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Untertitel: WDR mediagroup GmbH im Auftrag des WDR
Es sind die letzten Minuten im Leben einer mutigen Journalistin.
Am 16.10.2017 kurz vor 3 Uhr nachmittags
verlässt Daphne Caruana Galizia ihre Wohnung.
Nur wenige Minuten später explodiert eine Bombe unter ihrem Fahrersitz
und beendet das Leben einer Frau,
die sich durch ihre Arbeit auf Malta viele Feinde gemacht hatte.
Guten Abend und willkommen bei MONITOR.
Die ganze Geschichte zeigen wir Ihnen heute Abend ausführlich.
Zunächst aber nach Deutschland.
Das Foto, das Sie hinter mir sehen,
zeigt ein glückliches Paar, das sich auf die Geburt seines Kindes freut.
Ein deutsches Paar.
Eigentlich völlig überflüssig, das zu erwähnen.
Aber für einige Menschen in diesem Land
kommt es darauf entscheidend an.
Und zwar deshalb, weil ein deutscher Mann
für diese Menschen gefälligst weiß zu sein hat.
Deshalb überschwemmten sie den jungen Sportstudenten mit ihrem Hass
und ihrer Hetze.
Angestachelt von einem Kreisverband der AfD.
Naima El Moussaoui, Andreas Maus und Bernhard Küchler zeigen Ihnen jetzt,
wie tief blanker Rassismus in diesem Land immer noch,
oder besser, wieder verankert ist.
Ich bin 23 Jahre alt, in Deutschland geboren und aufgewachsen,
in Baden-Württemberg, in einem kleinen Dorf.
Ich bin nach dem Abitur nach Berlin gegangen
und habe dort ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert.
Und bin seit fast 4 Jahren in Köln an der Sporthochschule
und studiere Sportjournalismus.
Eigentlich ein ganz normales Leben.
Eigentlich ein ganz normales Leben.
Und eigentlich gäbe es nichts weiter zu erzählen.
Bis zu diesem Plakat der DAK.
Seither steht das Leben von Philipp Awounou Kopf.
Das Plakat zeigt werdende Eltern, ein Ultraschallbild in der Hand.
Die Schwangerschaftswerbung einer Krankenversicherung,
Awounou und seine Freundin waren die Models.
Eine große Kampagne, 27.000 Plakate bundesweit.
Unser Handy steht nicht still,
weil ständig irgendjemand das Plakat sieht.
Und sagt: Philipp und Regina,
ihr seid in Hamburg, in Bremen, Berlin...
Und das alles positiv.
Und dann merkst du von jetzt auf gleich,
es gibt offenbar sehr viele Menschen, die nicht so denken.
Und diese Menschen haben ihr anderes Denken in Worte gefasst.
Hunderte kommentieren das Plakat in den sozialen Medien.
Die Rede ist von Kanaken-Werbung, von Mörder und Vergewaltiger,
von Schmarotzer, Neger und Araber.
Von Rassenvermischung, Volksaustausch und Umvolkung.
Usw., usw.
"Philipp, was hast du dreckiger Hund
für die Dreckswerbung bekommen?"
"Dem Dreckgesindel wird alles in den Arsch geschoben."
"Es erstaunt mich doch, dass man offensichtlich
kein einheimisches Paar mehr zeigen kann."
"Mit solch widerlichen Machwerken will man offenbar
noch mehr Gewalttäter, Kriminelle, Arbeitsscheue
und anpassungsunwillige Schmarotzer ins Land locken."
Das macht mir ein Stück weit Angst, das muss ich ganz ehrlich sagen.
Dass es so viele Menschen gibt, und das sind ja nicht nur Menschen,
die einen beleidigen oder die totale Nazis oder so sind.
Sondern auch Menschen, die versuchen, auf vernünftigere Weise
zu argumentieren, warum Menschen mit Migrationshintergrund
nichts in Deutschland zu suchen haben.
Das finde ich irgendwie beängstigend.
Noch schlimmer sei es für ihn geworden,
als die bundesweite Werbekampagne
für parteipolitische Zwecke missbraucht wurde.
Denn der Hass nimmt v.a. Fahrt auf,
als sich die AfD in die Debatte einmischt.
