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Charisma spielt eine große Rolle.
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Eine spannende Persönlichkeit, das fand jeder.
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Freundlich und vornehm.
"Bitte nimm mein Geld und kauf
damit Kunstwerke", dachte man.
Ein faszinierender, ziemlich junger Mann,
der in Mayfair plötzlich eine Galerie eröffnete.
Komisch, er tauchte aus dem Nichts auf.
Ein kometenhafter Aufstieg.
Privatjets, Yachten, Sardinien,
Sternelokale, Anzüge für 5.000 Dollar.
Kunst zu kaufen und zu hoffen,
dass später jemand mehr dafür bezahlt,
ist ein hohes Risiko.
Er hat auf eine Wertsteigerung der Künstler gewettet,
um ein, zwei Millionen Gewinn zu machen.
Der Wert seiner Künstler stieg plötzlich nicht mehr.
Auf der Suche nach einer Lösung
stapft man manchmal noch weiter in den Morast,
aber dann klappt's wieder nicht, und man gerät tiefer und tiefer hinein.
Das Kartenhaus fällt sehr schnell in sich zusammen.
Er ist geflohen.
Einer der weltweit erfahrensten Galeristen ließ sich von diesem jungen Kerl,
der keine 30 war, einwickeln.
Der Kunsthändler meinte: Ich war mit fünf Kollegen beim Essen,
und jeden von uns hat Inigo Philbrick aufs Kreuz gelegt.
Die Szene ist eine Kloake.
Betrug ist an der Tagesordnung.
TRANSAKTIONSVERTRAG
Die Kunstszene kommt in dem Fall nicht gut weg.
Gar nicht gut.
INIGO PHILBRICK, DER BETRÜGER
Als ich von der Sache hörte, war mir klar,
DER MINI-MADOFF DER KUNSTWELT UND ICH
DIE PHILBRICK-SAGA: VOM WUNDERKIND ZUM KUNSTBETRÜGER
dass es viele Betrugsopfer gab.
Der "Mini-Madoff" der Kunst, so nennen
manche seiner Freunde Inigo Philbrick.
MILLIONENBETRUG: EIN KUNSTHÄNDLER VERSCHWINDET
Inigo Philbrick wird 1987 geboren. Nach dem Besuch
der Highschool in Redding, Connecticut, übersiedelt er nach England,
und beginnt an der renommierten Londoner Goldsmith University ein Kunststudium.
Sein Weg war anfangs ziemlich geradlinig.
Er kam nach London
und arbeitete in der bekannten Galerie "White Cube",
geführt vom charismatischen Galeristen Jay Jopling.
Er erwies sich als wertvoller Mitarbeiter und erzielte deshalb Vereinbarungen,
die ihm immer mehr Freiheit ließen.
Erst als eine Art Joint Venture,
dann arbeitete er verstärkt auf eigene Rechnung,
aber gleichzeitig weiterhin für White Cube.
Jopling unterstützte ihn und verschaffte ihm Aufträge.
Niemand ist ein Jahr Praktikant bei Jay Jopling
und leitet ein Jahr später eine eigene Galerie,
mit, wie vielen Jahren? 23, 24?
Die meisten, die in der Kunstszene ein Praktikum beginnen,
dürfen ein Jahr später dem Verkaufsleiter den Kaffee holen,
das ist dann schon das Höchste.
Aber dass jemand dann gleich den Sekundärmarkt
dieser riesigen Londoner Galerie leitet, dazu noch "Modern Collections",
eine neue Galerie von Jopling.
Inigo ist keine 30 und dort der Chef.
Erstaunlich.
Er muss unfassbares Talent und enormen geschäftlichen Instinkt bewiesen
und gute Kontakte gehabt haben, um das zu schaffen.
Ich glaube, er war einfach ein dreister Verhandler.
Und hat das Risiko nicht gescheut.
Wenn man kein Risiko eingeht und nicht
auf seinen Instinkt vertraut, kommt man auf dem Markt nicht weit.
Inigo Philbrick wurde allgemein als charismatisch und charmant wahrgenommen.
GEORGINA ADAM KUNSTJOURNALISTIN UND AUTORIN
Er hatte den richtigen Background.
Aber da war immer auch ein Hauch Arroganz und Anmaßung,
was vielleicht nicht mal schlecht war,
denn lustigerweise nehmen Aufschneider Menschen für sich ein.
Ein gutaussehender junger Mann, der sich gut ausdrücken kann,
er galt als eine Art Goldjunge.
Er hat sich mit vielen Künstlern befasst, sich auf einige aber spezialisiert.
Sein Wissen über diesen Markt war ein Kaufargument.
So läuft das. Man geht lieber zu jemandem,
der über ein Marktsegment besonders gut informiert ist
und alle Käufer und Verkäufer kennt.
Inigo Philbrick kannte ein paar Künstler extrem gut,
vor allem Christopher Wool, der sehr hohe Preise erzielt,
und Rudolf Stingel.
Er kannte jedes Gemälde mitsamt dessen Wert
und dem Verkaufspreis.
Sein Vater war Kurator in einem Museum, er ist also mit Kunst aufgewachsen.
Er kannte sich aus und hat gute Deals abgeschlossen.
Mit einer deutschen Firma hatte er gute Geschäfte gemacht.
Sie kauften ein Kunstwerk,
und er verkaufte es dann mit Gewinn weiter, an dem er selbst wiederum
einen Anteil erhielt.
Dass er einige Marktsegmente sehr gut kannte, war anfangs sein großer Vorteil.
Nachdem er im Londoner Nobelviertel Mayfair eine Filiale von Joplings
"White Cube" eröffnete, spezialisiert sich Inigo
in Eigenregie auf den Sekundärmarkt.
Der sogenannte Primärmarkt funktioniert so:
Ein Künstler schafft seine Werke, die Galerie stellt sie aus
und organisiert eine Vernissage.
Da gibt es kostenlos Wein, alle kommen,
und neben den Bildern tauchen kleine rote Punkte auf,
die anzeigen: Bild verkauft.
So in etwa funktioniert der Kunstmarkt,
so nimmt man ihn wahr.
Wenn die Käufer die Bilder mitnehmen, gelangen diese auf den Sekundärmarkt.
Oftmals behalten diejenigen,
die bei der Vernissage etwas kaufen, das Werk nur so lange,
bis der Galerist einen verspäteten Interessenten hat,
der ihm das Werk wieder abkauft.
Der Sekundärmarkt kann unter Umständen sehr lukrativ sein.
Mit seiner Hilfe haben Leute also
ein Werk in der Hoffnung erworben, es mit Gewinn rasch zu verkaufen.
