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Lydia Anatoly Hlib
(Erzählerin) Es war einmal ein Löwe.
Er war sehr groß und hatte riesige Zähne.
Geben Sie mir die Chance, wenigstens das zu tun.
(Erzählerin) Doch er hatte Angst vor Wasser.
Opa.
Komm schon. Lauf. Wir müssen uns beeilen.
(Erzählerin) Eines warmen Sommermorgens
lief der Löwe am Flussufer entlang.
Da spritzte plötzlich ein Tropfen Wasser auf seine Pranke.
Der Löwe brüllte vor Schreck aus Leibeskräften.
Da lachten ihn alle Tiere aus und nannten ihn einen Feigling.
* Triste Titelmusik *
* Ukrainische Musik *
Sie und mein Sohn. Also, ähm...
Wie lange kennen Sie sich?
Einige Tage.
Er ist ein guter Mensch.
Er ist Single und er weiß sehr genau, was er will.
Ist mir aufgefallen.
Aber er ist noch jung.
Ich würde sagen, er hat Flausen im Kopf.
Das wird mit der Zeit vergehen. Falls er überlebt.
Das wird er.
Da ist jemand, für den er es muss.
Wieso fahren wir überhaupt nach Diepropetrowsk?
Was ist das für ein Wunderheiler?
Artur Mykolajowitsch.
Der beste Kinderonkologe der Ukraine.
Früher hat er in Charkiw gearbeitet und jetzt da.
Auf ins gelobte Land.
Komm her. Mögen Sie die Stadt nicht?
Sagen wir, ich hab
an diesen Ort nicht die allerbesten Erinnerungen.
* Schreie *
Oh je.
Stimmt was nicht?
Ähm, das war ich nicht.
Echt nicht. Ehrlich.
Lyd, ich konnte Dima nur mit Mühe und Not zur Scheidung überreden.
Säule 3, Diesel, volltanken.
Ich werde morgen in Kiew sein.
Ich brauche aber heute eine Antwort. Hast du verstanden?
Was sind seine Bedingungen?
Schick mir die Adresse in Dnipro. Und wozu?
Ich komme zu dir. Bis dann. Nadja.
Hier, für dich.
Keinen Hunger? Wir haben einen langen Weg vor uns.
Hast du schon einen Namen für ihn?
Ich weiß, dass du dir Sorgen um deinen Papa machst.
Valerij. Hm?
So hab ich den Hund genannt: Valerij.
Hm.
Wie kommst du drauf? Kennst du jemanden, der so heißt?
So heißt Saluzhnyj, unser Oberbefehlshaber.
Wenn er groß ist, hetze ich ihn auf die Russen.
Um Papa zu rächen.
Sieh mich mal an.
Wut ist völlig normal.
Ich bin auch wütend auf diese Leute.
Ich geh nicht zu Opa, wenn Papa stirbt.
Er macht sich große Sorgen um dich.
Er sagt mir nicht, wie’s Papa geht.
Weil er dich schützen will.
Ich muss sterben, oder?
Hast du grad bei Papa angerufen? Geh mit dem Hund spazieren.
Wenn er sich noch mal einpisst, hab ich kein Geld mehr,
um es der Frau zu geben.
Er macht sich Sorgen, na klar.
Sie sagen immer das Gleiche.
Sein Zustand ist stabil, aber kritisch. Wir tun, was wir können.
Er ist selbst schuld. Er musste ja unbedingt ein Held sein. Verdammt.
Wir sind als Zivilpersonen unter Beschuss geraten, Anatoly.
Es waren russische Saboteure.
Dass es so enden würde, war mir klar.
Ich hab ihn gebeten, uns nicht zu verlassen.
Aber er macht, was er will.
Säule drei, vollgetankt.
Hlib!
Hlib! Wo bist du?
Hlib!
Hlib!
Hlib! Wo steckst du?
Hlib! Wir müssen los.
Hlib! Hlib!
Bleiben Sie stehen!
Gehen Sie nicht da rein. Was ist denn los?
Da könnten Minen sein. Ist das ein Scherz?
Alle sagen, überall sind Minen. Wir müssen Ihren Enkel finden.
Gehen Sie da nicht rein. Wir sind hier.
Ich hab gesagt, geh nicht so weit weg. Hlib!
Hey! Verstehst du etwa keine menschliche Sprache mehr?
