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Untertitel: Norddeutscher Rundfunk 2016
* Soul-Musik *
Kent muss man erlebt haben.
Die kleine Grafschaft hinter den Klippen von Dover
ist ein schräges Fleckchen England.
Hier machen die Briten Kurzurlaub am Atommeiler.
Sie schwimmen mal eben nach Frankreich.
Sie fahren mit geschrumpften Dampfloks
oder mit Mini-Luftkissenbooten herum.
* Soul-Musik *
* Pfiff und Rattern einer Lok *
Die "Romney, Hythe and Dymchurch Railway"
ist eine sehr kleine Privatbahn.
Mit viel Tradition:
Seit fast 90 Jahren pendeln die Züge an der Südküste der Grafschaft Kent.
* Rumpeln *
Alan Botting ist hauptberuflich Miniatur-Dampflokführer.
Dafür steht er gerne früh auf.
Bis seine Stammlok, die "Winston Churchill",
unter Dampf steht, dauert es Stunden.
* Gemächliche Musik *
Das mache ich jeden Morgen.
Ab und an haben wir einen Vorheizer, der das für uns erledigt.
Dann komme ich nur her und fahre,
aber meistens muss ich die Maschine vorbereiten.
Die alte Glut rausschaufeln und neues Feuer machen.
Das tue ich gerade.
* Gemächliche Musik *
Alan ist zwar ein großer Kerl, aber so groß nun auch wieder nicht.
Die Loks sind klein - Maßstab 1:3.
Nun habe ich ein Feuer.
Jetzt warte ich noch, bis der Druck im Kessel auf 130, 140 steigt,
dann kann ich aus dem Schuppen fahren.
Die private Schmalspur-Dampfeisenbahn
war der Lebenstraum zweier exzentrischer Landsmänner:
Es gab hier zwei Millionäre.
Beide hatten beachtliche Modelleisenbahnanlagen,
aber sie wollten was Größeres.
Leider starb der eine, Graf Louis Zborowski,
bevor alles fertig war.
Der andere, Captain Howie, musste dann alles bezahlen.
Aber er war glücklich und spielte Eisenbahn bis ans Ende seiner Tage.
Sein Haus steht immer noch: dort, zu unserer Linken.
Jedenfalls zu meiner Linken.
Dank des erfüllten Lebenstraums der Millionäre
haben Alan und seine 50 Kollegen einen Traumjob auf der Schmalspur.
* Tuten *
* Techno-Musik *
In Kent verbrachten früher Arbeiter aus London ihre Sommerfrische.
Die vielen kleinen Kurorte erinnern an diese Glanzzeiten.
Die Grafschaft ist etwas in Vergessenheit geraten.
Für viele Engländer ist Kent nur der Landstrich,
durch den man muss, um zur Doverfähre zu gelangen.
Im Südosten Englands
gibt es eine Menge sehenswürdige Merkwürdigkeiten zu entdecken.
* Papierrascheln *
Steve Hoad aus Dover hat ein interessantes Hobby.
Hier steht, John Cleese hat Körbchengröße B.
Seine Frau Les ist sehr verständnisvoll.
Les? Ja?
Welche Kombi haben wir zum Anziehen für Morgen?
Wie wäre das?
Nein, ich glaube nicht.
Es ist etwas weit.
Ich schau lieber selber nach.
Steve und Les sind Mitglieder einer traditionellen Tanztruppe.
Sie haben kaum noch Platz im Kleiderschrank.
Was ist damit?
Nein, etwas zu groß.
Ich kenn die Frau, die es mir geschenkt hat.
Oder das hier - fantastisch! Was meinst du?
Definitiv nicht.
Du verstehst keinen Spaß, das ist super.
Wir müssen zum Secondhand-Laden! Abgemacht.
"Morris Dancing" ist ein alter Brauch:
Man stampft mit Nagelstiefeln und Holzstöcken gegeneinander.
Eine Hauptfigur, die "Molly", gibt ein Mann.
Und Steve ist Molly.
Steht mir so was, mit Rüschen?
Früher durften nur Männer den Morris tanzen.
Man hat den größten, hässlichsten Kerl aus der Truppe ausgewählt.
In Frauen-Klamotten musste er sich auch um das Kochen kümmern -
um die Frauenarbeit eben.
Ich kann nicht kochen,
aber mich auftakeln und bekloppt aussehen, das krieg ich hin.