Anfang Februar veröffentlicht der AfD-Kreisverband Nordwestmecklenburg
ein Foto des Plakats auf Facebook
und spricht von "der Flutung unseres Landes mit Migranten".
Migranten, die laut AfD keine Kassenbeiträge zahlen.
Finanzieren müsse das der "deutsche Bürger".
Und am Ende:
"Denken Sie mal darüber nach, wenn Sie am Morgen zur Arbeit gehen
und fleißig Steuergelder erwirtschaften."
Dass Philipp ein Deutscher ist, kümmert hier längst niemanden mehr.
Auch ganz real verbreitet sich die Hetze, wie hier in Thüringen.
"Keine Umvolkung" hat jemand auf ein Plakat geschmiert.
Und auch bei der DAK kommt der Hass an.
Auf Facebook und Twitter, aber auch in Briefen und E-Mails.
Forderungen, die Plakate abzunehmen.
Eine Reaktion in dieser verbalen Brutalität
haben wir so noch nie erlebt.
Z.B. hat jemand geschrieben,
dass rassische Durchmischung im Tierreich ein Problem sei,
aber bei Menschen ein ethisches Verbrechen.
Und eine solche Formulierung in Deutschland im Jahr 2018
halte ich für unglaublich.
Das erinnert an die schlimmsten Zeiten in unserer Geschichte.
Und es ist wichtig, dass hier eine Gesellschaft Haltung zeigt.
Dass man deutlich macht,
dass eine solche Position weit weg ist von dem,
was eine Mehrheit der Menschen in unserem Land heute denkt.
Wir fragen bei der AfD in Wismar nach,
warum sie sich so vehement gegen das Plakat ausgesprochen hat.
Die Antwort ist eindeutig und zeigt, dass man in der AfD offensichtlich
ein Problem damit hat, wenn ein Deutscher mit dunkler Hautfarbe
auf einem Plakat abgebildet wird.
Mit Rassismus habe das aber nichts zu tun, lässt die AfD uns wissen.
Philipp Awounou und seine Freundin Regina wollen dagegenhalten.
Auch die Studentin war nach der Plakataktion beschimpft worden.
Beide wollen keine Opfergeschichte erzählen, sondern Haltung zeigen.
Weil die Rechten ziemlich laut sind, würde ich schon sagen,
dass das immer gesellschaftsfähiger und salonfähiger wird.
Gerade deshalb finde ich, dass da alle noch lauter sein müssen,
obwohl sie vielleicht nicht davon betroffen sind.
Aber trotzdem sagen müssen, wir müssen dagegen vorgehen.
Das gegen mich hat mich auch getroffen,
aber konnte ich ganz gut wegstecken.
Es hat in mir den Impuls ausgelöst, mich zu behaupten.
Das ist schade, eigentlich sollte das so nicht sein,
aber wenn Menschen solche Meinungen äußern,
hat es zumindest bei mir dazu geführt, dass ich kämpferisch wurde.
Und das nicht einfach auf mir sitzen lassen wollte.
Und habe mich noch ein bisschen mehr als Deutscher begriffen
durch die Geschichte.
Ein harmloses Werbeplakat und ein ganz normales Paar,
in Deutschland 2018 offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr.
Sollte es aber.
Ein mutmaßlicher Giftgaseinsatz der syrischen Armee,
Vergeltungsschläge des Westens.
Noch letzte Woche hielt die Welt den Atem an.
Viele befürchteten eine Eskalation des Syrienkriegs.
Mit unabsehbaren Folgen.
Noch mal glimpflich ausgegangen, denken heute einige und fragen sich,
welche Strategie der Westen in Syrien überhaupt verfolgt.
Mit dem Kampf gegen Terrorismus hat dieser Krieg jedenfalls
schon lange nichts mehr zu tun, wenn er das überhaupt je hatte.
In Washington hat man den Krieg gegen Assad wohl verloren gegeben
und denkt längst schon an einen ganz anderen Krieg,
der sich gegen einen viel größeren Gegner richtet.
Ein Gegner, den man schon seit Langem ins Visier genommen hat.
Stephan Stuchlik und Nikolaus Steiner
über die gefährlichen Planspiele der US-Regierung im Mittleren Osten.
Bilder, die die Welt bewegten.
