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(Stille)
(leises Windrauschen)
(Rauschen wird intensiver.)
(leise kratzende Geräusche)
(Insektensurren)
(intensives Surren)
(leises Rauschen)
(fernes Vogelgezwitscher)
(sphärische Unterwassergeräusche)
(Musikfetzen)
(belebte Swingmusik aus dem Radio)
♪ Yeah, she's really something.
♪ Really something.
♪ Oh, she's got my heart and body jumping.
♪ Jump, jump, jump.
♪ Uh, she drives me wild.
♪ What up?
♪ That horny child.
♪ What up?
♪ Look at what she's got.
♪ That girl's red hot.
♪ Yeah, yeah.
(beschwingte Swingmusik)
♪ Dinge-dinge-ding.
(Radioansager) Good afternoon from AFN Munich Studio.
(Türquietschen übertönt Radio.)
We wish you a Happy Easter.
Or as they say here in Germany:
(Frauenstimme) Frohe Ostern.
(Radioansager mit englischem Akzent) That's "Frohe Ostern".
That means "Happy Easter" in German.
Here in American Forces Network we're making sure
to provide you with only the best music.
(getragene Radiomusik)
(Rascheln)
Eins, zwei, drei, vier, fünf,
sechs, sieben, acht, neun, zehn -
(Sie keucht.)
ich komme!
(Tauben gurren.)
(Sirenen)
(hallende Schritte, Telefonklingeln)
(Insektensurren)
(Tür wird geöffnet.)
Grüß Gott.
Kann man dir helfen?
(hallende Schritte)
Komm mit.
(Telefon klingelt.)
(hallende Schritte)
(Polizist telefoniert) Ja gut, dann...
Dann schicken wir Ihnen wen vorbei.
Wiederhören.
Also gut, Mädchen...
was führt dich denn zu uns?
(Telefon klingelt.)
Setz dich erst mal hin und erzähl.
(Telefongespräch im Hintergrund)
(Polizist telefoniert) Ja.
Wo war das?
Magst du wen anrufen?
Wie alt bist du denn?
Bist du von wo weggelaufen?
Ich mach das schon.
(knarzende Schritte)
Brauchst keine Angst net haben.
(Telefon klingelt.)
Ich sag dir jetzt bloß, wie das bei uns läuft.
Du redest...
und sagst uns, wer du überhaupt bist und was du von uns willst.
Und dann schauen wir mal, wie wir dir am besten helfen können.
Machen wir's so?
Ich bin Karla Ebel, zwölf Jahre alt und möchte Anzeige erstatten.
(leise wiederholend) Karla.
Und wen oder was genau magst anzeigen?
Karl Ebel.
Ebel, Karl.
Und?
Kann ich bitte einen Richter sprechen?
Wieso einen Richter?
(Stimmen im Hintergrund)
Wir hören dir doch zu.
Ich will jetzt bitte einen Richter sprechen.
Schreibst bitte mal deine Personalien da drauf.
Name, Anschrift, Geburtsdatum.
(sich entfernende Schritte)
(Polizisten unterhalten sich.)
Keine Ahnung.
Hat sie nichts gesagt?
Wissen wir net.
(Gespräche verklingen dumpf.)
(Sie atmet zitternd.)
(Schreibmaschine klackert.)
(Sirenen von draußen)
(Er ächzt.)
Du bist also Karla?
Und Sie sind wirklich der Richter?
Ich heiße Doktor Friedrich Lamy, und ich bin wirklich ein Richter, ja.
Warum willst du Anzeige erstatten?
Wegen Paragraf 176 Straf-... Straf-...
Gesetz. - Strafgesetzbuch.
Mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren wird... wird bestraft,
wer mit Kindern unter 14 Jahren unzüchtige Handlungen vornimmt.
Woher hast du das?
Hab das gelesen in der Bibliothek.
(leise) Mhm.
(Insektensurren)
Was ist das für ein Buch?
Hab ich von meinem Opa bekommen?
Magst du ihn, deinen Opa?
(leise) Ja.
Dann ist er also nicht Karl Ebel?
Karl Ebel ist mein Vater.
Du willst deinen eigenen Vater anzeigen?
Weil er grob ist?
Bitte, Sie müssen mir helfen.
(Blinker setzt ein und tickt.)
(Bremsen quietschen sanft.)
(Handbremse wird angezogen.)
(Schlüsselklimpern)
(Schlüsselklimpern)
(leises pfeifendes Geräusch)
Hotel Kranz... siebenmal Bettwäsche, waschen.
Frau Jakobi - fünf Bettlaken, vier Betttücher, waschen.
Frau Roth - bügeln, vier Handtücher groß, drei Handtücher klein.
Huch.
Was bist du denn noch für ein Küken?
Ada, du weißt, was ihr zu tun habt, also los jetzt.
Aye, Sir.
Willkommen im Arbeitslager, Klara.
Hierher.
Zügle dein loses Mundwerk.
Und sie heißt Karla.
Komm.
(fernes Hundegebell)
(Stimmengewirr im Hintergrund)
Du kannst mich ruhig Klara nennen.
Und wie bist du hier gelandet, Klara?
Na los, erzähl schon.
(fernes Hundegebell)
Ich bin hier, weil ich auf dem Strich war.
Und warum soll ich dich Klara nennen?
Hier duschen wir jeden Freitagnachmittag.
Und hier gibt's später was zu essen.
Deine Klamotten müssen wir noch abholen,
dann siehst du auch so fesch aus.
Also, warum jetzt?
Karla ist doch ein schöner Name.
Ich heiße eigentlich Adolfine.
Ich mag halt keine Mädchennamen, die wie Männer klingen.
Adolf?
Und wer ist der blöde Karl?
(Glocke läutet.)
(Frau) Karla!
(Mädchen reden leise.)
(leises Vogelgezwitscher)
(Hupen)
(herannahende Schritte im Zimmer)
(Frau) Karla? Komm bitte rein.
Ich bin Frau Steinberg, Doktor Lamys Sekretärin.
Guten Tag.
Ich mache das, wozu Herr Lamy keine Lust hat.
Kommst du?
(Klopfen)
(Dr. Lamy) Ja?
(leise) Karla... - Ah.
Karla.
Bitte.
Guten Tag.
Tag.
Ich werd dir jetzt mal vorlesen, was gestern notiert wurde.
