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VIETNAM AM ENDE DER REISE IST LIEBE

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EIN FILM VON MEI-CHEN CHALAIS BASIEREND AUF IHRER GESCHICHTE

REGIE IN ZUSAMMENARBEIT MIT

Ob ich will oder nicht, schon immer

begleitet Vietnam jede Phase meines Lebens.

Dank des Mutes meiner Mutter

hatte ich das Glück, die Bombardierungen zu überleben,

nicht in den Reisfeldern arbeiten zu müssen,

ein Schiff nach Frankreich zu nehmen

und den Mann meines Lebens zu treffen,

den Schriftsteller und Journalisten François Chalais.

EIN UNFREIWILLIGER KAMPF

Ich wurde während dieses Krieges geboren,

als die Franzosen versuchten, ein Indochina zu halten,

das noch nicht Vietnam hiess.

Eine seltsame Geburt,

ganz anders als die anderer kleiner Mädchen,

denn ich wurde mit einem Leben geboren,

aber praktisch ohne Chance zu überleben.

Doch nichts wird je die Kindheit daran hindern,

die schlimmsten Albträume in Märchen zu verwandeln.

Eines Tages, ich erinnere mich, als meine Mutter mich badete,

war plötzlich das Dröhnen einer Flugzeugstaffel zu hören.

Plötzlich, von einer Vorahnung getrieben,

schrie meine Tante meine Mutter an, mich aus der Wanne zu holen,

und in ein Handtuch gewickelt

flüchteten wir in einen der Schützengräben,

die überall als Luftschutzbunker ausgehoben worden waren.

Kaum waren wir in Sicherheit, als ein Bombenhagel einsetzte.

Eine davon schlug in unser Haus ein

und hinterliess ein grosses Loch, wo die Badewanne stand.

Oft fragte ich mich, ob es diese Kindheit war,

diese Tragödie, dieses hoffnungslose Leben,

die ihr letztendlich eine Art Instinkt verliehen hatte.

PROVINZ HOA BINH

Anfang der 50er Jahre in der Region Hoa Binh

war Vietminh-General Ngo Minh Dzien, Mei-Chens zukünftiger Vater,

etwa 100 Kilometer nördlich von Hanoi im Einsatz,

auf einer der strategischen Routen zur chinesischen Grenze.

Seine Frau folgte ihrem Ehemann, wie es in Asien üblich war,

und Mei-Chen wurde geboren

in einer dieser Pfahlhütten,

zwischen zwei Schlachten.

Aus dem Tonkin-Delta vertrieben,

startete die Vietminh einen grossen Angriff

auf Nam Dinh, weniger als 60 km von Hanoi entfernt.

Angeführt von Elitedivisionen überrollte

eine Menschenmasse die französisch- vietnamesischen Stellungen.

Meine Mutter war überglücklich,

als sie meinem Vater in den Dschungel folgte.

Meine Mutter war eine Aktivistin.

Sie kümmerte sich um Menschen, versorgte Wunden,

kochte für sie mit dem, was sie hatte.

Und es ergab sich natürlich,

dass ich gezeugt wurde und dort zur Welt kam.

Angesichts des Vormarsches der französischen Truppen

hatte die Vietminh die Taktik der verbrannten Erde befohlen.

Dies liess den feindlichen Soldaten keinen Zufluchtsort,

wenn sie unsere Dörfer erreichten,

und verhinderte, dass sie ihr Lager aufschlugen

und ihre Verwundeten versorgten.

Dies hatte auch den Vorteil, die Spuren zu verwischen,

sodass die Generalstabskarten hinfällig wurden.

Meine Eltern flohen, indem sie ihr eigenes Haus niederbrannten

und nur wenige Habseligkeiten mitnahmen.

Wie könnte man da nicht stark sein?

In einem Moment hat man alles und kann alles verlieren.

Für mich ist Ninh Binh

mit dem Parfümfluss die schönste Landschaft Vietnams.

Schau,

als in diesem ganzen Wald Krieg herrschte,

kannst du dir vorstellen, wie die Vietnamesen

mit der Natur verschmelzen konnten.

Sie hatten Bambus,

darin versteckten sie Nahrung, Reis,

und die Soldaten konnten lange gegen die Franzosen durchhalten.

Diese Höhlen waren Fallen ohne Ausweg.

Es war voller Abenteuer.

Sie lernte meinen Vater kennen, als sie 19 war.

Meine Mutter bekam mich 12 Jahre später.

MADAME DUNG MEI-CHENS MUTTER

Dein Vater war ein grosser Charmeur.

Sobald er auf der Strasse war, schauten ihn alle Mädchen an.

Sogar meine Mutter war sehr eifersüchtig.

Sie erlebte eine grosse Liebe,

konnte aber nicht aufhören, ihn zu verdächtigen,

und stellte ihm immer die gleiche Frage:

"Warum lügst du mich an?"

Und er antwortete:

"Weil ich dich liebe und respektiere,

"kann ich dir nicht alles erzählen."

Ich lebte 12 Jahre mit deinem Vater, bevor du geboren wurdest.

Aber als ich zur Welt kam,

wollte sie nicht, dass er es erfährt, aus mehreren Gründen.

Als sie schwanger war,

erfuhr sie, dass mein Vater sie betrogen hatte.

Daraufhin floh sie, ging weg,

sie wollte nicht, dass mein Vater mich holt.

Sie hatte Angst.

Meine Mutter wollte mit ihrer Vergangenheit brechen,

also zog sie in die Berge.

In Begleitung meiner Tante

war ich natürlich Teil der Reise.

Um uns am Leben zu erhalten,

während dieser wenigen Monate,

musste meine Mutter ihren Ehering verkaufen

und meinen ersten kleinen Mantel für eine Schüssel Reis.

Um zu überleben, musste sie etwas mieten.

Da sie kein Geld hatte,

mietete sie einen kleinen Raum mit einem Holzbett,

einer Matte und vier Bambusstangen.

Jedem Vorbeigehenden

versuchte sie etwas Reis und Tee zu verkaufen.

Es waren nur Durchreisende.

Betten aus Brettern mit geflochtenen Schilfmatten

ermöglichten es Reisenden, sich für ein paar Stunden

oder eine ganze Nacht zwischen zwei Etappen auszuruhen.

Meine Mutter erzählte mir, dass ich jedes Mal,

wenn einer unserer Gäste im Begriff war zu gehen,

mich weinend an ihn klammerte und sein Gepäck zu nehmen versuchte.

Ich dachte, er würde unsere Sachen stehlen.

Oder wenn der Mann eine khakifarbene Uniform trug,

folgte ich ihm,

in der Annahme, er sei derjenige, den wir so vermissten, mein Vater.

Es war schwer, mich von diesen Fremden loszureissen,

zu denen ich mit allem eilte, was ein Kind

bereits an Zurückhaltung besitzen kann,

an Zärtlichkeit und Liebesbedürfnis.

Damals war eine Frau, die ihren Mann verlässt

und während des Krieges weggeht, um allein zu gebären,

ziemlich waghalsig und leichtsinnig,

aber auch mutig.

Meine Mutter floh während des Indochinakrieges mit mir,

einem kleinen Mädchen auf ihrem Rücken, durch tödliche Reisfelder.

Auf einer Seite schossen die Franzosen,

auf der anderen der Vietcong.

So eine Kindheit vergisst man nicht.

Wenn ich rannte, hatte ich Angst um dich,

ich hielt dich an meine Brust,

von beiden Seiten wurde geschossen.

Ich legte dich auf den Boden, um dich zu schützen.

Ich dachte:

"Wenn jemand sterben muss, werde ich es zuerst sein."

Kugeln pfiffen, es wurde von allen Seiten geschossen,

ich hatte keine Angst.

- Hattest du keine Angst vor dem Tod? - Nein.

Wenn du dein Kind so sehr liebst,

hast du keine Angst vor dem Tod.

Das Wasser in den Reisfeldern reichte mir bis hierher.

Dieselben blutgetränkten Reisfelder,

meine Mutter durchquerte sie tatsächlich mit klopfendem Herzen,

mit wunden Füssen und auf ihren Schultern

trug sie ein kleines Kind, mich.

Es gab Vietminh-Soldaten, die ihre Waffen abfeuerten,

sobald sie etwas sich bewegen sahen.

Und gegenüber, nur durch ein Feld und Gebüsch getrennt,

die Franzosen, bereit, eine Meute wilder Hunde loszulassen.

Zur Vorsicht

hatte meine Mutter ihr schwarzes Haar weiss gefärbt.

Sie hatte einen ihrer Arme und ein Bein

mit einem in Schweineblut getränkten Lappen umwickelt,

als wäre es ein Verband.

So, erzählte sie mir,

sah sie aus wie eine verletzte alte Frau.

Die Franzosen vergewaltigten keine verletzten alten Frauen.

Die Japaner schon.