Ein mutmaßlicher Giftgasangriff der syrischen Armee.
Washington antwortet mit massiven Vergeltungsschlägen,
bombardiert angebliche Chemiewaffenfabriken.
Eine Strafaktion mit Hilfe Frankreichs und Großbritanniens.
Aber worum geht es der US-Regierung wirklich im Mittleren Osten?
Gibt es einen größeren Plan?
Es geht bei diesen Militärschlägen nicht,
wie es uns in den Nachrichten immer verkauft wird, um chemische Waffen,
um das Assad-Regime oder darum, Kinder in Syrien zu retten.
Dafür gäbe es besser Methoden.
Nein, es geht v.a. um die Geostrategie, das große Spiel,
das neue Machtgefüge im Mittleren Osten.
Im Mittleren Osten formieren sich gerade 2 große Achsen:
auf der einen Seite Saudi-Arabien, Israel und die USA.
Die Gegenallianz:
Iran holt sich momentan strategische Unterstützung von Russland
und der Türkei, immerhin einem NATO-Partner.
Demonstrativ präsentierten die 3 Staatsführer
diese strategische Achse beim Treffen am 04.04.
Im Weißen Haus hat US-Präsident Trump
in den letzten Monaten immer wieder deutlich gemacht,
wen er hier für den eigentlichen Gegner hält.
Iran also, seit 1979 von den schiitischen Mullahs regiert,
religiösen Hardlinern, die Minderheiten und politische Gegner
im eigenen Land massiv unterdrücken.
Doch in den letzten Jahren
hat sich das Land zumindest ein wenig geöffnet.
Nicht zuletzt dank des Atomabkommens,
das von Trumps Vorgänger Obama mit den Europäern durchgesetzt wurde.
Doch davon will man in Washington heute offenbar nichts mehr wissen.
Ein neuer, harter Kurs gegen Iran:
Dafür stehen v.a. 2 neue Männer,
die Trump vor Kurzem in Schlüsselpositionen gesetzt hat.
Der designierte Außenminister Mike Pompeo z.B.
ist ein erklärter Iran-Gegner.
Iran ist der weltgrößte staatliche Finanzier von Terror
und ein zerstörerischer Player.
Dann: John Bolton.
Der neue starke Mann im Weißen Haus,
an Trumps Seite als Nationaler Sicherheitsberater.
Bolton tritt seit Jahren
auf Veranstaltungen von militanten iranischen Exil-Gruppierungen auf.
Gemeinsam verfolgen sie ein Ziel:
Das Regime in Iran
wird sein Verhalten und seine Ziele nicht ändern.
Die einzige Lösung: Wir müssen das Regime stürzen.
John Bolton und Mike Pompeo, der designierte US-Außenminister,
sind sicherlich die größten Iran-Feinde,
die Sie in Washington finden können.
Was wir wahrscheinlich sehen werden,
ist, dass sie das Iran-Atomabkommen kündigen,
dann die Kriegskoalition vor Ort neu aufstellen.
Und zwar auch mit den Europäern.
Dass sie die Sanktionen gegen Iran erneuern
und für den Fall, dass Iran sein Atomprogramm wieder aufnimmt,
militärische Aktionen androhen.
Militärische Aktionen.
Seit Jahrzehnten
vergrößert sich die Präsenz des US-Militärs im Mittleren Osten.
2001 marschieren US-Bodentruppen in Afghanistan ein. 2003 im Irak.
Mittlerweile sind 2.000 Soldaten in Syrien stationiert.
Die US-Armee nutzt Militärbasen in der ganzen Region, rund um Iran.
Wenn man sich den Mittleren Osten ansieht,
die einzige Region mit riesigen Energiereserven
für die nächsten 50 oder 100 Jahre:
Dann ist Iran das einzige Land ohne US-Präsenz,
das einzige Land, wo nur China und Russland vertreten sind.
Unter größeren machtstrategischen Gesichtspunkten aber
ist Iran ein wichtiger Trumpf.
Wie vehement US-Republikaner
sich für einen Regime-Wechsel im Iran einsetzen,
dafür steht der ehemalige New Yorker Bürgermeister Giuliani.
Hier ebenfalls zu Gast bei militanten Exil-Iranern.