Und du sagst mir, wenn etwas nicht stimmt, ja?
Also:Du wurdest am 20. Juli 1950 in Markdorf
als zweites uneheliches Kind von der Viktoria Rath und Karl Ebel geboren.
Deine Eltern haben 1953 geheiratet, und dein Vater hat im selben Jahr
dich legitimiert.
Seitdem trägst du den Namen Ebel und lebst bei ihnen.
Du hast zwei Geschwister, einen älteren und einen jüngeren Bruder.
Stimmt das so?
Gut.
(Schreibmaschine klackert.)
(Straßenlärm von draußen)
Spielen Sie ein Instrument?
(Er lacht kurz auf.)
Mein Vater kann jedes Instrument spielen,
was er in die Finger bekommt.
Und du?
Ich singe gerne und spiel Gitarre.
(Schreibmaschine klackert, Kinderstimmen von draußen.)
Also, worum geht es dir?
Es gibt den Artikel "Recht auf Leben".
Artikel zwei im Grundgesetz.
Gleich nach dem mit der "Würde des Menschen".
Das ist richtig.
Und gilt das alles auch für Kinder?
Also Menschenkinder?
Theoretisch ja, wobei Kinder nicht ausdrücklich in dem Artikel...
Recht auf Leben, bedeutet das auch Recht auf ein gutes Leben?
Das ist zu pauschal.
Was bedeutet pauschal?
Das bedeutet zu allgemein, alles über einen Kamm geschert.
Jetzt müsste man darüber reden, was ist ein gutes Leben, was ein ungutes?
Aber... das führt alles viel zu weit.
Also, zurück zu dir.
Damit ein Beschuldigter bestraft werden kann,
müssen Tat und Tathergang vollumfänglich
und zutreffend geschildert werden.
(dumpfes Rauschen)
Das kann ich und will ich aber nicht.
Mhm. Und wie willst du das dann?
Karla, du erhebst einen Vorwurf, der strafrechtliche Konsequenzen hat.
Also... Folgen.
Dazu brauchen wir jedes... jede Einzelheit.
Je genauer, desto besser.
Nichts hinzufügen, nichts weglassen.
Und: Du brauchst Zeugen...
(Dr. Lamys Stimme verklingt.)
Eine Limo.
Danke.
Danke.
(Er seufzt.)
Na...
Deine Mutter... hat ausgesagt,
dass dein Vater ein herzensguter Mann ist
und niemand etwas zu befürchten hat.
Hm.
Du sollst einfach nach Hause kommen.
Sie sagt immer, was sie sagen soll, aber es...
(Insektensurren)
So geht das nicht, Karla.
Ich hab hier genug Arbeit, siehst du das?
Du kannst natürlich noch im Mädchenheim wohnen bleiben,
wenn du nicht nach Hause willst.
(Schritte entfernen sich.)
(Geräuschkulisse wird kurz dumpf.)
Sie melden sich dann aber dort, oder?
Sicher.
(Schritte entfernen sich.)
(Er atmet tief durch.)
(Er stöhnt.)
Die Kleine braucht Ihre Hilfe.
Ach, Sie wissen doch, wie das läuft.
Solche Fälle, die fallen doch schon vor dem Prozess in sich zusammen.
Solche Fälle?
Wann gab es je ein Kind, das alleine gekommen ist?
Aussage gegen Aussage!
Mehr wird das nicht.
Ich habe mich doch jetzt schon zum Affen gemacht.
Es gibt Schlimmeres.
(Kinderstimmen von draußen)
(Glocke läutet.)
(fernes Hundegebell)
(Schnalzen)
Wie lange bin ich schon hier?
Ada?
(Tür wird geöffnet und fällt wieder zu.)
(Schlüsselklirren)
(Schritte aus dem Gang hörbar)
(Schließgeräusche)
Restaurant Klosterberg:
zwölf Bettlaken.
Schwester Theresa, ist eine Nachricht für mich vom Gericht angekommen?
Du musst mich das nicht jeden Tag fragen.
(Glocke läutet.)
Bitte, ich muss es aber wissen.
(herannahende Schritte)
(fernes Hundegebell)
(Vogelgezwitscher)
(herannahende Schritte)
(Schlüsselklirren)
Karla.
Ach du liebe Zeit, Mädchen.
Guten Tag.
Na komm erst mal rein.
Was kann ich für dich tun?
Ich würd gern den Herrn Richter sprechen.
Fff, Doktor Lamy ist bei Gericht.
Dann... wart ich auf ihn.
Das kann aber dauern.
Ja gut, komm rein.
(Rattern)
(Schreibmaschine klackert.)
(Straßenlärm)
(Vogelgezwitscher)
Eins, zwei, drei, frei!
(Lachen)
(Vogelgezwitscher)
Du bist.
Eins, zwei...
(Junge zählt weiter.)
(Insektensurren)
Ach...
M-m.
Oh...
Na dann komm.
Wer hat dich eigentlich hergebracht?
Ich bin gelaufen.
Gelaufen?
Bitte.
Aber ich stell dir Fragen.
Ich will, dass Sie mir glauben.
Aber Kind, darum geht's doch...
Wenn mir niemand glaubt, kann mir niemand helfen.
Deswegen muss ich beweisen, dass ich die Wahrheit sage.
Da ich das alleine nicht kann, müssen Sie mir glauben,
damit die anderen mir auch glauben.
Aber was soll ich dir denn glauben?
Karla... vor Gericht wird geprüft,
ob jemand gegen ein Gesetz verstoßen hat.
Aber dazu brauchen wir die Wahrheit. Und wie finden wir die?
Ich muss sie erzählen. - Richtig.
Können Sie mir helfen, damit ich mich dabei nicht so schlecht fühle?
(herannahende Autos)
(fernes Hundegebell)
Mama?
(Bett quietscht.)
Wann hat das angefangen?
Ich... ich kann mich nicht erinnern.
(Kinderstimmen von draußen)
Aber ich wusste immer, dass da was falsch war.
Karla, ab wann hattest du das Gefühl, dass da was falsch ist?
Oder besser: Wann war die früheste falsche Situation,
an die du dich erinnern kannst?
(Stille)
Ich weiß nicht, früh.
Ja, aber wie früh, ungefähr?
Warst du, sagen wir, acht?
Sieben?
(sanfte sphärische Musik)
Fünf?
