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NÉNETTE
EIN FILM VON NICOLAS PHILIBERT
Guten Tag, Nénette.
Wie geht's dir?
Schau, schau sie mal an.
Sag Hallo.
Hallo!
Schau, was sie machen. Wach auf!
Hallo!
Feodora, guck mal, sag Hallo.
Hallo.
Das sind Orang-Utans
aus Borneo.
Nénette. Nénette.
Geboren 1969
auf Borneo.
Angekommen im Zoo des Jardin des Plantes
am 16. Juni 1972,
Mutter von Tübo.
Sie ist 40 Jahre alt, stell dir vor!
Ja.
So alt wie dein Papa.
Papa ist 40,5 Jahre alt.
Ja, 40,5. Aber sie ist 40 so wie er.
Ja, aber Papa ist 40 Jahre und 6 Monate alt.
Denkst du, dass sie uns sieht?
Doch, sie sieht uns. Ich weiss, dass sie mich sieht.
Ich glaube, sie sieht nur Umrisse,
weil es hell ist...
Vielleicht sollten wir wiederkommen.
Morgen vielleicht oder zwei, drei Mal,
damit sie uns anschaut.
Das ist Nénette.
Sie ist 40 Jahre alt, verrückt!
Leben die lange?
In der Natur 30 bis 35 Jahre.
Also sind 40 Jahre schon sehr alt.
Sie langweilt sich bestimmt, oder?
Ihre Heimat fehlt ihr vielleicht.
Mir fehlt sie auch.
Fressen Sie Insekten?
Ich weiss nicht. Sind Pflanzenfresser, oder?
Ich glaube, sie fressen Würmer und sowas.
- Termiten. - Ja.
Kleine Insekten.
- Sie ist riesig. - Was ist das?
Ein Wal.
40 Jahre!
Sie sieht fit aus.
Sie werden mit Falten geboren.
Der ist fast so gross wie Mama.
Der Raum ist klein.
Das ist Paris, die Mieten sind hoch.
Ich würde sie gern anfassen.
Die langen Haare.
- Sie ist ein wenig rothaarig. - Ja.
Weisst du, in Ägypten wurden die Rothaarigen vor der Geburt getötet.
- Man steinigte sie. - Wirklich?
Ja.
- Wegen dem... - Dem Teufel, dem Feuer.
Ja.
Schau.
Sie spielen.
Siehst du sie? Ich halte dich hoch...
Siehst du?
Sie kommen rein und gehen raus.
- Gorilla! - Komm mal her.
Gorilla! Gorilla!
Gorilla!
Gorilla!
Schau den an, der sieht aus wie...
Wie du.
Mama.
Warte, bleib stehen!
Schau mal...
Zieh mich nicht.
Komm.
- Komm. - Hör auf.
Dann komm her.
Warte, ich will nachschauen, was das für ein Affe ist.
Das sind Makaken.
Was ist?
Als ich vor genau acht Jahren hier begonnen habe,
war Nénette ein bisschen
die Böse im Affenhaus.
Es gab ein Männchen,
er hiess Solok, war sehr sanft,
sehr nett, wirklich ein Schatz.
Und Nénette hatte ihre Launen,
sie hatte Gérard,
der sie aufgezogen hat, als sie klein war,
und Marie-Claude, mit der sie nah war.
Alle anderen Pfleger waren nicht so ihre Freunde,
man konnte sie nicht bewegen,
wenn sie keine Lust hatte, mit dem Futter lief es nicht.
Es gab wirklich nichts,
womit man eine Verbindung zu ihr bekam.
Das war echt seltsam.
Über die Jahre hinweg hat sich diese Verbindung dann kreiert.
Wenn man sagt, es braucht Zeit, braucht es wirklich Zeit,
seit acht Jahren arbeite ich mit ihr,
erst seit knapp zwei Jahren geht es.
Sie war sehr krank, hatte ein Problem.
Sie hatte einen retroperitonealen Abszess, der Fisteln bildete,
bis in die Wirbelsäule. Das muss sehr weh getan haben,
es war schlimm.
Wir dachten, das käme von ihrem Alter,
dass sie im Kopf nicht klar wäre.