Die Leute wollen das Bild nicht bei sich aufhängen,
es ist nur eine Handelsware.
Ich würde sagen, auf dem Sekundärmarkt wechseln Gemälde selten den Besitzer,
STIMME VON INIGO PHILBRICK
ohne dass ich wenigstens irgendwie am Rande involviert bin.
Die Werke verblieben oftmals in sogenannten Freilagern,
auch als Zollfreigebiet bekannt.
Das sind schwer bewachte Lagerhäuser,
oftmals neben Flughäfen, in denen man wertvolle Güter
sicher lagern kann, ob nun Kunst, Wein oder Gold.
Dort landet Kunst, die nur ein Investment darstellt.
Wenn man in etwas investiert, will man nicht,
dass es auf Omas Tisch liegt
und jemand aus Versehen Wein darüber schüttet.
Man möchte das Investitionsobjekt in Sicherheit wissen.
Und wenn es im Freilager bleibt, wird auch keine Zollgebühr fällig.
Eine ziemlich gute Methode, Steuern und Abgaben zu umgehen.
Die Welt der Kunst ist ein Haus mit vielen Zimmern.
Es hat unterschiedliche Flügel,
und hier sprechen wir über den teuersten: Gemälde, die Millionen kosten.
Auf diesem Markt begegnet man außerordentlich reichen Leuten.
Man ist oft versucht,
ihren Lebensstil zu kopieren, auch wenn man das eigentlich gar nicht kann.
Man verdient vielleicht durchaus viel, aber nicht so viel.
"Geschäftemacher" beschreibt ihn, denke ich, am besten.
Er war ein sehr talentierter Jungspund, ein Überflieger.
JUDD GROSSMAN KUNSTANWALT VERTRITT
PHILBRICKS OPFER
Er hat über seine Verhältnisse gelebt
und er liebte den Lifestyle –
den der Investoren und Sammler, mit denen er zu tun hatte.
Aber er hat sich wirklich früh einen guten Namen gemacht,
und seine Karriere in der Branche ging steil nach oben.
Ein kometenhafter Aufstieg,
wegen des Gesamtpakets, das er darstellte.
Die Gemälde, die er gehandelt hat,
waren ein Symbol dieses Lebensstils.
Er hat in der Welt seiner Kunden mitgespielt.
Die passende Kleidung, die Uhren, der Wein, die Flugzeuge.
Inigo lernte den britischen
Reality-TV-Star Victoria Baker-Harber kennen
aus "Made in Chelsea".
Geht dich 'nen Scheiß an, du dumme Pute!
-Stopp, Schlampe! -Halt dein fettes Scheißmaul,
du fette Pute!
Er ist ihr 2018 begegnet, und schnell waren sie ein Paar.
Sie haben ihren hedonistischen Lebensstil genossen,
Party pur.
Sein Leben war ein Tanz auf dem Vulkan, besonders, seit er Victoria kannte.
Seinem engen Freund Kenny Schachter zufolge waren Drogen...
Prostituierte...
und Wein für 5.000 Dollar die Flasche im Spiel.
Und Privatjets.
Dieses Leben ist ihm wohl zu Kopf gestiegen.
Einige Leute in der Kunstszene leben so.
MARION MANEKER KUNSTMARKTANALYTIKER UND AUTOR
Meist auf Kosten anderer Vermögen, zu denen sie irgendwie Zugang haben.
Es gibt sehr wenige Menschen, die sich das Geld
für einen solchen Lebensstil selbst erarbeitet haben,
und wenn, dann meistens erst nach einer langen Karriere.
Dass ein Inigo Philbrick mit Privatjets flog
und mit so viel Geld um sich warf,
hat das Vertrauen vieler Leute in ihn beschädigt.
Für zwei Dinge ist der Kunstmarkt bekannt:
Zum einen werden Geschäfte noch per Handschlag besiegelt,
wenn man sich kennt, setzen nicht erst Anwälte
komplizierte Verträge auf.
Du kennst die Person, Hand drauf, erledigt.
Der Kunstmarkt ist undurchsichtig,
weil die Marktteilnehmer das meist so wollen.
"Undurchsichtig" bedeutet: Man verschleiert
die Identitäten der Geschäftspartner, die Informationen sind vertraulich.
Das Sammeln von Kunst
war von Beginn an eine sehr persönliche Angelegenheit.
Natürlich in erster Linie wegen der Investitionen, die damit verbunden sind.
Aber etliche Menschen bewahren die Kunst dann auch zu Hause auf
und möchten nicht, dass jemand anderes davon weiß.
Niemand soll etwa erfahren,
warum jemand vielleicht gezwungen ist, ein Werk zu verkaufen.
Aus vielen Gründen
verschleiern die Marktteilnehmer ihre Identität, so gut es geht.
Der Kunstmarkt ist undurchsichtig. Das ist eines seiner Probleme.
Es ist nicht immer klar, wer da etwas verkauft.
TRANSAKTIONSVERTRAG
Bei Auktionen kennt man den Käufer nicht,
er ist eine Nummer.
Wie früher auf dem Diamantenmarkt
geschehen in der Kunstszene eine Menge Dinge nur per Handschlag.
Darin liegt ein gewisser Charme und gleichzeitig ein großes Risiko.
Wie bei vielen Hochstaplern war die anfängliche prompte Auszahlung des Gewinns
an seine Partner der Schlüssel zum Erfolg.
Er hat Vertrauen aufgebaut und das Gefühl erzeugt,
dass man mit ihm den anderen eine Nasenlänge voraus war.
So ließ man ihm immer mehr Leine.
Ich hasse es, das zuzugeben, aber Menschen sind dumm.
Die Leute werden von der aufregenden Kunstszene angelockt.
CHRIS MARANELLO GRÜNDER, ART RECOVERY INTERNATIONAL
Herrliche Gemälde,
das Instagram-Leben von Inigo Philbrick mit Privatjets,
HAUSARREST
Yachten, Sardinien, Sternelokalen, Anzügen für 5.000 Dollar.
Sieht fantastisch aus.
Also wirft man mit Geld nach ihm, ohne Fragen zu stellen,
ohne die Werke und die Geschäftspartner zu überprüfen.
Die Leute wollten ihm glauben. Sie handeln ohne Verträge.
Sie werden Opfer eines Betrugs,
und dann schließen sie wieder ohne schriftlichen Vertrag ein Geschäft ab.
Warum? Sie sagen: "Ich will mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen,
den Händler nicht vor den Kopf stoßen,
ich will ja noch mehr Angebote bekommen und nicht nerven."
Wenn man so agiert, wird man früher oder später zum Opfer.