(harmonische Gitarrenmusik)
Hast du dich gewehrt?
Laut und deutlich so, dass es jemand hören konnte?
Immer, wenn uns jemand hören konnte, hat er mich geschlagen und gesagt,
sie ist frech.
Warst du frech?
Es war egal, ob ich frech war oder nicht...
er hat einfach nicht aufgehört. Nie.
(Tür fällt ins Schloss.)
(unsichere Atemgeräusche, herannahende Schritte)
Komm her!
(dumpfe Unterwassergeräusche)
Ich will das nicht.
Karla, ich muss noch wissen, ob du...
Also... Kannst du mir sagen oder beschreiben...
äh...
wie weh es tat da unten?
Warte.
Moment.
(Würgen)
(Rauschen)
(Insektensurren)
(Surren endet abrupt.)
(herannahende Schritte)
Hallo.
(fernes Hundegebell)
(leises Quietschen)
(leise) Komm.
Na, mach.
(krächzende Musiklaute)
♪ Liebe kennt, weiß,
♪ wie schnell ein Herz verbrennt.
♪ Oh... bleib, bleib bei ihm, Diana.
(locker-beschwingte Musik)
♪ Er war 18 Jahre kaum,
♪ sah Dianas Bild im Traum.
♪ Träumte da er so allein,
♪ könnte sie doch wirklich sein.
♪ Träumt von ihr so manches Jahr...
Ich hatte mal 'ne Gitarre.
Kannst du spielen?
Ein Lied. Also zwei Akkorde.
Und dazu ein Lied singen.
(locker-beschwingte Musik)
♪ Er fragt Wolken, er fragt Bäume,
♪ ob er wache oder träume.
♪ Ruft nach ihr: Komm zu mir.
♪ Oh-oh, oh-oh, oh-oh-oh-oh-oh-oh.
(leises Kichern und Quietschen)
Wir müssen über Zeugen reden.
Weißt du, ob jemand diese unzüchtigen Handlungen mitbekommen hat?
Wer könnte das gewesen sein?
Meine Mama.
Immerhin hat sie mir fast geglaubt.
Fast?
Karla, was heißt "fast"?
Was hast du ihr erzählt? Kannst du den Wortlaut wiederholen?
(Stille)
(dumpfe Klänge)
Hast du es ihr ganz genau erzählt?
(Insektensurren)
(leises Quietschen)
Sie weiß es.
Warum glaubst du das?
Sie hat mir Hosen genäht bis zum Knöchel,
solche hässlichen Männerhosen.
Ich war die Einzige, die solche Hosen tragen musste.
Alle anderen konnten schöne Kleider anziehen.
Ich hab sie gefragt, warum ich diese Hosen anziehen muss.
Mama hat gesagt, damit ich nicht so kokett bin.
Aber als du in der Nacht auf die Polizeistation gekommen bist...
da hattest du doch auch ein Kleid an.
Das hat mir mein Opa geschenkt.
(Ada) Ich teil die Männer in Kategorien ein.
Der Cheftyp, der will, dass ich grob zu ihm bin.
Der kleine Wicht, der zu mir grob sein will.
Und der, der nur redet.
Aber die sind selten.
(Scheppern)
Wie bist du darauf gekommen?
Erfahrung.
Ich meine, das zu machen.
(Plätschern)
Wie hältst du das aus?
(Quietschen)
Man muss sich irgendwie... wegmachen.
(Wasser fließt.)
(Wasserhahn quietscht.)
Schön ist es nur, wenn man es mit sich selbst macht.
Kennst du?
Ich zeig dir was.
Wenn ich hier wieder raus bin, will ich nur noch so angefasst werden.
Das kitzelt.
Und aufhören, wenn's keinen Spaß mehr macht.
Nehmen Sie noch kurz Platz, ich bin gleich so weit.
(Er ächzt.)
(Tür wird geöffnet.)
(herannahende Schritte)
(Arzt) Karla... bitte.
(Tür wird geschlossen.)
(kaum hörbares Gespräch)
(Kameraklicken)
(Arzt) Gut, jetzt darfst du dich mal untenrum freimachen
und dort hinsetzen.
(elektrisches Flirren)
(Flirren wird intensiver.)
(Geräusche entspannen sich.)
(unstete Atemgeräusche, herannahende Schritte)
Stopp!
(Sie schluchzt.)
(verzweifelt) Stopp!
(Insektensurren)
Nein, nein.
(Junge) Eins, zwei, drei, vier, fünf,
sechs, sieben, acht, neun, zehn,
elf, zwölf, 13, 14, 15...
(Junge) 16, 17, 18, 19, 20, 21...
36, 37, 38, 39...
53, 54, 55, 56...
Stopp!
Stopp! Bitte lassen Sie mich aussteigen!
Ich will hier raus! - Karla...
(Junge zählt weiter.)
(abgehetztes Atmen)
(Durchatmen)
Was quälst du uns so?
(Er atmet tief durch.)
(Insektensurren)
(Plätschern)
Du machst es selbst.
Los, geh.
Bring es zu Ende.
(Plätschern)
(Sie schluchzt.)
(dumpfe Unterwassergeräusche)
(sanfte, glückliche Musik)
(Sie schreit unkontrolliert.)
(sanfte Musik)
(Sie schreit unkontrolliert.)
(Stille)
(leise Stimme)
(undefinierbarer Gesang)
(Er summt eine Melodie, sie keucht.)
(Sie schluchzt.)
(Er summt weiter.)
(Sie atmet tief aus.)
(sanft-klackernde Schritte)
(getragenes französisches Chanson)
Was war mit der Untersuchung?
Nichts zu machen.
Wenn sie nicht mehr sagt, kann ich nichts für sie tun.
(Musik wird beschwingter.)
Jemand sagte mir mal...
vor Gericht wird die Wahrheit nicht ermittelt,
die Wahrheit wird verhandelt.
Aha.
(Er stöhnt leise.)
(Musik läuft weiterhin.)
(Ächzen)
Das ist die Liebe meines Lebens.
Weil ich eine Frau geliebt habe, kam ich ins KZ nach Dachau.
Eine Unrechtsstrafe - ich schäme mich dafür.
Darum geht es nicht.
Worum denn?
(getragenes französisches Chanson)
Es braucht nur eine Insel allein im weiten Meer.
Es braucht nur einen Menschen,
den aber braucht es sehr.