Steve legt Wert darauf,
als Molly ausgefallene Stücke zu tragen.
Wer das entworfen hat, muss was genommen haben,
irgendwas Übles!
Das ist es.
Du wirst damit bezaubernd aussehen.
Perfekt!
Der Auftritt kann kommen.
* Melodische Rockmusik *
Canterbury ...
Dover Castle ...
... und die Fähre nach Calais.
Die Kreidefelsen von Dover sind ein geschichtsträchtiger Ort.
Frankreich ist nur 20 Seemeilen entfernt.
* Funkmusik *
Etwas nördlich, am Ärmelkanal, liegt Ramsgate.
Für Extremschwimmer ist der Kanal die größte Herausforderung überhaupt.
Die Kinder des Eltham Training and Swimming Club
bereiten sich auf eine Ärmelkanal-Durchquerung vor.
Sie werden von einem Boot begleitet.
Lance Oran ist hauptberuflicher Cross-Channel-Schwimmlotse.
Für Langstrecken-Schwimmer ist der Kanal
der Mount Everest des Schwimmens.
Wegen der Entfernung und der nötigen mentalen Stärke.
Wenn man sich Frankreich nähert, gibt es fünf Stunden,
da wirkt das Land nah.
Trotz aller Anstrengungen scheint es nicht näher zu rücken.
Sie zweifeln, ob sie je ankommen.
Auch Einheimische wagen die Kanalüberquerung.
Schon als Kinder sind wir hier immer geschwommen.
Die Eltern haben uns ermutigt, jetzt macht es uns Spaß.
Trainerin Harding will den Unterricht heute abhalten,
weil das Meer so schön ungemütlich ist.
Um die mentale Stärke aufzubauen, die man braucht,
setzt der Schwimmlotse auf ständige Verwirrung:
Die Schwimmer sollen immer
neuen unerwarteten Situationen ausgesetzt werden.
Also hat Lance sich eine Überraschung ausgedacht -
für nach dem Training.
Jedes Jahr begleitet er 40 Schwimmer auf der Überquerung.
Sie kommen aus aller Welt.
In der Vorsaison nimmt er sich Zeit für den lokalen Nachwuchs.
Das hat Tradition.
Mein Vater hat schon vor 25 Jahren
denselben Schwimmverein rüber gelotst.
Auch Tanya war damals in der Mannschaft.
Jetzt als Trainerin, bringt sie ihre Gruppen natürlich zu mir.
Am Jahresanfang muss man sie fast ins Wasser prügeln,
da hörst du: "Ich will nicht."
Am Ende der Saison denkt man nur:
Kommt bitte endlich raus, wir wollen nach Hause!
Nach 45 Minuten im elf Grad kalten Meer,
glauben die Schwimmer, das Training hinter sich zu haben.
Dabei geht's gleich erst los.
Am Ende wird's noch kälter.
Du spürst die Finger und Zehen nicht mehr.
Du kannst sie nicht mehr bewegen.
Und sie werden weiß.
Das geht wieder weg.
Aufwärmen ist nicht.
Lance will der Gruppe eine Trainingseinheit verpassen.
Wir gehen zum Boot, schmeißen sie noch mal rein,
eine Runde Extraspaß.
Die etwas verschlafene Grafschaft Kent
ist an zwei Seiten vom Meer umgeben.
Selbst bei Sonne findet jeder einen Platz am Strand.
Es gibt kein Gedränge.
Im Bahnhof der Romney Hythe and Dymchurch Railway
steht Lokomotive "Winston Churchill" langsam unter Dampf.
Drei Stunden Wartezeit verbrachte Alan mit Maschinenpflege.
140 Pfund pro Quadratzoll.
Der Druck ist hoch genug, dass Alan langsam rausrollen kann.
Wir decken sie abends ab,
weil es im Schuppen ziemlich dreckig ist.
Unterm Dach nisten Vögel.
Wir sind eitel und mögen es, wenn unsere Loks schön glänzen.
We're ready to go.
Wenn sich ein exzentrischer Millionär
eine Eisenbahn im Maßstab 1:3 bauen lässt, dann aber richtig:
Die Anlage besteht aus lauter Einzelanfertigungen.
Sobald die "Churchill" in Position ist,
muss Alan Kohle und Wasser auffüllen.
Gleich beginnt der Fahrdienst,
täglich dreimal 22 km die Küste hoch und runter.
Bis vor Kurzem fuhren sogar Schulkinder damit.
