All language subtitles for Berlin 1945 - Tagebuch einer Grossstadt.webdl_track4_ger

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Original subtitles

1941 stellt der Regisseur Leo de Laforgue einen Film fertig

über die Hauptstadt des Dritten Reiches, Berlin.

Sein Titel: "Symphonie einer Weltstadt".

Über Berlin scheint die Sonne, das Leben blüht.

Vom Zweiten Weltkrieg keine Spur.

Von Konzentrationslagern keine Spur.

Von über 300.000 Zwangsarbeitern in der Stadt keine Spur.

Ganz im Gegenteil.

Das Dritte Reich ist auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Halb Europa hat es überfallen und sich unterworfen

und sonnt sich im Glanz seiner Erfolge.

Doch in nicht einmal vier Jahren wird sich das Blatt gewendet haben.

Ein Attentat auf den Führer, Adolf Hitler, wird gescheitert sein.

Alliierte Truppen werden sich bereitmachen zum Sturm auf das Land.

Der Krieg wird an seinen Ursprung zurückkehren, nach Berlin.

Von der Stadt gibt es bald nur noch Tagebücher und Erinnerungen,

Akten und Bilder, Asche und Staub.

Sonntag, Silvester.

Mit Kurt in den Grunewald gefahren.

Es war ein herrlicher Spaziergang. Alles ist tief verschneit.

Wir sind noch eingekehrt und haben eine Molle getrunken.

Um 6 Uhr waren wir zu Hause und feierten mit Schulzes.

Es war der Abschluss eines ereignisreichen Jahres.

Wie wird das nächste Jahr werden? Wir haben Angst vor 1945.

Neujahrsempfang in der neuen Reichskanzlei.

Generalfeldmarschall Hermann Göring begibt sich zum Führer.

Das neue Jahr hat still begonnen.

Oberleutnant Küttner hat für die Batterie

eine Radioübertagung mit dem Tagesbefehl des Führers angeordnet.

Zur Jahreswende spricht der Führer

aus seinem Hauptquartier zum deutschen Volk.

(Hitler) Deutsches Volk, Nationalsozialisten,

Nationalsozialistinnen, meine Volksgenossen.

Die Ereignisse der letzten zwölf Monate haben mich gezwungen,

meine ganze Aufmerksamkeit und Arbeitskraft

der einzigen Aufgabe zu widmen, für die ich seit vielen Jahren lebe:

dem Schicksalskampf meines Volkes.

2. Januar. Wieder ins Geschäft.

Hier geht das Erzählen los, wie besoffen jeder zu Silvester war.

Abends mit Kurt ins Kino, ins Ufa am Alex.

Wir sahen "Opfergang", mit Christina Söderbaum und Karl Raddatz.

Es war ein wunderschöner Film, und so traurig.

Wir sind ganz hingerissen.

Wir lieben uns, mein Freund.

Und es wird schlimm.

Schlimm.

4. Januar.

Fliegeralarm von viertel vor zwölf bis viertel vor eins.

Es hat mächtig gebumst und war wieder ein schwerer Angriff.

Die Reichshauptstadt wurde von 40 schnellen Bombern angegriffen.

Sie flogen über das Stadtgebiet.

Zwölf Tote, 23 Verletzte,

1.324 Obdachlose.

9. Januar.

Etwas Furchtbares ist geschehen.

Sie haben Graf Moltke in das Hitler-Attentat hineingezogen.

Er kommt vor das Volksgericht.

Wer dahin kommt ...

Vorbereitung zum Hochverrat,

zum Regierungsumsturz, zur Abschaffung des Nazi-Regimes.

Schlimmer kann es gar nicht aussehen.

Es war in einem kleinen Saal, der sehr voll war.

Die Verhandlung spielte sich so ab: Freisler, begabt,

genial und nicht klug, alles drei in Potenz, erzählte den Lebenslauf.

Man bejahte oder ergänzte und dann kommen die Tatfragen.

Er schneidet Dinge heraus, die ihm passen und lässt ganze Teile weg.

Diese Behauptung ist unverschämt! Mit Ihnen werden wir fertig!

Der Name Moltke war immer zu hören.

Wie ein roter Faden zog sich das durch alles durch

und es war klar, dass ich umgebracht werden soll.

Das Lager liegt eingezwängt zwischen der Chaussee und der S-Bahn.

Direkt daneben: ein Sportplatz.

Der Bahnhof heißt Baumschulenweg.

Ein Arme-Leute-Viertel, Fabriken, Handwerksbetriebe, Mietskasernen.

Von oben sehen die Lager eins wie das andere aus.

Berliner, die an den Zäunen vorbeigehen,

bemerken kaum Unterschiede und scheren sich einen Dreck darum.

Auf der großen Wiese gegenüber gab es Barackenlager

für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen.

Die Gefangenen waren v. a. Ukrainer

und müssen furchtbar misshandelt worden sein.

Immer wieder hörte man Schreie.

Die meisten Nachbarn wollten davon nichts mitbekommen.

Vernahm man die Schreie,

gingen alle Fenster wie auf Verabredung gleichzeitig zu.

Das Heimweh kommt wellenartig.

Wenn ich arbeite, bemühe ich mich, traurige Gedanken wegzujagen.

Wenn ich allein bin, ist es kaum möglich.

Wie viele Jahre meiner Jugend habe ich verloren?

Mit Kurt ins Kino. "Stern von Rio" mit La Jana.

Der Stern von Rio.

Nach dem Kino musste ich zur Partei und Beitrag bezahlen.

11. Januar.

Verhandlung gegen James Graf von Moltke.

Noch ehe es Abend wird,

ist gegen die Angeklagten das Todesurteil beantragt.

Wir haben nur gedacht, und zwar nur Delp, Gerstenmaier und ich.

Vor den Gedanken dieser drei hat der NS solche Angst,

dass er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will.

Wenn das nicht ein Kompliment ist.

Im Namen des deutschen Volkes ...

Was Moltke getan hat, ist Hochverrat mitten im Krieg.

Ihn entlastet nicht, dass er sich nur Gedanken gemacht hat.

Sie werden mit dem Tode bestraft.

Es war zu spät für unsere Hinrichtung am gleichen Tag.

Nun, wenn der Herr will, bleibe ich am Leben.

Mein Herz, du lebst noch, wie schön!

Ich darf noch einmal um dich kämpfen.

Aufschub, den wir nutzen können.

11. Januar.

Kurt kam zum Essen zu uns. Mutti ließ uns allein.

Er hat Mandoline gespielt und ich habe gesungen.

Dann hat er mich geküsst und war sehr zärtlich zu mir.

Wie an der ganzen Ostfront, zwischen Ostsee und Karpaten,

setzten hier am Morgen des 13. Januar

die Sowjets zu ihrer bisher größten Offensive an.

Die Frontbesuche unserer Kreisleiter im Osten verliefen günstig.

Unsere Truppen in Ostpreußen sind bester Stimmung und überzeugt,

dass sie kommende sowjetische Großoffensiven abschlagen.

Es gibt keine Nacht und keinen Tag mehr. Überall kann der Gegner sein.

Diese Tage und Wochen im Osten

verlangen harte Herzen und harte Fäuste.

16. Januar. Seit drei Tagen gibt es eine bolschewistische Großoffensive.

Einer von uns, Manfred, heult nachts in seinem Bett,

weil er sich um seine Familie sorgt.

Er stammt aus Königsberg, auf das die Russen im Anmarsch sind.

Aber auch tief in Schlesien wird schon gekämpft.

Nachts, wenn die Bomber kommen, stehen wir an den Geschützen.

Vor zwei Tagen ist der Volkssturm angetreten,

in Ziviljacken und Wickelgamaschen.

Manche hielten noch nie ein Gewehr.

Man setzt sie bloß ein, um Lücken zu stopfen.

Grenadiere und Volkssturmmänner brauchen Bekleidung und Ausrüstung.

Das Volksopfer wird sie ihnen geben.

Die Magazine sollen sich füllen, durch euch!

In der Dunkelkammer sehe ich die Porträts junger Menschen,

die, kaum erwachsen, schon Militäruniform tragen.

Viele von ihnen werden das Ende des Krieges nicht erleben.

Die Uniform wird das einzige Kleid ihres erwachsenen Lebens sein.

Männer des Berliner Volkssturms,

ihr habt soeben den Eid auf den Führer,

auf die Freiheit des Reiches abgelegt,

um eurem Volke und der ganzen Welt zu beweisen,

dass Deutschland auch in der Heimat

über Millionen wehrentschlossener Männer verfügt,

die den besten, unerschütterlichen Willen haben,

niemals feige zu kapitulieren!

Kurt hat mich abgeholt das letzte Mal.

Er hat nur mich mitgenommen zum Bahnhof.

Wer weiß, wann wir uns wiedersehen.

Der Winter ist bitterkalt, minus 20 Grad.

Wir holen Holz aus den Trümmern. Nachts, durch ein Loch im Zaun.

Uns geht der Arsch auf Grundeis. Plünderer werden erschossen.

Aus Schlesien kommen erste Flüchtlingszüge.

Auf dem Schlesischen Bahnhof

traf eine Lore mit erfrorenen Kindern ein.

96 Stunden standen sie in der Kälte,

eingepfercht wie Heringe in einer Tonne.

Unser Chef sagt, wir müssen Schnee beseitigen.

Dann heben wir Gräber für die Toten aus.

Die Erde ist gefroren, etwa 50 cm tief.

Erst muss man Eis und Schnee entfernen,

dann mit Hammer und eisernen Keilen weiterarbeiten.

Bisher war es uns schwer, jetzt ist es noch schwerer.

Um 3 Uhr war ich bei Gestapo-Chef Müller.

Er sagte, er könne nichts mehr für dich tun, du seist ein Hochverräter.

Mir geht es gut, mein Herz.

Ich bin bereit und entschlossen,

mich Gottes Führung willig und freudig anzuvertrauen und zu wissen,

dass er unser, auch dein, meines Liebsten Bestes will.

Leb wohl, mein Herz. Der Herr behüte dich und uns.

Gestern Mittag holten sie den Grafen Moltke zur Hinrichtung.

Um vier Uhr war er tot.

Alles geschah überraschend und plötzlich.

In der Stadt wimmelt es von Flüchtlingen.

Sie schimpfen laut oder leise auf die verfluchten Zeiten.

Keiner nimmt ein Blatt vor den Mund.

24 Stunden lang darf jeder Volksgenosse seine Not,

seine Verzweiflung und Todesangst ungehindert austoben.

Dann ist Goebbels wieder Herr der Lage.

Das Programm des deutschen Zirkus Busch.

Dolinda, die balancierende Anmut auf dem Drahtseil.

Heute ist der 12. Jahrestag der Machtergreifung.

Jede Nacht ein oder zwei britische Bomberangriffe.

Am Tage verzweifelte Wehrmachtsberichte.

Die heutige Rundfunkansprache des Führers ist da sehr angebracht.

(Hitler) Ich appelliere an das deutsche Volk und alle Soldaten,

sich mit einem noch größeren,

härteren Geist des Widerstandes zu wappnen,

bis wir wieder, wie schon einmal, den Toten dieses gewaltigen Ringens

den Kranz mit der Schleife auf das Grab legen dürfen.

Und ihr habt doch gesiegt.

Todesmutig

Bricht der große Morgen an

Und die Sonne, kalt und blutig

Leuchtet unsrer blut'gen Bahn

In der nächsten Stunden Schoße

Liegt das Schicksal einer Welt

Und es zittern schon die Lose

Und der Würfel fällt

Das Volk steht auf!

Der Sturm bricht los!

Wir waren wieder bei Matusseks unten. Jetzt ist seine Frau auch da.

Es floss wieder der Schnaps, bis 10 Uhr.

Dann haben wir noch die Führerrede gehört.

Onkel Paul ist immer blau.

Stalin ante portas. Die Russen haben die Oder überschritten.

Dringen mit etwa 100 Panzern auf Wriezen vor.

Zwischen Berlin und Wriezen steht nichts, keine Panzerabwehrkanone,

keine Panzersperre, kein einziger Soldat.

In der Bevölkerung: Unruhe.

Mein liebes Muttertier, du fragst, was tun?

Für die Lage im Großen bin ich immer noch Optimist.

Es gibt keinen Grund, den Mut sinken zu lassen.

Vernünftige Gerüchte sagen,

dass wir doch noch mit neuen Waffen kommen werden.

Wir bringen die ersten Aufnahmen von V2 auf ihrem Flug nach England.

Rasend schnell steigt der schlanke Stahlleib in die Stratosphäre.

Augenblicklich ist es so, dass man Berlin keineswegs

für sicherer halten kann als euer Gebiet.

Da es keine vernünftige Reisemöglichkeit gibt,

halte ich es für richtig, wenn ihr bleibt, wo ihr seid.

Die Zeichen, die V2 in den Himmel schreibt,

sind dem Auge noch sichtbar,

wenn das Ferngeschoss sein Ziel erreicht hat.

Der Wetterbericht um vier Uhr früh

sagte gute Sicht in der Region Berlin-Magdeburg voraus.

Dies wurde später auf der Konferenz um zehn Uhr bestätigt.

In Berlin liegen die feindlichen Ziele im Herzen der Stadt,

in einem Gebiet zwischen Lindenstraße,

Unter den Linden und Wilhelmstraße.

Wir mussten früh am Rosenthaler Platz Barrikaden schippen.

Wir waren noch nicht lange bei der Arbeit und gut gelaunt.