Mascha Kaléko.
Sie glauben doch nicht, dass ich das bin.
Doch.
Angenommen, der Prozess läuft gut für sie,
was sehr unwahrscheinlich ist...
Tu ich ihr damit einen Gefallen?
Wie meinen Sie das?
Sie wird dann ganz allein sein.
Das ist sie doch jetzt schon.
Ich setze alles aufs Spiel für jemanden,
den ich nie wieder sehe.
Um was geht es hier, um Ihre Karriere?
Auch.
Oder... besser...
um meine Glaubwürdigkeit.
(sanfte Musik)
Für Karla geht's genau darum.
Worum?
Um ihre Glaubwürdigkeit, um ihre Würde.
(sanfte Musik)
(Er stöhnt.)
(Klappern)
(leises Klimpern)
(monotoner, hell vibrierender Klang)
(Straßenlärm hörbar)
(Tür wird geöffnet.)
Guten Tag.
Karla, komm, setz dich.
Wenn du was trinken magst.
Ich hab etwas für dich.
Weißt du, was das ist?
Eine Stimmgabel. - Ja.
Das wird ab jetzt unser Geheimzeichen.
Wann immer du etwas nicht aussprechen kannst,
was dein Vater dir...
Dann bedeutet das...
(monotoner, hell vibrierender Klang)
unzüchtige Handlung.
Ich verstehe dann, was du nicht sagen kannst.
Dann hab ich noch eine sehr wichtige Frage.
Was würde sich denn für dich ändern durch den Prozess?
Dass man mir glaubt.
Dass ich selbst bestimmen kann.
Ich möchte... dass du noch eine Sache begreifst.
Vor Gericht, das wird hart.
Es kann sein, dass... - Was?
Dass du nicht Recht bekommst.
(aggressiv) Warum?
Karla. - Was muss ich denn noch erzählen?
Warum glaubst du mir nicht? - Karla.
Warum glaubt mir niemand? - Karla, beruhig dich.
Warum? - Karla.
(aggressive Laute)
(Sie atmet tief durch und grollt.)
(Wasserhahn läuft.)
(Sie atmet tief durch.)
Gibt es noch mehr Zeugen?
Deinen Opa vielleicht?
Was ist mit deinem Lehrer?
Er hasst mich.
Erzähl mir davon.
Die haben einen Test mit mir gemacht
wegen der Probleme in der Schule.
Du hattest Probleme? Warum?
Ich war oft müde.
Warum?
Ich konnte nicht schlafen, weil... was Blödes war.
Ich traurig war.
Auf jeden Fall dachte mein Lehrer, dass ich debil bin.
Ich bin auch oft zu spät gekommen.
Oder wenn er es mir verboten hat. - In die Schule zu gehen? Warum?
Wenn man noch was gesehen hat.
(heller Klang)
Deshalb haben sie also einen Test mit dir gemacht.
Der Test war leicht.
Sie haben mir nicht geglaubt,
deswegen musste ich ihn noch mal machen.
Da war ich noch besser.
Dann kam diese Kommission.
und haben mir ein Stipendium für ein Internat angeboten.
Und? Das klingt doch ganz gut.
Warum nicht?
Nur ein Elternteil musste unterschreiben.
Aber meine Mutter hat gesagt: Frag deinen Vater.
Wie hat er reagiert?
Er wurde wütend.
Was ist passiert?
Vielleicht kann ich es besser verstehen,
wenn du mir den Grund sagst.
Es war nur mein erster Kuss.
Du hast einen Jungen geküsst
und dein Vater hat euch dabei beobachtet
und ist wütend geworden.
Nicht nur das.
Wir haben nur gespielt.
Er hat mich so beschimpft, hat mich gewürgt,
ich dachte, er bringt mich um.
Aber er hat gesagt, ich soll das selbst tun.
Allen würde es dann besser gehen.
Ich wollte es tun.
Im See.
Da hab ich gesehen...
wie meine Freunde mich beobachtet haben.
Wie heißen deine Freunde?
(Klirren)
Ich dachte, wenn ich vielleicht nicht mehr da wäre...
(Poltern)
(Klacken)
(Klacken)
(ruhige Musik)
Du wolltest doch wissen, ob ich ein Instrument spiele.
Ich hab auch mal Gitarre gespielt.
Aber das hab ich schon lange nicht mehr getan.
(Ruhige Musik spielt weiter.)
Was ist passiert?
Sie ist verbrannt.
Die Gitarre? - Auch.
Was noch? - Wer noch.
(ruhiger Frauengesang)
(leise) Wer?
Meine Frau und mein Sohn.
Wie alt war Ihr Sohn?
(ruhige Musik)
13.
Wie waren jetzt die Namen von den Freunden,
die euch im Wald beobachtet haben?
Klaus und Rudi.
Klaus und Rudi wie?
Klaus Stätter und Rüdiger Rubens.
Was ist dann passiert?
Ich bin zur Polizei. - Nach Meersburg?
Ich hab noch mal gefragt, ob sie mitkommt.
Und?
Sie hat gesagt:
Er ist mein Mann vor Gott und ich liebe ihn.
Und am Ende: Sie nehmen mir den Muckel weg.
Und weiter?
Die haben die Anzeige zurückgezogen
und ich bin zu meiner Großmutter abgehauen.
Wie lange warst du bei deiner Großmutter?
Paar Monate.
Und wie bist du nach München gekommen?
(ruhige Musik)
Ich hasse Schleim.
(tiefes Atmen)
Kennen Sie "Die Geschichten von Narnia"?
Das war das, wo die Kinder durch den Schrank gehen.
Sie gehen in eine andere Welt.
Und...
so geht's mir, wenn das...
(heller Klang)
(leise) Passiert.
Ich verschwinde irgendwie.
An einen Ort, wo alles anders ist.
(Musik tritt in den Vordergrund.)
(Zirpen)
(ruhiger Frauengesang)
(Musik wird etwas beschwingter.)
Das Mädchen, dem das passiert ist, bin nicht ich.
Wenn ich hinschaue dann tut sie mir leid, aber...
ich spür nichts.
Was hat das mit München zu tun?
(schweres Atmen)
Mein Bruder hat...
Mein Bruder hat mich zu einem Treffen überredet.
Alleine.
Ich hab mich darauf gefreut, dann war er plötzlich dabei.