Als Inigo nach einigen erfolgreichen Multi-Millionen-Dollar-Deals
hoch im Kurs steht,
gründet er in Miami eine weitere Kunstgalerie.
Ende 2018 hat er seine Galerie im "Design District" von Miami eröffnet.
ANNA BRADY KUNSTMARKTREDAKTEURIN / THE ART MAGAZIN
Dass er sie gerade dort eröffnet hat, ist etwas seltsam.
In Miami findet man nicht viele renommierte Galerien.
Es gibt eine große Kunstmesse, aber nicht viele Top-Galerien.
Warum er in Miami statt im naheliegenderen New York eröffnet hat, bleibt unklar.
Vielleicht aus seinem Lebensgefühl heraus,
dort gibt's ja massenhaft Partys und Geld
und auch viele Sammler.
Vermutlich hat man sich gedacht, dass er deshalb dort eine Filiale aufgebaut hat –
weil es gewissermaßen zu seinem Stil passte.
Er hat ein Werk in der Annahme erworben, dass er es viel teurer an jemand anderen
weiterverkaufen könnte.
Eine Zeit lang war das wohl auch so,
das passiert auf dem Kunstmarkt.
Es gibt manchmal einen Aufschwung.
Inigo hat fälschlicherweise geglaubt, der Markt sehe immer so aus,
nicht nur punktuell.
Er besaß ein Werk, und wenn er es nicht sofort viel teurer weiterverkaufen konnte,
musste er seine Kosten anderweitig decken.
Er bot das Werk dann Leuten in der Kunstszene
als Beteiligung an.
Er hat also, sagen wir,
ein halbes Werk vier Mal verkauft, das Geld genommen und gedacht:
"Gut, ich verkaufe das Ding ja bald doppelt so teuer
und überlege mir später, wie ich die Teilhaber auszahle."
Wenn ihm das nicht gelungen ist, hat er sich gesagt:
"Wo kann ich noch Geld herbekommen, wenn ich das Werk nicht verkaufen kann?"
Dann hat er sich an Leute gewandt,
die Kunstwerke beleihen.
Soweit ich weiß, dienen Kunstwerke als Basis für ein Kreditvolumen
GEORGINA ADAM KUNSTJOURNALISTIN UND AUTORIN
von insgesamt rund 20 Milliarden jährlich.
Wie bei einer Hypothek,
wie das Haus dient das Kunstwerk als Sicherheit für den Kredit.
Man übergibt das Werk zeitweise
einem darauf spezialisierten Unternehmen oder einer Bank
und erhält im Gegenzug den Kredit.
Wenn man ihn nicht zurückzahlt, behält der Kreditgeber das Kunstwerk.
Er lieh sich von der Firma "Athena" Geld.
Er nutzte eine Art Pool von Kunstwerken als Sicherheit für solche Kredite.
Schwer zu durchschauen:
Wenn seine Vereinbarung mit einem Investor nirgends verzeichnet war, konnte die Firma
nicht erkennen, dass die Kunstwerke,
die man bei Athena als Sicherheit nahm,
gar nicht voll in seinem Besitz waren.
Er erwarb also ein Werk,
mit dem Geld der Leute, die Anteile daran gekauft hatten.
Zu viele Anteile und weit über Wert.
Er sprach sie an und sagte: "Ich will ein Werk kaufen,
es kostet 20 Millionen.
Willst du für zehn Millionen den halben Anteil?"
Dann kaufte er das Werk, aber für 10 Millionen Dollar.
In seiner Denke erhielt er so einen halben Anteil umsonst.
Damit war er aber nicht zufrieden,
er belieh das Werk dann mit 20 Millionen
und bekam so 10 Millionen direkt ausgezahlt.
Als der Markt nachgab,
stand er mit dem Rücken zur Wand.
Er musste sich eine Ausrede überlegen, wenn jemand fragte:
Wir haben eine Vereinbarung mit Christie's bestätigt
"Hey, was ist mit dem Geld passiert?" Oder: "Wann verkauft du's?"
Er musste dann Dokumente mit Garantien für Auktionen vorlegen.
GARANTIESUMME: 9.000.000 USD
Eines der Werke gab er mal in die Auktion, jemand bot dann dafür
und kaufte es, aber nur als Strohmann für Philbrick.
Der Betrug war nicht nur, dass sie mehr als 100 Prozent Anteile
an einem Werk verkauften.
Sie fälschten auch Rechnungen und erfanden Prominente,
die ein Werk angeblich besaßen, um ihm Glanz zu verleihen.
Sie brachten sogar einen japanischen Freund von ihnen dazu,
sich als japanischer Milliardär auszugeben,
um dem Deal eine Autorität zu verleihen, die sie selbst nicht besaßen.
Sie erfanden Begriffe für ihre Opfer.
"Einen Kunden mästen" hieß,
den Wert für ein Kunstwerk zu hoch anzugeben und die Opfer zu überzeugen,
dass sie in das Werk unbedingt investieren mussten.
Sie machten sich über ihre Geldgeber lustig.
Sie lachten über sie und gaben dann
deren Geld für Luxusgüter aus,
für 5.000-Dollar-Anzüge... Parfum für die Hunde...
Privatjets...
und teure Apartments,
die sie ihren Kunden dann stolz vorführten.
Philbrick musste sich anderen überlegen fühlen.
Leute übers Ohr zu hauen war für sein Selbstwertgefühl wichtig.
Wie Bernie Madoff
spürte er Macht dadurch, dass er Menschen hinters Licht führte.
Deshalb auch die Protzerei mit Privatjets
und Schampus in Clubs und all das.
Diese Leute,
und Inigo ganz besonders, ließen sich vom Gedanken hinreißen,
dass sie, weil sie kurzzeitig wirklich Erfolg hatten,
immer erfolgreich sein würden.
Er dachte wohl auch, dass er schlauer als alle anderen war.
Er hielt sie für Idioten.
Sein Image spielte eine enorme Rolle. Er demonstrierte seinen Kunden gegenüber
optisch und psychologisch,
dass er in dem, was er tat, gut war und einen Haufen Geld machte.
Seine eigene Galerie in Mayfair,
Flüge mit dem Privatjet, der Genuss teurer Weine.
All das sandte die Botschaft: "Ich weiß, was ich tue.
Mach mit. Wir teilen den Erfolg."
Das alles war lange Teil des Kunstmarkts und auch unser Geschäft.
Hier entlang der Madison Avenue sind viele Top-Galerien der Welt Tür an Tür gereiht,
in Stadthäusern, die achtstellige Summen kosten und im Eigentum
der Inhaber sind.
