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(nervenaufreibendes Surren)
(dissonante Klänge)
(schwere Musik)
Herr Zeuge.
Sie waren Vorstand des Bahnhofs, in den die Transporte einliefen.
Wie weit war der vom Lager entfernt?
Zwei Kilometer vom alten Kasernenlager
und etwa fünf Kilometer vom Hauptlager.
Hatten Sie in den Lagern zu tun?
Ich hatte für die Betriebsstrecken zu sorgen
und dass Züge fahrplanmäßig ein- und ausliefen.
Wie war der Zustand der Strecken?
Es war eine ausgesprochen gut ausgestattete Rollbahn.
Wurden die Fahrplananordnungen von Ihnen ausgearbeitet?
(Zeuge) Ich hatte nur Maßnahmen
beim Pendelverkehr zwischen Bahnhof und Lager durchzuführen.
Dem Gericht liegen Fahrplananordnungen vor,
die von Ihnen unterzeichnet sind.
Ich habe vielleicht vertretungsweise unterschreiben müssen.
War Ihnen der Zweck bekannt?
Ich war nicht eingeweiht.
Sie wussten, dass in den Zügen Menschen waren.
Wir erfuhren nur, dass es Umsiedlertransporte waren,
die unter Reichsschutz standen.
Sie haben eine leitende Stellung in der Direktion der Bundesbahn.
Demnach sind Sie vertraut mit der Ausstattung und Belastung von Zügen.
Wie waren die bei Ihnen ankommenden Züge ausgestattet und belastet?
Es handelte sich um Güterzüge.
Laut Frachtbrief wurden per Waggon etwa 60 Personen befördert.
Waren es Güterwagen oder Viehwagen?
Auch Wagen, die zum Viehtransport benutzt wurden.
Wie oft kamen die Züge an?
-Das kann ich nicht sagen. -Häufig?
Ja, der Zielbahnhof war stark frequentiert.
Ist Ihnen nicht aufgefallen,
dass sie aus fast ganz Europa kamen?
Wir hatten viel zu tun und für Solches keine Zeit.
Und was sollte mit den Umgesiedelten geschehen?
Sie sollten zum Arbeitseinsatz.
Es waren ganze Familien mit alten Leuten und Kindern.
Ich hatte keine Zeit, mir den Inhalt anzusehen.
Wo wohnten Sie?
In der Ortschaft.
Wer wohnte sonst dort?
Sie war von der einheimischen Bevölkerung geräumt worden.
Es wohnten dort Beamte des Lagers und Personal der Industrien.
Was waren das für Industrien?
Es waren Niederlassungen der I.G. Farben,
der Krupp- und Siemenswerke.
-Sahen Sie da arbeitende Häftlinge? -Beim An- und Abmarschieren.
Wie war ihr Zustand?
Sie gingen im Gleichschritt und sangen.
Wie waren die Zustände im Lager?
Es wurde viel Unsinn geredet. Man wusste nie, woran man war.
Hörten Sie nichts über die Vernichtung von Menschen?
Wie sollte man so was schon glauben?
Herr Zeuge, Sie waren für die Güterabfertigung verantwortlich.
Ich hatte nur die Züge dem Rangierpersonal zu übergeben.
Welche Aufgaben hatte das Rangierpersonal?
Sie beförderten mit Rangierlok den Zug ins Lager.
Wie viele Menschen waren Ihrer Schätzung nach in einem Waggon?
(Zeuge) Es war streng verboten, die Züge zu kontrollieren.
-(Richter) Wer hinderte Sie? -Die Wachmannschaften.
Gab es Frachtbriefe für alle Transporte?
In den meisten Fällen gab es keine.
Da stand nur die Zahl mit Kreide auf dem Waggon.
Was standen da für Zahlen?
60 Stück. Oder 80 Stück, je nachdem.
-(Richter) Wann kamen die Züge an? -Meistens nachts.
Welchen Eindruck erhielten Sie von diesen Frachten?
Ich... Ich verstehe die Frage nicht.
Sie sind Oberinspektor der Bundesbahn
und kennen sich in Reiseverhältnissen aus.
Wurden Sie durch Einblick in Luken
oder Geräusche aus den Waggons auf die Zustände aufmerksam?
Eine Frau hielt einmal ein Kind an die Luftklappe
und schrie fortgesetzt nach Wasser.
Ich holte einen Krug Wasser und wollte ihn ihr reichen.
Als ich den Krug hochhob, kam einer der Wachleute und sagte,
wenn ich nicht sofort weggehe,
würde ich erschossen.
Wie viele Züge kamen Ihrer Berechnung nach auf dem Bahnhof an?
Im Durchschnitt ein Zug pro Tag.
Bei Hochdruck verkehrten auch zwei bis drei Züge.
Wie groß waren die Züge?
Sie hatten bis zu 60 Waggons.
Herr Zeuge, waren Sie im Lager?
Ich fuhr einmal auf der Rangierlok mit,
weil es etwas wegen der Frachtbriefe zu besprechen gab.
Hinter dem Einfahrtstor stieg ich ab und ging ins Lagerbüro.
Ich kam fast nicht mehr raus ohne Ausweis.
-Was sahen Sie? -Nichts. Ich war froh, wegzukommen.
Sahen Sie die Schornsteine am Ende der Rampe?
Und den Rauch und den Feuerschein?
Ja, ich... Ich sah Rauch.
Was dachten Sie sich dabei?
Ich dachte, das sind die Bäckereien.
Ich hatte gehört, da würde Tag und Nacht Brot gebacken.
Es war ja ein großes Lager.
(flirrende Klänge)
(mit österreichischem Akzent) Wir fuhren fünf Tage.
Am zweiten Tag war die Wegzehrung verbraucht.
Wir waren 89 Menschen im Waggon.
Dazu unsere Koffer und Bündel.
Die Notdurft verrichteten wir in das Stroh.
Wir hatten viele Kranke und acht Tote.
Auf den Bahnhöfen sahen wir durch Luftlöcher,
wie die Bewacher von weiblichem Personal
Essen und Kaffee erhielten.
Die Kinder hatten zu jammern aufgehört,
als wir in der letzten Nacht auf ein Nebengleis abbogen.
Wir fuhren durch eine flache Gegend,
die durch Scheinwerfer beleuchtet war.
Dann näherten wir uns
einem lang gestreckten, scheunenähnlichen Gebäude.
Da war ein Turm und darunter ein gewölbtes Tor.
Ehe wir durch das Tor einfuhren, pfiff die Lokomotive.
Der Zug hielt. Die Waggontüren wurden aufgerissen.
Häftlinge in gestreiften Anzügen erschienen
und schrien zu uns herein: "Los, raus, schnell."
Es waren anderthalb Meter herab zum Boden.
Da lag Schotter.
Die Alten und Kranken fielen in die scharfen Steine.
Die Toten und das Gepäck wurden herausgeworfen.
Es hieß: "Liegen lassen. Frauen und Kinder rüber.
Männer auf die andere Seite."
Ich verlor meine Familie aus den Augen.
Viele schrien nach ihren Angehörigen.
Mit Stöcken wurde auf sie eingeschlagen, Hunde bellten.
Von den Wachtürmen waren Scheinwerfer
und Maschinengewehre auf uns gerichtet.
Am Ende der Rampe war der Himmel rot gefärbt.
Die Luft war voll von Rauch.
Der Rauch roch süßlich und versengt.
Dies war der Rauch, der fortan blieb.
(mit französischem Akzent) Ich hörte meinen Mann noch nach mir rufen.
Wir wurden aufgestellt
und durften den Platz nicht mehr wechseln.
Wir waren eine Gruppe von 100 Frauen und Kindern.
Wir standen zu fünft in einer Reihe.
Dann mussten wir an ein paar Offizieren vorbeigehen.
Einer von ihnen hielt die Hand in Brusthöhe
und winkte mit dem Finger...
nach links und nach rechts.
Die Kinder und die alten Frauen kamen nach links.
Ich kam nach rechts.
Die linke Gruppe musste über die Schienen zu einem Weg gehen.
Einen Augenblick lang sah ich meine Mutter...
bei den Kindern.
Da war ich beruhigt und dachte, wir werden uns schon wiederfinden.
Eine Frau neben mir sagte:
"Die kommen in ein Schonungslager."
Sie zeigte auf die Lastwagen, die auf dem Weg standen,
und auf ein Auto vom Roten Kreuz.
Wir sahen,
wie sie auf die Wagen geladen wurden,
und wir waren froh, dass sie fahren durften.
Wir andern mussten zu Fuß weiter
auf den aufgeweichten Wegen.
Ich hielt das Kind meiner Schwägerin an der Hand.
Sie selbst trug ihr kleinstes Kind auf dem Arm.
Da kam einer der Häftlinge auf mich zu und fragte,
ob das Kind mir gehöre.
Als ich es verneinte, sagte er, ich solle es der Mutter geben.
Ich tat es und dachte,...
die Mutter hat vielleicht Vorteile.
Sie gingen alle nach links, ich ging nach rechts.
Der Offizier, der uns einteilte, war sehr freundlich.
Ich fragte ihn,...
wohin denn die andern gingen.
Und er antwortete:
"Die gehen jetzt nur baden.
In einer Stunde werdet ihr euch wiedersehen."
(Richter) Frau Zeugin, wissen Sie, wer dieser Offizier war?
Ich erfuhr später, dass er Dr. Capesius hieß.
Frau Zeugin, können Sie uns den Angeklagten Capesius zeigen?
Sehe ich sie mir an,
fällt es mir schwer, zu sagen, ob ich sie wiedererkenne.
Doch dieser Herr da...
Der kommt mir bekannt vor.
-Wie heißt er? -Dr. Capesius.
(mit rumänischem Akzent) Sie verwechselt mich.
Ich habe nie auf der Rampe ausgesondert.
(mit rumänischem Akzent) Ich kannte Dr. Capesius
von meinem Heimatort her.
Ich war Arzt, und er hat mich
vor dem Krieg mehrmals als Vertreter des Bayer-Konzerns besucht.
Ich begrüßte ihn und fragte, was mit uns geschehen sollte.
Er sagte: "Hier wird alles gut werden."
Ich sagte, dass meine Frau nicht gesund sei.
"Dann soll sie hier stehen", sagte er:
"Hier bekommt sie Pflege."
Er zeigte auf die Gruppe von alten Leuten und Kranken.
Ich sagte zu meiner Frau:
"Du musst dorthin gehen und dich hinstellen."
Sie ging zusammen mit ihrer Nichte und anderen Verwandten
zur Gruppe der Kranken.
Sie fuhren alle auf Lastwagen ab.
Besteht für Sie kein Zweifel, dass dies Dr. Capesius war?
Nein. Ich habe ja mit ihm gesprochen.
Es war eine große Freude, ihn wiederzusehen.
(Richter) Angeklagter Capesius.
Kennen Sie diesen Zeugen?
Nein.
Waren Sie bei ankommenden Transporten auf der Rampe?
Nur um Medikamente aus dem Gepäck der Häftlinge entgegenzunehmen.
Diese hatte ich in der Apotheke zu verwahren.
(Richter) Herr Zeuge.
Wen von den Angeklagten sahen Sie noch auf der Rampe?
(Zeuge) Diesen Angeklagten.
Ich kann auch seinen Namen nennen. Er heißt Hofmann.
(Richter) Angeklagter Hofmann.
Was hatten Sie auf der Rampe zu tun?
Ich hatte für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
-Wie ging das vor sich? -Die Leute wurden aufgestellt.
Die Ärzte bestimmten, wer arbeitsfähig war
und wer dazu nicht infrage kam.
Mal waren mehr,
mal weniger Arbeitsfähige rauszuholen.
Der Prozentsatz war bestimmt.
Er richtete sich nach dem Bedarf an Arbeitskräften.
Was geschah mit denen, die nicht gebraucht wurden?
Die kamen ins Gas.
Wie groß war der Prozentsatz der Arbeitsfähigen?
Im Durchschnitt ein Drittel des Transportes.
Bei Überbelegung des Lagers
hatten die Transporte geschlossen abzugehen.
Haben Sie selbst Aussonderungen vorgenommen?
Ich kann nur sagen, dass ich manchmal Nichtarbeitsfähige
zu den Arbeitsfähigen rübergeschoben habe,
wenn die darum gebeten und gebettelt haben.
-Durften Sie das? -Nein, das war verboten.
Aber man hat eben beide Augen zugedrückt.
Wurde für den Rampendienst Sonderverpflegung ausgegeben?
Ja, da gab es Brot,
eine Portion Wurst und einen Fünftelliter Alkohol.
Hatten Sie bei der Ausübung Ihrer Arbeit Gewalt anzuwenden?
Da war immer großes Durcheinander,
und da hat es natürlich mal
eine Zurechtweisung oder eine Ohrfeige gegeben.
Ich habe nur den Dienst getan, wie überall, wo ich hingestellt werde.
-Wie kamen Sie zu diesem Dienst? -Durch Zufall. Das war so.
Mein Bruder hatte eine Uniform übrig.
Die konnte ich nehmen. Da hatte ich keine Unkosten.
Es war geschäftshalber.
Mein Vater hatte eine Gaststätte, da verkehrten viele Parteigenossen.
Als ich abkommandiert wurde,
hatte ich keine Ahnung, wohin ich kam.
Bei meiner Ankunft fragte ich: "Bin ich denn hier richtig?"
Man hat gesagt: "Hier bist du immer richtig."
Angeklagter Hofmann,
wussten Sie, was den Ausgesonderten geschieht?
Herr Staatsanwalt, ich hatte gar nichts gegen diese Leute.
Die gab es ja auch bei uns zu Hause.
Ehe sie abgeholt wurden, habe ich zu meiner Familie gesagt:
"Kauft weiter bei dem Krämer, das sind ja auch Menschen."
Hatten Sie diese Einstellung an der Rampe noch?
Von kleinen Übeln abgesehen, wie sie ein Leben
von vielen auf engem Raum nun einmal mit sich bringt,
und von den Vergasungen, die natürlich furchtbar waren,
hatte durchaus jeder die Chance, zu überleben.
Ich persönlich habe mich immer anständig benommen.
Was sollte ich machen? Befehle mussten ausgeführt werden.
Dafür habe ich nun dieses Verfahren am Hals.
Herr Staatsanwalt, ich habe ruhig gelebt wie alle andern auch.
Und da holt man mich plötzlich raus und schreit: "Das ist der Hofmann."
Ich weiß überhaupt nicht, was man von mir will.
(mit polnischem Akzent) Als wir aufgestellt waren,
kam einer der Wachleute und fragte:
"Hat jemand irgendwelche Beschwerden?"
Da traten einige vor,...
die glaubten, sie würden leichtere Arbeit finden.
Sie kamen zu denen, die nach links mussten.
Als er sie abführte, kam es zu einer Unruhe,
und er schoss in die Menschen hinein.
(Der Zeuge seufzt.)
Dabei wurden fünf oder sechs getötet.
Herr Zeuge, befindet sich der,
von dem Sie sprechen, hier in diesem Raum?
Herr Vorsitzender.
Es ist lange her, dass ich vor ihnen stand.
Und es fällt mir schwer, ihnen in die Gesichter zu sehen.
Dieser hier...
hat Ähnlichkeit mit ihm, er könnte es sein.
Er heißt... Bischoff.
Sind Sie sicher oder zweifeln Sie?
Herr Vorsitzender, ich war diese Nacht schlaflos.
Wir stellen die Glaubwürdigkeit des Zeugen infrage.
Es ist anzunehmen, dass er das Gesicht unseres Mandanten
nach einem öffentlich verbreiteten Bild wiedererkennt.
Seine Übermüdung kann keine Grundlage bilden
für beweiskräftige Aussagen.
(Richter) Angeklagter Bischoff.
Wollen Sie zu der Beschuldigung Stellung nehmen?
Das ist mir ein Rätsel, was der Herr Zeuge da sagt.
Ich verstehe auch nicht, warum der Zeuge sagt,
fünf oder sechs.
Äh... Hätte er fünf gesagt
oder hätte er sechs gesagt, wäre es verständlich.
Hatten Sie Dienst auf der Rampe?
(Bischoff) Ich hatte Schübe zu ordnen. Geschossen habe ich nie.
Herr Präsident.
Es ist mein Bestreben, hier reinen Tisch zu machen.
Das nagt schon seit Jahren an mir.
Herzkrank bin ich davon geworden.
Da sollen mir mit solchen Schweinereien
die letzten Tage meines Lebens versaut werden.
-Welche Schweinereien? -(Richter) Er ist erregt.
Er meint sicher nicht das von Ihnen eingeleitete Strafverfahren.
(mit niederländischem Akzent) Ich gehörte als Häftling
dem Aufräumungskommando an.
Wir hatten das Gepäck der Angekommenen wegzuschaffen.
Der Angeklagte Baretzki hat auf der Rampe
an Aussonderungen teilgenommen
und die Transporte zu den Krematorien begleitet.
Herr Zeuge, erkennen Sie den Angeklagten wieder?
Dies ist Blockführer Baretzki.
Ich gehörte nur zu den Wachmannschaften.
Dass ein Mannschaftsdienstgrad selektierte, das gab es nicht.
Ein Blockführer konnte doch keine arbeitsunfähigen Leute rausstellen.
Das konnte nur ein Arzt.
War Ihnen der Zweck der Aussonderung bekannt?
Wir erfuhren das. Ich war empört darüber.
Ich habe das meiner Mutter einmal auf einem Urlaub berichtet.
Sie konnte es nicht glauben. "Das ist unmöglich", sagte sie.
Menschen brennen nicht, weil Fleisch nicht brennen kann.
(Zeuge) Ich sah, wie Baretzki
mit seinem Stock auf die Leute zeigte.
Es konnte nie schnell genug gehen. Immer trieb er zur Eile.
Und einmal kam ein Zug mit 3000 Menschen an.
Die meisten waren Kranke.
Und Baretzki schrie uns zu:
"Ihr habt 15 Minuten, sie aus den Waggons zu holen."
(mit brechender Stimme) Beim Abladen wurde ein Kind geboren.
Ich wickelte es in Kleidungsstücke, legte es neben die Mutter.
Baretzki kam mit seinem Stock auf mich zu
und schlug mich und die Frau.
"Was tust du mit dem Dreck da?", rief er
und gab dem Kind einen Fußtritt,
sodass es zehn Meter fortflog.
Dann befahl er mir:
"Bring die Scheiße hierher."
Da war das Kind tot.
Herr Zeuge, können Sie das beschwören?
Das kann ich beschwören.
Baretzki hatte auch einen Spezialschlag.
Er war bekannt dafür.
Was war das für ein Spezialschlag?
Er wurde mit der flachen Hand ausgeführt.
So, hier.
Gegen die Aorta.
Und dieser Schlag führte in den meisten Fällen zum Tod.
Der Zeuge sagte doch eben, ich hätte einen Stock gehabt.
Dann brauchte ich doch nicht mit der Hand zu schlagen.
Schläge mit der Hand erübrigten den Stock.
Herr Vorsitzender, das ist Verleumdung.
Ich hatte überhaupt keinen Spezialschlag.
Herr Zeuge, wen haben Sie noch auf der Rampe gesehen?
Alle Ärzte waren da.
Die Aussonderungen gehörten zu ihrer Arbeit.
Dr. Frank...
war da, Dr. Schatz und Dr. Lucas.
Wo befanden Sie sich bei den Aussonderungen?
An verschiedenen Stellen der Rampe beim Aufsammeln des Gepäcks.
Können Sie ihr Aussehen erläutern?
(Zeuge) Die Rampe lag hinter der Toreinfahrt.
Rechts der Rampe befand sich das Männerlager,
links das Frauenlager.
Am Ende der Rampe rechts und links
die neuen Krematorien mit den Ziffern II und III.
Die Züge
wurden von der Weiche aus
zumeist auf das rechte Gleis gerollt.
-Wie lang war die Rampe? -Etwa 800 Meter lang.
-Wie lang waren die Züge? -Sie nahmen oft zwei Drittel ein.
-Wo nahm man Aussonderungen vor? -In der Mitte.
Wo standen die Menschen?
Sowohl auf dem oberen Abschnitt
als auch auf dem unteren.
-Und wie breit war die Rampe? -Etwa zehn Meter.
Da standen die Menschen in zwei Gruppen nebeneinander,
jede Gruppe in Reihen zu fünft.
Wir bezweifeln, dass man sich in diesem Gedränge
mit Packarbeiten
in der Nähe der selektierenden Offiziere aufhalten konnte.
Angeklagter Dr. Frank.
Haben Sie an den Aussonderungen teilgenommen?
(Frank) Ich war als Ersatzmann zum Rampendienst eingeteilt.
Ich musste eintreffenden Zahnärzten
Gerät für die Häftlingszahnstation abnehmen.
Zahnärzte und Zahntechniker hatte ich zu registrieren und einzukleiden.
Wenn mal einer antrat,
der nur so gesagt hatte, er sei Dentist,
ließ ich ihn nicht zurückschicken.
Wir brauchten Leute zum Putzen.
Haben Sie sich nie darum bemüht, vom Rampendienst entbunden zu werden?
Ich war deshalb beim Standortarzt Dr. Wirths vorstellig.
Er sagte: "Lagerdienst ist Frontdienst.
Jede Weigerung ist Fahnenflucht."
Haben Sie Transporte zu den Gaskammern begleitet?
Nein. Die Begleitung wurde von Wachmannschaften übernommen.
Ich selbst habe alles getan,
um den Häftlingen Hilfe zukommen zu lassen.
In meiner Station
machte ich ihnen den Aufenthalt möglichst angenehm.
Sie hatten maßgeschneiderte Anzüge
und brauchten sich das Haar nicht scheren zu lassen.
(Richter) Angeklagter Dr. Schatz.
Nahmen Sie an Aussonderungen teil?
Ich hatte nie etwas damit zu tun.
Wurde ich zur Annahme von Medikamenten
oder ärztlichen Instrumenten auf die Rampe befohlen,
versuchte ich möglichst, mich zu drücken.
Ich war überhaupt nur aus Zwang angekommen.
Ich wurde von einer Heereszahnstation abkommandiert.
Ich unterhielt ein ausgesprochen freundschaftliches Verhältnis
zu den Gefangenen.
(Richter) Angeklagter Dr. Lucas.
Was hatten Sie auf der Rampe zu tun?
Ich war dort nicht im Geringsten aktiv.
Ich habe immer gesagt, ich bin Arzt,
um Menschenleben zu erhalten, nicht um Menschen zu vernichten.
Auch mein katholischer Glaube ließe nichts anderes zu.
Wollte man mich zwingen, sagte ich, ich könne körperlich nicht.
Ich täuschte Krankheiten vor,
um schnellstmöglich zur Truppenunterkunft zu kommen.
Ich wandte mich an meinen alten Vorgesetzten.
Der antwortete, ich hätte alles zu tun,
um nicht unangenehm aufzufallen.
Auf einem Urlaub sprach ich mit einem befreundeten Erzbischof
und mit einem hohen Juristen.
Und beide sagten mir,
unmoralische Befehle dürften nicht befolgt werden.
Jedoch ginge dies nicht so weit,
dass man dabei sein eigenes Leben gefährden müsse.
Wir stünden im Krieg,
und da käme eben manches vor.
Herr Dr. Lucas, welche Krankheiten simulierten Sie denn
bei Befehl zur Aussonderung?
Gallenkolik oder eine Magengeschichte.
Wunderte man sich, dass Sie die immer auf der Rampe hatten?
Da gab es nie Schwierigkeiten.
Mein passiver Widerstand war die einzige Möglichkeit,
mit den Dingen so wenig wie möglich zu tun zu haben.
Ich weiß auch heute nicht,
wie ich es anders hätte machen sollen.
Und wenn Sie damit zu tun hatten, was machten Sie da?
Nur drei- bis viermal halfen mir meine Weigerungen nichts.
Ich erhielt den Befehl auf die Rampe
unter der Drohung, abgeführt zu werden,
wenn ich ihm nicht nachkäme.
Was das hieß, war unmissverständlich.
Und da nahmen Sie an den Aussonderungen teil.
Ich hatte nur arbeitsfähige Menschen auszusuchen.
Und ich habe so ausgesucht,
dass auch viele Nichtarbeitsfähige mit ins Lager kamen.
Und die übrigen?
Die wurden von anderen beiseite geführt.
Keineswegs kann es eine strafbare Handlung sein,
wenn diensthabende Ärzte Häftlinge für das Lager auswählten,
da sie dadurch nur die Zahl der Opfer
um die Anzahl der als arbeitsfähig Befundenen verringerten.
Was geschah mit dem Gepäck der Eingetroffenen,
nachdem die Aussonderungen vorgenommen worden waren?
Es wurde zum Effektenlager gebracht und dort sortiert und aufgestapelt.
Wie groß war das Effektenlager?
Ähm, es bestand aus 35 Baracken.
Können Sie Angaben machen
in Bezug auf die Werte und Mengen
des erfassten Gutes?
Indem man den Häftlingen vor der Deportierung geraten hatte,
so viel wie möglich an Wertgegenständen,
Wäsche, Kleidern, Geld und Werkzeugen mitzunehmen,
unter dem Vorwand, dass dort,
wo sie angesiedelt werden sollten, nichts zu bekommen sei,
nahmen alle ihren letzten Besitz mit.
Vieles wurde schon auf der Rampe
bei den Vorsortierungen herausgenommen.
Die aussondernden Ärzte
nahmen nicht nur Gebrauchsgegenstände an sich,
sondern auch Schmuckstücke und Valuten,
die sie kofferweise zurückstellten.
Dann nahmen sich die Wachmannschaften
und die Mitglieder des Zugpersonals das Ihre.
Auch für uns fiel immer etwas ab,
mit dem wir später Tauschgeschäfte betreiben konnten.
In der Effektenkammer ergaben sich
bei der Zusammenrechnung Milliardenwerte.
Können Sie Angaben machen über die genauen Werte
des von den Häftlingen übernommenen Gutes?
Nach einem Abschlussbericht
über die Zeit zwischen dem 1. April 1942
und dem 15. Dezember 1943
beliefen sich die erfassten Geldmittel, Devisen,
Edelmetalle und Juwelen auf 132 Millionen Mark,
wozu noch 1900 Waggons voller Spinnstoffe kamen
im Wert von 46 Millionen.
Da stand noch ein Jahr der größten Transporte bevor.
Wer übernahm diese Werte?
Die Güter wurden weitergeleitet an die Reichsbank
beziehungsweise das Reichswirtschaftsministerium.
Schmuck wurde eingeschmolzen.
Uhren zum Beispiel kamen an die Truppen.
(Richter) Kam es auf der Rampe nie zu Widersetzlichkeiten?
Die Ankommenden waren den Bewachern
zahlenmäßig um das Vielfache überlegen.
Sie wurden von Familienmitgliedern getrennt.
Der Besitz wurde ihnen genommen.
Wehrten sie sich nicht?
(schaurige Klänge)
Sie wehrten sich nie.
Warum wehrten sie sich nicht?
Die Ankommenden waren erschöpft und ausgehungert.
Sie hofften nur, dass sie endlich zur Ruhe kämen.
Ahnten sie nicht, was ihnen bevorstand?
Wie sollten sie es sich vorstellen,
dass sie praktisch nicht mehr existierten?
Ein jeder glaubte noch daran, dass er überleben konnte.
(schicksalhafte Bläsermusik)
(Die Bläsermusik verebbt.)
Als wir über die Gleise gegangen waren
und vor dem Lagereingang warteten,
hörte ich, wie ein Häftling zu einer Frau sagte:
"Der Rotekreuzwagen fährt nur das Gas zu den Krematorien.
Dort werden eure Angehörigen getötet."
Die Frau begann zu schreien.
Ein... Offizier, der die Worte gehört hatte,
wandte sich an sie.
Er sagte:
"Aber gnädige Frau, wie können Sie einem Häftling glauben?
Das sind doch alles Verbrecher und Geisteskranke.
Sehen Sie doch die abstehenden Ohren, die kahlgeschorenen Köpfe.
Wie können Sie auf solche Leute hören?"
Frau Zeugin, erinnern Sie sich,
wer dieser Offizier war?
Ich sah ihn später wieder.
Ich arbeitete als Schreiberin unter ihm
in der Politischen Abteilung.