Von Flucht zu Flucht, von Dorf zu Dorf,

ihre letzten Hoffnungen beraubt,

trotz all ihrer List, Opfer und ihres Muts,

waren meine Mutter und Tante erschöpft.

Bald blieb ihnen nur noch eine Lösung,

zu den Reisfeldern zu gehen

und sich dort von den Franzosen fangen zu lassen.

Als ich auf der anderen Seite des Sumpfs ankam,

nahmen mich die Franzosen gefangen.

MADAME DUNG MEI-CHENS MUTTER

Und die Franzosen nahmen uns gefangen.

Da sagte ich: "Meine Tochter hat so grossen Hunger,

"bitte, können Sie uns etwas zu essen geben?"

Wir stiegen ins Auto und sie brachten uns zurück nach Hanoi.

Wenn ich an sie denke,

sehe ich eine aussergewöhnliche, mutige Frau.

Sie hat alles für mich getan.

Sie hat mich gerettet. Sie hat alles durchgemacht.

Sie musste viele Prüfungen bestehen,

sehr, sehr harte Prüfungen, die mich für immer geprägt haben.

Die Franzosen nahmen mich gefangen,

weil sie dachten, ich gehöre zur Vietminh.

Sie sperrten mich in Hanoi ein.

Es gab einen französischen Hauptmann,

der eine Gouvernante brauchte.

MADAME DUNG MEI-CHENS MUTTER

Er mochte mich, also nahm er mich mit.

Mei-Chen und ihre Mutter bleiben nicht lange im Gefängnis.

Ein französischer Hauptmann nimmt sie unter seinen Schutz

und in einer völligen Wendung

lebt er mit ihrer Mutter zusammen und schenkt ihr ein Kind, Roger.

Meine Mutter lebte nun mit dem französischen Hauptmann zusammen,

so bekam ich einen eurasischen Halbbruder.

Mit dem Mann, der mein Stiefvater geworden war,

erlebten wir Monate scheinbarer Ruhe.

Vor allem spürte ich zum ersten Mal ein Gefühl,

das ich mein Leben lang suchen würde,

das Gefühl, beschützt zu sein.

Als sie also floh

und von diesem französischen Hauptmann gefangen gehalten wurde,

wurde sie des Verrats beschuldigt

und dass sie mit einem Franzosen durchgebrannt sei.

Aber so war es nicht,

sie wurde von diesem Mann gerettet.

Zum Glück hat er uns gerettet.

Sie untersuchten, ob sie,

bevor sie mit dem französischen Hauptmann lebte,

eine Spionin war,

da vietnamesische Frauen eingeschleust wurden,

um Offiziere zu töten.

Manche Bilder bleiben in meinem Gedächtnis eingeprägt,

und sie sind schrecklich.

Eines Tages drangen zwei Männer in unser Haus ein.

Ich muss drei oder vier Jahre alt gewesen sein,

ich spielte vor unserem Haus mit meiner Puppe,

als sie auf meine Mutter losstürzten.

Einer von ihnen hatte einen Dolch in der Hand.

Ich verstand nicht, was sie sagten,

und noch weniger den Grund für ihre Anwesenheit,

nur dass wenige Sekunden später

meine Mutter, an den Haaren gezogen, am Boden lag.

Der obere Teil ihres zerrissenen Kleides war blutbefleckt.

Sie hatte eine tiefe Wunde hinter dem Ohr.

Es war eine Strafe dafür, dass sie einen Franzosen liebte.

Das ist eine schreckliche Erinnerung.

Die Erinnerung an dieses kleine Mädchen,

das an jede Tür klopft und seine blutüberströmte Mutter sieht.

Dieses Bild hat mich für immer geprägt.

Sie haben meine Mutter erstochen, sie lag im Sterben.

Und zum Glück kamen Leute,

das Dienstmädchen und andere,

sie riefen den französischen Hauptmann,

der sie ins Krankenhaus brachte und sie retten konnte.

Aber sie behielt eine Narbe zurück.

Sie hatte eine Narbe hinter dem Ohr.

Ein Millimeter weiter, und sie wäre gestorben.

Also hat der Hauptmann,

als er sah, dass sie verletzt wurde,

uns nach Saigon geschickt.

Mit seiner grosszügigen und einfühlsamen Zuwendung

war der Hauptmann für mich wie ein zweiter Vater geworden.

Er liebte mich seinerseits, als wäre ich seine Tochter.

Mama hatte mir gerade ein neues Kleid gekauft,

sie wollte, dass wir uns fotografieren lassen.

Es waren meine ersten kleinen Schuhe,

und meine Füsse taten weh.

Mein kleiner Bruder und ich waren dort,

wir lebten in einem schönen Haus in Saigon,

es war wunderbar.

SAIGON

Ich verliess Hanoi mit zwei Jahren, um nach Saigon zu kommen.

Hier verbrachte ich zwei glückliche Jahre meines Lebens.

Ich war natürlich so klein, dass ich mich nicht gut erinnern kann,

aber trotzdem sind einige Dinge in meinem Gedächtnis geblieben.

Ich erinnere mich an die Catinat-Strasse,

wo wir ein Haus hatten,

und an das Continental Hotel, wo mein Halbbruder getauft wurde.

Am Ende des Krieges schickten sie meinen Bruder Roger

zu einer Familie in Frankreich, nach Montauban.

So trennten sie meine Mutter und mich von meinem kleinen Bruder.

Meine Mutter war so unglücklich, und ich auch, wir waren getrennt,

wir lebten nur sehr kurze Zeit zusammen in Vietnam,

in Saigon.

Wir waren so unglücklich,

dass der französische Hauptmann sagte,

da der Amerikanische Krieg begonnen hatte,

sagte der Kapitän:

"Ihr seid so unglücklich, von Roger getrennt zu sein",

von meinem kleinen Bruder, "dass ich euch zwei Tickets besorge,

"damit ihr nach Marseille reisen könnt."

Er wollte uns retten

vor dem beginnenden Amerikanischen Krieg.

Es war eine Tragödie.

Man nimmt dir deine Wurzeln,

man nimmt dir Dinge weg und du wirst fortgeschleudert.

Ich erinnere mich, dass ich auf diesem Schiff

meine kleine Puppe Bella festhielt,

daran erinnere ich mich gut.

Die Fahrt nach Marseille dauerte einen Monat.

Ich verliess mein Land und war traurig.

Ich fragte mich, wann ich nach Vietnam zurückkehren würde.

"Wann werde ich mein Land wiedersehen?"

Ich ging fort, aber gleichzeitig war ich glücklich,

weil ich wusste, dass ich in ein unbekanntes Land reiste,

nämlich Frankreich,

und dass ich meinen Bruder wiedersehen würde.

Das war das Aussergewöhnlichste

und Wunderbarste für mich.

Ich wusste nicht, welches Schicksal mich in Frankreich erwartete.

Meine Mutter war Stärke, Zärtlichkeit und Energie.

Sie war eine Heldin.

Sie konnte weder lesen noch schreiben,

denn damals

wurden Mädchen nicht zur Schule geschickt.

Dieses Privileg war Jungen vorbehalten.

Sie schenkte ihr nicht nur das Leben, indem sie sie

vor der Tragödie der Kindheit und Flucht rettete.

Aber ich glaube, es war eine ständige Nahrungsquelle.

Um durchzukommen,

was muss man tun?

Ich denke, ihre Mutter hat ihr das vererbt.

Natürlich auch vieles andere,

aber sie gab ihr diese Stärke,

diese Fähigkeit, über Worte hinaus zu sehen,

über Formen hinaus.

Ich glaube, ihre Mutter ist wohl

die Grundlage ihres Temperaments.

Ich kehre hier wirklich zu meinen Wurzeln zurück,

und ich bin sehr glücklich.

Ich fühle mich hier wohl,

ich fühle mich gelassen, ruhig

und entdecke ein wunderbares Land.

Wirklich, ich denke, es ist eines der schönsten Länder der Welt.

Meine überwältigende Rückkehr nach Vietnam,

mein Wunsch, die Wahrheit zu entdecken.

Warum?

Eine weitere Frage,

warum trage ich nicht den Namen meines Vaters?

Als ob meine Mutter

erneut seine Existenz leugnen wollte.

Dein Vater hatte eine Affäre mit seiner jungen Sekretärin.

Ich war im siebten Monat schwanger und er wollte mit ihr Leben,

mich aber gleichzeitig behalten.

"Wenn du mich verlassen willst, musst du mir das Kind überlassen."

Meine Mutter sagte: "Niemals! Auch wenn ich betteln muss,

"wird es mir besser gehen.

"Ich brauche dich nicht."

Sie ging fort.

Aus Liebe und Stolz verliess sie meinen Vater.

Verliebt in ein 19-jähriges Mädchen,

hatte sich mein Vater von meiner Mutter getrennt,

die damals in ihren Dreissigern war.

Ich war damals noch sehr klein,

deshalb habe ich keine Erinnerungen daran.