Weg mit dem Regime im Iran, regime change.
Regime change, aber mit welchen Mitteln?
Seit Jahren werden die Gegner Irans von den USA massiv aufgerüstet.
Die USA gelten als der größte Waffenexporteuer der Welt.
Allein die Hälfte dieser Exporte
ging in den letzten Jahren in den Mittleren Osten.
Besonders die Iran-Feinde haben, verglichen mit den 4 Jahren zuvor,
von 2013 bis 2017 massiv aufgerüstet.
Die Waffenimporte der Emirate stiegen um 51%, in Israel um 125%.
Und in Saudi-Arabien um 225%.
Und Iran selbst?
Iran hat keine modernen Kampfflugzeuge
wie die Vereinigten Emirate,
es hat kein Raketenabwehrsystem wie Israel und Saudi-Arabien.
Deshalb hat Iran angefangen,
Gruppen außerhalb seiner Grenzen aufzurüsten,
als Abschreckungsmaßnahme gegen einen Angriff auf iranisches Gebiet.
Irans Reaktion: ein "schiitischer Bogen" vom Irak bis Libanon.
Bewaffnete Milizen, die Teheran unterstehen,
bis an die Grenzen Israels,
dem wichtigsten Partner der USA in der Region.
Gegen diese Milizen vorgehen,
das ist es, was Washington unter seinem Anti-Terror-Kampf versteht.
Das Bedrohungsszenario ist klar: einen Militärschlag gegen Iran.
Die Frage scheint nur, wann und wie genau.
Die Strategie erinnert an Pläne früherer US-Regierungen.
Die Trump-Administration
ist historisch einen Schritt zurückgegangen und hat sich,
wie frühere Regierungen, komplett an die Seite der Iran-Feinde gestellt.
Das wird zu Verwerfungen,
Unruhen und weiterem Blutvergießen in der Region führen.
Die geostrategischen Ziele der USA.
Sie könnten die Krisen in der Region verschärfen.
Und das möglicherweise schneller, als viele befürchten.
Jedenfalls dann, wenn man dem neuen Nationalen Sicherheitsberater
des US-Präsidenten genau zuhört.
Noch vor 2019 werden wir zusammen in Teheran feiern.
Den Mächtigen unbequem sein,
so verstehen viele Journalisten ihren Job.
Das kann gefährlich werden. Manchmal sogar tödlich.
Im Februar wurde der slowakische Journalist Ján Kuciak ermordet,
der über Verbindungen zwischen Regierungspartei
und organisierter Kriminalität recherchiert hatte.
Und erst letzte Woche
kam Maxim Borodin in Russland unter mysteriösen Umständen zu Tode.
Er hatte sich
mit russischen Söldnern in der Ukraine und Syrien beschäftigt.
Beide Kollegen waren den Mächtigen offenbar zu nahe gekommen.
Genauso wie Daphne Caruana Galizia,
eine unerschrockene Kollegin aus Malta, die vor 1/2 Jahr
auf einer Landstraße mit ihrem Auto in die Luft gesprengt wurde.
"Sie haben eine Journalistin getötet, nicht ihre Recherchen."
Mit diesem Bekenntnis wollen auch wir bei MONITOR ein Zeichen setzen,
gemeinsam mit 45 Journalisten von 18 internationalen Medien.
Aus Deutschland mit dabei: WDR, NDR, SZ und Die Zeit.
Monate lang haben wir gemeinsam die Recherchen
von Daphne Caruana Galizia ausgewertet und weitergeführt.
Recherchen, die auch Hinweise geben könnten
auf ihre Mörder und deren Hintermänner.
Achim Pollmeier, Jan Schmitt, Lena Kampf und Andreas Spinrath
waren Teil des Rechercheteams von "forbidden stories",
verbotene Geschichten.
Morgens früh im Dorf Bidnija auf Malta,
der letzte Tag im Leben der Journalistin Daphne Caruana Galizia.
Sie ahnt nicht, dass die Täter in der Nacht
eine Bombe unter ihrem Autositz angebracht haben, lautlos.
Die Grundstücksmauer steht einige Meter vom Haus entfernt.
Wenn sich da jemand bewegt, hinter der Mauer, hört man das nicht.