Wir jungschen waren am Singen, da kam Fliegeralarm.

Über tausend Bomber verlassen ihre Stützpunkte in England,

um die deutsche Hauptstadt zu vernichten.

Ihr Dröhnen trägt

die strenge Stimme der Vergeltung nach Berlin.

Aus Berlin kamen die Befehle,

Rotterdam und Warschau zu verwüsten.

Und von Berlin aus beobachtete Deutschland ohne Mitleid

das qualvolle Sterben der Millionen Flüchtlinge,

der durch den Krieg entwurzelten und enteigneten traurigen Scharen.

Heute schließt sich der Kreis.

Die Berliner trifft nun dasselbe Leid,

dem sie Europas große Städte ohne Widerrede ausgesetzt haben.

In 45 Minuten prasselten 2500 Tonnen Spreng- und Brandstoff

auf Regierungs- und Armeegebäude im Herzen der Stadt.

Die Stadt ist zugerichtet.

Durch Rauch, Ruß und Schmodder komme ich zum Verlagshaus.

Es regnet in Strömen, die Nässe schlägt den Qualm zu Boden,

der als zäher Brei an den Schuhen klebt.

Auf unserem Flakturm geschah eine Katastrophe.

Eine Bombe fiel in die Munitionskammer.

Alle 400 Schuss Munition sind explodiert.

Von meinen Klassenkameraden lebt keiner mehr.

Am schwersten betroffen wurden die Bezirke Kreuzberg, Mitte,

Horst-Wessel und Wedding.

Gefallene: 1.130.

Vermisste: 738.

Verwundete: 1.116.

Echte Obdachlose: 102.061.

Auch der U-Bahnhof Bayerischer Platz ist betroffen.

Mehr als 100 Tote liegen unter den Trümmern.

Männer, Frauen, Kinder stehen dicht aneinandergedrängt,

senken die Köpfe und schweigen.

Ernst, stumm und feierlich warten sie darauf,

dass man ihre Toten ausgräbt.

Deine Hacke sinkt in etwas Weiches.

Du rufst: "Hier! Jemand!" Ein Schupo kommt angerannt.

Nur ein Deutscher darf an kaltes deutsches Fleisch heran.

Sie kriegen ihn schließlich los und ziehen ihn am Bein raus.

Manchmal bleibt ihnen dabei das Bein in der Hand. Manche kotzen.

Die haben wenigstens noch etwas im Magen.

Diese Operation kostete die Amerikaner

19 Bomber und 5 Kampfflieger.

Sie hinterlassen den Deutschen einen Denkzettel:

"Krieg zahlt sich nicht aus."

Berlin, sagen sie, liege nun in düsterster Nacht.

Ein US-Pilot sagte nach diesem Einsatz:

"Wenn Stalins Jungs nach Berlin kommen,

sollten sie die Feuerwehr mitbringen,

denn die Stadt steht in Flammen."

8. Februar.

Wir erreichen Stalag 7 in Luckenwalde am Morgen.

Wegen Überfüllung gibt es keine Pritschen.

Jeder hat eine schmutzige Decke.

Die Latrine für Hunderte ist ein tiefes Loch.

Ist es voll, müssen russische Gefangene es säubern.

Sie werden abscheulich behandelt.

Zwei Stunden hatten wir heute Stromsperre.

Von Kurt erhielt ich die ersten zwei Briefe.

Fliegeralarm von viertel vor neun bis halb zehn.

Erst jetzt wird bekannt, dass bei dem Angriff

der Präsident des Volksgerichtshofs, Dr. Freisler,

mit den meisten seiner Mitarbeiter ums Leben kam.

Ich schwanke zwischen Schrecken und Freude.

Freisler? Der Mann, der alle zum Tode verurteilt?

Einen Monat starb er zu spät

und um viele Wochen zu früh für Rechenschaft und Vergeltung.

Mein liebes Knuddeltier, von hier ist zu berichten,

die Nacht war klar, das Thermometer sank auf null Grad.

Morgen um 7:10 Uhr muss ich zum Volkssturm,

vermutlich wieder Panzersperren bauen.

Ich hoffe, dass die angekündigten Gegenmaßnahmen eine Wende bringen.

Alles Liebe von eurem Papi.

Der Gasverbrauch ist für private Zwecke verboten,

die Stromlieferung durch Sperrstunden unterbrochen.

Die Lebensmittelrationen werden laufend gekürzt.

Adolf Hitler denkt für uns, Goebbels redet für uns,

Göring frisst für uns.

Nur sterben tut keiner für uns.

15. Februar.

Heute bin ich allein in der Klinik.

Prof. Sauerbruch ist nicht da,

auch nicht sein offizieller Vertreter.

Es erging der Befehl, alle Patienten in den Schutzraum

oder wenigstens in den Keller zu bringen.

Zuerst die Kinder und Privatpatienten, dann die Frauen.

Im Bunker lernte ich einen Biologieprofessor kennen,

der halbjüdischer Herkunft ist.

Er erzählte mir, dass sich zurzeit in Berlin Juden verstecken.

Sie lebten seit Monaten oder Jahren in Kellern und auf Dachböden

und würden von Freunden und Bekannten versorgt.

Mein Liebster, seit zwei Jahren bist du weg und ich auf Walze.

Diese Angst, dieses Gehetztsein. Wofür bloß?

Sein Leben lang lebte man als anständiger Mensch

und jetzt versteckt man sich wie ein Verbrecher, wie ein Mörder.

Und die Gedanken an die Kinder! Das ist das Schlimmste.

Ich bin verzweifelt, weil ich nichts von ihnen weiß.

Wenn die Sache bei Frau Möller schiefging,

dann sind sie nicht mehr.

Aber ich hatte keine Wahl,

sonst hätte ich mich mit ihnen der Gestapo stellen müssen.

Wenn im Radio Kinder Liedchen singen, kommen mir die Tränen.

25. Februar.

Meine Einsegnung in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem.

Vati kam. Wir waren 14 Mädchen und sechs Jungs.

Leider fand es nicht in der Kirche statt, die zu kalt war.

Trotzdem war es sehr feierlich und kein Alarm störte.

Es gab gutes Schmorfleisch, das Vati mitgebracht hatte.

Nachmittags viel Besuch und leckeren Kuchen mit Bohnenkaffee.

26. Februar.

Heute war der Tag, für den wir trainiert haben.

Ich wollte immer Hitlers Berlin bombardieren.

Die Stadt hat die härteste Flak-Verteidigung

und mehr feindliche Jäger als jedes andere Ziel.

Es ist verständlich, dass die Crews gequält stöhnten,

als sie beim Briefing davon hörten.

Ich fühlte mich auf meiner Position im Heck allein,

trotz vieler Flugzeuge um uns.

So schrecklich allein und in Furcht,

dass es mein letzter Flug sein könnte.

Ich kann die Leere nicht beschreiben, die ich fühlte.

Im Kino. "Truxa" mit La Jana.

Mitten in der schönsten Stelle kam Alarm.

Wir rannten schnell in den Bunker.

Nach einer langen Strecke waren wir mittendrin.

Taumelnde Flugzeuge.

Neben uns ging eins in Flammen auf, durch einen Volltreffer.

Ich zitterte in Erwartung von Stahl,

der jede Sekunde durch meinen Körper jagen könnte.

Dann öffneten sich die Bombenschächte.

Ein Flügel der Fabrik wird getroffen.

Es bricht Feuer aus, von den Brandbomben.

Wir laufen in den Schutzkeller, an brennendem Asphalt vorbei.

Um den Alex brennt es wie toll.

Wir haben zu Hause kein Licht und kein Wasser.

Nach der Entwarnung ging der Film weiter.

Nach einer Weile, die wie Stunden war,

erreichten wir Englands schöne Küste.

Wir hatten es geschafft.

Es war vorbei und ich war so glücklich,

dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

Jetzt stirbt die Stadt und ist nicht mehr zu retten.

Müde, gleichgültige Menschen.

Gespräch des Pförtners am Eingang mit einer weinenden Frau:

"Sei froh, dass er in ein Massengrab gekommen ist.

Da ist er wenigstens nicht allein."

Die Moral der Deutschen ist im freien Fall.

Mit jedem Bombardement verschlimmert sich das deprimierende Klima.

Die Situation beeinträchtigt den normalen Tagesablauf nicht.

Die polizeiliche Überwachung wird weiter verstärkt.

Das Lager war mit Stacheldraht eingezäunt, der unter Strom stand.

Die Wachen hatte Hunde und Maschinenpistolen.

Wir hatten immer weniger Kraft, waren von der Arbeit aufgezehrt.

Die Küche gab Suppe aus getrockneten Kartoffelschalen heraus.

Es war wohl Schweinefutter.

EIN KRIEGSTAGEBUCH

EIN KRIEGSTAGEBUCH FÜR BRITSCHE GEFANGENE

Die Ration war ein Fünftel Laib Brot am Tag,

wenig Margarine, zwei Tassen Kaffee oder Tee.

Unter den Männern ist die Ruhr ausgebrochen.

Wir sind hungrig und unterernährt. Jede Nacht Angriffe auf Berlin.

28. Februar.

Margot hat wieder Bombenschaden, Herr Doktor auch.

Brandbomben fielen in sein Zimmer, konnten aber bald gelöscht werden.

Ist nur einiges verbrannt.

Er sagt, deshalb gewinnen wir den Krieg doch.

Abends habe ich Strümpfe gestopft.

3. März.

In den ersten Mittagsstunden verließen wir Berlin.

Der Führer wollte sich vom Verlauf der Frontlinie überzeugen,

die Truppen stärken und die Versorgung mit Munition überprüfen.

Der Führer, dessen Leben in ununterbrochener Arbeit und Sorge

dem Schicksalskampf der dt. Nation geweiht ist,

besucht einen Divisionsgefechtstand im Osten.

Die Offiziere des Stabes werden vorgestellt.

Der Führer war da.

Eine solche Nachricht macht bewusst, wo wir hier stehen:

zur Verteidigung der Reichshauptstadt.

Auch bei den Männern sprach es sich schnell herum: Der Führer ist da!

Die freudige Begrüßung der Soldaten

ist wie ein Treuegelöbnis aller Kämpfenden an den Mann,

der Deutschlands und Europas Schicksal meistern wird.

Ich bin abends beim Führer.

Ich finde ihn diesmal etwas niedergedrückt,

was durch die militärische Entwicklung erklärlich ist.

Sein Nervenzittern an der linken Hand hat zugenommen,

was ich mit Entsetzen bemerke.

Sein Besuch an der Front verlief sehr gut.

5. März.

Für uns gibt es nur noch einen Kampf bis zum letzten.

Entweder schlagen wir die Russen tot oder wir halten sie auf.

Mittags mit Margot zum Admiralspalast-Kino,

"Meine Herren Söhne".

Der Film war so nett, aber in der Mitte ging der Strom aus.

So ein Mist. Als wenn man aus einem schönen Traum erwacht.

Die Wäsche! Die Wäsche!

Meine alte Schule hat wieder aufgemacht.

Zwei Stunden Englisch, eine Stunde Französisch,

eine Stunde Latein, wöchentlich.

Dann deutsche Geschichte und v. a. nationalpolitischer Unterricht.

Die Schule ist recht kalt.

(alle) Heil Hitler.

In Görlitz spreche ich vor Soldaten und Volkssturmmännern.

Ich fühle mich glücklich und losgelöst.

Jene Divisionen, die jetzt schon zu kleinen Offensiven angetreten sind

und in den nächsten Wochen und Monaten

zu Großoffensiven antreten werden ...

werden in diesen Kampf hineingehen wie in einen Gottesdienst.

Im Hotel wird uns ein Essen vorgesetzt, an dem alles dran ist.

Unserm Führer Adolf Hitler, Sieg ... (alle) Heil!

Schöne Stunden, die erholsam wirken.

Dann fahren wir nach Berlin zurück.

Befehl für die Vorbereitung zur Verteidigung der Hauptstadt:

Berlin wird bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigt.

Der Kampf muss mit Fanatismus, Fantasie,

mit allen Mitteln der Täuschung, der List, der Hinterlist,

auf und über der Erde geführt werden.

Voraussetzung ist, dass jeder Häuserblock, jedes Haus,

jedes Stockwerk, jede Hecke bis zum Äußersten verteidigt wird.

Wir bauen Panzersperren in der Landsberger Allee und Kniprodestr.

Täglich haben wir unter SA-Führern

Panzerfaust-Übungsschießen und Gewehrausbildung.

Viele alte Männer sind ebenfalls dabei.

Sie sind vom Volkssturm.

Die Wehrmachtsberichte erschrecken mich.

Auch Frauen können diese Waffe leicht bedienen.

Das Leben nimmt immer primitivere Formen an.

Waschmittel und Seife müssen immer länger reichen,

Körperpflege-Artikel sind Luxus.

Auf Kleiderkarte gibt es nur Kleinigkeiten und Nähzeug,

alles andere ist gesperrt.

Unter solchen Verhältnissen

mögen sich weniger kultivierte Menschen des Ostens wohlfühlen,

aber der zivilisierte Europäer leidet darunter und verkümmert.

Wir sahen heute Bilder grauenhafter Ereignisse in Ostpreußen.

Man kann hier nicht von Soldaten und Offizieren sprechen,

sondern nur von bestialischen Horden.

Sie vergewaltigten alle Frauen,

von Jugendlichen von 13 Jahren bis zu Frauen von 68 Jahren.