Wir haben aber unzählige Prozesse geführt, die offenlegten, dass diesen Top-Galerien
das Wasser bis zum Hals stand.
Die Häuser sind im wahrsten Sinne des Wortes nur Fassade,
um die Kunden mit vermeintlichem Erfolg zu beeindrucken:
Kauf bei uns ein Gemälde und sein Wert explodiert.
Um seinen Aufstieg fortzusetzen
und sein ambitioniertes Image zu wahren,
hat er sich immer tiefer reingeritten.
Sein Betrug wurde dreister,
die Summen, die im Spiel waren, immer unerhörter,
damit er die Fassade und sein Kartenhaus aufrechterhalten konnte.
Unter anderem wurde er später auch wegen Identitätsdiebstahls angeklagt.
Er schrieb den Namen von jemand anderem auf einen Vertrag,
den er einfach gefälscht hatte.
Er fälschte die Unterschrift der Person,
die davon natürlich nichts ahnte.
In dem Vertrag
rechnete er eine Provision ein, die Summen flossen angeblich
zur treuhänderischen Verwaltung aufs Konto einer etablierten Anwaltskanzlei
hier in Manhattan, die mit der Sache gar nichts zu tun hatte.
Das ganze Konto war ein Lügenmärchen.
Er fälschte sogenannte Konsignationsverträge mit Christie's.
Inklusive Unterschriften.
Das war bei weitem nicht mehr nur ein bisschen fahrlässig,
sondern auf dreiste Art und Weise kriminell.
Er dachte sich bekannte und auch teils neuartige Wege aus,
DR. SHARON FLESCHER GESCHÄFTSFÜHRERIN
Menschen zu betrügen.
INTERNATIONALE STIFTUNG FÜR KUNSTFORSCHUNG
Manche dieser Wege,
zum Beispiel der Verkauf von mehr als 100 Prozent der Anteile an einem Gemälde,
waren in meinem Lieblingsfilm "The Producers" von Mel Brooks lustig,
aber wenn man in einem solchen Betrug
der Geschädigte ist, ist das gar nicht lustig.
Schockierende Betrügereien sind das, ehrlich gesagt, in allen Spielarten:
mit Tricks den Preis hochtreiben,
Urkundenfälschung.
Ich könnte die Liste endlos fortsetzen.
Wenn jemand fragt: "Worin genau bestand der Betrug?"
Dann antworte ich:
"Moment, ich muss die Methoden erst mal zählen."
Je länger Philbricks Betrug andauert,
desto schwerer wird es, die Fassade aufrechtzuerhalten,
mit nur wenigen Gemälden einer kleinen Zahl von Künstlern.
In einer Epoche gibt es viele Künstler, die beliebt und teuer sind.
20 Jahre später wird man ihre Werke kaum mehr los,
KUNSTMARKTANALYTIKER UND AUTOR
und weitere 20 Jahre später sind sie wieder sehr gefragt.
Das macht die Sache interessant.
Der Markt hat Höhen und Tiefen.
Es muss günstige Gelegenheiten
ebenso geben wie die Möglichkeit, Gewinne zu machen.
Die Einstellung zur Kultur ändert sich stetig.
Die Künstler, die wir heute für wichtig halten,
dürfen nicht dauerhaft die Wichtigen sein.
Es gibt immer neue Ideen und Bedürfnisse,
wie wir unsere Vergangenheit und deren kulturelle Zeugnisse wahrnehmen wollen.
Im Moment reagiert der Kunstmarkt so schnell auf Trends,
dass man nicht weiß, ob etwa
das Interesse an Rudolf Stingel plötzlich genau dann nachlässt,
wenn man eigentlich einen hohen Preis erzielen will oder muss.
Ungefähr 2016 gab der Markt nach, und die Preise vieler Künstler,
mit denen er handelte, stagnierten.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er oft Preisgarantien für Auktionen gegeben
oder Werke gekauft.
Wenn er sich verkalkuliert hatte, bezahlte er die Gläubiger,
die zuerst dran waren,
einfach mit Erlösen aus anderen Verkäufen.
Auktionshäuser bezahlte er immer.
Dadurch wurde er von Auktionen nicht ausgeschlossen
und konnte somit seinen guten Ruf wahren.
Andere Leute hielt er hin und zog sie über den Tisch.
Ich hoffe, alles ist gut und danke für das Bild,
ich liebe es. Ihre Zinszahlung wird Ihnen bis Mittwoch zugehen
Er raubte gewissermaßen Peter aus, um Paul zu bezahlen.
Es wurde allmählich eng. Er machte immer weiter damit,
einerseits neue Leute mit hineinzuziehen, denen er dann Geld schuldete
und die er bezahlen musste, damit sie stillhielten.
Andererseits warf er weiter Geld aus dem Fenster.
Das Risiko, das er einging, wurde immer größer.
Er manövrierte sich in eine Lage,
die ihm völlig über den Kopf wuchs.
Inigo kann sich aus dem Schlamassel nicht mehr befreien.
Sein Lügengebäude wächst weiter
und wird immer komplexer.
Er musste andere um finanzielle Hilfe bitten, sie sollten Anteile übernehmen.
In der Kunstszene an sich nichts Ungewöhnliches,
aber ein Vertrauensvorschuss, wie er ihn wollte, schon.
Es war deshalb wichtig, dass die Leute früh Geld sahen.
Sie wurden dann unvorsichtig und fragten meist nicht mehr so genau nach.
Einzelheiten wissen wollten, zerbrach sein Konstrukt.
Es stürzte in sich zusammen, weil er den Fehler beging,
jemanden zu dreist um zu große Summen erleichtern zu wollen,
und diese Partei hatte gute Gründe, ihn festzunageln.
Das gab den Ausschlag.
Einmal behauptete er, für ein Werk
eine bestimmte Preisgarantie für eine Auktion bei Christie's
erhalten zu haben.
Aber das Dokument hatte er gefälscht, und das kam ans Licht.
WIR GEHEN DAVON AUS, DASS DAS EIN GEFÄLSCHTES DOKUMENT IST
Da fiel es allen wie Schuppen von den Augen.
Er schloss seine beiden Galerien.
Sie verklagten ihn in Florida,
KLAGE AUF HERAUSGABE VON EIGENTUM UND VERTRAGSBRUCH
teils wohl auch, um einige Werke in seiner Galerie in Florida zu beschlagnahmen.
Ihnen war meiner Ansicht nach nicht ganz klar, dass die Klageschrift
öffentlich einsehbar war.
Und wenn sich in der Kunstszene eine Person
die Dokumente besorgt,
zirkulieren sie überall.