Laut Ermittlungsakten
beobachtet einer der mutmaßlichen Täter das Haus.
Ein anderer
verlässt gegen 8 Uhr morgens auf einem Boot den Hafen von Valletta.
Das zeigen diese Überwachungsfotos.
Beide stehen über Handy miteinander in Kontakt.
Am frühen Nachmittag verlässt Galizia das Haus,
steigt in den Wagen, um in die Stadt zu fahren.
Der Beobachter informiert den Komplizen auf dem Boot.
Und der löst per SMS die Bombe aus.
* Knall *
Ich wusste sofort, dass das eine Autobombe war.
Ich bin aufgesprungen und zur Tür.
Ich bin gerannt und sah die Rauchschwaden, einen Feuerball.
Ich dachte: Bitte, Gott, bitte lass es ein anderes Auto sein.
Ich konnte das Nummernschild nicht erkennen,
nicht die Farbe und auch nicht die Automarke.
Ich rannte rum und dann sah ich eine Radkappe und darauf das Logo:
Peugeot.
Und in dem Moment dachte ich: Scheiße.
Die Ermordung
von Maltas berühmtester Investigativ-Journalistin:
eine Inszenierung des Schreckens.
Sie löst weltweit Entsetzen aus und die Frage:
Ist sie bei ihrer Arbeit den Mächtigen zu nahe gekommen?
Wer hatte ein Interesse daran, sie zu töten?
Wer sind die Hintermänner?
Malta, rund 400.000 Einwohner, Mitglied der EU
und bekannt als Steueroase.
Doch in Daphne Caruana Galizias Recherchen geht es um viel mehr:
organisiertes Verbrechen, Geldwäsche, Korruption.
Sie legt sich mit den Mächtigsten an,
auch mit Mitgliedern der Regierung.
V.a. in den letzten Jahren.
2013 bringt ein triumphaler Wahlsieg
den 39-jährigen Sozialdemokraten Joseph Muscat an die Macht.
Der neue Premierminister verspricht Wohlstand für sein Land.
Aber einige werden wohl besonders profitieren.
Ein Netzwerk entsteht rund um Regierungschef Muscat.
Leute, denen es wohl nicht nur um das Wohl des Landes geht.
Mit dabei: ein Spezialist für Briefkastenfirmen,
ein iranischer Finanzjongleur, der eine umstrittene Bank gründet.
Und ein Geschäftsmann,
der mit dem Verkauf von Pässen sein Geld verdient.
Galizia ist empört.
Die Regierung legt ein Programm zum Verkauf maltesischer Pässe auf.
Für 650.000 Euro bekommen z.B. russische Oligarchen
oder Geschäftsleute aus dem Nahen Osten
die europäische Staatsbürgerschaft.
Ihre Geschäfte können sie dann ganz einfach in der EU abwickeln.
Die Regierung sagt, jeder werde genau überprüft,
EU-Abgeordnete sehen darin aber ein Einfallstor für Kriminelle.
Das bedeutet, dass Kriminelle
sich eine europäische Staatsbürgerschaft kaufen können,
um damit weltweit Geschäfte zu tätigen mit weniger Kontrolle.
Dann ist das ein Programm
zur Förderung von internationaler Finanz- und Wirtschaftskriminalität.
Aber nicht nur das.
Galizia stößt bei Recherchen auf seltsame Geldflüsse,
direkt an Regierungsmitglieder.
Sie bloggt:
Schmiergeld,
das direkt an ein Regierungsmitglied geflossen sein soll?
Was hat es damit auf sich?
Jonathan Ferris arbeitete zu diesem Zeitpunkt
bei der maltesischen Geldwäschebehörde FIAU.
Die Behörde untersuchte verdächtige Geldflüsse beim Passhandel.
Und stieß dabei auf dubiose Zahlungen.
3 Passkäufer aus Russland hatten insgesamt 166.000 Euro
auf das Konto einer panamaischen Briefkastenfirma überwiesen.
Angeblich Gebühren.
Die Firma gehört einem Vertrauten von Premierminister Muscat.
100.000 Euro flossen weiter auf ein anderes Konto,
und das gehört dem Kabinettschef der Regierung: Keith Schembri.