- Diese Volksgenossinnen auch? - Ja, sogar meine Mutter von 60 Jahren

haben sie bestialisch vergewaltigt.

- Und Sie selbst auch? - Ja, meine Schwester und meine Mutter

haben sie bestialisch und tierisch misshandelt.

Die Russen wollen eindeutig unser ganzes Volk ausrotten.

Leider gibt es nichts einzutragen, das man als gut bezeichnen könnte.

Wir haben Vati besucht.

Kaum waren wir da, ertönten Sirenen.

Wir kamen in einem Hochbunker unter.

Eigentlich glaubte ich, ich hätte das Gefühl der Angst überwunden,

doch zitterte heute um mein Leben.

Fürchterliches Krachen, der Bunker schwankt,

das Licht ging aus, Schreie der Menschen.

Zwei Stunden dauerte der Angriff.

Auf dem Berg sahen wir den großen Feuerschein.

Gegenüber in Nummer 15 ist es eingeschlagen

und das ganze Haus runter.

Die ersten Verschütteten werden geborgen.

In unserem Haus sah es wüst aus.

In der Stube stand nichts mehr an seinem Fleck.

Die Betten waren mit Schutt zugedeckt.

Auf der Straße starrten die Leute auf die Trümmer,

die ihre Wohnung waren.

Es sollen noch über 30 Leute verschüttet sein.

Halb Berlin stand in Flammen und wurde in Trümmer gelegt.

Ein Straßenbild, dass einem irrsinnig werden möchte.

Unser Berlin! Das Berlin, das ich so geliebt habe.

Auch wenn es mich heute so anekelt,

auch wenn es seine Bewohner zugelassen haben,

dass man uns ausschloss, nur weil wir Juden sind:

Trotzdem liebe ich meine Vaterstadt noch.

Wir haben uns aufgemacht zur Christburger Str.,

zur Verpflegungsstelle.

Es gab prima Bohnenkaffee und dick belegte Brote mit Wurst.

Viele mussten hier die Nacht verbringen,

weil sie kein Heim mehr haben.

19. März.

Heute sind meine Gedanken bei Vilma. Es ist unser Verlobungstag.

Fühle mich besser und hatte eine kalte Dusche. Viele Flöhe.

Einige Leute haben Läuse.

Es gibt wenig zu essen.

Man kriegt nur 200 Gramm Brot am Tag.

Ich werde alles überleben.

20. März.

Wir stehen vor der höchsten Bewährungsprobe der Geschichte,

sagte uns Batterie-Chef Küttner.

Wir sollen uns mit heiligem Fanatismus in die Erde krallen.

Zum Heldengedenktag sahen wir den großartigen Film "Kolberg",

der uns die Verteidigung der preußischen Festung 1807 zeigte.

Preußen, Deutsche!

Keine Liebe ist heiliger als die zum Vaterland.

Keine Freude ist süßer als die Freude der Freiheit.

Aber ihr wisst, was uns blüht, wenn wir nicht ehrenvoll gewinnen.

Ihr wollt doch nicht schlechter sein als eure Väter waren!

Wagt, ihnen zu gleichen.

Ihr habt ihr Beispiel, nun gebt ein Beispiel!

Der Film gefiel mir gut, doch nicht alle Kameraden sind überzeugt.

Wir haben viel mehr Gegner.

Der Kampf um die Existenz unseres Volkes

zwingt auch im Reichsgebiet zur Ausnutzung aller Mittel.

Militär-, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen,

die sich der Feind nutzbar machen kann, sind zu zerstören.

Um 9 Uhr im Geschäft.

Nach Hause musste ich laufen.

Abends mit Kuzi spazieren gegangen und Wasser geholt.

Von Kurt habe ich einen wunderschönen Brief bekommen.

Ich habe Kuzi einige besonders schöne Stellen vorgelesen.

Mit Margot war ich heute im Kino.

"Solistin Anna Alt" haben wir gesehen.

Einige Kameraden wissen nicht mehr, wo ihre Angehörigen sind.

Ostpreußen, Schlesien.

Ohne Heimat wird der Krieg sinnlos.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Berlin verloren ginge.

Heute sind sie es, denen ihr letztes Habe und ihre Wohnung genommen wird,

deren Angehörige in Trecks und Flüchtlingszügen

einem ungewissen Schicksal entgegenfahren.

Ich weiß, was es heißt, die Menschen, an denen man hängt,

im Ungewissen, in Not und Elend, Hunger und Todesqualen zu wissen,

ohne etwas von ihnen zu hören.

Ich, wir ...

Wir Juden haben es längst hinter uns.

Und da soll ich heute mit ihnen Mitleid haben?

63. Transport aus Berlin,

für Sachsenhausen und Ravensbrück vorgesehen gewesen.

Ziel: Theresienstadt. Abgangsdatum: 27. März 1945.

Für die Evakuierung von Juden in das Ghetto Theresienstadt

werden Richtlinien aufgestellt:

Die Abbeförderung ist in Einzelwaggons eines auf der Strecke

nach Theresienstadt verkehrenden Regelzugs durchzuführen.

Je Person ist mitzunehmen: Zahlungsmittel Reichsmark 50,

vollständige Bekleidung, Bettzeug mit Decke,

Essgeschirr, Teller oder Topf, mit Löffel.

Verpflegung für acht Tage.

Nicht mitgenommen werden dürfen: Wertpapiere, Devisen,

Sparkassenbücher usw., lebendes Inventar sowie Lebensmittelkarten.

Die Transporte sind vor Abgang nach Waffen, Munition,

Sprengstoff, Gift, Devisen, Schmuck usw. zu durchsuchen.

In jedem Fall ist eine Einziehung des Vermögens durchzuführen.

Transportliste: Birnbaum, Josef, 71 Jahre,

Blumski, Marian, 30, Böhler, Erna, 51,

Böhm, Martha, 64, Brandmann, Herschel, 57,

Erber, Hans, 46, Erber, Lotte, 38,

Finkiel, Marie, 34,

Foesiniam, Hermann, 63,

Freundlich, Werner, 41,

Friedemann, Rosa, 44,

Gerson, Arnold, 62,

Glaser, Malwin, 70,

Houche, Marie, 80,

Jadlowska, Zofia, 20,

Judelowitsch, Elisabeth, 34,

Klein, Ethel, 20,

Klein, Gernot, 16,

Klein, Hermine, 30,

Kohnreich, Gertrude, 36 Jahre,

Kronheim, Julius, 74,

Leiserowicz, Adolf, 63,

Lewkowitz, Jakob, 45,

Marchand, Estella, 67,

Meisels, Gisela, 21,

Meisels, Jenny, 44,

Meisels, Michael, 1 Monat alt,

Michalik, Anna, 23,

Peretz, Georg Wilhelm, 48,

Raumann, Hans, 43,

Rozenberg, Ludwig, 44,

Rychwalski, Ernst, 49

und Rychwalski, Helene, 39 Jahre alt,

Simoni, Sally, 44,

Simonowitz, Alfred, 23,

Schlesinger, Ernst, 26,

Schröder, Elisabeth, 44,

Turek, Rosa, 18,

Weisz, Gertrude, 49,

Wilkan, Ernst, 47,

Witte, Tana, 59

und Zöllner, Else, 48 Jahre alt.

Ostersonntag. Wir haben sehr lange geschlafen.

Am Tag gelesen und abends Gruselgeschichten erzählt.

Wir haben noch Gymnastik gemacht und sind dann ins Bett.

Ich habe den Krieg satt.

Jede Nacht greifen Bomber Berlin an.

Wir sind müde und unausgeschlafen.

Die Wunderwaffen, wo bleiben die?

Achtung, Achtung. Luftlagemeldung vom Divisionsgefechtsstand.

Eine Welle der feindlichen Flugzeuge hat die Flak-Zone im Süden erreicht

und wird durch Flak-Artillerie bekämpft.

Erneut abends ein feindlicher Angriff auf die Reichshauptstadt.

Man rechnet die Angriffe schon zum Tagesprogramm.

Wenn sie nicht kommen, fehlt der Berliner Bevölkerung etwas.

Mein Kamerad Udo bekam einen Brief der NSDAP-Ortsgruppe Pankow.

Seine Mutter und seine Schwester Elke verbrannten im Berliner Norden.

Er hat jetzt niemanden mehr.

Lange stierte er vor sich hin, dann sprang er auf einen Hocker,

riss das Führerbild von der Wand, spuckte drauf

und trat auf Hitlers Kopf herum.

Als der Unteroffizier kam, sperrte er Udo ein.

Meine Mutter musste ins Krankenhaus und wurde operiert.

Oberleutnant Küttner hat mir Heimaturlaub gewährt.

Wenn die Schlacht um Berlin beginnt, muss ich in die Batterie zurück.

12. April.

Die Russen und Amerikaner sind über die Reichsgrenzen vorgestoßen.

Kriegslage sehr verschlechtert.

Im Dienst nur noch das Nötigste erledigt und bearbeitet.

Sämtliche Akten werden verbrannt, man fürchtet Berlins Besetzung.

Um 7 Uhr ging ich zum Dienst. Alles dreht sich um den Schlusskampf.

Wir Mädchen sollen Kampfgruppen bilden,

die die Soldaten betreuen und auch mitkämpfen.

Unter "betreuen" war so viel wie Soldatenliebchen gemeint.

Man glaubt, die Russen und Amerikaner erobern Berlin zusammen.

Lange kann es nicht mehr dauern.

Wir wollen mit den Rädern in den Wald, in die Gegend von Grünheide.

Mit Decken, Proviant und allen möglichen Sachen.

Das wird romantisch!

Mein liebster Schatz, vorgestern war dein Geburtstag.

Wird es je wieder einen geben, den wir zusammen verbringen?

Ich glaube nicht mehr daran.

Und die Kinder! Seit gestern ist Weimar in alliierter Hand.

Wie soll ich sie je finden, wenn die Sache schiefgegangen ist?

Ich werde heute im US-Sender hören, was sich in Weimar abgespielt hat.

Hier spricht London.

Ich komme gerade zurück aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Es fällt mir schwer, das Grauen zu beschreiben,

das ich gesehen und gehört habe.

Doch nachfolgend die ungeschönten Fakten:

40.000 Männer, Frauen und Kinder befinden sich im Lager.

Tausende von ihnen sind Juden.

Allein in den letzten Monaten

wurden dort 30.000 Gefangene getötet

oder dem Tod überlassen.

Teilweise bereits verwesende Leichen

säumen die ausgefahrenen Gleise und Straßenränder.

In den Baracken war es noch schlimmer.

Ich habe in den letzten fünf Jahren viel Schlimmes gesehen.

Doch nichts davon war annähernd so entsetzlich

wie das Innere jener Baracken in Bergen-Belsen.

Ich bahnte mir in der Dunkelheit meinen Weg über die Leichen,

bis ich eine Stimme hörte,

die sich über das leise Stöhnen erhob.

Ich fand ein Mädchen, ein lebendes Skelett.

Sie streckte ihren dürren Arm aus und sprach keuchend:

"Englisch, englisch... Medizin, Medizin!"

Ich, die SS-Aufseherin Hertha Bothe,

bin seit dem 1. März 1945 im KL Bergen-Belsen.

Ich bin geboren am 3.1.1921 in Teterow, Mecklenburg.

Ich bin der SS-Oberscharführer Friedrich Herzog

aus Dortmund in Westfalen und bin zwei Jahre hier im Lager.

Ich bin 59 Jahre.

Die SS-Aufseher,

die nach unserer Ankunft im Lager Gefangene erschossen hatten,

als sie sich unbeobachtet wähnten,

sammeln nun die Leichen ein

und karren sie weg, um sie zu begraben.

Ich möchte dem nur die Beteuerung hinzufügen,

dass die Offiziere und Männer, die diese Dinge gesehen haben,

mit einem Zorn zur zweiten Armee zurückgekehrt sind,

wie ich ihn noch nie zuvor bei ihnen gesehen habe.

Die Truppen von Marschall Schukow

werden den Hauptangriff ausführen.

Sie ziehen gen Berlin und werden es einkreisen.

Anhand einer Reliefkarte proben die Armeekommandeure

die Schlacht um Berlin.

Hier steht eine unwahrscheinliche Streitmacht bereit.

Ein riesiger Raum ist von Menschen und Technik übersäht.

Danach zu urteilen, wird es eine harte Sache.

Die Nacht vom 15. auf den 16. April erschien ungewöhnlich lang.

Bei äußerster Nervenanspannung, in Erwartung großer Ereignisse,

vergeht die Zeit sehr langsam.

Die Offensive sollte um 5 Uhr beginnen.

Der Sekundenzeiger lief über die letzten Striche.

Einen Tag wie heute gab es an der Front noch nicht.

Um 4 Uhr morgens eröffneten tausende Stalinorgeln das Feuer.

Später schallte überall der Ruf: Nach Berlin! Nach Berlin!

Frühmorgens war es kalt. Nebel kam auf.

Überall roch es nach Schwefel. Die Erde dröhnt und bebt.

Die Hölle schien angebrochen zu sein.

Die Einschläge dauern an. Längst sind unsere Ohren taub.

Es spricht kaum jemand.

Brennende Dörfer stehen in der Ferne, der Tod neben uns.

Die Stadt summt wie ein Bienenschwarm. Jetzt geht es los.

In Berlin hören wir russische Kanonen.

Überall auf den Straßen begegnet man Feldgendarmen,

die nach Flüchtigen fahnden, die sofort abgeurteilt werden.