Wir machten einen Scan
in einer Veterinär-Schule.
Da stellten wir fest, dass sie einen Abszess hatte,
einen sehr grossen Abszess.
Da bemerkten wir,
dass wir Nénette mochten,
dass wir Angst hatten, sie zu verlieren und
als sie auf dem OP-Tisch lag, sagten wir uns:
"Wenn sie stirbt, wird sie uns fehlen,
"das wäre traurig."
Nénette ist noch da, alles gut.
Danach hatte Nénette eine lange Genesungszeit,
und Gérard, der ihr sehr nah ist,
übergab sie mir.
Ich habe mich mit ihm um Nénette gekümmert,
ich glaube, da hat sie verstanden.
Es war das erste Mal, dass ich in ihren Augen gesehen habe,
dass sie sanft, nett und ruhig sein kann.
Man hatte mir immer gesagt, dass man es gleich morgens sieht,
ob sie gut oder schlecht gelaunt ist.
Man würde es an ihrem Blick sehen, aber ich habe den Unterschied nie
bemerkt. Vielleicht habe ich mich das nicht gefragt,
und sie war immer die Schwierige,
bei der man aufpassen musste...
In sechs Jahren habe ich sie nie angefasst.
Ich hatte nie Kontakt.
Ich habe nie ihre Finger, ihren Mund berührt, nichts.
Und vor zwei Jahren begann ich sie zu berühren.
Heute geht es nicht von mir aus,
sie ist es, die berührt werden will.
Sie hält mir ihre Finger oder den Mund hin.
Dann weiss ich, dass sie berührt werden will.
Sonst tue ich es nicht.
Sie entscheidet das immer.
Ich freue mich sehr darüber,
es gefällt mir.
Meine Sicht auf Nénette
hat sich echt verändert.
Ja, sie ist gefährlich,
aber so wie auch
Tübo gefährlich ist,
oder Théodora, auch wenn sie normal sanft ist.
Ich denke, man muss wissen, wie man sie nimmt.
Und sie ist
auch älter und braucht mehr Zeit,
um sich an Leute zu binden,
Verbindungen aufzubauen.
- Ist das Nénette? - Nein, Théodora.
- Bist du sicher? - Ja, schau, sie ist da oben.
Wie alt ist sie?
Das sind Gorillas!
Hier gibt es Informationen.
Raphaël, hör mit dem Krach auf,
sonst werde ich böse.
Es ist ein Weibchen.
Man sieht ihre Brüste, es ist ein Weibchen.
Sie will ihn fangen.
Ich glaube, sie ist deprimiert, total deprimiert.
Vielleicht ist ihr Mann gestorben.
Gibt es keine anderen Affen?
Ich meine,
ein Mädchen und einen Mann?
Für ihn ein Mädchen,
und für seine Mutter einen anderen Mann?
Das wäre doch lustiger,
als eine Mutter und ihr Sohn.
Das ist nicht lustig.
Tübo.
Kuckuck.
Ich würde dir gern etwas zeigen.
Er versteht nicht, dass ich auch ein Affe bin, wie er.
Ich verstehe die Affensprache,
kann auch so klettern wie er,
und ich wäre auch so traurig wie sie,
wenn ich allein mit meinem Sohn wäre,
weil man doch jemanden im gleichen Alter braucht.
Schau, sie ist ganz traurig.
Ah, schau.
Komm her.
Tübo, sprichst du mit mir?
Sprich mit mir.
Du bist ein sehr hübscher Kerl.
Ja.
Bist du noch nicht verheiratet?
Hey.
Komm.
Komm her.
Ist er schon verheiratet?
Nein, ist er nicht?
Schau mal.
Wie findest du ihn?
Die Pfleger haben ihm Bananen gegeben.
Die Haare sind echt lang.
Sie sieht aus, als wäre sie 50.
Vielleicht.
Ja.
Na dann, Ciao.
Edward Tyson, ein berühmter englischer Forscher,
verfasste eine sehr gute Beschreibung,
sowohl des Äusseren wie auch des Inneren des Orang-Utans.