Aber selbst heute noch,

wenn meine Mutter an meinen Vater denkt,

sehe ich die Traurigkeit in ihrem Gesicht,

auch wenn

sie aus Gefühlsgründen und Stolz

versucht, es zu verbergen.

Ich weiss genau,

wie schwer sie diese erzwungene Trennung verkraftet hat.

Du ähnelst ihm.

Von all dem bleibt so etwas wie eine...

wie soll ich sagen, eine tiefe Prägung.

Was Jean Genet eine einzigartige Wunde nennt.

Sie ist eine Frau, die ihre einzigartige Wunde in sich trägt.

Sie spricht wenig,

aber man spürt an ihrem Verhalten

und ihrem Blick auf Sie,

dass sie alles versteht.

Sie sieht, was Sie durchgemacht haben, wie Sie erlitten haben,

wer Sie heute sind, was Sie lieben.

Diese Frau strahlt unendliche Zärtlichkeit und Menschlichkeit aus.

Hier hat meine Mutter in Hanoi gewohnt.

Hierher, in dieses Haus,

brachte mich meine Mutter, als ich noch ganz klein war,

ich war ein Baby.

Kaum waren wir mit meiner Tante Tuyet drin,

als es von allen Seiten bombardiert wurde.

Und die Hälfte unseres Hauses wurde zerstört.

Sie erlebte den Indochinakrieg in all seinen Facetten.

Sie überlebte all das.

Sie rettete ihre Tochter aus Indochina,

sie durchlebte Ereignisse,

von denen man sonst nur in Büchern liest.

Man sah ihr augenblicklich an,

dass sie eine unglaubliche Geschichte erlebt hatte.

Aber sie besass einen natürlichen Ausdruck,

in ihren Augen

spiegelten sich all diese Ereignisse wider.

Wenn man ein Abenteuer erlebt hat

und den intensiven Duft der Gefahr und des Tod eingeatmet hat,

aber auch der Hoffnung,

kann man nicht mehr wie die anderen sein.

Eine innere Stimme sagt mit immer:

"Erinnere dich, woher du kommst

"und was aus dir geworden wäre, wenn das Glück nicht gewesen wäre."

Das verleiht mir viel Kraft.

Jedes Mal, wenn ich sie sehe, auch heute noch,

überlagert sich immer ein Bild,

es ist dieses aussergewöhnliche Bild

eines jungen vietnamesischen Mädchens auf der Strasse,

ein verlorenes, weinendes Kind unter Bomben.

Und jedes Mal, wenn ich Mei-Chen sehe,

taucht dieses Bild auf,

wie eine Überblendung im Film.

Für mich symbolisiert Mei-Chen

all das Leid Indochinas und Vietnams.

Das sind mein Grossvater und meine Grossmutter.

Die Grosseltern waren sehr, sehr streng,

sehr hart.

Meine Mutter wurde geschlagen,

mit den Armen so.

Damals wurden sie ausgepeitscht,

man streute Salz in ihre Wunden,

damit es noch mehr schmerzte.

Das ist mein Grossvater. Das ist meine Grossmutter.

Natürlich väterlicherseits.

Vietnamesen haben keine Angst vor dem Tod.

Die Gewohnheit, für die Zukunft zu leben,

und der Glaube an eine vom Körper getrennte Seele führen dazu,

dass ältere Menschen eine sogenannte Langlebigkeits-Ausstattung kaufen

und ihren Sarg im Voraus wählen.

Genau das hat mein Grossvater getan,

der mitten im Krieg seinen Sarg neben sein Bett stellte,

um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.

Anders als im Westen

werden ältere Menschen als lebende Glücksbringer verehrt.

Wir kümmern uns um sie bis zu ihrem Tod,

und es kommt nicht in Frage, sie in ein Altersheim zu geben.

Hat mein Vater wirklich in Ninh Binh gekämpft?

Noch eine Episode seines Lebens oder Todes,

die nie geklärt werden wird.

Als ich zum ersten Mal Ninh Binh besuchte

und eine so prachtvolle Landschaft entdeckte,

die unglaublich friedvoll war,

verspürte ich das Bedürfnis, tiefer in die Fussstapfen

meines Vaters zu treten.

Diese Menschen haben gelitten.

Sie litten körperlich,

sie litten in ihrem Leben,

und durch die Narben ihrer Zeit.

Ihr Vater stand Giáp nahe.

Ich glaube, er war General.

Er führte die Guerilla, besonders im Norden.

Und dann wurde er getötet.

Als ich alt genug war, Fragen zu stellen,

die man beantworten konnte,

fragte ich, was mit meinem Vater geschehen war.

Man sagte mir, er sei im Krieg gefallen,

aber mit einer so seltsamen Stimme,

dass dieses Geheimnis ungelöst schien.

Im Krieg gefallen?

Damals war das die Regel für alle.

Im Krieg zu sterben, war natürlicher als im Bett.

Ich hatte dennoch das Gefühl, dass man mir etwas verschwieg.

Und wenn er gestorben war, wie war es passiert?

War er in Dien Bien Phu gefallen

oder zu Beginn des Amerikanischen Kriegs?

War er von einem feindlichen Clan hingerichtet worden?

Was auch immer er getan hat

und wie auch immer er gestorben ist,

mein Vater wird für mich immer so bleiben,

wie ich ihn als Kind sah: grossartig, stolz und grosszügig,

als könnte eine Legende Wirklichkeit sein.

Sie ist ziemlich zurückhaltend.

Sie erzählte mir von ihrer Herkunft,

dass sie ihren Vater nie kennengelernt hat.

Sie sprach über ihre Ankunft in Frankreich

erst sehr spät.

Das ist der Bruder deines Vaters.

Er ist der leibliche Bruder deines Vaters.

Kennst du mich?

Ein bisschen.

Meine Reise führt mich in die Heimat meines Vaters.

Mein Grossvater besass Reisfelder

und einen Teil dieses Dorfes, dessen Bürgermeister er war.

Fast das ganze Dorf und die Reisfelder gehörten ihnen.

Jetzt ist nur noch ein kleiner Teil der Reisfelder übrig.

In Begleitung meiner väterlichen Familie

empfinde ich tiefe Emotionen,

während ich durch die kriegszerstörten Gassen gehe.

Hier ist man wirklich auf dem Land.

Dies ist das alte Haus, in dem mein Vater geboren wurde.

NGO MINH DZIEN MEI-CHENS VATER

Sie sagt, er war gross und gutaussehend.

MEI-CHENS ONKEL

Die Aussicht ist atemberaubend...

über die Dächer und die Pagode. Einfach wunderschön.

Alles ringsum ist alt.

Diesen Turm haben die Franzosen zerstört.

Nur diese Glocke ist übrig geblieben. Sie haben sie wieder aufgebaut.

All diese Buddhas stellen buddhistische Lehren dar.

Um auf der Erde glücklich zu sein,

darf man nicht zu viel verlangen.

Nicht... So ist es.

Alles hat eine Bedeutung für unseren Seelenfrieden

und man darf nicht zu viel wollen.

Das ist der Kern des Buddhismus, die ganze Zen-Philosophie.

Meine Mutter war eine unglaubliche Buddhistin.

Sie glaubte an die Reinkarnation Buddhas.

Meine Mutter praktizierte alles, was mit Buddhismus zu tun hatte,

die Rituale, die Medien,

die in roten und grünen Gewändern tanzen,

unglaubliche Tänze.

Sie geraten in Trance.

Meine Mutter traf sich in Paris mit vietnamesischen Frauen,

die solche Mediumstänze aufführten.

Und ich sah bei meiner Mutter Koffer

mit roten, grünen und gelben Kleidern.

Eines Tages wollte sie, dass ich sie besuche,

aber das machte mir Angst,

weil diese Frauen völlig in Trance waren.

Sie tanzten und sangen,

als wären sie von einem Dämon besessen.

Ich sah meine Mutter solch einen Tanz aufführen.

Aber das Unglaubliche ist, dass ich getauft wurde,

mein Bruder Roger wurde getauft

und Mama, als sie einen Unfall hatte,

sie hatte einen Herzinfarkt,

meine Mutter wäre fast gestorben,

fing sie plötzlich an, zu Gott zu beten.

Warum zu Gott beten, wenn sie Buddhistin war?

Und sie begann zu beten und sagte:

"Mein Gott, mein Gott, rette mich.

"Wenn du mich rettest,

"werde ich zu deinem Glauben konvertieren."

Sie dachte lange darüber nach,

und wir bereiteten ihre Taufe ein Jahr später vor,

obwohl sie zuvor so entschieden war.

Früher sagte sie: "Ich bin Buddhistin, ich will nicht."

Und als sie den Unfall hatte, bekam sie Angst,

sie hatte Angst, von uns getrennt zu werden.

Es war sehr bewegend.

Weil sie Angst hatte, von uns getrennt zu werden,

war sie zu allem bereit,

sogar dazu, sich zu bekehren, um bei ihren Kindern zu sein.

Heute bin ich sehr glücklich, meine Mutter

zum Neujahrsfest mitgebracht zu haben.