An den Hausecken ist ein Anschlag mit einem Aufruf des Führers:

"Wer den Befehl zum Rückzug gibt, ist festzunehmen und umzulegen."

Michel sah, wie eine Barrikade auf dem Alexanderplatz aufgebaut wurde.

Außerdem sah er an einer Kreuzung einen Mann an einem Baum hängen.

Er hatte sich über die Nazis beklagt und über den Krieg.

Die Versorgung ist prekär und unsicher.

Wir haben Wasser geholt und eingeweckt, eine Menge Gläser voll.

Für den Fall einer langen Belagerung.

Nachmittags genäht und gelesen.

Abends waren wir bei T.s, 5 Minuten Weg.

Kommen bei völliger Stille hin, aber nicht wieder zurück.

Zwei Stunden lang Bomber auf Bomber, Einschlag auf Einschlag.

Man kann eben nicht mehr ausgehen.

Bei T.s war es rührend.

Nudelsuppe, reich gedeckter Tisch und schön serviert.

Dazu im Radio "Die Zauberflöte".

Obwohl die Russen über Fürstenwalde hinaus sind,

mussten wir vor englischen Bombern in den Luftschutzkeller.

Hier wurde Onkel Fritz, ein alter Parteigenosse, ziemlich brutal.

"Dieter, du musst zurück in deine Batterie, das ist deine Pflicht."

Falls ich nicht in den Flakturm gehe, soll ich gemeldet werden.

Wunder über Wunder, wir dürfen richtig ausschlafen.

Es gibt keinen Alarm, weder am Morgen noch am Nachmittag.

Niemand, der es nicht mitgemacht hat, wird glauben,

wie geregelt das Leben trotz allem weitergeht.

Brotwagen kommen heran, Bolle klingelt durch die Straßen,

die Leute stehen vor der Tür und schwatzen.

Man weiß, dass die Katastrophe kommt, aber noch ist sie nicht da.

Mutti hat noch die letzten Schmucksachen begraben.

Meine Uhr behalte ich um, der Boden ist mir zu nass.

Ich bin auf deutschem Territorium,

wo ich die kleinsten Fritzchen und die Frauchen sah.

Ich will sie schnell vernichten,

damit uns der Deutsche nicht überfällt.

Das wird ihm eine Erinnerung und Lehre sein.

Mama, ich habe schon den Vater gerächt,

habe mit eigener Hand ich weiß nicht wie viele getötet,

aber es sind noch zu wenige.

Wir werden Rache nehmen, solange ich lebe.

Die von oben berichten, dass Fürstenwalde besetzt ist.

Ich hoffe, es ist nicht nur ein Trick, um unsere Moral zu heben.

Viele unserer Leute sind getötet. Sie liegen im Feld, am Straßenrand.

Kurz vor dem Sieg gefallen.

Heute hat unser Führer Geburtstag.

Wir haben Angst vor dem Tag. Man hört schon die Artillerie.

Herr Doktor sagt, wir sollen Vertrauen und keine Angst haben,

der Führer macht ein Experiment und zum Schluss wird alles gut.

An dem Tage, an dem sonst Flaggen mit dem hässlichen Zeichen

im ganzen Land flatterten: keine, keine einzige Fahne,

auch bei amtlichen Dienststellen nicht.

Das will was heißen. Die Stimmung ist hin.

Am Nachmittag fand ich mich mit unserer Abteilung

im Garten der Reichskanzlei ein.

Hitler erschien aus dem Bunker. Ich erstattete dem Führer Meldung.

Dann schritt er mit mir die Front der Abordnung entlang.

Ich war bei unserem ersten Angriff auf Befehl als Melder eingesetzt.

Ich musste eine wichtige Meldung zu den Sturmschützen zurückbringen.

Als der Russe näher an Lauban heranrückte,

stellte ich mich dem Kampfkommandanten von Lauban

freiwillig als Melder zur Verfügung.

Da für 16 Uhr die tägliche Besprechung angesetzt war,

schlossen sich Himmler, Bormann und die Adjutanten dem Führer an,

als er wieder in den Bunker zurückkehrte.

Dann kamen Göring, Ribbentrop, Dönitz, Keitel und Jodl,

um zum Geburtstag zu gratulieren.

Jeder versicherte Hitler seine Treue bis zum Tod.

Nach der Lagebesprechung wandte sich Göring verstört Hitler zu.

Er, Göring, habe in Süddeutschland dringendste Aufgaben zu erledigen.

Er müsse Berlin verlassen.

Mit der Ortsgruppe Urban der NSDAP vom Stadtbezirk Kreuzberg

liege ich in einem Bunker des Propagandaministeriums

und erwarte den Einsatz.

Ich fühle mich unter den alten Parteigenossen unwohl

und finde ekelhaft, dass viele von ihnen betrunken sind.

Plötzlich plärrt ein Radio Marschmusik

und wir hören Goebbels' Rede zu Adolf Hitlers Geburtstag.

(Goebbels) Wenn Deutschland heute noch lebt,

wenn Europa und mit ihm das gesittete Abendland

noch nicht ganz versunken ist:

Sie haben es ihm allein zu verdanken.

Denn er wird der Mann dieses Jahrhunderts sein.

Er ist der einzige, der sich selber treu blieb.

Er ist Deutschlands tapferstes Herz

und unseres Volkes blühendster Wille.

Deutschland Deutschland über alles

Über alles in der Welt

Vor Jahren riefen sie: Heil!

Nun hassen sie den Mann, der sich ihr Führer nennt.

Sie hassen ihn, fürchten ihn, erleiden seinetwegen Not und Tod.

Aber sie haben weder Kraft noch Mut, sich von seiner Dämonie zu befreien.

Von der Maas bis an die Memel

Von der Etsch

Kein Wasser mehr, kein Gas, auch kein Strom.

Deutschland, Deutschland

Über alles

In der Welt

In Deutschland begannen sich unsere Soldaten zu fragen,

warum die Deutschen uns überfallen haben.

Unsere Männer sahen die reichen Farmen in Ostpreußen,

fortgeschrittene Landwirtschaft,

zweistöckige Häuser mit Strom und Gas, gut ausgebaute Straßen.

Sie fragten sich voller Wut: Warum sind sie zu uns gekommen?

Was wollten sie?

Viele meiner Bekannten und Freunde werden denken,

dass mir das ans Herz geht, dass mir die dt. Städte,

die deutsche Bevölkerung leidtun.

Ich bekenne ganz offen: Nein, das tut mir nie und nimmer leid,

da ich selbst sah, was sie in Russland angerichtet haben.

Die Müdigkeit ist überwältigend, doch wir schaffen es. Wir müssen.

Die sowjetischen Truppen kamen am 21. April vor Berlin an.

In den Vororten kam es umgehend zu erbitterten Kämpfen.

Alles flieht. Der Russe kommt nach Kaulsdorf. Es geht schnell.

Verteidigungsschippen waren sinnlos.

Es sind keine Soldaten da, die verteidigen.

Wir sind im Keller des Pfarramts.

Mittags ist es geschehen. Ein Einschlag Unter den Linden.

Ohne Warnung, ohne Flieger. Der Einschlag einer Granate.

Nun ist es sicher: Berlin wird die Rote Armee sehen.

Mutti ließ mich nicht mehr ins Geschäft gehen.

Die Ari schießt wie toll.

Wir haben wichtige Sachen in den Keller geschleppt

und die Luftschutzbetten aufgestellt.

Im Haus werden die Hakenkreuze verbrannt und die Orden weggeworfen.

Aber ich räume Briketts weg und verbuddele die Führer-Bilder.

Warum? Ich glaube trotzdem noch an den Nationalsozialismus.

Seit gestern kommen unaufhörlich Verletzte.

Unterschiedslos werden sie in den Operationstrakt gebracht.

Soldaten und Zivilisten, Frauen und Kinder.

Wir operieren ohne Unterbrechung.

Draußen gibt es einen Höllenlärm.

Tiefflieger schießen auf Passanten. Es ist fürchterlich.

22 Uhr. Allerlei Gerüchte kursieren im Keller.

Frau L. sagt: "Lieber einen Russki auf dem Bauch

als einen Ami auf dem Kopf."

Fräulein B. kräht durch den Keller: "Sind wir doch mal ehrlich,

Jungfern sind wir alle nicht mehr."

Sie bekommt keine Antwort.

Es besteht kein Zweifel, wir nehmen Berlin in die Zange.

Ich bin wieder im Stab und muss mich mit Büroarbeit beschäftigen.

Spaß macht nur das Abhören

dt. Rundfunksendungen und unserer Alliierten.

Sie überschlagen sich im Äther.

(Goebbels) Verteidiger Berlins, ihr kennt jetzt eure Aufgabe.

Und ich weiß, ihr werdet sie vorbildlich erfüllen.

Die Stunde eurer Bewährung ist da.

An den Mauern unserer Stadt

wird und muss der Mongolensturm gebrochen werden.

Ich bleibe mit meinen Mitarbeitern selbstverständlich in Berlin.

Auch meine Frau und meine Kinder sind hier und bleiben hier.

"Der harte Geist der Front herrscht in Berlin",

verkünden die Schlagzeilen.

Es ginge darum, die Wende des Krieges zu ertrotzen.

Es regiert der Befehl "Kampf bis zum letzten Berliner".

Schon jagt eine Notmaßnahme die andere.

Ab heute: Todesstrafe für Kochstromverbrauch.

In der Nacht ließ man uns in den Keller des Gebäudes.

Es gab das Gerücht, der Gestapo-Beamte Stawitzki sei da.

Aus unserer Zelle wurden geholt: Künzer und Herr von Salviati.

Ein SS-Mann sagte: "Ihr werdet verlegt."

Wir sollten zum Potsdamer Platz gehen.

Als der Mann neben mir geschlagen wurde, drehte ich mich zur Seite.

Hinter mir hörte ich ein Kommando: "Fertig, los. Schüsse."

Ich wurde getroffen, am Kopf, fiel zu Boden, stellte mich tot.

Es wurde weitergeschossen.

Ein SS-Mann trat mir gegen den Kopf und sagte: "Das Schwein hat genug."

Ich hörte, wie einer rief: "Beeilen, wir haben noch mehr zu tun."

Um 6 Uhr morgens werden wir von den Russen befreit.

Ich höre Geschrei und springe aus dem Bett.

Russische Panzer fahren durch das Lager.

Es ist großartig, deutsche Gefangene zu sehen.

Es lebe die große Rote Armee, meine Befreiungsarmee.

Das ist der glücklichste Tag meines jungen Lebens.

Jetzt befinden wir uns unter Landsleuten.

Ich war so froh, ich begann zu weinen.

Ich kann nicht in Worte fassen, wie wir uns freuen.

Alle Ausländer sind auf den Bürgersteigen und sichtlich froh.

Im Keller. Der Pfarrer hielt eine kurze Andacht.

Bald darauf erschienen zwei Russen. Sie fordern Uhren.

Frau S. gibt ihre Armbanduhr, die Russen ziehen ab.

Frau Richter und Frau Kuschel wurden zu Hause mehrmals vergewaltigt.

Ich habe sauber gemacht. Lächerlicher Trieb.

Oder nicht lächerlich?

Bis zur letzten Sekunde will man es nett haben.

Es soll unsere liebe Wohnung kaputtgehen, kein Saustall.

Mutti und ich haben unseren Rucksack gepackt,

wenn es schnell losgehen sollte.

Jeder hat die nötigsten Papiere, zwei Garnituren Wäsche,

Seife, Schuhe, Kleid, Handtuch usw.

Vielleicht werden wir nach Russland verschleppt.

Guten Tag, meine Lieben.

Viel Zeit ist vergangen, seit wir durch Deutschland marschierten.

Mir kommt die Ostsee in den Sinn, wo wir die Fritzen ertränkt haben.

Es ist nur noch ein Katzensprung.

Es kann längstens noch 8 Tage dauern.

Dann endlich werden wir freie und legale Menschen sein.

Es ist zu rasen schnell gegangen in den letzten Tagen,

dass wir abends immer atemlos vor dem amerikanischen Sender saßen.

Und ich kann gar nicht so schnell mitschreiben wie er alles sagt,

aber gewissenhaft führe ich Buch über den Vormarsch.

Man möchte schreien vor Glück dass die Befreiung so nahe ist.

Ob ich in 14 Tagen schon in meiner Wohnung bin,

um sie für euch herzurichten?

Werde ich euch jemals wieder um mich haben?

DER RUSSE IST DA!

24. April.

Heute haben wir die Spree überquert,

ein ziemlich schmales und klägliches Flüsschen.

Ich habe dreimal in das verdammte Wasser gespuckt.

Die Fritzen sind abgeschnitten, wir sollen mit denen Schluss machen.

Im Flakturm meldete ich mich bei Oberleutnant Küttner zurück.

Auf unserer Stube traf ich nur noch wenige meiner alten Kameraden an.

Aber es gibt noch Erfolgsmeldungen.

Schwersten Belastungsproben

hielten auch im Laufe des gestrigen Tages und der Nacht

die tapferen Verteidiger im ostwärtigen Frontgebiet stand.

Berlin kämpft weiter. Berlin vertraut dem Führer.

Ich holte Wasser aus der Winsstr. 16, aus dem großen Bassin.

Es ist mistig, aber wir wollen unsere Weckgläser nicht angreifen,

vielleicht kommt es noch schlimmer.

Täglich hört man von neuen Toten, die beim Wasserholen draufgingen.