Doch, aber ich musste mal auf die Toilette.
Gib her. Gib ihn mir zurück.
Wenn dein Vater wieder da ist,
kann er dir einen richtigen Hund kaufen.
Opa!
Anatoly, beruhigen Sie sich. Mischen Sie sich nicht ein.
Was ist mit dir? Was hast du? Atme tief durch.
Stehen Sie nicht rum. Tun Sie irgendwas!
Heben Sie ihn. Wir müssen ihn zum Auto bringen.
Du musst versuchen, zu atmen. Gleich wird alles wieder gut.
Wir haben’s gleich geschafft.
Reinsetzen. Sht, sht.
Seine Medizin? Was meinen Sie?
Wo ist seine Medizin? Ach so, in meiner Tasche.
Okay, alles klar. Ziehen Sie ihm die Jacke aus.
Bleib ruhig. Alles wird wieder gut.
Bitte, halte noch einen Moment durch.
So, jetzt. Gehen Sie zur Seite.
Du hast es fast geschafft. Gleich geht’s dir besser. Tief einatmen.
Und, besser?
Denken Sie, die Tankstelle hatte eine Überwachungskamera?
Keine Ahnung.
Ich würde mir dieses Monster gern auf Video ansehen.
Welches Monster? Ich meine mich.
Er hat mir Sie mit Absicht geschickt.
Wer? Taras.
Er will mich schon lange zum Psychotherapeuten schicken,
weil ich angeblich ne Schraube locker hab.
Also, als Handwerker bin ich zwar nicht begabt,
aber ne Werkzeugkiste hab ich dabei.
Dann fangen Sie an.
Nein, so läuft das nicht.
Wie läuft es dann? Sie fangen an.
Und was soll ich sagen?
Was Ihnen in den Sinn kommt.
Kirschen.
Mögen Sie Kirschen?
Nein. Zu sauer.
Davon zieht sich mein ganzer Mund zusammen.
Wieso erwähnen Sie sie?
Meine Frau war verrückt danach.
Bei uns im Garten standen überall Kirschbäume.
Hatten Sie nach ihr noch andere Beziehungen?
Sie wissen, wie das ist. Ich war früher mal anders.
Auch wenn das jetzt abgedroschen klingt,
aber aufs Aussehen kommt es bei einem Menschen nicht an.
Ich rede nicht vom Aussehen, sondern vom Charakter.
Jetzt habe ich vor allem Angst, was mir fremd ist.
Alles stellt eine Bedrohung dar.
Taras hat gesagt, Sie waren in Tschernobyl.
Wer so was durchmacht, bekommt Angst. Das ist normal.
Durch Tschernobyl hab ich bloß erfahren, was Angst ist.
Wirkliche Angst bekommen hab ich erst viel später.
Tanja, geh schnell zur Registratur. Ich hab die Formulare vergessen.
Ist dir aufgefallen, wie süß er ist?
Formulare, Tanja.
Taras, es reicht.
Ich helfe Ihnen. - Das schaffe ich schon.
Lass das. Wieso hast du mich nicht besucht?
Jetzt bin ich ja wohl hier, oder?
Na klar, du willst nicht mit nem Scheusal leben.
Ich will einfach nur leben.
Ich such mir Arbeit. Wo denn bitte, im Zirkus?
Schluss!
Gib her. - Nein, hör auf! Der gehört mir!
Du kannst die Wohnung in Luhansk behalten.
Also stell mich nicht als die Böse hin.
Zina. - Ich will den wieder haben.
Halt endlich den Mund! - Mama!
* Er hustet. *
Die Lunge ist geschädigt.
Sie wird nicht mehr so funktionieren wie früher.
In Amerika würden sie transplantieren, aber bei uns...
Ich hätte lieber ein neues Gesicht. Das kann jeder sehen.
Wurden Sie auf Dienstanweisung dahin beordert?
War freiwillig da.
Das war wirklich mutig von Ihnen. Das, ähm, nennt man anders.
Wie denn?
Total bescheuert.
Hier ist mein Antrag auf Entlassung.
Mhm. Was, mhm?
Ich habe nicht vor, Sie zu entlassen.
Vira. Wie heißen Sie weiter? Iwaniwna.
Vira Iwaniwna, sind wir im Kindergarten?
Dasselbe wollte ich auch gerade fragen.
Wollen Sie sich über mich lustig machen?