Wir wurden auseinandergerissen,

durch den Krieg getrennt

und konnten uns nie wieder vereinen.

Und heute gibt es ein vietnamesisches Neujahrsmahl,

bei dem wir alle zusammen sind.

Ich habe Mama zurückgebracht,

nachdem sie mich mit vier Jahren nach Frankreich brachte.

Sie ist sehr gerührt.

Ich bin so glücklich, wieder mit euch allen vereint zu sein!

FRAU NGUYEN KIM DUNG

Ich bin sehr glücklich.

Als ich dich wegbrachte, warst du vier Jahre alt.

Heute hast du mich nach Vietnam zurückgebracht,

um meine Familie zu treffen.

Seit sie krank gewesen war, sagte sie:

"Ich hoffe, du bringst mich eines Tages zurück nach Vietnam."

Weil sie befürchtete, den Schmuck ihrer Mutter,

den sie während des Krieges genommen hatte, nicht zurückgeben zu können.

Diesmal

möchte ich unbedingt das Grab meiner Mutter besuchen.

Ich werde ihr Kleidung und Schmuck kaufen,

aber wird sie sie erhalten?

Doch gleichzeitig beschäftigte es sie

und sie sagte immer,

je näher das Ende rückte, desto öfter sagte sie:

"Bring mich zurück, versprich mir, dass du mich nach Vietnam bringst,

"damit ich deiner Grossmutter den Schmuck zurückgeben kann."

Ich konnte sie zurückbringen, und wir haben unsere Versprechen gehalten.

Es war wirklich etwas Wunderbares und Wesentliches

in unserem Leben,

da wir unsere Versprechen halten konnten.

Ihrem Wunsch entsprechend, den Schmuck zurückzugeben,

konnte ich meine Mutter nach Vietnam begleiten.

Mein jüngerer Bruder Roger kam mit.

Zum ersten Mal entdeckte er bewegt Vietnam,

sein Geburtsland, mit unserer Mutter und mir.

Es war ein Moment des Glücks,

der Besinnung und des Teilens.

Wir konnten unseren Traum verwirklichen,

diese Reise vollenden. Ich dachte nicht, dass wir es schaffen würden,

aber es ist wunderbar, da ich Mama dorthin bringen konnte,

wo sie hinwollte.

Ich glaube, es war unsere gemeinsame Reise

ans Ende der Welt,

zu unserem eigenen Vietnam und unseren Träumen.

EINE ZUFALLSREISE DER LIEBE

Ein unglaubliches Schicksal erwartet mich.

Alles, was mir danach passierte, war jeden Tag ein Wunder.

Ich dachte, ich könnte dank meines Aussehens

einen Weg finden, uns finanziell zu helfen,

meiner Mutter und mir.

Man bat mich, mein Gesicht und meine Hände

für Werbefotos zur Verfügung zu stellen.

Auch das Fernsehen wurde auf mich aufmerksam

und lud mich zum Tanzen in Unterhaltungsshows ein.

Wenn sie mal kurz

eine asiatische Spionin in einem Film brauchten,

riefen sie mich an, um mir kleine Rollen anzubieten.

Zum Beispiel in Die Blonde von Peking mit Mireille Darc,

wo ich einen Amerikaner töten musste,

wie der Zufall so spielt.

Ich fing an zu arbeiten und verdiente recht gut.

Und dann kam eines Tages ein italienischer Produzent nach Paris,

auf der Suche nach einer Darstellerin für die neue Tarzan-Frau.

Er entdeckte mich auf dem Cover von Cinémonde.

Am nächsten Tag machte ich ohne grosse Hoffnung ein Vorsprechen,

denn es gab etwa fünfzig Mädchen,

eine schöner als die andere.

Zwei Tage später rief mich die Produktion an,

um mir mitzuteilen, dass ich

für die Rolle der Luana, Tochter des Dschungels, ausgewählt wurde.

Oh, ich war so glücklich.

Aber einmal am Set,

musste ich einen schwarzen Panther und einen Löwen streicheln.

Da hatte ich wirklich Angst.

Und dann musste ich von Liane zu Liane schwingen

über die wilden Tiere im Dschungel von Cinecittà.

Was für ein Abenteuer.

Mir wurde angeboten, für drei weitere Filme zu unterschreiben.

Ich lehnte ab, trotz meiner Verbundenheit

mit dem süssen Leben in Rom,

umgeben von Freunden und meinem italienischen Liebhaber,

Angelo Infanti.

Aber ich musste nach Paris zurückkehren.

Ich war so glücklich, viel Geld verdient zu haben,

damit Mama ein Restaurant kaufen konnte, den Jadestern.

Der Star von Luana, Tochter des Dschungels,

ist... Übrigens, wie heissen Sie?

Mei-Chen.

- Wie bitte? - Mei-Chen?

Man trifft François Chalais nicht einfach so.

Doch der Termin stand fest, mit klopfendem Herzen

läutete ich, warum auch immer, an seiner Tür.

Der Mann, der aus Vietnam zurückkam, ich, die dort geboren wurde,

alles verband uns schon, ohne dass wir uns kannten.

"HANOI UNTER BOMBEN"

Ich berichte aus Nordvietnam.

Einen Monat lang

hatten meine Kollegen Jean-Pierre Janssen, Dominique Bozzi und ich

das Privileg, das einzige westliche Fernsehteam zu sein,

das dieses Land betreten durfte,

seit dem, was gemeinhin als Eskalation bezeichnet wird.

Die Eskalation, sprich der totale Krieg,

den die Vereinigten Staaten von Amerika führen

gegen die Demokratische Republik Vietnam.

Jenseits von Lärm, Wut und Leidenschaften

war unser Ziel, zu zeigen, wie im Leben wie im Tod

dieses kleine Volk von weniger als 19 Millionen kämpft.

Unser Bericht entstand völlig unabhängig

und mit dem Anspruch absoluter Objektivität.

Wir waren vor Ort, hier ist, was wir sahen und hörten.

Als der Film über Nordvietnam begann,

war ich fasziniert von seinem Blick, seiner Stimme,

von der Stärke dieses Mannes.

Ich verliebte mich in ihn,

als ich ihn im Fernsehen sah,

was mir noch nie zuvor passiert war.

Das Bild des Filmmannes, des Cannes-Festivals,

das ich nicht mochte, faszinierte mich plötzlich

durch diese Reportage aus Nordvietnam.

Das ist der Alltag in Hanoi.

Nachrichten wurden durch seine grossen Sendungen vermittelt,

und François Chalais war ein Pionier.

Anspruch ist das Schlüsselwort für diese Ära.

Es gab hohe Qualitätsanforderungen.

Das führte dazu, dass nach und nach

ganz Frankreich begann,

auf diese Sendung zu warten, die wirklich etwas bot.

Die Kinder, die hier sind...

Diese Kinder wurden verbrannt.

Sie wurden verbrannt...

Von den... weil nach dem Bombardement

die Häuser brennen,

und obwohl sie in einem Schutzraum sind,

ist das Feuer trotzdem sehr intensiv.

Waren sie schon im Bunker?

- Die ganze Familie? - Die ganze Familie.

Es ist die ganze Familie.

Wie lange ist das her?

Es gab etwas Besonderes: die Emotion.

Trotz des Versuchs, ungerührt zu bleiben,

war da eine sehr grosse Emotion.

Die Reportage strahlte wirklich etwas aus.

Er konnte all das Leid vermitteln, das er sah.

Wir haben es nicht nur gesehen,

die Zuschauer waren an diesem Tag auch schockiert.

Als ich den Bericht über Nordvietnam sah,

dachte ich: "Es ist erstaunlich, wie er die Kinder zeigt,

"wie er diese Menschen im Krieg darstellt,

"wie er mein Land zeigt, wie er spricht."

Und plötzlich war ich berührt.

Ich sagte: "Ich muss diesen Mann treffen,

"der vor zwei Monaten mein Land gesehen hat.

"Ich bin schon so lange weg,

"er muss mit mir reden, ich muss ihn berühren."

Für mich war er ein Gott.

Die Geheimnisse des Orients

haben mich schon immer fasziniert. Erzählen Sie uns mehr.

Wissen Sie, es ist kompliziert. Ich wurde in Vietnam geboren.

Er trug Jeans, ein blaues T-Shirt und hatte blaue Augen.

Und dann... passierte es.

Er sah mich an, ich sah ihn an,

er sagte: "Ziehen Sie schon ein?"

Weil ich eine Tasche hatte, ich hatte gerade Fotos gemacht.

Und er fragte mich: "Wie alt sind Sie?"

Ich war so jung,

dass ich mein vietnamesisches Alter angab.

Das vietnamesische Alter

ist zwei Jahre älter, wissen Sie.

Und ich sagte ihm: "Ja, 18 Jahre."

Aber das stimmte nicht.

Er sagte zu mir: "Sie sind viel zu jung für mich,

"kommen Sie in drei Jahren wieder."