Ich wurde gegen 11 Uhr aus der Reichskanzlei angerufen.

Ich solle zu General Krebs kommen.

Krebs erklärte, ich hätte beim Führer einen guten Eindruck gemacht

und würde zum Kommandanten der Verteidigung von Berlin ernannt.

Ich solle sofort alles übernehmen.

Um 22 Uhr traf ich in der Reichskanzlei

mit dem Lagebericht ein.

Der Führer saß wieder hinter seinem Tisch mit den Karten.

Alle seine Worte drückten nur einen Gedanken aus:

Mit Berlins Fall wäre die Niederlage Deutschlands unzweifelhaft.

Der Führer hat das Volk von Berlin zur letzten Gefolgschaft aufgerufen.

Die Lage muss jetzt durchgefochten werden, so oder so.

Die Truppen bewegen sich in alle Richtungen. Wo ist die Frontlinie?

Der Hauptmann ist schwer verwundet, wird kaum durchkommen.

Überall gibt es Schießereien, Feuer, Rauch.

Die Deutschen greifen uns aus Fenstern und Türen heraus an.

Schwerer Granateinschlag vor dem Haus.

Einen Verwundeten bekommen wir in den Keller.

Er liegt mit Notverband und Morphiumspritze da.

Schlimmer traf es Frl. Blau:

Splitter in die Lunge, Blutverluste. Ich stelle mit Morphium ruhig.

Im Gertraudenkrankenhaus keine Betten mehr,

auf sämtlichen Gängen Verwundete, deutsche Soldaten,

russische Soldaten, alles durcheinander.

Bis Mitternacht operiert.

Wollte auf mein Zimmer,

um etwas zu trinken und BBC-Nachrichten zu hören.

Plötzlich schwankte der Bunker wie ein Schiff.

Eine große Bombe fiel in die Klinik. Mein Zimmer liegt in Trümmern.

Der Hausmeister und seine Frau sind tot, vier Schwestern verschüttet.

Ich habe mir überlegt, ob ich Angst vor dem Sterben habe.

Nein, vor dem Sterben fürchte ich mich nicht,

aber davor, schwer verletzt zu werden.

Ich habe Zyankali in der Tasche.

IM KELLER VERSTECKT

Die Schlacht tobt weiter, aber für Dahlem ist es erledigt.

Keine russischen Granaten, keine Geschosse, keine russischen Bomben.

Gegen Mittag sah ich drei Soldaten kommen.

Es waren die ersten Russen.

Sie waren sehr nett, fragten nach Uhren und Schnaps.

Sie gingen dann weg. Gleich darauf die nächsten.

Einer kam auf mich zu, nahm mich raus

und ging mit mir nach oben auf das Sofa.

Ich hatte erstaunlicherweise keine Angst.

Ich musste die Hose ausziehen,

dann legte er sich auf mich und tat das.

Es tat weh. Jedenfalls war es furchtbar.

Wir mussten alle ran.

Auch die kleine Inge, die war gerade acht Jahre alt.

Auf Knien lag ich vor den Soldaten. Es nützte nichts.

Später mussten wir für sie kochen.

In diesen Tagen

gab es in Friedrichshagen an die 100 Selbstmorde.

Der Pastor erschoss sich, seine Frau und Tochter,

weil die Russen in den Keller einbrachen

und sich an das Mädchen machten.

Frau Hoffmann hat ihre beiden Söhne erschossen

und sich und der Tochter die Schlagadern aufgeschnitten.

Unsere Lehrerin Frl. Klinkmöller hat sich aufgehängt, die war Nazi.

Ortsgruppenleiter Schmidt hat sich erschossen

und Frau Nitschke sich vergiftet.

FRAU HEIS GESCHÄNDET VIELE TOTE, VIELE VERGEWALTIGUNGEN

In Berlin wird der Kampf heftiger.

Die dickwandigen, massiven Steinhäuser

eignen sich, um Festungen aus ihnen zu machen.

Unsere Männer fielen über die roten Schützen her,

die sich in den Etagen verborgen hielten.

Unser Angriff gewann Boden.

Wir setzten uns am Belle-Alliance-Platz fest,

um den Zugang zum Regierungsviertel zu blockieren.

Rechts und links gibt es keine Verteidigung mehr.

Wir haben nur noch Panzerfäuste, Sturmgewehre und Maschinengewehre.

Batteriechef Küttner wurde mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet

und brachte uns die Grüße Adolf Hitlers mit.

In den fünf Stockwerken des Flakturms liegen überall Tote.

Ein widerlich süßlicher Geruch

Er steht wie eine Insel im Meer. Die Russen sind längst vorbei.

Wir bewegten uns langsam vorwärts und näherten uns dem Reichstag.

Ich wurde von einem faschistischen Sprenggeschoss verwundet.

Die Verwundung war schwer. Ich verlor das Bewusstsein.

Wir haben kein Morphium mehr. Es ist schrecklich, den Verwundeten

kein Beruhigungsmittel geben zu können.

30. April.

Jeder wird sich an die Luft in Berlin erinnern,

ätzend und trübe vom Feuer und Staub der Steine.

Sand knirschte zwischen den Zähnen. An den Wänden hingen dt. Plakate.

Ich habe solche Angst.

Lange leben wir nicht mehr. Ich bestimmt nicht.

Was wird mein lieber Kurt machen?

Ich werde wohl alle meine lieben Soldaten nicht wiedersehen.

Guten Tag, meine Lieben.

Bin noch am Leben, aber etwas im Rausch.

Das wird für die Tapferkeit gebraucht. Cognac schadet nicht.

Ich befinde mich 50 Meter vom Reichstag entfernt.

Es ist nicht einfach, den Reichstag zu nehmen.

Die Reste der preußischen Armee wehrten sich verzweifelt.

Das Gebäude war in eine Festung verwandelt.

Der Reichstag ist bis unter das Dach mit Russen angefüllt.

Wo zehn zusammengeschossen sind, kommen 20 neue heran.

Es ist entsetzlich.

Handgranaten und Schüsse kommen von oben,

in den unterirdischen Gängen und Gewölben schießt jeder auf jeden.

Ich kletterte mit den Soldaten aufs Dach

und gab einem die Flagge in die Hand.

Ich fand den Punkt, wo man den brennenden Reichstag

und im Hintergrund brennende Häuser und das Brandenburger Tor sieht.

Ich wusste: Das ist es.

Der Kampf nahm an Heftigkeit immer mehr zu.

Donnernd und krachend stürzten Häuser zusammen.

Der Führer verabschiedete sich von den noch Anwesenden.

Jedem drückte er noch einmal die Hand.

Gebückt stand er da.

Ich nahm Haltung an und meldete mich zum letzten Mal ab.

Äußerlich gelassen, sagte er: "Linge, ich werde mich erschießen.

Sie wissen, was Sie zu tun haben."

In Berlin tobten noch Kämpfe, da sandte das KPD-Zentralkomitee

Beauftragte aus Moskau nach Deutschland.

Die erste Initiativgruppe landete 70 km entfernt von Frankfurt (Oder).

Weit und breit nichts zu sehen.

Keine Stadt, kein Gebäude, nichts.

Zwei junge Offiziere meinten zu uns:

"Wir freuen uns, Sie begrüßen zu dürfen, da wir hörten,

dass Sie die Mitglieder der neuen dt. Regierung sind."

Ich verschlucke mich fast. Was hat er da gesagt?

1. Mai.

Ich hechte von Kellerhals zu Kellerhals bis zur Lindenallee 33.

Dort sollte ein Akkuradio sein.

Alles ist voller Schutt und Asche, Möbel beschädigt,

Decken und Wände hängend wie alte Handschuhe.

Im Souterrain tatsächlich ein Radioapparat.

Großadmiral Dönitz spricht zum deutschen Volk.

(Dönitz) Deutsche Männer und Frauen, Soldaten der deutschen Wehrmacht:

Unser Führer, Adolf Hitler, ist gefallen.

Die Lage erfordert von euch weiteren bedingungslosen Einsatz.

Ich verlange Disziplin und Gehorsam.

Tut eure Pflicht.

Es gilt das Leben unseres Volkes.

Bei der Nachricht, dass der Führer gefallen sei,

verlässt alles die Schützenlöcher

und ist in großer Erregung über die nächsten Stunden.

Klare Befehle treffen nicht mehr ein.

Die Führung hat wahrscheinlich den Kopf verloren.

Wir verlassen Berlin nicht und beenden an der Seite des Führers

ein Leben, das für mich keinen persönlichen Wert mehr hat.

Das bringe ich auch im Namen meiner Kinder zum Ausdruck,

die zu jung sind, um sich äußern zu können,

die sich aber, wenn sie das nötige Alter besäßen,

vorbehaltlos dieser Entscheidung anschließen würden.

Es kommt keine Hilfe mehr und kein Ersatz.

Wir sehnen uns danach, auszuschlafen und uns sattzuessen.

In der zweiten Tageshälfte hatte sich die Lage verschärft.

Berlins Verteidiger wurden auf kleinem Raum zusammengedrängt.

Es gab nur noch einen Ausweg.

"Sind Sie Berlins Verteidiger?", fragte ich General Weidling.

"Ja", antwortete er.

Heute sei der Kapitulationsbefehl an die Truppen seines Korps ergangen.

Der Krieg ist für uns zu Ende.

Mein Gott, so viel Schnaps kann man nicht trinken,

um all die Anlässe zu feiern!

Die Stimmung ist so ausgelassen, wie ich es nie erlebt habe.

Sascha holt seinen Reservekanister mit Spiritus

und mischt ihn mit Säften zu einem teuflischen Getränk.

Er nennt es "Hitlers Tod".

Ein russischer Soldat sammelt Waffen ein

und tritt gegen weggeworfene Stahlhelme.

Er lacht und sagt prahlerisch:

"Wojna kaputt, Hitler kaputt.

Ihr gehen nach Hause, zu Babuschka."

Ich verlasse unser Kellerversteck.

Sofort werde ich von einer seltsamen Atmosphäre ergriffen.

Ruhe. Ruhe.

Die ohrenbetäubende Stille

nach Tagen und Nächten voller Explosionen, Dröhnen, Schüssen.

Als ich es erfasst hatte, konnte ich mich nicht beherrschen.

Es war nicht möglich, die Tränen aufzuhalten.

Endlich war der so lange ersehnte Tag da.

Der Tag von Berlins Kapitulation.

Es ist schwer zu beschreiben.

Ungeheure Mengen an deutschen Gefangenen.

Ihre Gesichter voller Drama.

Dieser bedeckte, kalte, regnerische Tag

ist zweifellos der Tag von Deutschlands Ruin.

Ich habe solche Angst. Die Männer holen sie alle ab.

Unsere Polizisten wurden geschlossen abgeführt.

Unsere alten Polizisten.

Alle Frauen, die auf der Straße standen, weinten,

wie sie abgeführt wurden.

Wir werden wohl alle nicht mehr lange leben.

Am Abend hat man Goebbels entdeckt.

Er wird vor die Tür der Wilhelmstr. geschleppt.

Hitlers rechte Hand ist tot, aber er ist immer noch zu erkennen.

Soldaten und Zivilisten bestaunen seinen Leichnam.

Bevor er sich umbrachte,

ließ er seine Kinder abschlachten, mit Gift.

Wir waren nur an einer Sache interessiert: Wo ist Hitler?

WIEDER DER RUSSE

Der Zoologische Garten. Dort wurde gekämpft.

Zerstörte Käfige, Körper von Affen,

tropischen Vögeln, Bären.

Unterhaltung mit einem alten Mann.

Er pflegte die Affen 37 Jahre.

Der Körper eines toten Gorillas lag im Käfig.

"War das Tier furchteinflößend?", fragte ich.

"Nein", antwortete er, "Menschen sind bösartiger."

Gegenüber von uns, über den Ku'damm,

sollte in der Nebenstraße ein totes Pferd liegen.

Ich ging auch hin und schnitt uns ein Stück heraus.

Die Lebensmittellage ist kritisch.

Man muss herumhören, wo es noch Kleinigkeiten zu holen gibt.

Ich habe Typhustabletten aufgetrieben und dringend ermahnt,

kein Wasser zu trinken, weil es aus den Pumpen geholt wird

und wegen der vielen verschütteten und vergrabenen Leichen

das Grundwasser verseucht sein kann.

Wir haben uns auf die Socken gemacht und sind zu Eickes gelaufen.

Es liegen viele Tote auf der Straße und aufgedunsene Pferdeleiber.

Es sieht furchtbar aus.

Zum Glück ist das Wetter verhältnismäßig kühl.

Die Leiche eines Mannes im Nebengarten ist blauschwarz

und droht in Auflösung überzugehen.

Die Russen lehnen es ab, dt. Leichen anzurühren,

beschäftigen sich umso sorgfältiger mit ihren eigenen Toten.

Unsere Soldaten gingen durch alles: Schmerz und Hass,

Bitterkeit und Selbstvorwürfe in der Niederlage,

Hoffnungslosigkeit in den Kesselschlachten,

Verzweiflung in der Gefangenschaft, Wut beim Angriff,

Begeisterung nach den siegreichen Schlachten

von der Wolga bis an die Spree.

Und das für einige nur,

um in den letzten Minuten in Berlins Straßen zu sterben.

KEINE NACHRICHT VOM FÜHRER DAS IST DAS ENDE

Die Plünderung der Geschäfte hat eingesetzt.