Als man Sie eingeliefert hat,
haben Sie nach meinem Arm gegriffen und stundenlang nicht losgelassen.
Jetzt bin ich an der Reihe, Sie festzuhalten,
bis Sie wieder gesund sind.
Können Sie’s etwas lockerer machen? Das tut weh.
Ich übernehme. Danke, Tanja.
Sind Sie verheiratet?
Ich lasse mich scheiden.
Genau wie Sie.
Haben Sie ein bisschen Geduld.
Tanja, lass uns morgen mit Zimmer fünf anfangen.
Gut. Bis morgen. - Bis morgen.
* Stöhnen * - * Sie erschrickt. *
Was, was machen Sie unterm Tisch?
Ich mache Ihnen Angst.
Und wieso?
Ich dachte, wenn Sie mit Verbänden keine Angst vor mir haben, dann...
...laufen Sie vielleicht auch ohne nicht vor mir weg.
Sind Sie verrückt?
(Mann) Ich wusste, dass du mir vergibst.
Mein Täubchen, ich liebe dich so sehr.
Alles wird so wie früher.
Es wird noch viel besser. Hm? - Mhm.
Ach, du meine Güte
Tolja.
Tolja, warte.
Tolja!
Sie hat mich danach angerufen, immer wieder.
Und Sie?
Sie haben aufgelegt.
Jedes Mal. Ich wollte keine Ausreden hören.
Wirklich, das hat nichts mit dir zu tun.
Den Unsinn wollte ich mir nicht antun.
Sie wollte vielleicht was Wichtiges sagen.
Was wichtig war, hab ich mit eigenen Augen sehen müssen.
Da können Sie aber nicht sicher sein.
Vielleicht wär alles anders verlaufen.
Wer war bei Ihnen krank?
Meine Tochter.
Das tut mir leid.
Sie wurde doch geheilt, oder? Mhm.
Es ist wichtig, dass man in so einer Situation nicht zerbricht.
Wie haben Sie das geschafft?
Ich hab anderen geholfen.
Und wem?
Flüchtlingen aus dem Donbass.
Mein Mann und ich haben eine Stiftung gegründet,
Ukrainische Familie.
Danke, dass Sie uns hergebracht haben.
Hab ich was Falsches gesagt?
Nein, ich bin bloß neugierig.
Haben Sie überhaupt kein schlechtes Gewissen?
Ja, ich fürchte, Sie hatten recht.
Die Werte haben sich verschlechtert.
Vira. Oder hab ich jetzt Halluzinationen?
Wenn Sie wollen, kann ich mit ihr reden.
Nein, vielen Dank. Von Ihnen will ich überhaupt nichts.
Der Arzt will Sie sehen.
Ich glaube, wir müssen noch mehr Tests machen.
Ist gut.
Dann fangen wir damit an und sehen weiter.
Entschuldigung?
Ja?
Alisa Wiktoriwna, ähm, haben Sie einen Moment Zeit?
Fangen Sie schon mal an.
Was kann ich für Sie tun?
Die Frage ist sicher seltsam,
aber kennen Sie vielleicht eine Frau namens Vira Iwaniwna-Kowal?
Das ist meine Mutter.
Okay.
So, bitte.
Wie sieht’s aus?
Das wissen wir, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist.
Aber ich würde sagen, der erste Eindruck ist doch recht positiv.
Gut.
Das wär’s für heute. Das ist Nina Sergejewna.
Sie zeigt Ihnen das Zimmer.
Ruh dich aus.
Ich besorg dir mal alles, was du brauchst.
Valerij wartet im Auto auf uns.
Da wird er auch bleiben. Opa.
Nörgel nicht rum.
Können Sie auf ihn aufpassen? Ich kauf was ein.
Regisseurin will sie werden?
Tja, irgendjemand muss sich opfern und das machen, oder?
Guten Abend, Anatolij Petrowitsch.
Ich brauche den Kontakt zu der Wohltätigkeitsorganisation,
die mir mit Dascha damals geholfen hat.
Wissen Sie, Hlibs Familie wird sich die Behandlung kaum leisten können.
Daschas Behandlung wurde von einer Organisation bezahlt?
Natürlich.
Wenn ich das richtig in Erinnerung hab,
wurden alle Rechnungen von Ihrem Mann bezahlt.
Meine Mutter hat mir von Ihnen erzählt.
Will mich jeder fertig machen?