Laut ihm gibt es zwei Arten,
die Art, die er beschreibt, ist nicht so gross wie die andere,
"Barry" genannt von Reisenden,
und umgangssprachlich "Drill" von den Engländern.
"Battel nennt ihn Pongo,
"und versichert, dass er in all seinen Proportionen
"dem Menschen ähnelt,
"nur ist er grösser,
"gross wie ein Riese, sagt er,
"das Gesicht wie der Mensch,
"tief gelegene Augen, lange Haare am Kopf,
"das Gesicht nackt und ohne Haare,
"so auch die Ohren und die Haare.
"Der Körper leicht behaart,
"äusserlich vom Menschen nur
"durch die Beine unterscheidbar,
"weil er nur keine oder wenig Waden hat,
"jedoch immer aufrecht geht.
"Er schläft auf den Bäumen, baut sich eine Hütte,
"als Schutz gegen Sonne und Regen.
"Er lebt von Früchten und frisst kein Fleisch,
"er kann nicht sprechen, auch wenn er mehr versteht,
"als andere Tiere.
"Wenn die Schwarzen Feuer in den Wäldern machen,
"setzen sich die Pongos dahin, um sich zu wärmen,
"aber ihnen fehlt die Intelligenz ein Feuer zu unterhalten,
"indem man Holz nachlegt.
"Sie leben in Gemeinschaft,
"töten manchmal Schwarze an abgelegenen Orten,
"attackieren sogar Elefanten,
"indem sie sie mit Stöcken schlagen und aus ihren Wäldern treiben,
"Man kann diese Pongos nicht fangen,
"denn sie sind so stark,
"dass zehn Männer nicht ausreichen, um einen zu bezähmen.
"Gauthier Schoutten sagt,
"dass diese von den Indern Orang-Utans genannten Affen
"fast die gleiche Figur und Grösse
"wie Menschen haben.
"Mit einem derben Gesicht,
"einer platten eingedrückten Nase,
"Ohren wie die Menschen.
"Sie seien robust, agil, kühn,
"sie gehen in Verteidigung gegenüber bewaffneten Menschen.
"Sie lieben Frauen,
"sie können nicht sicher in die Wälder gehen,
"sie können plötzlich von den Affen angegriffen oder
"vergewaltigt werden.
"Dampier, Froger und andere Reisende
"versichern, dass sie acht oder zehn Jahre alte Mädchen mitnehmen,
"sie auf die Bäume bringen
"und es ist sehr mühsam, sie ihnen wieder wegzunehmen.
"Wir können zu diesen Aussagen
"diese von Monsieur de la Brosse dazunehmen.
"Dieser Reisende versichert, dass die Orang-Utans
"versuchen würden, schwarze Frauen zu überfallen,
"und sie dann behalten und sich ihrer erfreuen,
"sie sehr gut ernähren würden.
"Der Orang-Utan, den ich sah, lief aufrecht auf seinen zwei Beinen,
"trug sogar schwere Sachen.
"Er sei gut erzogen und ausgebildet gewesen.
"Ich habe ihn am Tisch sitzen sehen,
"seine Serviette benutzend, um sich den Mund abzuwischen,
"er nahm eine Tasse und Untertasse,
"trug sie zum Tisch,
"gab Zucker hinein, goss Tee hinein,
"liess es abkühlen vor dem Trinken.
"Er tat niemandem etwas zuleide,
"näherte sich vorsichtig an,
"zeigte sich so, als würde er um Streicheleinheiten bitten.
"Er liebte Bonbons sehr.
"Jeder gab ihm welche.
"Er hustete viel,
"die Brust war angegriffen,
"diese vielen Süssigkeiten trugen
"bestimmt dazu bei, sein Leben zu verkürzen.
"Er lebte nur einen Sommer in Paris,
"starb im Winter darauf in London.
"Er frass fast alles.
"Er trank Wein, aber wenig,
"und gern Tee, Milch
"und andere süssen Flüssigkeiten.
- Er sucht etwas. - Ja, schau.
Er schaut, ob da was zu essen ist.
Hast du gesehen?
Er nimmt es mit den Händen.
Sie sind schön!
Er ist ganz behaart!
Er erinnert irgendwie an einen Menschen.
Ja.