Es plündern keineswegs die Russen, sondern die Volksgenossen.

Unbeschreibliche Szenen.

Weiber schlagen und kratzen sich, begießen sich mit Öl,

schmieren sich mit Marmelade ein, schleppen zentnerweise alles weg.

Es ist ein seltsames Gefühl,

im eigenen Land nicht mehr Herr zu sein,

jeder Willkür ohne Ordnungs- und Rechtshüter preisgegeben zu sein.

Jetzt ist Chaos, wo vorher ordnender Zwang war.

Wir wurden sowjetischen Offizieren zugeteilt,

um den Kommandanturen der sowjetischen Armee

beim Aufbau der Verwaltung zu helfen.

Wir sollten Verbindung aufnehmen mit früheren Angehörigen der KPD,

der SPD und der Gewerkschaften, die während der Hitler-Zeit

ihrer antifaschistischen Gesinnung treu geblieben waren.

Aufruf des russischen Stadtkommandanten.

Die Bevölkerung soll Ruhe bewahren.

Alle Wehrmachtsangehörigen sowie SA und SS

haben sich innerhalb von 72 Stunden zu melden.

Ich muss mich also auch melden. Vielleicht geht es nach Sibirien.

HEINZ ERSCHOSSEN

Heute Mittag um 12 Uhr soll überall Waffenstillstand sein.

Deutschland kapituliert.

Zur Kapitulation sollen die Berliner die Fahnen der Alliierten hissen.

Die rote Fahne ist einfach herzustellen,

mit drei Farben ist die französische auch kein Problem,

aber die englische und amerikanische sind schwer herzustellen.

Als wir uns von oben dem Stadtzentrum näherten,

wurde der Blick von einer weiß-grauen Wolke verdeckt.

Später erfuhren wir,

es war der Rauch der Feuer, die noch immer brannten,

und die beißenden Staubwolken, die schon der leiseste Windhauch

aus der riesigen Wüste aus Schutt und Asche aufwirbelte.

Um zwei Uhr erschienen drei Douglas-Maschinen am Himmel.

Zuerst kam der britische Luftmarschall Tedder,

dann der amerikanische General Spaatz und mit der dritten Maschine

der französische General De Lattre de Tassigny.

Zuletzt landete ein anderes Flugzeug mit Feldmarschall Keitel an Bord.

Niemand gab ihm die Hand.

Die Fahrt vom Flughafen zum Treffen in Kaulsdorf

öffnete uns die Augen.

Es war eine ziemlich lange Fahrt,

aber entlang der Strecke gab es kaum ein Haus,

das noch bewohnbar gewesen wäre.

Man kann es in sechs Worten zusammenfassen:

Berlin hat praktisch aufgehört zu existieren.

Der Generaloberst der Luftwaffe beschrieb es gestern treffend:

Man kann darüber keine Häme empfinden,

der Job musste einfach gemacht werden.

Keitel und seine Begleiter waren in einem anderen Gebäude.

Wie meine Offiziere berichteten, waren sie äußerst nervös.

Es scheint alles in Ordnung zu sein.

Im hinteren Teil des Raums befinden sich Stühle hinter dem großen Tisch.

Aber nur drei Fahnen schmücken die Rückwand: die rote Flagge,

der Union Jack, das Sternenbanner.

Nirgendwo ist die französische Flagge.

Ich fordere, dass sie auf dem gleichen Rang steht

wie die anderen.

Die Russen lassen sofort eine herstellen:

mit rotem Tuch, einer weißen Leinwand

und Tuch aus dem Blaumann eines Mechanikers.

Alle Blicke waren auf die Tür gerichtet, auf deren Schwelle

diejenigen erscheinen sollten, die prahlerisch hinausposaunt hatten,

die ganze Welt erobern zu können.

Keitel trat ein, arrogant,

schritt zu seinem Tisch, hob den Marschallstab zum Gruß.

Er musterte den Raum, als stünde er auf dem Schlachtfeld.

Schrecklich preußisch im Aussehen,

knallt er die Absätze. Keiner steht auf.

Als er mich sieht, sagt er: "Ach, auch noch die Franzosen.

Das hat mir noch gefehlt."

Schukow fragte mich, ob ich den Kapitulationsvertrag gelesen hätte.

Ich antwortete: Ja.

Dann, ob ich zur Anerkennung durch die Unterschrift bereit sei.

Ich antwortete wieder mit lautem Ja.

Um 0:43 Uhr war die Urkunde unterzeichnet.

Ich forderte die dt. Abordnung auf, den Saal zu verlassen.

Sie standen auf, verneigten sich und gingen mit gesenkten Köpfen.

Ein unvorstellbarer Lärm erhob sich in dem Saal.

Vielen standen Freudentränen im Gesicht.

Dann eröffnete ich das Bankett und brachte einen Trinkspruch aus.

Das Festessen endete am Morgen mit Liedern und Tänzen.

Nun ist nichts über die Nacht zu sagen

als dass ich sie alleine verbringen durfte.

Zum ersten Mal alleine zwischen meinen Laken seit dem 27. April.

Kein Major, kein Usbeke ließ sich blicken.

TRUDE GESCHÄNDET

9. Mai, Mittwoch.

Wir mussten alle mit Eimern antreten und die Barrikade Kirche wegräumen.

Es war ein großes Stück Arbeit und die Russen haben aufgepasst.

Es heißt wir müssen unsere Radioapparate abgeben sonst machen wir uns strafbar.

Nicht nur Radios sondern auch Fotoapparate.

Nach dem Mittagessen bin ich mit Mutti zur Firma.

Nach alter Gewohnheit, wie ich Angestellte im Hof sah,

sage ich dummes Ding: "Heil Hitler."

Der Reichstag ist ein riesiges, düsteres Gebäude, nichts Schönes.

Innen ist ein Chaos aus Ziegeln und Eisen.

In einem der verrußten Säle stand ein riesiger Thronstuhl

mit einem Porträt des Kaisers.

Auf diesem Stuhl ließ ich mich fotografieren.

An den Wänden gibt es viele Aufschriften

unserer ruhmreichen russischen Soldaten und Offiziere.

"Hier waren Stalingrader",

"Hier stand ein russischer Soldat aus Smolensk",

"Wir sind im Reichstag, alles in Ordnung".

Neben Hitlers persönlichem Bunker wurden zwei Körper gefunden,

ein weiblicher, ein männlicher.

Die Leichen sind schwer verbrannt

und können nicht einfach identifiziert werden.

Es kann gesagt werden, dass der Mann 50 bis 60 Jahre alt ist.

165 Zentimeter lang.

Der Körper ist verkohlt und riecht nach verbranntem Fleisch.

Im Mund wurden Glasscherben gefunden,

die auf eine dünnwandige Ampulle schließen lassen.

Die Experten entfernten das Gebiss und den Unterkiefer.

Das Gebiss war überraschend intakt.

Am Ku'damm 213 war die Privatpraxis von Dr. Blaschke.

Er war seit 1932 Hitlers persönlicher Zahnarzt.

Seine Assistentin Käthe Heusermann war die einzige,

die wir dort fanden, die alles wusste

und sich an die Merkmale von Hitlers Zähnen erinnerte.

Ich nahm die Zahnbrücke in meine Hand,

suchte nach unwiderlegbaren Zeichen.

Ich fand sie sofort, atmete tief ein und platzte heraus:

"Das sind die Zähne von Adolf Hitler."

HITLER SOLL TOT SEIN

Ich ging zur russischen Kommandantur.

Es ist verflucht schwer, sich dort verständlich zu machen.

Sie konnten gar nicht fassen, dass es noch Juden in Berlin gäbe.

Ich habe erwirkt, unsere Wohnung wieder zu beziehen.

Ich war gestern im jüdischen Krankenhaus.

Und Schatzel, die Kinder waren im vergangenen Jahr dort,

sind aber wieder weggekommen.

Man sagte mir, sie seien nach Auschwitz gekommen.

Ich will meine Kräfte für euch erhalten und gebe nicht auf.

An diesem Freitag fand in unserer Krankenhaussynagoge

der erste öffentliche Gottesdienst statt.

Ich hielt die Predigt, aber konnte kaum sprechen,

da nur ein Weinen und Schluchzen den Raum erfüllte.

Jetzt trat im Bewusstsein von uns allen die Klarheit zutage,

wie groß die Zahl der fehlenden Menschen war.

13. Mai.

Dem Stadtkommandanten Bersarin

wurde das Nachkriegskriegsmagistrat von Berlin vorgestellt.

Oberbürgermeister wurde

der parteilose Antifaschist Dr. Arthur Werner.

Im klassischen Sächsisch gab uns Ulbricht zu verstehen:

Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.

Später stürzte Erpenbeck in mein Zimmer.

"Texte für die Rundfunksendung sollst du schreiben", sagt er.

Aus der Prawda übersetzten wir Nachrichten

im antifaschistisch-demokratischen Stil.

Ruhm unserer heroischen Roten Armee,

die die Unabhängigkeit unserer Heimat geschützt

und den Sieg über den Feind errungen hat.

Ruhm unserem großen Volk, dem Siegervolk.

Ewiger Ruhm den Helden,

die in den Kämpfen mit dem Feind gefallen

und ihr Leben für die Freiheit

und das Glück unseres Volkes hergegeben haben.

Sie hörten: die Botschaft von Marschall Stalin an das Volk

aus Anlass der siegreichen Beendigung des Krieges.

Wir haben jetzt Moskauer Zeit.

Die Uhren wurden zwei Stunden vorgerückt.

JAGD AUF NAZIS

Die erste deutsche Zeitung ist erschienen.

Es ist schwierig, ein Exemplar zu bekommen.

Auf Seite eins: eine Botschaft von Stalin.

Bekanntmachungen der Militärverwaltung.

Die Lebensmittelrationen pro Person und Tag werden bekanntgegeben,

Kulturschaffende erhalten das gleiche wie Schwerarbeiter.

600 Gramm Brot, 100 Gramm Fleisch,

eine Portion Kartoffeln.

Im Monat außerdem 100 Gramm Kaffee,

20 Gramm Tee.

Meine Wirtschafterin ist gespannt, ob es das in den Läden gibt.

Hunderte stehen in der Reichsstr. Schlange.

Es hat sich ein Lagerleben entwickelt.

Dreiviertel der Wartenden sitzt auf Stühlen,

Frauen stricken oder stopfen Strümpfe.

Manche lesen, wie ich.

Mittags gab es Pferdefleisch. Schmeckte prima.

17. Mai.

Bei Schöps Radio gehört.

Um 10 Uhr ins Geschäft.

Heute waren auch ein paar Mädchen von uns da.

Charlotte Henning wurde mehrmals vergewaltigt

und Edith Gasenza fünfmal.

Wir haben uns alle Erlebnisse berichtet.

Ich versuche, gynäkologische Instrumente zu beschaffen,

um notwendige Untersuchungen durchzuführen.

Die Gonorrhoe-Resultate sind erschütternd.

Heute hatte ich ein 15-jähriges Mädchen, das angesteckt wurde.

Nachmittags war meine Freundin Ruth mit Tochter hier. Vier Russen.

Abstrich zweifelhaft. Jedenfalls Antibiotika.

Dafür hütet man sein Kind.

Plötzlich erging ein Befehl an die Ausländer, Berlin zu verlassen.

Sie sollten sofort aufbrechen.

Beim Rückführungskomitee entschied ich,

die Stadt mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu verlassen.

Ich war so ziemlich der einzige.

Keiner der anwesenden Franzosen stimmte mir bei.

Am Morgen verließ ich mit dem Fahrrad Berlin.

Adieu, Berlin. Stadt des Trübsinns und des Unglücks.

Auf dem Lastwagen ging es Richtung Magdeburg.

Nach zehn Minuten waren wir bei den Amerikanern.

Über Lautsprecher wurde angekündigt: "Am Sonntag seid ihr in Frankreich."

Ich realisiere es noch nicht ganz.

Erst wenn ich zwischen französischen Zivilisten stehe,

werde ich aus diesem Alptraum erwachen.

An einem Nachmittag klopfte es an der Tür.

Zwei junge jüdische Mädchen in KZ-Kleidung erzählten mir,

dass sie soeben mit 30 anderen Juden

aus dem KZ Stutthoff hier angekommen seien.

Sofort fuhren wir die Straße herunter und holten alle zu uns.

Als ich Berlin sah, zerstört und zerbrochen,

fühlte ich kein Mitleid mit den Deutschen,

sondern nur harte Bitterkeit und Groll gegen die Menschen,

die uns unerträgliches Leid zugefügt hatten.

Sie haben es verdient.

Ich lernte einen Herrn kennen, der zu Fuß aus Auschwitz kam und sagte,

dass die Kinder mit Sicherheit noch am Leben seien,

da sie erst Ende September 1944 dorthin gekommen sein können,

seitdem aber keine Kinder mehr umgebracht worden seien.

Schatzel, das ist ein entsetzlicher Gedanke.

Kinder hat man umgebracht und meine Kinder können auch dabei sein.

MIR TUT ALLES SEHR LEID

Frau Schöbs kam rauf und sagte,

ab morgen müssen alle Parteigenossen arbeiten.

Nun wird es wohl losgehen, morgen um 6 Uhr in der Christburger Str.

Wenn es beim Arbeiten bliebe, möchte man es hinnehmen,

aber man spricht viel von abtransportieren und internieren.

Jetzt beginnt die Zeit der Buße für meine Parteizugehörigkeit.

