August, begreifen Sie Wassilys Vision denn nicht?

Es geht um die innere Notwendigkeit des Künstlers.

Ella, jetzt bitte. Sei nicht gleich so überempfindlich.

August ist für das Expressive

und hat das Abstrakte nur zur Diskussion gestellt.

Was passt Ihnen denn konkret nicht, lieber August?

Das große Geistige Ihrer Bilder erschließt sich mir nicht so recht.

Ja, vieles ist zu wild, zu mystisch.

- Zu unverständlich. - (Kandinsky) Mhm.

Mystifikation schadet meiner Meinung nach den Bildern und...

trübt die Augenfreude.

- (Kandinsky) Ich kann versichern... - Die Kunst kommt aus dem Inneren.

Aus der Seele. So wie bei meinen Bildern.

Also bitte, Ella.

Die Einfachheit deiner Mittel, das spontane Unbedachte deiner Bilder.

Wie kannst du das mit Franz und Wassily vergleichen?

Sie machen sich monatelang Gedanken,

fertigen unendliche Skizzen an, bevor sie an die Leinwand gehen.

Du bist doch nur eifersüchtig, weil meine Kunst erfolgreich ist.

Das ist infam. Ich gab das Malen auf, um Franz zu unterstützen.

Weil er im Mittelpunkt stehen soll.

Maria, du bist eine ehemalige Zeichenlehrerin.

Du hast nichts aufgegeben, was sich aufzugeben gelohnt hätte.

Da war nichts Außergewöhnliches in deiner Malerei.

Franz ist ein gutes Alibi für deine Erkenntnis, nur Mittelmaß zu sein.

Es reicht jetzt!

Ach, und du bist die große, anerkannte Künstlerin?

Nur meine Kunst wird von den Kritikern gewürdigt.

Ich... (sie räuspert sich)

Ich habe schreckliche Migräne.

Ich werde mich zurückziehen. Guten Abend.

Es ist... (er hustet)

Es ist spät geworden.

Ich glaube, es ist an der Zeit, den Abend zu beenden.

Was für ein bissiges Luder.

Ärger dich nicht, Maria. Sie ist eine ungebildete Gans.

Der schlimmsten Sorte.

Schade nur, dass solche Frauen Männerfreundschaften zerstören.

Fahr wohl, "Blauer Reiter". Es kommt eine Motte dazwischen.

Was willst du damit sagen? Ihr plant doch eine Ausstellung.

Wenn sie nicht vorher alles zerstört.

Dieses glanzlose, einfältige Wesen.

Also ich könnte dieses Frauenzimmer direkt kaputt schlagen, wirklich.

Ach, Franz, lass aber mal gut sein. Franz.

(Kandinsky) Geht es dir besser?

- Sind sie weg? - Ja, Ella, sie sind weg.

Was machen deine Kopfschmerzen?

Ich wollte einfach nur mit dir alleine sein.

Und deswegen provozierst du so einen Streit?

Das sind unsere Freunde.

Das bleiben sie doch auch.

(Tür wird geschlossen)

Dass wir das hinbekommen haben.

43 Bilder.

Elisabeth Epstein, Delaunay, Campendonk.

Und sechs Gemälde allein von dir.

Darauf kannst du stolz sein, Ella.

Wir können alle stolz sein.

Obwohl sich nicht viele für unsere Kunst interessieren.

Ich interessiere mich für Ihre Kunst.

Paul, Lily, herzlich willkommen.

Wie schön, dass ihr da seid.

Darf ich vorstellen? Gabriele Münter. Lily und Paul Klee.

Franz Marc. Freut mich.

Paul. Lily.

Bitte.

Ich habe mich lange mit den Bildern van Goghs beschäftigt.

Alles in allem vielleicht zu pathologisch.

Aber fesselnd in der Farbigkeit.

Dann sah ich sie so an und meine Begeisterung stieg noch mal.

Seit Ihren Kompositionen ist er an Bedeutung nicht mehr die gleiche.

(er lacht leicht) Nun, das ist zu viel der Ehre.