Sein Name ist Broad.
Können Sie uns den Angeklagten Broad zeigen?
Dies ist Herr Broad.
Was geschah mit dem Häftling?
Ich hörte,
dass er für Verbreitung von Gräuelnachrichten
zu 150 Stockschlägen verurteilt wurde.
Er starb daran.
Angeklagter Broad.
Haben Sie etwas dazu zu sagen?
Der Fall ist mir nicht erinnerlich.
So viele Schläge wurden bei uns nie verabfolgt.
Obgleich unser Gepäck zurückgeblieben war
und wir getrennt waren von unsern Familienmitgliedern,
gingen wir ohne Misstrauen durch das Tor zwischen den Stacheldrähten.
Wir glaubten, unsere Frauen und Kinder bekämen drüben zu essen
und wir dürften sie bald wiedersehen.
Dann aber sahen wir Hunderte von zerlumpten Gestalten,
viele bis aufs Skelett abgemagert.
Da verging uns die Zuversicht.
Man trieb uns in eine Waschbaracke.
Wir mussten uns ausziehen, und alles wurde uns abgenommen.
Anschließend bekamen wir die Nummer in den linken Unterarm tätowiert.
Wie wurde die Tätowierung ausgeführt?
Mit Nadelstempeln wurden die Ziffern in die Haut gestochen.
Dann wurde Tusche hineingerieben.
Die Haare wurden abgeschoren. Wir kamen unter kalte Duschen.
Zum Schluss wurden wir gekleidet.
Woraus bestand die Kleidung?
Aus löchrigen Unterhosen, einem Unterhemd,
einer zerrissenen Jacke, einer geflickten Hose,
einer Mütze und einem Paar Holzschuhe.
Wir mussten im Laufschritt zu unserm Block.
Wie sah der Block aus?
Eine Holzbaracke ohne Fenster. Vorn und hinten eine Tür.
Oberlichtklappen unter dem schrägen Dach.
Rechts und links dreistöckige Pritschen.
Die Pritschen von gemauerten Zwischenwänden getragen.
Länge der Baracke etwa 40 Meter.
Wie viele waren da untergebracht?
Der Raum war für 500 Menschen berechnet, wir waren dort 1000.
Wie viele solche Baracken gab es?
Über 200.
Wie breit waren diese Pritschen?
Etwa 1,80 Meter breit.
Auf jeder lagen sechs Mann
abwechselnd auf der rechten und auf der linken Seite.
Wie waren sanitäre Einrichtungen?
In der Waschbaracke befanden sich Holztröge
mit einem durchlöcherten Eisenrohr darüber.
Aus dem Rohr tröpfelte das Wasser.
In der Latrine standen lange Betonbecken.
Darauf lagen Bretter mit runden Öffnungen.
200 Personen konnten auf einmal Platz nehmen.
Das Latrinenkommando überwachte die Sitzzeit.
Die Leute des Kommandos jagten mit Stöcken die Häftlinge weg.
Bei manchen ging es nicht so schnell,
vor Anstrengung trat ihnen der Mastdarm ein Stück hervor.
Wenn sie vertrieben waren,
stellten sie sich wieder bei den Wartenden an.
Man musste das morgens erledigen.
Tagsüber gab es keine Gelegenheit dazu.
Wer doch dabei ertappt wurde, erhielt Kerkerstrafe.
Die Abwässer der Waschbaracke liefen in die Latrine,
um den Kot wegzuschwemmen.
Es gab immer wieder Stauungen, da der Wasserdruck nicht ausreichte.
Dann kamen die Scheißkommandos und mussten das Zeug absaugen.
Der Gestank der Latrinen vermischte sich mit dem Geruch des Rauchs.
Die Näpfe, die wir erhalten hatten, dienten einem dreifachen Zweck.
Zum Waschen.
Zum Suppefassen.
Und zum Verrichten der nächtlichen Notdurft.
Im Frauenlager war die einzige Wasserquelle
unmittelbar neben der Latrine.
An dem dünnen Strahl, der in die Bottiche
mit den Exkrementen weiterfloss,
standen die Frauen und tranken.
Und versuchten, sich etwas Wasser in ihren Napf abzuschöpfen.
Diejenigen, die aufgaben, sich zu waschen,
gaben sich selbst auf.
Schon beim Herausspringen aus dem Waggon
in das Gewühl der Rampe wusste ich,
dass es hier darum ging, seinen eigenen Vorteil zu wahren,
sich nach oben zu fügen
und einen günstigen Eindruck zu wecken
und sich fernzuhalten von allem, was einen nach unten ziehen konnte.
Als wir im Aufnahmeraum auf die Tische gelegt wurden
und man uns After und Geschlechtsteile
nach versteckten Wertgegenständen untersuchte,...
vergingen die letzten Reste unseres gewohnten Lebens.
Familie, Heim, Beruf und Besitz, das waren Begriffe,
die mit dem Einstechen der Nummer ausgelöscht wurden.
Und schon begannen wir, nach neuen Begriffen zu leben
und uns einzufügen.
In diese Welt, die für diejenigen,
die darin existieren wollten, zur normalen Welt wurde.
Oberstes Gesetz war, gesund zu bleiben
und körperliche Kraft zu zeigen.
Ich hielt mich an die, die zu schwach waren, ihre Ration zu essen,
um mir diese bei der ersten Gelegenheit anzueignen.
Ich lag auf der Lauer, wenn eine,
die einen besseren Schlafplatz besaß, dem Tod nah war.
Unser Aufstieg in die neue Gesellschaft
begann in der Baracke, die jetzt unser Heim war.
Vom Schlafloch auf dem kalten Lehmboden kämpften wir uns empor
zu den wärmeren Plätzen in den oberen Pritschen.
Mussten zwei aus einer Schüssel essen,
starrten sie einander auf die Kehle,
damit die andere nicht einen Löffel mehr schluckte.
Unsere Ambitionen waren auf ein einziges Ziel gerichtet.
Irgendetwas zu gewinnen.
Es war das Normale, dass uns alles gestohlen worden war.
Es war das Normale, dass wir wieder stahlen.
Der Schmutz, die Wunden und die Seuchen ringsum waren das Normale.
Es war normal, dass gestorben wurde,
und normal war
das unmittelbare Bevorstehen des eigenen Todes.
Normal war das Absterben unserer Empfindungen
und die Gleichgültigkeit beim Anblick der Leichen.
Es war normal, dass sich zwischen uns solche fanden,
die denen, die über uns standen, beim Prügeln halfen.
Wer Dienerin der Blockältesten wurde, gehörte nicht zu den Niedrigsten.
Und noch höher gelangte die, die es vermochte,
sich bei den Blockführerinnen einzuschmeicheln.
Überleben konnte nur der Listige,
der sich jeden Tag mit nie erlahmender Aufmerksamkeit
seinen Fußbreit Boden eroberte.
Die Unfähigen, die Trägen im Geiste, die Milden,...
die Verstörten und Unpraktischen,
die Trauernden und die, die sich selbst bedauerten,...
die wurden zertreten.
(Zeuge) Am ersten Morgen standen wir beim Appell. Es regnete.
Wir standen stundenlang und sahen,
wie hinter den Stacheldrähten auf der anderen Seite der Rampe
Frauen auf Lastwagen geprügelt wurden.
Sie waren nackt und schrien zu uns Männern hinüber.
Sie erwarteten Hilfe von uns.
Doch wir standen nur da und zitterten.
Wir konnten ihnen nicht helfen.
Ich kam in eine Baracke, die war voll von Leichen.
Da sah ich sich etwas rühren zwischen den Toten.
Es war ein junges Mädchen.
Ich habe es herausgezogen auf die Lagerstraße und gefragt:
"Wer bist du? Wie lange bist du hier?"
"Ich weiß es nicht", sagte sie.
"Warum liegst du hier zwischen den Toten", fragte ich.
Da sagte sie:
"Bei den Lebenden kann ich nicht mehr sein."
Am Abend war sie tot.
(Zeugin) Wir mussten Gräben ausheben.
Viele Frauen brachen unter den Schaufeln mit Lehm zusammen.
Wir standen bis zur Hüfte im Wasser.
Die Bewacher schauten uns zu.
Es waren ganz junge Leute.
Eine Frau wandte sich an den Kommandoführer.
"Herr Hauptmann", rief sie:
"Ich kann doch so nicht arbeiten, ich bin schwanger."
Da lachten die Leute.
Einer drückte sie mit der Schaufel unter das Wasser,
bis sie ertrunken war.
Ich hörte, wie ein Wachmann
sich über den Draht mit einem neunjährigen Jungen unterhielt.
"Du weißt ja schon ziemlich viel für dein Alter", sagte der Mann.
Der Junge erwiderte:
"Ich weiß, dass ich viel weiß.
Und ich weiß auch, dass ich nichts mehr dazulernen werde."
Er wurde zusammen mit etwa 90 Kindern auf die Lastwagen verladen.
Als die Kinder sich sträubten, rief er:
"Steigt nur rauf aufs Auto,
ihr habt doch gesehen, wie unsere Eltern und Großeltern
abgefahren sind.
Steigt nur rauf, dann werdet ihr sie wiedersehen."
Und als sie fuhren, hörte ich,
wie er dem Wachmann noch zurief:
"Es wird euch nichts geschenkt werden."
Morgens erhielt jeder einen halben Liter Brühe.
Die Brühe enthielt ein Kaffee-Ersatzmittel.
Dazu gab es fünf Gramm Zucker.
Manche hatten vom Abend vorher noch ein Stück trockenes Brot.
Mittags wurde Suppe ausgegeben.
Die Suppe war aus Abfällen
von Kartoffeln, Rüben und Kohl gekocht
mit einem minimalen Zusatz von Fleisch oder Fett.
Die Häftlinge stritten nicht darum,
wer zuerst seinen Schlag abholen durfte,
sondern wer zum Schluss kam.
Das erste Drittel der Suppe bestand aus Wasser.
Erst unten trieb etwas Nährendes herum.
Abends nach dem Appell erhielt jeder sein Stück Brot
von 300 bis 350 Gramm
und verschiedene Zulagen, etwa 20 Gramm Wurst,
30 Gramm Margarine oder einen Esslöffel Rübenmarmelade.
Oft gab es nur die halbe Zulage oder sie fiel aus,
weil das Personal von den Wachleuten bis zum Kommandanten
sich Lebensmittel aus den Häftlingsmagazinen holte.
Wie viel Kalorien betrug die tägliche Verpflegung?
Etwa 1000 bis 1300 Kalorien.
Im Zustand der Ruhe kommt der Körper mit 1700 Kalorien aus.
Ein Schwerarbeiter braucht etwa 4800.
Da alle schwer arbeiteten,
waren die letzten Reserven bald verbraucht.
Je nach Hunger wurden die Bewegungen langsamer,
weil keine Kraft da war, den eigenen Körper zu tragen.
Diese Abzehrung war von einer geistigen Erschöpfung begleitet,
die bis zum völligen Schwund des Interesses führte.
Solch ein Häftling konnte sich nicht mehr konzentrieren.
Sein Erinnerungsvermögen schwand so weit,
dass er oft nicht mehr seinen Namen wusste.
Im Mittel lebte ein Häftling nicht länger als drei bis vier Monate.
Wie war es möglich, dass Sie selbst überlebten?
Das konnte nur, wer in den ersten Wochen
einen Innendienst bekommen konnte,
durch eine Spezialistentätigkeit oder die Ernennung zu einer Hilfsfunktion.
Konnte ein Funktionshäftling seine Vorzugsstellung ausnutzen,
war praktisch alles zu erhalten.
Was für eine Vorzugsstellung hatten Sie?
Ich war Häftlingsarzt,
anfangs im Quarantänelager, später im Krankenbau.
(Richter) Wie waren dort die Verhältnisse?
Im Quarantänelager gab es Ratten.
Die nagten die Leichen an und auch die Schwerkranken.
Oft waren die Füße von denen, die in Agonie lagen, morgens angebissen.
Im Häftlingskrankenbau war es besser, es gab Binden aus Krepppapier,
etwas Zellstoff, ein Fass Ichthyolsalbe, ein Fass Kreide.
Wir hatten ein paar Aspirintabletten, die wurden an Zwirnsfäden aufgehängt.
Kranke mit Fieber unter 38 Grad durften einmal lecken,
Kranke mit Fieber über 38 Grad zweimal.
(mit polnischem Akzent) Nach dem Abendappell
holte unser Blockältester sich
einige zum Sportmachen heraus.
Wir mussten hüpfen wie Frösche.
"Schneller hüpfen, schneller hüpfen", rief er.
Und wenn einer nicht mitkam,...
schlug er ihn mit einem Schemel zusammen.
(Richter) Wie hieß dieser Blockälteste?
Er hieß Bednarek, und ich kann auf ihn zeigen.
Ich weiß nichts von Schlägen beim Sportmachen.
Wie ging denn das Sportmachen vor sich?
Häftlinge, die auffielen, mussten leichte Leibesübungen machen.
Mal linksum, mal rechtsum. Das war alles.
Im Winter ließ Bednarek Häftlinge eine halbe Stunde lang
unter der kalten Dusche stehen,
bis sie unterkühlt waren und erstarrten.
Dann wurden sie auf den Hof geworfen, wo sie verstarben.
Diese Beschuldigungen sind erfunden.
So etwas konnte ich nicht tun.
Ich war ja Funktionshäftling und hatte über mir den Kapo,
den Arbeitsdienstführer und den Lagerältesten.
Ich selbst, das sage ich mit Stolz,
ließ Mithäftlinge in meiner Stube schlafen.
Und bei uns im Block gab's abends immer viel Spaß.
Hatte Bednarek einen Häftling erschlagen,
ging er in seine Stube und betete.
Da muss ich sagen, gottgläubig bin ich.
Aber zu beten, das habe ich nicht gewagt.
Dafür gab es zu viel Spitzel.
(lachend) Und erschlagen habe ich nie jemanden.
Es hat höchstens eine gesetzt,
wenn ich bei Streitigkeiten zu schlichten hatte.
Vor allem einer war,
der war immer vornean, wo geschlagen und getötet wurde.
Der hieß Kaduk.
Er wurde von den Häftlingen "Professor" genannt
oder "Der heilige Dr. Kaduk",
weil er selbständig Aussonderungen vornahm.
Mit dem Griff des Stocks fischte er die Opfer an Hals und Bein...
Herr Direktor, die Behauptung ist unwahr.
Ich war dabei, als er Hunderte Häftlinge
aus der Krankenstation holen ließ.
Sie mussten sich ausziehen
und in einer Reihe an Kaduk vorbeilaufen.
Er hielt den Stock in etwa einem Meter Höhe vor sie hin.
Sie mussten springen. Wer den Stock berührte, kam ins Gas.
Wem der Sprung gelang,
der wurde geschlagen, bis er zusammenbrach.
"Jetzt spring noch einmal", rief Kaduk.
Und zum zweiten Mal gelang es nicht mehr.
Ich habe keine Häftlinge ausgesondert,
nichts entschieden, ich war nicht zuständig.
Wozu waren Sie zuständig?
Ich hatte nur zur Bewachung der Aussonderungen zugegen zu sein,
damit niemand mehr herüberwechselte
von den Ausgesonderten zur arbeitsfähigen Gruppe.
Hatten Sie Dienst auf der Rampe?
Ja, ich hatte den Gruppenverkehr zu regeln.
-Wie machten Sie das? -"Raustreten.
Gepäck auf die Rampe.
Antreten zu fünft. Vorwärts, marsch."
Kaduk schoss wahllos in die Leute hinein.
Wahllos zu schießen, wäre mir nicht eingefallen.
Hätte ich es gewollt,
hätte ich auch den getroffen, den ich aufs Korn nahm.
Scharf war ich, das kann ich sagen.
Aber ich habe nur getan, was ich tun musste.
-(Richter) Was? -Zusehen, dass der Betrieb klappte.
Kinder wurden grundsätzlich überstellt.
Auch Mütter, die sich nicht trennen wollten.
Das lief alles ganz reibungslos.
Die Transporte kamen an wie warme Brötchen.
Da brauchte es gar keine Gewalt.
Die nahmen alles gelassen hin, die wehrten sich nicht,
weil sie einsahen, dass jeder Widerstand sinnlos gewesen wäre.
Einmal schlug Kaduk in unserem Arbeitskommando
einen Häftling zusammen.
Dann legte er ihm den Stock über den Hals,
stellte sich auf beide Enden und wippte hin und her,
bis der Mann erdrosselt war.
Lüge. Lüge!
Hinsetzen, Kaduk. Schreien Sie den Zeugen nicht an.
Herr Direktor, das...
Das ist einfach nicht wahr, was gesagt wird.
Mir geht es nur um die Wahrheit.
Auf diese Weise ist bei uns nie ein Häftling zu Tode gekommen.
Wir hatten den Befehl,
mit Arbeitskräften schonend umzugehen.
Aber manchmal fiel einer schon um, wenn ich bloß die Hand hob.
Das hat er nur vorgetäuscht.
Herr Direktor, am Schlagen hatten wir kein Interesse.
Ab 5:30 Uhr waren wir auf den Beinen.
Und abends hatten wir noch Rampendienst zu machen.
Das genügte uns.
Herr Direktor, ich will doch nur in Frieden leben.
Habe ich das nicht gezeigt in den vergangenen Jahren?
Ich war Krankenpfleger.
Und ich war beliebt bei meinen Patienten.
Die können es bezeugen. "Papa Kaduk" nannten sie mich.
(Kaduk lacht.) Sagt das nicht alles?
Soll ich jetzt dafür büßen, was ich damals tun musste?
Alle andern haben es auch getan.
Je besser es einem gelang, seine Untergebenen herabzudrücken,
desto sicherer war seine Position.
Ich sah, wie sich das Gesicht der Blockältesten änderte,
wenn sie mit einer Vorgesetzten sprach.
Da war sie munter und liebenswürdig.
Und dahinter spürte man ihre Furcht.
Manchmal behandelte sie die Aufseherin wie die beste Freundin,
sie genoss viele Freiheiten.
Aber hatte die Aufseherin nur einmal schlecht geschlafen,
konnte die Bevorzugte
von einem Augenblick zum andern gestürzt werden.
Und sie hatte schon alles durchgemacht.
Ihre Angehörigen hatte man vor ihren Augen niedergeknallt.
Sie hatte zusehen müssen, wie man ihre Kinder ermordete.
Sie war abgestumpft wie wir anderen auch.
Und sie wusste, war sie einmal untergetaucht,
half ihr keiner,
und eine andere an ihrer Stelle schlug weiter.
So schlug sie uns.
Weil sie oben bleiben wollte.
Um jeden Preis.
Die Frage, was recht und was unrecht, bestand nicht mehr.
Für uns galt nur das, was uns im Augenblick nützlich sein konnte.
Nur unsere...
Herren konnten es sich leisten, Launen zu haben
und sogar Rührung zu zeigen oder Mitleid
und Pläne zu schmieden für die Zukunft.
Der Lagerarzt Dr. Rohde ließ mich in seiner Abteilung arbeiten.
Er erfuhr, dass wir in der gleichen Stadt studiert hatten,
und fragte mich, ob wir einander begegnet wären.
Im "Ritter", wo er manches Glas Wein getrunken habe.
Und ich dachte, schön.
Wenn du willst,...
so bestätige ich es dir.
Und so erinnerte ich ihn an seine Jugend.
Und er sagte:
"Nach dem Krieg werden wir dort wieder beisammensitzen."
Dr. Mengele sandte einer Schwangeren Blumen.
Und die Frau des Kommandanten
schickte mit Grüßen eine gestrickte Säuglingsjacke
in die Kinderbaracke,
wo es einem eingefallen war, Zwerge an die Wand malen zu lassen
und eine Sandkiste aufzustellen.
Dr. Mengele kam in seiner feschen Art,
die Daumen in Bauchriemen steckend.
Freundlich lächelte er den Kindern zu, die ihn Onkel nannten,
bevor sie in seinem Laboratorium zerschnitten wurden.
Doch da gab es auch einen, der hieß Flagge.
In dessen Abteilung starb keiner an Hunger.
Die Häftlinge gingen in sauberen Kleidern.
"Herr Sanitätsdienstgrad", sagte ich zu ihm:
"Für wen tun Sie das, was Sie hier tun?
Einmal werden alle verschwinden,
denn es darf keinen einzigen Zeugen geben."
Und da sagte er:
"Genügend werden unter uns sein, die dies zu verhindern wissen."
(Ankläger) Sie wollen damit sagen,
dass es an jedem Einzelnen der Bewacher lag,
sich gegen die Zustände zu wehren und sie zu ändern?
Eben das wollte ich damit sagen.
Normal reagieren konnte man nur in den ersten Stunden.
Wenn man erst eine Zeit lang dort war, war es unmöglich.
Geriet man in das Reglement,
war man gefangen und musste mitmachen.
Herr Zeuge, Sie waren als Arzt
zur Seuchenbekämpfung angefordert worden.
Beim Lagerpersonal und dessen Familien
waren Fleckfieber und Typhus aufgetreten.
Ich kam auf Anweisung des Hygiene-Instituts ins Lager.
Es handelte sich also nicht um Behandlung von Häftlingen?
Nein.
Gewannen Sie einen Einblick in die Zustände des Lagers?
Gleich bei meiner Ankunft sagte der Chef des Laboratoriums:
"Das ist alles neu für dich und halb so schlimm.
Wir haben nichts mit Liquidierungen zu tun,
und es geht uns nichts an.
Wenn du nach 14 Tagen willst, kannst du gehen."
Mit dem Vorsatz, nach zwei Wochen zu gehen,
trat ich meine Arbeit an.
Nach einigen Tagen schon befahl mir der Standortarzt Dr. Wirths,
an Aussonderungen auf der Rampe teilzunehmen.
Als ich erklärte, dass ich nicht mitmache,
sagte er: "Sie haben nicht viel zu tun."
Doch ich weigerte mich.
(Ankläger) Was geschah auf Ihre Weigerung hin?
Es geschah nichts.
Ich wirkte bei den Selektionen nicht mit.
Verließen Sie nach der Probezeit das Lager?
Ich beschloss, zu bleiben,
um etwas gegen die Krankheiten zu tun.
Ich sah, es war möglich,
wenigstens hier und da etwas zu verhindern,
ohne dass man sich selbst exponierte.
Meine Arbeit ermöglichte es, die Epidemiegefahr zu beheben.
Zwischen dem Lagerpersonal, nicht den Häftlingen.
Ja. Das war meine Aufgabe.
Sie waren damals verantwortlich für die äußere und innere Postenkette
und die Wachmannschaften der Arbeitskommandos.
Was hatten Sie dabei zu tun?
Ich hatte zu beobachten, ob die Soldaten treu und richtig wachten.
Was für Grundsätze galten bei dieser Bewachung?
Bei einer Flucht hatte der Soldat den Flüchtling
erst dreimal anzurufen und dann den Warnschuss abzugeben.
Hielt der Flüchtling noch nicht,
hatte er ihn fluchtunfähig zu schießen.
-Wurden Häftlinge erschossen? -Bei mir nicht.
Liefen Häftlinge in den elektrisch geladenen Stacheldraht?
-Bei mir nicht. -Ist es sonst vorgekommen?
Ich habe mal davon gehört.
Befolgten die Wachleute die Instruktionen?
Soweit ich im Bilde bin, ja. Darauf mein Ehrenwort.
Was wissen Sie vom Mützenschießen?
-Von was? -Vom Mützenschießen.
-Ich habe davon gehört. -Was haben Sie davon gehört?
Die sagten, die werfen Mützen, und dann schießen sie.
Wer hat geworfen? Wessen Mützen? Und wer hat geschossen?
-Das weiß ich nicht. -Was hat man Ihnen denn so erzählt?
Ja, da wurde einem Häftling befohlen,
die Mütze vom Kopf zu reißen und wegzuwerfen.
Dann hieß es: "Los, hol die Mütze."
Und wenn er lief, wurde er abgeknallt.
-Und wenn er nicht lief? -Dann auch.
Das war ja Befehlsverweigerung.
Herr Zeuge, gab es Sonderrationen oder Sonderurlaub
als Prämien für auf der Flucht erschossene Häftlinge?
Das ist mir nicht bekannt. Das glaube ich auch nicht.
Es würde dem Ansehen eines Soldaten widersprechen,
wenn eine solche Handlung belohnt würde.
Das Gericht hat Dokumente, nach denen in mehreren Fällen
Wachsoldaten für erschossene Flüchtende belobigt wurden.
Auch wurden laufend Listen
mit auf der Flucht erschossenen Häftlingen angelegt.
Das ist mir neu.
Soweit wir unterrichtet sind,
üben Sie den Beruf eines Versicherungsdirektors aus.
Wir protestieren gegen diese unsachgemäßen Einlassungen.
(Ankläger) Wir nehmen an,
dass Ihnen die Bedeutung einer Unterschrift bekannt ist.
Jawohl.
Einige Listen sind von Ihnen unterzeichnet.
Es ist möglich, dass ich das einmal routinemäßig tun musste.
Ich kann mich daran nicht mehr erinnern.
(Richter) Sie waren als Häftling in der Politischen Abteilung.
Was hatten Sie dort zu tun?
(mit ungarischem Akzent) Ich war Stenotypistin in der Schreibstube.
Dann wurde ich aufgrund meiner Sprachkenntnisse Dolmetscherin.
Von wem wurden Sie dazu angefordert?
Vom Herrn Boger.
Frau Zeugin, erkennen Sie den Angeklagten Boger wieder?
Dies ist Herr Boger.
Wo befand sich die Politische Abteilung?
Das war eine Holzbaracke gleich hinter dem Eingang.
Hinter welchem Eingang?
Gleich links hinter dem zum alten Kasernenlager.
Wie weit lag das von den Außenlagern entfernt?
Etwa drei Kilometer.
-Wo schliefen Sie? -Im Frauenlager.
Beschreiben Sie den Weg zu Ihrer Arbeit?
Wir mussten jeden Morgen aus dem Lager heraus
und an den Feldern entlangmarschieren.
Der Weg führte über den Bahndamm.
Da rangierten die Güterzüge.
Wir mussten oft an der Schranke warten.
Hinter dem Bahndamm waren wieder Felder
und ein paar verlassene Höfe.
Dann kamen wir durch ein Gittertor.
Da standen Bäume.
Und... da war das alte Krematorium.
Daneben lag die Politische Abteilung.
Wie sah die Baracke der Politischen Abteilung aus?
Sie war einstöckig und grün gestrichen.
Wie sah das Schreibzimmer aus?
Da standen Blumentöpfe auf den Fensterbrettern.
Und da waren Gardinen.
An den Wänden waren Bilder und Sprüche.
Wer sorgte für die Ordnung in der Schreibstube?
Das war Herr Broad.
Wir Schreiberinnen mussten tipptopp aussehen.
Wir durften unser Haar wachsen lassen,
trugen Kopftücher und hatten richtige Kleider und Schuhe.
Morgens spuckten wir drauf und polierten sie mit den Händen.
Wie war Herr Boger zu Ihnen?
(Zeugin) Mich hat er menschlich behandelt.
Er gab mir sein Kochgeschirr mit dem Essensrest.
Einmal rettete er mir das Leben,
als ich zur Strafkompanie kommen sollte.
Ein Kapo hatte mich wegen nachlässigen Staubwischens angezeigt.
Herr Boger machte die Anzeige rückgängig.
Wie viel Schreiberinnen waren in der Abteilung?
-Wir waren 16 Mädchen. -Was taten Sie?
Wir führten die Totenlisten. Das wurde "Absetzen" genannt.
Wir mussten die Personalien, den Todestag
und die Todesursache eintragen.
Die Eintragungen mussten
mit absoluter Genauigkeit vorgenommen werden.
Wenn etwas vertippt war,...
wurde Herr Broad furchtbar wütend.
-Wie waren die Karteien angeordnet? -Da standen zwei Tische.
Auf dem einen waren die Kästen mit den Nummern der Lebenden,
auf dem andern die Kästen mit den Nummern der Toten.
Dort sahen wir, wie viele von einem Transport noch lebten:
von 100 nach einer Woche noch ein paar Dutzend.
Wurden hier alle Todesfälle in den Lagern verzeichnet?