Wenn die Kohle ausgeht, hält sie einfach an,
aber wenn das Wasser alle ist, macht es Peng.
Wir sehen zu, dass das nicht passiert.
120 Freiwillige unterstützen 50 festangestellte Eisenbahner.
Elf Dampfloks müssen gepflegt und repariert werden.
Jedes Ersatzteil ist eine aufwendige Eigenanfertigung.
Die älteste Lok ist 91 Jahre, die ist noch ein Baby - mit 85.
* Lautsprecherdurchsage *
Nach drei Stunden Arbeit kann die Arbeit anfangen.
Endstation ist Dungeness –
eine Landzunge, die in den Ärmelkanal ragt.
Hinter der ehemaligen Fischersiedlung liegen Dungeness A und B,
ein stillgelegtes und ein noch in Betrieb befindliches AKW.
Dungeness - ein spezieller Ort:
Eine fast endlose Kieselsteinlandschaft.
Das ganze Areal ist ein Naturschutzgebiet.
Wegen der Lage am Ärmelkanal ist die hiesige Seenotrettungsstation
eine der wichtigsten Englands.
Trevor Bunney wohnt hier schon immer.
Er ist Steuermann.
Das Rettungsboot muss zur Inspektion.
Ein so spezieller Ort braucht eine sehr spezielle Technik.
Das Besondere an dem Sattelschlepper ist,
er hat er zwei angetriebene Raupen, ein sehr leistungsfähiges Gerät.
Bestens für unser Einsatzgebiet geeignet,
auf steilem Kieselstrand und Sand.
Wenn wir wollen, kann es schneller fahren.
Ein Ersatzboot wurde schon gestern geliefert.
Jetzt müssen Geräte und Papierkram ins neue Boot umgeladen werden.
Matt, lass das Maschinen-Logbuch drin.
Fast hättest du es wieder vergessen.
Wir haben unterschiedliche Rettungs-Einsätze:
Maschinenschaden, Bergung von verletzten Menschen,
von Booten oder Handelsschiffen.
Die Wasserstraße von Dover ist die meistbefahrene der Welt,
nur vier Meilen von Dungeness entfernt.
Entwicklung und Bau des Sattelschleppers
kosteten über 10 Mio. Pfund.
Viel Geld, wenn man bedenkt, dass das Rettungs-Institut
komplett durch Spenden finanziert wird.
In fast jeder Kneipe des Landes steht eine Sammeldose auf dem Tresen.
Wir haben hier viele der Start- und Anlande-Tests
mit dem Schlepper durchgeführt.
Harte Arbeit, aber mit dem Ergebnis sind wir zufrieden.
Steves größtes Problem sind Briten, die Boote für Spielzeuge halten.
In diesem Land kann sich jeder ein Boot kaufen und lossegeln.
Es wäre gut, sich Wissen anzueignen
und eine gute Ausrüstung anzuschaffen.
Wenn du im Ärmelkanal schlecht vorbereitet bist, bist du in Gefahr.
Jahrhundertelang war Dungeness eine Fischersiedlung.
Hier lebten auch die Lotsen,
die die Schiffe durch die flachen Gewässer nach London brachten.
Die Fischerhäuser waren einfache Verschläge.
Nur wenige Fischerfamilien wohnen noch hier,
Teile des Ortes wirken wie eine Geisterstadt.
Trevor betreut auch das Archiv der Seenotrettung.
Vor den Zeiten des Sattelschleppers mussten die Dorffrauen ran.
Das sind die Lady Launchers,
Frauen, die das Rettungsboot zu Wasser ließen.
Die Männer waren an Bord, also mussten die Damen
es rausschieben - und den Strand hochschleppen.
Das waren Ehefrauen und Schwestern der Mannschaft.
Alle wohnten ja hier.
Die Rettungsstation auf Dungeness gibt es schon seit 1854.
Lady Launchers brachten bis in die 50er die Boote ins Wasser.
Dank ihnen ist die Station in ganz Großbritannien bekannt.
Obwohl Trevor sein ganzes Leben hier verbrachte:
Ihm ist bewusst, dass es sich bei Dungeness
nicht um eine normale Wohngegend handelt.
Es ist ein einzigartiger Ort,
eine der größten Kieselsteinflächen Europas, die einzige Wüste Englands.
Es wird als Wüste eingestuft, wegen des geringen Niederschlags.