Aber ich danke Ihnen für Ihre warmen Worte.

Es stimmt. Er spricht fast nur noch von Ihnen.

Und von Ihrem großen Mut, Bilder ohne Gegenstand zu malen.

Ich finde aber auch manches von Ihnen beeindruckend, Fräulein Münter.

Lobenswert, dass auch Künstlerinnen hier sind.

(Paul) Sie malen wie Munch.

So ein Umgang mit den Farben, das beherrsche ich nicht.

Ja, da gebe ich Ihnen voll und ganz recht.

Ella ist von Natur aus sehr begabt.

(entspannte Jazzmusik)

(Paul) Thannhauser hat wirklich ein Gespür für...

moderne, avantgardistische Kunst.

Das nächste Mal wäre ich gern dabei, bei Ihrem Ritt ins Blaue.

Oh, da können Sie grünes Gift drauf nehmen, lieber Klee.

(Besucherin) Des is ja furchtbar. Greislich.

(Besucher) Des is ja krank.

- Wer macht'n so was? - Da waren's bsuffa.

Verzeihung, aber unsere Bilder misst man nicht

mit dem Maßstab der äußeren Schönheit.

Wir fassen unsere Erlebnisse in künstlerische Form.

Ah, Schönheit.

Kunst zeigt nicht das Sichtbare, sondern macht sichtbar.

Und i sag, pfui Deifi. Was ist das für ein Schmarrn?

Des is doch ka Kunst.

Des is... Hudriwudri. Vom Huisnblasi.

In Russland sind die Kritiker voll des Lobes.

Dann schleich' di doch nach Russland.

Hier in Minga stand in der Zeitung,

dass ihr Pfuscher seids.

Betrüger. Wahnsinnige.

Und Sie sind doch hier.

(Franz) Raus. Raus.

- Pfiat eahna. - Ja, pfiat eahna.

I hob doch g'sagt, des hätt'n mer sich sparen kenna.

Wassily, bitte nimm dir das nicht so zu Herzen.

(melancholische Musik)

(Mann) Freut mich, dass Sie in Berlin sind.

(Münter) Ich danke Ihnen für die Einladung.

Nach dem, wie die Menschen in München auf den "Blauen Reiter" reagierten,

halte ich es für sehr mutig, was Sie hier in Ihrer Galerie ausstellen.

Nun, ich glaube an die moderne Kunst.

Es gibt für mich, und die ganze Welt, bald nichts anderes.

Ach, das sieht Kandinsky ganz anders.

Er ist nach all der Schmach und Häme erst mal nach Moskau geflohen.

- Das tut mir leid. - Muss es nicht, Herr Walden.

Es ist nicht das erste Mal.

In seiner Unberechenbarkeit ist er doch durchaus berechenbar.

Er kommt bestimmt bald wieder.

Wie auch immer. Es geht mir auch nicht um ihn, Fräulein Münter.

- Es geht mir um Sie. - Um mich?

Das ist neu.

Ich biete Ihnen eine Einzelausstellung an.

Ist das Ihr Ernst?

Ja.

Stellen Sie eine vielfältige Auswahl Ihrer Werke zusammen.

Und alle nur von mir?

Nur von Ihnen. Versprochen.

Habe ich Ihnen zu viel versprochen? Sie sind begeistert.

Ich kann es gar nicht fassen. Und die sind alle wegen mir hier.

(Walden) Es gibt Anfragen aus Frankfurt,

Dresden, Stuttgart, Kopenhagen.

Und alle wollen Ihre Bilder ausstellen.

Das ist ein großer Triumph, Gabriele. Ein ganz großer Triumph.

Das muss ich unbedingt Wassily schreiben.

Was macht der noch in Russland?

Warum ist er nicht hier bei Ihnen und feiert Sie?

Er kümmert sich um ein Mietshaus, das ihm ein Onkel vererbt hat.

Die Einnahmen daraus sind wichtig für unseren Unterhalt.

Allein vom Verkauf unserer Bilder können wir kaum überleben.

(leise) Aber das könnte sich bald ändern.