Im September oder Oktober 2019
wurden die Papiere unterschrieben
und innerhalb von einer oder anderthalb Wochen erreichten sie jeden.
Ein Teil der Kunstszene kommt kurz nach Thanksgiving
in Miami zusammen, zur "Art Basel Miami Beach".
Dort wurde diese neue Information diskutiert.
Da war er dann schon von der Bildfläche verschwunden.
Er floh nach Vanuatu,
das ist eine Gruppe winziger Inseln im Pazifik.
Und er dachte: "Da kriegen sie mich nicht."
Auf den kleinen Inseln glaubte er sich in Sicherheit.
Keiner dieser Betrugsversuche in der Kunstszene wird je
gänzlich erfolgreich sein.
JUDD GROSSMAN KUNSTANWALT VERTRITT PHILBRICKS OPFER
Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen.
Wie in jedem Kriminalfall sagt es eine Menge über den Täter aus,
wie er mit dieser Situation umgeht.
Das war ja nicht der erste Betrugsfall mit Kunstwerken
und auch nicht der letzte.
Aber anders als einige vor ihm hat er nicht voll gestanden,
nicht mit den Behörden kooperiert und nicht reinen Tisch gemacht.
Gleichzeitig hat er durchblicken lassen,
dass er einen Verfehlung begangen hatte,
indem er in den Südpazifik abhaute.
Seine Opfer, denen er teils nahestand, hat er eiskalt sitzen lassen.
Das Kartenhaus fiel zusammen und ihm wurde klar,
dass das unvermeidlich war,
als er einigen seiner Opfer Teilgeständnisse machte.
Sobald der Betrugsfall angezeigt wurde
und der US-Staatsanwalt Anklage erhob,
sahen sich Ermittler einige der Deals an und nahmen Kontakt zu den Händlern auf.
Etliche Anwälte wurden hinzugezogen, weil es in vielen Fällen Zivilklagen gab,
nicht nur Verfahren im Sinne des Strafrechts.
Leider sind manche Werke
aus diesen Zivilverfahren
bis heute nicht wieder aufgetaucht.
Andere schon, aber die Eigentumsansprüche sind unklar.
Das können dann nur Zivilverfahren ordnen,
die sind extrem teuer und zeitraubend.
Die Anwaltskosten sind exorbitant und übersteigen manchmal den Streitwert.
So sind die Opfer erst mit dem Betrug an sich geschlagen
und dann ein zweites Mal beim Versuch,
wenigstens einen kleinen Teil ihrer Ansprüche einzuklagen.
Furchtbare Lage.
Die Kriminellen wissen, wie sie der Justiz entkommen können,
und das Rechtssystem ist zu langsam, um Schritt zu halten.
Er setzte sich nach Vanuatu ab und lebte dort in Saus und Braus,
was glauben Sie wohl, mit wessen Geld?
Von dem Moment an, als der Verdacht auf Betrug im Raum stand,
ging alles sehr schnell.
Wir haben so viele Informationen gesammelt, wie wir konnten.
Wir haben versucht zu ermitteln, wo sich die Werke befinden,
wer mögliche Ansprüche hat und wie wir diese Personen kontaktieren können,
um das Geflecht so rasch wie möglich zu entwirren.
In manchen Fällen konnten wir die Eigentumsansprüche unmittelbar
ohne Verfahren aufklären.
In anderen Fällen wurde das leider durch Rechtsstreitigkeiten verzögert.
In den ersten Monaten aber haben wir alles daran gesetzt,
um möglichst viele Informationen zu sammeln.
um einen Vorsprung zu bekommen.
Interessant waren an diesem Betrugsfall nicht nur die enormen Gelder
die im Spiel waren, und die namhaften Werke.
Im Vergleich zu den großen Summen, um die es ging,
war die Zahl der Opfer relativ klein.
Es handelte sich um eine Handvoll Investoren,
zu denen er eine Beziehung aufgebaut und ihnen mit einigen Deals
nachweislich auch Gewinne verschafft hatte.
Damit bewies er, dass er Zugang zu den richtigen Werken
und ein gutes Auge besaß.
Er ist talentiert,
nicht nur als Krimineller, sondern auch als Kunsthändler.
Er weiß, welche Märkte welche Kunstwerke schätzen,
und er kam an diese Werke und ihre Käufer auch heran.
Eine Lizenz zum Gelddrucken.
Er war in der Lage,
geschäftlich und auch privat mit diesen Leuten eine Beziehung aufzubauen,
mit Menschen, die er letztlich ausgebeutet hat, um seinen Betrug zu begehen.
Wenn man Opfer eines Betrugs wird, fühlt man sich verraten,
erst recht in einem Fall wie diesem,
in dem die Opfer mit dem Täter enge Geschäftsbeziehungen
und manchmal sogar persönliche Beziehungen entwickelt haben,
wie das in jeder Branche vorkommt.
Die Kunstszene ist allerdings ein sozialer Marktplatz.
Die Leute machen hier Geschäfte, die in anderen Branchen nicht üblich sind,
nämlich nicht am Konferenztisch,
sondern beim Essen, auf einer Kunstmesse,
auf Reisen oder am Rande eines Festivals.
Das Ganze besitzt also eine starke soziale Komponente,
wenn man dann betrogen wird,
ist das ohne Frage ein schwerer Vertrauensbruch.
Betrüger sind ja beinahe per Definition Menschen,
die sich das Vertrauen anderer,
durchaus auch gebildeter Menschen erschleichen.
Einige, die Philbrick hintergangen hat
und die nun in Prozesse verstrickt wurden, sind sehr gebildet.
Sie haben nach den richtigen Dokumenten gefragt,
wurden aber trotzdem geleimt, weil die Dokumente gefälscht waren.
Sicher kann man sagen, du musst deine Hausaufgaben machen.
Aber soweit ich in den Akten gelesen habe,
hatten einige Opfer ihre Hausaufgaben gemacht, wenn auch rückblickend
vielleicht nicht so gut wie nötig.
Diese Dinge sind nicht immer leicht zu recherchieren,
vor allem, wenn man von jemandem belogen wird,
dem man vertraut.
Wir lassen uns alle einlullen.
"Das sind meine Freunde, ich hab' mit denen seit Jahren zu tun,
die sind verlässlich."
So entsteht Vertrauen in Hochstapler.
Sie bauen dieses Vertrauen erst auf und ziehen dann daraus Vorteile für sich.
Vielleicht geben sie dir Geld,
dann denkst du: "Oh, dem kann ich nicht nur vertrauen,
ich bekomme sogar was von ihm."
Ein Sprichwort sagt: Einen Ehrlichen kann man nicht betrügen.