Es erschien eine Dame und verlangte,

mein Mann soll zur Kommandantur folgen.

Seit der Zeit ist er verschwunden.

Mein Mann ist 71 Jahre alt und hat ein Blasenleiden.

Er war Parteigenosse, hat aber aktiv nirgends mitgearbeitet.

Auf der Kommandantur war der Hof voller Russen.

Zwei Offiziere kamen durch den Torweg.

Im Vorübergehen sagte der eine zum anderen: "Genickschuss."

Ein Russe räumte meine Taschen aus.

Er ließ mir nur einen Esslöffel und ein Taschentuch.

Dann wies er auf den Kellerraum.

Der Fußboden war bedeckt mit schlafenden Menschen.

Jeder hat plötzlich einen Juden, dem er irgendwann einmal

zwei Kilo Brot oder zehn Pfund Kartoffeln gegeben haben will.

Jeder hat den ausländischen Sender gehört und Verfolgten geholfen.

Erstaunliche Heldentaten kommen ans Licht.

Je größer die Angst, desto dümmer die Ausrede.

Früh um 6 Uhr in die Jablonskistr.

auf dem Trümmerberg Schutt geschleppt. Eimerkette.

Wir mussten schwer ran.

Mit Lotti Martin war ich da, sie musste mit,

weil ihr Vater Parteigenosse war.

Um 10 Uhr war ich zu Hause, das sind 16 Stunden harte Arbeit.

Wenn das so weitergeht, werden viele der Frauen schlappmachen.

Es ist furchtbar, wie wir Deutschen uns erniedrigen müssen.

Kommen die Amerikaner oder kommen sie nicht?

Teilt man Berlin oder überlässt man es den Russen?

"Wer regiert eigentlich?", frage ich Andrik.

Er zuckt mit den Achseln: "Wer gerade dran ist."

Heute steht in den Zeitungen, wie Deutschland aufgeteilt wird.

Nach Berlin kommen Engländer, Amerikaner, Russen und Franzosen.

In Berlin soll es eine Regierung aus vier Mächten geben.

Amerikaner, Briten, Franzosen und Russen

müssen sich bald über jeden Punkt einigen,

von Erziehung bis Verteilung von Nahrung.

Theoretisch sollte es nur Probleme mit der dt. Bevölkerung geben.

Es ist heiß in Berlin.

Mit jedem Tag wird es heißer und die Junihitze glüht.

Unter der dünnen Staubdecke regen sich die Toten.

Wie eine Giftwolke liegt der Geruch ihres Sterbens in der Luft.

Vom Landwehrkanal her steigt ein so unerträglicher Dunst,

dass jeder, der vorübergeht, sein Taschentuch gegen die Nase drückt.

Drei Kinder, die in den Trümmern spielten

und schwere Verletzungen davontrugen, durch Handgranaten.

Ich musste schienen, verbinden und nähen.

Seit gestern gibt es etwas Wasserzufuhr im Heizraum.

Schönes, klares Wasser.

Seit heute Abend 5:30 Uhr haben wir Strom.

Wir sind wie die Kinder, knipsen dauernd das Licht an und aus.

Man tappt nicht mehr im Dunkeln, kann sich bei Gesprächen sehen.

Pläne zu einem europäischen Kulturbund werden entwickelt,

Ausstellungen, Theater, Vorträge.

Noch nie waren wir so hoffnungsvoll wie heute.

Konzert in unserer Penne.

Es spielten die Berliner Philharmoniker

und sang Frau Erna Berger.

Man sah viele Bekannte, teilweise aufgetakelte Typen.

War ein herrlicher Abend.

Die erste Dauerwelle seit Langem.

Sonnabend, 16. Juni.

Heute ist Nazi-Sondereinsatz.

Um 7 Uhr standen wir wieder wie Sträflinge in Reih und Glied.

Dann sagte ein Jugendleiter,

alle unter 20 Jahren sollen raustreten,

kommen zum Jugendlichen-Einsatz.

Dann sammelten zwei junge Männer die Arbeitskarten ein.

Auf meiner war noch ein dickes N und Horst sagte:

"Nazis können wir hier nicht gebrauchen."

Aber der Jugendleiter sagte, alles hätte seine Ordnung

und ich konnte mir eine andere Karte ausschreiben lassen.

Ich sollte nach Hause gehen und um 2 Uhr wieder zur Stelle sein.

Ich sollte zu einer Sitzung der Antifaschistischen Jugend

und Protokoll aufnehmen.

Ich sollte mit der Demontage der Betriebe beginnen,

die zur Reparation vorgesehen waren.

Deutsche Einheiten hatten in der Sowjetunion

riesige Industriegebiete abgebaut und nach Deutschland verschickt,

um Kriegsgeräte herzustellen.

Wir haben die strikte Anweisung, die Demontage in den Westsektoren

noch vor Übergabe an die verbündeten Besatzungsmächte abzuschließen.

Am 30. Juni wurde mir befohlen, alle meine Pläne fallen zu lassen

und nach Berlin zu gehen.

Statt Zeit für einen ordentlichen Abmarsch zu verschwenden,

eilten wir am 1. Juli die Autobahn hinunter,

als wären die Kosaken hinter uns her.

Russische Offiziere in alten, eingezogenen Fahrzeugen

rasten unsere Kolonne auf und ab, um uns zu kontrollieren.

Einige wollten mit uns trinken,

andere verhielten sich wie kleine Kommissare.

Am späten Nachmittag erreichten wir Berlin.

Die Russen hatten uns nicht erlaubt, unsere Sektoren vorher anzusehen.

Hunderte Offiziere und Soldaten suchten nach Orten,

wo sie bleiben konnten.

Hallo BBC, Richard Dimbleby meldet sich aus Berlin.

Die offizielle Besatzung der Stadt durch die Alliierten hat begonnen.

Die 2. Panzerdivision der USA

ist heute in den Amerikanischen Sektor eingezogen.

Dies ist die erste Übertragung der BBC aus Berlin.

An der Reichsstr. fuhren Tanks mit weißen Sternen an uns vorüber.

Plötzlich schlittert ein Tank an den Rinnstein, hält an.

Ein Soldat beugt sich hinaus und fragt: "Oh, bitte sehr,

wo es geht zu die Grunewald?"

Mit Feldausrüstung, Stahlhelm und Rucksack

erreichten wird den Grunewald.

Unter den Bäumen ließ ich alle Fahrzeuge im Kreis aufstellen,

wie in den alten Tagen der Prärie.

Die Amerikaner benehmen sich sehr anständig und sind sehr sauber.

Die Offiziere sind sehr hochmütig.

Die Soldaten sprechen uns auf der Straße an.

Im neuen Büro der Antifa macht das Arbeiten wirklich Spaß.

Ich habe den Eindruck, sie wollen dasselbe wie die Nazis,

nur unter anderem Namen.

Es wird das gleiche verlangt, das gleiche geredet.

Sie sagen, die besten Jugendlichen im Arbeitseinsatz,

die sich als Einsatzleiter eignen,

sind immer wieder zum größten Teil HJ-Führer.

Am 4. Juli wurde es ernsthaft.

Außerhalb der einstigen Adolf-Hitler-SS-Kaserne,

die nun McNair-Kaserne hieß,

ließen die Russen zwei Kompanien aufmarschieren.

Als wir sie sahen, stellten wir auch zwei Kompanien auf,

außerdem eine Reihe Sherman-Tanks.

Ihre Artillerie feuerte Salut,

unsere Artillerie antwortete.

Ich begrüße die Amerikanischen Alliierten Streitkräfte

im Namen der Kommandantur der Stadt Berlin

und im Namen der Sowjetischen Streitkräfte.

Colonel Howley schickte seine Leute in die Rathäuser,

ließ unsere Fahne hochziehen und wies die Deutschen an,

dass sie ab jetzt ihre Befehle von US-Seite erhalten.

Mutti musste früh um halb 8 bei Frau Schwiring sein.

Sie haben in der Harnackstr. in einer Villa

ein Offizierskasino für die Amerikaner eingerichtet.

Frau Schwiring kann fließend Englisch.

Mutti brachte herrliche Sachen mit, die wir sechs Jahre nicht sahen.

Wenn das Schicksal Berlins je am seidenen Faden hing,

dann am 7. Juli bei der Zusammenkunft mit Schukow.

Er verkündete brüsk: "Und nun diskutieren wir die Frage,

wie Sie Berlin mit Nahrungsmitteln und Kohle versorgen wollen."

Ein eisiger Wind aus den Steppen fegte durch den Raum.

Schukow beharrte darauf.

Es gäbe auch in der Sowjetunion einen Nahrungsmittelmangel

und die sowjetische Verwaltung könne nicht mehr die ganze Stadt füttern.

Anfangs rechneten wir mit knapp 2 Mio. Berlinern,

diese Anzahl an Lebensmittelkarten wurde gedruckt.

Bald änderte sich jedoch die Lage.

Aus allen Gegenden strömten Männer, Frauen und Kinder in die Hauptstadt

und es mussten Karten nachgedruckt werden.

Berlin war der Umschlagplatz für Flüchtlingstransporte,

obwohl die alliierte Kommandantur die Stadt gesperrt hatte.

Im Juli trafen über 500.000 Flüchtlinge in Berlin ein

oder wurden durch Berlin geschleust.

Wir sind auf dem Stettiner Bahnhof gelandet.

Endstation, total zerbombt.

Man sah nur Himmel, Trümmer und Menschen, Menschen, Menschen.

Flüchtlinge, alles so herrenlose Hunde wie wir.

Wer sollte uns auch empfangen?

Ein Berliner sagte: "Es ist Platz an der ausgebrannten Bahnhofsmauer.

Da legt euch mal nieder."

Rot-Kreuz-Schwestern wiesen uns den Weg zu einem Lager.

Wir standen vor einem Hochbunker. Es hieß: "Hier könnt ihr bleiben."

Dann schickte man uns zum Waschen.

Die Läuse waren damals so etwas wie die Haustiere der Menschen.

Wir mussten mehrfach zur Entlausungsstation.

Kinder und Alte, alle mussten durch.

Das war eine Generalreinigung und die Läuse waren danach weg.

Meistens jedenfalls.

Schlechter Gesundheitszustand der Ausgewiesenen und Heimkehrer.

Säuglinge und Kleinkinder litten durch die Flucht besonders schwer.

Ernährungsstörungen sind außerordentlich groß.

Viele Tote waren die Folge.

15. Juli.

Um 9:45 Uhr flogen wir zur Potsdamer Konferenz nach Deutschland.

Auf einem Flughafen wurden wir von einer Ehrengarde empfangen.

Nach 20 Minuten erreichten wir unsere Unterkünfte in Babelsberg.

Eine Serie von Villen, alle blicken auf den See, sehr angenehm.

Am Abend versuchte ich, einen Hecht zu fangen.

Berlin ist wie eine Südseeinsel, von der ganzen Welt isoliert.

Dabei sind Stalin, der englische Ministerpräsident

und der US-Präsident in Potsdam

und beschließen über unser weiteres Schicksal.

In Potsdam tagt man diskret. Kein Laut dringt durch die Absperrung.

Es sei denn, die aufregende Mitteilung,

dass die Staatsführer die Innenstadt und den Bezirk Tiergarten

und die zerstörten Gebäude der Reichskanzlei Hitlers

besichtigt hätten.

Um 13:30 Uhr ging ich zum Lunch zum Premierminister.

Er hatte gerade die Berichte der Amerikaner gelesen

über die Ergebnisse der geheimen Experimente mit der Atombombe.

Es sei nicht mehr nötig, sagte er,

dass die Russen in den Japankrieg eintreten.

Die neue Bombe allein würde genügen, um den Fall zu erledigen.

Die Bombe würde das Verhältnis zu den Russen verändern.

Nun könnten wir ihnen sagen: "Wenn du darauf bestehst,

dieses oder jenes zu tun,

dann können wir Moskau von der Landkarte bomben,

dann Stalingrad, dann Kiew, dann Sewastopol usw."

Ich habe versucht, ihn von seinen Träumen abzubringen,

aber wie immer gefiel es ihm nicht.

Der Tag endete mit einem Dinner der Staatsoberhäupter.

25. Juli.

Die blaue Bluse mit den angeschnittenen Ärmeln ist fertig.

Um 8 Uhr mit Mutti ins Kino.

"Berlin" hieß der russische Film und behandelte den Kampf um Berlin.

Soldaten fühlen den Sieg in der Luft,

und jeder ist bereit, alles zu geben.

Sehen Sie sich diese Menge an, diese Hände,

die sich mit "Heil-Hitler-Schreien" betäubten.

Heute greifen diese Hände nach Brot,

und die Rote Armee gibt ihnen Brot.

Wir waren fertig, als wir rauskamen.

So etwas sollten sie uns nicht vorsetzen,

das haben wir mit knapper Not überwunden.

In ein paar Jahren ist es etwas anderes,

aber nach drei Monaten? Das ist unklug.

Am 28. Juli vollzog ich in der jüdischen Krankenhaussynagoge

die erste Einsegnung eines Knaben.

Am folgenden Tag, dem 29. Juli,

traute ich das erste jüdische Brautpaar in Berlin.

Das war in der kleinen Synagoge Rykestr.

Zwei Menschen hatten sich bei furchtbarem Leid,

inmitten von Mord und Barbarei,

im Vernichtungslager Auschwitz gefunden.

Der erste große Freudentag der wiedererstandenen Berliner Gemeinde.