Entschuldigen Sie mich.

- (Besucherin 1) Guten Abend. - (Besucher 1) Schön, Sie zu sehen.

Wussten Sie, dass sie in Berlin geboren ist?

(Besucherin 2) Jetzt wohnt sie in Bayern?

(Besucher 2) Wirklich talentiert, das Fräulein.

Guten Abend.

(anerkennendes Geflüster)

(Besucher 3) Ich finde das ganz großartig.

(Besucherin 3) Ihre Konstruktion ist gewagt.

Sagen Sie, sind Sie die Künstlerin?

Ich habe Sie auf Ihrem Selbstporträt wiedererkannt.

Ja. Ja, das bin ich.

Famos, meine Liebe. Ganz famos.

Diese großartige Farbkomposition, diese Ursprünglichkeit.

Ich... ich bin ganz begeistert.

(ausgelassene Jazzmusik)

(Musik verklingt)

(Münter) Liebster K.

Ich fühle mich ohne dich einsam und bin unruhig um dich

und weiß, dass ich mich mit dir ebenso einsam fühle.

(Tür wird geöffnet) (Kandinsky) Ella?

Ich bin wieder da.

(Kandinsky) Wer hätte das gedacht, dass es so weit kommt? Krieg.

Ella, ich muss sofort wieder zurück.

Anja, Alexej und Marianne, wir müssen alle zurück nach Russland.

Ich komme mit. Ich will nicht ohne dich leben.

Lieber sterbe ich.

Ella. Ella...

Ella.

Wie naiv bist du eigentlich, hm?

Mein kleines Ellchen. Du kannst nicht mitkommen. Du bist Deutsche.

Dann lass uns zusammen in die Schweiz fahren.

Und danach könnten wir gemeinsam ins neutrale Ausland gehen.

Nach Skandinavien zum Beispiel.

Ella, was sollen wir denn in Skandinavien?

Wir kennen doch da niemanden.

Seit meiner Ausstellung in Kopenhagen genieße ich dort hohes Ansehen.

Weißt du, vielleicht tut uns auch eine Pause ganz gut.

Wir haben doch schon lange Schwierigkeiten miteinander.

Ah.

Schwierigkeiten nennst du das?

Mir seit elf Jahren die Ehe zu versprechen? Eine Familie? Kinder?

Du bist seit fast drei Jahren von Anja geschieden.

Und das verstehst du unter Schwierigkeiten?

Oder ist es, weil ich jetzt meine eigenen Ausstellungen habe,

was dich, den großen Malerpapst, so ärgert und zerfrisst?

Du...

benimmst dich kindisch und einfältig.

Gönnst du mir meinen Erfolg etwa nicht?

Es ist überhaupt nicht verwunderlich,

dass unsere Freunde ein Problem mit deiner Art haben.

Bitte was?

Jetzt nimmst du sie auch noch in Schutz? Marc, Macke, Maria?

Die schlecht hinter meinem Rücken über mich tratschten,

nur weil ich dich verteidigte?

Ich kann mich ganz gut selber verteidigen, danke.

(er seufzt)

Weißt du, am Anfang...

da mochten dich alle sehr.

Am Anfang?

Was soll das jetzt heißen?

Sobald dir irgendwas nicht passt, wirst du zickig,

anklagend, angreifend.

Dann ziehst du dich mit Migräne

oder einem anderen vorgetäuschten Leiden zurück.

- Vielleicht hat das mit dir zu tun. - Mit mir hat das gar nichts zu tun.

Einzug und allein mit deinem schwierigen Charakter.

Meinem schwierigen Charakter?

Ja.

Den auch ich kaum noch ertrage.

Du bist gemein, Wassily.

Ich bin nur ausfallend geworden, wenn es um dich,

um deine Kunst ging und es Kritik an dir gab.

Ja. Du sagst es selber: ausfallend.

Das trug dazu bei, dass wir nur einen Almanach vom "Blauen Reiter" bekamen.

Hinterfrag lieber das Benehmen von Herrn Marc.