Nur Häftlinge, die eine Nummer hatten,
wurden in den Büchern geführt.
Diejenigen, die direkt ins Gas geschickt wurden,
kamen in keinen Listen vor.
Was für Todesursachen hatten Sie zu verzeichnen?
Die meisten, die wir aufschrieben, waren fiktiv.
Wir durften nicht schreiben: "auf der Flucht erschossen",
sondern "Herzschlag".
Und statt "Unterernährung" schrieben wir "Dysenterie".
Es durften nicht zwei Häftlinge zur selben Minute sterben,
Todesursachen mussten dem Alter entsprechen.
Ein Zwanzigjähriger durfte nicht an Herzmuskelschwäche sterben.
In der ersten Zeit wurden noch Briefe an die Angehörigen geschrieben.
Frau Zeugin, erinnern Sie sich an den Wortlaut der Briefe?
"Trotz aller medikamentöser Pflege ist es leider nicht gelungen,
das Leben des Inhaftierten zu retten.
Wir sprechen Ihnen zu dem Verlust unser aufrichtiges Beileid aus.
Auf Wunsch kann Ihnen die Urne
gegen Nachnahme von 15 Mark zugestellt werden."
Befand sich darin die Asche des Verstorbenen?
In einer solchen Urne war Asche von vielen Toten.
Durchs Fenster konnten wir
die Leichenhaufen vor dem alten Krematorium sehen.
Sie wurden aus Lastwagen gekippt.
Können Sie uns Zahlen nennen für die von Ihnen verzeichneten Todesfälle?
Es fielen bis zu 300 Tote pro Tag an.
Waren dabei Todesfälle
durch Einwirken der Politischen Abteilung?
Täglich, durch Misshandlung und Erschießung.
Frau Zeugin, wo wurden die Häftlinge erschossen?
-Im Block 11 des Lagers. -Durften Sie es betreten?
Nein, aber wir erfuhren alles.
Jede Mitteilung darüber lief bei uns ein.
Boger sagte zu uns:
"Was Sie hier sehen und hören, haben Sie nicht gesehen und gehört."
Wie spielten sich Verhöre in der Abteilung ab?
Boger begann die Vernehmungen stets sehr ruhig.
Er trat nah an den Häftling heran
und stellte die Fragen, die ich zu übersetzen hatte.
Antwortete der Häftling nicht,
schüttelte er ein Schlüsselbund vor seinem Gesicht.
Schwieg der Häftling immer noch,
schlug er ihm die Schlüssel ins Gesicht.
Zum Schluss ging er noch dichter an ihn heran und sagte:
"Ich habe eine Maschine, die wird dich zum Sprechen bringen."
-(Richter) Was war das? -Boger nannte sie "Sprechmaschine".
-(Richter) Wo stand sie? -Im Nebenzimmer.
-Haben Sie sie gesehen? -Ja.
Wie sah die Maschine aus?
-Es waren Stangen. -Täuscht Sie nicht Ihr Gedächtnis?
Es war ein Gestell. Daran wurden sie gehängt.
Wir hörten die Schläge und das Schreien.
Nach einer Stunde
oder auch nach mehreren Stunden
wurden sie herausgetragen.
-Sie waren nicht mehr zu erkennen. -Lebten sie noch?
Wer danach nicht tot war,
konnte die nächsten Stunden kaum überleben.
Einmal sah Boger, dass ich weinte.
Er sagte:
"Hier müssen Sie Ihre persönlichen Gefühle ausschließen."
Aus welchen Gründen wurden die Häftlinge der Bestrafung ausgesetzt?
Manchmal hatte einer ein Stück Brot gestohlen.
Oder wenn er dem Befehl zur schnelleren Arbeit
nicht gleich nachgekommen war.
Oft genügte es, wenn ein Spitzel ihn denunziert hatte.
Es gab einen... Spitzelbriefkasten. Da konnten Zettel eingeworfen werden.
Wegen derartigen Lappalien wurde ich nie tätig.
Wir hatten in der Abteilung
ausschließlich mit Widerstandshandlungen zu tun.
(Richter) Wie oft sahen Sie, dass Häftlinge
nach dem Herunternehmen von der Maschine starben?
Mindestens 20-mal.
In 20 Fällen können Sie dafür bürgen,
dass in Ihrer Gegenwart der Tod eintrat?
Ja.
Es entspricht der Wahrheit, die Zeugin war Dolmetscherin.
Jedoch ist sie nie bei verschärften Vernehmungen zugegen gewesen.
Bei solchen Gelegenheiten waren überhaupt nie Damen dabei.
(Gelächter) Damen.
Das kann ich heute sagen.
(Richter) Frau Zeugin.
Haben Sie einen der anwesenden Angeklagten
beim Austeilen von Schlägen gesehen?
Ich sah Boger in Hemdsärmeln mit dem Schlaginstrument in der Hand.
Und ich sah ihn oft blutig herauskommen.
Einmal hörte ich, wie Broad zu Lachmann,
einem Mitglied der Politischen Abteilung, sagte:
"Weißt du, es hat gespritzt wie aus einem Biest."
Er gab mir seinen Rock zur Reinigung.
Die Herren waren selbst immer auf Sauberkeit bedacht.
-Bogers Stiefel habe ich mal geputzt. -Was war da?
Draußen fuhr ein Lastwagen mit einer Fracht von Kindern vor.
Ich sah es durch das Fenster der Schreibstube.
Ein kleiner Junge sprang herunter. Er hielt einen Apfel in der Hand.
Da kam Boger aus der Tür.
Das Kind stand da mit dem Apfel.
Boger ist zu dem Kind gegangen...
und hat es bei den Füßen gepackt und den Kopf an die Baracke geschmettert.
Dann hat er den Apfel aufgehoben, mich geholt und gesagt:
"Wischen Sie das da ab an der Wand."
Und als ich später bei einem Verhör dabei war, sah ich,...
wie er den Apfel aß.
(Verteidiger) In den Voruntersuchungen
ist davon nie die Rede gewesen.
-Ich konnte darüber nicht sprechen. -Warum?
-Es hat persönliche Gründe. -Können Sie die Gründe nennen?
(Die Zeugin seufzt.)
Ich habe seitdem nie mehr ein eigenes Kind haben wollen.
Warum können Sie jetzt von dem Fall sprechen?
Jetzt, wo ich ihn wiedersehe, muss ich es sagen.
Angeklagter Boger.
Was haben Sie auf die Beschuldigung zu erwidern?
Das ist eine Erfindung,
mit der die Zeugin schlecht das Vertrauen lohnt,
das ich ihr damals habe zukommen lassen.
Ich wurde mit einigen anderen Häftlingen
in den Vernehmungsraum der Politischen Abteilung gebracht.
Was wurde Ihnen gesagt?
Boger sagte: "Wir sind die Politische Abteilung.
Wir fragen nicht, wir hören nur zu.
Was du zu sagen hast, musst du selbst wissen."
Aus welchem Grund waren Sie eingeliefert worden?
Das wusste ich nicht.
Ich wusste nichts zu sagen und bat die Herren, mich zu fragen.
Da wurde ich bewusstlos geschlagen.
Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Korridor.
Boger stand neben mir.
"Steh auf", sagte er.
Aber ich konnte nicht aufstehen.
Boger trat nach mir.
Da richtete ich mich an der Wand auf.
Ich sah, dass Blut an mir herunterfloss.
Der Fußboden und meine Kleider waren voller Blut.
Der Kopf war zerschlagen, das Nasenbein gebrochen.
Ich musste den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht
mit dem Gesicht zur Wand stehen.
Es standen noch einige andere hier.
Wer sich umdrehte, wurde mit dem Kopf an die Wand gestoßen.
Am nächsten Tag wurde ich vernommen.
Mit den anderen Häftlingen wurde ich hereingeführt.
Was wollte man erfahren?
Ich wusste die ganze Zeit nicht, um was es ging.
Ich bekam ein paarmal etwas an den Kopf.
Ich glaube, es war eine Metallspirale.
Dann musste ich in den Korridor raus, und Boger führte meinen Nebenmann ab
in das angrenzende Zimmer.
Er hieß Walter Windmüller.
Wissen Sie, was mit ihm geschah?
Ich schätze, er ist zwei bis drei Stunden dort drin gewesen.
Ich stand im Korridor mit dem Gesicht zur Wand.
Dann kam Windmüller raus.
Er musste sich neben mir hinstellen.
Er blutete aus den Hosenbeinen und kippte ein paarmal um.
Wir haben dort gelernt, mit unbeweglichen Lippen zu sprechen.
Als ich ihn nach der Vernehmung fragte, sagte er:
"Mir sind dort drin die Hoden zerschlagen worden."
Er starb noch am selben Tag.
War Boger für den Tod dieses Häftlings verantwortlich?
Ich bin sicher, dass er mindestens mit unmittelbarem Zutun Bogers,
wenn nicht von ihm erschlagen wurde.
(Richter) Angeklagter Boger.
Haben Sie etwas zu sagen?
Herr Vorsitzender.
Wenn ich erklären darf, der Vorgang hat sich nicht so abgespielt.
Wie war es denn?
Ich habe niemanden erschlagen.
Ich hatte nur meine Vernehmungen durchzuführen.
Was waren das für Vernehmungen?
Manchmal waren es verschärfte Vernehmungen,
die im Rahmen der Verordnungen praktiziert wurden.
Wie waren diese Verordnungen begründet?
Im Interesse der Sicherheit des Lagers
musste mit Verrätern
und andern Schädlingen streng umgegangen werden.
(Richter) Angeklagter Boger,
war Ihnen als Kriminalkommissar nicht bekannt, dass einer,
der einem solchen Verhör ausgesetzt wird,
alles sagt, was man wissen will?
Da bin ich anderer Auffassung.
Und zwar mit ausdrücklichem Bezug auf unsere Amtsstelle.
Bei der Verstocktheit der Häftlinge half nur Gewalt
zur Herbeiführung von Geständnissen.
(Der Zeuge seufzt.)
Im Vernehmungsraum sah ich auf Bogers Tisch
einen Teller mit Heringen stehen.
Grabner fragte mich, ob ich hungrig sei.
Ich sagte Nein.
Aber Grabner sagte: "Ich weiß, wann du Mittag gegessen hast.
Du wirst mein gutes Herz kennenlernen.
Ich werde dir zu essen geben.
Der Boger hat einen Salat für dich gemacht."
Er befahl mir, zu essen.
Ich konnte nicht, meine Hände lagen in Handschellen.
Da stieß Boger mein Gesicht auf den Teller.
Ich musste die Heringe in mich hineinschlingen.
Sie waren so versalzen, dass ich erbrach.
Ich musste das Erbrochene und die Heringe aufschlecken.
Ich hatte noch was im Mund, und Boger rief:
"Passt auf, dass er den Rest nicht draußen ausspuckt."
Dann wurde ich in den Block 11 gebracht
und auf dem Dachboden an nach hinten gebundenen Armen aufgehängt.
Das hieß Pfahlhängen.
Man hing so hoch, dass die Fußspitzen gerade den Boden berührten.
Boger stieß mich hin und her und trat mir in den Bauch.
Vor mir stand ein Eimer mit Wasser.
Boger fragte mich, ob ich trinken wollte.
Er lachte und drehte mich hin und her.
Als ich ohnmächtig wurde, übergoss man mich mit dem Wasser.
Meine Arme starben ab, die Gelenke platzten fast.
Boger stellte mir Fragen, aber...
meine Zunge war angeschwollen, ich konnte nicht antworten.
Da sagte Boger:
"Wir haben noch eine andere Schaukel für dich."
Ich wurde zurückgebracht.
(Verteidiger) Wurden Sie auf der Maschine behandelt?
-(Zeuge) Ja. -Man konnte also doch überleben.
Ich erinnere mich an einen Morgen im Frühjahr 1942.
Da marschierte ein Zug Polizeihäftlinge nach vorn
in die Baracke des ehemaligen Postkontors,
in der die Politische Abteilung eingerichtet worden war.
Vorn gingen Häftlinge und trugen zwei Holzgestelle.
Ähnlich den Seitenstücken einer Hürde.
Ihnen folgten Posten mit Maschinenpistolen
sowie die Herren der Abteilung mit Aktenmappen
und getrockneten, präparierten Bullenschläuchen,
wie sie zur Prügelstrafe verwendet wurden.
Diese Hürden bildeten das Traggerüst der Schaukel.
Herr Zeuge, woher haben Sie diese Kenntnisse?
Kein Vorgang im Lagerabschnitt blieb uns unbekannt.
Dort spielte sich alles auf engstem Raum ab.
Das Geviert des Lagers war nicht größer als 200 mal 300 Meter.
Von jedem der 28 Blocks war das Lager zu überblicken.
Aus welchem Grund wurden Sie zum Verhör geholt?
Ich war beim Bau der Entwässerungsanlage,
die sich rings um die Außenlager zog.
Ich half einem Häftling, seine Mutter im Frauenlager zu treffen.
Der Häftling hieß Janicki.
Er wurde zuerst in den Untersuchungsraum geführt.
Anschließend wurde er auf den Korridor geworfen.
Er lebte noch.
Er öffnete den Mund und streckte die Zunge weit heraus.
Er leckte den Fußboden vor Durst.
Boger kam zu ihm und drehte mit dem Stiefel
seinen Kopf auf die andere Seite.
Dann sagte er zu mir: "Jetzt bist du dran.
Sag die Wahrheit, oder dir geschieht das Gleiche."
Dann wurde ich auf die Schaukel gespannt.
(Richter) Herr Zeuge, beschreiben Sie den Vorgang.
Der Häftling musste sich
mit angezogenen Knien auf den Boden setzen.
Seine Hände wurden ihm vorn gefesselt und über die Knie hinabgedrückt.
Die Stange wurde geholt...
und zwischen seine Unterarme und den Kniekehlen durchgeschoben.
Sie wurde hochgehoben und auf das Gestell gelegt.
Wer führte die Vorbereitungen aus?
Zwei Funktionshäftlinge.
-Wer befand sich noch in dem Zimmer? -Ich sah Boger, Broad und Dylewski.
Ich konnte Boger mit dem Kopf nach unten nicht antworten.
Die Funktionshäftlinge schaukelten mich.
(Verteidiger) Was für Fragen wurden gestellt?
-Fragen nach weiteren Namen. -Wurden Sie geschlagen?
Boger und Dylewski schlugen mich mit dem Ochsenziemer.
Waren es nicht die Funktionshäftlinge, die schlugen?
Ich sah Boger und Dylewski mit den Schläuchen in der Hand.
Wohin schlugen sie?
Auf das Gesäß,
den Rücken, die Schenkel,
die Hände und Füße und auf den Hinterkopf.
Vor allem aber auf die Geschlechtsteile.
Sie zielten besonders darauf.
Dreimal wurde ich ohnmächtig, man übergoss mich mit Wasser.
Angeklagter Boger.
Geben Sie zu, dass Sie diesen Zeugen misshandelt haben?
Darauf gibt es nur ein klares und bestimmtes Nein.
-Bis heute habe ich Spuren. -Nicht von mir.
Angeklagter Boger, haben Sie Behandlungen
an dem geschilderten Instrument vollzogen?
In gewissen Fällen hatte ich sie anzuordnen.
Ausgeführt wurde die Strafe
von den Funktionshäftlingen unter meiner Aufsicht.
Gestand der Häftling, wurde die Bestrafung eingestellt.
Und wenn der Häftling nicht gestand?
Dann wurde nur geschlagen, bis Blut kam.
(Richter) War ein Arzt anwesend?
(Boger) Ich habe nie den Befehl
zur Hinzuziehung eines Arztes gesehen.
Dies war auch unnötig.
Im Augenblick, in dem das Blut strömte, brach ich ab.
Der Zweck der Vernehmung war erreicht,
wenn das Blut aus den Hosen lief.
Sie sahen sich berechtigt,
die verschärften Vernehmungen durchzuführen?
Sie unterlagen meiner befehlsbedingten Verantwortung.
Und ich meine, dass auch heute die Prügelstrafe angebracht wäre,
zum Beispiel im Jugendstrafrecht,
um Herr zu werden über bestimmte Fälle von Verrohung.
Es wurde berichtet, dass niemand die Schaukel überstehen kann.
Allem Anschein nach war das übertrieben.
Als ich von der Schaukel genommen wurde, sagte Boger zu mir:
"Wir haben dich zur Himmelfahrt vorbereitet."
Ich wurde in eine Zelle des Blocks 11 gebracht.
Dort erwartete ich meine Erschießung.
Ich weiß nicht, wie viele Tage ich dort war.
Mein Gesäß war vereitert.
Meine Hoden waren grün und blau und riesig angeschwollen.
Die meiste Zeit lag ich bewusstlos.
Dann wurde ich mit einer größeren Gruppe in den Waschraum geführt.
Wir mussten uns ausziehen,
unsere Nummern wurden uns auf die Brust geschrieben.
Ich wusste, dass das das Todesurteil war.
Als wir nackt dastanden, fragte ein Rapportführer,
wie viele Häftlinge er als erschossen abbuchen sollte.
Als er weg war, wurden wir nochmals nachgezählt.
Da zeigte es sich, dass einer zu viel war.
Ich hatte gelernt, mich als Letzter anzustellen.
Ich bekam einen Tritt und meine Kleider.
Ich sollte zur Zelle gebracht werden,
um auf die nächste Bunkerleerung zu warten.
Ein Häftlingspfleger nahm mich zum Krankenbau mit.
Es kam eben vor, dass einer überleben sollte.
Und zu diesen wenigen gehörte ich.
(schwere Musik)
Die Atmosphäre im Lager änderte sich von Tag zu Tag.
Sie war abhängig vom Lagerführer, vom Rapportführer,
vom Blockführer und deren Launen.
Und von den Phasen des Krieges.
Als es noch Siege gab,
konnten wir derb und überheblich angerempelt
und unter Späßen gezüchtigt werden.
Im Takt der Rückzüge und Niederlagen
wuchs die Effektivität der Aktionen an.
Nichts ließ sich voraussehen.
Ein Antreten konnte alles heißen,
ein Warten auf Nichts oder eine Schinderei.
Im Krankenbau konnten Häftlinge gesund gepflegt werden
und sogar Schonkost erhalten,
um nach der Genesung durch den Schornstein zu gehen.
Ich selbst war nur durch Zufall der Vergasung entgangen,
weil an diesem Abend die Öfen verstopft waren.
Beim Rückweg vom Krematorium erfuhr der Arzt,
dass ich Mediziner war, und nahm mich auf.
Wie hieß der Arzt?
Er hieß Dr. Vetter.
Er war ein Mann von vollendeten Umgangsformen.
Auch Dr. Schatz und Dr. Frank waren freundlich zu den Todgeweihten.
Sie töteten nicht aus Hass und nicht aus Überzeugung.
Nur weil sie töten mussten.
Und dies war nicht der Rede wert.
Nur wenige töteten aus Leidenschaft.
Zu diesen gehörte Boger.
Einmal wurde ein Angeschossener eingeliefert
mit Bogers Befehl, ihn zu retten, damit man ihn hängen kann.
Der Häftling starb vorher.
(Richter) Angeklagter Boger.
Ist Ihnen dieser Fall bekannt?
Auf der Flucht angeschossene Häftlinge
wurden grundsätzlich ins Krankenrevier gebracht,
um nach Wiederherstellung vernommen zu werden.
Insoweit dürften die Angaben des Zeugen durchaus richtig sein.
Ich habe hier Anweisung gegeben,
dass der Häftling am Leben zu erhalten sei.
Ich sagte: "Er muss gerettet werden, um vernommen zu werden."
-Sollte er dann gehängt werden? -Das ist möglich.
Aber das lag außerhalb meiner Zuständigkeit.
Boger und Kaduk führten eigenhändig Erhängungen aus.
Einmal sollten 12 Häftlinge als Repressalie
für die Flucht eines Gefangenen hingerichtet werden.
Sie legten ihnen die Schlinge über den Kopf.
Herr Zeuge, woher wissen Sie das?
Wir standen auf dem Appellplatz und mussten zusehen.
Die Häftlinge schrien irgendetwas. Boger und Kaduk waren äußerst wütend.
Sie traten sie mit ihren Stiefeln und ohrfeigten sie.
Dann hängten sie sich an die Füße der Häftlinge
und zogen sie ruckweise.
Mir ist von diesem Vorfall erinnerlich,
dass sich ein Delinquent aus den Fesseln befreite,
als er weisungsgemäß
und unter verstärkten Sicherheitsmaßnahmen
zur Exekution geführt wurde.
Der Betreffende warf sich auf mich und brach mir dabei eine Rippe.
Er wurde dann überwältigt.
Die Fesselung wurde erneut vollzogen, und ich habe das Urteil verlesen.
Herr Zeuge, hörten Sie die Verlesung eines Urteils?
Es wurde kein Urteil verlesen.
Dies war wohl schwer zu verstehen, weil die Häftlinge brüllten.
(Ankläger) Was brüllten sie?
Sie ließen politische Agitationen verlauten.
-Welcher Art? -Sie hetzten die Häftlinge auf.
Wie verhielten sich die?
(Boger) Es waren dort keine Zwischenfälle zu beachten.
Das Urteil wurde vollstreckt wie alle Urteile.
Ich habe die Hinrichtung nicht vollzogen.
Das haben Häftlingskapos getan.
Herr Zeuge, kann Ihnen die Verlesung des Urteils nicht entgangen sein?
Die Hinrichtung war direkt nach der Flucht.
Die Zeit war zu kurz, als dass eine Zentralstelle
den Fall analysieren und ein Urteil sprechen konnte.
(Richter) War der Kommandant des Lagers zugegen
oder sein Adjutant?
Bei öffentlichen Hinrichtungen waren immer höhere Offiziere anwesend.
Sie trugen weiße Handschuhe zum Anlass.
Ob der Adjutant in dem Fall dabei war,
weiß ich nicht mit Bestimmtheit.
Es ist anzunehmen, da er die Ausführung aller Befehle
innerhalb des Kommandanturbereichs verantwortete.
Herr Zeuge, erkennen Sie den Adjutanten des Lagers
zwischen den Angeklagten wieder?
Dies ist Mulka.
(Richter) Angeklagter Mulka.
Haben Sie dieser Erhängung
oder irgendeiner anderen Erhängung beigewohnt?
Ich habe mit keiner Tötung gleich welcher Art zu tun gehabt.
Haben Sie von solchen Befehlen gehört oder selbige weitergegeben?
Ich habe wohl von solchen Befehlen gehört,
sie aber nicht weitergegeben.
Wie verhielten Sie sich ihnen gegenüber?
Ich hütete mich, höherenorts Fragen vorzubringen
nach der Rechtmäßigkeit mir zu Ohren gekommener Gefangenentötung.
Ich hatte ja die Verantwortung für meine Familie und für mich selber.
(Ankläger) Haben Sie den Galgen gesehen?
Wie bitte?
Ob Sie den Galgen gesehen haben?
Nein. Ich habe meinen Fuß nie in das Lager gesetzt.
Sie behaupten, Sie als Adjutant des Kommandanten
sind nie im Lager gewesen.
Das ist die reine Wahrheit.
Meine Arbeit war administrativer Art.
Ich hielt mich nur in den Amtsräumen der Verwaltung auf.
Wo befanden sich diese Amtsräume?
In den Kasernengebäuden außerhalb des Lagerbezirks.
Bestand dort keine Einsicht in das Lager?
Nicht dass ich wüsste.
Herr Zeuge, schildern Sie die Lage der Außengebäude
im Verhältnis zum Straflager?
Von den rückwärtigen Fenstern der Verwaltungsgebäude
war das Lager einzusehen.
Unmittelbar hinter ihnen
standen die Betonpfeiler mit elektrisch geladenem Stacheldraht.
Zehn Meter weiter lag der erste Block,
unmittelbar dahinter die weiteren Blocks in drei Reihen,
höchstens zehn Meter voneinander getrennt.
Die Sicht auf die Längsstraßen war unbehindert.
-Wo befand sich der Galgen? -Vor der Lagerküche.
Gleich rechts, wenn man vom Eingangstor zum Hauptweg kam.
Wie sah er aus?
Es waren drei Pfähle mit einer Eisenschiene darüber.
Angeklagter Mulka, Sie wohnten in unmittelbarer Nähe.
In der Lagerordnung heißt es,
Sie hatten über alle Vorkommnisse zu unterrichten,
geheime Verschlusssachen zu bearbeiten
sowie die Wachmannschaften weltanschaulich zu schulen.
Waren Ihnen in dieser Stellung nicht die Bestrafungen im Lager bekannt?
Ich sah nur einmal...
ein abgezeichnetes rückläufiges Schreiben
zur Genehmigung der Prügelstrafe.
Untersuchten Sie nie Gründe von Erhängungen und Erschießungen?
Es war nicht meine Aufgabe.
Was hatten Sie als Adjutant des Lagerkommandanten für Aufgaben?
Preise kalkulieren, Arbeitskräfte einteilen und Personalien bearbeiten.
Und ich begleitete den Kommandanten zu Empfängen.
-Und ich führte die Ehrenkompanie. -Wann war das?
Bei festlichen Anlässen.
Oder Beerdigungen, da gab es eine Trauerparade.
-Wessen Beerdigungen? -Beim Ableben irgendeines Offiziers.
-Wem wurden tote Häftlinge gemeldet? -Das weiß ich nicht.
Der Politischen Abteilung?
Erfuhren Sie nicht, dass täglich 100 oder 200 Häftlinge starben?
Ich kann mich nicht erinnern,
fortlaufende Stärkemeldungen gesehen zu haben.
Am Tag gab es so zehn bis 15 Abgänge,
aber Zahlen von der Größe, wie sie genannt werden, habe ich nie gehört.
Angeklagter Mulka. Wussten Sie nicht von den Gaskammern?
Das war mir nicht bekannt.
Fiel Ihnen nicht der Rauch aus den Schornsteinen auf,
der kilometerweit zu sehen war?
Es war ja ein großes Lager mit natürlichem Abgang.
Da wurden die Toten verbrannt.
Ist Ihnen der Zustand der Häftlinge nicht aufgefallen?
Im Straflager waren die Leute nicht zur Erholung.
(Gelächter)
Wollten Sie als Adjutant des Kommandanten nicht erfahren,
wie die Häftlinge untergebracht waren?
Ich habe keine Klagen gehört.
Sprachen Sie und der Kommandant nie über Vorkommnisse?
Nein. Es gab keine besonderen Vorkommnisse.
Wozu diente Ihrer Ansicht nach das Lager?
In einem Schutzhaftlager
sollten Staatsfeinde zu anderen Denkweisen erzogen werden.
Es war nicht meine Aufgabe, dies infrage zu stellen.
War Ihnen der Begriff Sonderbehandlung bekannt?
Das war geheime Reichssache. Ich konnte davon nichts wissen.
Wer sich äußerte, war mit dem Tod bedroht.
-Aber Sie wussten davon. -Da kann ich keine Antwort geben.
Auf welche Weise betreuten Sie die Truppen?
Da gab es Theater und Kino und Bunte Abende.
Das machte Herr Knittel. Der hielt auch die Schulungsabende.
-Wie konnte der das denn? -Er war ein Studienrat.
Wenn ich recht unterrichtet bin, ist er nun Studiendirektor
und für die Lehrtätigkeit offensichtlich geeignet.
Weltanschaulich lehrten Sie die Mannschaften?
Wir weisen den Mandanten darauf hin,
dass er nicht zu antworten braucht.
Die Entscheidung liegt einzig und allein
bei den Angeklagten selbst.
Die Verteidigung überschreitet bei Weitem
die einer Verteidigung eingeräumten Befugnisse.
Sie versucht mit der Taktik offensichtlich,
die Aufklärung der Wahrheit zu verhindern.
Gegen die erstaunlichen Ausführungen müssen wir uns wenden.
Die Ankläger überblicken die Strafprozessordnung nicht
und beherrschen die Gesetzgebung nicht.
Sie sind mit einer vorgefassten Meinung in den Prozess gegangen.
Die Machtfülle eines jeden im Lagerpersonal war unbegrenzt.
Es stand jedem frei, zu töten.
Oder zu begnadigen.
Den Arzt Dr. Flagge sah ich mit Tränen am Zaun stehen,
hinter dem ein Zug Kinder zu den Krematorien geführt wurde.