Da die Landzunge weit in den Kanal ragt,
konnte man hier immer gut vom Fischfang leben.
In Ramsgate, wo der Ärmelkanal auf die Nordsee trifft,
trainiert die Gruppe des Schwimmklubs eisern weiter.
Sie wollen im Sommer eine Staffel-Durchquerung versuchen:
Eine Stunde schwimmen, fünf Stunden an Bord,
durchgefroren, meist seekrank - dann wieder rein.
Schwimmpilot Lance hat sich vorgenommen,
die Gruppe an die brutalen Bedingungen zu gewöhnen.
Das ist das Härteste, ein zweites Mal reinzugehen.
Das ist schwer, weil du weißt, was auf dich zukommt.
Wegen der Springtide hat Lance sich für das Sondertraining entschieden.
Aber nun ist der Wellengang doch zu heftig.
Ich muss weiter in die nächste Bucht,
wo das Wasser ruhiger ist.
Dann schmeißen wir sie rein, und die können spielen.
Die Strömung zieht uns die Küste entlang.
Mal schauen, wie das geht.
Quer durch den Ärmelkanal - das kann bis zu 20 Stunden dauern.
Dabei wechselt die Tide zwei- bis dreimal
und zieht die Schwimmer meilenweit vom Weg weg.
Lance muss das jedes Mal neu berechnen.
Vor der Küste ändert sich die Situation ständig.
Wer durch den Kanal schwimmt, sieht stundenlang nur die Bootseite.
Das ist völlig anders.
Die Schwimmer müssen mir folgen, weil ich den Kurs berechnet habe,
damit sie eine Chance haben, es zu schaffen.
So weit die Theorie.
Ich weiß, wo es lang geht.
Sie müssen immer weiter schwimmen.
* Fröhliche Popmusik *
Trainerin Tanya war selbst Leistungsschwimmerin.
Sie weiß, dass sie streng sein muss.
Als Jugendliche ist sie nur ins Meer gesprungen,
weil sie ihre Trainerin mehr fürchtete als die Kälte.
* Popmusik *
Nach der zweiten Trainingseinheit sind die Schwimmer sehr erschöpft.
Ich befürchte, ich habe vor niemandem mehr genug Angst,
um da reinzuspringen.
Man müsste mich schon ins Wasser prügeln.
Auch Lance wundert sich noch immer über die Menschen,
mit denen er täglich arbeitet.
Die Truppe schwimmt das ganze Jahr hier.
Im Winter machen denen 15 Minuten nichts aus,
im Sommer bleiben manche bis zu 17 Stunden drin, verrückt.
* Funky Rockmusik *
Kent wirkt manchmal wie ein Spielplatz für Erwachsene.
Hier in Herne Bay, an der Nordsee, wird es ein kleines Spektakel geben.
Ganz in der Nähe der Pier, mit traditioneller Dauerkirmes,
hat die Dead-Horse-Morris-Tanztruppe einen Auftritt beim Angelverein.
Steve, jugendliche 69 Jahre alt, macht sich schon mal warm.
Ich habe den Dress, den wir gestern gekauft haben,
mit meiner Shaun-das-Schaf-Schürze kombiniert.
Dazu mein Blumenhut mit dem Dead-Horse-Morris-Aufkleber.
"Dead Horse" nannte man einen im Voraus gezahlten Seemannslohn,
der versoffen war, bevor der Seemann an Bord ging.
Michael und Patricia Page sind fast einsatzbereit -
aber etwas fehlt noch.
Wenn die Leute keinen Job hatten, sind sie tanzen gegangen.
Sie haben die Gesichter schwarz angemalt,
damit sie nicht erkannt werden.
Die Tänzer und Musiker sammeln sich.
Steves Frau Les gibt den Ton an.
* Trillerpfeife *
Get ready!
Wir sind Dead Horse Morris.
Wir treten jetzt auf, ohne Sicherheitsnetz.
* Fröhliche Volksmusik *
Steve ist längst nicht der Älteste.
Beim Morris Dancing sind auch Kinder willkommen.
Im Sommer hat die Gruppe zwei- bis dreimal die Woche
einen Auftritt.
Die Frauen dürfen ihre Kostüme fantasievoller gestalten.
Die Männer halten sich streng an die Sonntagskleidung
der alten Fischerleute aus Kent.
Um 1890 war das die Ausgehkleidung der Fischer
aus unserem Dorf Whitstable.