- Wie er mich behandelt. - Ach, bitte.

Er behandelte mich immer von oben herab, ihr alle.

Er kritisierte meine Bilder als unmotiviert und flach.

Ich hätte das Stoffliche nicht überwunden.

Kein Grund, den gesamten "Blauen Reiter" zu Fall zu bringen.

Mit deiner nörgelnden, deutschen Art

hast du peu à peu Gift in die Gruppe gestreut und sie somit zersetzt.

Du gibst mir ernsthaft die Schuld am Scheitern des "Blauen Reiter"?

Ausgerechnet du,

der keine andere Meinung zulässt als die seine.

Der Macke in die Flucht geschlagen hat

mit seiner überheblichen, besserwisserischen Art.

Du wolltest doch nicht weitermachen.

Also gib mir jetzt nicht die Schuld an deinem Alleingang.

Ich habe alles für dich getan.

Dir zur Seite gestanden.

Dich verteidigt.

Dir mein Leben geschenkt.

Habe ich dich jemals darum gebeten?

(Tür öffnet, schließt)

Komm, Ella, lass uns wieder gut miteinander sein.

Wir müssen jetzt schnell entscheiden, wohin wir fliehen können.

Gemeinsam.

(düstere Musik)

(Schritte nähern sich)

(Mann) Vorsicht.

(Münter) Wassily.

(Kandinsky) Macke ist tot? Wie grausam.

Er war noch so jung.

(Soldat) Tag.

Mich hat's dem Infanterieregiment 11 zugeteilt.

(Kandinsky) Also gut. Wir machen alles wie besprochen.

Du kümmerst dich um die Bilder und den Hausstand.

Wir schreiben uns regelmäßig und sehen uns wieder...

Wir sehen uns wieder, sobald möglich.

Ja. Ja, das mache ich.

Ich werde in Skandinavien auf dich warten.

Du kommst dann nach, ja?

Niemand weiß, wie dieser schreckliche Krieg ausgeht.

(Mann) In Kürze: In Kürze Abfahrt Zug 125.

Bitte begeben Sie sich zu Bahnsteig acht.

Wassily.

(traurige nachdenkliche Musik)

(Kandinsky) Wieder dachte ich an deine Bilder und ärgerte mich,

dass du nicht viel energischer arbeitest.

Gottes Funke steckt in dir,

was so unglaublich selten bei den Malern zu finden ist.

Deine Begabung reicht doch aus.

Deine wiegende Linie und der Farbensinn.

(traurige nachdenkliche Musik läuft weiter)

(melancholische Trompete setzt ein)

Gunnarsson grüßt dich.

Die Verkaufsausstellung ist ein voller Erfolg.

Der Empfang im königlichen Schloss...

Wassily, die Schweden lieben dich.

Ich bin so glücklich, dass alles,

was ich hier für dich arrangierte, so gut funktioniert.

"Dieses Grab ist ganz frisch aufgeschüttet...

fest umzäunt.

Noch steht kein Kreuz darauf...

aber ein grüner Kranz liegt da,

wo das Haupt des Vollendeten...

unter der Erde ruht."

Was ist das?

Die Schilderung eines Kriegsberichterstatters.

Von der Front in Frankreich.

"Ein Soldat sieht mich vor dem jungen Hügel.

'Er ist erst dieser Tage gefallen', sagt er.

'Wer ist es denn?'

'Marc hieß er', lautet die Antwort.

Er war auf einem Erkundungsritt bei Verdun.

Es durschauert mich.

'Marc?' frage ich.

'Wissen Sie zufällig, was er sonst war?'

'Jawoll. Kunstmaler.'

'Und der Vorname Franz?'

'Jawoll.

Franz."'

(er seufzt)

(Kandinsky) Ich, ähm...

Ich muss zurück nach Moskau, Ella.

Ich hoffte, wir können hierbleiben, bis der Krieg zu Ende ist.

Du hast gesagt, in Moskau warst du wie gelähmt

und konntest keinen Pinselstrich tun.

Aber hier hast du sofort wieder begonnen zu malen.