Es stimmt, wir hatten uns beide auf Anhieb verliebt.

Für François war es anscheinend...

Er fuhr nach Venezuela und schrieb mir einen langen Brief

und sagte: "Es ist seltsam,

"ich hatte das Gefühl, dich seit 1 000 Jahren zu kennen.

"Du bist wirklich die Frau meines Lebens."

Die Menschen, die eine Rolle in Ihrem Leben spielen, sind...

offensichtlich für Sie bestimmt.

"Die Häuser warten auf uns", sagte Cocteau, glaube ich,

"für getrennte Seelen."

Die Menschen warten auf uns und auf Sie.

Ich glaube, was zwischen ihnen geschah,

muss auf den ersten Blick, beim ersten Treffen passiert sein.

Vieles bleibt unausgesprochen.

In diesem Moment entsteht etwas,

das sich verbindet

und nie wieder gelöst werden kann.

Als ich François zum ersten Mal traf,

der gerade aus Nordvietnam zurückkam,

zeigte er mir einige Dinge, die er mitgebracht hatte.

Darunter en kleines Stück eines amerikanischen Flugzeugs.

Es ist ein Stück eines amerikanischen Flugzeugs,

das ich in Vietnam aufgehoben habe,

an einem Ort namens Hoa Binh, nördlich von Hanoi.

Es wurde am 6. Juni 1967 von Bauern mit einem Karabiner abgeschossen.

Doch dieses kleine Metallstück hat noch eine andere Geschichte.

Als die Frau, die später meine Ehefrau werden sollte,

es aber noch nicht war, mich zum ersten Mal besuchte,

stiess sie auf dieses kleine Stück Metall.

Sie las die Inschrift und sah "Hoa Binh",

sie sagte: "Das ist ja unglaublich."

Ich sagte: "Ja, es ist unglaublich, dass Menschen mit einem Karabiner

"ein amerikanisches Kriegsflugzeug abschiessen konnten."

Sie erwiderte: "Nicht das, aber wo haben Sie es gefunden?"

Ich sagte: "In Hoa Binh."

Und sie meinte: "Dort bin ich geboren."

Das ist einer der vielen Gründe, warum ich nicht an Zufälle glaube.

An dem Tag, als wir uns zum ersten Mal trafen,

erklärte François mir, was der Vietnamkrieg wirklich war,

der Heldenmut eines Landes,

dem die Bewältigung seines unvermeidlichen Sieges

ebenso viel abverlangen würde wie seine Kämpfe.

Seine Rede war so lebendig,

dass es sich anfühlte, als wäre er noch dort

und ich hätte ihn gerade in Hanoi getroffen.

Alle Franzosen, die dort gelebt haben,

unabhängig von ihren Meinungen oder ihrer Situation,

liebten dieses Land auf ihre eigene Weise.

Wir haben uns integriert, ob wir wollten oder nicht,

ob wir für den Amerikanischen Krieg waren,

dagegen, gegen die Vietminh, für Ho Chi Minh usw.,

wir wurden zu Bewohnern dieses Landes,

egal wie kurz wir blieben.

Ich denke also, dass sich etwas entwickelte.

Dass dieser französische Offizier Mei-Chen und ihre Mutter aufnahm,

lag daran, dass er der Liebe würdig war,

dass er Vietnam verstand.

Es ist unglaublich,

mein Vater war Journalist, und so viele Jahre später

verliebe ich mich in einen Mann, der Journalist ist,

der einzige Journalist, der in Vietnam war.

PHAM VAN DONG PREMIERMINISTER VON NORDVIETNAM

Was für ein bewegender Moment für mich.

Wir haben Cao nach 30 Jahren wiedergefunden,

den Mann, der François während des Krieges führte,

im Dezember 1967.

So viele Erinnerungen.

Am 20. Juli 1966 gegen 23:15 Uhr

überflogen zwei F105-Flugzeuge der US-Luftwaffe dieses Gebiet

und entdeckten einen Lastwagen auf der Strasse.

Sie flogen heran, um auf diesen Lastwagen zu feuern.

Wir griffen sofort zur Waffe und rannten in einen kleinen Graben.

In diesem Moment flog das Flugzeug sehr tief.

Es war etwa 200 Meter entfernt.

Und mit einer einfachen, gewöhnlichen Waffe wie dieser

schossen sie gemeinsam, und das Flugzeug wurde getroffen

und stürzte brennend ab!

Es gab Hunderte solcher Tore und Tempel,

alles wurde von den Amerikanern bombardiert.

Einige wurden wiederaufgebaut.

Hier sind wir an dem See...

"Am 26. Oktober 1967

"haben die Vietnamesen hier in Hanoi

"das Flugzeug abgeschossen,

"das von John Sydney McCain geflogen wurde."

Unter welchen Umständen wurden Sie abgeschossen?

Ich flog gerade über Hanoi,

bombardierte die Stadt.

HANOI UNTER BOMBEN FRANÇOIS CHALAIS - 1967

Ich wurde von einer Rakete getroffen.

Mein Flugzeug stürzte senkrecht ab.

Ich versuchte, den Schleudersitz zu betätigen,

dabei brachen mir beide Arme und ein Bein,

so fiel ich in einen See.

Ich wurde von den Nordvietnamesen gefangen genommen,

die mich ins Krankenhaus brachten,

wo ich fast gestorben wäre.

Die Ärzte operierten meinen Arm, meine Arme,

und andere Ärzte operierten mein Bein.

An welchem Tag war das?

Am 25. Oktober.

Jetzt sind Sie ein Gefangener. Wie werden Sie hier behandelt?

Ich werde von den Ärzten und den Menschen gut behandelt.

Wie ist das Essen?

Es ist nicht wie in Paris, aber es geht.

Die Bomben fielen. Die Bomben fallen wahllos.

Ja, wahllos. Wie kann man genau zielen

aus einem Flugzeug in 1 500 Meter Höhe?

Ein Flugzeug, das nur 7 Sekunden braucht,

um die gesamte Hauptstadt zu überfliegen.

HANOI KRIEGSMUSEUM DEZEMBER 1967

Gegen Nordvietnam wurden, ausser der Atombombe,

alle Arten von Bomben eingesetzt.

Diese hier zum Beispiel hat kleine Flügel,

die es ihr ermöglichen, auf Brusthöhe zu wirbeln.

Und dann gibt es die Streubomben,

deren Existenz manche immer noch leugnen,

weil ihre Auswirkungen so grauenhaft sind.

Ich habe sie gesehen, hier sind sie.

Sie besteht aus einer Mutterbombe,

die eine Anzahl von Kugeln enthält,

die selbst mit Stahlkugeln gefüllt sind.

Wenn sie den Boden berührt, explodiert die Mutterbombe

und 90 000 Metallkugeln

werden wahllos verstreut,

alles auf ihrem Weg durchbohrend und zerreissend.

In einem einzigen Viertel im Zentrum Hanois

zählte ich, eines neben dem anderen,

153 zerstörte Häuser.

Dieses hier zum Beispiel, wir kamen vorbei

und gingen hinein.

HANOI UNTER BOMBEN FRANÇOIS CHALAIS - 1967

Das ist meine Tochter!

Er war ein Wolf, oder sogar ein Bär.

In seinem Haus war ein Foto vom Hund,

ein Foto von Hemingway

und ein Zitat von Sacha Guitry,

das an die Wand geheftet war: "Heirate eine schöne Frau,

"wenn du eines Tages von ihr befreit werden willst."

Ich sagte: "Sie sind sehr frauenfeindlich."

"Haben Sie keine Fotos von Schauspielerinnen?"

Er sagte: "Ach wissen Sie, Schauspielerinnen und ich..."

Ich sagte: "Sie sind berühmt für das Filmfestival von Cannes,

"mit all den Stars."

Er begann, über Vietnam zu sprechen,

und es entstand eine starke Verbindung zwischen uns.

Sofort.

Ich wusste sofort,

dass dieser Mann mir etwas bedeuten würde.

Es war so stark, dass er statt einer Stunde

mehrere Stunden bei mir blieb,

und er wollte schon, dass ich alles über sein Leben weiss,

in dem Moment, als er mir die Tür öffnete.

Es ist unglaublich.

Und irgendwann hatte ich Durst,

und er fragte: "Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?"

Ich sagte: "Nein, ich hole es mir selbst."

Ich ging in seine Küche

und sah verschiedene Kristallgläser,

ich sagte: "Wenn ich einziehe, tausche ich all diese Gläser aus."

Was bringt mich dazu, nach zwei Stunden

im Leben dieses Mannes

schon alles ändern zu wollen?

Und er sagte mir später, als er mich sah,

wusste er bereits, dass es fürs Leben war.

Er hat sie natürlich

ins gesellschaftliche Leben eingeführt,

er stellte sie den wichtigsten Männern vor:

Malraux, Politiker, die grössten Schriftsteller,

die bedeutendsten Künstler.