Ohne die Anstecker und Schleifen natürlich.
Schwarze Hose, Weste, Mütze.
Das ist ein Stock aus Holz.
Wenn er bricht, nehmen wir einen anderen.
Baut jemand eine Beziehung zu seinem Stock auf,
und ihm einen Namen geben, verbrennen wir ihn vor seinen Augen.
Der Stock ist zum Schlagen da, nur zum Schlagen.
Früher waren sie Phallussymbole.
Steves Theorie wird beim nächsten Tanz erhärtet.
Okay, meine Damen und Herren, unser nächster Tanz
heißt Morning Glory – morgendliche Herrlichkeit!
* Traditionelle Musik *
Viele alte Tänze werden nur von den Männern praktiziert.
Aber beim Morning Glory müssen auch die Frauen ran.
Die morgendliche Herrlichkeit ist besonders anstrengend.
Steve verpasste diesem Tanz deshalb einen neuen Namen.
Der geriatrische Todestanz - ich muss mich immer noch erholen.
Die Dead-Horse-Morris-Gruppe ist für Steve und alle anderen
das Wichtigste im Leben.
Wir fahren zusammen in Urlaub, wir machen Spieleabende,
gehen ins Theater - wir machen alles zusammen.
Das ist schön.
* Traditionelle Musik *
* Lounge-Musik *
An der Küste von Kent gibt es urbritische Seaside-Towns:
Seebäder mit kleinen hübschen Geschäften.
Aber es gibt auch Geschäfte in Kent, die weder klein noch hübsch sind,
sondern groß und laut.
Z.B. die British Hovercraft Company.
Pebbles wurde schon vom einem Luftkissenboot überfahren,
seitdem ist die Hündin etwas durchgedreht.
Firmengründer Ivan Pullen ist auf dem Sprung zum Testplatz.
Wir machen eine Vorführung für einen Kunden,
probieren Sachen aus.
Ivan baut seit 40 Jahren Hovercrafts.
Luftkissenboote sind seine Leidenschaft
und sein Lieblingsspielzeug.
Das gilt auch für Vinny, seinen zweiten Hund.
* Leises Motorenbrummen *
Ivan hat stets kleine, wendige Ein- bis Zweisitzer
für Sport und Freizeit konstruiert.
Sein Sohn Russell versucht,
das Luftkissenboot wieder als Nutzfahrzeug zu etablieren.
Es waren die Hovercraft-Fähren, die bis ins Jahr 2000
zwischen Dover und Calais pendelten und seinen Vater so begeisterten.
In den 50ern, als das erste SRM1 aus Frankreich über den Kanal kam
und einfach den Strand hochschwebte, mit nichts darunter:
Das war wie Zauberei.
Damals wohnte ich in Pegwell Bay, wo die Luftkissenboote anlandeten.
Sie ließen mich nicht los.
Sie wurden erst zur Leidenschaft und dann zum Geschäft.
Ein Fahrzeug, das über Land und Wasser schwebt.
Es gelangt so an Orte, die sonst unerreichbar wären.
Russell Pullen entwickelt Hovercrafts für die Seenotrettung
und für Groß-Bauprojekte im Meer.
Wir hatten kürzlich einen Einsatz
beim Milliardenprojekt "Brücke über die Mersey".
Es war fast gestorben,
weil sie bei Niedrigwasser nicht an die Lastkähne kamen.
Die waren überrascht, dass das Wasser zweimal am Tag wegging.
Ivans Kunde Anil Patel
ist für eine Probefahrt aus Indien angereist.
Mögliche Einsatzgebiete dort sind Sumpf und Dschungel -
perfekt für Luftkissenboote.
Wir kommunizieren über Kopfhörer, ich bin dann immer bei Ihnen.
Ab 10.000 Pfund kostet so ein schwebendes Schätzchen.
Mr. Patel gibt Gas.
Ob man ein Hovercraft fährt, steuert oder fliegt,
ist selbst in Kennerkreisen stark umstritten.
Warum, wird einem klar,
wenn man zum ersten Mal von Land auf Wasser wechselt.
Ivan hat nicht mit Mr. Patels aggressivem Fahrstil gerechnet.
Die goldene Regel: Immer Gas geben, wenn du driftest,
sonst fällt das Luftkissen zusammen und es schmeißt dich raus.
* Leises Brummen *
Und, wie war's? Das war großartig!
Und das gleich beim ersten Mal.
Das Modell gefällt mir gut.