Ja. Ja, das mag sein, aber...

Meine Mutter, Anja...

sie sind alle in Moskau.

Und sie brauchen mich.

Ich brauche dich auch.

Ich verspreche dir, im Spätherbst wiederzukommen.

Bis dahin habe ich die Heiratspapiere beschafft.

Wann wirst du fahren?

Heute.

(traurige Klaviermusik)

Ja.

(dänisch)

Schön.

Ich bin Ihnen so dankbar für diesen Auftrag, Frau Roslund.

- Anders wüsste ich wirklich nicht... - Es ist mir eine Freude.

Ich werde Sie gern weiterempfehlen.

Aber mit all Ihren Ausstellungen brauchen Sie das gar nicht.

Sie sind hier mittlerweile eine Berühmtheit.

Ach, Sie haben mein Wesen

in meiner ganzen Melancholie treffend eingefangen.

Nun, Sie sind Künstlerin wie ich.

Mit Worten, nicht mit dem Pinsel, aber so, wie ich Sie kenne,

denke ich, wir vertreten die gleiche Auffassung:

Ohne Respekt vor den Menschen ist kein wahres Bildnis möglich.

Weder in der Malerei noch in der Dichtung.

Das ist wohl richtig.

Apropos Respekt.

Haben Sie immer noch nichts von Ihrem Mann aus Russland gehört?

Nein. Nein. Er gilt als verschollen.

Ich schickte eine Suchmeldung über den Verbleib Vermisster nach Moskau.

Ich bete jeden Tag, dass wir bald wieder zusammen sein können.

Und Jawlensky?

Ich weiß nur, dass er Marianne für eine Jüngere verlassen hat.

Nach allem, was sie für ihn getan hat,

künstlerisch wie finanziell.

Auch Marianne hat durch den Krieg fast ihr gesamtes Vermögen verloren.

Frau Roslund.

Mag sein, dass die Skandinavier meine Kunst schätzen, aber...

aber die Ausstellungen bringen nur sehr wenig Verkäufe.

Wollen Sie einen Vorschuss auf mein Porträt?

Kein Problem.

Vielen Dank.

(entspannte Musik)

Botschaft der Russischen...

"Formale Bestätigung, Juni 1918.

Der Tod von Herrn Wassily Kandinsky konnte...

konnte nicht eindeutig konstatiert werden."

Oh, er lebt.

Er lebt, ich... ich fühle es ganz sicher.

Mein Wassily. Er lebt!

Er lebt, er lebt, er lebt. Mein Wassily. Du... du lebst.

Bald werden wir uns wiedersehen.

Wassily, bald werden wir uns wiedersehen.

(Kandinsky) Sie sucht nach mir.

Aber ich will tot sein für Deutschland.

Und für Gabriele Münter.

Ich bitte Sie, Walden, sagen Sie ihr keinesfalls,

dass ich am Leben bin und wir Kontakt haben.

Noch nicht.

Gruß, Kandinsky.

Dieser Mistkerl. Seit vier Jahren habe ich nichts von ihm gehört.

Wo war er? Was hat er die ganze Zeit getrieben?

Er ist verheiratet. Eine Russin aus guter Familie.

Er ist Kunstbeamter für das Sowjetische Kulturministerium.

Und sie haben einen kleinen Sohn.

(leise) Bitte... Bitte was?

Wie oft hat er mir die Ehe versprochen?

(laut) Stellt sich tot, umgekommen im russischen Bürgerkrieg,

nur um mir nicht sagen zu müssen, dass er meiner überdrüssig ist?

- Dieser Feigling! - Fräulein Münter...

Ich heiße Frau Münter-Kandinsky.

Also nennen Sie mich auch so.

Ich helfe Kandinsky lediglich, Ordnung in seinen Besitz zu bringen.

Ich möchte nur wissen, wie viele seiner Bilder verkauft wurden,

wo sind die Erlöse und restlichen Werke sind.

Dieses Schwein. Dieses Schwein!

Als ich ihm zu alt wurde, ist er einfach verschwunden,

verschollen und verwest, um sich ein neues Leben aufzubauen.