Ach, Schatzel, wie herrlich ist es doch,

sich in sein eigenes Bett in den eigenen vier Wänden legen zu können.

Gute Nacht. Hoffentlich habt ihr es auch schon einigermaßen erträglich,

wenn ihr noch am Leben seid.

Auch wenn ich den Gaskammern entkam,

den verschlossenen Türen, dem Brüllen und den Schlägen,

den Hunden und Appellen, wurde ich davon doch in der Nacht eingeholt.

Alles kam wieder: Stacheldrahtzaun, das junge Mädchen tot im Dreck,

Gerd winkt mir beim Abschied zu.

Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen,

die Zukunft war ein leeres Blatt.

Große Schlagzeilen in allen Zeitungen.

Das Potsdamer Schlussabkommen.

Gemeinsame Politik in allen Besatzungszonen.

Einigung über die Friedensordnung in Europa.

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Dies ist ein historischer Augenblick.

Wir haben eindeutig bewiesen,

dass ein freies Volk

die Angelegenheiten der Welt

erfolgreich regeln kann.

Da haben wir es. Nicht Invasion, sondern Atombombe.

Auf die Stadt Hiroshima.

Wäre es Hitler gelungen, so ein Vernichtungsinstrument zu schaffen:

nicht auszudenken!

12. August.

Den Amerikanern wird viel Sympathie entgegengebracht.

Das Verhalten mancher Deutscher wirkt geradezu beschämend.

Man kann beobachten, wie sich dt. Männer

nach von Amerikanern fortgeworfenen Zigarettenstummeln begierig bücken

oder dass dt. Frauen mit Amerikanern

eingehängt durch Straßen und Parkanlagen schlendern.

Stellen Sie sich vor, Ihr Sohn, 18 oder 19 Jahre alt,

jeder Aufsicht entzogen,

mit unbegrenzten Mitteln versehen und einer Anziehungskraft,

die jener von Clark Gable gleichkommt,

wäre unter ein Volk ausgesetzt,

das alle moralischen Maßstäbe verloren hat.

Die Berliner Frauen sind hungrig und einsam.

Das Problem ist nun der zukünftige Frieden.

Eure Aufgabe in Deutschland:

Ihr haltet Wache,

ihr streitet nicht mit ihnen,

ihr seid nicht freundlich,

ihr seid distanziert...

wachsam... und misstrauisch...

Jeder Deutsche kann eine Quelle für Ärger sein.

Deshalb darf es keine Verbrüderung mit den Deutschen geben.

MAN SIEHT ES IHNEN NICHT AN ICH HABE EINE GESCHLECHTSKRANKHEIT

SIE KÖNNTEN GELADEN SEIN GESCHLECHTSKRANKHEIT

General McClure hat sein Quartier in der Nähe des Wannsees.

Die Wachen haben sämtliche Motorboote in ihren Besitz genommen.

Wenn sie keinen Dienst haben, rasen sie mit dt. Mädchen im Boot herum

und lassen es sich gut gehen.

Gestern Abend im bekannten Kabarett der Komiker

die Vorstellung war ausverkauft.

Die Aufführung schwankte zwischen provinziellem

und bemerkenswert hohen Niveau.

Höhepunkt der Veranstaltung der Schlager Berlin kommt wieder.

Die Schallplatte wurde während der Pause verkauft.

Einige Exemplare wurden sichergestellt.

Berlin kommt wieder

Wer hätte das von uns gedach

Doch ganz genauso wie

Nach dunkler Nacht

Die Sonne wieder nach

Berlin bleibt doch Berlin

Man stumpft ab.

50 Gonorrhoe-Fälle habe allein ich festgestellt.

Jetzt häufen sich ungewollte Schwangerschaften.

Ich bitte Sie um Gehör für den Leidensweg der Gattin eines Mannes,

der sich in Kriegsgefangenschaft befindet:

die ohne persönliches Verschulden in eine entsetzliche Lage geraten ist

und Sie in tiefster seelischer Qual um Hilfe anfleht.

Am 21. und 22. April des Jahres wurde ich von Russen vergewaltigt,

was eine Schwangerschaft zur Folge hat.

Infolge dieses Zustandes leide ich sehr an depressiven Störungen

und bitte um eine Unterbrechung der Schwangerschaft.

Ich bin von Beruf Säuglings- und Kinderkrankenschwester.

Da ich bei einer Feier, bei der getrunken wurde,

von einem Amerikaner vergewaltigt wurde und dies Folgen zeigt,

bitte ich höflichst um Unterbrechung meiner Schwangerschaft.

Frau Gerda K.s Unterbrechung der Schwangerschaft,

wohnhaft in Berlin-Neukölln, wird hiermit genehmigt.

Liebe Mama, lieber Papa, was für eine schreckliche Sache, Berlin.

Man kann sich die Trostlosigkeit dieser Riesenstadt nicht vorstellen.

Manche Berliner hausen in Kellern und sterben vor Hunger.

Was wir für Lebensmittelkarten bekamen, reichte nicht aus.

Wir versuchten, etwas zusätzlich zu organisieren,

auf dem Schwarzmarkt.

Meine Eltern kramten zusammen, was irgendwie zu verscherbeln war.

Unser Spielzeug, Puppenhäuser, Roller, Schlittschuhe.

Dafür gab es auch gute Sachen.

Mal ein bisschen Butter, ein extra Brot oder ein Stück Speck.

Alles wird getauscht, verschoben, sündhaft teuer verkauft.

Unsere GIs ließen sich billige Uhren und Zigaretten schicken,

die sie nun zu fantastischen Preisen

an ihre russischen Kameraden verhökern.

Mickey-Mouse-Uhren erzielen 10.000 Mark das Stück.

Das Geld können sie eins zu eins in amerikanische Dollar tauschen.

Es gilt als schick, in Antiquitätengeschäfte zu gehen,

ohne Geld, aber mit Zigaretten in der Handtasche.

Vier Packungen für wundervolles, venezianisches Glas

oder einen großen Kamm aus Schildpatt.

Wie wertvoll Zigaretten sind!

10. September.

Vor ein paar Tagen gab es zur Feier des Kriegsendes eine Militärparade.

1.000 Russen, 1.000 Franzosen, 1.000 Amerikaner, 1.000 Briten.

Wunderbar, die Franzosen nahmen den gleichen Platz ein wie die anderen.

Genauso viel Männer, genauso viel Fahnen.

Das Deutsche Reich ist zerschlagen.

Die dt. Wirtschaft ist zerschlagen.

Die dt. Kultur ist zerschlagen.

Wir haben keine Stimme mehr im Rat der Völker,

sondern sind Eingeborene einer Kolonie und werden so behandelt.

Das sind bittere Früchte

von 5,5 Kriegsjahren voller Anstrengungen und Entbehrungen.

Ich fürchte, die Deutschen haben die Lektion immer noch nicht gelernt.

Es tut ihnen immer nur um sich selbst leid, nicht um all jene,

die sie ermordet und gequält haben und von der Erde entfernen wollten.

1. Oktober.

Mit Günther war ich abends im UFA-Kino.

"Jenny und der Herr im Frack" mit Johannes Hesters.

Sie können zurückfahren. Die Dame fährt mit mir.

Wie es scheint, ist Günther restlos verknallt in mich.

Leider sind die Verlobungsringe nicht fertig.

Bei Ihnen weiß man nicht, woran man ist.

Zu Mutti habe ich gesagt, ich bin zur Sitzung,

sonst schimpft sie wieder.

Wollen wir nicht zuerst die Torte anschneiden?

Es ist ja kein Messer da.

Ach, hat das Mädchen vergessen. Verzeihen Sie.

Frau Schulz hat von Kurt einen Brief bekommen.

Kurt lebt also, Gott sei Dank. Ich bin froh.

8. November.

Ich habe meine Wohnung halbwegs gemütlich,

den Anfang einer Existenz, die zu werden verspricht.

Nur die große Sorge um Mann und Kinder bleibt die beherrschende.

Nichts ließ ich unversucht, die Kinder zu finden

und hatte keinen Erfolg.

Ich weiß nicht, wie ich das ertrage,

wenn ich einmal erfahre, dass sie nicht mehr leben.

Und der einzige Mensch, der mich je verstanden hat,

kommt auch nicht mehr zurück.

In Nürnberg urteilt ein internationaler Gerichtshof

die Hauptkriegsverbrecher ab.

24 Angeklagte.

Die Anklageschrift füllt sieben eng bedruckte Zeitungsseiten.

Sieht man die Menschen gleichgültig das Dokument überfliegen,

scheint es fast, als ginge sie das nichts an.

Weder die Verbrechen noch Verbrecher,

weder die Schuld noch die Strafe.

Diese 21 Männer, diese Nullen,

diese fleißigen, selbstbewussten Monster,

waren die letzten Überlebenden einer Bande, die Deutschland beherrschte.

Wegen ihnen kamen Mio. Soldaten, Matrosen, Piloten und Zivilisten um

und Mio. Menschen krepierten in Gaskammern und Öfen.

Was diese Männer zu tun fähig waren, hat keine Hungersnot, keine Plage,

keine Strafe Gottes je geschafft.

Sie verursachten eine Zerstörung, wie sie die Welt nie sah.

Da saßen sie nun mit versteinerten Mienen.

Hermann Wilhelm Göring.

Sie müssen sich als schuldig oder nicht-schuldig bekennen.

Ich bekenne mich im Sinne der Anklage nicht schuldig.

Rudolf Hess.

Nein.

Wilhelm Keitel.

Ich bekenne mich nicht schuldig.

Alfred Jodl.

Nicht schuldig.

Was ich getan habe oder tun musste, kann ich reinen Gewissens vor Gott,

vor der Geschichte und vor meinem Volke verantworten.

8. Dezember, Mariä Empfängnis.

Tag der Erinnerung.

Erster Schnee und starke Kälte. Der Wind steht auf den Fenstern.

Früh um 7 mit Mutti nach Borgsdorf in den Wald, Holz holen.

Es war eine furchtbare Schlepperei

und der Waldaufseher hätte uns bald unser Handwerkszeug weggenommen.

Wir haben zwei Säcke, Rucksack und Tasche voll

und mussten zur Bahn noch rennen.

10. Dezember.

Es sollen annähernd 20 Grad minus gewesen sein.

Mein Haar ist sehr grau geworden. Überhaupt wird man jetzt rapide alt.

Es liegt Schnee, alles knirscht, jeder stöhnt über die Kälte.

Hoffentlich dauert die Welle nicht lange.

Bei dem Kohlenmangel werden unterernährte Menschen

in ihren Wohnungen erfrieren, was auch schon geschehen ist.

Erste Nachkriegsweihnacht.

Wie anders hatten wir es uns gedacht!

Kein Baum, kein Geschenk, kein Andrik.

Nur, dass gestern die Sperrstunde aufgehoben wurde und man,

wenn man Mut hat, auch nach 11 Uhr abends noch ausgehen darf.

Viel und gut gegessen.

Um 16:45 Uhr mit Schulzes und Hansels zur Kirche.

Sie war überfüllt, wir standen oben.

Wieder ein Weihnachtsfest ohne die Kinder.

Voriges Jahr dachte ich oft daran, wünschte mir,

dass das nächste Weihnachtsfest nicht so traurig wird.

Nun ist es bald so weit und ich habe noch weniger Hoffnung.

Montag, Silvester.

Als ich abends losging, schimpfte Mutti sehr.

Ich nahm meine Platten mit.

Erst zu Günther, dann zu Hajo. Er wohnt in Weißensee.

Seine Eltern waren nicht da.

Günther war eifersüchtig, weil ich mit Rudi flirtete

und den ersten Tanz im neuen Jahr mit ihm tanzte.

Es war "Laternchen, Laternchen".

Laternchen

Die Sonne Der Mond und die Sternchen

Um 5 Uhr ging ich noch zu Schöpses.

Die haben auch mächtig gefeiert.

Um 6 Uhr bin ich dann rauf.

Mutti hat getobt und Tante Walli auch noch.

Ich habe mich hingelegt und bis 11 Uhr geschlafen.

Brigitte Eicke heiratete 1949 ihre Jugendliebe Kurt Schulze.

Das Paar bekam zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen.

Brigitte verbrachte ihr ganzes Leben in Berlin-Prenzlauer Berg

und starb 2016 im Alter von 89 Jahren.

Dieter Borkowski lebte nach dem Krieg in Ostberlin.

1960 wurde er aus politischen Gründen inhaftiert.

1972 schob man ihn in die Bundesrepublik ab.

Er starb im Februar 2000 in Niedersachsen.

Der Nürnberger Prozess endete mit zwölf Todesstrafen,

sieben langjährigen oder lebenslangen Freiheitsstrafen

sowie mit drei Freisprüchen.

Hermann Göring entzog sich der Strafe durch Selbstmord.

1947 waren von den damals registrierten NSDAP-Mitgliedern

über 98 % wieder in Arbeit.

Hohe SS-Funktionäre konnten nach dem Krieg Karriere machen

als Ärzte, Richter, Lehrer, Professoren oder Journalisten.

Alice Löwenthal erhielt erst spät

Gewissheit über das Schicksal ihres Ehemanns Adolf

und ihrer beiden Töchter Brigitte und Ruth.

Sie wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet

und wurden 1950 für tot erklärt.

Alice heiratete erneut, den Sohn der Familie, die sie versteckt hatte.

Das Paar bekam eine Tochter und nannte sie Eva Brigitte Ruth.

Alice verstarb 1987.

Eva lebt in Berlin.

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