Aber wenn es aufs Meer oder Flüsse geht,
wirst du richtig gefordert.
Dann zeigt Ivan, wie man ein Hovercraft richtig fährt.
Oder steuert.
Oder fliegt.
* Verträumte Klaviermusik *
Dungeness wirkt wie eine Kulisse
für einen post-apokalyptischen Katastrophenfilm.
Dungeness war früher eine verstreute kleine Gemeinde.
Ein Ort für Außenseiter, aber über die Jahre hat sich viel verändert.
Der windgepeitschte Landstrich mit den zwei Atommeilern
wurde todschick:
Ferienwohnungen statt Fischerhütten.
Dieser Kiesstreifen ist ein Traumziel für britische Ausflügler.
Seit dem 17. Jh. lebt Kelly Smiths Familie hier von der Fischerei.
Ihr Vater Ken kümmert sich in seiner "Fish Hut" um den Verkauf.
Können wir mehr Rotzunge und Scholle haben, bitte?
Dank des kaum zu erklärenden, zunehmenden Touristenansturms
konnte auch Kelly ihr eigenes Geschäft aufmachen.
In ihrem "Snack Shack"
wird am Wochenende frischer Fang lecker zubereitet.
Wie lange machst du das schon?
Ich bin seit vier Jahren hier,
aber Papas Fischhütte ist seit Beginn der Zeit da.
Die Tagestouristen lieben diesen skurrilen Ort.
So macht Schlange stehen Spaß.
Sie lieben auch die Chili-Scholle auf selbstgemachtem Fladenbrot.
Kelly ist hier aufgewachsen,
damals waren Fremde noch eine Seltenheit.
Aber das Leben in der Abgeschiedenheit war auch schön.
Unsere Familien hatten Boote am Strand.
Dort haben wir viel Zeit verbracht, Flöße gebaut,
gezeltet und in den Seen gebadet.
Es war ein riesiger Spielplatz.
Wenn man zurückschaut, war es eine idyllische Kindheit.
Aber als Teenager will du hier nur schnell wegkommen.
Die Siedlung war früher fast wie eine Schrebergartenkolonie organisiert:
Holzbuden mit Plumpsklo zur Pacht.
Im Laufe der Zeit wurden viele verkauft und aufgemöbelt.
* Lässige Funk-Musik *
Star-Architekten machten Designer-Hütten daraus.
Heute zahlt man für ein kleines Ferienhaus mit Blick aufs AKW
unfassbare Summen - nicht selten über 500.000 Pfund.
Man liebt es oder hasst es, nichts dazwischen.
Ich liebe es hier.
Dungeness ist sehr romantisch.
Es ist nicht schön.
Es ist, ja, interessant.
Etwas, äh ...
Ja, ein bisschen, äh ...
Wie sagt man, äh?
Äh, genau.
* Sprechgesang *
Das Seebad Margate an der Nordseeküste
ist etwas in die Jahre gekommen.
Trotz des wiedereröffneten Vergnügungsparks "Dreamland"
blüht der Ort noch nicht richtig auf.
In den 60ern war Margate ein Lieblingsausflugsziel für Mods:
Vespa und Lambretta fahrende junge Menschen
in maßgeschneiderten Anzügen.
Dann zog der Ort die lederbekleideten Rocker an.
Da man anders angezogen war, eine andere Musik hörte
und andere Zweiräder fuhr, prügelte man sich eben.
So einfach war das.
* Ska-Musik *
Die Mods sind wieder im Anmarsch.
Der Chef des Motorroller-Shops, Adrian Coulam,
und Schrauber Roger haben etwas vor.
Keine Schlägerei, aus dem Alter ist man raus.
Adrian organisiert den jährlichen Scooter-Ausflug an der Küste.
Wenn die Sonne scheint, kommen vielleicht 100 oder mehr.
Wenn es eklig ist und regnet ...
Britisches Wetter.
Ja, dann 20 oder 30.
So ist das mit englischem Wetter.
An der Promenade sammeln sich die Mods -
alle piekfein.
Ihre Oldtimer-Motorroller glänzen, die Anzüge auch.
Seit ein paar Jahren ist die alte Mod-Tradition wieder up to date.
Am Spring Bank Holiday fahren alle übers verlängerte Wochenende
gemeinsam nach Margate.
Die Organisation des Ausflugs
hat der Scooter Club South Coast Pirates übernommen.