Mit sechzehneinhalb sagte er zu mir:

"Du wirst mit André Malraux zu Abend essen."

Ich fragte: "Aber was soll ich denn tun?

"Was soll ich André Malraux sagen?"

Er sagte: "Egal, zieh dich an und komm mit.

"Und du wirst sehen, du wirst es entstehen sehen...

"Auch wenn du nicht alles verstehst, hör zu, schau hin,

"nimm alles in dich auf und sauge es auf."

Und dann fing er an,

er war auch ein bisschen mein Pygmalion, François Chalais.

Und später sagte er: "Komm, lass uns gehen,

"wir fahren zu Fellini.

"Wir besuchen meine Freundin Claudia Cardinale, Sophia Loren."

Ich war begeistert und dachte: "Das kann nicht wahr sein,

"ich lebe im Höchsttempo."

Ich fand ein eheliches Gleichgewicht,

eine emotionale Balance, die ich jedem wünsche.

Ich traf meine Frau zufällig,

oder besser gesagt, sie traf mich,

weil sie eine Sendung über Vietnam gesehen hatte, die ich gemacht hatte.

Sie ist Vietnamesin, wie viele wissen.

Sie wollte jemanden, der dieses Land kannte,

der von dort kam, um ihr von ihrem Land zu erzählen.

Wir haben uns getroffen und seitdem nicht mehr getrennt.

Und das geht schon seit vielen Jahren so.

Es ist das schönste Geschenk,

neben meiner Geburt, das mir der Himmel machte.

Nach einer Erfahrung, über die er nicht gerne sprach,

dachte François nicht an Heirat.

Was mich betrifft,

trotz aller Anträge, die ich erhalten hatte,

war ich zu jung, um es ernsthaft in Betracht zu ziehen.

"Ihr seid füreinander bestimmt",

hatte uns der Filmemacher Jean-Pierre Melville erklärt.

"Es zu ignorieren wäre eine Katastrophe. Heiratet.

"Und wenn es euch nur ein oder zwei Jahre Glück bringt,

"ist es das wert."

Indem er uns zu dieser Entscheidung drängte,

hatte Melville, erster Trauzeuge unserer Hochzeit,

gerade eine wunderbare Inszenierung vollbracht.

Es war der 5. Juni 1970.

Wir lebten schon zwei Jahre zusammen.

Doch die scheinbar banale Tatsache, unsere Situation zu legalisieren,

gab unserer Liebe eine zusätzliche Dimension.

Es war, als hätten wir sie beständiger und schöner gemacht.

Indem er mich heiratete,

adoptierte und beschützte François meine vietnamesische Familie.

Da er nie die Zuneigung vergass,

die er für sein Land und ihn selbst hegte,

behandelte Prinz Norodom Sihanouk

François stets als engen Freund

und wünschte sogar,

dass wir unsere Flitterwochen bei ihm in Kambodscha verbringen.

Leider gab es zwei Monate später einen Putsch

und Prinz Norodom Sihanouk wurde gestürzt,

also verbrachten wir unsere Flitterwochen

nicht hier in Phnom Penh

oder bei den Tempeln von Angkor, sondern in Venedig.

François war gross, vornehm

und hatte Klasse, wie man so sagt.

Und Mei-Chen war eine bezaubernde Frau.

Sie waren ein wunderbares Paar.

Sie war sanft und schön.

Und die beiden ergänzten sich wunderbar.

Es gab nur eine Sache, die ich nicht kannte,

ein Land, das noch fremder war als die anderen,

nämlich das Privatleben.

Eines Tages entdeckte ich es, wenn auch recht spät.

Vielleicht war es für mich der richtige Moment,

nachdem ich ein wenig ruhiger geworden war.

Ich merkte, dass ich noch nie "Ich liebe dich" gesagt hatte.

Die anderen Frauen, mit denen ich gelebt hatte,

glaubten mich zu kennen, weil sie mit mir gelebt hatten.

Aber ich denke, sie sind diejenigen,

die mich am wenigsten kennen,

weil ich bei ihnen nicht ich selbst war.

Sie weiss, wie ich wirklich bin.

Vielleicht zum ersten Mal weiss eine Frau, wie ich bin.

Vielleicht zum ersten Mal weiss ein Mann, wie Mei-Chen ist.

Hätte ich nicht den richtigen Menschen getroffen,

wäre ich nie zur Ruhe gekommen.

Ich bin ein Einzelgänger, der keine Angst vor Einsamkeit hat.

Wir dürfen jetzt keine Sekunde unseres Lebens verschwenden.

Es gibt keine Sekunde zu verlieren.

Von Geburt an ist keine Sekunde zu verlieren.

Er konnte

auf subtile Weise in seinen Fragen unverschämt sein.

Gleichzeitig war er auch ein Mann, der Menschenmengen nicht mochte.

Er war äusserst zurückhaltend.

Er war eher kühl.

PARISER ANWALT

Und wahrscheinlich, wenn Mei-Chen nicht gewesen wäre,

wäre er sicher in Einsamkeit versunken.

Es ist wunderbar, sein Leben zu verbringen,

und es ist noch nicht vorbei, mit jemandem,

der einen nicht auf ein Podest stellt,

der etwas Jugend teilt. Sie hat davon reichlich.

Ich habe wirklich viel gelernt,

und ich verdanke François viel, ohne dass er ein Mentor war,

mir Ratschläge gab.

Auf keinen Fall.

François sagte nie: "Mach dies, mach das."

Er fragte: "Hast du schon mal eine Zeitung gelesen, Mei-Chen?"

Ich sagte: "Nein."

Er meinte: "Du solltest eine Zeitung lesen,

"nicht nur die, in denen du fotografiert bist."

Lachend, mit viel Ironie und Humor.

Und dann, eines Tages, sagte er zu mir:

"Weisst du, du solltest Über die Liebe von Stendhal lesen."

Er sagte: "Komm nach Venedig, bring Balzac mit,

"lies Die Frau von dreissig Jahren."

Er führte die Dinge nach und nach ein.

Wir stehen uns so nahe,

dass ich dachte: "Es ist ein Problem für mich,

"nicht für sie, dass wir nicht gleich alt sind,

"weil es Dinge gibt, die wir nicht zusammen erlebt haben."

Irgendwann sagte ich: "Ich möchte nicht,

"dass wir getrennte Erinnerungen schaffen, wie getrennte Betten."

Was ich mit ihr versucht habe,

war, sie an Orte mitzunehmen, an denen ich gelebt habe,

damit sie die Dinge kennenlernt

und die Menschen trifft, die ich früher geliebt habe

und die sie nicht kannte.

Irgendwann fragte sie: "Aber warum?

"Warum erzählst du mir all diese Dinge?"

Ich sagte ihr: "Weil du du bist

"und die anderen mir egal sind."

Das stimmt nicht, sie sind mir nicht völlig egal,

aber sie kommt an erster Stelle.

Wir sind so viel zusammen gereist,

waren neunmal in Ägypten,

besuchten Indonesien, Malaysia

und bereisten die ganze Welt.

DIE ALCANTARA-SCHLUCHT SIZILIEN

JEMEN

MOUNT FUJI - JAPAN

CIRCEO - SABAUDIA - ITALIEN

TAORMINA - SIZILIEN

VENEDIG

SEYCHELLEN

ROM

All diese Reisen inspirierten François

zu seinen Büchern.

Er schrieb 15, darunter Les chocolats de l'entracte,

eine Million verkaufte Exemplare,

womit wir unsere Wohnung in Neuilly kaufen konnten.

Zwei gewannen renommierte Preise der Académie française:

Garry und Die Landung, fürs Fernsehen adaptiert.

DIE LANDUNG

FRANÇOIS CHALAIS: "MEI CHEN STEHT HINTER JEDEM MEINER BÜCHER."

DIE CHALAIS: "WIR HATTEN VIEL SPASS BEIM SCHREIBEN."

Also, übertreiben wir's nicht mit der Analyse

und machen keine billige Psychoanalyse.

Es stimmt, dass es einen grossen Altersunterschied gibt

zu François Chalais,

aber das heisst nicht, dass sie in Paris ihren Vater suchte,

das kann man nicht sagen.

Aber ich spüre eine grosse Sensibilität in diesem Bereich.

Ist sie fotogen?

Ich glaube, nur wenige Frauen sind fotogener als Mei-Chen.

Und sie hat etwas Besonderes in ihrem Blick.

Ich mag es, dass man sie mag.

Wenn man sie nicht mögen würde, könnte ich das nicht verstehen,

das wäre seltsam.

Das sage ich nicht, um mich zu betäuben, es ist wahr.

Ich schäme mich fast, es zu sagen, aber ich bin ein glücklicher Mann.

Das erste Mal, als ich mit François die Stufen hinaufging,

war 1969.

Ich war ein kleines Mädchen und klammerte mich an seinen Arm.

Ich wusste kaum...

Ich fühlte mich unwohl,

und er sagte zu mir: "Keine Sorge, ich bin bei dir,

"du wirst sehen, alles wird gut."