Er duldete es, dass ich Krankenkarten ausgesonderter Häftlinge an mich nahm
und sie so vor dem Tod bewahren konnte.
Flagge zeigte, dass es möglich war,
zwischen den Tausenden noch ein einzelnes Leben zu sehen.
Und dass es möglich gewesen wäre, auf die Maschinerie einzuwirken,
hätte es mehr wie ihn gegeben.
Herr Zeuge, hatten Sie als Häftlingsarzt
Einfluss auf das Leben und den Tod
der bei Ihnen eingelieferten Kranken?
Ich konnte hier und da ein Leben retten.
Mussten Sie andererseits auch Kranke zur Tötung aussondern?
Die Schlusszahl unterlag nicht mir, die bestimmte die Lagerverwaltung.
Jedoch konnte ich die Listen bearbeiten.
Nach welchen Grundsätzen wählten Sie zwischen zwei Kranken?
Wir mussten uns fragen, wer die größere Chance hatte,
die Krankheit zu überstehen.
Und die schwierigere Frage:
Wer könnte wertvoller und nützlicher sein
für interne Angelegenheiten?
Gab es besonders Bevorzugte?
Die politischen Aktiven hielten zusammen,
stützten und halfen einander, soweit sie konnten.
Da ich dem Widerstand angehörte, tat ich selbstverständlich alles,
um Kameraden am Leben zu erhalten.
Was konnte die Widerstandsbewegung im Lager leisten?
Deren Hauptaufgabe bestand darin, eine Solidarität aufrechtzuerhalten.
Sodann dokumentierten wir die Ereignisse im Lager
und vergruben Beweise in Blechbüchsen.
Wurden Vorbereitungen getroffen zu einem bewaffneten Aufruhr?
Später wurde Sprengstoff geschmuggelt.
Gab es einen Angriff von innen oder von außen?
Außer einem Aufstand des Sonderkommandos der Krematorien
im letzten Kriegswinter kam es zu keinen Handlungen.
Auch von außen gab es keine solchen Versuche.
Haben Sie durch Ihre Verbindungsleute Hilfe angefordert?
Es wurden immer Nachrichten über die Verhältnisse abgegeben.
Welche Resultate erhofften Sie sich auf diese Nachrichten hin?
Einen Angriff aus der Luft auf die Gaskammern.
Oder eine Bombardierung der Zufahrt.
Herr Zeuge, wie verhielten Sie sich dem Eid als Arzt gegenüber?
Wir protestieren, da die Verteidigung
den Zeugen mit den Angeklagten gleichstellt.
Die Angeklagten töteten aus freiem Willen.
Der Zeuge musste notgedrungen der Tötung beiwohnen.
Ich... Ich möchte Folgendes antworten.
Die Häftlinge, die durch ihre Sonderstellung
den eigenen Tod aufschieben konnten,
waren den Beherrschern des Lagers schon einen Schritt entgegengegangen.
Um sich das Überleben zu ermöglichen,
waren sie gezwungen, einen Anschein von Zusammenarbeit zu wecken.
Ich sah es in meinem Revier.
Bald war ich den Lagerärzten nicht nur
durch den gleichen Beruf verbunden,
sondern auch in meiner Teilnahme an den Machenschaften.
Auch wir Häftlinge vom Prominenten bis zum Sterbenden
gehörten dem System an.
Der Unterschied zwischen uns und dem Personal
war geringer als der zu denen draußen.
Wollen Sie sagen, dass es ein Verständnis gab
zwischen der Verwaltung und dem Häftling?
Wenn wir mit Menschen, die nicht dort waren,
heute über unsere Erfahrungen sprechen,
ergibt sich für sie immer etwas Unvorstellbares.
Doch sind es die gleichen Menschen, wie sie Häftling und Bewacher waren.
Viele, die zu Häftlingen bestimmt waren,
waren aufgewachsen mit denselben Begriffen
wie die, die in die Rolle der Bewacher gerieten.
Sie hatten sich eingesetzt für die gleiche Nation,
den gleichen Aufschwung und Gewinn.
Und auch sie hätten einen Bewacher abgeben können.
Wir müssen die Haltung aufgeben,
dass uns die Lagerwelt unverständlich ist.
Wir kannten die Gesellschaft,
aus der das Regime hervorging, das sie erzeugte.
Die Ordnung, die hier galt, war uns in ihrer Anlage vertraut.
Wir konnten uns zurechtfinden in ihrer letzten Konsequenz,
in der der Ausbeutende in unbekanntem Grad
seine Herrschaft entwickeln durfte
und der Ausgebeutete noch sein Knochenmehl liefern musste.
Diese Art von Theorien,
die ein schiefes ideologisches Bild zeichnen,
lehnen wir auf das Bestimmteste ab.
Die meisten, die auf der Rampe ankamen,
fanden nicht mehr die Zeit, sich ihre Lage zu erklären.
Verstört und stumm gingen sie den letzten Weg
und ließen sich töten, weil sie nichts verstanden.
Wir nennen sie Helden, doch ihr Tod war sinnlos.
Wir sehen sie, Millionen im Scheinwerferlicht,
unter Schimpf und Hundegekläff.
Die Außenwelt fragt heute, warum sie sich so vernichten ließen.
Wir, die mit den Bildern leben, wissen,
dass Millionen wieder auf ihre Zerstörung warten könnten
und dass diese an Effektivität
die alten Einrichtungen vielfach übertrifft.
Waren Sie vor Ihrer Einlieferung in das Lager schon politisch tätig?
Ja. Es war unsere Stärke, dass wir wussten, warum wir hier waren.
Es half, unsere Identität zu bewahren.
Doch auch diese Stärke reichte nur bei den Wenigsten bis zum Tod.
Auch diese konnten zerbrochen werden.
Wir waren 1200 Häftlinge,
die zu den Krematorien geführt wurden.
Wir mussten lange warten,
denn ein anderer Transport war vor uns.
Ich hielt mich etwas abseits.
Da kam ein Häftling vorbei.
Es war ein ganz junger Mensch.
Er flüsterte mir zu:
"Geh fort von hier."
Da nahm ich meine Holzschuhe und ging weg.
Ich bin um eine Ecke gegangen.
Da stand ein anderer, der fragte:
"Wo willst du hin?"
Ich sagte: "Die haben mich weggeschickt."
"Dann komm mit", sagte der.
So kam ich zurück ins Lager.
War das so einfach?
Nur weggehen konnte man.
Ich weiß nicht, wie es für andere war.
Ich bin weggegangen und kam in den Krankenbau.
Da fragte mich der Häftlingsarzt:
"Willst du leben?"
Ich sagte...
"Ja."
Er sah mich eine Weile an
und dann nahm er mich bei sich auf.
Und Sie haben die Zeit im Lager überstanden?
Ich kam aus dem Lager heraus.
Aber das Lager existiert weiter.
Frau Zeugin, Sie verbrachten einige Monate
im Frauenblock Nummer 10,
in dem medizinische Experimente vorgenommen wurden.
Was können Sie uns darüber berichten?
(Die Zeugin atmet nervös.)
(pulsierende Klänge)
(Richter) Frau Zeugin, es ist uns verständlich,
dass Ihnen die Aussage schwerfällt und Sie lieber schweigen möchten.
Doch bitten wir Sie, Ihr Gedächtnis nach allem zu erforschen,
was Licht wirft auf die Vorkommnisse, die hier zur Behandlung stehen.
Wir waren dort etwa 600 Frauen.
Professor Clauberg leitete die Untersuchungen.
Die übrigen Ärzte des Lagers erstellten das Menschenmaterial.
Wie gingen die Versuche vor sich?
Frau Zeugin, leiden Sie an Gedächtnisstörungen?
Ich bin seit dem Aufenthalt im Lager krank.
Wie äußert sich Ihre Krankheit?
Schwindelanfälle und Übelkeit.
Kürzlich musste ich erbrechen, da roch es nach Chlor.
Chlor wurde über die Leichen geschüttet.
Ich kann nicht in verschlossene Räume.
(Verteidiger) Keine Gedächtnisschwächen?
(Zeugin) Ich möchte vergessen.
Aber ich sehe es immer wieder vor mir.
Ich möchte die Nummer an meinem Arm entfernen lassen.
Im Sommer in ärmellosen Kleidern starren die Leute,
mit immer demselben Ausdruck im Blick.
Was für ein Ausdruck?
Von Hohn.
Frau Zeugin, fühlen Sie sich immer noch verfolgt?
Frau Zeugin, an was für Versuche erinnern Sie sich?
Da waren Mädchen,
im Alter von 17 bis 18 Jahren.
Sie waren zwischen den gesundesten Häftlingen ausgesucht worden.
An ihnen wurde mit Röntgenstrahlen experimentiert.
Was waren das für Experimente?
Die Mädchen wurden vor den Röntgenapparat gestellt.
Je eine Platte wurde an ihrem Bauch und an ihrem Gesäß befestigt.
Die Strahlen wurden auf den Eierstock gerichtet, der so verbrannt wurde.
Dabei entstanden am Bauch und am Gesäß
schwere Brandwunden und Geschwüre.
Was geschah mit den Mädchen?
Innerhalb von drei Monaten wurden sie mehrmals operiert.
Welcher Art?
(Die Zeugin seufzt.)
Die Eierstöcke und Geschlechtsdrüsen wurden ihnen entfernt.
Starben die Patientinnen?
Wenn sie nicht bei der Behandlung starben,
so starben sie bald danach.
Nach ein paar Wochen hatten sich die Mädchen völlig verändert.
Sie erhielten das Aussehen von Greisinnen.
Frau Zeugin, war einer der hier anwesenden Angeklagten
an den Operationen beteiligt?
Alle Ärzte begegneten einander täglich in ihren Quartieren.
Es war anzunehmen, dass sie über die Vorgänge unterrichtet waren.
(Verteidiger) Wir wenden uns mit Nachdruck dagegen.
Dass sich unsere Mandanten in der Nähe der Vorkommnisse aufhielten,
braucht sie nicht zu Mitwissern zu machen.
(Richter) Was für Eingriffe wurden sonst noch vorgenommen?
(Verteidiger) Die Zeugin kann aufgrund ihrer Gesundheit
nicht glaubwürdig antworten.
(Ankläger) Frau Zeugin.
Können Sie andere Versuche schildern, bei denen Sie zugegen waren?
(Die Zeugin keucht.)
Mit einer Spritze,
auf die zur Verlängerung eine Kanüle aufgesetzt worden war,
wurde eine Flüssigkeit in die Gebärmutter gedrückt.
(Richter) Frau Zeugin, was war das für eine Flüssigkeit?
Es war eine zementartige Masse,
die einen wehenartigen Schmerz erzeugte
und eine Empfindung, als müsse der Bauch platzen.
Die Frauen konnten sich nur gekrümmt zum Röntgentisch begeben,
wo eine Aufnahme gemacht wurde.
Was sollte mit dieser Einspritzung bezweckt werden?
Der Eileiter sollte durch Verklebung empfängnisunfähig gemacht werden.
Wurden diese Eingriffe bei derselben Patientin wiederholt?
Nach der Einspritzung
wurde eine Kontrastflüssigkeit zum Röntgen eingeführt.
Danach wurde die Masse oft noch mal eingepumpt.
Nach drei bis vier Wochen konnte der Vorgang mehrmals wiederholt werden.
(weinend) Die meisten starben
durch Entzündung der Gebärmutter oder des Bauchfells.
Ich sah nie, dass die ärztlichen Instrumente
zwischen den Behandlungen desinfiziert wurden.
Wie viele solcher Versuche wurden Ihrer Berechnung nach durchgeführt?
(Die Zeugin atmet schwer.)
Während der sechs Monate, die ich auf Block 10 verbrachte,
wurden 400 Versuche dieser Art ausgeführt.
Im Zusammenhang damit wurden auch künstliche Befruchtungen vorgenommen.
Stellte sich eine Schwangerschaft heraus, wurde ein Abort eingeleitet.
In welchem Monat der Schwangerschaft geschah das?
Im siebten Monat.
Während der Schwangerschaft machte man zahlreiche Röntgenversuche.
Nach der Frühgeburt wurde das Kind,...
wenn es überhaupt lebendig zur Welt kam, getötet
und obduziert.
Frau Zeugin, geben Sie diese Angaben
aus zweiter Hand oder aus eigenem Wissen wieder?
Ich spreche aus persönlicher Erfahrung.
Was bewahrte Sie vor einer Erkrankung mit tödlichem Ausgang?
Die Räumung des Lagers.
(Dissonante Klänge überlagern die Szenen.)
(Die dissonanten Klänge verebben.)
(Richter) Frau Zeugin, ist Ihnen der Name Lili Tofler bekannt?
Ja.
Lili Tofler war ein ausgesprochen hübsches Mädchen.
Sie war verhaftet worden,
weil sie einem Häftling einen Brief schrieb.
Beim Schmuggeln des Briefes an den Häftling war er gefunden worden.
Lili Tofler wurde vernommen.
Sie sollte den Namen des Häftlings nennen.
Boger leitete die Verhöre.
Auf seinen Befehl kam sie in den Bunkerblock.
Da musste sie sich oft nackt zur Wand stellen,
und es wurde getan, als würde sie erschossen.
Man gab die Kommandos zum Schein.
Zum Schluss flehte sie auf Knien, man möge sie erschießen.
Wurde sie erschossen?
Ja.
Ich befand mich im Bunkerarrest, als Lili Tofler
mit zwei anderen, die an dem Briefschmuggel beteiligt waren,
dort eingesperrt wurde.
Während dieser Tage durfte ich einmal
durch das Entgegenkommen des Funktionshäftlings Jakob
den Waschraum benutzen.
Auf dem Weg dorthin drängte Jakob mich plötzlich in einen Nebenraum.
Durch den Türspalt sah ich,...
wie Lili Tofler von Boger in den Waschraum geführt wurde.
Ich hörte zwei Schüsse
und sah nach dem Fortgehen Bogers
das Mädchen tot auf dem Boden liegen.
Die beiden anderen Häftlinge wurden später von Boger im Hof liquidiert.
Angeklagter Boger.
Ist Ihnen dieser Fall bekannt?
Die Erschießung der Lili Tofler stimmt mit der Wahrheit überein.
Als Schreiberin der Politischen Abteilung war sie Geheimnisträgerin
und durfte keinen Kontakt mit anderen Häftlingen haben.
Ich habe mit ihrer Erschießung nichts zu tun gehabt.
Ich war über ihren Tod ebenso erschüttert
wie der Bunkerjakob, dem die Tränen über die Backen liefen.
Sagen Sie, was in dem Brief stand.
Nein.
Frau Zeugin, wissen Sie, was in dem Brief stand?
Lili fragte in dem Brief,
ob es möglich sein könnte, je weiterzuleben
nach dem, was sie gesehen hatten und was sie wüssten.
Ich erinnere mich auch,
dass sie in ihrem Brief zunächst den Freund fragte,
ob er ihre vorige Nachricht erhalten habe?
Sie schrieb auch von ermutigenden Meldungen.
Frau Zeugin, woher haben Sie diese Kenntnisse?
Ich war mit Lili Tofler befreundet.
Wir wohnten im gleichen Block.
Sie hatte mir von diesem Brief erzählt.
Später sah ich ihn im Standesamt des Lagers.
Da lief ihre Todesbescheinigung ein. Der Brief war beigefügt.
Kannten Sie den Häftling, an den er gerichtet war?
Ja.
Verriet Lili Tofler seinen Namen?
Nein.
Die Häftlinge mussten auf dem Appellplatz antreten.
Lili sollte ihren Freund denunzieren.
Ich erinnere mich noch genau, wie sie vor ihm stand,...
ihm kurz in die Augen sah und sofort weiterging, ohne ein Wort.
-Mussten Sie zum Appell antreten? -Ja.
Wo war der Appellplatz?
Die Straße und der freie Platz vor den Küchengebäuden im alten Lager.
Wie sah der Platz aus?
Rechts neben dem Galgen stand das Wachthäuschen des Rapportführers.
Das war aus Holz gezimmert und mit Steinfugen bemalt.
Auf dem spitzen Dach... war eine Wetterfahne.
Es sah aus wie aus einem Baukasten.
Die Häftlinge standen auf der Straße und allen Wegen zwischen den Blocks.
Lili Tofler wurde an ihnen entlanggeführt.
Ich las an diesem Tag auch, was auf dem Dach der Küche stand.
Da war mit großen Lettern geschrieben:
"Es gibt einen Weg zur Freiheit.
Seine Meilensteine sind...
Gehorsam,
Fleiß,
Sauberkeit,
Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit...
und Liebe zum Vaterland."
Wurde der Häftling, an den der Brief gerichtet war, nie entdeckt?
Nein.
Herr Zeuge, Sie waren damals Leiter
der landwirtschaftlichen Betriebe des Lagers.
Zur Zeit ihrer Verhaftung arbeitete Lili Tofler
auf einer Pflanzenstation, die Ihnen unterstand.
Was hatte sie dort zu tun?
Soweit ich es erinnere, war sie Zeichnerin oder Schreiberin.
Hatte sie die Politische Abteilung abgetreten?
Das weiß ich nicht. Unser Betrieb hatte mit dem Lager nichts zu tun.
Er fiel unter das Wirtschaftshauptamt.
Durch den Anbau von Kautschukpflanzen war er kriegswichtig.
Ist Ihnen die Verhaftung der Lili Tofler bekannt?
Ich erinnere mich, dass da etwas mit einem Brief war.
Wissen Sie, dass Lili Tofler deshalb verhaftet wurde?
Ich glaube, der Brief wurde in einer Sendung von Karotten gefunden.
Was waren das für Karotten?
Sie waren für die ärztliche Abteilung.
-Zu welchem Zweck? -Ich nehme an, als Krankenkost.
Professor Clauberg hatte das angeordnet.
Was war Ihnen über dessen Arbeit bekannt?
Dort wurden Untersuchungen
im Auftrag pharmazeutischer Industrien vorgenommen.
-Was für Untersuchungen waren das? -Das weiß ich nicht.
Ich wusste vom Lager nur,
dass es ein großes Industriegebiet war,
in dessen verschiedenen Zweigen
die Häftlinge als Arbeitskräfte eingesetzt wurden.
Welcher dieser Industrien unterstand Ihre Abteilung?
Wir gehörten zu den Buna-Werken der I.G. Farben.
Wir arbeiteten alle auf Kriegswirtschaft.
War bekannt, dass in den Industrien
Häftlinge als Arbeitskräfte einkalkuliert waren?
Natürlich.
Zahlten die Industrien Löhne für die Häftlinge?
Selbstverständlich.
Nach bestimmten Tarifen.
Was für Tarife?
Für Facharbeiter zahlte man vier Mark pro Tag,
für ungelernte Arbeiter drei Mark.
-An wen wurde das ausgezahlt? -An die Lagerverwaltung.
Die hatte für die Verpflegung der Häftlinge zu sorgen.
Wie waren die Häftlinge ernährt?
In meinem Betrieb waren sie gut genährt.
War Ihnen bekannt, dass sie verbraucht und dann getötet wurden?
Ich habe mich immer bemüht,
mehr für die Häftlinge zu tun, als mir zustand.
Ich litt darunter, zu sehen,
wie die Häftlinge, die bei uns waren,
täglich kilometerweite Strecken
von ihren Baracken hin zu den Arbeitslagern
zu Fuß zurücklegen mussten.
Wie viele Häftlinge arbeiteten in Ihrem Betrieb?
500 bis 600.
Fiel Ihnen kein starker Wechsel in den Kommandos auf?
Ich bemühte mich, meine Leute zu behalten.
-Kamen Krankheitsfälle vor? -Natürlich.
Mir waren auch die Epidemien bekannt,
unter denen die Häftlinge im Lager litten.
Fiel auf, dass Krankgemeldete nicht zurückkamen?
Nein.
Oft kamen sie aus dem Revier wieder zurück.
Haben Sie von Misshandlungen gehört?
-Gehört ja. -Was haben Sie gehört?
-Dass sie geschlagen wurden. -Von wem?
Ich weiß es nicht.
Ich habe es nicht gesehen. Ich habe es nur gehört.
Herr Zeuge, wussten Sie von den Vernichtungsaktionen?
War man drei Jahre dort, sickerte das eine oder andere durch.
Da wusste man schon, was los war.
Aber als ich später die ersten Zahlen hörte,
habe ich das gar nicht begriffen.
Haben Sie keinen dieser Transporte gesehen?
Höchstens ein paarmal.
Kennen Sie die Angeklagten in diesem Saal?
Einen Teil der Herren kenne ich.
Vor allem die Führer unter ihnen.
Wir trafen im rein gesellschaftlichen Verkehr
im Führerheim zusammen.
Herr Zeuge, Sie sind heute Ministerialrat.
Trafen Sie sie nach dem Kriege wieder,
nachdem die meisten ins Zivilleben zurückgekehrt waren?
Dem einen oder anderen mag ich begegnet sein.
Kamen Sie dabei auf die Geschehnisse zu sprechen?
Herr Staatsanwalt,
es ging uns schließlich allen darum, den Krieg zu gewinnen.
(Ankläger) Das Gericht hat vorgeladen drei ehemalige Leiter
der mit dem Lager zusammenarbeitenden Industrien.
Der eine Zeuge hat ein Attest eingereicht,
er sei erblindet und könne nicht kommen,
der andere leidet an gebrochenem Rückgrat.
Nur ein ehemaliger Vorsitzender des Aufsichtsrats hat sich eingefunden.
Stehen Sie heute noch in Zusammenarbeit mit den Industrien,
die Häftlinge beschäftigten?
Wir protestieren. Das Vertrauen in unsere Industrie wird untergraben.
Ich bin nicht mehr aktiv im Geschäftsleben tätig.
Erhalten Sie eine Ehrenrente der Industrien?
Ja.
Beträgt sie 300.000 Mark im Jahr?
Wir widersprechen dieser Frage.
Wenn Sie auf Ihrem Schloss leben und sich nicht mehr
mit den Themen des Konzerns befassen, der nur einen neuen Namen trägt,
womit beschäftigen Sie sich dann?
Ich sammle Porzellan, Gemälde, Stiche
und Gegenstände bäuerlichen Brauchtums.
Fragen dieser Art haben mit dem Eröffnungsbeschluss des Prozesses
gar nichts zu tun.
(Ankläger) Sie waren von Industrieseite
unmittelbar für die Anstellung der Häftlinge verantwortlich.
Was haben Industrie und Lagerverwaltung vereinbart
zu den nicht mehr arbeitsfähigen Häftlingen?
Darüber ist mir nichts bekannt.
Dem Gericht liegen Berichte über Häftlinge vor,
die die Industrie als zu schwach für die Arbeit befand.
Davon ist mir nichts bekannt.
Fiel Ihnen ihr körperlicher Zustand auf?
Ich persönlich habe mich immer
gegen die Anstellung der Arbeitskräfte gewehrt,
die sich zumeist aus asozialen
oder politisch unzuverlässigen Elementen zusammensetzten.
Das Gericht verfügt über Schreiben
zur Freundschaft der Lagerverwaltung mit der Industrie.
Es heißt unter anderem:
"Anlässlich eines Abendessens haben wir alle Maßnahmen festgelegt,
die die Einschaltung des hervorragenden Betriebs des Lagers
zugunsten der Buna-Werke betreffen."
Was waren das für Maßnahmen, Herr Zeuge?
Ich hatte nur dafür zu sorgen,
dass die Forderungen der Reichsbehörden erfüllt wurden.
Lassen Sie es uns deutlich aussprechen
und die Aussagen eines früheren Zeugen
zum System der Ausbeutung bestätigen, die für das Lager galt.
Sie und die anderen Direktoren der großen Konzerne
erreichten durch unbegrenzten Menschenverschleiß
Jahresumsätze von mehreren Milliarden.
Wir protestieren.
Lassen Sie uns bedenken, dass deren Nachfolger
heute zu glanzvollen Abschlüssen kommen
und sich, wie es heißt, in einer neuen Expansionsphase befinden.
Wir fordern dazu auf, die Diffamierungen zu protokollieren.
Herr Zeuge, was wissen Sie über die Verhaftung Lili Toflers?
Was im Einzelnen war, weiß ich nicht.
Ich erinnere mich nur, dass sie abgeholt wurde.
Ich fragte, was los sei, und hörte, die Untersuchung gehe weiter.
Später habe ich gehört, dass man Lili getötet hätte.
Wer hat sie getötet?
Ich war ja nicht dabei.
Konnten Sie nicht eingreifen,
als Ihnen eine Mitarbeiterin genommen wurde?
Ich kannte den Fall nicht.
Erfragten Sie nicht den Grund der Verhaftung?
Die Kompetenz ging mir ab.
Das war ein ganz massiver Eingriff in Ihr Arbeitsgebiet.
Man nahm Ihnen jemanden aus dem Labor weg,
den Sie für kriegswichtige Produktion brauchten.
Lili Tofler war keine der Spitzenkräfte.
Herr Zeuge, warum duldeten Sie
diesen Eingriff in Ihren Verantwortungsbereich?
Herr Vorsitzender, es gab damals einen Begriff,
der für alle galt.
"Sei vorsichtig mit Häftlingsbegünstigung."
Bis zu einer bestimmten Grenze konnte man gehen, aber weiter nicht.
Wir rufen als Zeugen auf den Häftling,
an den Lili Tofler den erwähnten Brief gerichtet hatte.
Herr Zeuge.
Wie gelang es Ihnen, zu überleben?
Ein paar Tage nach Lilis Einlieferung
wurde ich auch in den Bunker überführt.
Ich glaubte, Lili habe mich verraten,
aber ich war nur zusammen mit anderen als Geisel festgenommen worden.
Ich hörte, dass Lili sich jeden Morgen und jeden Nachmittag
eine Stunde lang in den Waschraum stellen müsse.
Boger drückte ihr währenddessen eine Pistole an die Schläfe.
Dies dauerte vier Tage.
Dann wurde ich mit 50 Häftlingen zur Erschießung geholt.
Die ganze Zeit glaubte ich, man wisse, dass der Brief für mich war.
Wir mussten uns ausziehen und im Korridor aufstellen.
Ich sah, wie der Schreiber auf der Liste
hinter meiner Nummer ein Kreuz machte.
Papiermäßig war ich bereits tot.
Die Häftlinge wurden in den Hof geführt und erschossen.
Nur zwei wurden aus irgendeinem Grund zurückgehalten, einer war ich.
Ich drückte mich im Flur herum,
als plötzlich der Bunkerjakob kam und mich in den Hof zog.
Ich glaubte, nun auch erschossen zu werden.
Aber Jakob zeigte mir nur den Haufen der toten Kameraden.
Obenauf lagen die zwei,
die den Brief ins Lager geschmuggelt hatten.
Etwas weiter abseits...
lag Lili...
mit zwei Herzschüssen.
Ich fragte Jakob, wer sie erschossen habe.
Er sagte, Boger.
Angeklagter Boger.
Wollen Sie noch etwas dazu sagen?
Nein, danke.
Frau Zeugin, woher stammte diese Lili Tofler?
Das ist mir nicht bekannt.
Wie war ihr Wesen?
Jedes Mal, wenn ich Lili traf und sie fragte:
"Wie geht es dir, Lili?",
sagte sie:
"Mir geht es immer gut."
(sphärische Klänge)
(unheimliche Klänge)
(monotones elektrisches Surren, dissonante Klavieranschläge)
(Das Surren und die Klavieranschläge verebben.)
(Zeuge) Der Angeklagte Stark war Vorgesetzter im Aufnahmekommando.
(mit polnischem Akzent) Ich war als Schreiber tätig.
Stark war damals 20 Jahre alt.
In seinen freien Stunden bereitete er die Reifeprüfung vor.
Um seine Kenntnisse zu überprüfen,
wandte er sich gern mit Fragen an die Häftlingsabiturienten.
Am Abend, als die polnische Frau mit den Kindern eintraf,
führte er einen Diskurs über den Humanismus bei Goethe.
Um was für einen Fall handelte es sich dabei?
(Zeuge) Wir erfuhren später das Folgende:
Der achtjährige Junge, den die Frau an der Hand führte,
hatte einem Lagerbeamten ein Kaninchen gestohlen,
um es der zweijährigen Tochter der Frau zum Spielen zu geben.