Er hat mich weggezerrt, bis uns niemand mehr sehen und hören konnte.
(heller Klang)
Ich konnte nicht weg, er hat mir so wehgetan.
Wer konnte nicht sehen und nicht hören?
Mama, Franz und der Muckel.
Also war das der letzte Vorfall, du hattest keinen Kontakt mehr?
Dann sorgen wir jetzt dafür, dass das so bleibt.
Rufen Sie dort bitte an, ich brauche die Akte.
(Surren der Wählscheibe)
(Schniefen)
Tadaaa!
Ist nur bis morgen.
(Sie spielt vorsichtig Akkorde.)
(ruhige Melodie)
(Schritte nähern sich, Tür wird geöffnet.)
Gitarre her.
Wie du so fröhlich sein kannst mit deiner Geschichte.
(Tür wird zugesperrt.)
Woher weiß Schwester Theresa das?
Es gibt Akten, die gehen an die... (Seufzen)
An die Fürsorgeeinrichtung und an die gegnerische Partei.
Es geht mir gut in dem Heim.
Aber dieser ganze Mist, der ist immer da.
Wenn ich den für eine Sekunde vergesse, was ist so schlecht daran?
(Seufzen)
Jeden Morgen wünsch ich mir, ich könnt aufwachen und denken:
Guten Morgen, Sonnenschein, guten Morgen, Brüderchen.
Komm, machen wir weiter.
Wir haben jetzt schon eine ganze Menge geklärt.
Wir brauchen nur noch eine Sache.
Kannst du mir vielleicht sagen, wie häufig...
also, oder wie oft es passiert ist?
Oft.
Wie oft? Ich brauch eine Zahl. - Wozu? Ist doch bescheuert.
Nein, ähm...
anhand einer Zahl kann man ablesen, wie schlimm etwas ist.
Und ab wie viel ist schlimm?
Du hast recht, einmal ist schon schlimm.
Aber die Häufigkeit kann das Strafmaß bestimmen.
Und ab welcher Zahl bekommt man eine Strafe?
Das hängt von verschiedenen Dingen ab.
Also sind Zahlen doch nicht so wichtig.
Karla, ich hab keine Lust, ständig über Kleinigkeiten zu diskutieren,
die Zeit läuft uns davon.
Dann stellen Sie nicht solche Fragen.
Du brauchst nur zu sagen... also wie oft ungefähr?
Wie oft...
in der Woche oder Monat?
Können Sie sich dran erinnern,
wie oft Sie in den letzten Wochen Ihren Tee verschüttet haben?
Nein. Das ist normal.
Es passiert Ihnen ständig, nicht immer, aber oft.
Da kann man sich vertun.
Trotzdem wissen Sie genau, dass es Ihnen passiert ist.
Ich weiß es nicht.
Gibt es noch etwas...
was du mir noch erzählen solltest?
Was?
Zum Beispiel etwas, was du falsch erzählt hast
oder was du vielleicht mal falsch gemacht hast.
Weißt du, eine Zeugin muss vollständig glaubwürdig sein.
Das heißt, wenn ich irgendwann mal in meinem Leben
etwas falsch gemacht hab, glaubt man mir nicht mehr?
Wenn's blöd läuft, ja.
Das ist bescheuert! - Nein, das ist sinnvoll.
Der Richter, der kennt doch die Zeugen nicht.
An irgendwas muss er sich orientieren,
glauben geht vor Gericht nicht.
Fakten sind entscheidend.
Karla!
(Scheppern)
(Knall)
Was?
Gut.
Mhm.
Ja. - Hier.
Wie oft?
Schreiben Sie 34-mal.
(Knarzen)
(Schnaufen)
Versuchen wir's.
Ah, Fritz. - Du musst das unterschreiben.
Ich dachte, diese Fälle interessieren dich nicht.
Wer hat den Antrag auf richterliche Vernehmung ausgestellt?
Das war auf dem kurzen Dienstweg.
Das Mädchen erschien mitten in der Nacht.
Das sei die Anklageschrift?
Das ist Aufgabe des Staatsanwalts. - Das kannst du ja ausformulieren.
Das sind ja nur Anhaltspunkte.
Du hast ja gar nichts, null.
Woher willst du wissen, dass sie die Wahrheit sagt?
Ich weiß es einfach. - Tja, und woher?
Erfahrung. Instinkt.
Und wenn sie lügt?
Bisschen Streit mit ihren Eltern, Verbote, ein grober Vater.
Und dafür alles aufgeben?
Ein Zuhause, die Mutter, die Brüder.
Sie fühlt sich sogar im Mädchenheim wohler.
Das sind keine verwertbaren Argumente.
Angenommen, ich helfe dir.
Das sind auch Verfahrensfehler.
Die Vernehmung und die Hauptverhandlung.
Fritz.
Seit wann machen wir das so? - Ein Bild darf ich mir wohl machen.
Dann muss sie zu mir.
Bei dir wird sie nicht reden.
Es fällt doch gar nicht auf, wenn du das einfach unterschreibst.
Warum sollte ich das tun?
Du hast die Gelegenheit, mich in die Pfanne zu hauen.
Ich brauch den 30.4.
Wenn dir das um die Ohren fliegt, hab ich nichts mehr damit zu tun.
Dann bist du allein.
Was ist los?
(leise) Komm, sag.
Die Mama, der Muckel und der Franz, ich vermiss sie einfach.
(Schniefen)
(Klappern)
Meersburg? - Das war nicht einfach.
(leises Stimmengewirr)
(tiefes Atmen)
(Vogelzwitschern)
(leises Stimmengewirr)
(entferntes Motorengeräusch)
(Schritte nähern sich.)
(Autotür wird geöffnet.)
(Tür wird zugeschlagen.)
Herr Budinski, wie wär's mit 'ner Zigarette?
(entferntes Martinshorn)
Äh...
(Martinshorn)
(Autotür wird zugeschlagen.)
Das sollte eigentlich ein Abschiedsgeschenk werden.
Aber ich finde...
Mit lieben Grüßen vom Richter Lamy.
(Liebe Karla.)
(Auch wenn uns über 50 Jahre trennen,
kann ich doch sagen, dass ich am Ende meines Berufslebens
sehr viel von dir gelernt habe.)