Ausser, dass der Mensch viel
kürzere Haare hat.
- Ja. - Welche ist Nénette?
Schau mal, der grosse Kopf!
Ich glaube, das ist Nénette.
Sie hat Brüste.
Das sind doch keine Brüste.
- Doch! - Ah, simmt.
Aber sie hat da was Grosses am Hals.
Nénette, die Mutter von Tübo.
Er hat Muskeln!
An den Armen.
Wow!
Wow!
Anscheinend gibt es Leute,
die Nénette jeden Tag besuchen.
Stell dir vor, jeden Tag!
Sie kommen zu Besuch,
wie zu einem Bruder, einer Schwester, einem Verwandten,
im Gefängnis.
In Borneo gibt es eine Legende,
es heisst, Orang-Utans können sprechen,
aber sie bleiben still, damit sie nicht arbeiten müssen.
Schluss mit den Entlassungen!
Die Angestellten
wollen nicht kaputt gehen!
Schluss mit den Entlassungen!
Es reicht nicht, alle zwei Jahre
auf die Strassen zu gehen.
Das reicht nicht!
Gegen Videoüberwachung in Paris
und den Einsatz von Kameras!
Unterschreibt die Petition für Demokratie und Freiheit!
Los, sing ein bisschen.
Vielleicht singt sie.
Ich weiss nicht, welche Stimme sie hat.
Er ist zusammengepresst.
Er hat grosse Arme und einen ganz kleinen Körper.
Weil er nicht aufgerichtet ist. Seine ganze männliche Kraft...
Guck mal.
- Das ist ihr Sohn. - Ihr Sohn?
Ja, schau das grosse Ding, das er hat.
Das macht Angst!
Wie ein zweites Gehirn.
Ist das konzentriertes Fett?
Er hat keine Brust.
Er ist ja ein Mann.
Nein, er hat keine Brustmuskeln.
Er hat dieses Riesending in der Mitte.
Mama, es gibt Nénette,
Tübo, Théodora.
Das hier ist Nénette.
Sie ist so witzig.
Hast du den gesehen?
Er heisst... Warte, sie haben Namen.
Nénette! Nénette.
Nénette, ich wette, das ist sie.
Ja.
Das ist Nénette.
Die mit der kleinen Perücke.
- Seit 37 Jahren ist sie hier. - Tübo ist dort.
- Warum haben sie diese grosse Kugel? - Cédric, mach keinen Unsinn!
Sie haben eine grosse Kugel.
- Weil es Weibchen sind. - Vor allem Tübo.
Das da ist Nénette.
- Théodora ist dort und Tamü der da. - Oh, schaut mal!
Oma!
Das ist Théodora. Tamü ist der andere.
Was macht er da oben?
Schäm dich!
Irgendwas!
Die mit den Brüsten. Das ist sie.
Es sind vier: eins, zwei, drei und dort vier.
Ja, das ist immer so.
Sie schreiben immer die Daten
und so Sachen hin.
Die Dame mit den Brüsten, das da ist das Baby,
der hier und der dort,
und der hier ist der dort.
Wir schliessen!
Bitte, wir schliessen!
Wir schliessen, bitte!
Sie sind ganz jung hergekommen.
Sie war drei oder vier Jahre alt,
vielleicht älter, wir werden es nicht wissen.
Gérard war nicht mal da, ich war die erste
mit meinen Kollegen.
Wir haben sie auf dem Arm getragen und ich war jung,
wir waren beide jung,
das war erstaunlich...
Ich hatte noch kein Kind.
Sie im Arm zu halten, ist besser als mit einem Kind,
das habe ich später verstanden,
weil sie einen viel mehr umschlingen.
Sie sind sehr zärtlich, das bleibt so.
Die grossen Arme, die einen halten, das ist total schön.
Das hat ihr letztlich geholfen, sich langsam in der Welt
des Zoos einzuleben. Es war nicht ihre Welt.
Wir spüren alle im Zoo tief in uns
eine grosse Schuld.
Andererseits, Nénette bekam
vier Söhne, sie wurde älter.
Sie ist 40 Jahre alt, eine der ältesten Orang-Utans.