Weiß nicht, ob das stimmt.
Wirklich ärgerlich für die Beteiligten ist aber,
dass sie dazu gebracht wurden, unvorsichtig zu werden,
bewährte Methoden außer Acht zu lassen,
nicht sicherzustellen, dass sie selbst das Sagen oder angemessene Kontrolle hatten.
Dass er das ausnutzte.
Während die Kunstszene in Panik die Nachrichten von dem Betrug verfolgt,
lässt Inigo Philbrick es sich in Vanuatu gutgehen.
Er lebte in Vanuatu anscheinend ganz komfortabel.
ANNA BRADY KUNSTMARKTREDAKTEURIN / THE ART MAGAZIN
Seine Identität zu verschleiern, hat er nicht versucht.
Er benutzte seinen richtigen Namen
und erzählte Einheimischen sogar, dass er in der Kunstszene tätig war.
Er nahm Tennisstunden,
er engagierte sich ehrenamtlich in einem Heim für verlassene Hunde.
Sie adoptierten einen Hund
und wurden oft bei Spaziergängen im Sonnenuntergang am Strand beobachtet.
Fast jeden Tag ging er ins Café, viele Einheimische kannten ihn.
Eines Tages spaziert er da in Shorts und Flip-Flops
und wird plötzlich von Männern angesprochen:
"Sind Sie Inigo?"
Er sagt ja und die FBI-Agenten verhaften ihn.
Widerstand leistet er nicht.
Sie legen ihm Handschellen an und eskortieren ihn zu einem Flugzeug.
Ich weiß noch, wo ich war, als ich erfuhr, dass ihn das FBI aufgespürt
und in Vanuatu verhaftet hatte.
Das war im Sommer 2020.
Wir hatten mit dem FBI zusammengearbeitet
und so viele Infos für ihre Ermittlungen weitergereicht, wie wir konnten,
dann überbrachten sie die tolle Nachricht.
Und ab diesem Zeitpunkt begann
das Strafverfahren parallel zu unseren Zivilklagen.
Diese beiden getrennten Verfahrenswege werden oftmals koordiniert,
damit einerseits die Regierung den Betrüger bestrafen kann
und andererseits die Opfer des Betrugs auch in den Zivilverfahren
hoffentlich Fortschritte erzielen und entschädigt werden können.
Inigo Philbrick hat sich nicht sonderlich schlau verhalten.
Er wohnte in einem Resort, das er schon einmal besucht hatte.
Verstecken kann man das nicht nennen.
Als alles auffliegt, ist man fast enttäuscht.
Keine magische Aura, bloß ein Lügner.
Ein armseliger Junge mit ernsthaften Persönlichkeitsstörungen,
dem ein paar Leute vertraut haben.
Er hat das Vertrauen ausgenutzt
und das Geld verschleudert, um cool zu wirken.
Rückblickend für alle Beteiligten eher peinlich.
Er wurde in ein US-Bundesgefängnis gebracht
und verbrachte dort,
zwei Jahre in Untersuchungshaft.
GEORGINA ADAM KUNSTJOURNALISTIN UND AUTORIN
Er bekannte sich im Prozess schuldig.
Er sagte zum Richter: "Euer Ehren, ich war's."
Ich habe wissentlich an einem Komplott zum Erlangen
von Geld und Güter
unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mitgewirkt.
NACHSTELLUNG VON PHILBRICKS AUSSAGE
Ich habe Dokumente gefälscht und Kunstsammlern, Investoren
und Kreditgebern falsche Zugeständnisse gemacht.
Ich habe wissentlich das Eigentum an Kunstwerken falsch zugeschrieben –
zum Beispiel, indem ich natürlichen und juristischen Personen insgesamt
mehr als 100 Prozent Anteile daran verkauft habe,
auch mithilfe von Telefongesprächen und E-Mails nach Manhattan.
Das Interesse an dem Prozess war enorm.
Allein schon wegen der beteiligten Geldsummen,
es ging um hunderte Millionen Dollar.
Aber auch, weil seine Verlobte ein Star
aus der britischen Fernsehserie "Made in Chelsea" war.
Vor zwölf Jahren
stieg ich in den prestigeträchtigen Kunsthandel ein
und musste mir vieles erschwindeln.
Als mir die Verbrechen und das Leid, das ich verursachte,
bewusst wurden,
hätte ich Freunden und Kollegen alles offenlegen müssen.
Der Erfolg
in jungen Jahren und mein Verlangen, kompetent zu wirken,
haben mein Urteilsvermögen getrübt
und das ursprünglich Erreichte zunichte gemacht.
Ich war in einer Situation,
in der Leute oft nur einen kurzen Blick auf etwas warfen
und meinten: "Wenn du das gut findest, machen wir's."
Ich bin diesen Weg weitergegangen,
obwohl mir bewusst war, dass die Idee zumindest
zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht gut war.
Stattdessen hätte ich Unklarheiten oder Missverständnisse aufklären müssen.
Ich hätte sagen sollen: "Ich habe gelogen."
Stattdessen habe ich Ausflüchte gesucht und in einer Scheinwelt gelebt.
Ist seine Reue echt? Tut es ihm wirklich leid?
Oder glaubte er, dass das Strafmaß geringer ausfällt,
wenn er sich reumütig und kooperativ gibt?
Seine Anwälte haben ihn ja beraten.
Ich weiß es nicht.
Zu diesem Zeitpunkt hatte er jedoch schon eine Tochter.
Vielleicht hoffte, dass er sie mit einem Schuldbekenntnis
noch aufwachsen sieht.
Unmöglich zu sagen, was seine Beweggründe sind.
Es gibt ohnehin immer mehrere unterschiedliche.
Er versuchte, sich aus dem Morast zu ziehen.
Er lebte auf großem Fuß
und konnte sich das gar nicht leisten.
Er hat offenbar auch Drogen konsumiert,
auch das kostet sehr viel Geld,
genauso wie Flüge mit Privatjets.
Er brauchte wohl einfach Geld, und zwar jede Menge
und immer mehr, weil seine Deals geplatzt sind.
Ich bin Philbrick mittlerweile einige Male persönlich begegnet, im Gerichtssaal.
Regungen des Bedauerns habe ich dabei nicht entdeckt, wirklich erstaunlich.
Es fällt mir schwer zu sagen: "Ich spüre, dass es ihm leid tut."
Leid tut ihm sicher, dass er geschnappt wurde.
Mehr sehe ich nicht und weiß auch nicht,
ob dieser Mann je Anzeichen von Reue zeigen wird.