Mein Vater hat sie sofort wieder betrogen.
Die beiden haben sich getrennt,
kaum dass Sie das Krankenhaus verlassen hatten.
Aha. Und Sie? Er, äh, ist mein Vater.
Und wie geht es ihr jetzt? Ist sie verheiratet?
Mama ist gestorben. Vor sechs Monaten.
Sie hat darauf gewartet, dass Sie sie irgendwann anrufen.
Mhm.
Wir hatten damals nicht genug Geld für diese Behandlung
und Dima hat diese Organisation gefunden.
Vielleicht hat ihm jemand das Geld gegeben.
Die Frage kann nur Ihr Mann beantworten.
Raketen sind unterwegs. Bitte, entschuldigen Sie.
Nina Sergejewna!
Alarm! Begeben Sie sich sofort in die Schutzräume.
Wer nicht transportfähig ist, kommt auf die Intensivstation.
Ich bringe sie runter. Gehen Sie vor.
Gut.
Vira hat wirklich an mich gedacht?
Ja, aber das ist jetzt nicht wichtig.
Und ob es das ist!
Nehmen Sie den Jungen mit.
Anatolij, Sie müssen sich zusammenreißen.
Hätte ich damals bloß mit ihr gesprochen.
Es ist zu spät. Jetzt geht es nur um Hlib.
Er hat eine tödliche Krankheit. Es fliegen Raketen hierher.
Die könnten ihn noch schneller umbringen als der Krebs.
Kommen Sie, wir gehen.
Stopp. Wo willst du hin?
Valerij ist noch im Auto. Du musst runter.
Ich gehe zum Wagen und hol ihn da raus.
Geben Sie mir den Schlüssel. Das schaffen Sie nicht.
Geben Sie mir die Chance, wenigstens das zu tun.
Opa!
Opa.
Komm schon. Lauf. Wir müssen uns beeilen.
* Stimmengewirr *
* Knall *
Und wenn er nicht zurückkommt?
Er kommt zurück. Mach dir keine Sorgen.
* Schreie *
(Erzählerin) Da ist Wasser auf meiner Pranke,
schrie der Löwe verzweifelt.
Und alle Tiere lachten ihn aus.
Doch dann erinnerte sich der Löwe daran, dass er ein Löwe war
und sprang wegemutig in den Fluss.
Ich hab mich an meine Jugend erinnert.
Da hast du ihn.
Na, siehst du.
Opa. Opa! Alles ist gut.
Ich hab dich lieb. Ich dich auch.
(Erzählerin) Er spürte, dass das Wasser angenehm kühl war
und überhaupt nicht weh tat.
Und so besiegte er seine Angst.
Ist der Alarm vorbei? Nein.
Ich sammle Spenden für Hlibs Behandlung.
Wir haben schon Einiges zusammen.
Für den Anfang wird es reichen.
Der Hund heißt Valerij.
Nein, sein Name ist Valerij. Wie heißt der Hund?
Mein Hund heißt eben auch Valerij.
Komischer Name für einen Hund.
Als ich von der Stiftung erzählt hab, waren Sie wütend. Wieso?
Ich hab Ihre Stiftung um Hilfe gebeten,
als ich Luhansk verlassen hab.
Sie haben mir eine Wohnung zugeteilt.
In der Wohnung lebten noch drei Männer.
Die Typen hatten russische Pässe und Militärausweise.
Das waren Soldaten? Vermutlich.
Und jetzt wundern wir uns über Saboteure in der Ukraine.
Woher kommen die? Ihre Stiftung ist sicher mitverantwortlich.
Sie haben das wirklich nicht gewusst?
Man hat es offensichtlich gut vor mir verborgen.
* Nachrichtenton *
Der Alarm ist vorbei.
Bitte, gehen Sie wieder hoch. - Na, endlich. Hurra!
Hurra!
Ich danke Ihnen.
Ebenfalls.
Passen Sie auf sich auf.
Was will er? Will er wissen, wo Inha ist?
Das war keine Bedingung. Eigenartig.
Du musst ihm deinen Anteil an der Stiftung überschreiben.
Dima erwartet deine Entscheidung bis morgen früh.
Er kann mich mal. Sag ihm das. Lyd.
Nimm seinen Vorschlag an. Und wenn nicht?
Dann werden sie dich umbringen.
Untertitel im Auftrag des ZDF, 2024
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