Ich bin überzeugt, sie hat etwas Arthrose,
und sie hatte eine schwere Operation.
Das war aussergewöhnlich.
Meine jungen Kollegen haben sie gerettet.
Sie hatte Schmerzen, und sie ist alt, das darf man nicht vergessen.
deswegen schont sie sich noch mehr,
nach so einer grossen Operation
muss sie sich auch schonen.
Sie hatte immer schon diese wehleidige Seite.
Nénette war nie jemand, der...
Wenn man ihr etwas wegnimmt, dann bewegt sie sich.
Aber Orang-Utans bewegen sich allgemein nicht viel.
Und sie besonders wenig, angesichts ihres Alters und ihrem Wesen.
Auch in der freien Wildbahn kann ein Orang-Utan 5-6 Stunden
einfach oben auf einem Baum sitzen und nichts tun, nur schauen.
Nénette beobachtet das Publikum.
Wenn sie es mir beschreiben könnte,
wüsste ich die Zeiten der Pfleger, je nach Stunden,
die Küsse, die es gibt.
Wissen Sie, als sie klein war,
kamen verliebte Paare,
stellten sich vor sie,
und küssten sich.
Später sah man, dass Toto und Nénette versuchten...
Sie sind schon gierig,
sie rollten Schaufeln und irgendwelche Dinge umher.
Ich weiss auch nicht warum,
wir waren so daran gewöhnt zu ihr reinzugehen,
hatte ich meine Handtasche dabei.
Ich hatte einen Lippenstift,
der mir nicht so gut stand,
sie riss mir die Tasche aus der Hand,
holte den Lippenstift heraus,
und tat so, als würde sie sich im Spiegel anschauen.
Er war überall.
Sie verbringen ihre Zeit mit Beobachten,
wie sie auch in der Natur umherschauen, sie brauchen das.
Dann hatte sie ihre Zeit, wo sie die Göttin war.
Sie liebte Kameras, das ist paradox.
Anfangs, als sie das erste Baby hatte,
Doudou, hatte sie Angst.
Das Fernsehen war da, sie war ganz mit Stroh bedeckt,
man sah nur die Augen.
Wir gaben ihr Bananen,
dann merkte sie, dass es warm war,
die Reflektoren,
das war eine gute Wärme.
So wurde sie zu einem kleinen Star,
sogar etwas gekünstelt.
Es änderte sich dann ein wenig, denn irgendwann
interessierte sich das Fernsehen
für die Jüngeren,
die sind lustiger.
Ihr Sohn übernahm die Vorherrschaft.
Und es gab Watana, die nicht mehr lebt,
sie war ein Genie, konnte Knoten machen.
Sie hat es nun akzeptiert,
aber es ist nicht leicht für ein altes Weibchen.
Ihre Söhne sind weg, ihre Männer auch,
es ist nicht leicht für sie,
die Älteste der Gruppe zu sein,
die nicht alles versteht.
Ich fand es manchmal auch schwierig mit den jungen Pflegerinnen.
Sie haben die Methoden geändert, haben ihre Lieblinge, ist normal.
Sie bevorzugen Tübo und Théodora.
Für sie ist das schwierig.
Man muss das beobachten.
Also es gibt...
Ich vor allem, weil es ein Weibchen ist,
und Gérard,
wir sind ihre Bezugspersonen, uns akzeptiert sie.
Es stimmt, sie hatte Théodora ein bisschen gebissen,
das gab einen Streit zwischen den Pflegern.
Meiner Meinung nach haben wir einen Fehler gemacht,
wir haben es später anerkannt,
es war gleich so: "Es ist eure, ihr schützt sie."
Das sind so unsere Streits,
alle Pfleger waren wütend.
Es gibt auch den femininen und maskulinen Aspekt,
der eine Rolle spielt.
Nicht jeder sieht sie gleich.
Das Bild ist fast nicht lesbar.
Du kannst keine totale Synthese der Form haben.
Am Ende verstehst du, wie es funktioniert.
Das ist das Interessante mit Tieren.
Wir sind gezwungen, sehr schnell das Essentielle zu sehen,
sonst verliert man Zeit damit,
es hübsch zu machen.