Als der Richter ihn nach dem Schuldeingeständnis fragte,
was der Grund für seine Taten war, sagte er:
Geld, euer Ehren.
Keine Reue und Anerkennung, dass seine Opfer Schaden genommen haben.
Menschen, die wie gesagt eine enge Geschäftsbeziehung
bis hinab auf die persönliche Ebene mit ihm entwickelt hatten.
Mit manchen hat er gemeinsam Urlaub gemacht
und war bei Familienfeiern.
Das ist an sich schon wirklich verwerflich,
noch mehr aber, dass er bis dato kein Mitgefühl für sie zeigt.
Ich muss sagen, ich weiß nicht, was ihn antreibt.
Selbst bei seiner Urteilsverkündung, der er persönlich beiwohnte,
wirkte seine Reaktion völlig künstlich,
wie aus dem perfekten Drehbuch.
Er verlas eine vorbereitete Erklärung, legte sie dann aber ab und sagte:
"Ich möchte aus dem Herzen sprechen."
Wie in einem kitschigen Film.
Nichts was er sagte, ob nun von Herzen oder nach Drehbuch,
hat mich in irgendeiner Weise überzeugt.
Ich glaube, ihm wuchs alles über den Kopf,
und er setzte auf immer größere Risiken, um da rauszukommen.
Warum er glaubte,
dass das funktionieren könnte, weiß ich nicht.
Für jemanden, der äußerst intelligent ist, kann das nicht wirklich Sinn ergeben.
Er häufte Millionen Pfund an Verbindlichkeiten an.
Es wuchs ihm über den Kopf, aber dass er nicht gewusst haben will,
was er tat, kaufe ich ihm nicht ab.
Er wusste sehr genau, was er tat.
Ich glaube, er genoss es,
einige unvorstellbar reiche Menschen hereinzulegen.
Er weist alle Anzeichen einer Sucht auf.
Er ist eine suchtgefährdete Persönlichkeit,
vielleicht ging es nur um den Nervenkitzel der Deals.
Wie ein Spielsüchtiger musste er immer weitermachen
und wieder auf Sieg setzen.
Was natürlich nie geklappt hat.
Er geriet stattdessen immer tiefer in den Schlamassel hinein.
Richter Sidney Stein
verurteilt Philbrick zu einer Haftstrafe von sieben Jahren.
Ich glaube, immer wenn jemand mit einer gewissen Prominenz
in einem vielbeachteten Verfahren
schuldig gesprochen wird, statuiert man ein Exempel,
um mögliche Nachahmer abzuschrecken.
In diesem Fall hoffe ich in der Tat, dass das Urteil abschreckt
und andere davon abhält, Geschäfte per Handschlag zu besiegeln,
und sie stattdessen anhält, einen wasserdichten Vertrag aufzusetzen,
bevor sie vielleicht etliche Millionen Dollar ausgeben.
Kreditgeber werden nun
wohl die angebotenen Sicherheiten noch genauer unter die Lupe nehmen
und versuchen sicherzustellen,
dass die Werke nicht bereits an jemand anderen verkauft wurden.
Wer Geschäfte mit Zwischenhändlern wie ihm macht,
wird künftig hoffentlich Wert auf vollständige Dokumente
und Verträge legen.
Ich glaube nicht, dass sein Urteil hart genug ist, um abschreckend zu wirken.
CHRIS MARANELLO GRÜNDER, ART RECOVERY INTERNATIONAL
Viele dieser sehr reichen Händler, die Opfer von Philbrick wurden,
sind natürlich verärgert, zucken ansonsten aber mit den Achseln.
Etlichen mittelgroßen und kleineren Händlern
geht es allerdings nicht so gut.
Ein solcher Betrug wirft deren Leben über den Haufen,
sie sehen das Geld nie wieder.
Dass Philbrick auch zu einer Zahlung von 86 Millionen Dollar verurteilt wurde,
ist der größte Witz.
Die Geprellten werden von dem Geld nie auch nur einen Cent sehen.
Der Betrüger hat kein Geld mehr.
Die Vermögenswerte sind zerstreut.
Sobald unsere Justiz nach ihnen sucht,
waren die Betrüger längst schneller und clever genug, sie beiseite zu schaffen.
Die Vermögenswerte sind weg.
Das Rechtssystem kann damit nicht Schritt halten.
Es verurteilt diese Kriminellen nicht hart genug,
um eine abschreckende Wirkung zu erzielen.
Sehen Sie sich den Fall Madoff an.
Der Betrüger starb im Gefängnis.
So in etwa müsste das hier auch laufen.
Einer dieser Kunstberater oder besser Kunstbetrüger
müsste mal im Gefängnis sitzen, bis er stirbt,
das könnte Schockwellen ins System senden.
Die Schäden für die kleineren Investoren zerstören
deren Leben.
Sie gehen pleite und können sich die Anwaltskosten
nicht leisten, um das Geld zu jagen, das ihnen zusteht.
Sie gewinnen, aber haben nichts davon.
Sie können nur private Ermittler nach dem Geld fahnden lassen.
Den Richtern ist das egal.
Unter anderem deshalb übernehme ich solche Fälle nicht mehr.
Einige Richter wollte ich fast erwürgen, weil sie zu borniert waren,
sich in die Rolle der Opfer im Gerichtssaal zu versetzen.
Sie haben nicht verstanden, was es heißt, das Schulgeld
für die Kinder nicht mehr zahlen zu können,
die Firma und das Haus zu verlieren.
Der Richter denkt: "Das sind Kunsttypen, die Spaß mit komischen Skulpturen
und Bildern haben."
Das Ausmaß in einem Fall wie diesem ist gewaltig.
Dass der Kriminelle sitzt, ist eine kleine Genugtuung,
aber die hält nicht lange an.
Wenn den ehemaligen Kunden, den Opfern, klar wird,
dass sie die Hypothek nicht mehr zahlen können,
ihre Galerie schließen müssen
und den Anwalt nicht mehr bezahlen können,
dann geht ihnen ein Licht auf:
"Ich bin froh, dass er im Knast sitzt, aber was jetzt?
Wer hilft mir, mein Geld zurückzubekommen?
Mein Leben ist ruiniert."
Die weinen am Telefon.
"Können wir uns treffen?"
Und dann weinen sie in ihr Bier.
"Ich habe alles verloren.
Aber er war doch auf Instagram und kannte diesen und jenen,
da waren Privatjets und Bilder von Sardinien!"
Ich sage dann: "Da sind die nie gewesen,
das ist ein Photoshop-Fake."
Philbrick wurde bestraft.
Doch die Suche nach den Kunstwerken, die in seinem Fall verschwunden sind,
endet womöglich niemals.