(Was es heißt, für seine Würde einzustehen,
gegen alle Widerstände,
und die Kraft zu haben,
innere und äußere Bedrängnisse auszuhalten
und zu überwinden.)
(Dafür möchte ich dir von ganzem Herzen
einerseits meinen tiefsten Respekt ausdrücken,
aber auch danken.)
(Du bist ein unglaublich starkes Mädchen.)
(Dein oller Richter Lamy.)
Ich heb das für dich auf.
(Klacken)
Hm?
... in mindestens 34 Fällen
nicht näher bestimmbaren Datums
unzüchtige Handlungen vorgenommen und zu unzüchtigen Handlungen gezwungen.
Das Opfer wurde zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr
mindestens in 34 Fällen...
(Stimmen fließen ineinander.)
Dabei verleitete der Angeklagte das Opfer wissentlich
zur Verübung und Duldung...
(Stimmen fließen ineinander, unverständliche Wortfetzen.)
Misshandelte der Angeklagte zur Verdeckung der Handlungen...
Auf den Abbildungen zu sehen sind
eine Narbe zwischen rechtem Auge und rechter Schläfe.
Dann Abschürfungen im Bereich des oberen Rückens links
sowie im Schulterbereich.
Deutlich sichtbare Hämatome an den Unterarmen.
Es geht um den Tatvorwurf der Vergewaltigung.
Eine gynäkologische Untersuchung gab es nicht.
Warum nicht?
Karla Ebel verweigerte die Untersuchung.
Es gibt also keine Hinweise auf sexuelle Aktivität?
Nein. - Keine weiteren Fragen.
Klaus, du bist doch mit Karla Ebel befreundet.
Ja.
Kannst du uns etwas über das Verhältnis
zwischen Karla und ihrem Vater erzählen?
Karla hat Angst vor ihm.
Weißt du, warum?
Ich glaube, er schlägt sie.
Hast du noch nie einen Klaps bekommen?
Schon. - Hat noch niemandem geschadet.
(Lachen) Bitte ruhig im Zuschauerraum.
Hast du sonst noch was mitbekommen?
Ich...
Ich weiß nicht. Vielleicht.
Einmal hab ich Karla nach Hause gebracht.
Der Vater war sehr wütend und ist auf mich losgegangen.
Da bin ich schnell weggelaufen.
Was Karla danach passiert ist, weiß ich nicht.
Kannst du dich an einen Vorfall am See erinnern?
Nein.
Das ist schon 'ne ganze Weile her.
Ich kann mich nicht erinnern. - Ich hab's gesehen.
Er hat komische Wörter geschrien.
Und dass er sie umbringt.
Was waren denn das für komische Wörter?
(Knarzen)
Elendige Hure.
Was weiter?
Dann war's irgendwie komisch, er hat sich an ihr Bein geklammert.
Dann hab ich nicht mehr hingesehen.
Warum war Herr Ebel so wütend auf seine Tochter, was glaubst du?
Vielleicht, weil sie weggelaufen ist. Sie war doch beim Zirkus.
Bei einem Mann, der das rohe Fleisch isst
und eine Fellmütze auf dem Kopf hat.
(Lachen) Interessant.
Der Mann hat Mohnblumen in Puppen verwandelt.
Das kann sie auch. - Danke, Rüdiger.
Kannst du uns lieber noch etwas von der Situation am See erzählen?
Herr Ebel war halt sehr wütend.
Kannst du dich noch an mehr erinnern?
Nein.
(Dr. Lamy) Nicht.
Franz, es steht dir frei, die Aussage zu verweigern,
aber es wäre hilfreich, wenn du sprichst.
Willst du aussagen? - Ja.
Weißt du, was mit deiner Schwester passiert ist?
Nein.
Gab es in deiner Familie Gewalt gegen Karla?
Ja, aber sie hat noch am wenigsten abbekommen.
Franz, weißt du, warum deine Schwester hier ist?
Das muss sie selber wissen.
Sie sagt, dass euer Vater sich ihr unsittlich genähert hat.
Davon weiß ich nichts.
Noch weitere Fragen?
Gut, Franz, du kannst dich dann ins Publikum setzen.
Ich rufe als Nächstes Viktoria Ebel in den Zeugenstand.
Guten Tag, Frau Ebel.
Zunächst zu den Personalien.
Sie heißen Viktoria Ebel, geborene Rath,
und sind am 22.05.1922 in Bermatingen geboren.
Wohnhaft in der Messmer Straße 8 in Meersburg.
Stimmt das soweit? - Ja.
Sie wissen, dass Sie als Ehefrau nicht aussagen müssen.
Wenn Sie aber aussagen möchten, müssen Sie die Wahrheit sagen.
Wollen Sie sich zur Sache äußern?
Es war nicht immer recht, was er getan hat.
Aber die Kinder machen oft Ärger.
Es ist nicht leicht, wissen Sie, weil wir beide viel arbeiten müssen.
Die Kinder haben ihren eigenen Kopf.
Besonders Karla.
Frau Ebel, ist Ihnen bekannt,
dass es zu unsittlichen Handlungen seitens Ihres Mannes gekommen ist?
Nein. - Niemals?
Da bin ich ganz sicher.
Sie haben also niemals gesehen,
dass Ihr Mann, Karl Ebel, Ihre Tochter unsittlich berührt hat.
Doch nicht so. - Also hat er sie berührt?
Er war manchmal grob.
Haben Sie dann eingegriffen?
Ich möchte jetzt nichts mehr sagen.
Ich unterbreche die Sitzung für 30 Minuten.
(Wasserrauschen)
(WC-Spülung)
(Quietschen)
(Wasserrauschen)
(Wasserrauschen stoppt.)
(Schritte nähern sich.)
(Die Schritte hallen nach.)
(leises Dröhnen, hallende Schritte)
(Insektensummen, Zirpen)
(Das Summen wird lauter und endet abrupt.)
Karla.
Ich muss dich darauf hinweisen, dass alles, was du sagst,
strafrechtliche Auswirkungen auf deine Angehörigen haben kann.
Deshalb sieht das Gesetz vor,
dass du das Recht hast, deine Aussage zu verweigern.
Willst du aussagen?
Ja.
Gut.
Karla, deinen Angaben nach hat dein Vater
Unzuchtshandlungen an dir vollzogen.
Kannst du einen solchen Vorfall schildern?
Es war am Ostersonntag.