Der Kabinettschef sagt,
es habe sich nur um die Rückzahlung eines privaten Darlehens gehandelt.
Aber die Geldwäsche-Behörde hält das damals für unglaubwürdig.
Sie schreibt:
Nach dem Bericht passiert nichts.
Die Polizei entscheidet damals: kein Grund für Ermittlungen.
Wie können der Polizeichef und sein Team sich als Richter aufspielen
und entscheiden, nicht zu ermitteln?
Man muss doch erst mal ermitteln.
Warum will die Polizei nicht ermitteln? Das ist die Frage.
Wer kontrolliert die Polizei auf Malta?
Das Büro des Premierministers.
Der Premierminister bestreitet, Ermittlungen verhindert zu haben.
Es handle sich ohnehin nur um wilde Spekulationen.
Aber auch bei anderen Geschäften
werden die Spuren direkt in sein Umfeld führen.
Wir treffen Galizias Familie Mitte März 2018.
Erstmals seit ihrer Ermordung
geben die Söhne und ihr Ehemann Peter Interviews.
Sie zeigen uns ihren Arbeitsplatz, den großen Tisch im Esszimmer,
an dem sie täglich ihre Blogs verfasst hat.
Aufklärend, unerbittlich, oft umstritten,
manchmal übers Ziel hinaus.
Blogs, für die sie immer öfter auch selbst angegriffen wurde.
Wir mussten zusehen, wie sie langsam vor unseren Augen starb,
wie sie umgebracht wurde.
Man wollte sie um jeden Preis stoppen.
Aber ich hätte nicht geahnt, wie weit sie dabei gehen würden.
Um sie wurde es immer einsamer,
etliche Verleumdungsklagen gegen sie wurden angestrengt.
Premierminister Muscat selbst hatte sich mit seinem Kabinettschef
und dem Passhändler Christian Kälin über eine Klage verständigt.
Kälin verdient mit seiner Agentur an den Passverkäufen.
Und eine weitere millionenschwere Schadenersatzklage gegen Galizia
stammt ausgerechnet von der Bank,
über die etliche dubiose Zahlungen gelaufen sind.
In der Bucht von Maltas Hauptstadt Valletta residiert sie prachtvoll:
die Pilatus Bank.
Einen Kundenschalter gibt es nicht, nicht mal ein Firmenschild.
Die Bank hat nur wenige Mitarbeiter, wenige besondere Kunden
und nur ein paar Büros oben im Gebäude.
Daphne Caruana Galizia äußert schon früh einen Verdacht:
"Geldwäsche", schreibt sie im Februar 2016 in ihrem Blog.
Einen Monat später werden Ermittler der Geldwäschebehörde
auf die Pilatus Bank aufmerksam.
Eine Woche lang sehen sie Bücher ein, checken Verfahrensabläufe.
Ein Bericht wird angefertigt. Und der ist vernichtend.
Es bestehe die Gefahr, heißt es, dass die Bank
Die Bank teilt später mit, man habe die Fehler abgestellt,
das habe auch die Geldwäschebehörde bestätigt.
Eine polizeiliche Ermittlung fand allerdings nicht statt.
Warum nicht, das will eine EU-Delegation genau wissen.
Die maltesische Polizei hat uns im Grundsatz erklärt,
wir können erst dann Ermittlungen ausnehmen,
wenn wir nicht nur Verdächtigungen haben, sondern Beweise.
Das ist genau das Gegenteil vom Auftrag von Polizei.
Der Auftrag von Polizei ist,
Hinweisen nachzugehen, um Beweise festzustellen.
Uns gelingt es,
eine ehemalige Mitarbeiterin der Pilatus Bank zu treffen.
Aus Angst um ihre Familie will sie anonym bleiben.
Sie erzählt uns eine Geschichte,
die die Familie des Premiers in größte Bedrängnis bringen könnte.
Sie habe Unterlagen aus einem Safe der Bank holen sollen.
Ich öffnete den Safe.
Darin befanden sich lauter Akten.
Aus Neugier blätterte ich darin.
Ich stieß auf 2 Dokumente zu einer Firma in Panama.
Als Eigentümerin stand da der Name: Michelle Muscat.
Michelle Muscat, die Frau des Premierministers.