Deshalb sollten alle erschossen werden.
-Stark führte die Erschießung aus. -(Richter) Konnten Sie das sehen?
Die Erschießungen wurden damals im alten Krematorium durchgeführt.
Das Krematorium lag gleich hinter der Aufnahmebaracke.
Durch das Fenster sahen wir,
wie Stark mit der Frau und den Kindern in das Krematorium ging.
Er hatte seinen Karabiner umgehängt.
Wir hörten eine Reihe von Schüssen.
Dann kam Stark allein zurück.
Angeklagter Stark. Entspricht die Schilderung dem Sachverhalt?
Das streite ich energisch ab.
Was hatten Sie für einen Rang im Lager?
-Ich war Blockführer. -Wie kamen Sie ins Lager?
Ich wurde mit anderen Unterscharführern angefordert.
Wirkten Sie sofort als Blockführer?
Dafür waren wir vorgesehen und wurden so eingesetzt.
Waren Sie für diese Tätigkeit vorbereitet worden?
Wir hatten die Führerschule hinter uns.
Gab es da praktische Richtlinien für die Tätigkeit im Lager?
Nur eine kurze Einweisung.
Was geschah bei Ihrer Ankunft im Lager?
(Stark) Da war eine Empfangskommission.
-(Richter) Wer war dabei? -Kommandant, Adjutant,...
Schutzhaftlagerführer und Rapportführer.
Was erhielten Sie für Aufgaben?
Ich wurde einem Häftlingsblock zugeteilt.
Dort waren vorwiegend junge Leute, Schüler, Studenten.
Weshalb waren die Häftlinge dort?
Ich glaube, wegen ihrer Kontakte zum Widerstand.
Es war ein Kollektivvorwurf.
Sie waren von der Sicherheitspolizei verlegt worden.
Haben Sie Einweisungsschreiben für sie gesehen?
Nein. Damit hatte ich auch nichts zu tun.
Was hatten Sie denn zu tun?
Ich sorgte dafür, dass sie rechtzeitig zur Arbeit kamen
und die Zahlen stimmten.
-Gab es Fluchtversuche? -Unter meiner Aufsicht nicht.
Hatten die Häftlinge eine angemessene Verpflegung?
Jeder hatte seinen Liter Suppe.
Was geschah, wenn die Leute nicht arbeiten konnten oder wollten?
Das hat es nicht gegeben.
Hatten Sie nie Anlass, einzugreifen,
wenn die Häftlinge etwas Verbotenes taten?
Das kam nicht vor. Ich schrieb nie eine Meldung.
Haben Sie nie geschlagen? (Stark lacht auf.)
Das hatte ich nicht nötig.
Wann kamen Sie zum Aufnahmeblock der Politischen Abteilung?
Im Mai 1941.
Was war der Grund Ihrer Versetzung?
Ich lernte Untersturmführer Grabner, deren Chef, beim Reiten kennen.
Er fragte, was ich von Beruf sei.
Als ich sagte, ich sei Schüler und stände vor dem Abitur,
antwortete er, dass solche Leute gesucht seien.
Tage später stand meine Abstellung im Kommandanturbefehl.
Was hatten Sie in der Abteilung zu tun?
Ich hatte mich mit der Registratur vertraut zu machen.
Neue Häftlinge wurden mit Nummern versehen.
Danach waren Personalbogen und Karteikarten anzulegen.
Wie kamen die Häftlinge an?
Entweder per Fußmarsch, per Lastwagentransport oder per Zug.
Die Züge kamen regelmäßig Dienstag, Donnerstag, Freitag.
Wie ging die Aufnahme vor sich?
Ich hatte mich bereitzuhalten, wenn Transporte angekündigt waren.
Zuerst wurden die Häftlinge vor dem Lagertor aufgestellt,
dann kam der Transportleiter und händigte die Transportpapiere aus.
Die Häftlinge wurden gezählt und bekamen eine Nummer.
Die wurden noch nicht tätowiert.
Jeder bekam seine in dreifacher Ausführung auf Karton.
Eine für ihn, eine für die Effekten, eine für die Wertsachen.
Seine Pappnummer bewahrte er, bis er seine Stoffnummer bekam.
Was hatten Sie zu tun?
Nummern ausgeben und die Leute zur Effektenkammer führen.
Dort wurden sie umgezogen, gebadet, eingekleidet,
ihnen wurden die Haare geschnitten, dann wurden sie aufgenommen.
Wie ging das vor sich?
Die Personalbogen wurden ausgefüllt.
Die für die Aufnahme erstellten Fragebogen
gingen in die Aufnahmeräume.
Eine Zugangsliste wurde erstellt.
Daraus ging hervor, ob es ein politischer,
ein krimineller oder ein rassischer Häftling war.
Die Liste lief in verschiedene Abteilungen.
Was für Abteilungen waren das?
An den Schutzhaftlagerführer,
die Kommandantur, die Politische Abteilung, die Ärzte.
Sie wurde in 11- oder 12-facher Ausführung
mit der Tagespost verteilt.
Was hatten Sie weiter mit den Häftlingen zu tun?
Nach der Aufnahme waren die für mich erledigt.
(Ankläger) Angeklagter Stark.
Waren Sie bei allen Transporten zugegen?
Befehlsmäßig hatte ich da zu sein.
Was war Ihre Aufgabe bei der Ankunft der Transporte?
Ich war dort nur für den Schriftverkehr verantwortlich.
-Was bedeutet das? -Einige Häftlinge wurden verlegt.
Die hatte ich einzubuchen.
-Und die andern? -Die anderen wurden überstellt.
Worin bestand der Unterschied?
Die Verlegten kamen ins Lager.
Die Überstellten wurden nicht aufgenommen oder erfasst.
Das ist der Unterschied.
Was geschah den überstellten Häftlingen?
Sie kamen sofort zur Vernichtung ins kleine Krematorium.
War dies noch vor der Erbauung der großen Krematorien?
Die großen Krematorien des Außenlagers
wurden erst im Sommer 1942 betriebsfähig.
Bis dahin wurde das Krematorium des alten Lagers genutzt.
Wie spielte sich das Überstellen der Häftlinge ab?
Die Listen wurden verglichen und die Namen abgehakt.
Dann mussten wir mit den Unaufgenommenen
ins kleine Krematorium einrücken.
Was wurde den Leuten gesagt?
Die wurden informiert, dass sie entlaust werden.
-Waren sie nicht unruhig? -Nein.
Sie gingen ruhig hinein.
Wir kannten genau Starks Verhalten,
wenn er von einer Tötung kam.
Da musste alles sauber und ordentlich in der Stube sein.
Mit Handtüchern hatten wir die Fliegen zu verjagen.
Wehe, wenn er jetzt eine Fliege entdeckte.
Dann war er außer sich vor Zorn.
Noch ehe er seine Feldmütze abnahm, wusch er die Hände in einer Schüssel,
die der Kalfaktor auf den Hocker neben der Tür gestellt hatte.
Dann zeigte er auf das schmutzige Wasser,
und der Kalfaktor musste laufen und frisches holen.
Dann gab er uns seine Jacke zum Säubern
und wusch sich Gesicht und Hände.
Mein ganzes Leben lang sehe ich Stark.
Immer Stark.
Ich höre ihn rufen: "Rein, ihr Schweinehunde."
-Und wir mussten in die Kammer. -In welche Kammer?
In die Leichenkammer des alten Krematoriums.
Da lagen mehrere 100 Männer, Frauen und Kinder.
Wie Pakete.
Auch Kriegsgefangene waren darunter.
"Los, Leichen ausziehen", rief Stark.
Ich war 18 Jahre alt und hatte noch keine Toten gesehen.
Ich blieb stehen. Da schlug Stark auf mich ein.
-Hatten die Toten Wunden? -Ja.
Waren es Schusswunden?
Nein. Die Menschen waren vergast worden.
Sie lagen steif übereinander.
Manchmal zerrissen die Kleider. Da wurden wir wieder geschlagen.
(Richter) Zogen sie sich nicht aus?
Das war später in den neuen Krematorien.
Da gab es Auskleideräume.
War Stark dort auch dabei?
Immer wieder war Stark dabei.
Ich höre ihn rufen: "Klamotten einsammeln."
Einmal hatte sich ein kleiner Mann unter einem Kleiderhaufen versteckt.
Stark entdeckte ihn...
und rief: "Komm her",...
und stellte ihn an die Wand.
Er schoss ihm erst in das eine Bein
und dann in das andere.
Zum Schluss musste er sich auf eine Bank setzen.
Und Stark schoss ihn tot.
Einmal hörte ich eine Frau schreien:
"Herr Kommandant, ich habe doch nichts getan."
Da rief er: "Los, an die Wand, Sarah."
Die Frau flehte um ihr Leben.
Da begann er zu schießen.
Wann sahen Sie den Angeklagten Stark
zum ersten Mal bei Tötungen durch Gas?
Im Herbst 1941.
Waren dies die ersten Tötungen durch Gas?
Ja.
Wie sah das alte Krematorium aus?
Es war ein Betonbau mit einem viereckigen Schornstein.
Die Wände verdeckten schräge Erdanschüttungen.
Der Leichenraum war etwa 20 Meter lang und fünf Meter breit.
Er war durch eine kleine Vorkammer zu erreichen.
Von ihm führte eine Tür zum ersten Verbrennungsofen
und eine weitere Tür zur Halle mit den zwei anderen Öfen.
Angeklagter Stark.
Wie groß waren die Gruppen, die Sie zur Tötung abzuführen hatten?
Im Durchschnitt 150 bis 200 Stück.
-Waren auch Frauen und Kinder dabei? -Ja.
Fanden Sie es richtig, dass sie zu den Transporten gehörten?
Ja. Damals bestand eben die Sippenhaftung.
Sie stellten die Schuld der Frauen und Kinder nicht infrage?
Es hieß, dass sie beteiligt waren
an Brunnenvergiftung, Brückensprengung, anderen Sabotagen.
Sahen Sie auch Kriegsgefangene darunter?
Ja.
Sie hatten laut Befehl jeden Anspruch auf ehrenhafte Behandlung verloren.
(Ankläger) Angeklagter Stark.
Im Herbst 1941 wurden große Mengen
sowjetischer Kriegsgefangener in das Lager eingeliefert.
Den Protokollen nach waren Sie zuständig
für die Bearbeitung dieser Kontingente.
Ich hatte mit den Transporten nur Auftragsmäßiges zu tun.
Was bedeutet "Auftragsmäßiges"?
Ich hatte sie nur abzuführen und ihre Karteikarten
mit dem Erschießungsbefehl entgegenzunehmen.
Dann hatte ich ihre Erkennungsmarken abzubrechen
und die Nummern in der Kartei zu verwahren.
Welcher Grund war für die Erschießung der Kriegsgefangenen angegeben?
Es handelte sich um die Vernichtung einer Weltanschauung.
Mit ihrer fanatischen politischen Einstellung
gefährdeten sie die Sicherheit des Lagers.
-Wo fanden die Erschießungen statt? -Im Hof von Block 11.
Nahmen Sie daran teil?
In einem Falle ja.
Wie ging das vor sich?
Die Leute waren verlesen, und die Formalitäten waren erledigt.
Sie wurden nacheinander in den Hof geführt.
Es war schon am Ende, da sagte Grabner:
"Hier macht Stark weiter."
Die Blockführer hatten abwechselnd geschossen.
-Wie viele erschossen Sie? -Das weiß ich nicht.
-Waren es mehr als einer? -Ja.
Mehr als zwei?
Vier oder fünf werden es gewesen sein.
Sträubten Sie sich nicht, daran teilzunehmen?
Es war ein Befehl. Ich hatte als Soldat zu handeln.
Hatten Sie mit anderen Erschießungen zu tun?
Nein. Ich kam auf Urlaub für mein Schulstudium.
Wann traten Sie den an?
Im Dezember 1941.
Wann brachten Sie Ihr Schulstudium zum Abschluss?
Im Frühjahr 1942 erlegte ich meine Reifeprüfung.
Kehrten Sie ins Lager zurück?
Ja, auf kürzere Zeit.
Wir möchten zu bedenken geben, dass unser Mandant
20 Jahre alt war,
als er zur Lagerarbeit abkommandiert wurde.
Wie Zeugen bestätigten, hatte er rege geistige Interessen
wie er seinem ganzen Charakter nach
für die gestellten Aufgaben nicht passte.
Wir weisen darauf hin, dass er ein Jahr nach seinen Schulstudien
einen weiteren Urlaub erhielt, um Rechtswissenschaften zu studieren,
und im letzten Kriegsjahr an der Front verwundet wurde.
Gleich nach dem Krieg
entwickelte er sich in normalisierten Verhältnissen vorbildlich.
Er studierte zunächst Landwirtschaft, legte das Assessorexamen ab,
war Sachbearbeiter für Wirtschaftsberatung
und bis zu seiner Verhaftung
als Lehrer an einer Landwirtschaftsschule tätig.
(Ankläger) Angeklagter Stark.
Wirkten Sie mit bei den ersten Vergasungen,
die Anfang September 1941
probeweise an sowjetischen Kriegsgefangenen vorgenommen wurden?
Nein.
Angeklagter Stark.
Im Herbst und Winter 1941
begannen die Massenvernichtungen an sowjetischen Kriegsgefangenen.
Diesen Vernichtungen fielen 25.000 Menschen zum Opfer.
Sie hatten mit der Erfassung der Gefangenen zu tun.
Sie haben von der Tötung gewusst,
Sie haben sie gebilligt und die nötige Teilarbeit geleistet.
Wir protestieren dringlich gegen die Angriffe auf den Mandanten.
Pauschale Beschuldigungen sind ohne jede Bedeutung.
Zur Behandlung stehen nur klar bewiesene Fälle
von Täter- und Mittäterschaft bei Mordvorwürfen.
Jeder auch nur leiseste Zweifel
muss zugunsten des Angeklagten ausschlagen.
Angeklagter Stark.
Haben Sie nie bei Vergasungen mitgewirkt?
Einmal musste ich mittun.
Um wie viel Menschen handelte es sich?
Es können 150 gewesen sein.
-Immerhin vier Lastwagen. -Was für Häftlinge waren es?
-Es war ein gemischter Transport. -Was hatten Sie zu tun?
Ich stand draußen vor der Treppe,
nachdem ich die Leute ins Krematorium geführt hatte.
Die zuständigen Sanitäter hatten die Türen zugeschlossen
und trafen Vorbereitungen.
Was waren das für Vorbereitungen?
Sie stellten die Büchsen bereit und setzten Gasmasken auf.
Dann gingen sie die Böschung hinauf zum flachen Dach.
Im Allgemeinen brauchte es vier Leute.
Einer fehlte, und sie riefen jemanden.
Weil ich als Einziger rumstand, sagte Grabner:
"Los.
Hier, hilf."
Ich bin nicht gleich gegangen.
Da kam der Schutzhaftlagerführer und sagte:
"Wenn Sie nicht raufgehen,...
werden Sie mit reingeschickt."
Da musste ich hinauf und beim Einfüllen helfen.
-Wo wurde das Gas eingeworfen? -Durch Luken in der Decke.
Was haben die Menschen gemacht in dem Raum?
Das weiß ich nicht.
Haben Sie nicht gehört, was sich abspielte?
-Die haben geschrien. -Wie lange?
So zehn, 15 Minuten.
Wer hat den Raum geöffnet?
-Ein Sanitäter. -Was haben Sie da gesehen?
Ich habe nicht genau hingesehen.
Hielten Sie das, was sich Ihnen zeigte, für unrecht?
Nein, durchaus nicht.
Nur die Art.
Was für eine Art?
Wurde jemand erschossen, war das anders.
Die Anwendung von Gas ist unmännlich und feige.
Angeklagter Stark,
während Ihrer Studien zur Reifeprüfung,
kamen Ihnen da niemals Zweifel an Ihren Handlungen?
Herr Vorsitzender, ich möchte das einmal erklären.
Jedes dritte Wort in unserer Schulzeit
handelte doch von denen, die an allem schuld waren.
Die ausgemerzt werden mussten.
Es wurde uns eingehämmert, dass dies zum Besten des Volkes sei.
In den Führerschulen lernten wir, alles schweigend entgegenzunehmen.
Fragte doch einer etwas, wurde gesagt:
"Was getan wird, geschieht nach dem Gesetz."
Da hilft es nichts, dass heute die Gesetze anders sind.
Man hat uns gesagt: "Ihr habt zu lernen.
Ihr habt die Schulung nötiger als Brot."
Herr Vorsitzender.
Uns wurde das Denken abgenommen.
Das taten andere für uns.
(schaurige Klänge)
(Die schaurigen Klänge verebben.)
Die Erschießungen wurden vor der Schwarzen Wand ausgeführt.
Im Hof des Block 11.
(Richter) Wo lag Block 11?
Am äußeren rechten Ende des alten Lagers.
Herr Zeuge, können Sie uns den Hof beschreiben?
Der Hof lag zwischen Block 10 und Block 11
und nahm die volle Blockfläche von 40 Metern ein.
Vorn und hinten war der Hof
von einer Ziegelsteinmauer abgeschlossen.
Von wo war der Hof zu erreichen?
Durch eine Seitentür in Block 11
und durch ein Tor in der vorderen Mauer.
Bestand Einsicht in den Hof?
Nur durch die vorderen Fenster im Erdgeschoss von Block 11.
Wurde das Hoftor zum Abtransport geöffnet, war Lagersperre.
Die übrigen Fenster von Block 11
waren bis auf einen schmalen Spalt oben zugemauert,
die des Frauenblocks nebenan mit Brettern verschalt.
Wie hoch war die Mauer?
Etwa vier Meter hoch.
Wo lag die Schwarze Wand?
Dem Tor gegenüber an der rückwärtigen Mauer.
Wie sah die Schwarze Wand aus?
Sie war aus dicken Holzbohlen errichtet
und hatte seitlich jeweils einen schräg vorstoßenden Kugelfang.
Das Holz war mit geteertem Sackleinen bespannt.
Wie groß war die Schwarze Wand?
Etwa drei Meter hoch und vier Meter breit.
Von wo wurden die Verurteilten zur Schwarzen Wand geführt?
Sie kamen aus der Seitentür des Block 11.
Beschreiben Sie diesen Vorgang?
Der Bunkerjakob erschien mit zwei entkleideten Häftlingen.
Wer war dieser Bunkerjakob?
Der Bunkerjakob war der diensthabende Funktionshäftling in Block 11.
Es war ein großer, kräftiger Mann, ein ehemaliger Boxer.
Wie wurden die Häftlinge hinausgeführt?
Jakob ging zwischen ihnen und hielt sie an den Oberarmen fest.
Waren die Hände der Häftlinge gefesselt?
Bis zum Jahr 1942
waren sie mit Draht auf den Rücken gebunden.
Später ging man davon ab,
da die Erfahrung zeigte, dass sich fast alle ruhig verhielten.
Wie wurden die Erschießungen ausgeführt?
Die Häftlinge wurden mit dem Gesicht zur Wand gestellt,
ein bis zwei Meter voneinander entfernt.
Dann trat der Erschießende an den Ersten heran,
hob den Karabiner an dessen Genick
und schoss aus einer Entfernung von etwa zehn Zentimetern.
Der Danebenstehende sah es.
War der Erste gefallen, kam er an die Reihe.
Was für eine Waffe wurde für die Erschießung benutzt?
Ein Kleinkalibergewehr mit Schalldämpfer.
Wen haben Sie bei den Erschießungen an der Schwarzen Wand gesehen?
Den Lagerkommandanten, den Adjutanten,...
den Chef der Politischen Abteilung Grabner
sowie seine Mitarbeiter.
Unter anderen sah ich Broad,
Stark, Boger und Schlage.
Auch Kaduk war oft dort.
(Verteidiger) Sind Sie sich beim Adjutanten sicher?
Er war eine bekannte Persönlichkeit.
Man kannte den Kommandanten und auch den Adjutanten.
Was hatten Sie im Hof bei den Erschießungen zu tun?
Als Medizinstudent war ich dem Leichenträgerkommando zugeordnet.
Wer von den Angeklagten war bei Erschießungen tätig?
Eigenhändig erschießen sah ich
Boger,
Broad,
Stark,
Schlage und Kaduk.
(Richter) Angeklagter Boger.
Haben Sie an Erschießungen vor der Wand teilgenommen?
-Ich gab im Lager keinen Schuss ab. -(Richter) Angeklagter Broad.
Haben Sie an Erschießungen vor der Wand teilgenommen?
Solche Aufgaben hatte ich nie durchzuführen.
Angeklagter Schlage,
haben Sie als Aufseher im Block 11
an Erschießungen vor der Wand teilgenommen?
Dazu war ich nicht befugt.
(Richter) Angeklagter Kaduk,
haben Sie an Erschießungen dort teilgenommen?
In den Block 11 kam ich nie.
Was hier über meine Person gesagt wird, ist glatte Lüge.
(Richter) Herr Zeuge.
Wurden vor den Erschießungen Todesurteile verlesen?
Bei den meisten nicht.
Nach einem Todesurteil erschien ein besonderes Exekutionskommando.
Doch an ein solches kann ich mich nur in wenigen Fällen erinnern.
Im Allgemeinen wurden die Häftlinge
einfach aus den Zellen des Blocks 11 heraufgeholt.
In welchem Zustand befanden sich die Häftlinge?
Die meisten waren körperlich schwer geschädigt.
Nach Vernehmungen und dem Aufenthalt im Bunker.
Es gab solche, die auf der Bahre zur Wand getragen wurden.
(Richter) Wir rufen auf den damaligen weisungsgebenden Vorgesetzten
der hier befindlichen Angeklagten.
Sie waren Chef der zuständigen Zentrale der Sicherheitspolizei
und Vorsitzender des Standgerichts.
Was hatten Sie da mit den Hinrichtungen zu tun,
die die Politische Abteilung im Lager durchgeführt hat?
Meine Dienststelle hatte mit den Handhabungen
der Politischen Abteilung im Lager nicht das Geringste zu tun.
Mir standen ausschließlich Fälle von Partisanen zur Verhandlung.
Die wurden ins Lager überführt und in einem Sitzungsraum abgeurteilt.
-Wo befand sich dieser Sitzungsraum? -In irgendeiner Baracke.
Lag der Sitzungsraum nicht im Block 11?
Da bin ich überfordert.
Ich war Schreiber im Block 11.
Bei dieser Tätigkeit
erhielt ich Einblick in die Arbeit des Standgerichts.
Der Sitzungsraum war vorne links im Korridor des Block 11.
Wie sah dieser Raum aus?
Da waren vier Fenster zum Hof und da stand ein langer Tisch.
Herr Zeuge, erinnern Sie sich an diesen Raum?
Nein.
Sind Sie nie im inneren Gebiet des alten Lagers gewesen?
Da bin ich überfordert.
Sind Sie nie durch das Lagertor gegangen?
(Zeuge 1) Es ist möglich.
Ich erinnere mich, dass da eine Musikkapelle spielte.
Waren Sie nie im Hof von Block 11?
Vielleicht einmal.
Da soll eine Mauer gewesen sein. Ich erinnere mich nicht.
Eine schwarz gestrichene Mauer muss doch auffallen.
Da habe ich keine Erinnerung.
Sie waren also der Vorsitzende.
-War ein Verteidiger dabei? -Wenn einer gewünscht wurde.
-Wurde einer gewünscht? -Es kam selten vor.
-Und wenn? -Dann wurde einer bestellt.
-Wer war das? -Ein Beamter der Dienststelle.
Fanden verschärfte Vernehmungen statt?
(Zeuge 1) Dazu bestand keine Veranlassung.
Ich habe jedenfalls nichts von verschärften Vernehmungen gehört.
Die Tatbestände waren so klar, dass es keiner bedurfte.
Was waren die Tatbestände?
Es waren ausschließlich staatsfeindliche Handlungen.
Gestanden die Verhafteten?
(Zeuge 1) Da gab es nichts zu leugnen.
Wie kam es zu den Geständnissen?
Durch Vernehmungen.
Wer führte die Vernehmungen aus?
Die Politische Abteilung.
Zweifelten Sie als Richter nicht,
auf welche Art Geständnisse herbeigeführt wurden?
Ich kann nichts dafür, wenn der eine oder andere
seine Befugnisse überschritten hat.
Ich habe meinen Mitarbeitern ständig eingeschärft,
zu allen Verhandlungen korrekt aufzutreten.
Wurden bei den Vernehmungen Zeugen gehört?
In der Regel nicht. Wir fragten, ob alles stimme, und sie sagten Ja.
Sie hatten also nur Todesurteile auszusprechen?
Ja. Freisprüche gab es praktisch nicht.
Verfahren wurden nur eröffnet, wenn alles klar war.
(Richter) Haben Sie nie Anzeichen erkannt,
die auf unzulässige Behandlung schließen ließen?
Nein.
Sind Frauen und Kinder vor der Schwarzen Wand erschossen worden?
Davon ist mir nichts bekannt.
(Zeuge 2) Unter den Häftlingen
zur Aburteilung durch das Standgericht in Block 11
befanden sich zahlreiche Frauen und Minderjährige.
Die Anklage lautete auf Schmuggel
oder Kontakt mit Partisanengruppen.
Im Gegensatz zu den Lagerhäftlingen, die im Keller waren,
hielten sich die Polizeigefangenen im Erdgeschoss auf.
Sie wurden einzeln in das Sitzungszimmer geführt.
Der Richter verlas das Urteil,
er nannte nur den Namen...
und sagte dann: "Sie sind zum Tode verurteilt."
Die meisten verstanden die Sprache nicht
und wussten nicht, warum sie verhaftet waren.
Vom Gerichtszimmer wurden sie zum Auskleiden in den Waschraum geführt
und von dort in den Hof gebracht.
(Ankläger) Wie viele Urteile hatten Sie als Vorsitzender zu verlesen?
Daran kann ich mich nicht erinnern.
Wie oft wurden Sie zur Urteilssprechung einberufen?
Das weiß ich nicht mehr.
Wie lange dauerte eine Sitzung des Standgerichts?
Das kann ich nicht sagen.
Sie sind Leiter eines kaufmännischen Betriebes.
Sie müssten gewohnt sein,
mit Ziffern und Zeitrechnungen umzugehen.
Wie viele Menschen haben Sie verurteilt?
Das weiß ich nicht.
Bei einer Sitzung des Standgerichts wurden im Durchschnitt
100 bis 150 Todesurteile verlesen.
Sie dauerte 1,5 bis zwei Stunden und fand alle zwei Wochen statt.
Wie viele Menschen wurden insgesamt vor der Schwarzen Wand erschossen?
Aus Totenbüchern und unseren Aufzeichnungen geht hervor,
dass zusammen mit den Bunkerleerungen
annähernd 20.000 Menschen vor der Schwarzen Wand erschossen wurden.
Im Herbst 1943...
sah ich ganz früh morgens im Hof von Block 11
ein kleines Mädchen.
Es hatte ein rotes Kleid an und trug einen Zopf.
(Der Zeuge keucht.)
Es stand alleine und hielt die Hände an der Seite wie ein Soldat.
Einmal bückte es sich und wischte den Staub von den Schuhen.
Dann stand es wieder still.
Da sah ich Boger in den Hof kommen.
Er hielt das Gewehr hinter seinem Rücken versteckt.
Er nahm das Kind an der Hand.
Es ging ganz brav mit,...
ließ sich mit dem Kopf gegen die Schwarze Wand stellen.
Das Kind sah sich noch einmal um.
Boger drehte ihm den Kopf wieder gegen die Wand,
hob das Gewehr...
und erschoss das Kind.
Wie kann der Zeuge das gesehen haben?
Ich war dabei, den Waschraum zu säubern,
der direkt neben dem Hofausgang lag.
-Wie alt war das Kind? -Sechs Jahre oder sieben.
Die Leichenträger sagten später,
dass seine Eltern ein paar Tage zuvor auch dort erschossen wurden.
Herr Vorsitzender, ich habe kein Kind erschossen.
Ich habe überhaupt niemanden erschossen.
Ich habe Boger oft vor der Schwarzen Wand gesehen.