Den roten Teppich neben ihm zu betreten,

das beeindruckte mich sehr.

Ich glaube, ich war mehr beeindruckt davon,

die Stufen in Cannes hinaufzugehen

neben François Chalais,

als von den grössten Stars der damaligen Zeit.

Und dann war mein Mann 1978 in der Jury

mit Alan Pakula, Liv Ullmann,

Kontschalowski, Franco Brusati,

Harry Saltzman, dem Produzenten.

Er war in der Jury und wir wohnten im Carlton.

Ich erinnere mich gut daran, mit Jules Dassin

und Melina Mercouri etwas getrunken zu haben.

Wir haben hier mit Yves Montand zu Mittag gegessen,

im Restaurant des Carlton.

Wir verkehrten mit all diesen Stars,

aber sie waren wie eine Familie für uns.

Am meisten beeindruckt hat mich trotzdem mein Mann.

Im Mai 1996 war es das letzte Mal,

dass ich mit François Chalais die Stufen hinaufstieg,

und ich sah, wie er neben mir

schon sehr von der Krankheit geschwächt war.

Ich sagte zu ihm: "Halt dich an meinem Arm fest,

"heute habe ich die Kraft

"und wir gehen die Stufen gemeinsam hinauf."

Das ist unser letztes Bild von François und mir

beim Filmfestival in Cannes.

François Chalais gab dem Filmfestival von Cannes viel Gewicht.

Unbestreitbar wurde uns klar, dass es tatsächlich

darum ging, Sternchen zu interviewen,

manchmal auch Stars,

öfter Stars als Sternchen,

aber dennoch, das gehörte auch dazu.

Das Festival brauchte mehr Substanz, im positiven Sinne,

mit Interviews, wie er sie führte

in bemerkenswert gutem Französisch

und stets mit Sinn fürs Bildhafte.

Was denken Sie darüber?

Man müsste schon ziemlich abnormal sein, um dagegen zu sein.

Dafür nicht, nein.

Nein, um zu sonnen.

In Italien scheint die Sonne,

es herrscht eine gewisse Freiheit,

man kann auf der Strasse spazieren.

Gemeinsam verlieren wir etwas Kostbares,

die Freiheit eines Privatbürgers.

Spüren Sie sie ständig?

Ja.

Man spürt sie sehr. Dann gewöhnt man sich daran.

Heute ist das Festival weltweit bekannt,

aber es hat keine echte Präsenz in der Presse.

Es gibt niemanden,

der wie zu François' Zeiten

das Festival repräsentieren könnte.

Er hatte, glaube ich, Freude daran,

ihr nach und nach beizubringen,

immer sanft und ohne Strenge,

PARISER ANWALT

wie man sich verhält

gegenüber diesen sehr wichtigen und komplizierten Leuten,

denen sie begegnen könnten.

Und es stimmt, es hörte nie auf,

dieser Spaziergang durch die Tage,

die Landschaften und Begegnungen.

Belebt von den unerwartetsten Menschen,

als wären sie vom Glück platziert, um mich anzulächeln,

zu beschützen und zu lieben.

PREMIERMINISTER 1969-1972

STAATSPRÄSIDENT

PREMIERMINISTER AKADEMIEMITGLIED

VOM KRIEG ZUM FRIEDEN

Dieses kleine vietnamesische Mädchen wurde zu einer grossen Dame.

Es ist nicht verwunderlich,

dass sie so viele Menschen um sich herum faszinierte,

darunter einige der berühmtesten.

Zum Beispiel war sie in Japan Gast des grossen Kurosawa.

Erstaunlicherweise öffnete ihr der Maler Balthus

die Türen seines Ateliers.

Sie war mit Prinz Norodom Sihanouk befreundet

und mit Prinzessin Monique.

Dasselbe galt für Jean Marais.

Als Salvador Dalí sie traf, zeichnete er sie.

Lino Ventura und Sergio Leone gehörten zu ihren engen Freunden,

ebenso wie Federico Fellini und seine Frau Giulietta Masina,

die unvergessliche Darstellerin in La Strada.

Michèle Morgan und Präsident Edgar Faure.

Sophia Loren und Regisseur Terence Young.

Yul Brynner und Georges Chakiris. Marcello Mastroianni.

Man könnte Dutzende nennen,

sogar Hunderte.

Robert Hossein, Claudia Cardinale,

der Filmemacher Ettore Scola.

EIN BESONDERER TAG

Mein Mann, François Chalais, hatte mir ein Versprechen gegeben.

Er hatte gesagt: "Egal was passiert,

"ich werde dich nach Vietnam bringen."

Aber er war schon sehr krank,

er ging ins Krankenhaus und sagte mir, ich solle packen.

Alle sagten: "Das ist Wahnsinn."

Er war so krank, dass eine Abreise

den Tod bedeutete.

Abreisen hiess sterben.

Aber er sagte zu mir: "Ich gab dir dieses Versprechen,

"und egal was passiert, ich will es dir gegenüber halten."

"Ich möchte mit dir zurückkommen und Vietnam mit dir sehen."

Und leider

ist es eine Reise, die wir nicht zusammen machen konnten.

Mein Mann und ich hatten darüber gesprochen.

François wollte keine lebensverlängernden Massnahmen.

Er wollte seinen Tod selbst wählen,

so wie er die Freiheit in seinem Leben gewählt hatte,

und in Würde gehen.

Beim Weggehen sagte er zu mir:

"Der grösste Beweis meiner Liebe zu dir ist,

"dass ich heute gehe."

Und er sagte mir:

"Der grösste Beweis deiner Liebe zu mir ist,

"zu kämpfen, mutig zu sein,

"stark zu sein und vor allem frei."

Nach dem ersten Blick zwischen Mei-Chen und François

erlebte das Paar 28 Jahre gemeinsames Glück,

durch Reisen, Romantik, Romane, Fiktion und Realität.

Nach 28 Jahren war Mei-Chen 1996 allein.

TF1 ABENDNACHRICHTEN

Meine Damen und Herren, guten Abend.

Hier die Schlagzeilen vom Donnerstag, 2. Mai.

Der Tod von François Chalais.

Eine Stimme mit Leidenschaft für das Kino, die Medien, das Fernsehen.

Er bleibt der Mann von Cannes, er wurde 76 Jahre alt.

FRANÇOIS CHALAIS, DER FREUND DER STARS

LEBWOHL, FRANÇOIS CHALAIS

70 PERSÖNLICHKEITEN, DIE FRANKREICHS FILMBRANCHE GEPRÄGT HABEN

DIE VERSPRECHEN

Ich sagte ihm: "Ich begegnete dir wegen Vietnam,

"also werde ich für dich nach Vietnam zurückkehren."

Ich kehrte einige Monate nach seinem Tod zurück,

ein Jahr nach seinem Tod,

um meine Pilgerreise zu unternehmen.

Auf dem Südchinesischen Meer

bereisten wir zuerst Indonesien, die Philippinen,

Manila, Kanton, Hongkong.

François war krank,

und ich sagte zu ihm: "Hör zu,

"morgen müssen wir die Halong-Bucht erreichen."

Unsere geplante Reise umfasste die Halong-Bucht, Hanoi,

Hue und Ninh Binh.

Alle Orte, an denen François seine Reportagen gemacht hatte

29 Jahre zuvor.

Er sagte immer: "Eines Tages nehme ich dich mit nach Hongkong

"und vor allem zur Halong-Bucht."

Es war unser Traum.

Und diesen Traum konnten wir nicht verwirklichen.

Es ist etwas in meinem Leben, das...

in Bezug auf Vietnam, das hier endet,

die Zeit vor und mit François.

Die Halong-Bucht wird die Zeit nach François sein.

Ein Jahr nach seinem Tod

entdecken Sie dieses Südchinesische Meer,

diese tausenden steinernen Wächter hier.

Sie wollten bei ihm sein.

Trotz allem ist er bei Ihnen,

in Ihrem Herzen und in Ihrer Erinnerung.

Es ist eine Pilgerreise, eine Geste der Liebe.

Was bedeutet diese Reise für Mei-Chen Chalais?

Es ist ein...

Erstens ist es eine Geste der Liebe im Andenken an François,

denn er sollte diesen Film mit mir machen,

diese berühmte Halong-Bucht, dieses berühmte Hanoi.

Es ist eine schmerzhafte Pilgerreise,

da ich durch sein Buch,

durch diese Situation,

dieses Vietnam entdecke, das er besser kannte als ich.

Es ist gewissermassen ein Versuch, etwas zu bewältigen,

um diese schmerzhafte Wunde zu heilen.

Hat er Ihnen von der Halong-Bucht erzählt?

Hatte diese Halong-Bucht

eine symbolische Bedeutung für ihn?

Ja, denn für ihn war es

erstens so, dass er sie während des Vietnamkriegs nicht sehen konnte.

Es war verboten, er konnte nicht.

Und er wollte mich immer in mein Land mitnehmen.