Ich dachte, ich treffe meine Mutter und meine zwei Brüder.
Ich hatte sie länger nicht gesehen.
Da war er auch dabei.
Wer? - Mein Vater.
Was ist dann geschehen?
Ich wollte weglaufen,
da hat er mich an den Haaren gepackt und weggezerrt.
Wohin?
Wo uns niemand sehen konnte.
Was ist da passiert?
Er hat mich festgehalten.
Ich wollte das nicht.
Und dann...
Du brichst deiner Mutter das Herz, überleg dir gut, was du sagst!
Herr Ebel, Sie reden erst, wenn Sie dazu aufgefordert werden.
Wenn Sie sich nicht still verhalten, lass ich Sie aus dem Saal expedieren.
Was ist an dem Tag noch passiert, Karla?
Sprich weiter.
(heller Ton)
(dumpferer Ton)
Darüber kann ich nicht sprechen.
Ich stelle fest, der Angeklagte hat versucht,
die Zeugin einzuschüchtern.
Dem Gericht sind die Vorfälle bekannt, wir können fortfahren.
Was ist das für eine Ausdrucksweise, Herr Vorsitzender?
Darf ich? - Bitte.
Karla.
Hast du schon einmal gelogen?
Es ist hinlänglich bekannt, das gerade junge Mädchen
alles Mögliche behaupten, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Ich erzähle manchmal Geschichten, aber...
Karla, einfach nur antworten.
Ja.
Was ja?
Ich hab schon mal gelogen.
Karla, deiner Aussage nach kam es zu diesen unsittlichen Handlungen.
Was ist da genau passiert?
Was ist mit Penetration?
Penetration ist das Eindringen in eine Körperöffnung.
Der Tatbestand der Kinderschändung ist erst gegeben,
wenn es zum gewaltsamen Eindringen des Penis in die Vagina kam.
Trotz erkennbarer Gegenwehr.
Also...
Ist es zur Penetration gekommen? - Lassen Sie es gut sein.
Karla, hast du dich während der mutmaßlichen Tätlichkeit
zur Wehr gesetzt?
Gibt es dafür Zeugen?
Auf welcher Basis soll hier geurteilt werden?
Keine Beweise, eine schweigende Zeugin,
Widersprüche und Aussage gegen Aussage.
Danke, Karla, du darfst dich wieder auf deinen Platz setzen.
(Räuspern)
Alles wird gut, Mädchen.
Herr Vorsitzender, ich äußere die Besorgnis der Befangenheit.
Na, das steht Ihnen selbstverständlich frei.
(leise) Was heißt Befangenheit? - Pscht.
Karl Ebel, nehmen Sie jetzt im Zeugenstand Platz.
(leise) Das bedeutet, der Verteidiger hat den Eindruck,
dass Richter Lamy von der Verhandlung ausgeschlossen werden soll,
wegen Parteilichkeit.
Herr Ebel.
Ihnen wird wiederholte schwere Unzucht
an einer Minderjährigen in mindestens 34 Fällen vorgeworfen.
Bisher haben Sie das bestritten,
möchten Sie nach dem, was Sie heute gehört haben,
Ihre Aussage ändern?
Wir hatten Streit, das ist eskaliert, sonst war da nichts.
Ihre Tochter lügt also. - Ja.
Sie lügt.
Sie stiehlt.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
Hat sie Ihnen von ihrem Opa erzählt?
Beide Großväter sind tot, beim letzten war sie zwei.
Opa hielt als Einziger zu mir.
Karla, auch du darfst erst reden, wenn du aufgefordert wirst.
Hat sie Ihnen von den Kerzen erzählt?
Der Pfarrer hat sich gewundert über den plötzlichen Reichtum.
Ich hab nichts gestohlen.
Fragen Sie sie selbst.
Karla?
Ich wollte Gott um Hilfe bitten.
Was hat das damit zu tun?
Ich hab Geld aus dem Klingelbeutel genommen.
Das nennt man "stehlen".
Ich hab's rausgenommen und gleich wieder zurückgegeben.
Wie sollen wir das bitte verstehen?
Ich hab's dem Pfarrer gegeben.
Was hast du dann damit gemacht?
Ich hab Kerzen angezündet, 100 Stück.
(leise) Es war wunderschön.
(Anwalt) Eine Zeugin, die lügt und stiehlt.
Da haben Sie wohl auf Sand gebaut, Herr Staatsanwalt.
(Dr. Lamy) Herr Ebel, wie erklären Sie sich das Verhalten Ihrer Tochter?
Sie ist äußerst klug.
Sie hat viel Fantasie, bauscht Dinge auf,
um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Sie rächt sich, weil sie etwas missverstanden hat.
Was hat sie missverstanden?
Es ist doch ganz anders.
Sie hat mich angemacht.
Das ist normal, kleine Mädchen lieben ihre Väter
und wollen ihre Mütter beseitigen.
Ich kann es im Detail erklären, ich habe alles darüber gelesen,
sie ist eifersüchtig.
Deshalb schwärzt sie mich an,
sie hat sich das in Wahrheit gewünscht.
Was haben Sie getan,
wenn Ihre Tochter Sie, wie Sie sagen, angemacht hat?
Und was hat sich Ihre Tochter Ihrer Meinung nach gewünscht?
Schauen Sie sie an, eine hübsche, junge Dame.
Man vergisst, dass sie ein Kind ist. - Das geht zu weit!
Ich liebe meine Tochter, aber sie bringt mich um den Verstand.
Sie treibt sich herum, sie lügt, sie stiehlt.
Und wenn ich sie manchmal zu grob angefasst habe,
dann nur deshalb.
Das müssen Sie mir glauben.
(Anwalt) War's das?
Ich beantrage Freispruch.
(Würgen)
(leiser Verkehrslärm)
Angst ist wie Übelkeit.
Die Übelkeit, bevor man kotzt,
ist viel schlimmer als das Kotzen selbst.
Wovor hast du denn solche Angst?
Was ist, wenn Richter Lamy
ausgeschlossen wird wegen der Befangenheit?
Das spielt keine Rolle mehr.
Lebe, lache, sei fröhlich.
Die größte Genugtuung, weißt du, das ist ein gutes Leben.
(leise Gitarrenklänge)
Meine Herren, auf ein Wort.
Bei einem Geständnis bekommt Ihr Mandant zwei Jahre Gefängnis,
bei guter Führung ist er nach einem Jahr wieder raus.