Ich höre noch, wie er einem Häftling zuschreit: "Kopf hoch",
und ihm dann ins Genick schießt.
Können Sie sich getäuscht haben und Boger verwechseln?
Wir kannten Boger und seinen watschelnden Gang.
Wir sahen ihn mit umgehängtem Gewehr auf dem Rad zum Block 11 fahren.
Manchmal zog er einen Häftling wie Hündchen
an einer Schnur hinter sich her.
Angeklagter Boger, wollen Sie Ihre Erklärung,
im Lager nie geschossen zu haben, nicht überdenken?
Ich bleibe bei meiner Aussage heute und in tausend Jahren.
Ich hätte keine Angst gehabt, zu schießen,
denn das wäre nur Erfüllung eines dienstlichen Befehls gewesen.
Jeden Mittwoch und Freitag waren Erschießungen.
Ich habe gesehen, wie Boger
am 14. Mai 1943
17 Häftlinge tötete.
Ich merkte mir das Datum,
denn mein Freund Berger war dabei.
Er war vorher auf der Schaukel geschlagen worden.
Berger schrie: "Ihr Mörder. Ihr Verbrecher."
Da hat Boger ihn weggeschossen.
Ein anderer lag vor ihm auf den Knien.
Dem schoss er ins Gesicht.
Immer wenn es hieß, der Boger ist im Haus,
dann wussten wir, was bevorstand.
Boger wurde bei uns "Der Schwarze Tod" genannt.
Ich habe noch viele andere Spitznamen gehabt.
Wir alle haben Spitznamen gehabt.
Das beweist noch nichts.
(Richter) Angeklagter Boger.
Es ist im Prozess wiederholt von Zeugen ausgesagt worden,
dass Sie im Lager Menschen getötet haben.
Sind Sie der Meinung, dass alle diese Aussagen erfunden sind?
Ich war des Öfteren bei Erschießungen zugegen.
Es ist anzunehmen, dass die Zeugen mich mit anderen verwechseln.
Der Boger wurde geschnappt, da ist es ja klar,
dass sich der ganze Hass auf mich auslädt.
Haben Sie in keinem einzigen Fall geschossen?
-Ich habe einmal... -Sie haben einmal geschossen?
Das war ein Einzelfall, wo ich behelfsmäßig
an einer Erschießung teilnahm.
Mhm. Wie ging das vor sich?
Bei einer Bunkerentleerung befahl Grabner einmal:
"Es schießt weiter der Oberscharführer Boger."
-Wie oft schossen Sie? -Zweimal.
In diesem einzigen Fall.
Später habe ich mich geweigert, teilzunehmen.
Ich habe gesagt: "Entweder bin ich hier
oder ich arbeite im Erkennungsdienst.
Beides zusammen kann ich nicht verkraften."
Was waren das für Menschen, die Sie zu erschießen hatten?
Sie gehörten zu einem Transport,
der erkennungsdienstlich nicht verarbeitet war.
Also dachte niemand, dass die Leute überleben könnten.
-Das glaube ich auch. -Angeklagter Boger.
Warum haben Sie gesagt, dass kein Mensch im Lager
durch Sie zu Tode gekommen ist?
Herr Präsident, wenn eine solche Fülle auf mich zukommt,
dann ist es unmöglich, sich von Anfang an festzulegen.
Sie bleiben dabei, nur in zwei Fällen geschossen zu haben,
und dabei, dass nie jemand nach verschärften Vernehmungen starb?
Ja. Das ist beim heiligen Eide wahr.
(Richter) Herr Zeuge.
Wann hatten Sie sich als Mitglied des Leichenträgerkommandos
im Hof des Block 11 einzufinden?
Wir wurden eine Stunde vor der Exekution angefordert.
-Wo waren Sie stationiert? -Im Ambulanzblock.
Wo warteten die Häftlinge, die zur Exekution bestimmt waren?
Sie warteten im Waschraum und im Gang davor.
Was für Vorbereitungen wurden getroffen?
Wenn die Häftlinge aus dem Keller kamen,
mussten sie ihre Kleider im Waschraum oder im Flur ablegen.
Sie bekamen ihre Nummern mit einem angefeuchteten Anilinstift
auf die Brust geschrieben.
Der Häftlingsschreiber überprüfte die Nummern
und strich die derer,
die auf den Hof geführt wurden, auf der Liste ab.
Wie lautete der Befehl, der die Verurteilten hinausrief?
Der Befehl hieß: "Ab."
Da lief der Bunkerjakob mit den ersten hinaus.
Sobald sie an der Wand standen, wurde uns der Befehl zugerufen: "Ab."
Und wir liefen mit unserer Bahre los.
Wer gab Ihnen den Befehl?
Entweder der Arzt oder einer der Offiziere.
Waren die Häftlinge schon erschossen, als Sie ankamen?
Meistens war der Erste gefallen.
Und der zweite fiel gleich danach.
Manchmal dauerte es länger,
dann stellten wir uns hinter den Männern, die exekutierten, auf.
Warum dauerte es manchmal länger?
Es kam, dass es Ladehemmungen gab.
Da warteten wir, während der Mann an seinem Gewehr bastelte.
Wie benahmen sich die Häftlinge, die getötet werden sollten?
Einige beteten.
Andere hörte ich nationale oder religiöse Lieder singen.
Nur einmal, als eine Frau zu schreien begann,
wurde befohlen: "Knallt erst mal die Verrückte ab."
Wie schafften Sie die Toten fort?
Sowie sie in den Sand vor der Wand gefallen waren,
packten wir Hände und Beine
und legten den ersten rücklings auf die Bahre
und den anderen umgekehrt darüber,
sodass sein Gesicht zwischen den Beinen des unteren lag.
Dann rannten wir nach vorn zur Abflussrinne
und kippten die Toten aus.
Wir legten die Toten in mehreren Schichten übereinander.
Und zwar so, dass die Köpfe über der Rinne lagen.
Zum Abfluss des Bluts.
Waren die Häftlinge, die erschossen wurden, gleich tot?
Es kam vor, dass der Schuss nur ins Ohr oder ins Kinn ging,
und sie lebten noch, wenn sie weggetragen wurden.
Wir setzten die Bahre ab,
und der Verwundete bekam noch einen Schuss in den Kopf.
Der Arrestaufseher Schlage sah sich
die Abgeladenen immer noch einmal an und...
Wenn einer sich noch regte,
ließ er ihn aus dem Haufen ziehen und gab ihm den Fangschuss.
Einmal sagte Schlage zu einem, der noch lebte:
"Steh auf."
Ich sah, wie der Angeschossene aufstehen wollte.
Da sagte Schlage: "Bleib liegen."
Und er schoss ihm ins Herz und in beide Schläfen.
Aber der Mann lebte immer noch.
Schlage sagte: "Der hat ein Leben wie eine Katze."
Angeklagter Schlage.
Was haben Sie dazu zu sagen?
Das ist mir ein Rätsel. Dazu kann ich überhaupt nichts sagen.
Schlage sah ich einmal mit einer eingelieferten Familie im Waschraum.
Der Mann ging in die Hocke, Schlage schoss ihm in den Kopf.
Dann kam das Kind an die Reihe und dann die Frau.
Auf das Kind schoss er mehrmals. Es schrie und war nicht sofort tot.
Warum schoss er im Waschraum,
wenn sich die Hinrichtungswand nebenan befand?
Kleinere Erschießungen wurden der Einfachheit halber
oft im Waschraum durchgeführt.
Dann wurde die Duschleitung angedreht
und das Blut vom Boden geschwemmt.
Wie sah der Waschraum aus?
Es war ein kleiner Raum mit einem Fenster, vor dem eine Decke hing.
Die untere Hälfte des Raums war schwarz geteert,
die obere weiß gestrichen.
An den Ecken waren dicke weiße Rohre.
Mitten durch den Raum etwa in zwei Meter Höhe
lief eine perforierte Duschleitung.
Angeklagter Schlage.
Bleiben Sie dabei, dass Sie keinen Menschen erschossen haben?
Ich bestreite bestimmt, was mir vorgeworfen wird.
Ich habe in keinem Falle an Tötungen teilgenommen.
In den Waschraum kamen auch die Toten,
aus denen Fleisch geschnitten wurde.
Was meinen Sie damit?
Im Sommer 1944 sah ich die ersten dieser verstümmelten Toten.
Da war ein Mann abgeladen worden.
Der war mir schon aufgefallen,
wie er sich zur Exekution auskleidete.
Es war ein Riese.
Ich sah ihn im Waschraum liegen.
Da waren Männer mit weißen Mänteln und mit Chirurgenbestecken.
(beklemmende Klänge)
Es war ihm Fleisch aus dem Bauch geschnitten worden.
Zuerst glaubten wir, er habe etwas verschluckt...
und sie holten es wieder heraus.
Aber dann geschah es öfter,
dass den Leichen Fleisch entnommen wurde.
Später geschah dies vorwiegend an stärkeren Frauen.
Einmal hatten wir 70 Frauenleichen abzuholen.
Die Brüste waren ihnen entfernt worden,
und an Unterleib und Schenkeln hatten sie tiefe Schnitte.
Sanitäter verluden Gefäße mit Menschenfleisch
auf ein Motorrad mit Beiwagen.
Wir hatten die Leichen auf der Fuhre mit Brettern zu verdecken.
Im Versuchsblock 10 sah ich durch die Fensterverschalung
die Leichen unten im Hof.
Wir hatten ein Summen gehört.
Das waren die Fliegenschwärme.
Der Boden des Hofs war voll Blut.
Und dann sah ich,
wie der Henker rauchend und lachend über den Hof ging.
Die Beleidigungen können wir nicht durchgehen lassen.
Wir wünschen, sie protokolliert zu haben.
(Die beklemmenden Klänge schwellen an.)
(Die beklemmenden Klänge verebben.)
(mit russischem Akzent) Den Sanitätsdienstgrad Klehr
beschuldige ich der tausendfachen Tötung
durch Phenolinjektionen ins Herz.
Das ist Verleumdung.
Nur selten hatte ich Abspritzungen zu überwachen
und dies auch nur mit größtem Widerwillen.
Jeden Tag
wurden auf der Krankenstation mindestens 30 Häftlinge getötet.
Manchmal waren es bis zu 200.
Wo wurden die Injektionen gegeben?
Im Infektionsblock nebenan, das war Block 20.
Wo lag Block 20?
Rechts in der mittleren Blockreihe neben dem abschließenden Block 21,
dem Häftlingskrankenbau.
Als Häftlingspfleger
hatte ich die ausgesonderten Kranken
über den Hof in den Infektionsblock zu leiten.
War der Hof abgeschlossen?
Nur durch zwei niedrige Eisengitter.
Wie wurden die Häftlinge hinübergeführt?
Soweit sie gehen konnten,
gingen sie im Hemd oder halbnackt über den Hof.
Die Decke und ihre Holzsandalen hielten sie über dem Kopf.
Viele Kranke mussten gestützt oder getragen werden.
Sie traten durch die seitliche Tür in Block 20 ein.
In welchem Raum wurden die Injektionen gegeben?
In Zimmer 1.
Das war das Arztzimmer.
Es lag am Ende des Mittelgangs.
Wo warteten die Häftlinge?
Sie hatten sich im Korridor aufzustellen.
Die Schwerkranken lagen auf dem Boden.
Zu zweit rückten sie ins Arztzimmer vor.
Der Arzt Dr. Entress übergab Klehr ein Drittel der Patienten.
Dies war Klehr nicht genug.
War der Arzt gegangen,
nahm Klehr noch nachträgliche Aussonderungen vor.
Haben Sie das selbst gesehen?
Ja, das habe ich selbst gesehen.
Klehr liebte die abgerundeten Zahlen.
Wenn ihm eine Schlusszahl nicht gefiel,
suchte er die fehlenden Opfer in den Krankenräumen zusammen.
Er sah die Fieberkurven an,
die auf seine Anweisung genau geführt wurden,
und nahm seine Auswahl vor.
Welche runden Zahlen liebte Klehr?
Von 23 etwa auf 30,
von 36 auf 40, und so weiter.
Er befahl den ausgesuchten Kranken, ihm zu folgen.
Wie lautete dieser Befehl?
"Du kommst mit, du kommst mit,
du kommst mit, und du."
Herr Vorsitzender.
Diese Behauptung ist unwahr. Selektieren durfte ich nicht.
(Richter) Was hatten Sie zu tun?
Ich sorgte dafür, dass die richtigen Häftlinge rüberkamen.
Und was taten Sie beim Ausgeben der Injektionen?
Das möchte ich auch wissen. Ich stand nur rum.
Die Behandlungen machten Funktionshäftlinge.
Ich ließ mich von den verseuchten Kranken doch nicht anhauchen.
Was waren Ihre Aufgaben als Sanitätsdienstgrad im Krankenblock?
Ich sorgte, A, für Ordnung und Sauberkeit,
B, für die Registrierung, C, für die Verpflegung der Patienten.
Wie war die Verpflegung?
Die Frischoperierten bekamen Milchsuppe.
Wie viele Häftlinge lagen im Krankenbau?
Laufend waren dort etwa 500 bis 600 Kranke.
Wie waren die Kranken untergebracht?
Sie lagen auf dreistöckigen Pritschen.
Wie wurden sie registriert?
Jede Krankmeldung wurde karteimäßig erfasst,
und Aussonderungen der Arztvorsteller wurden verbucht.
Was waren Arztvorsteller?
Häftlinge, deren Gesundheitszustand kritisch war.
Wie wurden Aussonderungen vorgenommen?
Der Lagerarzt sah sich den Häftling an
und die Karteikarte mit der Diagnose.
Gab er die Karte nicht dem Häftlingsarzt,
sondern dem Häftlingsschreiber, hieß dies,
dass der Häftling zur Injektion bestimmt war.
Was geschah darauf?
Die Karten wurden aufgehäuft und verarbeitet.
Was bedeutet "verarbeitet"?
Der Häftlingsschreiber hatte eine Liste anzufertigen.
Die Liste wurde den Sanitätsdienstgraden übergeben.
Und nach dieser hatten wir die Kranken abzuführen.
Weihnachten 1942 kam Klehr zu uns in den Krankenraum und sagte:
"Ich bin heute der Lagerarzt.
Ich nehme die Arztvorsteller entgegen."
Mit der Spitze seiner Pfeife deutete er auf 40 von ihnen
und bestimmte sie für die Injektion.
Nach Weihnachten
wurde für den Sanitätsdienstgrad Klehr
eine Zusatzration angeordnet.
Ich sah dieses Schreiben.
Da stand: "Für die am 24. Dezember 1942
ausgeführte Sonderbehandlung
werden angefordert
ein Fünftelliter Schnaps, fünf Zigaretten und 100 Gramm Wurst."
Das ist lächerlich. Weihnachten fuhr ich auf Heimaturlaub.
-Das bezeugt meine Frau. -(Richter) Angeklagter.
Halten Sie daran fest,
dass Sie keine Aussonderung und Tötung durch Phenol vornahmen?
Ich hatte nur gegebene Anweisungen zu überwachen.
Fanden Sie diese Anordnungen in jedem Fall richtig?
Anfangs fand ich es erstaunlich,
dass Kranke von Funktionshäftlingen abgespritzt wurden.
Aber ich verstand, sie waren unheilbar
und gefährdeten das ganze Lager.
Wie wurden die Injektionen gegeben?
Der Funktionshäftling Peter Werl vom Ambulanzblock
und einer, der Felix hieß, verabreichten die Injektionen.
In der ersten Zeit gab man sie in die Armvene.
Die Venen waren aber aufgrund der Auszehrung schwer zu treffen.
Deshalb wurde das Phenol später direkt ins Herz injiziert.
Die Spritze war nicht ganz geleert, da war der Mann schon tot.
Haben Sie sich nie geweigert, dabei zu sein?
Ich wäre an die Wand gekommen.
Haben Sie nie dem Arzt Ihre Bedenken ausgedrückt?
Ja, aber man sagte, dass ich meine Pflicht zu erfüllen habe.
Ließen Sie sich zu keinem anderen Dienst versetzen?
Herr Präsident, wir waren doch alle in der Zwangsjacke.
Wir waren genau solche Nummern wie die Häftlinge.
Der Mensch begann erst beim Akademiker.
Wir hätten es wagen sollen, etwas infrage zu stellen.
Wurden Sie nie gezwungen, selbst eine Spritze zu geben?
Einmal, als ich mich beschwerte, sagte der Arzt:
"In Zukunft machen Sie das."
Da nahmen Sie selbst Aussonderungen und Tötungen vor.
In einigen Fällen ja, gezwungenermaßen.
Wie oft mussten Sie Spritzen geben?
Gewöhnlich zweimal in der Woche an etwa 12 bis 15 Mann.
Ich war nur zwei bis drei Monate dabei.
(Der Richter lacht auf.)
Das wären mindestens 200 Getötete.
Ja, 250...
bis 300 können es gewesen sein, ich weiß nicht mehr genau.
Es war Befehl. Wir konnten nichts dagegen tun.
(Zeuge) Sanitätsdienstgrad Klehr
war an der Tötung von mindestens 16.000 Häftlingen beteiligt.
Da biegen sich ja die dicksten Eichenbalken.
16.000 soll ich abgespritzt haben, wo das ganze Lager nur 16.000 zählte.
Da wäre ja nur der Musikzug übrig geblieben.
(Gelächter) (Richter) Angeklagter Klehr.
Wie haben Sie die Häftlinge getötet?
So wie es vorgeschrieben war.
Die Phenolspritze in den Herzmuskel.
-Aber ich tat es nicht allein. -Wer war dabei?
Daran kann ich mich nicht erinnern.
(Zeuge mit slawischem Akzent) An den Tötungen
beteiligten sich Scherpe und Hantl.
Sie verhielten sich jedoch anders als Klehr.
Sie waren höflich zu uns und sagten Guten Morgen,
wenn sie auf den Block kamen.
Wenn sie gingen, sagten sie Auf Wiedersehen.
Klehr sahen wir oft wüten.
Scherpe dagegen war ruhig und zuvorkommend.
Er hatte eine nette Art, Menschen zu behandeln.
Ich habe Scherpe nie schlagen und um sich treten gesehen.
Die zu ihm kamen, hatten oft Vertrauen zu ihm und glaubten,
sie würden nur für ihre Krankheit behandelt.
Herr Zeuge, Sie gehörten zu den Häftlingsärzten im Krankenblock.
Was können Sie uns über den Beginn der Phenolinjektionen sagen?
Es war Lagerarzt Dr. Entress, der mit den Injektionen begann.
Zuerst tat er es mit Benzin.
Das stellte sich als unpraktisch heraus, da es vorkam,
dass der Tod erst nach einer Dreiviertelstunde eintrat.
Man suchte nach einem schnelleren Mittel.
Das zweite war Wasserstoff. Dann kam Phenol.
Wen sahen Sie bei der Ausgabe dieser Injektionen?
Zuerst Dr. Entress selbst,
dann Scherpe und Hantl.
Hantl tat es selten. Wir hielten ihn für einen anständigen Menschen.
-(Richter) Haben Sie Klehr gesehen? -(Zeuge) Selbst nicht.
Die beiden Häftlinge Schwarz und Gebhard,
die während der Injektionen die Opfer festhalten mussten,
erzählten mir davon.
Aber das hat uns nicht aufgehalten.
Es war solch ein alltägliches Ereignis.
Herr Zeuge.
Sie nennen andere Namen
im Zusammenhang mit diesen Funktionshäftlingen.
Hießen die Häftlinge nicht Werl und Felix?
Es waren mehrere Funktionshäftlinge, die diesen Dienst auszuführen hatten.
Führten diese Funktionshäftlinge nicht auch die Tötungen aus?
Anfangs mussten sie es tun.
Die Häftlinge wurden also von ihren Eigenen umgebracht?
Wir protestieren gegen diese Taktik,
die Häftlingen vorwirft,
was sie unter Todesdrohung auszuführen hatten.
(Verteidiger) Diese galt auch für die Mannschaften.
Es ist nicht erwiesen, dass dem,
der sich weigerte, etwas geschehen wäre.
(Verteidiger) Strafrechtlich verantwortlich
ist ein Untergebener nur, wenn ihm bekannt war,
dass der Befehl eine Handlung zum Zweck
eines bürgerlichen oder militärischen Verbrechens betrifft.
Unsere Mandanten handelten im besten Glauben
und nach der unbedingten Gehorsamspflicht.
Mit ihrem Treueeid bis in den Tod haben sie sich alle
der Zielsetzung der damaligen Staatsführung gebeugt,
so wie es die Verwaltung, die Justiz...
und die Wehrmacht getan hat.
(Ankläger) Ein jeder,
der den verbrecherischen Zweck erkannte,
hatte die Möglichkeit, sich versetzen zu lassen.
Wir wissen, warum sie sich nicht versetzen ließen.
An der Front wäre ihr Leben in Gefahr gewesen.
So blieben sie dort, wo sie wehrlose Gegner hatten.
(Ein Angeklagter lacht.) (Angeklagter 2) Unerhört.
(Richter) Wir rufen auf
einen der ehemaligen befehlsführenden Lagerärzte.
Herr Zeuge, hatten Sie dienstlich
mit den Angeklagten Klehr, Scherpe und Hantl zu tun?
Ich kam mit diesen Herren nicht in Berührung.
Waren Sie nicht ihr Vorgesetzter?
Ihr Vorgesetzter war ausschließlich der Standortarzt.
Ich führte Schreibarbeiten aus.
Herr Zeuge, was für einen ärztlichen Rang
hatten Sie bei Ihrer Einberufung ins Lager?
Ich war Universitätsprofessor.
Mit Ihrer hohen Fachausbildung
hatten Sie nur Schreibstubendienst zu leisten?
Zeitweise war ich auch in der Pathologie tätig.
Suchten Sie keine Häftlinge für den Angeklagten Klehr aus?
Ich habe mich geweigert.
Waren Sie nie bei Aussonderungen dabei?
Nur als Begleiter des zuständigen Arztes.
(Ankläger) Herr Zeuge, war Ihnen bekannt,
dass denen, die an den Aktionen beteiligt waren,
Sonderrationen zugesprochen wurden?
Ich finde es menschlich verständlich,
dass den Leuten für ihre schwere Arbeit
Schnaps und Zigaretten zugesprochen wurden.
Es war ja Krieg, und Schnaps und Zigaretten waren knapp.
Da waren sie hinterher.
Hatte man die Bons, ging man mit Flasche hin.
-Sie auch? -Ja, da ging jeder hin.
Wie verhielten Sie sich zu den Aussonderungen?
(Verteidiger) Wir protestieren.
Der Zeuge hat die Strafe abgebüßt.
Noch ein Prozess kann ihm nicht gemacht werden.
Ich betrachte mich heute noch als unschuldig.
Es wurden nur Kranke ausgesucht, die sowieso nicht mehr leben konnten.
Sahen Sie mit Ihrer Ausbildung keine Möglichkeiten?
Nicht beim damaligen Stand der Dinge.
Tausende unserer eigenen Soldaten verbluteten an der Front,
und in zerbombten Städten litt man.
Es handelte sich hier um Menschen,
die ohne Verschulden gefangen gehalten und ermordet wurden.
Das muss Ihnen klar gewesen sein.
Ich konnte da gar nichts tun.
Schon bei meiner Ankunft sagte der Truppenarzt:
"Wir befinden uns hier am Arsch der Welt.
Und wir haben danach zu handeln."
(Der Ankläger seufzt.)
Herr Zeuge, waren Sie bei Injektionen zugegen?
Ja, da musste ich mal hingehen.
Was sahen Sie da?
Klehr zog einen Arztmantel an und sagte zu einem Mädchen:
"Du bist herzkrank, du musst eine Spritze haben."
Dann kam der Stoß, und da bin ich weggelaufen.
-War Klehr allein? -Ja.
-Wurde die Frau nicht festgehalten? -Nein.
Das Gericht ist im Besitz Ihres Tagebuchs aus der Zeit im Lager.
Hier ist zunächst zu lesen:
"Heute gab es zum Mittag Hasenbraten,
eine ganz dicke Keule, mit Mehlklößen und Rotkohl."
Dann steht da: "Sechs Frauen von Klehr abgeimpft."
Das muss ich wohl gehört haben.
Wir lesen weiter:
"Bei wunderschönem Wetter eine Radtour gemacht."
Dann: "Bei elf Exekutionen zugegen.
Drei Frauen, die ums Leben flehten.
Lebendfrisches Material von Leber,
Milz und Pankreas nach Pilocarpininjektion entnommen."
Was bedeutet das?
Ich hatte auf Befehl Obduktionen vorzunehmen.
Und diese Arbeit stand einzig im Dienst an der Wissenschaft.
Mit Tötungen hatte ich nichts zu tun.
Hatten Sie die Menschen, denen Sie Fleisch entnahmen,
vor der Tötung zur Obduktion bestimmt.
Wir protestieren und erinnern nochmals,
dass der Zeuge seine Strafe bereits beglichen hat.
Herr Zeuge.
Warum benutzten Sie Menschenfleisch für Untersuchungen?
Weil die Wachmannschaften das Rind- und Pferdefleisch,
das wir für bakteriologische Versuche geliefert bekamen, aufaßen.
(Richter) Wo wurde das Phenol zur Abimpfung aufbewahrt?
(Zeuge) Es wurde in der Apotheke aufbewahrt.
Wo befand sich die Apotheke?
In den Dienstgebäuden außerhalb des Lagers.
Wem unterstand die Apotheke?
Dem Dr. Capesius.
Wer holte das Phenol ab?
Die Anforderung, die von Klehr geschrieben war,
wurde Dr. Capesius in der Apotheke
von einem Läufer der Krankenabteilung übergeben.
Dieser empfing darauf das Phenol.
(Richter) Angeklagter Capesius. Was können Sie dazu sagen?
Von solchen Bestellungen weiß ich nichts.
War Ihnen bekannt, dass Menschen durch Phenol getötet wurden?
Davon habe ich jetzt erfahren.
Verwahrten Sie Phenol in der Apotheke?
Ich habe keine größeren Mengen gesehen.
Das Phenol wurde in einem gelben Schrank
in einer Ecke des Arztzimmers aufbewahrt.
Später gab es größere Korbflaschen im Keller.
Herr Zeuge, woher wissen Sie das?
Ich hatte Dienst in der Apotheke.
Da sah ich die vorgedruckten Formulare für die Neuanforderungen.
Sie waren unterzeichnet und ausgefüllt
von Dr. Capesius.
Es war gereinigtes Phenol dabei.
Jedoch weiß ich heute nicht,
ob die Worte "pro injectione" dabei standen.
Welche Mengen wurden angefordert?
Zuerst kleine Mengen, später zwei bis fünf Kilogramm pro Monat.
Wozu wird Phenol im Allgemeinen als Arzneimittel verwendet?
Mit Glyzerin benutzt man es als Ohrentropfen.
Das war auch dessen Bestimmung unter meiner Aufsicht.
Mhm, zwei bis fünf Kilogramm im Monat,
das Kilogramm zu 1000 Gramm.
Und auf ein Gramm gehen mehrere Tropfen.
Da hätte man ja eine ganze Armee an den Ohren heilen können.
Wollen Sie immer noch behaupten,
dass Sie kein Phenol für Injektionen in der Apotheke gesehen haben?
Ich habe dort weder größere Mengen gesehen,
noch habe ich gewusst, dass Menschen damit getötet wurden.
Wem wurde das abgeholte Phenol übergeben?
(Zeuge) Dem diensthabenden Arzt,
der es den Sanitätern im Arztzimmer gab.
(Richter) Wie sah das Arztzimmer aus?
Es war ein weiß gestrichener Raum. Die Fenster zum Hof waren überkalkt.
Wie war die Einrichtung des Zimmers?
Da waren ein paar Spinde und Schränke,
und der Vorhang, mit dem es abgeteilt war.
Was war das für ein Vorhang?
Er war etwa zwei Meter hoch,
reichte nicht ganz bis zur Decke.
Der Stoff war von graugrüner Farbe.
Davor saß der Schreiber, der die hereingeführten Kranken abhakte.
Was war hinter dem Vorhang?
Da standen ein kleiner Tisch und ein paar Hocker.
An der Wand waren Haken,
daran hingen Gummischürzen und rosa Gummihandschuhe.