Die Piraten gehören der Skinhead-Tradition an:
Wuchtige Stiefel, Hochwasser-Jeans und Ska-Musik.
Die schweren Jungs sind mittlerweile friedliche Papas und Opas.
Adrian ist ihr Anführer.
Da kommt der Chef.
Adrian fährt heute seine "Banana".
Kein Mod würde so etwas aus seiner Vespa machen.
So Jungs, benehmt euch!
Der Umgangston ist rustikal.
Adrians Freundin ist auch mit von der Partie.
Wir fahren um 11.30 Uhr ab, runter zum Platz, wo die Mods sind.
Dann fahren wir mit denen 'n bisschen rum.
Die Piraten haben die Aufgabe,
die Strecke abzusperren und die Mods an der Küste entlangzuführen.
Ein paar von uns fahren schnell vor und halten den Verkehr an.
Einer fährt hinten.
Wenn der durch ist, sind alle durch,
die Ersten halten bei der nächsten Kreuzung den Verkehr an.
Die Polizei ist nicht über die Scooter-Kolonne informiert.
Wenn Adrian sicher ist, dass der Konvoi gut wegkommt
von der Promenade, setzt er sich an die Spitze.
* Soul-Musik *
Auf seiner Banane wird Adrian von gut 100 Rollern verfolgt.
Das englische Wetter spielt mit.
Die Mod-Bewegung ist in viele Gruppierungen aufgeteilt.
Die Liebe zum Motorroller verbindet sie noch.
Es gibt Mods, Skinheads, Scooter-Boys, Scooterists, Casuals -
wir sind Skinheads.
Du ja. Ich hab nur 'ne Glatze.
* Ska-Musik *
Adrians Job ist getan.
Höhepunkt ist eine Mod-Hochzeit am Meer.
Stephen Winik, der Bräutigam, freut sich.
Eine halbe Stunde später ist er verheiratet.
Seine Braut ist natürlich eine Modette,
aber nicht mal Mod ist gleich Mod.
Ich fahre Lambretta, sie Vespa.
Eine gemischte Ehe. Aber tolerant.
Vespas sind besser.
Ja, meine geht ständig kaputt, ihre nicht.
* Ska-Musik *
* Pfeifen *
Alan Botting fährt heute zum letzten Mal
über die Kieselsteinfläche von Dungeness zum Hauptbahnhof.
* Pfeifen *
Ein langer Tag, da hilft nur Kaffee.
* Entspannter Country-Rock *
Im Sommer wirkt die Arbeit als Mini-Dampflokführer idyllisch.
Aber Alan fährt die offene Lok das ganze Jahr über.
Wir werden nass.
Sehr, sehr nass.
Ich hab einen Mantel, das war's.
Die Spätschicht übernimmt heute der Freiwillige Stuart Webster.
Stuart hat sich sein Leben lang für Züge interessiert -
ausschließlich für Züge.
Das ist nicht mein Hauptjob.
Ich bin bei der Fernbahn.
Wenn ich frei habe, komme ich her und spiele Eisenbahn.
Stuart fährt mit der "Green Goddess", der grünen Göttin, nach Dungeness:
Aus der ländlichen Idylle in die Einöde.
Alan muss mit der "Winston Churchill" Stuarts Zug abwarten.
Auf dem Abschnitt
dürfen nie zwei Züge gleichzeitig fahren.
Die letzte Ölung für heute.
Wir wechseln die Zugangsmarken.
Wir können die eingleisige Strecke nur befahren,
wenn wir im Besitz der nötigen Marke sind.
* Leises Rumpeln *
Nach dem frühen Dienstbeginn darf Alan jetzt nach Hause fahren.
Die Morris-Tanztruppe hat heute Abend noch einen Auftritt.
Diesmal bei den Türmen an den Klippen von Reculver.
Molly Steve trägt seine Zweitmütze mit dem treffenden Spruch:
"Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit."
Die Bezahlung für so einen Tanzabend ist meistens flüssig.
Die Becher bringen die Tänzer selber mit.
Wir kennen viele Trinklieder, mehr als gesund ist.
Ob sie Minibahn oder Roller fahren,
Luftkissenboote bauen oder Fisch in der Wüste verkaufen.
Schwimmen oder Stöcke schlagen:
Hier in Kent, hinter den Kreidefelsen von Dover,
ist es nie zu spät für eine glückliche Kindheit.
Copyright Untertitel: NDR 2016
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