Das Essentielle aufnehmen, die Bewegung.
Und das versteht man nach und nach.
Über die Bewegungen versteht man die allgemeine Form.
Das zwingt zur Lebendigkeit des Strichs, des Auges,
etwas ohne Schnörkel einzufangen,
Das ist auch spannend.
Es ist ein Glück mit den Orang-Utans zu arbeiten,
es gibt diese Schwere,
und gleichzeitig diese Weichheit, es ist unglaublich.
Die Haare helfen uns auch für die globale Form,
man kann kleine Ungenauigkeiten verstecken.
Wie mit der Kleidung, sie verbirgt unsere Makel.
Wissen Sie, eine Zeichnung
ist eine Meditation mit sich allein.
Man versucht zu verstehen, wie die Dinge funktionieren,
wie man eine Synthese herstellen, wie man es erfassen kann.
Was wir versuchen,
also die erste Übung, die wir zum Beispiel machen,
ist, ein Fahrrad zu zeichnen.
Oft wissen sie nicht genau,
wie ein Fahrrad exakt aussieht,
man kennt die Rahmengrösse, wie es funktioniert.
Man macht zuerst eine Skizze.
Um die Realität wirklich zu erfassen, wie die Dinge sind,
lernt man sie, eignet es sich an
und erweitert das Lexikon der Formen.
Später kann man sie automatisch zeichnen.
Das ist Übung.
Wie bei Liegestützen, man muss üben, skizzieren.
Im Fluss und mit Schnelligkeit,
damit es nicht nur hübsch aussieht.
Nicht, um den Eltern zu gefallen,
es ist eine Übung.
Bei der Akt-Malerei
beginnt man oft mit eher fülligen Modellen,
meist Frauen übrigens,
natürlich wegen der Formen,
mit eher ausladenden Körpern.
Das ist einfacher, wenn man nicht wirklich zeichnen kann.
Danach kommen schlanke Männer,
das ist schwieriger.
Es gibt weniger zu zeichnen.
Aber Nénette, das macht echt Spass, diese Masse,
das Volumen,
das sich bewegt.
Und sie hat einen netten, charakteristischen Kopf.
Man versteht auch die Comics, die Inspirationen,
unsere Comics in der Kindheit.
Man sieht sie vorbeiziehen...
Vor kurzem bin ich extra zum Jardin des Plantes gekommen
mit einer kleinen Sammlung Tierzeichnungen, um sie
den Schülern zu zeigen.
Dabei war ein liegender Orang-Utan,
ich zeigte ihr das Buch, blätterte die Seiten um,
eine nach der anderen und ihr Blick folgte.
Ich weiss nicht, was sie aufnahm,
aber der Kontakt war beeindruckend.
Es ist so nah!
Kürzlich kamen rothaarige Schüler,
rothaarige Mädchen hierher.
Der Orang-Utan betrachtete sie aufmerksam,
ich weiss nicht, welcher es war,
einer gab ihnen kleine Küsschen durch das Fenster.
Und als eine Braunhaarige ankam, wies er sie zurück.
Eine erstaunliche Geste.
Als ich Nénette
kennenlernte hier im Zoo,
war sie so gross wie Tamü.
Ich kümmerte mich um sie, von der Kindheit bis zur Erwachsenen,
bis sie ihre ersten Kinder bekam.
Sie bekam vier hier.
Ich machte Karriere, sie auch.
Wir gingen einen ziemlichen Weg miteinander, 35 Jahre lang schon.
Können Sie ihre Stimmungen spüren?
Für mich sieht sie traurig aus,
aber für Sie ist sie vielleicht nur müde.
Nein, das ist keine Traurigkeit.
Ein Orang-Utan ist nicht einfach.
Er drückt sich viel weniger aus als beispielsweise ein Schimpanse,
Er hat keinen stimmlichen Ausdruck,
schreit nicht, man hört nichts.
- Man hört ihn nie. - Er macht keine Geräusche?
Sehr wenig.
Ich dachte, nur die Giraffen.
Die Orang-Utans auch kaum.
Macht er nicht verbal den Hof?
Doch, mit Tönen...