Woher haben Sie Ihre Kenntnisse?
Ich gehörte zu den Leichenträgern.
Wir befanden uns im Waschraum nebenan.
Die Tür stand offen, und wir konnten alles sehen.
(Richter) Was geschah mit denen,
die zur Phenolinjektion bestimmt waren?
Sie wurden zu zweit vom Korridor aus ins Arztzimmer geführt.
Einer der zwei Funktionshäftlinge hinter dem Vorhang
holte einen der Häftlinge zur Injektion.
Der andere musste vor dem Vorhang warten.
Der zweite Funktionshäftling hatte inzwischen
die Injektionsspritze gefüllt.
Wussten die Kranken, was sie erwartete?
Die meisten nicht.
Es wurde gesagt, dass sie eine Schutzimpfung erhielten.
Ließen die Kranken alles mit sich geschehen?
Die meisten fügten sich.
Viele waren äußerst entkräftet.
Wen sahen Sie bei der Ausgabe der Injektionen?
Klehr übernahm die Spritze.
Er hatte eine Gummischürze umgebunden,
trug Gummihandschuhe und hohe Gummistiefel.
Die Ärmel seines weißen Kittels waren aufgekrempelt.
Was geschah mit dem Häftling?
Hatte er noch ein Hemd an, musste er es ausziehen
und sich entblößt auf den Schemel setzen.
Er musste den linken Arm seitlich anheben,
die Hand vor den Mund legen.
Auf diese Weise wurde der Schrei erstickt und das Herz lag frei.
Die Funktionshäftlinge hielten ihn fest.
Wie hießen diese?
Sie hießen Schwarz und Weiß.
Schwarz hielt den Häftling an den Schultern,
und Weiß drückte ihm die Hand auf den Mund.
Klehr stach ihm die Spitze ins Herz.
Trat der Tod augenblicklich ein?
Die meisten gaben einen schwachen Ton von sich,
als würden sie ausatmen, dann waren sie tot.
Was geschah mit den Injizierten, die noch lebten.
Ich erinnere mich an einen großen, stark gebauten Mann.
Er richtete sich im Waschraum auf mit der Spritze im Herzen.
Da kam Klehr herein und gab ihm die zweite Spritze.
Andere waren nur bewusstlos,
weil die Spritze nicht ins Herz traf
und das Phenol in die Lunge gegangen war.
Klehr kam zum Abschluss immer in den Waschraum
und schaute sich die dort Aufgeschichteten an.
Lebte einer noch, gab er ihm den Genickschuss.
Bei anderen sagte er: "Der wird schon bis zum Krematorium aushauchen."
Kam es vor, dass noch Lebende mit den Toten fortgeschafft wurden?
Ja, das kam vor.
-Und die wurden lebendig verbrannt? -Ja.
Oder davor mit der Schaufel erschlagen.
Geschah es nie, dass Häftlinge sich wehrten?
Einmal war ein Geschrei, da sah ich folgendes Bild:
Auf einem halbnackten, mit Blut beschmierten Mann
saßen die Funktionshäftlinge.
Klehr stand daneben mit der Spritze in der Hand.
Klehr kniete sich auf den Mann,
der gewaltsam mit den Beinen um sich stieß,
und stach ihm die Spritze hinein.
Angeklagter Klehr.
Was haben Sie zu diesen Beschuldigungen zu sagen?
-Davon weiß ich nichts. -Ist Ihnen der Zeuge bekannt?
Wichtig ist, dass ich diesen Zeugen gar nicht kenne.
Und ich kenne sonst jeden, der im Leichenkommando beschäftigt war.
Befanden sich zwischen den Getöteten auch Kinder?
(mit österreichischem Akzent) Im Frühjahr 1943,
da wurden einmal über 100 Kinder getötet.
Wer führte die Tötung aus?
Die Tötung wurde
von den Sanitätsdienstgraden Hantl und Scherpe durchgeführt.
Herr Zeuge, können Sie die genaue Zahl der getöteten Kinder angeben?
Es waren 119 Kinder.
Kennen Sie das genaue Datum?
Es war am 23. Februar.
(Verteidiger) Woher wissen Sie das?
Ich war Schreiber bei dieser Aktion
und hatte die Kinder auf der Liste abzustreichen.
Es waren Jungen im Alter von 13 bis 17 Jahren.
Ihre Eltern waren vorher erschossen worden.
(Richter) Woher kamen die Kinder?
Sie stammten aus dem Gebiet von Zamość,
das geräumt wurde, um Platz zu machen für Siedler aus dem Reich.
Angeklagter Scherpe.
Haben Sie sich an dieser Tötung beteiligt?
Herr Direktor, ich möchte ausdrücklich betonen,
dass ich nie einen Menschen getötet habe.
(Richter) Angeklagter Hantl.
Was haben Sie zu sagen?
Dass bei uns Kinder angekommen sind, ist mir völlig fremd.
Bitte, habe ich etwas an Kindern getrieben?
Sie können hier keine Fragen an Mitangeklagte stellen.
Wir wollen von Ihnen wissen,....
ob Sie an der Tötung durch Injektionen teilgenommen haben.
Dazu kann ich nur sagen, dass das erlogen ist.
Waren Sie bei Injektionen zugegen?
Ich habe mich zuerst geweigert.
Ich habe gesagt: "Ist es absolut erforderlich,
dass ich mir diese Mistgeschichte mit ansehen muss?"
Dann war ich auch nur ungefähr acht- bis zehnmal dabei.
Wie viele wurden jedes Mal getötet?
Mehr als fünf bis acht Mann waren es nicht. Dann war Schluss.
Hantl hat dabei geholfen, die Kranken auszusuchen und zu töten.
Es wurden täglich Injektionen gegeben, nur sonntags nicht.
(Hantl) Da muss ich ja lachen. Das ist ja ein Unsinn.
Ich kann mir nicht erklären, warum gerade dieser Zeuge mich anzeigt,
wo ich ihm geholfen habe, als er Sabotage betrieb.
-Was für eine Sabotage? -Er hatte Bettwäsche gestohlen.
Ich habe alles für die Häftlinge getan, was ich konnte.
Ich habe Heizgeräte für sie organisiert und Radieschen.
Und an den Tötungen haben Sie sich nicht beteiligt?
Nein und wieder nein.
Setzen Sie Ihren Bericht über die Kinder fort.
(Der Zeuge räuspert sich.)
Die Kinder waren in den Hof des Krankenhauses gebracht worden.
Den Vormittag über spielten sie dort.
Sie hatten sogar einen Ball bekommen.
Die Häftlinge ringsum wussten, was mit ihnen geschehen sollte.
Sie gaben ihnen vom Besten, was sie hatten.
Die Kinder waren hungrig und geängstigt.
Sie sagten, dass sie geschlagen worden seien.
Immer wieder fragten sie uns: "Wird man uns töten?"
Am Nachmittag kamen Scherpe und Hantl.
Während der Stunden, in denen sie die Aktion durchführten,
lag Totenstille über Block 20.
Ahnten die Kinder, was ihnen bevorstand?
Die ersten haben geschrien.
Dann erzählte man ihnen, sie würden geimpft.
Da gingen sie still hinein.
Nur die letzten riefen wieder, weil ihre Gefährten nicht zurückkamen.
(Der Zeuge seufzt.)
Sie wurden zu zweit zu mir hereingeführt,
und dann kamen sie einzeln hinter den Vorhang.
Ich...
Ich hörte nur die Schläge, wenn ihre Köpfe und Körper
im Waschraum auf den Boden prallten.
Plötzlich lief Scherpe heraus.
Ich hörte, wie er sagte: "Ich kann schon nicht mehr."
Er lief irgendwohin, und Hantl übernahm den Rest.
Im Lager wurde erzählt, Scherpe sei zusammengebrochen.
Angeklagter Scherpe.
Was haben Sie dazu zu sagen? (Scherpe lacht auf.)
Der Bericht des Zeugen scheint mir sehr übertrieben.
Ich jedenfalls kann mich an diese Vorkommnisse nicht erinnern.
Herr Zeuge.
Wie viele fielen Ihrer Schätzung nach den Phenolinjektionen zum Opfer?
Anhand der Lagerbücher und unserer persönlichen Berechnungen
müssen es etwa 30.000 Menschen gewesen sein.
Ich wurde verurteilt zu 30-mal Stehzelle.
Das bedeutete tagsüber Strafarbeit und nachts die Zelle.
Was war der Grund dafür?
Ich hatte mich zweimal...
bei der Essensausgabe angestellt.
Wo befanden sich die Stehzellen?
Am Ende des Kellergangs im Block 11.
Es gab vier solche Zellen.
Wie groß war eine Zelle?
Ihr Umfang war 90 mal 90 Zentimeter,
die Höhe etwa zwei Meter.
-(Richter) Gab es ein Fenster? -Nein.
Es gab nur ein Luftloch oben in der Ecke.
Das war vier mal vier Zentimeter groß.
Der Schacht verlief durch die Mauer
und schloss mit einem perforierten Blechdeckel an der Außenwand ab.
Und die Tür?
Man musste durch eine 50 Zentimeter hohe Luke am Boden kriechen.
Die war aus schwerem Holz.
Dahinter war ein verriegeltes Eisengitter.
-Waren Sie allein in der Zelle? -Anfangs ja.
Während der letzten Woche standen wir da zu viert.
Gab es Häftlinge, die Tag und Nacht in der Stehzelle waren?
Das war die häufigste Art der Verurteilung.
Die Systeme waren verschieden.
Einige erhielten dort nur alle zwei bis drei Tage etwas zu essen.
Andere erhielten keine Verpflegung.
Diese waren zum Hungertod verurteilt.
Mein Freund Kurt Pachala
starb in der Zelle nebenan.
Nach 15 Tagen.
Er aß zuletzt seine Schuhe auf.
Er starb am 14. Januar 1943.
Ich erinnere mich daran, denn es war mein Geburtstag.
Wer zum Stehbunker ohne Verpflegung verurteilt war,
konnte schreien und fluchen, so viel er wollte.
Die Tür wurde nie geöffnet.
Die ersten fünf Nächte schrie er laut.
Dann ließ der Hunger nach, und der Durst nahm überhand.
Er stöhnte, bat und flehte.
Er trank seinen Urin und leckte die Wände ab.
13 Tage dauerte die Durstzeit.
Dann war nichts mehr aus seiner Zelle zu hören.
Es dauerte über zwei Wochen, bis er tot war.
Aus den Stehzellen mussten die Leichen
mit Stangen herausgekratzt werden.
Aus welchem Grund war er verurteilt worden?
Er hatte einen Fluchtversuch unternommen.
Bevor er in die Zelle eingeliefert wurde,
musste er während des Abendappells an den Häftlingen vorbeimarschieren.
Man band ihm eine Tafel um mit der Aufschrift:
"Hurra, ich bin wieder da."
Dies musste er laut rufen und mit einem Paukenschlegel
auf eine Trommel schlagen.
Die längste mir bekannte Zeit
verbrachte der Häftling Bruno Graf in der Stehzelle.
Arrestaufseher Schlage stand manchmal vor seiner Tür,
wenn er drinnen brüllte, und ich hörte, wie er rief:
"Du kannst verrecken."
Erst nach einem Monat starb Graf.
Angeklagter Schlage.
Haben Sie Häftlinge in den Stehzellen verhungern lassen?
Ich bitte, Folgendes zu Gehör zu bringen.
Ich war in Block 11 nur Schließer.
An Befehle meiner Vorgesetzter hatte ich mich zu halten.
Für alles im Bunker war nicht ich,
sondern der Arrestverwalter verantwortlich.
Wer gab den Häftlingen Verpflegung?
Das haben die Funktionshäftlinge getan.
-Wer schloss die Zellen auf? -Die Funktionshäftlinge.
Arrestaufseher mussten der Politischen Abteilung
die Gitter aufschließen.
Sind Häftlinge im Arrestbunker gestorben?
Schon möglich, ich kann mich nicht erinnern.
Wer hat das Totenbuch geführt
und die Todesursachen eingetragen?
Alles die Funktionshäftlinge allein.
Und Sie hatten gar nichts zu tun?
Ich hatte die eigenen Leute im oberen Stockwerk im Arrest zu bewachen.
Manchmal bis zu 18 Mann.
Ich musste aufpassen, dass sie sich nicht umbrachten und so.
Im Bunker war also auch Lagerpersonal inhaftiert?
Natürlich. Die Gerechtigkeit erstreckte sich auf alle.
Jede Schwäche musste doch bekämpft werden.
(Richter) Wie groß waren die übrigen Zellen?
Diese Zellen waren drei mal 2,5 Meter groß.
Einige von ihnen waren Dunkelzellen.
Und die anderen hatten oben eine Fensterluke,
die mit einem Betonsockel ummauert war.
Luft kam nur durch eine Öffnung oben in der Wand.
Die war nicht größer als die Handfläche.
Wie viele Zellen dieser Art gab es?
28 Zellen.
Wie viele Häftlinge wurden in einer untergebracht?
In solch einem Raum befanden sich manchmal bis zu 40 Häftlinge.
-Wie lange mussten sie dort bleiben? -Oft einige Wochen.
Der Häftling Bogdan Glinski war sogar 17 Wochen darin.
Vom 13. November 1942
bis 9. März 1943.
Was für Einrichtungen enthielt die Zelle?
Es befand sich dort nur ein Holzkasten mit einem Kübel.
Nach welchen Anordnungen wurde man eingeschlossen?
Auch hier galt entweder nächtliche Einsperrung
oder auf längere Zeit.
Und auch hier
wurde Einsperrung mit Kostentzug praktiziert.
Herr Zeuge, welcher Bestrafung wurden Sie unterzogen?
Ich verbrachte dort zwei Nächte.
Wollen Sie uns den Verlauf beschreiben?
Um neun Uhr abends hatte ich mich im Block 11 zu melden,
zusammen mit 38 anderen Häftlingen.
Der Blockälteste meldete
dem diensthabenden Blockführer den Zahlenstand.
Dann führte er uns in den Keller, wo er uns in Zelle 20 einschloss.
Um zehn Uhr war die Luft schon stickig geworden.
Wir standen eng aneinandergedrängt.
Man konnte weder sitzen noch liegen.
Bald erreichte die Temperatur eine solche Höhe,
dass wir anfingen, unsere Jacken und Hosen auszuziehen.
Gegen Mitternacht konnte man nicht mehr stehen.
Einige sackten zusammen, die anderen hingen aneinander.
Die meisten wurden unruhig,...
stießen einander und verfluchten sich gegenseitig.
Die Gerüche,...
die die erstickenden Menschen von sich gaben,
vermischten sich mit dem Gestank aus dem Kübel.
Die Schwächeren wurden zertreten.
Die Stärkeren führten einen Kampf um einen Platz an der Tür,
wo ein bisschen Luft durchkam.
Wir schrien und schlugen an die Tür,
wir stemmten uns dagegen, doch sie gab nicht nach.
Ab und zu wurde das Guckloch geöffnet,
und der wachhabende Schließer sah zu uns hinein.
Um zwei Uhr nachts...
hatten die meisten das Bewusstsein verloren.
Am Morgen nach der Öffnung um fünf Uhr...
zog man uns heraus,...
legte uns auf den Korridor.
Alle waren wir nackt.
Von 39 waren noch 19 am Leben.
Von diesen 19 wurden sechs in den Krankenbau abtransportiert,...
wo weitere vier starben.
Ich gehörte dem Leichenkommando an, das die Hungerzellen zu räumen hatte.
Oft waren Tote dabei, die an Gesäß und Schenkeln angebissen waren.
Die es am längsten ausgehalten hatten, waren manchmal ohne Finger.
Ich fragte den Bunkerjakob, der die Aufsicht führte:
"Wie kannst du das ertragen?"
Da sagte er: "Gelobt sei, was hart macht.
Mir geht es gut.
Ich esse die Rationen von denen da drinnen.
Ihr Tod rührt mich nicht.
Dies alles rührt mich so wenig,
wie es den Stein rührt in der Mauer."
(Der Zeuge räuspert sich.)
(mit tschechischem Akzent) Am 3. September 1941
wurden im Bunkerblock die ersten Versuche von Massentötungen
durch das Gas Zyklon B vorgenommen.
Sanitätsdienstgrade und Wachmannschaften
führten etwa 850 sowjetische Kriegsgefangene
sowie 220 kranke Häftlinge in den Block 11.
Nachdem man sie in die Zellen geschlossen hatte,
wurden die Fenster mit Erde zugeschüttet.
Dann wurde das Gas durch die Lüftungslöcher eingeworfen.
Am nächsten Tag wurde festgestellt, dass einige noch am Leben waren.
Infolgedessen schüttete man eine weitere Portion Zyklon B ein.
Am 5. September wurde ich
zusammen mit 20 Häftlingen der Strafkompanie
sowie einer Reihe von Pflegern in den Block 11 befohlen.
Es wurde gesagt, dass wir zu einer besonderen Arbeit anzutreten hätten
und bei Todesstrafe niemandem von dem,
was wir dort sahen, berichten dürften.
Es wurde uns auch eine vergrößerte Ration nach der Arbeit versprochen.
Wir erhielten Gasmasken
und mussten die Leichen aus den Zellen holen.
Als wir die Türen öffneten,...
sanken uns die prall aneinander gepackten Menschen entgegen.
Sie standen noch als Tote.
Die Gesichter waren bläulich verfärbt.
Manche hielten Büschel von Haaren in ihren Händen.
Es dauerte den ganzen Tag,
bis wir die Leichen voneinander gelöst
und draußen im Hof aufgeschichtet hatten.
Am Abend kam der Kommandant und sein Stab.
Ich hörte den Kommandanten sagen:
"Jetzt bin ich doch beruhigt.
Jetzt haben wir das Gas,
und alle diese Blutbäder bleiben uns erspart.
Und auch die Opfer können bis zum letzten Moment geschont werden."
(schwere Musik)
(Die schwere Musik verebbt.)
(Zeuge mit bayerischem Akzent) Ich arbeitete im Sommer und Herbst 1941
in der Bekleidungskammer des Lagers.
Dort wurde die schmutzige Wäsche mit dem Gas Zyklon B entwest.
Unser Vorgesetzter war der Desinfektor Breitwieser.
Herr Zeuge, ist der Genannte anwesend?
Dies ist Breitwieser.
Am 3. September sah ich Breitwieser
in Begleitung von Stark sowie anderen Herren der Politischen Abteilung
mit Gasmasken und Büchsen zum Block 11 gehen.
Danach gab es Lagersperre.
Am nächsten Morgen war Breitwieser böse,
weil irgendetwas nicht geklappt hatte.
Es war nicht richtig abgedichtet worden.
Und die Vergasung musste noch einmal vorgenommen werden.
Zwei Tage später...
fuhren die Rollwagen voll mit Leichen aus dem Hof.
Um wie viel Uhr sahen Sie Breitwieser
am 3. September auf dem Weg zum Block 11?
-Gegen neun Uhr abends. -(Breitwieser) Unmöglich.
Erstens war ich abends nie im Lager.
Und zweitens hätte man mich um diese Jahreszeit
gar nicht erkennen können, denn da war immer eine Dunstschicht.
Wussten Sie, dass an dem Abend
Häftlinge durch Gas getötet werden sollten?
Ja, das hat sich herumgesprochen.
Sahen Sie nicht, wie die Häftlinge in den Block getrieben wurden?
Herr Präsident, Dienstschluss war um 18 Uhr.
Ich war nie danach im Lager.
Mussten Sie nie nach 18 Uhr Kleider ausgeben,
wenn die neuen Transporte angekommen waren?
Wenn nach 18 Uhr Häftlinge ankamen,
holten Funktionshäftlinge den Schlüssel ab und gaben Kleider aus.
Was für eine Funktion hatten Sie als Desinfektor?
Wenn ich so sagen darf: Ich hatte die Anweisungen zu geben.
Waren Sie für diese Tätigkeit ausgebildet worden?
Ich wurde im Sommer 1941
zusammen mit zehn bis 15 anderen
zur Ungezieferbekämpfung abkommandiert.
Da waren Herren von der Firma Degesch, die das Gas lieferte.
Sie unterwiesen uns in der Handhabung des Gases
und der Gasmasken, die über besondere Aufsätze verfügten.
Wie war das Gas verpackt?
Es war in Büchsen zu einem halben Kilo,
die ähnelten Kaffeebüchsen.
Anfangs waren Pappdeckel drauf, leicht feucht und grau,
später Metallverschlüsse.
Wie sah der Inhalt der Büchsen aus?
Es war eine körnige, zerbröckelnde Masse.
Man kann es schlecht sagen, ähnlich wie Stärke, bläulich weiß.
Wissen Sie, woraus sie bestand?
Aus einem gebundenen Zyanwasserstoff.
Wurden die Brocken der Luft ausgesetzt,
entwich Blausäuregas.
Wie verlief Ihre Arbeit mit dem Gas?
Häftlinge mussten Kleidungsstücke in der Kammer aufhängen.
Dann habe ich mit einem anderen Desinfektor das Gas eingeworfen.
Nach 24 Stunden holten wir die Sachen raus.
Dann kamen neue herein, so ging das weiter.
Auch Unterkünfte hatten wir zu desinfizieren.
Waren die Büchsen mit Schlageisen geöffnet,
wurde eine Gummihaube darübergestülpt,
weil sonst das Gas entwich
und wir erst mehrere Büchsen öffnen mussten.
Wenn alles vorbereitet war, wurde das Gas eingeworfen.
War dem Gas ein Reizstoff beigemischt als Warnung?
Nein.
Das Zyklon B wirkte sehr schnell.
Ich weiß, wie Unterscharführer Theuer
in ein Haus kam, das schon entwest war.
Am Abend wurde es gelüftet, im Erdgeschoss.
Am Morgen wollte Theuer den ersten Stock lüften.
Er muss Dämpfe eingeatmet haben,
fiel sofort um und rollte die Treppe hinunter,
bis dahin, wo frische Luft war.
Sonst wäre er nicht mehr hinausgekommen.
Zog man Ihre Fachkenntnisse hinzu,
als man damit begann, Menschen mit Zyklon B zu töten?
Ich sage grundsätzlich nur, was wahr ist.
Ich bekam vom Gas Magenbeschwerden und bat um Versetzung.
Wurden Sie versetzt?
-Noch nicht gleich. -Wann wurden Sie versetzt?
Daran kann ich mich nicht erinnern.
-Sie wurden im April 1944 versetzt. -Ah.
Sie stiegen noch in den Graden.
Zunächst wurden Sie Rottenführer, dann Unterscharführer.
Wir protestieren gegen die Unterschiebung.
Dass Lagerpersonal im Range stieg,
ist einzig dienstlich zu bewerten
und beweist keineswegs dessen Mitschuld.
Wo wurde das Gas aufbewahrt?
Es stand im Keller der Apotheke in Kisten verpackt.
(Richter) Angeklagter Capesius.
War Ihnen als Vorstand der Apotheke bekannt,
dass dort Zyklon B gelagert wurde?
Da muss dem Zeugen eine Verwechslung unterlaufen.
Was diese Kisten im Keller betrifft,
so enthielten sie Ovomaltine.
Eine Sendung vom Schweizer Roten Kreuz.
Ich habe den Karton mit Ovomaltine gesehen,
und ich habe die Kisten mit dem Zyklon gesehen.
Und auch die Koffer habe ich gesehen, in denen der Angeklagte Capesius
Schmuckstücke und Zahngold verwahrte.
Das sind Erfindungen.
Woher stammt das Geld, mit dem der Angeklagte Capesius
sich sofort nach dem Krieg eine Apotheke
und einen Schönheitssalon einrichtete?
"Sei schön durch eine Behandlung bei Capesius",
so hieß die Firmareklame.
Das war eine Anleihe.
Und woher stammen die 50.000 Mark,
die mir und einigen anderen Zeugen geboten wurden,
wenn wir hier beschwören würden,
Capesius habe im Lager nur die Apotheke verwaltet
und nicht die Aufsicht gehabt über das Zyklon B und das Phenol?
Darüber ist mir nichts bekannt.
Von wem wurde der Bestechungsversuch vorgenommen?
Er kam von anonymer Seite.
Wissen Sie, ob eine legale Hilfsorganisation
ehemaliger Wachmannschaften dahinterstand?
Das weiß ich nicht.
Ich möchte dem Gericht jedoch folgenden Brief,
den ich erhalten habe, zur Kenntnis geben.
Er ist überschrieben mit den Worten:
"Arbeitsgemeinschaft für Recht und Freiheit".
Sein Inhalt lautet:
"Sie werden bald von der Bildfläche verschwinden.
Sie werden einen qualvollen Tod sterben.
Unsere Mitarbeiter beobachten Sie ständig."
(Getuschel)
"Sie können jetzt wählen: Tod oder Leben."
Das Gericht wird die Herkunft dieses Briefes untersuchen.
Herr Zeuge, können Sie angeben, was auf den Kisten stand?
"Vorsicht, Giftgas",
dann das Warnungsschild mit dem Totenkopf.
Haben Sie den Inhalt der Kiste gesehen?
Ich sah geöffnete Kisten mit Büchsen darin.
-Was stand auf den Etiketten? -"Giftgas Zyklon".
Stand noch mehr drauf?
Da stand noch: "Vorsicht. Ohne Warnstoff.
Nur von geübtem Personal zu öffnen."
Haben Sie gesehen, dass die Büchsen
zu den Gaskammern transportiert wurden?
Wir hatten solche Kisten in den Sanitätswagen zu verladen,
der zum Abholen kam.
Wer fuhr im Wagen mit?
Ich sah dort Dr. Frank und Dr. Schatz
sowie Dr. Capesius.
Sie hatten ihre Gasmasken dabei.
Dr. Schatz trug sogar einen Stahlhelm.
Ich erinnere mich, denn einer seiner Begleiter sagte:
"Du siehst aus wie ein kleiner Pilz." (Gelächter)
Wir möchten das Gericht erinnern,
dass zu gewissen Zeiten im Krieg das Tragen von Gasmasken Pflicht war.
Weder das Weggehen unserer Mandanten
noch ihr Zurückkommen mit einer Gasmaske
beweist, wohin sie gegangen sind.
Haben Sie Lieferscheine für die Sendungen des Gases gesehen?
Beim Eintreffen dieser Sendungen,
die später immer größere Mengen umfassten
und im alten Theatergebäude außerhalb des Lagers gespeichert wurden,
brachte ich die Begleitscheine oft zur Verwaltung.
Absender war
die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung.
Auf welchem Weg wurden sie befördert?
Teils kamen sie direkt von der Fabrik als Lastwagentransport
oder per Bahn über Wehrmachtsfrachtbriefe.
Erinnern Sie sich an angegebene Mengen?
Es kamen 14 bis 20 Kisten auf einmal an.
Wie oft trafen nach Ihrer Berechnung die Transporte ein?
Mindestens einmal wöchentlich.
Im Jahre 1944 mehrmals in der Woche.
Da wurden auch die Lastwagen
der Fahrbereitschaft des Lagers herangeholt.
Wie viele Büchsen waren in einer Kiste enthalten?
Jede Kiste enthielt 30 Büchsen à 500 Gramm.
Haben Sie Preisangaben gesehen?
Der Preis per Kilo war fünf Reichsmark.
Wie viele Büchsen wurden für eine Vergasung benötigt?
Für 2000 Menschen in einer Kammer wurden etwa 16 Büchsen verbraucht.
Das Kilo zu fünf Mark...
macht 40 Mark.
Angeklagter Mulka.
Als Lageradjutant unterstand Ihnen auch die Fahrbereitschaft.
Hatten Sie da Fahrbefehle auszuschreiben?
Ich habe keine solchen Befehle geschrieben.
Sagt Ihnen "Anforderung von Material zur Umsiedlung" etwas?
-Nein. -Angeklagter Mulka.
Das Gericht verfügt über Fahrbefehle
zum Transport von Material zur Umsiedlung.
Dieses Dokument ist von Ihnen unterschrieben.
Es mag sein, dass ich den einen oder anderen Befehl abzeichnen musste.
Wussten Sie nicht, dass "Material zur Umsiedlung"
das Gas Zyklon B war?
Wie ich bereits äußerte, war mir dies nicht bekannt.
Von wem wurden die Anforderungen dieses Materials ausgegeben?