Sie befinden sich in unbekannten Lagerhäusern
und Hinterzimmern.
Ohne Philbricks Mitwirkung werden sie vielleicht nie wieder
in der Öffentlichkeit zu sehen sein.
Dieser Fall ist eine Anklage gegen die Kommerzialisierung der Kunst.
Mich persönlich beunruhigt, wie sehr sich Kunst
in eine Kategorie von Investments verwandelt hat.
Das Problem ist dabei nicht, dass Kunst eine Investition sein kann.
Ja, ein herrliches Werk von Picasso, Warhol oder Boticelli
ist offensichtlich eine Geldanlage.
Es kostet viel Geld und wird seinen Wert hoffentlich behalten.
Die Gefahr liegt darin, dass die Leute denken,
jedes Kunstwerk sei eine sichere Geldanlage.
Aber das ist nicht der Fall.
Professionalität schützt die Kunstszene nur bis zu einem gewissen Grad.
Auch in der Finanzwelt gibt es Betrug,
und in der Finanzwelt gibt es alle möglichen Regularien,
MARION MANEKER KUNSTMARKTANALYTIKER UND AUTOR
unzählige Mechanismen, um solche Fälle abzufangen.
Doch Betrug wird es immer geben.
Aber der Zugang zur Kunstszene hat sich verändert.
Kunst ist für die Kultur als Ganzes wichtiger geworden,
sie hat nun Verbindungen zur Mode und zur Luxusgüterindustrie.
Die populäre Kultur befasst sich damit nun mehr.
Gespräche über Künstler gehören zum Smalltalk.
Kunstmuseen werden von Millionen Menschen besucht,
ebenso Veranstaltungen der Museen.
Das verändert auch die Mechanismen der Kunstszene.
Die Welt der Kunst wird nur noch
von der notwendigen Infrastruktur etwas begrenzt.
Dieser Fall hätte vermieden werden können,
hätte man sich an Regeln gehalten, die bereits existieren.
Meiner Ansicht nach zeigt dieser Fall, zumindest von außen betrachtet,
wie außerordentlich naiv manche scheinbar sehr erfahrene
und unglaublich reiche Kunstmäzene sein können,
erst recht, wenn sie nur Anteile an Werken erwerben,
die nie in ihren Besitz gelangen und die sie wohl auch
niemals zu Gesicht bekommen werden.
Inigo wusste auf dieser Klaviatur
mit seinem Auftreten und seinem Lebensstil zu spielen.
Sein Lifestyle war auch der seiner echt reichen Kunden,
und offenbar
öffnet das in der Kunstszene, in der Äußerlichkeiten eine große Rolle spielen,
noch immer viele Türen.
Er täuschte die Leute, sie glaubten ihm
und vertrauten ihm enorme Geldsummen an.
Und noch einmal: Sie kauften damit nur Anteile an einem Werk.
Sie hatten praktisch nur sein Wort, dass die Werke existierten.
Es ist erstaunlich,
dass wir gerade jetzt trotzdem wieder und wieder erleben,
dass viele Leute auf ähnliche Weise betrogen werden.
Das liegt zu großen Teilen einfach am Auftreten der Betrüger,
daran, wie sie aussehen und was sie wie sagen.
Das zieht die Leute an, dabei sollten sie es nun besser wissen.
Es wird wieder einen Inigo Philbrick geben.
Diese Woche, nächste, gleich um die Ecke.
Es ist traurig, dass manche Opfer offenbar nichts lernen.
Liegt es an der Anziehungskraft der Kunst,
an ihrer Schönheit, am Nervenkitzel des guten Deals?
Ich weiß es nicht, aber man muss doch einfach seine Hausaufgaben machen!
Die Leute wissen doch, worauf sie achten müssen.
Sie kaufen ja auch keine Immobilie, ohne wenigstens
anhand von Recherchen sicherzustellen,
dass die Investition in das teure Anwesen
kein Investment in eine Bruchbude ist.
Sie kaufen einen Toaster und sehen sich online die Bewertungen an,
bevor sie 70 Pfund dafür berappen.
Aber dann geben sie hunderttausende Pfund für ein Kunstwerk aus
und prüfen vorher gar nichts.
Ihnen ist klar, was zu tun wäre, sie machen es aber nicht.
Ich hoffe, dass die Leute aus dieser Erfahrung lernen,
aber sicher bin ich mir keineswegs.
Ich hatte mit Betrugsopfern zu tun, die nur Monate später
wieder den gleichen Fehler begingen und ein zweites Mal zum Opfer wurden.
Dennoch hoffe ich, dass sie aus dieser schrecklichen Erfahrung lernen
und nicht nur das Kunstwerk unter die Lupe nehmen,
sondern auch die Leute,
und zwar bevor sie hunderttausende Pfund für ein Werk auf den Tisch legen.
Ich hoffe, sie haben keine Angst mehr, Treuhandkonten zu verwenden
und den Händler zu verärgern.
Wenn der dann sagt: "Ich verkaufe dir das Werk nicht,
weil du mir nicht vertraust
und statt eines Handschlags einen ordentlichen Vertrag willst",
muss man trotzdem darauf bestehen.
Würden alle Käufer ein Vertragspapier verlangen,
kämen wir mal von dieser Handschlagsnummer runter.
Es schadet der Szene nicht,
weil Leute glauben wollen, dass Kunst so funktioniert.
Seltsamerweise gibt das der Szene sogar Auftrieb.
Noch mehr Menschen möchten an ihr teilhaben,
weil das internationale Flair geheimnisvoller Typen reizvoll ist.
Jeder will so tun, als ob er oben mitspielt.
Jeder liebt den Gedanken,
an diesem riesigen Pokerspiel teilzunehmen.
Inigo Philbrick wurde mittlerweile aus dem Gefängnis entlassen.
Was er angerichtet hat, wird dennoch Narben in der Kunstszene hinterlassen.
Inigo Philbrick war nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte sein.
In dieser ganzen traurigen Geschichte gibt es nur Verlierer.
Die Kreditgeber haben Geld verloren.
Die Investoren müssen ihre Ansprüche geltend machen.
Seine Tochter hat ihn jahrelang kaum zu Gesicht bekommen.
Selbst die Künstler sind meiner Ansicht nach Verlierer.
Sie haben ihre Werke nicht geschaffen, damit sie Gegenstand von Prozessen sind
oder Jahrzehnte in einem Freilager hängen.
Und natürlich ist auch Philbrick selbst eine Art Ikarus.
Er kam der Sonne zu nah, wurde verbrannt
und hat sein Leben mit seiner Gier ruiniert.
Eine traurige Geschichte.
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