Dieser Kretin! Kosak!

Er möchte sein Werkzeug für Holzschnitt und Radierung,

seine Paletten für Öl und Tempera,

sein altes Fahrrad, das Porträt seiner Mutter,

zwei Bilder von Henri Rousseau,

sechs chinesische Plastiken, seine Kleidung und seine Wäsche.

Aha. Möchte er gleich das Haus haben und mich auf die Straße setzen?

Er möchte nur, was ihm zusteht.

Darf ich etwas Persönliches zu dem Thema sagen? Meine Meinung?

Hm? Ja. Auch schon egal.

Herr Kandinsky hat sich nach starkem Rausch an Ihnen ernüchtert.

Das passiert bei Männern häufig.

Sie sollten lernen, das zu akzeptieren.

Und weil Männer das für normal halten...

sollen wir Frauen das einfach schlucken?

Verführt, benutzt und weggeworfen, wenn die Blütezeit vorbei ist?

Nein.

Bevor er nicht ein Schuldbekenntnis ablegt,

in dem er mir bestätigt, dass er mich als junge Frau

mit falschen Versprechen an sich gefesselt hat,

mich recht- und namenlos neben sich leben ließ

und mir immer wieder versichert hat,

dass er als Mann von Ehre seine Versprechen hält,

bekommt er gar nichts zurück.

Und jetzt verschwinden Sie.

Raus aus meinem Haus!

Ich werde es weitergeben. Guten Tag.

(Klirren)

(leise) Dieses Schwein.

(sie schreit)

Nina, freut mich, Sie kennenzulernen. Ich hörte schon viel Gutes,

Danke, Herr Klee, aber ich halte meinem Mann den Rücken frei,

damit er sich künstlerisch entfalten kann.

Ja, sie weiß eben mit mir umzugehen.

(sie schluchzt)

Nun ja, meine Kunst steht jetzt im Dienst

Lenins ideologischer Erziehung.

Bitte.

Und nach Berlin hat man mich auch nur geschickt,

um die Ausstellung Moskauer Künstler zu begleiten.

Sonst würde das Sowjetische Kulturministerium mir misstrauen.

Eine schreckliche Entwicklung. Empörend.

Ja. Wem sagen Sie das? Danke.

Früher, da schätzte man meine Kunst in Russland

und verspottete sie in Deutschland.

Heute gilt sie in der Heimat als entwurzelt,

an Missbildungen erinnernd.

(Münter) Liebe Marianne.

Jetzt ist er nach Deutschland zurückgekehrt.

Mit neuer Frau.

Er will mich nicht sehen. Das hat er allen unseren alten Freunden gesagt.

Sein kleiner Sohn ist gestorben. Es ist mir egal.

Dass er mit einem Kind

kein Glück haben kann, ist selbstverständlich.

Was er mir alles angetan hat.

Dafür erhält er jetzt seine gerechte Strafe.

Ich lehre an einer neuen Kunstschule.

Am Staatlichen Bauhaus in Weimar.

Es ist großartig dort. Modernste Architektur.

Na, das freut mich für Sie, lieber Paul.

Wassily, Walter Gropius, der Direktor,

möchte Sie unbedingt als Dozent für Formenlehre gewinnen.

Kunst, Design, Handwerk

sollen zusammengeführt werden.

Für so was waren Sie doch schon immer offen. Alles vereinen.

(Münter) Er will seine Sachen zurück.

Seine Kleidung, seinen Hausstand, seine Bilder.

Aber wer ein neues Leben hat, mag sich neue Wäsche kaufen.

Was, äh... Was genau wäre denn meine Aufgabe?

Sie sollen Ihre Theorie konstruktiver

und gestaltpsychologischer Aspekte miteinfließen lassen.

Man bietet Ihnen eine Dozentur ab Juni an.

Gropius wird noch persönlich vorbeikommen.

Ah. Also, das...

Das hört sich sehr interessant an.

(russisch)

Dann richten Sie doch den Herrschaften bitte aus,

dass es mir eine Ehre wäre.