Deswegen, glaubt man, hat er die Art Ausbuchtung am Hals,
womit er,
wenn er die Luft rauspresst,
eine Art Schrei loslassen kann, den man über viele Kilometer hört,
ich kann ihn nicht nachmachen.
- Ein Versuch. - Nein, kann ich nicht.
Gérard, jetzt bin ich enttäuscht.
Sind Sie nicht der Chef-Pfleger?
Schon, aber...
Der Chef-Pfleger kann keinen Orang-Utan nachahmen?
Nein, hier habe ich es sehr selten gehört,
weil es keinen Ton braucht,
den man kilometerweit hört.
Er weiss, es gibt hier
keine anderen Orang-Utans.
Kein Scherz.
Ich meinte es auch ernst mit dem Imitieren.
Wenn Sie wollen, kann ich den Gibbon machen,
das kann ich,
- aber Orang-Utan nein. - Okay.
Dann nehme ich den Gibbon.
- Also... - Ist das...
Als Pfleger geben Sie ihnen Futter, waschen Sie sie auch?
- Wie wird ein Orang-Utan gewaschen? - Nie.
Nie. Er macht seine Toilette.
Er macht das selbst. Sie waschen sie nie?
Sie waschen sich nie?
Sie waschen sich nicht, sie machen ihre Toilette.
Stinken sie manchmal wegen der langen Haare?
Sie haben ihren eigenen Geruch.
- Okay. - Alles gut.
Alles gut soweit.
Sie hatte drei Ehemänner und hat alle drei eliminiert.
Ja, sie hatte drei.
Der erste, mit dem sie
aus Borneo kam, ganz jung, hiess Toto.
Als sie ausgewachsen waren, hat es nicht lange gedauert,
sie haben sich gepaart, es kam das erste Baby.
Mit dem Männchen begannen Probleme,
er hatte Parasiten,
wodurch er Krankheiten bekam,
zuerst am Magen,
dann gab es Leberprobleme.
Er ist an einem riesigen Leber-Tumor gestorben,
bestimmt durch die Parasiten.
Da war sie ganz allein,
also holten wir ein Männchen,
aus einem anderen Zoo
in Frankreich.
Er war schon alt, nicht fit.
- Arme Nénette. - Wir behielten ihn zwei Jahre.
Sie hat einen hässlichen Mann bekommen.
Ja, so war es.
Und danach
wollten wir einen dritten,
denn Nénette war noch in ihrer vollen Kraft.
Der dritte kam
aus Ost-Deutschland, aus dem Leipziger Zoo.
Er hiess Solok, war ein sehr schönes Männchen,
ein echter dominanter Orang-Utan-Mann.
Mit ihm hatte sie dann ihre drei letzten Kinder.
- Also hatte sie vier insgesamt? - Ja.
Sind sie hier?
Einer ist noch da. Er hier.
Ah, das ist der Sohn von Nénette?
Ja, hier steht es.
Ja, Tübo ist ihr Sohn.
Als sie dann
ihren dritten Mann verloren hatte,
sagten wir: "Sie braucht keinen anderen mehr.
"Sie hat die Rente verdient."
Also entschieden wir, keinen
neuen Mann für sie zu holen.
Wir sagten uns: "Wir behalten Tübo.
"Die beiden bleiben zusammen."
Da Nénette ja kein erwachsenes Männchen mehr hatte...
Solange es das grosse Männchen gab, war es kein Risiko mit Tübo.
Wir sind uns nicht sicher, wie es bei Tieren mit Inzest ist.
Ach so?
Aus Vorsicht,
weil wir nicht wollten,
dass Nénette sich mit ihrem Sohn
paart, fragten wir uns,
was wir machen sollen.
Es gab zwei Lösungen: Sie separieren,
aber Nénette separieren,
dann wäre sie allein.
Also entschieden wir uns für die Pille.
- Die Pille. - Wirklich?
- Ja. - Nénette nimmt die Pille?
Seit wir sie wieder mit ihrem Sohn zusammengetan haben,
und sie keine anderen Männchen um sich hatte,
seit vier Jahren nimmt sie inzwischen die Pille.
Ist sie nicht in der Menopause?
Das weiss man nicht.