Ansonsten stehen fünf Jahre Zuchthaus im Raum.
Wir sind nicht da, wo wir hinwollten. - Beenden Sie diese Farce.
Sie kommen um den Freispruch nicht herum.
Die Mutter weiß es. - Ach.
Die Mutter ist vorbei. - Ich habe eine Aussage von ihr.
Warum weiß ich das nicht? - Übersehen?
Da bin ich aber sehr gespannt.
Ich werde die Frau wieder in den Zeugenstand rufen.
Falls ihre Aussage sie zu einer neuen Einschätzung bewegt,
bekommen wir das Geständnis und Ihr Mandant zwei Jahre Gefängnis,
wobei ein Teil auf Bewährung ausgesetzt wird.
Fast unterhaltsam.
(Tür fällt quietschend zu.)
Dem Gericht liegen neue Beweismittel vor,
deshalb bitte ich Frau Viktoria Ebel noch einmal in den Zeugenstand.
Auch diesmal gilt, dass Sie das Recht haben, die Aussage zu verweigern.
Aber wenn Sie sprechen, müssen Sie die Wahrheit sagen.
Das haben Sie verstanden?
Ja. - Gut.
Frau Ebel, laut dieser Akte, die mir hier vorliegt,
waren Sie schon mal am 27. Juni 1961,
also vor etwa einem Jahr, mit Ihrer Tochter bei der Polizei.
Vorhalt aus dieser Akte, die wir aus Meersburg bekommen haben:
Auch bestrafte der Beschuldigte seine Tochter häufig
wegen Ungehorsams und angeblichen Herumtreibens.
Dabei ging er einmal so weit,
dass er ihr Kleid zerriss und in den Abort warf.
Am selben Tag stellte er fest,
dass die Tochter ihre Kleidung zur Großmutter gebracht hatte,
als sich die Tochter der Aufforderung,
die Kleidung zurückzuholen, nicht fügen wollte,
kam es zu schwerwiegenden Tätlichkeiten.
Vorhalt der Aussage von Viktoria Ebel:
Im ersten Moment dachte ich, er erschlägt sie.
Frau Ebel, was dachten Sie im zweiten Moment,
was da passieren würde?
Ich war mir nicht sicher, was ich gesehen hatte.
Deshalb hab ich ihn gebeten,
mit mir dasselbe zu machen wie mit ihr.
Was sollte er machen?
Er hat geschworen, dass er aufgepasst hat,
dass sie noch Jungfrau ist.
Frau Ebel, hatten Sie nie Zweifel,
dass die gesunde Entwicklung Ihrer Tochter
und ihr Schutz in dieser Umgebung gewährleistet sein würde?
Er hat versprochen, dass es nie wieder vorkommt.
Was hätt ich denn machen sollen? Mich umbringen?
(Getuschel)
Danke, das reicht mir.
(Getuschel)
Wo ist meine...
Wo...
Wo ist meine Tochter?
(Getuschel)
(Knarzen)
(Knarzen)
Mein Mandant möchte eine Aussage machen.
Frau Ebel, bitte setzen Sie sich wieder,
ich rufe Herrn Karl Ebel erneut in den Zeugenstand.
Herr Ebel, Sie wissen... - Ich kenne meine Rechte.
Am Anfang war's ein Spiel.
Aber sie hat mich herausgefordert.
Sie war so wach im Kopf, verstehen Sie,
es fiel mir immer schwerer, sie als Kind zu sehen.
Kennen Sie die Geschichte von Zeus und Athene?
Athene ist in voller Rüstung Zeus' Kopf entsprungen,
sie war nur seine Tochter,
aber sie hat bereits erwachsen die Welt betreten.
So war es mit uns.
Deshalb heißt sie nach mir, Karla.
Sie ist mir ebenbürtig, das hat Gefühle geweckt.
Herr Ebel, es wäre gut,
wenn Sie sich zu den Vorwürfen der Unzucht und der Nötigung
zu unsittlichen sexuellen Handlungen äußern würden.
Ich habe das gemacht, und es stimmt, das sie das nicht wollte.
Was genau wollte sie nicht?
Ich habe...
sie angefasst, ich hab...
Es tut mir leid.
Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.
(Windrauschen)
Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:
Das Landgericht befindet den Angeklagten
nach Paragraph 176 Strafgesetzbuch für schuldig.
Es ergeht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten,
von der ein halbes Jahr auf Bewährung ausgesetzt werden kann.
Das vollumfängliche Geständnis wirkt sich strafmildernd aus.
(Vogelzwitschern)
(leises Vogelzwitschern)
(Melancholisch-wehmütiger Gesang setzt ein.)
♪ This is the last night
♪ l will hide in my mind.
♪ No longer belonging to their...
♪ poison sleep.
♪ l...
♪ either live...
♪ or lose life.
♪ No one listens.
♪ No one...
♪ listens.
(lockere Gitarrenmusik)
♪ Still in the dark l can't longer be silent.
♪ For years l gathered all strength.
♪ To finally build my resistance.
♪ Took me for long to really know
♪ this will be my final, oh.
♪ Divine light heals the eternally wounded.
♪ Divine light gives the power to resistance.
♪ The divine...
♪ wakes your...
♪ divine light.
♪ Hmmmmmmm.
♪ When the sun is rising after this night
♪ it will shine right into your mind.
♪ Illuminate your heart from inside,
♪ you can take on the fight
♪ with the power of your mind.
♪ When this force is released...
♪ it's not about defeating an army.
♪ It's about no longer being in the cage, dear.
♪ To decide for yourself
♪ to be heard and seen.
♪ Divine light shines to the eternally wounded.
♪ Divine light,
♪ let it just awake freedom ways deep inside.
♪ So trust in your divine light.
♪ You are no longer far away.
♪ You radiate calm strength and courage.
♪ Confidence is in your faith.
♪ You carry it under your skin
♪ since the very beginning.
♪ Divine light heals the eternally wounded.
♪ Divine light,
♪ let it just awake.
♪ Divine light heals the eternally wounded.
♪ Divine light...
♪ you may take what you deserve.
♪ So trust...
♪ in your...
♪ divine light.
(Stille)
(Ruhige, lockere Musik setzt wieder ein.)
(Musik spielt weiter.)
Untertitel: AUDIO2 2024
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