Aber erzählen Sie sonst bitte niemandem von unseren Plänen.

Vor allem nicht, wo ich mich gerade aufhalte.

Na, Sie wissen schon, warum. Sie belästigt mich noch immer.

(Münter) Der Fahnenflüchtige hat das Recht an früherem Eigentum verloren.

Was ich dem Kandinsky mit dem neuen Leben und der neuen Frau gebe,

das schenke ich ihm.

Zu fordern hat er nichts.

(langsame Jazzmusik)

(Jazzmusik wird intensiver)

(tiefer, bedrohlicher Ton)

Du Dreckskerl.

Du... (sie spuckt mehrmals)

(sie schreit)

(sie stöhnt schmerzerfüllt)

Ella, das kann so nicht weitergehen.

- Soll ich Emmy benachrichtigen? - Nein. Lass das.

Ein Mensch, der keinen Boden unter seinen Füßen hat,

wie soll der marschieren?

Weißt du, wer dir helfen könnte?

Dieser Pfarrer, bei dem du schon mal warst. Johannes Müller.

Das hat dir doch ganz gutgetan.

Ohnmacht und Hass sind Zwillinge, die ich nicht mehr loswerde.

Susala...

habe ich nach 14 Jahren des Zusammenseins

nicht eine persönliche, offene Aussprache verdient?

Der feine Herr, der jetzt am Staatlichen Bauhaus lehrt,

berufen von Walter Gropius,

behandelt mich wie das letzte Stück Dreck.

Das wird ihm noch leidtun.

Das wird ihm noch leidtun.

(sie schluchzt)

(Vogelzwitschern)

Entschuldigen Sie mich bitte.

Herr Müller, ich weiß nicht mehr ein noch aus.

Manchmal...

Manchmal fühle ich mich so, als... wäre ich schon tot.

Er hat ein neues Leben, und ich...

Ich habe nicht nur ihn, sondern...

auch viel von meiner intuitiven Kreativität verloren.

Fräulein Münter, ich würde Sie gern

zum Einklang mit sich und der Welt zurückführen.

Bei uns geht es um das Zusammenspiel

des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens.

Um die Stille der Natur, aber auch um Musik.

Und Tanz.

Hm.

(leidenschaftliche Streichmusik)

(Streichmusik erklingt über Schallplatte)

(Streichmusik verklingt)

(Applaus)

Fräulein Münter.

Wie ich sehe, geht es Ihnen schon besser.

Nun ja, solange ich hier bin unter Menschen und abgelenkt.

Aber ich fürchte mich vor dem Alltag da draußen.

Ich habe große Angst vor dem Alleinsein.

Gibt es denn niemand, zu dem Sie gehen können?

Der Ihnen hilft, das hier Erreichte zu bewahren?

- (Emmy) Schön, dass du bei uns bist. - Ja.

Wo sind Friedel und Mückchen?

(Emmy) Bei einer Freundin.

Woher sollen sie wissen, dass plötzlich ihre Tante aufkreuzt?

Ich... Ich habe nicht mehr die Mittel,

ständig hin- und herzureisen.

Ich wäre nicht gekommen, wenn Georg mir weiterhin Geld geschickt hätte.

Aber so blieb mir nichts anderes übrig.

Jetzt mach uns doch nicht verantwortlich.

Du hättest mit deinen Qualitäten

einen bedeutend anständigeren Mann finden können.

Wieder die alte Leier, Emmy?

Ich wollte niemals dein Professorenfrau-Kaffeeklatsch-Leben.

Auch wenn ich noch so arm und einsam bleibe.

Du kannst Georg auch nicht ewig auf der Tasche liegen.

Hast du nicht Bilder von Kandinsky? Die kannst du doch zu Geld machen.

Niemals.

(melancholische Trompetenmelodie)

(melancholische Melodie läuft weiter)

(sie seufzt)

(melancholische Melodie läuft weiter)

(sie seufzt)

No Limits Media 2023 Untertitel: Tran, Biczkowski u. a.

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