Er wollte, dass wir alle Reisen zusammen machen.

Er wollte, dass ich das Gleiche sehe wie er,

die gleichen Erinnerungen,

also wollte er keine getrennten Reisen und Erinnerungen.

Aber die Halong-Bucht kannte er nicht,

er wollte sie mit mir entdecken.

Die Halong-Bucht

ist wirklich der Traumort für alle Verliebten.

Es war mein Traum, mit meinem Mann hierher zurückzukehren,

François Chalais, aber leider

verliess er uns zu diesem Zeitpunkt

und ich konnte meinen Traum nicht verwirklichen.

So blieb es immer mein verpasstes Rendezvous in Vietnam.

Während meiner Reise durch Vietnam

sah ich diesen kleinen Jungen

und erinnerte mich an eine Passage aus François' ergreifendem Buch.

Es handelte von einer Begegnung mit einem Kind,

das ganz allein war während eines Bombenhagels

und das er in seine Arme nahm.

Er schrieb:

"Er hörte auf zu weinen und begann zu lachen,

"und in dem Moment wurde es unerträglich.

"Warum hatte er dieses blinde Vertrauen

"in mich?

"Ich wusste, dass ich es nicht verdiente,

"da ich nichts für ihn tun konnte.

"Doch er hatte mich in dieser schrecklichen Dunkelheit erwählt.

"Er, dieses Waisenkind, hatte mich adoptiert,

"inmitten des Grauens,

"und sein Lachen tröstete und zerriss mich zugleich."

Von dieser Reise nach Nordvietnam

wird mir klar, dass das Bild dieses kleinen Jungen

mich nie mehr verlassen wird.

Ich erinnere mich auch an das aussergewöhnliche Interview

von François Chalais mit John McCain.

Wie heissen Sie?

Lieutenant Commander John Sydney McCain.

Das ist ein sehr berühmter Name.

1967 in Gefangenschaft geraten

und 1973 freigelassen, sechs Jahre nach den Pariser Verträgen,

also zwei Jahre vor Ende des Vietnamkrieges,

am 30. April 1975.

McCain, der vom Vietnamkrieg tief geprägt wurde,

François, der vom Vietnamkrieg tief geprägt wurde.

Ich, ein Kind des Vietnamkriegs,

wir drei, diese verflochtenen Schicksale,

und wie auch immer John McCains Zukunft aussieht,

dieses einzigartige Treffen wird aussergewöhnlich bleiben.

Vielleicht wird man sagen:

"Wenn ein französischer Journalist, der zufällig dort war,

"nicht hartnäckig gefragt und gesagt hätte:

"'Ich verlasse Nordvietnam nicht

"'ohne einen amerikanischen Gefangenen, '

"was wäre aus McCain geworden?"

Ich weiss es nicht.

Aber gleichzeitig denke ich auch, dass ein Interview,

das einen aus der Haft entlassenen amerikanischen Gefangenen zeigt,

der vor François Chalais' Kamera weint...

Zwischen McCain und François geschah etwas.

Übrigens, in seiner Biografie

würdigt John McCain François Chalais.

NACH FRANÇOIS CHALAIS' INTERVIEW

WUSSTE ICH, DASS ES ZUHAUSE FÜR AUFSEHEN SORGEN WÜRDE

UND DIE VIETNAMESEN MICH NICHT MEHR TÖTEN KONNTEN.

JOHN MCCAIN

AUS DEN MEMOIREN "DER GLAUBE MEINER VÄTER"

DER GLAUBE MEINER VÄTER

Ich wurde inspiriert vom Menschen, vom Schriftsteller

und vom grossen Reporter

und ich wusste alles, was in ihm steckte,

und ich wollte es mit der Welt teilen.

Mei-Chen Chalais erhielt

die Ehrenlegion aus den Händen des Kulturministers,

Frédéric Mitterrand, im Jahr 2010.

Diese Auszeichnung würdigt ihre Treue zu ihrer Mutter,

ihren Wurzeln, ihrem Ehemann

durch ihre Arbeit,

insbesondere die Gründung des nach ihr benannten Filmpreises.

Wenn ich über François Chalais spreche,

dann natürlich, weil dieser grosse Cineast,

dieser bedeutende Kritiker, dieser grosse Reporter,

dieser Filmvermittler mir unendlich teuer geblieben ist

durch seine Kultsendungen wie Reflets de Cannes und Cinépanorama,

und ich immer noch,

wir alle noch im Ohr haben,

seine Stimme, seinen Klang,

seine ganz besondere Sprechweise,

die für immer mit dem Geist des Festivals verbunden bleibt

und allgemein mit der Filmgeschichte.

Wenn ich über François Chalais spreche,

dann auch, weil Ihr Leben mit seinem verknüpft ist.

Sie wussten, wie Sie François Chalais ehren

und sein Andenken bewahren konnten,

indem Sie den kreativsten und passendsten Weg fanden,

sich stets dem Licht zuzuwenden.

Sie haben den François-Chalais-Preis für junge Reporter ins Leben gerufen.

Ich denke auch an die Preise, die seit 1997

jährlich beim Filmfestival in Cannes

einen Regisseur für sein Talent, die Realität der Welt einzufangen,

auszeichnen, wie es François Chalais selbst so gut konnte.

JURY DES FRANÇOIS-CHALAIS-PREISES

Begeben wir uns nun nach Cannes,

wo gestern der erste François- Chalais-Preis verliehen wurde.

Es war der Regisseur Ademir Kenović,

Regisseur des Films Der perfekte Kreis,

der diesen Preis von Brigitte Fossey erhielt, wie Sie sehen.

Die Jury wird insbesondere von Sophia Loren und Alain Delon geleitet.

Der Film wurde in Sarajevo gedreht

und feierte bei der Quinzaine des Réalisateurs Premiere.

Dieser Preis soll einen jungen Filmemacher ehren,

der die Realität der Welt einfängt.

Sehr bewegt versucht Frau Chalais, Sophia Lorens Mitteilung vorzulesen,

aber sie schafft es nicht.

Ich übernehme, denn es gibt Worte,

die manchmal offenbar schwer zu lesen sind.

"Meine liebe Mei-Chen, meine lieben Freunde,

"es tut mir aufrichtig leid, dass ich heute nicht bei Ihnen sein kann,

"um den dritten François-Chalais-Preis zu verleihen.

"Und ich fühle, ich bin umso trauriger,

"weil ich gerade in diesem Mai

"besonders intensiv an François denke.

"Er war für mich über 30 Jahre lang ein wahrer Freund,

"und als grosser Filmemacher, der er war,

"spielte er zu Beginn meiner Karriere eine entscheidende Rolle."

Entschuldigung, ich fange nochmal an. François hätte nicht gewollt...

...denn er wollte, dass ich stark bin.

DER ANDERE EIN FILM VON YOUSSEF CHAHINE

WEST BEIRUT

KIPPUR

MADE IN THE USA

DIE REISE DES JUNGEN CHE

TAGE DES RUHMS

120 BPM

EIN VERBORGENES LEBEN

DIE BOLOGNA-ENTFÜHRUNG

FRANÇOIS-CHALAIS-PREIS

Man sagt, das Kino sei eine Familie,

aber es ist auch eine Familie von Freundschaften,

Menschen, die an mich geglaubt haben.

Und irgendwie

ist es vor allem eine Geschichte der Liebe, natürlich,

aber auch, in gewisser Weise, der Freundschaften.

VERLEIHUNG DES FRANÇOIS- CHALAIS-NACHWUCHSREPORTERPREISES

Danke an alle meine Freunde, die Jurymitglieder,

an diejenigen,

die mir geholfen

und mich seit der Gründung meiner Preise unterstützt haben.

JURY DES FRANÇOIS-CHALAIS- NACHWUCHSREPORTERPREISES

JURY DES FRANÇOIS-CHALAIS- NACHWUCHSREPORTERPREISES

JURY DES FRANÇOIS-CHALAIS- NACHWUCHSREPORTERPREISES - 2024

Der Name Chalais ist nicht von den Bildschirmen verschwunden.

Mei-Chen hat über 200 Dokumentarfilme produziert,

und ihre Filme werden durch das Material ihres Mannes aufgewertet,

François Chalais.

Seine Mémoires du cinéma-Archive

begeistern Zuschauer weltweit.

Wenn ich nach Vietnam zurückkehre,

ist es ein Land des Schmerzes, aber auch der Freude.

Die Zitadelle der Frauen

war François' Lieblingstempel.

Mehr denn je kann ich hier

nicht umhin, mich an diese Worte zu erinnern,

die er mir eines Tages 1988 schrieb:

"Haben wir Gott auf dieser zeitlosen Reise getroffen,

"auf der Suche nach uns selbst?

"Ich weiss es nicht.

"Wessen ich mir hingegen sicher bin,

"ist, dass wenn Gott nicht existiert,

"meine Liebe ihn erfinden wird, um über dich zu wachen."

Untertitelung: TransPerfect Media

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