Sie liefen durch Fernschreiben ein und wurden an den Kommandanten
oder den Schutzhaftlagerführer weitergeleitet,
dann an den Chef der Fahrbereitschaft.
-Unterstand der nicht Ihnen? -Nur disziplinar.
Lag es in Ihrem Interesse, zu erfahren,
wozu die Lastwagen der Fahrbereitschaft eingesetzt wurden?
Es war mir ja bekannt, dass sie zur Materialverfrachtung benötigt wurden.
Wurden auch Häftlinge in Lastwagen transportiert?
Ich weiß nicht. Zu meiner Zeit gingen sie zu Fuß.
Es befindet sich in unserer Hand ein Schriftstück,
in dem die Rede ist von der erforderlichen
dringenden Fertigstellung der neuen Krematorien
mit dem Hinweis, dass die damit beschäftigten Häftlinge
auch sonntags zu arbeiten hätten.
Dieses Schreiben ist von Ihnen unterzeichnet.
Ja.
Das muss ich diktiert haben.
Wollen Sie weiter behaupten,
dass Sie nichts von den Massentötungen gewusst haben?
Meine Einlassungen entsprechen der Wahrheit.
(Richter) Wir haben einberufen
den Werkstattleiter der Lagerfahrbereitschaft.
Herr Zeuge, wie viele Wagen gab es da?
Die Staffel bestand aus 10 schweren Fahrzeugen.
Von wem erhielten Sie Fahrbefehle?
Vom Fahrbereitschaftschef.
Von wem waren die Fahrbefehle unterschrieben?
Das weiß ich nicht.
Herr Zeuge.
Wozu wurden die Lastwagen eingesetzt?
(Zeuge) Zum Abholen von Frachten und zum Häftlingstransport.
Wohin wurden die Häftlinge transportiert?
Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.
Haben Sie an den Transporten teilgenommen?
Ich musste da mal mitfahren als Ersatz.
Mhm. Wohin fuhren Sie?
Ins Lager rein,
wo sie da ausgesucht wurden, und was da so war.
Wohin fuhren Sie dann die Menschen?
Bis zum Lagerende.
Am Birkenwald wurden die Leute abgeladen.
Wohin gingen die Menschen?
In ein Haus rein.
-Dann habe ich nichts mehr gesehen. -Was geschah mit ihnen?
Das weiß ich nicht.
Ich war ja nicht dabei.
Erfuhren Sie nicht, was mit ihnen geschah?
Die wurden wohl verbrannt an Ort und Stelle.
(Räuspern, Schritte entfernen sich.)
Herr Zeuge, Sie gehörten den Fahrern der Sanitätswagen an,
in denen das Blausäurepräparat Zyklon B
zu den Gaskammern gefahren wurde.
Ich war als Traktorführer abkommandiert worden
und musste später als Fahrer von Sanitätswagen Dienst tun.
Wohin fuhren Sie?
Ich hatte Sanitäter und Ärzte abzuholen.
Wer waren die Ärzte?
Daran kann ich mich nicht erinnern.
Wohin hatten Sie Sanitäter und Ärzte zu bringen?
Vom alten Lager zur Rampe des Barackenlagers.
Wann fuhren Sie?
Wenn Transporte ankamen.
Wie wurden die angekündigt?
-Mit einer Sirene. -Wohin fuhren Sie von der Rampe aus?
Zu den Krematorien.
-Fuhren die Ärzte mit? -Ja.
Was taten die Ärzte dort?
Der Arzt blieb im Wagen sitzen oder stand daneben.
-Sanitäter verrichteten die Sachen. -Welche Sachen?
Die Vergasungen.
Befanden sich bei Ihrer Ankunft die Menschen schon in der Gaskammer?
Sie waren noch beim Auskleiden.
Gab es da keine Unruhen?
Wie ich da war, ging es immer friedlich zu.
Was konnten Sie vom Vorgang der Vergasung sehen?
Wenn die Häftlinge in den Kammern waren,
gingen die Sanitäter zu den Luken,
setzten Gasmasken auf und entleerten die Büchsen.
Wo waren die Luken?
Da war eine schräge Anschüttung drüber mit vier Kästen.
Wie viele Büchsen wurden entleert?
Drei bis vier Büchsen in jedes Loch.
Wie lange dauerte das?
Etwa eine Minute.
Schrien die Menschen nicht?
Merkte einer, was los war, konnte man wohl einen Schrei hören.
Herr Zeuge, wie weit stand Ihr Wagen von der Vergasungskammer entfernt?
Der stand auf dem Weg, etwa 20 Meter ab.
Da konnten Sie hören, was in den Kammern geschah?
Manchmal bin ich ausgestiegen.
Was taten Sie da?
Nichts.
Ich rauchte eine Zigarette. (Der Ankläger lacht.)
Näherten Sie sich den Luken über der Gaskammer?
Ich vertrat mir manchmal etwas die Beine.
Was hörten Sie da?
Wurden die Luken geöffnet, hörte ich ein Dröhnen,
als ob dort viele Menschen unter der Erde wären.
Und was taten Sie dann?
Die Luken wurden geschlossen, und ich musste zurück.
Herr Zeuge, Sie waren Häftlingsarzt im Sonderkommando,
das zum Dienst in den Krematorien eingesetzt war.
Wie viele Häftlinge befanden sich in diesem Kommando?
Insgesamt 860 Mann.
Es wurde nach einigen Monaten vernichtet
und durch eine neue Belegschaft ersetzt.
-Wem unterstanden Sie? -Dr. Mengele.
Wie verlief die Einlieferung in die Gaskammern?
Der Lokomotivpfiff vorm Einfahrtstor zur Rampe war das Signal,
dass ein neuer Transport eintraf.
Das bedeutete,
dass in etwa einer Stunde die Öfen voll gebrauchsfähig sein mussten.
Die Elektromotore wurden eingeschaltet.
Die trieben die Ventilatoren,
die das Feuer in den Öfen auf den nötigen Hitzegrad brachten.
Konnten Sie sehen, wie die Gruppen von der Rampe kamen?
Vom Fenster meines Arbeitszimmers
konnte ich die obere Rampe und den Weg zum Krematorium sehen.
Die Menschen kamen in Fünferreihen an.
Die Kranken fuhren auf Lastwagen hinterher.
Das Krematoriumsgelände schloss ein Gitter ab.
Am Tor hingen Warnungsschilder.
Die Begleitmannschaften löste das Sonderkommando ab.
Nur Ärzte und Sanitätsdienstgrade
und Mitglieder der Politischen Abteilung kamen herein.
Wen von den Angeklagten sahen Sie da?
Stark sah ich dort und Hofmann.
Auch Kaduk und Baretzki.
Wir erklären,
dass unsere Mandanten die Teilnahme daran bestreiten.
Ja. Herr Zeuge, setzen Sie Ihren Bericht fort.
Die Menschen gingen langsam und müde durch das Tor.
Die Kinder hingen an den Röcken der Mütter.
Ältere Männer trugen Säuglinge oder schoben Kinderwagen.
Der Weg war aus schwarzer Schlacke.
Rechts und links waren ein paar Wasserhähne auf den Grasflächen.
Oft drängte man sich darum,
und das Kommando ließ sie noch trinken, trieb sie aber zur Eile an.
Sie hatten etwa 50 Meter zu gehen bis zu der Treppe,
die hinunter in die Auskleideräume führte.
Was war vom Krematoriumbau zu sehen?
Nur das Verbrennungsgebäude mit dem großen Schornstein.
Unterirdisch schloss sich daran seitlich abzweigend
die Vergasungskammer an, und in Längsrichtung der Auskleideraum.
Bestand freie Sicht auf das Krematorium?
Es war von Bäumen und Buschwerk umgeben
und lag etwa 100 Meter von der Lagerumzäunung entfernt.
Gegenüber waren die Außenzäune mit Wachtürmen.
Dahinter breiteten sich offene Felder aus.
Wie groß war der Auskleideraum?
Etwa 40 Meter lang.
12 bis 15 Stufen führten hinab.
Er war etwas mehr als zwei Meter hoch.
In der Mitte stand eine Reihe von Tragpfeilern.
Wie viele Menschen auf einmal wurden hinabgeführt?
1000 bis 2000 Menschen.
Wussten die Menschen, was ihnen bevorstand?
Über der Treppe besagten Tafeln in verschiedenen Sprachen:
"Bade- und Desinfizierungsraum".
Das klang beruhigend und beschwichtigte die Misstrauischen.
Oft sah ich Menschen froh hinuntergehen,
und Mütter scherzten mit ihren Kindern.
Brach nie Panik aus zwischen den vielen Menschen im engen Raum?
Es ging alles sehr schnell und effektiv.
Das Kommando zum Auskleiden wurde gegeben.
Während die Menschen sich noch ratlos umsahen,
half das Sonderkommando ihnen beim Abnehmen der Kleider.
An den Seiten waren Bänke aufgestellt
mit nummerierten Haken darüber.
Es wurde wiederholt, dass Kleidungsstücke und Schuhe
zusammengebunden aufzuhängen seien
und jeder sich die Nummer seines Hakens zu merken habe,
damit nach der Rückkehr aus dem Bade kein Durcheinander entstehe.
Im grellen Licht kleideten sich die Menschen aus,
Alte und Junge, Männer, Frauen...
Kinder.
Warfen sich diese vielen Menschen niemals auf ihre Bewacher?
Nur einmal rief einer: "Sie bringen uns um."
Da antwortete ein anderer: "Das ist unmöglich.
Nie kann so etwas geschehen. Verhaltet euch ruhig."
Und wenn Kinder weinten,
dann wurden sie von ihren Eltern getröstet.
Man schäkerte und spielte,
während sie in den angrenzenden Raum getragen wurden.
(Richter) Wo lag dessen Eingang?
Am Ende der Auskleidungshalle.
Es war eine dicke Eichentür mit einem Guckloch
und einem Radgriff zum Zuschrauben.
Wie lange dauerte das Auskleiden?
Etwa zehn Minuten.
Dann wurden alle in den anderen Raum gedrängt.
Musste nie Gewalt angewendet werden?
Die vom Sonderkommando riefen: "Schnell, das Wasser wird kalt."
Es wurde wohl auch gedroht und geschlagen,
oder ein Wachmann gab einen Schuss ab.
War der andere Raum durch Duschen getarnt?
Nein.
-Da war nichts. -Wie groß war dieser Raum?
Kleiner als der Auskleideraum.
Etwas mehr als 30 Meter lang.
Wenn 1000 und mehr Menschen in einem solchen Raum zusammengedrängt wurden,
da muss es doch zum Aufruhr kommen.
Da war es zu spät: Die letzten wurden hineingepresst,
und die Tür zugeschraubt.
Herr Zeuge haben Sie eine Erklärung dafür,
warum die Menschen dies alles mit sich geschehen ließen?
Angesichts dieses Raumes
mussten sie doch wissen, dass ihr Ende bevorstand.
Es kam kein Einziger heraus, um darüber berichten zu können.
Was zeigte sich den Menschen in diesem Raum?
Da waren Betonwände mit einzelnen Ventilklappen,
in der Mitte die Tragpfeiler, rechts und links
je zwei Säulen aus perforiertem Eisenblech,
auf dem Boden Abflussgatter, auch hier starkes Licht.
Was war von den Menschen zu hören?
Sie schrien jetzt und schlugen an die Tür, aber es war wenig zu hören.
Da war ein Summen von den Ofenräumen.
Was war durch die Türluke zu sehen?
Die Menschen drängten sich an die Tür und kletterten an den Säulen hoch.
Dann kam das Ersticken, als das Gas eingeworfen wurde.
Es wurde oben in die Blechsäulen eingeworfen.
In einer spiralenförmige Rinne verteilte sich die Masse.
In der erhitzten Luft entwickelte sich das Gas schnell
und drang durch die Öffnungen.
Wie lange dauerte die Wirkungszeit des Gases, bis der Tod eintrat?
Das hing von der Menge des Gases ab.
Oft wurde aus Ersparnis zu wenig eingeworfen,
sodass die Tötung bis zu fünf Minuten dauern konnte.
Was war die unmittelbare Wirkung des Gases?
Es weckte Schwindel und starke Übelkeit
und lähmte die Atmungsfunktion.
Wie lange stand der Raum unter Gas?
20 Minuten.
Dann wurde die Entlüftung eingeschaltet
und das Gas herausgepumpt.
Nach 30 Minuten wurden die Türen geöffnet.
Nur zwischen den Leichen war noch etwas Gas
und verursachte einen Reizhusten.
Deshalb musste das Räumungskommando Gasmasken tragen.
Herr Zeuge, sahen Sie den Raum nach der Öffnung?
Ja.
Die Leichen lagen übereinander in der Nähe der Tür
und der Säulen.
Und zwar lagen Säuglinge, Kinder und Kranke unten,
darüber die Frauen und ganz oben die kräftigsten Männer.
Dies war so zu erklären,
dass die Menschen sich gegenseitig niedertraten
und aufeinander kletterten,
da das Gas sich anfangs am stärksten in Bodenhöhe entwickelte.
Sie waren ineinander verkrallt.
Die Haut war zerkratzt, viele bluteten...
aus Nase und Mund.
Die Gesichter waren angeschwollen und fleckig.
Die Menschenhaufen waren besudelt
von Erbrochenem, von Kot, Urin und Menstruationsblut.
Das Räumungskommando kam herein und spritzte die Leichen ab.
Dann wurden sie in die Lastfahrstühle gezogen
und hinauf in den Verbrennungssaal befördert.
Wie groß waren die Fahrstühle?
Es waren zwei Lastenaufzüge, die je 25 Tote fassten.
Sobald ein Aufzug voll war, gab es ein Klingeln.
Oben an den Fahrstühlen stand das Schleppkommando bereit.
Sie trugen eine Schlinge,
die sie den Toten um das Handgelenk streiften.
Auf einer dazu bestimmten Bahn
schleifte man die Leichen zu den Öfen.
Das Blut wurde von ständig fließendem Wasser abgespült.
Vor der Verbrennung...
wurden sie von Spezialkommandos zur Auswertung übernommen.
Alles, was noch an Schmuck an den Körpern zu finden war,
wie Halsketten, Armreifen, Ringe, Ohrgehänge, wurde abgenommen.
Das Haar wurde geschnitten und gebündelt verpackt.
Und zuletzt traten die Zahnzieher an,
die sich auf Dr. Mengeles ausdrücklichen Befehl
aus erstklassigen Spezialisten zusammensetzten.
Doch bei ihrer Arbeit mit Zangen und Brecheisen
rissen sie mit den Goldzähnen und Brücken
ganze Stücke der Kiefer heraus.
Knochenstücke und das daran haftende Fleisch
wurden in einem Säurebad weggeätzt.
100 Mann arbeiteten unaufhörlich vor den Öfen in zwei Schichten.
Wie viele Öfen befanden sich im Verbrennungssaal?
In den beiden großen Krematorien II und III
standen je fünf Öfen.
Jeder Ofen hatte drei Verbrennungskammern.
Außer diesen am Ende der Rampe
gab es die Krematorien IV und V,
die je zwei vierkammrige Öfen hatten.
Diese lagen etwa 750 Meter entfernt
hinter dem Birkenwald.
Bei voll laufendem Betrieb
waren zusammen 46 Verbrennungskammern angeheizt.
Wie viele Körper fanden in einer Ofenkammer Platz?
Die Kapazität einer Kammer umfasste drei bis fünf Leichen.
Doch selten arbeiteten alle Öfen gleichzeitig,
da diese aufgrund der Überheizung oft beschädigt waren.
Die Hersteller, die Firma "Topf & Söhne",
hat, wie es in ihrer Patentschrift nach dem Kriege heißt,
ihre Einrichtungen aufgrund gewonnener Erfahrungen verbessert.
Wie lange dauerte die Verbrennung in einer Ofenkammer?
Ungefähr eine Stunde.
Dann konnte ein neuer Schub gefasst werden.
In den Krematorien II und III wurden in 24 Stunden
über 3000 Menschen verbrannt.
Bei Überfüllung verbrannte man die Leichen auch in Gruben,
die neben den Krematorien ausgehoben worden waren.
Diese Gruben waren etwa 30 Meter lang
und sechs Meter tief.
An den Enden der Gruben
waren Abflussgräben für das Fett.
Abgeschöpft goss man es über die Leichen,
damit sie besser brannten.
Im Sommer 1944,
als die Verbrennungen die höchsten Ziffern erreichten,
wurden täglich bis zu 20.000 Menschen vernichtet.
Ihre Asche wurde mit Lastwagen
zum zwei Kilometer entfernten Fluss gefahren
und dort ins Wasser geschüttet.
(Getuschel)
(Richter) Wie wurden Wertgegenstände und Zahngold verwaltet?
Bei der Einsammlung der Kleider
wurden die aufgefundenen Gelder und Schmuckstücke
in eine verschlossene Kiste geworfen, die oben einen Schlitz hatte.
Vorher füllten die Wachleute ihre eigenen Taschen.
Die Kleider und Schuhe, die von den Häftlingen
ordentlich zusammengelegt worden waren,
liefen ins Reich, wo sie den Ausgebombten zugutekamen.
Das Zahngold wurde eingeschmolzen.
Ich wurde als Untersuchungsrichter angefordert,
weil ausgehende Pakete, die kiloweise Gold enthielten,
beschlagnahmt worden waren.
Ich ermittelte, dass es sich um Zahngold handelte.
Nachdem ich das Gewicht einer Plombe errechnet hatte,
kam ich zu der Erkenntnis,
dass Tausende von Menschen notwendig waren,
um einen solchen Klumpen Gold herzugeben.
Wurde denn damals von außen ein Richter einberufen,
der Vorgänge im Lager zu untersuchen hatte?
Irgendwo lebten noch Vorstellungen von einem Rechtsstaat fort.
Der Kommandant wollte die Korruption im Lager bekämpfen.
Bei mir klagte er, seine Leute seien der schweren Arbeit
charakterlich oft nicht gewachsen.
Er führte mich zu den Verbrennungsöfen,
wo er mir Einzelheiten erklärte.
Drinnen in den Heizräumen war alles spiegelblank geputzt.
Nichts deutete darauf hin, dass Menschen hier verbrannt wurden.
Nicht ein Stäubchen lag von ihnen auf der Ofenarmatur.
In der Wachstube
saßen die Mannschaften halbbetrunken auf den Bänken.
Und in den Waschräumen
standen ausgesucht hübsche Häftlingsmädchen
und buken an einem Herd Kartoffelpuffer
für die Männer, die sich von ihnen bedienen ließen.
Als ich die Spinde der Leute untersuchte, ergab sich,
dass diese vollgeladen waren mit Reichtümern.
Als Richter erhob ich Anklage auf Raub.
Einige wurden verhaftet und abgeurteilt.
Wie ging eine solche Anklage vor sich?
Es war ein Scheinprozess.
Weiter nach oben hin konnte nicht verhaftet werden,
und auf vielfachen Mord
war in diesem Fall keine Anklage möglich.
Konnten Sie als Untersuchungsrichter
Ihre Kenntnisse nicht veröffentlichen?
Vor welchem Gerichtshof hätte ich Klage erheben können
über die Mengen der Getöteten
und die von höchsten Verwaltungsstellen
übernommenen Werte?
Ich konnte doch kein Verfahren...
gegen die höchste Staatsführung einleiten.
Konnten Sie nicht auf andere Weise eingreifen?
Ich wusste, dass niemand mir geglaubt hätte.
Ich wäre hingerichtet
oder bestenfalls als geistesgestört eingesperrt worden.
Ich dachte auch an Flucht über die Grenze.
Aber ich zweifelte, ob man mir dort glauben würde.
Und ich fragte mich, was geschehen würde,
wenn man mir glaubte
und wenn ich verhört werden sollte gegen mein eigenes Volk.
Ich konnte mir nur denken,...
dass man dieses Volk vernichten würde.
Für seine Taten.
So blieb ich.
Herr Zeuge, es wird berichtet von einem Aufstand des Sonderkommandos.
Wann fand dieser Aufstand statt?
Am 6. Oktober 1944.
Das Kommando sollte von den Wachmannschaften liquidiert werden.
-War dies dem Kommando bekannt? -Alle wussten von ihrer Tötung.
Lange vorher hatten sie sich
durch Häftlinge aus den Rüstungsbetrieben
Büchsen mit Ekrasit besorgt.
Man wollte die Wachposten unschädlich machen,
die Krematorien sprengen und fliehen.
Doch das Krematorium, in dem die Sprengbomben lagen,
wurde früher als erwartet ausgehoben, und die Leute sprengten sich selbst.
Es kam noch zum Kampf, doch alle wurden überwältigt.
Mehrere Hundert lagen hinter dem Birkenwäldchen.
Sie lagen auf dem Bauch,
und die Politische Abteilung tötete sie durch Kopfschüsse.
Wer von den Angeklagten war dabei?
Boger war der Leitende.
Wurde das Krematorium durch die Sprengung vernichtet?
Durch Sprengung von vier Pulverfässern
explodierte das Gebäude und brannte nieder.
Was geschah mit den übrigen Krematorien?
Sie sprengte kurz danach das Lagerpersonal,
da die Front näher rückte.
(Ankläger) Frau Zeugin.
Halten Sie es für möglich, dass der Adjutant
nicht über die Vorgänge in den Krematorien unterrichtet war?
(Zeugin) Ich halte es für unmöglich.
Jedem der 6000 Mitglieder des Personals, die im Lager arbeiteten,
waren die Vorgänge bekannt.
Jeder leistete auf seinem Posten,
was für das Funktionieren des Ganzen geleistet werden musste.
Des Weiteren wusste jeder Zugführer,
jeder Weichensteller und Bahnhofsbeamte,
der mit der Verfrachtung zu tun hatte, was im Lager geschah.
Jede Telegraphistin und Stenotypistin,
an denen die Deportationsbefehle vorbeiliefen, wusste davon.
Jeder Einzelne in den hundert und tausend Amtsstellen,
die mit den Aktionen beschäftigt waren, wusste, worum es ging.
Wir protestieren gegen diese vom Hass diktierten Behauptungen.
Niemals kann Hass eine Grundlage bilden
für die Beurteilung der zur Sprache geführten Einzelheiten.
Ich spreche frei von Hass.
Ich hege gegen niemanden den Wunsch nach Rache.
Ich stehe gleichgültig vor den Angeklagten
und sage nur, dass sie ihr Handwerk nicht ausführen konnten
ohne die Unterstützung von Millionen anderen.
Hier steht nur zur Diskussion,
was bewiesenerweise vorgehalten werden kann.
Vorwürfe allgemeiner Art bleiben belanglos,
vor allem die, die sich gegen eine ganze Nation richten,
die während der hier zu erörternden Zeit
in einem schweren und aufopfernden Kampf stand.
Ich bitte, darauf hinweisen zu dürfen,
wie dicht der Weg mit Zuschauern gesäumt war,
als man uns aus unseren Wohnungen in die Viehwagen trieb.
Die Angeklagten des Prozesses stehen nur als Handlanger am Ende.
Andere sind über ihnen,
die vor diesem Gericht nie zur Rechenschaft gezogen wurden.
Einige sind uns hier begegnet als Zeugen.
Diese leben unbescholten.
Sie bekleiden hohe Ämter, sie vermehren ihren Besitz
und wirken fort in jenen Werken,
in denen die Häftlinge von damals verbraucht wurden.
Können Sie uns aus Ihrer Sicht sagen,
wie hoch Sie die Zahl der im Lager getöteten Menschen schätzen?
Von den 9.600.000 Verfolgten
aus den Gebieten, die ihre Verfolger beherrschten,
sind sechs Millionen verschwunden.
Und es ist anzunehmen,
dass die meisten vorsätzlich vernichtet wurden.
Wer nicht erschossen, erschlagen,
zu Tode gefoltert und vergast wurde,
kam um an Überarbeitung,
Hunger, Seuchen und Elend.
Allein in diesem Lager wurden über eine Million Menschen ermordet.
Um aber die Gesamtzahl der unbewaffneten Opfer
des Ausrottungskrieges zu ermessen,
müssen wir den sechs Millionen rassischen Getöteten,
drei Millionen erschossene und verhungerte
sowjetische Kriegsgefangene hinzufügen
sowie zehn Millionen Zivilisten, die in den besetzten Ländern umkamen.
Selbst wenn wir alle die Opfer aufs Tiefste beklagen,...
so ist unsere Aufgabe hier,
Übertreibungen
und von bestimmter Stelle gelenkten Beschmutzungen entgegenzuwirken.
Nicht einmal die Zahl von einer Million Toten
lässt sich im Zusammenhang mit diesem Lager bestätigen.
Nur die Tötung von einigen Hunderttausend hat Beweiskraft.
Die meisten der genannten Gruppen gelangten nach dem Osten.
Als ermordet können nicht solche zählen,
die als Banden liquidiert wurden
oder die als Überläufer in den feindlichen Armeen fielen.
Es wird uns in diesem Prozess nur allzu deutlich,
welche politischen Absichten hier die Aussagen bestimmten,...
die untereinander zu verhandeln
die Zeugen reichlich Gelegenheit hatten.
Dies ist eine bewusste und gewollte Missachtung
und Kränkung der Toten des Lagers
und der Überlebenden, die sich bereitgefunden haben,
hier auszusagen.
In diesem Verhalten wird offensichtlich
die Fortsetzung jener Gesinnung demonstriert,
die die Angeklagten in diesem Prozess schuldig werden ließ.
Dies soll mit Nachdruck
und mit aller Deutlichkeit festgestellt werden.
(Richter) Angeklagter Mulka, wollen Sie uns sagen,
was Sie im Rahmen der Vernichtungsaktionen
gewusst und angeordnet haben?
Ich habe nichts Diesbezügliches angeordnet.
Haben Sie nichts von Vernichtungsaktionen erfahren?
Erst gegen Ende meiner Dienstzeit.
Ich war von Abscheu erfüllt.
Wenn Sie so von Abscheu erfüllt waren,
warum weigerten Sie sich dann nicht, teilzunehmen?
Ich war Offizier und kannte das Militärstrafgesetz.
Sie waren kein Offizier.
Doch, ich war Offizier.
Sie waren kein Offizier.
Sie gehörten einem uniformierten Mordkommando an.
Meine Ehre wird angegriffen.
Angeklagter Mulka, es handelt sich um Mord.
Wir waren davon überzeugt, dass diese Befehle...
einem versteckten Kriegsziel dienten.
Herr Präsident,
ich bin darunter fast seelisch zerbrochen.
Ich wurde so krank, dass ich ins Lazarett musste.
Aber das muss ich hier betonen,...
dass ich alles nur von außen sah...
und ich meine Finger aus der Sache hielt.
Hohes Gericht, ich war gegen diese ganze Angelegenheit.
Ich wurde selbst Verfolgter des Systems.
Was geschah Ihnen denn?
Ich wurde verhaftet,...
weil ich mich defätistisch geäußert hatte.
Drei Monate saß ich in Haft.
Nach meiner Freilassung geriet ich in die Terrorangriffe des Feindes.
Viele konnte ich damals noch retten.
Als ich als Soldat bei den Räumungsarbeiten half.
Mein eigener Sohn kam um.
Herr Präsident.
Man soll in diesem Prozess nicht die Millionen vergessen,
die für unser Land ihr Leben ließen.
Man soll nicht vergessen, was nach dem Krieg geschah.
Und was immer noch gegen uns vorgenommen wird.
Wir alle,
das möchte ich nochmals betonen, haben nichts
als unsere Schuldigkeit getan.
Selbst wenn es uns oft schwerfiel...
und wenn wir daran verzweifeln wollten.
Heute,...
da unsere Nation sich wieder zu einer
führenden Stellung emporgearbeitet hat,...
sollten wir uns mit anderem befassen als mit Vorwürfen,
die längst als verjährt angesehen werden müssten.
(beklemmende Klänge)
(Die beklemmenden Klänge verebben.)
(ruhige triste Streichmusik mit Gesang von Beth Gibbons)
("II. Lento E Largo, Tranquillissimo" von Henryk Mikołaj Górecki)
(Die ruhige triste Streichmusik mit Gesang läuft weiter.)
Untertitel: D-Facto Motion GmbH 2024 Anne Panier
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