Die Mitarbeiterin sei alarmiert gewesen, sagt sie.
Vor genau einem Jahr traf sie sich deshalb mit Daphne Caruana Galizia.
Sie zeigt Galizia Dokumente. Und noch mehr.
Sie berichtet ihr
von einer Millionenüberweisung aus Aserbaidschan.
Absender: die Tochter des dortigen Präsidenten.
Empfänger: die Firma, die angeblich Michelle Muscat gehören soll.
Unmittelbar nach dem Gespräch macht Galizia die Zahlung öffentlich
und schreibt:
Eine Millionenzahlung an die Frau des Premierministers?
Beide dementieren, überhaupt etwas mit der Firma zu tun zu haben.
Aber wofür könnte die Million geflossen sein?
Galizia vermutete, der Grund für die Zahlung könnte hier liegen:
Kurz vor der Überweisung gab es einen Deal.
Seitdem darf Aserbaidschan exklusiv Flüssiggas an Malta verkaufen,
Gas für dieses maltesische Kraftwerk.
Die genauen Konditionen haben sie ausgehandelt:
Premierminister Muscat
und Aserbaidschans Präsident Aliyev.
Ilham Aliyev gilt als einer der wohl korruptesten Staatenlenker der Welt,
der seine Kritiker skrupellos verfolgt.
Seine Familie, so finden wir heraus,
ist an zahlreichen Firmen im EU-Land Malta beteiligt
und hält Konten bei der Pilatus Bank.
Anfragen dazu werden nicht beantwortet.
Auch den Energiedeal untersucht die Geldwäschebehörde.
Ein neuer Bericht dazu entsteht.
Darin geht es noch um andere Vorwürfe,
auch gegen Regierungsmitglieder.
Uns liegen alle 110 Seiten des Dokuments exklusiv vor.
Es heißt:
Am 16.06.2017 kommt Ermittler Ferris in sein Büro.
Er will dem Verdacht über die angeblichen Zahlungen
an die Frau des Premierministers nachgehen.
Da erhält er einen offiziellen Brief.
Darin: seine Kündigung.
Das traf mich wie ein Schock.
Denn rausgeschmissen zu werden, weil man seine Arbeit tut,
ist das Schlimmste, was einem passieren kann.
Die Behörde sagt,
ihm wurde gekündigt, weil er die Erwartungen nicht erfüllt habe.
Anfang Dezember, der Zugriff.
Die 3 Männer, die die Autobombe gelegt und gezündet haben sollen,
werden festgenommen.
Entscheidende Hinweise waren von FBI und Europol gekommen.
Zu den Hintermännern fehlt bisher jede Spur.
Die Regierung sagt, die Ermittlungsbehörden täten alles,
um die wahren Verantwortlichen zu finden.
Doch die Familie vertraut den Behörden schon lange nicht mehr.
Schließlich seien es die gleichen Behörden, deren Untätigkeit
das Leben von Galizia erst in Gefahr gebracht habe.
Meine Mutter wäre nicht zur Zielscheibe geworden,
wenn das Justizsystem funktionieren würde,
wenn die Polizei ihre Arbeit gemacht hätte oder die Ermittlungsrichter.
Dann hätte es keinen Grund gegeben, sie zu ermorden.
Vielleicht einen Polizisten oder einen Richter,
aber ganz sicher keine Journalistin.
Daphne Caruana Galizia wurde 53 Jahre alt.
Minuten, bevor die Bombe detonierte,
beendete sie ihren letzten Blog mit den Worten:
Wenn Sie mehr wissen wollen über die Arbeit des Rechercheteams,
können Sie das nachlesen auf unserer Website unter monitor.de
oder bei forbiddenstories.org.
Malta ist Mitgliedstaat der Europäischen Union.
Die Regierung entscheidet mit über Gesetze,
die auch uns betreffen.
Jetzt nach Hamburg zu den Tagesthemen.
Wir kümmern uns um einen Notfall im Gesundheitswesen.
Die Notaufnahmen sind schlecht ausgestattet.
Einem Drittel sollen die Gelder gestrichen werden.
Bleiben Sie dran.
Diskutieren können Sie auf Facebook oder bei Twitter.
Nächsten Dienstag Report München.
Uns gibt es wieder im Mai.
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