Da sind wir uns nicht sicher.
Das Problem ist,
dass es bei einigen Tierarten
leicht zu sehen ist.
Bei den Pavianen
sieht man es gut.
- Und bei den Orang-Utans? - Bei ihnen...
Ich arbeite seit 35 Jahren hier,
ich konnte es nie sicher
sagen, ob Nénette menstruiert oder nicht,
wo sie steht...
Man weiss es nicht, sieht es nicht, es gibt kein Blut.
Wie soll man also wissen, ob sie in der Menopause ist?
Ich weiss es nicht.
Und wie nimmt sie die Pille?
Täglich in ihrem Joghurt.
Hier werden unsere Tiere verwöhnt.
Es gibt nicht viele Orang-Utans
in den Zoos weltweit,
die jeden Tag ihre Flasche Tee bekommen.
- Sie bekommen Tee? - Jeden Tag.
Und welchen Geschmack hat der Joghurt?
16:30 Uhr ist Pause.
Tea time.
Genau.
Mit einem Keks dazu?
Ich frage mich...
Ich frage mich,
wie man sein muss,
um die Aufmerksamkeit von Nénette zu bekommen.
Denn diese ganzen Menschen
mit leuchtenden Augen
zu sehen...
Jeder schaut sie an.
Sie wird von allen
neugierig beobachtet.
Und sie kümmert sich
recht wenig darum.
Sie hat alles gesehen, sie hat uns schon gesehen.
Die Leute wechseln und gehen ineinander über.
Und dann,
diese Untätigkeit,
die Art ihrer Untätigkeit,
das lässt an eine Übung
im Theaterkurs denken.
"Bitte, Sie haben den Raum,
"seien Sie einfach da."
"Das ist die Basis, meine Damen und Herren."
Das ist meist eine sehr schwierige Aufgabe,
für denjenigen in dieser Situation, der beobachtet wird.
Sie jedoch macht es
mit einer aussergewöhnlichen Virtuosität.
Man kann ihr Zentimeter für Zentimeter folgen,
bei ihren Tätigkeiten, die alle
irgendwie mit Müssiggang und Nichtstun verbunden sind.
Sie wird nichts tun, um uns zu beeindrucken.
Sie wird nichts tun,
um aus diesem Müssiggang herauszukommen.
Sie ist da ganz.
Es gibt an den Wänden auch
Spuren, Kratzer
vom Genervtsein,
einem Abreagieren.
Also gibt es Augenblicke,
in denen sie es vielleicht
nicht mehr erträgt,
diesen Zustand.
Es ist das Reich des Nichtstuns.
Sie verbringt ihr Leben damit, nichts zu tun.
Und das bringt einen zum Nachdenken:
"Wäre es nicht beneidenswert, nichts zu tun zu haben?"
Denn alles kommt zu ihr.
Sie muss vor nichts auf der Hut sein,
muss nicht kämpfen oder sich wehren,
oder sich Lösungen ausdenken.
Sie ist wie eine Rentnerin, eine haarige Rentnerin.
Opfer ihrer Seltenheit.
Sie ist geschützt, weil sie selten ist,
aber wenn es mehr von ihr gäbe,
würde sie noch auf den Bäumen sitzen, denke ich.
Können wir aufhören uns auszumalen,
was sie wohl gerade denkt?
Wir hören nicht auf damit.
Ich höre nicht auf, mir zu sagen,
dass sie gerade...
Ich weiss nicht.
Vielleicht sowas wie: "Mann, wann lassen sie mich in Ruhe?
"Wann hören sie auf, sich mit mir zu beschäftigen?"
Ein Leben in Gefangenschaft.
Die starke Glasscheibe.
Diese dicke Scheibe,
die unsere Angst vor einer Annäherung ausdrückt,
die zu unseren Ungunsten ausgehen könnte.
Aber so erscheint sie uns vertraut, weil wir geschützt sind.
Aber wenn diese Glasscheibe sich plötzlich
öffnen würde, würde Panik aufkommen.
Da hiesse es nicht mehr "meine liebe Nénette".
Es wäre: "Rette sich, wer kann!"
Grit Oswald Untertitelung: TransPerfect Media
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